mensch & pferd international
2
1867-6456
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
2_003_2011_3/2_003_2011_3.pdf71
2011
33
Praxistipp: Kommunikationshilfen in der Heilpädagogischen Förderung mit dem Pferd
71
2011
Ruth Schulte Mesum
Stefanie Siepmann
In der Arbeit mit Schülerinnen und Schülern einer Förderschule mit dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung spielen verschiedenste Kommunikationshilfen eine große Rolle. Viele Schülerinnen und Schüler sprechen gar nicht, wenig oder schwer verständlich oder verfügen über einen noch eingeschränkten Wortschatz. An der Alfred-Delp-Schule in Hamm bildet daher die Kommunikationsförderung - wie sicherlich an den meisten Förderschulen mit dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung - einen Schwerpunkt vor allem im Vor- und Unterstufenbereich. Unter dem Leitsatz "Wir bieten systematische Kommunikationsförderung für jeden Schüler" werden hier mehrere Richtungen eingeschlagen. Diese reichen vom individuellen Einsatz elektronischer Kommunikationshilfen bis zur Vermittlung von Schlüsselgebärden der Deutschen Gebärdensprache. In der Heilpädagogischen Förderung mit dem Pferd lassen sich zahlreiche dieser Hilfen nutzen. Hier sollen einige exemplarisch dargestellt werden.
2_003_2011_3_0010
mup 3|2011|145-148|© Ernst Reinhardt Verlag München Basel | 145 Praxistipp Kommunikationshilfen in der Heilpädagogischen Förderung mit dem Pferd Ruth Schulte Mesum, Stefanie Siepmann In der Arbeit mit Schülerinnen und Schülern einer Förderschule mit dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung spielen verschiedenste Kommunikationshilfen eine große Rolle. Viele Schülerinnen und Schüler sprechen gar nicht, wenig oder schwer verständlich oder verfügen über einen noch eingeschränkten Wortschatz. An der Alfred-Delp-Schule in Hamm bildet daher die Kommunikationsförderung - wie sicherlich an den meisten Förderschulen mit dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung - einen Schwerpunkt vor allem im Vor- und Unterstufenbereich. Unter dem Leitsatz „Wir bieten systematische Kommunikationsförderung für jeden Schüler“ werden hier mehrere Richtungen eingeschlagen. Diese reichen vom individuellen Einsatz elektronischer Kommunikationshilfen bis zur Vermittlung von Schlüsselgebärden der Deutschen Gebärdensprache. In der Heilpädagogischen Förderung mit dem Pferd lassen sich zahlreiche dieser Hilfen nutzen. Hier sollen einige exemplarisch dargestellt werden. Ablaufplan für die Stunde mit dem Pferd Um den Schülerinnen und Schülern einen groben Überblick über die Aktivitäten mit dem Pferd im Verlauf der Einheit zu vermitteln bzw. um mit ihnen den Ablauf der Stunde zu besprechen, wurden mit dem Programm Boardmaker entsprechende Bildkarten erstellt. Diese werden in Anlehnung an den in der Schule verwendeten Stundenplan an einer Holzleiste mit Klett befestigt, so dass sie immer neu organisiert und nach Beendigung einer Aktivität auch abgenommen werden können. Über die Bildkarten wird auch nicht sprechenden Schülerinnen und Schülern ermöglicht, sich über den Verlauf der Stunde durch Zeigen oder Abnehmen einer Karte zu verständigen. Beim Einsatz von Bildkarten hat es sich aus unserer Sicht bewährt, eine Möglichkeit zu schaffen, diese irgendwo zu befestigen. Hierfür gibt es verschiedene Möglichkeiten. Neben der bereits erwähnten Holzleiste mit Klett sind aber auch einfache steife Fußmatten einsetzbar (siehe Bild 3), die man gut an die Bande anlehnen kann und an denen Klett sehr gut haftet. Praktisch sind auch Magnettafeln oder Magnetleisten, die an der Bande fest angebracht werden oder ebenfalls angelehnt werden können. Je nach den motorischen Fähigkeiten