mensch & pferd international
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Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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Online-Praxistipp: Einsatzmöglichkeiten des Fellsattels in Förderung und Therapie mit dem Pferd
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Dorothee Wanzek-Blaul
Die Hippotherapie, die durch den im Schritt bewegten Pferderücken auf den Patienten einwirkt, benötigt eine Unterlage zwischen Patient und Pferderücken, die die Bewegungsübertragung ungehindert und unverfälscht ermöglicht und ein angenehmes Sitzgefühl vermittelt.
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mup 3|2010|1-5|© Ernst Reinhardt Verlag München Basel | 1 Praxistipp Einsatzmöglichkeiten des Fellsattels in Förderung und Therapie mit dem Pferd* Dorothee Wanzek-Blaul Die Hippotherapie, die durch den im Schritt bewegten Pferderücken auf den Patienten einwirkt, benötigt eine Unterlage zwischen Patient und Pferderücken, die die Bewegungsübertragung ungehindert und unverfälscht ermöglicht und ein angenehmes Sitzgefühl vermittelt. In den Anfangsjahren der Therapie auf dem Pferd bevorzugten wir es auf dem Reiterhof der Kinderhilfe, Patienten ohne Unterlage auf den nackten Pferderücken zu setzen, um die Bewegungsimpulse sowie die animalische Wärme voll zur Wirkung kommen zu lassen. Das angenehme Sitzgefühl wird jedoch empfindlich gestört, wenn die Wirbelsäule des Therapiepferdes unangenehm drückt. Und leider mussten wir feststellen, dass wenige Pferde über eine so gut gepolsterte Wirbelsäule verfügen, dass man ohne Unterlage bequem sitzen kann. Wir experimentierten mit Fellunterlagen, Schabracken, Voltigierpads und den unterschiedlichsten Festhalte- und Therapiegurten, die uns alle nicht vollständig zufrieden stellten. Die Unterlagen waren entweder zu dünn und polsterten die Wirbelsäule des Pferdes nicht genügend ab oder sie waren zu dick und steif, um sich der Form des Pferderückens anzupassen. Außerdem waren die speziell für die Therapie entwickelten zweigriffigen Festhaltegurte zu breit und verlagerten den Sitz zu weit nach hinten. Die Patienten saßen nicht am tiefsten Punkt des Pferderückens, und die Knie, die auf den jeweiligen Gurten zu liegen kamen, waren druckgefährdet. Wir entwickelten einen eigenen Halsgurt, der den Sitz im tiefsten Punkt zuließ, unsere Patienten aber durch die Schulterbewegung des Pferdes, die mit übertragen wurde, verunsicherte. Ein mittelgriffiger ehemaliger Überrollbügelgurt war die nächste Variante für unsichere Patienten und kam den Vorstellungen unserer Physiotherapeutinnen am nächsten. Als ich den Fellsattel der Firma Christ entdeckte, stellten wir unsere gesamte Therapieausrüstung um. Bei dem ersten Prototyp des Fellsattels, den ich hier vorstellen will, handelt es sich eigentlich um eine Satteldecke, die aus geschorenem, medizinischem Lammfell doppelt genäht ist und sich in ihrem Schnitt dem Pferderücken anpasst. Die Idee zu diesem Bare-back-riding-pad kommt ursprünglich aus Amerika und ermöglicht ein dichtes Am-Pferd-Sitzen mit entsprechender Bewegungs- und Wärmeübertragung. Es wurde entwickelt, weil gerade im Freizeitbereich zunehmend Alternativen zum festen Sattel gefragt sind. Durch diese Fellunterlage wird ein schlecht gepolsterter Pferderücken wesentlich bequemer und der Reiter hat trotzdem nicht das Gefühl, * Ein Artikel der Autorin zum gleichen Thema ist unter dem Titel „Der Fellsattel. Eine vielseitig verwendbare Unterlage für die Therapie, aber auch bei der Ausbildung von Pferden mit Rückenproblemen“ im Jahr 2002 erschienen in der Zeitschrift „Therapeutisches Reiten“ des DKThR (Heft 2 / 2002, 29. Jg., S. 33 f). 