eJournals mensch & pferd international4/1

mensch & pferd international
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1867-6456
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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2012
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Heilpädagogisches Begleiten mit dem Pferd nach der Brossard-Methode

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2012
Monika Brossard
Das "Heilpädagogische Begleiten mit dem Pferd" (HBP) ist eine aus Erfahrung und Fachwissen entwickelte Möglichkeit, Menschen bei verschiedenen Prozessen der Entwicklung ihrer Persönlichkeit (das Annehmen-Können des Lebens als Ganzheit) zu begleiten und zu unterstützen. Die humanistische Psychologie bildet hier die theoretische Grundlage. Methoden aus der Gestalttherapie, dem neurolinguistischen Programmieren, der systemischen Aufstellungsarbeit sowie dem Focusing erweisen sich als hilfreich, da sie Hinweise auf Veränderungen innerer Einstellungen und äußerer Gegebenheiten geben können.
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mup 1|2012|29-35|© Ernst Reinhardt Verlag München Basel | 29 Forum Heilpädagogisches Begleiten mit dem Pferd nach der Brossard-Methode Eine Begegnung mit sich selbst Monika Brossard Das „Heilpädagogische Begleiten mit dem Pferd“ (HBP) ist eine aus Erfahrung und Fachwissen entwickelte Möglichkeit, Menschen bei verschiedenen Prozessen der Entwicklung ihrer Persönlichkeit (das Annehmen-Können des Lebens als Ganzheit) zu begleiten und zu unterstützen. Die humanistische Psychologie bildet hier die theoretische Grundlage. Methoden aus der Gestalttherapie, dem neurolinguistischen Programmieren, der systemischen Aufstellungsarbeit sowie dem Focusing erweisen sich als hilfreich, da sie Hinweise auf Veränderungen innerer Einstellungen und äußerer Gegebenheiten geben können. Methodische Grundsätze des Heilpädagogischen Begleitens mit dem Pferd HBP ist eine symptomübergreifende und prozessorientierte Methode, die sich mit der Gesamthaltung des Klienten zu sich, seinen eigentlichen Bedürfnissen und seiner sozialen Umwelt beschäftigt. Körper, Geist und Seele werden durch die Begegnung mit dem Pferd ganzheitlich angesprochen. Den Klienten wird Raum für eigenes Erleben, Erfahren und Entscheiden geboten, da die Symptome der verschiedenen Behinderungen und Einschränkungen nicht im Vordergrund stehen. Die Orientierung auf den gesamten Menschen ohne Leistungs- und Veränderungsanspruch ist Grundlage für die Arbeit mit HBP. Ein wesentlicher Schwerpunkt in der Methodik des HBP wird in diesem Beitrag in den Mittelpunkt gerückt. Der Aufbau einer verlässlichen, auf Vertrauen basierenden Beziehung Klient - Pferd - Begleiter stellt die Grundlage von ganzheitlichen Veränderungsprozessen dar: Die Arbeit mit Symptomen Um die Zusammenhänge zwischen Symptom und Ursache erkennen zu können, ist es wichtig zu wissen, dass durch nicht erfüllte Grundbedürfnisse (meist der frühen Kindheit) Verletzungen im Selbstwertgefühl und im Selbstvertrauen entstanden sind (Bowlby 2010). Denn durch diese narzisstische Wunde - nicht als der, der man war, geliebt worden zu sein - entsteht eine Bedürftigkeit, die sich in den zahlreichen Facetten von Krankheitsbildern vieler Art äußert. Symptome geben Hinweise darauf, was angeschaut und verändert werden will, sie sind Motivation und Aufforderung zum Übernehmen von Selbstverantwortung. Symptome können als Wegweiser in der persönlichen Entwicklung verstanden werden. Aus Verletzungen des Selbstwertes und des Selbstvertrauens, die