mensch & pferd international
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Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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Praxistipp: Die Logopädische Reittherapie in der Praxis
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Julia Neuhann
Im Folgenden werden anhand eines Patientenbeispiels Umsetzung und Wirkung der Logopädischen Reittherapie dargestellt, bevor anschließend exemplarisch Übungsmöglichkeiten genannt werden.
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136 | mup 3|2011|136-138|© Ernst Reinhardt Verlag München Basel Julia Neuhann Praxistipp Die Logopädische Reittherapie in der Praxis Im Folgenden werden anhand eines Patientenbeispiels Umsetzung und Wirkung der Logopädischen Reittherapie dargestellt, bevor anschließend exemplarisch Übungsmöglichkeiten genannt werden. Patientenbeispiel Lisa (Name geändert) hat das Down-Syndrom (= Trisomie 21 - d. h. es handelt sich um eine Chromosomenstörung, bei der das 21. Chromosom nicht nur zwei-, sondern dreimal vorhanden ist). Sie war vier Jahre alt, als sie das erste Mal zur Intensivtherapie (d. h. jeweils einmal täglich 45 Min. klassische Logopädie in der Praxis und 60 Min. Reittherapie nach dem heilpädagogischen Ansatz) kam. Zuvor nahm sie regelmäßig an der logopädischen Therapie in der Praxis teil. Lisa zeigt die syndrom-spezifische muskuläre Gesamtkörper-Hypotonie. Den oft mit dem Syndrom einhergehenden Herzfehler hat sie nicht. Der Allgemeinzustand ist gut. Wie fast alle betroffenen Patienten ist sie in sämtlichen Entwicklungsbereichen deutlich verzögert. Die Eltern beschreiben in der Anamnese, dass Lisa ein sehr ruhiges, sich wenig bewegendes Baby war, dass selten schrie und kaum lautierte. Ursache hierfür ist die geringe Muskelspannung, die den Kindern nicht nur die grobmotorische Entwicklung erschwert, sondern auch für Defizite in der Tiefensensibilität verantwortlich ist. Die für das Sprechenlernen so wichtige sensomotorische Integration ist gestört. Neben Defiziten in der Sprachverarbeitung hat Lisa eine verbale Dyspraxie. In diesem Fall sind die motorische Steuerung und Koordination der Artikulationswerkzeuge gestört. Daraus resultiert, dass das, was artikuliert werden möchte, nur unzureichend oder gar nicht ausgesprochen werden kann. Die Sprechdyspraxie beeinflusst das gesamte, sich gerade entfaltende Sprachsystem, hat aber keinen Einfluss auf das Sprachverständnis. Häufig entstehen durch eine Dyspraxie große Diskrepanzen zwischen rezeptiven und expressiven Fähigkeiten, unter denen der Patient und das Umfeld leiden. Lisas visuelle Wahrnehmung ist beeinträchtigt. Aufgrund von regelmäßigen Kontrollen - unabhängigen wie gängigen Vorsorgeuntersuchungen - beim Kinderarzt, wurde sie frühzeitig mit einer Brille versorgt. Die ebenfalls regelmäßig durchgeführten Kontrollen des Hörvermögens waren bisher immer unauffällig. Eine Versorgung mit Hörgeräten, die syndrom-spezifisch häufig notwendig sind, ist somit bei Lisa nicht erforderlich. Aus logopädischer Sicht sind Fragen nach der Nahrungsaufnahme, dem Schlucken und der Atmung ebenfalls von großer Bedeutung, da diese die Primärfunktionen des orofacialen Komplexes sind. Die Eltern berichteten hierzu, dass das Stillen zunächst große Schwierigkeiten bereitet hat, da Lisa aufgrund der Hypotonie von Zunge, Lippen und der Wangenmuskulatur die Kraft für das Saugen fehlte. Mit therapeutischer Unterstützung war dies mit der Zeit möglich, Lisa ermüdete dabei jedoch schnell. Aus diesem Grund Praxistipp: Neuhann - Die Logopädische Reittherapie in der Praxis mup 3|2011 | 137 Julia Neuhann Die Autorin Julia Neuhann staatlich examinierte Logopädin, Ausbildung zur reittherapeutischen Assistentin beim Förderkreis für therapeutisches Reiten e. V., seit 08 / 2009 selbständig mit der „bewegten Logopädie“, seit 03 / 2011 freie Mitarbeiterin in einer logopädischen Praxis in Leutkirch im Allgäu. Anschrift Bogenstr. 