2 | mup 3|2010 Praxistipp: Wanzek-Blaul - Einsatzmöglichkeiten des Fellsattels in Förderung und Therapie dass ihn ein Sattel drückt oder einschränkt. Der Fellsattel passt auf jedes Pferd, gleichgültig ob breit oder schmal, groß oder klein, mit schlechter oder guter Sattellage. Pferde mit Rückenproblemen werden plötzlich reitbar, da sie kein schlecht sitzender Sattel mehr in der Bewegung hemmt. Den besonderen Vorteil, den dieser Fellsattel aber beim Einsatz in der Hippotherapie bietet, lernte ich hautnah am eigenen Leibe kennen. Aufgrund eines diagnostizierten Bandscheibenvorfalls zwischen dem vierten und fünften Lendenwirbel, der eine starke Reizung des Ischiasnervs auslöste, konnte ich nur mit großen Schmerzen gehen und stehen. Eine schlimme Situation, wenn man gewöhnt ist, sich viel zu bewegen, viele Kilometer hinter dem Pferd herzulaufen und täglich zur Pferdeausbildung im Sattel zu sitzen. Plötzlich war ich vom Therapeuten zum Patienten geworden. Ich konnte zwar relativ schmerzfrei sitzen und zu meinem großen Glück mich auch radfahrenderweise bewegen, so dass ich nicht zu absoluter Ruhe und Bewegungslosigkeit verdammt war, aber an Reiten war nicht zu denken. Während ich Reitunterricht gab, setzte ich mich auf einen Gymnastikball, den ich bei der Krankengymnastik kennengelernt hatte und auf dem ich mich von Mal zu Mal besser fühlte. Der bewegte Sitz tat mir gut. Aus diesem Grund wagte ich mich vorsichtig auf den blanken Rücken des Therapiepferdes mit dem besten Raumgriff im Schritt. Das Kippen und Wiederaufrichten meines Beckens, sowie das gleichzeitige Absenken meiner Hüfte nach rechts bzw. nach links beim Abfußen des jeweiligen Hinterbeines des Therapiepferdes bereitete mir erstaunlicherweise keine Schmerzen. Ganz im Gegenteil: Die rhythmische und weiche Bewegung, die dem menschlichen Gang ähnelt - das passive schonende Bewegtwerden, tat mir gut. Auf meinen eigenen Beinen konnte ich dagegen nur wenige Meter ohne heftige Schmerzen gehen. Das Aufsteigen mithilfe der Rampe stellte kein größeres Problem dar. So war ich glücklich, wenigstens im Schritt wieder auf unseren Pferden sitzen zu können, um mit ihnen - wenn auch eingeschränkt - zu arbeiten. Nachdem ich mir auf einem anderen Pferd mit weniger gut gepolstertem Rücken das Steißbein wundgeritten hatte, stellte ich täglich neue Überlegungen über eine passende Sitzunterlage an. Dabei schied nach einmaligem Versuch ein fester Sattel für mich gänzlich aus. Hier wird die Beckenkippung und Wiederaufrichtung durch den größeren Abstand zum Pferderücken verstärkt, und dies verursachte mir sofort Schmerzen, die ich zuvor nicht verspürt hatte. So war es fast eine Fügung, dass mir gerade zu dieser Zeit der Prospekt des Fellsattels ins Haus flatterte. Ich bestellte sofort einen Prototyp und war vom Sitzkomfort begeistert. Das Lammfell ist äußerst bequem und durch den sattelähnlichen Schnitt ergibt sich eine hervorragende Passform. Die dreidimensionalen Schwingungen des Pferderückens werden unverfälscht übertragen und kommen voll zur Geltung. Außerdem ist das Steißbein vor Druck geschützt und das echte Fell sorgt für einen optimalen Temperaturausgleich. Im Sommer verhindert es durch das Luftpolster innerhalb der Wolle unangenehmes Schwitzen, während es im Winter mollig warm wirkt durch die Wärme des Pferdes, die das Lammfell durchdringt. Bild 1: Übersicht über die von uns verwendeten Gurte: Halsgurt, Sattelvorgurt, ein- und zweigriffiger Festhaltegurt (v. l. n. r.) Praxistipp: Wanzek-Blaul - Einsatzmöglichkeiten des Fellsattels in Förderung und Therapie mup 3|2010 | 3 Die Begeisterung über diese Neuerrungenschaft war auch bei unseren Patienten und Therapeuten groß. Die Haftung auf der Sitzfläche durch das geschorene Lammfell ist gerade für Dekubitus-gefährdete Patienten angenehm und äußerst schonend und sie verleiht Sicherheit auf dem glatten Pferderücken. Dies ist der Grund, dass wir die Felldecke inzwischen auch auf Pferden mit gut gepolsterten Rücken einsetzen. Der an die Rückenlinie des Pferdes angepasste Schnitt sorgt nach Meinung unserer Physiotherapeutinnen für eine bessere Beckenaufrichtung. Allerdings war für den Einsatz in der Therapie bei unsicheren Patienten noch eine Veränderung vonnöten. Es fehlte ein fester Haltegriff! Der Fellsattel besitzt im Original nur einen lockeren Festhalteriemen, der nicht genügend Sicherheit bietet. Aus diesem Grund schnallen wir über das Sitzfell zusätzlich einen einstrupfigen Bügelgurt, der am ebenfalls lammfellgefütterten Untergurt befestigt wird. Vom zweistrupfigen Fellsattel wird nur eine Strupfe festgeschnallt, während die zweite unbenutzt, aber ohne