der Teilnehmer sollte man daran denken, dass es nützlich sein kann, magnetische Klebestreifen auf der Rückseite der Karten zu befestigen. Das Hantieren mit zusätzlichen Magneten kann u. U. recht umständlich sein. Gerne „verschwinden“ Magnete auch im Hallensand … Bild 1: Ablaufplan für die Heilpädagogische Förderung mit dem Pferd 146 | mup 3|2011 Praxistipp: Schulte Mesum, Siepmann - Kommunikationshilfen in der Heilpädagogischen Förderung 146 | mup 3|2011 Praxistipp: Schulte Mesum, Siepmann - Kommunikationshilfen in der Heilpädagogischen Förderung Einsatz von Gebärden Aus praktischen Gründen hat sich der Einsatz von Gebärden in unseren Stunden mit dem Pferd sehr bewährt. Aus der Schule ist den Schülerinnen und Schülern der Einsatz von Gebärden bekannt. Es werden die Gebärden der Deutschen Gebärdensprache verwendet, diese werden allerdings nur im Sinne von „Schlüsselwörtern“ eingesetzt, d. h. in der Regel werden nicht ganze Sätze, sondern nur die wichtigsten Begriffe für im Schulalltag wiederkehrende Situationen erlernt. Gebärden haben den Vorteil, dass sie jederzeit zugänglich sind, setzen allerdings einige motorische Kompetenzen voraus. In der Heilpädagogischen Förderung mit dem Pferd verwenden wir vor allem die Gebärden für die Gangarten, aber bei Spielen auch Gebärden für Farben etc. Das Repertoire lässt sich hier natürlich je nach Bedarf beliebig erweitern, z. B. durch Gebärden für verschiedene Tiere, Ausrüstungsgegenstände etc. Spiele mit Kommunikationshilfen Auch um den Aufbau einer Satzstruktur gezielt zu fördern, lassen sich Bildkarten und Gebärden gut einsetzen. Dies kann zum Beispiel im Rahmen von Spielen am und mit dem Pferd passieren. Auch hier haben wir eine aus dem Unterricht bekannte Struktur (Ämterplan) für die Situation in der Reithalle modifiziert. Gespielt wird Folgendes: Alle Kinder befestigen Wäscheklammern verschiedener Farben am Pferd. Die Klammern werden nun einzeln wieder zurückgeholt. Dabei kann mit Hilfe der Gebärden die Gangart des Pferdes angesagt werden. Zusätzlich wird vor dem Holen der Klammer mit Hilfe der unten abgebildeten Bildkarten plus Gebärden und verbaler Sprache (wenn möglich) gesagt, welche Klammer geholt werden soll: „Ich hole die … Klammer.“ Bild 2: Von uns verwendete Gebärden für Schritt, Trab und Galopp Bild 3: Bildkarten für das Spiel „Klammern holen“ Praxistipp: Schulte Mesum, Siepmann - Kommunikationshilfen in der Heilpädagogischen Förderung mup 3|2011 | 147 Dieses Schema verwenden wir z. B. auch, um Aufgaben zu Beginn einer Einheit zu verteilen. Der bekannte Satzanfang „Ich hole…“ wird dann kombiniert mit Bildkarten zu den verschiedenen Ausrüstungsgegenständen, Treppe, Spielmaterial etc. Derjenige, der eine Aufgabe übernehmen möchte, kann dies je nach individuellen Fähigkeiten durch Zeigen, dazu Hängen einer Wäscheklammer mit seinem Namen, verbale Sprache oder Kombinationen aller dreier verdeutlichen. Ja-Nein-Karte Neben Kommunikationshilfen, die allen teilnehmenden Schülerinnen und Schülern offen stehen, sind auch individuelle Hilfen oft notwendig und sinnvoll. Aus unserer Sicht hat sich der Einsatz elektronischer Kommunikationshilfen in der Reithalle nicht besonders gut bewährt, weil diese Geräte einerseits oft für die Rahmenbedingungen (Kälte, Sand etc.) nicht besonders gut geeignet sind und andererseits auch auf dem Pferd meist gar nicht oder nur mit viel Aufwand verwendet werden können. Für diejenigen Schülerinnen und Schüler, die unter anderen Bedingungen einen Talker verwenden, macht es Sinn, dort eine Seite für das Reiten / Voltigieren und den Umgang mit dem Pferd einzurichten, damit sie zu Hause oder in der Schule die Möglichkeit haben, vom Reiten zu