schon im frühen Entwicklungsstadium durch nicht erfüllte Grundbedürfnisse nach Anerkennung und Zuwendung entstehen können, resultieren Glaubenssätze wie z. B. „Ich kann nichts“ oder „Ich bin nicht wichtig“. Somit entstehen Ängste vor Versagen, vor Verlust etc., 30 | mup 1|2012 Forum: Brossard - Heilpädagogisches Begleiten mit dem Pferd nach der Brossard-Methode die sich durch Symptome ausdrücken können, wie z. B. psychosomatische Beschwerden, Verhaltensauffälligkeiten, Wahrnehmungs- oder Persönlichkeitsstörungen. Um diese Ängste und die damit verbundene Hilflosigkeit nicht spüren zu müssen, werden Abwehrmechanismen entwickelt, wie z. B. Vermeiden, Verdrängen, Rückzug oder Aggression. Da dieses Verhalten auch einen Nutzen mit sich bringt, wie vermehrte Aufmerksamkeit, Hilfsangebote oder Abgeben von Verantwortung, wird die Symptomatik beibehalten, und es braucht Unterstützung von außen, um die in den Symptomen liegende Botschaft umsetzen zu können, z. B. die Suche nach Akzeptanz und Wertschätzung. Da sich im Abwehrverhalten auch Fähigkeiten zeigen, wie Erreichen von Aufmerksamkeit und Zuwendung, Schutz vor Überforderung oder Entwickeln von Überlebensstrategien, können sich daraus Ansatzpunkte für den Einsatz der Pferde ergeben, die genau diese Fähigkeiten aufgreifen und verstärken. Praxisbeispiel Symptomarbeit am Beispiel eines zwölfjährigen Mädchens mit sozialer und emotionaler Verwahrlosung mittels folgender Systematik, die anhand langjähriger praktischer Arbeit mit dem Pferd von der Autorin entwickelt wurde: Symptom Verweigerung Glaubenssatz „Ich kann nichts“ Angst vor Versagen Abwehr Rückzug Bedürfnis sich als kompetent zu erleben Ursache Verletzung des Selbstwertes Nutzen Aufmerksamkeit Fähigkeiten Schutz vor Überforderung Botschaft ich möchte Wertschätzung und Akzeptanz Diese Aussagen sind bei der Erstellung eines individuell auf diese Klientin zugeschnittenen Begleitplans hilfreich, bei dem die Ursachen im Vordergrund stehen. Da dieses Mädchen aus Angst zu versagen mit Rückzug reagiert, kann hier die Begegnung mit dem Pferd positiv auf die Verletzung des Selbstwertes einwirken: Unser wichtigster Partner - das Pferd - ist aufmerksam und nimmt die Klientin so an, wie sie ist. Durch einen vertrauensvollen Beziehungsaufbau zum Pferd (durch Berühren und Berührtwerden, Pflegen, Führ- und Freiarbeit, Wahrnehmungsübungen etc.) kann sie sich als kompetent erleben, Selbstbewusstsein aufbauen, Ressourcen aktivieren und die Selbstwahrnehmung steigern. Dadurch wird ihr die Möglichkeit gegeben, Verantwortung zu übernehmen, aber auch zu erleben. Das Symptom Verweigerung ist nicht mehr wichtig, weil sich ihr Bedürfnis, sich als kompetent erleben zu können, erfüllt hat. Die Arbeit mit nicht erfüllten Bedürfnissen Da hinter jedem Symptom ein nicht erfülltes Bedürfnis steht (Bowlby 2010), wird im Weiteren gezeigt, wie die Beziehungsarbeit mit dem Pferd vom Boden aus bei der Erfüllung einiger wichtiger Grundbedürfnisse helfen kann (Maslow 1973): ■ Bedürfnis nach einer sicheren Bindung ■ Bedürfnis, um seiner selbst willen geliebt zu werden ■ Bedürfnis nach sicheren Grenzen und Orientierung Das Bedürfnis nach einer sicheren Bindung Die Bindungsbeziehung zwischen Kind und primärer Bezugsperson baut auf liebevollem emotionalen Kontakt auf. So können psychische Sicherheit, Vertrauen und die Fähigkeit, sich auf andere einzulassen, entstehen. Ferner hat eine sichere Bindung Einfluss auf Verhalten, Kognition, Affektregulation und Gehirnverschaltungen (Schore 2009). Kann sich eine sichere Bindung z. B. durch Missbrauch