zu stören, herunterhängt. Inzwischen wurde die flache Felldecke weiterentwickelt. Der Hinterzwiesel wurde mit einer nierenförmigen Schaumstoffeinlage deutlich erhöht, so dass die ursprüngliche Fellunterlage jetzt noch mehr einem weichen Sattel gleicht. Die Patienten fühlen sich eingerahmt, aber nicht eingeengt, und die Sitzposition im Beckenbereich wird ständig zum tiefsten Punkt hin korrigiert. Das verbesserte Einschwingen in die Pferdebewegung fördert die Aufrichtung im Rumpf. Das Modell mit dem erhöhten Hinterzwiesel wird inzwischen auch mit aufgenähten Oberschenkelpauschen angeboten. Hierdurch kommt der Oberschenkel automatisch in die richtige Lage und die weiche Pausche sorgt für ein tiefes Knie. Bei diesem Modell darf der Patient keine Abspreizprobleme haben, und er muss auf einen zusätzlich darübergeschnallten Festhaltegurt verzichten, da dies die Pauschen nicht zulassen. Allerdings sind die Pauschen weich und beweglich und können bei Bild 2: Fellsattel mit erhöhtem Hinterzwiesel Bild 3: Fellsattel mit gepolstertem Hinterzwiesel und darüber geschnalltem, mittelgriffigem Festhaltegurt Bild 4: Aufgenähte weiche Oberschenkelpauschen verbessern die Sitzposition und vermitteln Sicherheit 4 | mup 3|2010 Praxistipp: Wanzek-Blaul - Einsatzmöglichkeiten des Fellsattels in Förderung und Therapie geringfügig eingeschränkter Abspreizfähigkeit auch unter dem Oberschenkel hindurchgedrückt werden. Eine stabile Festhaltemöglichkeit für eine Hand bietet hier ein Vorgurt, den man unter dem Vorderzwiesel dieses Sattels verschnallen kann. Da alle diese Sattelmodelle baumlos sind und sich deshalb leicht nach der Seite hin verschieben, muss nach jedem Transfer auf dem Pferderücken, sei es von der Rampe aus oder bei Benutzung des Liftes, der mittige Sitz des Sattels überprüft werden. Auch Patienten, die noch nicht sicher die Mitte auf dem Pferderücken gefunden haben, lassen den Sattel u. U. während der Therapie zur Seite wandern. Ein aufmerksamer Pferdeführer wird dies aber sofort bemerken und dafür sorgen, dass die Sitzunterlage in die Mitte korrigiert wird. Will man den Fellsattel für den Übergang zum sportlichen selbstständigen Reiten einsetzen, so gibt es auch eine Variante mit kleinem, festem Sattelbaum, der über Sturzfedern zum sicheren Einschnallen von Steigbügeln verfügt. Auch in der Therapie kann man bei bestimmten Krankheitsbildern Steigbügel verwenden, so dass ein Fellsattel mit festem Kern die Therapieausrüstung sinnvoll erweitert. Da der Fellsattel voll waschbar ist, macht die Pflege keine Probleme. Nach jeder Wäsche wirkt das Lammfell wie neu, ebenso wie der dazu passend gearbeitete Untergurt. Untergurte in unterschiedlichen Längen sollten die Ausrüstung in jedem Fall ergänzen, damit der jeweilige Fellsattel vom Pony bis aufs Warmblut und sogar auf ein rumpfiges Kaltblutpferd passt. Die vorab beschriebenen Modelle eignen sich jedoch nicht, wenn die Physiotherapeutin hinter einem Kind zur Sicherheit mit auf dem Pferd sitzt. Die Sitzfläche reicht für zwei Personen nicht aus. Ein dem Westernsattel nachempfundenes verlängertes Lammfellpad ergänzt hier sinnvoll unsere Therapieausrüstung. Die verlängerte Sitzfläche bietet genügend Raum für zwei Personen und ein Festhaltegurt kann ebenfalls noch darübergeschnallt werden. Bild 5: Alle verwendeten Hilfsmittel mit den entsprechenden Untergurten hängen dicht bei der Aufstiegsrampe, um die jeweilige Ausrüstung, abgestimmt auf die Bedürfnisse des Patienten, schnell zur Hand zu haben Bild 6: Verlängerte Lammfelldecke mit zweigriffigem Haltegurt für einfache Voltigierübungen oder zum Sichern des Patienten durch die dahintersitzende Physiotherapeutin Praxistipp: Wanzek-Blaul - Einsatzmöglichkeiten des Fellsattels in Förderung und Therapie mup 3|2010 | 5 Das lange Fellpad eignet sich auch bei Kindern, die in Einzeltherapie mit einfachen Voltigierübungen auf den Übergang in eine Voltigiergruppe vorbereitet werden. Weitere Informationen zu den Fellsätteln sind auf der Homepage der Firma Christ www.lammfelle.de zu finden. Dorothee Wanzek-Blaul Spreeallee 1 67071 Ludwigshafen E-Mail: d.wanzek-blaul@gmx.de Internet: www.reiterhof-kinderhilfe.de Kontakt