2 88299 Leutkirch im Allgäu Julia.neuhann@gmail.com www.bewegte-logopaedie.de fütterten die Eltern mit einer Flasche zu. Die Schwäche der Gesichts- und Zungenmuskulatur ist Ursache dafür, dass Lisa bis heute Schwierigkeiten hat, die Zunge an ihren physiologischen Ruheplatz (wenn der Mund geschlossen ist und nicht gesprochen wird) zu legen. Stattdessen sind die Lippen geöffnet, die Zunge liegt überwiegend platt ohne Spannung auf der Unterlippe. Dadurch formt sich der Oberkiefer unzureichend aus, der Unterkiefer wird zu weit nach vorne geschoben. Ohne funktionelle Behandlung wird es zu einer Kieferfehlstellung kommen, die kieferorthopädisch versorgt werden muss. Lisa lernte mit eineinhalb Jahren das freie Sitzen, bevorzugt aufgrund der Hypotonie jedoch bis heute den Schneidersitz. Das Laufen lernte sie am Ende des zweiten Lebensjahres. In der Therapiesituation sitzt sie trotz Kontakt der Füße auf festem Untergrund oft zusammengesunken auf dem Stuhl, den Kopf in die Hände gestützt. Lisa ist ein fröhliches, offenes und kommunikationsfreudiges Kind. Mit drei Jahren spricht sie allerdings nur ca. zwanzig Wörter, nicht alle sind für Fremde verständlich. Situativ behilft Lisa sich mit Gesten, zeigt aber auch Ärger und Verzweiflung, wenn sie nicht verstanden wird. In der Therapie arbeitet sie motiviert und interessiert mit, die Fortschritte stellen sich nur sehr zögerlich ein. In Absprache mit den Eltern erhält Lisa im Rahmen einer Intensivbehandlung eine Woche lang täglich jeweils einmal Logopädie in der Praxis und zusätzlich Reittherapie in Kombination mit Logopädie. Im Rahmen der ersten Reittherapie ist Lisa zunächst freudig aufgeregt und zeitgleich ängstlich. Diese Angst verliert sie relativ schnell. Schon im Rahmen der ersten Intensivwoche fällt auf, dass Lisa eine deutlich bessere Aufrichtung erhält. Die aufrechte Körperhaltung und der verbesserte Tonus wirken sich umgehend auf die Zungenspannung aus. Die Artikulation von Einzellauten und Silben gelingt ihr dadurch viel präziser. Die Wörter, die bisher kaum verständlich waren, werden vom Umfeld verstanden. Um dies zu festigen, wurde mit hochfrequenten Wiederholungen gearbeitet. Auch rhythmisches Sprechen fördert die Überwindung der Dyspraxie. Aufgrund der zuvor mangelhaften Zungenspannung war Lisa nicht in der Lage die sogenannten Zischlaute (/ s / ; / z / ; / sch / ) zu bilden. Im Laufe der Woche wurden diese erfolgreich angebahnt. Eine wertvolle Übung zur Förderung der Feinspannung der Zunge, welche für die Artikulation und auch für die Nahrungsaufnahme und das Trinken von großer Bedeutung ist, ist das Schnalzen. Genau das lässt sich sehr gut in die Therapie mit dem Pferd integrieren. Nach jedem „Übungsstopp“ fordert Lisa ihr Therapiepferd durch Schnalzen zum Weitergehen auf. Zunächst ist dies nur sehr leise zu hören, mit der Zeit hallt es laut durch die Reithalle. Ein bemerkenswerter Fortschritt. Drei Monate später folgt eine erneute Intensivwoche. Lisas Gesicht hat sich positiv verändert. Der Mund ist phasenweise geschlossen, Lisa kann die Aufforderung, die Zunge in den Mund zu nehmen, überwiegend gut umsetzen. Den Eltern fällt im Alltag positiv auf, dass das Trinken sauberer klappt, d. h., durch einen besseren Muskeltonus kann Lisa die Flüssigkeit besser kontrollieren und schneller schlucken. Auch hat das Essverhalten sich positiv entwickelt. Lisa macht qualitativ bessere Kaubewegungen, bewältigt Fleischstückchen und Brotrinde, wodurch sich ihr Nahrungsspektrum deutlich erweitert hat. Vor allem wenn Lisa müde aus dem Kindergarten kam, mussten die Eltern zuvor das Essen häufig pürieren. Die Lebensqualität wurde somit für die ganze Familie verbessert. Beachtliche Fortschritte zeigt Lisa beim Sprechen. Sie hat nahezu alle Silben automatisiert, der aktive Wortschatz umfasst mehr als 100 Wörter - sie spricht