oder Vernachlässigung nicht auf- Forum: Brossard - Heilpädagogisches Begleiten mit dem Pferd nach der Brossard-Methode mup 1|2012 | 31 bauen, so sind Störungen in der Beziehungsfähigkeit und der Stressresistenz möglich. Es entstehen Angst vor Trennung, Verlust, Ablehnung, Enttäuschung und Nähe. Beispiele dazugehöriger Glaubenssätze sind: „Ich kann mich auf niemanden verlassen“ und „Ich werde nicht gemocht“. Daraus abgeleitete Krankheitsbilder können Depressionen, Persönlichkeitsstörungen, Schizophrenie, Essstörungen, Sucht, psychosomatische Störungen oder Ängste sein. Ziele Erleben eines warmherzigen Kontaktes zum Pferd, dessen Zuwendung und Annehmen der eigenen Person ohne Anspruch, Druck und Leistung entsteht. Der sein dürfen, der man ist - Vertrauen durch die positive Beziehung zum Pferd zu sich spüren. Einsatz der Pferde Im Mittelpunkt steht der Aufbau einer verlässlichen, auf Vertrauen basierenden Beziehung. Beispiele möglicher Übungen Freiarbeit: Auf der Wiese können in einer freien Begegnung von Klient und Pferd beide Kontakt aufnehmen: aus der Distanz, aus der Nähe, sich berühren, Eigenverantwortlichkeit im Agieren übernehmen oder auch die Begegnung abbrechen. Der Begleiter unterstützt die Impulse des Klienten, ist beobachtend und Schutz gebend in Reichweite, aber hält sich so weit als möglich zurück. Pflegen: Die Art und Weise, in der das Pferd z. B. geputzt wird (mit der Bürste oder mit den Händen, mit viel oder wenig Druck, oberflächlich oder intensiv, gleichmäßig flächendeckend oder lange an bestimmten Stellen verweilend, Bevorzugen oder Vermeiden bestimmter Körperteile), die Mimik und Körperspannung des Klienten, das Verhalten des Pferdes (wendet sich zu, entspannt sich, schnaubt, geht weg) und die Reaktionen des Klienten hierauf (weicht aus, ist ängstlich, nimmt intensiven Körperkontakt auf, langweilt sich, möchte Anleitung, will sich entziehen etc.), geben Aufschluss über den momentanen Zustand des Klienten, abzulesen an der Interaktion Pferd - Mensch. Daraus ergeben sich die nächsten Impulse von Begleiter und Pferd. Hufe auskratzen: Beim Hufe-Auskratzen können die Konfrontation mit Ängsten, aber auch Erleben der Selbstwirksamkeit, des Sich-Einlassen-Könnens und Fähigkeiten wie Mut und Ausdauer erlebt werden. Nichts tun: Der Klient kann sich neben das Pferd in die Futterraufe setzen und es beobachten: nichts tun, nichts erwarten, kein Druck, einfach loslassen, zusammen mit dem Pferd sein, Stille …, vielleicht eine Metaphergeschichte oder Musik hören. Entspannung und Freude erleben. Wahrnehmung: Der Körper des Pferdes wird mit allen Sinnen gespürt und erlebt, ebenso seine Reaktionen und Bewegungen. Vertiefung: Das Pferd mit geschlossenen Augen ertasten. 32 | mup 1|2012 Forum: Brossard - Heilpädagogisches Begleiten mit dem Pferd nach der Brossard-Methode Das Bedürfnis, um seiner selbst willen geliebt zu sein Ein stabiler Selbstwert kann nur dann entstehen, wenn Zuwendung nicht an Bedingungen geknüpft wird (Leistung). Anerkennung, Bestätigung, Vertrauen und Angenommensein, so wie man ist, sind dabei wichtig. Hinzu kommen Liebe, Geborgenheit und Verständnis. Wird man nicht um seiner selbst willen geliebt, folgen Verunsicherung, Zweifel an den eigenen Fähigkeiten, Angst vor Ablehnung, Rückzug oder Aggression. Die dazu gehörenden Glaubenssätze können heißen: „Ich kann nichts“ und „Ich bin nichts“. Daraus abgeleitete mögliche Krankheitsbilder können Persönlichkeits- und Anpassungsstörungen, Problemverhalten oder Depressionen sein. Ziele Aufbau und Stabilisierung des Selbstvertrauens