berichten oder Pläne für die kommende Woche zu machen. Auf dem Pferd können alternativ laminierte Zeigetafeln verwendet werden, wenn ein Schüler oder eine Schülerin in der Lage ist, auf Bilder zu deuten. Die einfachste Form einer solchen Kommunikationshilfe ist eine Ja-Nein-Tafel, mit deren Hilfe zumindest entsprechende Ja-Nein-Fragen zügig beantwortet werden können. Diese kann so gestaltet werden, dass sie z. B. vorne unter den Gurt geklemmt werden kann, so dass sie jederzeit zugänglich ist. Aus unserer Sicht sollten Karten etc. nicht am Gurt und schon gar nicht an Personen anbzw. umgebunden werden, da immer die Gefahr besteht, dass Bänder sich lösen oder verheddern, so dass sich Personen darin verfangen könnten. Alternativ können Karten festgeklemmt werden, so dass sie sich ggf. lösen und zu Boden fallen. Hieran müssen die Pferde selbstverständlich gewöhnt werden. Für Pferde ist neben dem Geräusch, das Karten z. B. beim „Wedeln“ machen, auch der Effekt des Sonnenlichts auf den Karten eventuell beängstigend. Kartenset mit Schlüsselring Alternativ besteht auch die Möglichkeit, für eine Person wichtige Bildkarten im Jackentaschenformat für das Voltigieren / Reiten zu laminieren, zu lochen und mit einem Schlüsselring zusammenzu„heften“, so dass sie jederzeit herausgeholt werden können. Dies haben wir für einen nicht sprechenden, aber motorisch versierten Schüler schon einmal ausprobiert, der sein „Kartenset“ sowohl auf als auch am Pferd häufig verwendet hat. In diesem Falle waren neben Karten mit Abbildungen der Gangarten vor allem die Zahlen von 1 bis 4 (für die Reihenfolge) und die Grundfarben (für Spiele) wichtig. Die Karten mit einem Schlüsselring zu verbinden hat den Vorteil, dass jederzeit Karten hinzugefügt oder ausgetauscht werden können. Grundsätzlich macht es für den Einsatz in der Reithalle Sinn, alle Bildkarten zu laminieren, um sie haltbarer zu machen. Hierbei sollten aber die Ecken abgerundet werden, geschnittene Laminierfolie hat spitze Ecken. Insgesamt hat unsere Erfahrung gezeigt, dass es für nicht und wenig sprechende Schülerinnen und Schüler, aber auch für sprechende Gruppenmitglieder Sinn macht, möglichst viele verschiedene einfach handhabbare Kommunika- Bild 4: Ja- Nein-Karte 148 | mup 3|2011 Praxistipp: Schulte Mesum, Siepmann - Kommunikationshilfen in der Heilpädagogischen Förderung 148 | mup 3|2011 Praxistipp: Schulte Mesum, Siepmann - Kommunikationshilfen in der Heilpädagogischen Förderung tionshilfen zu verwenden, weil auf diese Weise alle Teilnehmer die Möglichkeit bekommen, sich mit ihren Wünschen und Ideen einzubringen. Besonders nützlich sind solche Kommunikationshilfen, die aus anderen Zusammenhängen bereits bekannt sind bzw. dort weiter verwendet werden. Grundsätzlich sind der Fantasie beim Erdenken von Kommunikationshilfen keine Grenzen gesetzt. Oft kommen die Teilnehmer auch selbst auf gute Ideen, erfinden selbst Gebärden o. ä. Bei allen verwendeten Materialien muss selbstverständlich darauf geachtet werden, dass die eingesetzten Pferde mit diesen vertraut sind. Vor allem Bildkarten werden oft nahe am Pferd verwendet, und nach unserer Erfahrung tendieren Schülerinnen und Schüler oft dazu, diese Bild 5: Kartenset mit Schlüsselring Die Autorinnen Stefanie Siepmann Grundschullehrerin, Reitpädagogin DKThR Anschrift: Dr. Ruth Schulte Mesum Stefanie Siepmann Alfred-Delp-Schule Förderschule der Stadt Hamm Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung Ewald-Wortmann-Weg 10 59069 Hamm www.adshamm.de Dr. Ruth Schulte Mesum Förderschullehrerin, Voltigierpädagogin DKThR auch dem Pferd zu präsentieren. Daher sollten die Pferde an den Umgang mit den Materialien gut gewöhnt werden.