in Zwei- und Dreiwortäußerungen und ist auch in der 138 | mup 3|2011 Praxistipp: Neuhann - Die Logopädische Reittherapie in der Praxis 138 | mup 3|2011 Praxistipp: Neuhann - Die Logopädische Reittherapie in der Praxis Anne-Katrin Jander Kommunikation mit Fremden mutiger geworden. Bei einem Elterngespräch im Kindergarten wurde positiv festgestellt, dass Lisa mit wachsenden sprachlichen Fähigkeiten besser in die Gruppe integriert ist. Ziele nächster Behandlungseinheiten sind der Ausbau der expressiven und rezeptiven Fähigkeiten. Vor allem mehrsilbige Wörter und Konsonantenverbindungen (z. B. / br/ ; / tr/ ; / fl/ ; / schl / ; usw.) bereiten ihr weiterhin Schwierigkeiten. In der Unterhaltung fällt auf, dass Lisa vor allem das Entschlüsseln von Fragen, Aufträgen und abstrakten Sprachelementen schwerfällt - die erzielten Fortschritte im Rahmen der intensiven Behandlung sind trotzdem beachtlich und bestärken mich, auf dem richtigen Weg zu sein. Übungen aus der Praxis Mit dem Werfen und Fangen von Ringen, Bällen und Tüchern lassen sich die „trockenen“ Artikulationsübungen auf Laut- und Silbenebene auflockern. Des Weiteren bietet es eine gute Hilfestellung, um den (Sprech-)Rhythmus vorzugeben. Parallel wird der Fokus vom Sprechen weggelenkt und das Kind in seiner Koordinationsfähigkeit und Balance gefördert. Die unterschiedlichen Umwelteindrücke, denen der Klient mit dem Pferd begegnet, sprechen die Fantasie und den Wortschatz an. Das Spiel „Ich sehe was, was du nicht siehst“ dient dann beispielsweise nicht nur dazu, das Kind auf seine Umwelt aufmerksam zu machen, sondern ist parallel Satzbildungs- und Sprachverständnisübung. Auch bietet das Reiten ein gutes Setting, das Kind bei wichtigen Meilensteinen der Sprachentwicklung (z. B. der Ich-Erwerb, das Verständnis der Präpositionen und der korrekte Umgang mit Adjektiven) zu unterstützen. Durch Gerüche, Tasteindrücke, unterschiedliche Witterungen und Geräusche werden sämtliche Wahrnehmungskanäle stimuliert. Es bedarf also nicht unbedingt einer Vielzahl zusätzlicher Materialien. Übungskarten zum therapeutischen Reiten geben nicht nur die vom Kind durchzuführenden Übungen vor, sondern können sinnvoll genutzt werden, um unterschiedliche Formen der Satzbildung zu trainieren. Als Beispiel sei das Bild des rückwärts auf dem Pferd sitzenden Kindes genannt: Variante 1: Therapeutin: „Was machst du? “, Kind: „Ich reite rückwärts.“; Variante 2: Therapeutin: „Was macht der Junge? “, Kind: „Er reitet rückwärts.“; Variante 3 (mit mehreren Kindern): Therapeutin: „Annika, was soll Tom jetzt machen? “, Annika: „Du reitest rückwärts.“ Je nach Zielsetzung und individuellem Entwicklungsstand habe ich eine geringe Auswahl an Materialien in Form von Bildkarten oder thematisch zusammenhängenden Gegenständen (Gegenstände aus dem Kaufladensortiment: Tiere, Zahlen, Buchstaben) dabei. Diese sind gut verstaut in einem „Zaubersack“, der während der Stunde stets griffbereit am Griff des Therapiegurtes hängt. Daraus ergibt sich eine weitere Übung zur freien Sprachproduktion und zum Training des Sprachverständnisses. Klient und Therapeutin ziehen dazu abwechselnd verdeckt einen Gegenstand aus dem Sack und beschreiben ihn in eigenen Worten (dem Entwicklungsstand angemessen), und der jeweils andere muss raten. Die Markierungen der Bahnpunkte an der Bande laden aus logopädischer Sicht dazu ein, diese für Wortfindungsübungen zu nutzen. Eine mögliche Aufgabenstellung lautet also beispielsweise: „Nenne drei Wörter, die mit ‚M‘ beginnen! “ Ergänzend sei erwähnt, dass das „Weiterreiten“, wenn eine Übung im Stand erfolgreich durchgeführt wurde, eine nicht zu unterschätzende positive Verstärkung darstellt. Die hier beschriebene Übungsauswahl ist einerseits exemplarisch, andererseits macht sie deutlich, welche vielseitigen Übungsmöglichkeiten das heilpädagogische Reiten für die Sprach- und Sprechförderung bietet.