und des Selbstwertes durch Erleben von Selbstwirksamkeit und Annehmen von dem, was ist. Einsatz der Pferde Durch den Einsatz des Pferdes ist ein Aufbau einer verlässlichen Beziehung, Spüren und Erleben von Angenommensein und Zuwendung möglich. Beispiele möglicher Übungen Führarbeit im Gelände: Mit dem Pferd als einem starken, zuverlässigen Partner kann die Natur erlebt werden: die Natur im Laufe der Jahreszeiten, Wind und Wetter, bergauf und bergab, langsam und schnell, Steine und Gras als Untergrund, Wärme und Kälte, Sonne und trübe Regentage. „Ich finde meinen Weg, gehe durch Widerstände (z. B. wenn das Pferd zum Gras zieht) und komme ans Ziel.“ Führarbeit im Parcours: Hindernisse können vom Klienten selbst aufgebaut werden, und somit kann die Reihenfolge und der Schwierigkeitsgrad selbst bestimmt werden (sich durchsetzen, ausprobieren, scheitern dürfen, aufgeben, um einen neuen Anfang zu wagen). Das Pferd hat ein „Mitspracherecht“, d. h. seine Bedürfnisse und Fähigkeiten werden berücksichtigt, und gemeinsam werden Schwierigkeiten gemeistert. Auf diese Weise kann ein vertrauensvolles Miteinander entstehen. Meditative und visualisierende Methoden bzgl. der Arbeit mit Ängsten: Es kann z. B. eine gerade empfundene Angst personifiziert werden, die beim Führen vom Pferd „getragen“ wird. Dann kann geschaut werden, ob sich die Intensität etwas verändert. Ängsten können Formen und Farben gegeben werden, beim Anlehnen ans Pferd kann ein sicherer Ort gefunden werden, mit dem Pferd kann zusammen geatmet werden, mit ihm kann über Ängste gesprochen werden und Schutzsymbole in der Natur können vom Pferd gefunden werden. Das Bedürfnis nach sicheren Grenzen und Orientierung Grenzen bedeuten Schutz, Sicherheit und Orientierung ganz im Gegenteil von Machtmissbrauch durch: ■ einerseits Überbehütung durch ständige Kontrolle, durch eigene Bedürfnisbefriedigung Forum: Brossard - Heilpädagogisches Begleiten mit dem Pferd nach der Brossard-Methode mup 1|2012 | 33 oder Verweigerung von Freiraum mit dem Ergebnis, die Autonomieentwicklung zu verhindern, ■ andererseits durch Verwöhnung oder Verwahrlosung, Verunsicherung, Realitätsverlust oder ein egozentrisches Selbstbild. Mögliche dazugehörende Glaubenssätze sind: „Ich weiß nicht, was ich will“ und „Ich kann nicht ‚nein‘ sagen“, „Ich kann mich nicht entscheiden“. Daraus können folgende Krankheitsbilder entstehen: Problemverhalten, Persönlichkeits- und Anpassungsstörungen, Depressionen. Ziele Die Entwicklung von Autonomie und Selbstwertgefühl sind das Ziel. Einsatz der Pferde Auch hier geht es wieder um den Aufbau einer verlässlichen Beziehung zwischen Pferd und Klienten als Voraussetzung. Beispiele möglicher Übungen Beobachten: Die Pferdeherde soll beobachtet werden. Dabei soll der Klient die Regeln bzgl. Rangordnung und Verhalten der Pferd kennen lernen. Freiarbeit: Im Longierzirkel wird die Freiarbeit mittels Körpersprache (z. B. von hinten treiben, von vorne bremsen) erfahren. Führarbeit: Im Gelände und im Hindernisparcours soll das Pferd geführt werden. Versorgen der Pferde: Die Pferde sollen gemeinsam, nach Absprache in der Peergroup, versorgt werden. Bei diesen Übungen können u. a. Selbständigkeit, Selbstwirksamkeit und das Übernehmen von Verantwortung in einem geschützten und begrenzten Rahmen erfahren werden. Die in den Beispielen aufgezählten Methoden sind jeweils austauschbar. Im Mittelpunkt steht immer der Vertrauensaufbau zum Pferd, der dem Vertrauen in die eigene Persönlichkeit vorausgeht, denn „bevor wir uns selber vertrauen können, müssen wir erst einem anderen vertrauen“ (Wilber 1991, 199). Pferde als Spiegel Ein weiterer Schwerpunkt im HBP ist die Arbeit mit Pferden als Spiegel der inneren Wahrheit der Klienten, losgelöst von fremdbestimmten Erwartungen und erlernten Verhaltensmustern. Ein Leitfaden hierzu ist die Begegnung mit den Lebensthemen Angst - Vertrauen und Kontrolle - Loslassen. Angst und Kontrolle haben hierbei die Aufgabe des Schützens, sie können aber auch Hinweise darauf geben, Hindernisse wahrzunehmen und zu transformieren. Unabhängig von Krankheitsbildern und Einschränkungen oder Behinderungen ermöglicht die Arbeit mit diesen Themen verschiedene Möglichkeiten der Weiterentwicklung. Im Folgenden wird die Hilfestellung durch das Pferd bei der Begleitung dieser Prozesse dargestellt: es werden symbolische Hindernisse mittels Pylonen, Tonnen und Stangen auf dem Sandplatz aufgebaut. In der Begleitung eines frei aus der Herde ausgesuchten Pferdes werden nun 34 | mup 1|2012 Forum: Brossard - Heilpädagogisches Begleiten mit dem Pferd nach der Brossard-Methode die „Probleme“ in gewohnter Manier angegangen. Das Pferd bewegt sich am langen Strick frei mit, ohne durch Führtechniken oder Einwirkungen durch Hilfsmittel in seinen Reaktionen beeinflusst zu werden. Beobachtet werden sowohl die Verhaltensmuster, die die Klienten beim Umgang mit Hindernissen zeigen, als auch die Reaktionen des Pferdes auf das Agieren des Klienten. Beispiele Eine 50-jährige Klientin, die immer wieder an den gleichen Problemen im Leben scheitert („sich im Kreis dreht“), sucht sich den Isländerwallach Yllur aus, das rangniederste Pferd, das sich als solches sehr aufdringlich und wenig respektvoll im Umgang mit Menschen verhält. Bevor die Klientin losgehen möchte, legt sich Yllur hin. Nach einigen energischen Aufforderungen steht er wieder auf. Die Klientin umkreist nun Runde um Runde das Hindernis, bis das Pferd schließlich stehen bleibt und das weitere Mitgehen verweigert. Im Gespräch stellt sich heraus, dass sie sich gegenüber im Alltag auftretenden Schwierigkeiten genauso verhält: am liebsten wegschauen, das Problem gar nicht erst zur Kenntnis nehmen und wenn eine Auseinandersetzung dann unumgänglich wird, versucht sie, darum herumzugehen, bis sie keine Kraft mehr hat und aufgibt. Im Weiteren werden nun die dahinterstehenden Glaubenssätze, Ängste, Widerstände, Abwehrmechanismen im gemeinsamen Gespräch herausgearbeitet, um zu erkennen, was in der frühen Kindheit überlebensnotwendig war, jetzt aber nicht mehr aktuell ist und aus ihrem Verhaltensrepertoire gestrichen werden kann. Jetzt erprobt die Klientin mit Yllur eine neue Strategie: Sie möchte die Hindernisse direkt und zügig überwinden. Kurz vor dem Überqueren der Stangen zögert sie, doch das Pferd tritt ruhig und bestimmt über die Hürden. Hier hat das Pferd gezeigt, dass die Klientin innerlich bereit ist und ihre Fähigkeiten zur direkten Problembewältigung deutlich wahrnimmt. Yllur hat dies in ihrer Körpersprache bereits erkannt und die indirekt gegebene Aufforderung umgesetzt. Genau so hat es die Klientin auch gespürt, ihr Zögern erklärt sich aus dem Ungewohnten und noch nicht Erprobten der neuen Situation. Sie hat ihre Ressourcen auch körperlich gespürt und innerlich eine Sicherheit empfunden. Die Reaktion des Pferdes macht ihre Fähigkeiten auch auf Verstandesebene nachvollziehbar. So wagt es die Klientin in ihrem Tempo und in dem geschützten Rahmen, sich ihren Problemen anzunähern, begleitet und unterstützt von den Reaktionen des Pferdes, an dem auch der Begleiter erkennen kann, was sich gerade in der Klientin abspielt. Aufstellungsarbeit mit Pferden Auch in der Fallsupervision kommt die Spiegelfunktion der Pferde zum Tragen: Der Begleiter, der ein Problem bzgl. seines Klienten anschauen möchte, z. B. ob mehr aktive Elemente in der Begegnung mit dem Pferd sinnvoll sind, stellt für sich selbst und seinen Klienten je einen Stellvertreter auf. Der Stellvertreter des Klienten nimmt ein Pferd nach eigener Wahl mit in Forum: Brossard - Heilpädagogisches Begleiten mit dem Pferd nach der Brossard-Methode mup 1|2012 | 35 das Setting hinein. Ohne Angaben für eine bestimmte Aufgabenstellung wird nun die freie Interaktion der drei beobachtet. Am Verhalten des Pferdes und der Reaktion des Klienten bzw. seines Stellvertreters können dessen Bedürfnisse abgelesen werden. Wendet das Pferd seine Aufmerksamkeit, vielleicht auch mit Körperkontakt, zum Klienten und dieser erwidert diese Kontaktaufnahme und genießt sie über einen längeren Zeitraum, entspricht das den Bedürfnissen des Klienten nach Nähe und Angenommensein (zusätzliche aktive Elemente sind nicht erforderlich). Wenn sich auch der Stellvertreter des Begleiters in dieser Situation wohl gefühlt hat, bestätigt dies das Ergebnis. Im Mittelpunkt dieser Ausführungen stand die Begegnung mit dem Pferd vom Boden aus als einer der Hauptintentionen des HBP: Dem Begleiten des Aufbaus einer von Vertrauen getragenen verlässlichen Beziehung zum Pferd als Angebot, Selbstheilungsprozesse zu aktivieren, d. h. den Klienten zusammen mit dem Pferd zu sich selbst hin führen (zu einer verstehenden, annehmenden, versöhnenden Haltung, die ihm eine liebevolle Beziehung zu sich selbst ermöglicht). Raum und Mut haben zum Sein, gestaltete Stille, sich erkennen im Spiegel der Pferde, freie Begegnung mit diesen annehmenden, nicht wertenden Wesen: die Achtsamkeit lässt diese Beziehung zum Erlebnis werden, es bedarf nicht mehr viel äußeren Tuns. Innen und außen können sich verbinden, und gestaute Lebensprozesse kommen so wieder ins Fließen. Die Pferde Das Schlusswort ist den Pferden, den wichtigsten Partnern im HBP, gewidmet. Mit ihrer Achtsamkeit, ihrer Präsenz im Hier und Jetzt, ihrer Klarheit und in ihrem nicht wertenden Annehmen dessen, was gerade ist, geben sie Schutz, Geborgenheit und Orientierung und bieten damit die Basis zu einer vertrauensvollen Beziehung. Sie fordern Ehrlichkeit, Respekt, Mitgefühl und Authentizität. Sie begegnen uns ohne Absicht, ohne Erwartungsdruck. Pferde führen in Bereiche der Entwicklung, des Bewusstseins und des Wachstums, indem sie helfen, die unerwünschten und verdrängten Gefühle wieder zu erleben und zu integrieren, das eigene Selbstverständnis wieder wahrzunehmen und zu spüren. Dies anzuleiten ist das eigentliche Anliegen der Brossard-Methode des Heilpädagogischen Begleitens mit dem Pferd. Literatur ■ Bowlby, J. (2010): Bindung als sichere Basis. 2. Aufl. Ernst Reinhardt, München ■ Maslow, A. H. (1973): Psychologie des Seins. Kindler, Berlin ■ Schore, A. N. (2009): Affektregulation. Klett- Cotta, Stuttgart ■ Wilber, K. (1991): Das Spektrum des Bewusstseins. Rowohlt, Hamburg Die Autorin Monika Brossard Jg. 1952; Dipl. Sozialpädagogin (FH), Zusatzqualifikationen: Dipl. Reitpädagogin (SG-TR), Reittherapeutin (SG-TR), Kinesiologie, Klinische Seelsorge, Atemtherapie, Imagination, Meditation, NLP-Master (DV NLP), Systemische Familienstellung, Focusing, Seminarleiterin für Stressbewältigung am IEK Stuttgart Anschrift: Monika Brossard · Lukashof · Innerthann 3 D-83104 Tuntenhausen / Rosenheim 08065 / 9068833 · monikabrossard@onlinehome.de