eJournals mensch & pferd international4/3

mensch & pferd international
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1867-6456
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mup2012.art06d
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HFP bei Kindern mit Komplexer Behinderung

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Kathrin Schäffer
Ziel dieses Artikels ist der Vergleich unterschiedlicher Förderkonzepte im Bereich Komplexer Behinderung sowie der Transfer ihrer grundlegenden Förderziele auf die Heilpäd­ago­gische Förderung mit dem Pferd. Gibt es Schnittstellen, die den Einsatz des Pferdes zur heilpäd­ago­gischen Förderung mit Kindern dieser Zielgruppe rechtfertigen? Welche grundlegenden Förderziele werden durch etablierte, aber auch aktuelle Förderkonzepte verfolgt, und finden sich diese auch in der Förderung mit dem Pferd wieder?
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mup 3|2012|117-123|© Ernst Reinhardt Verlag München Basel, DOI 10.2378/ mup2012.art06d | 117 Kathrin Schäffer HFP bei Kindern mit Komplexer Behinderung Ziel dieses Artikels ist der Vergleich unterschiedlicher Förderkonzepte im Bereich Komplexer Behinderung sowie der Transfer ihrer grundlegenden Förderziele auf die Heilpädagogische Förderung mit dem Pferd. Gibt es Schnittstellen, die den Einsatz des Pferdes zur heilpädagogischen Förderung mit Kindern dieser Zielgruppe rechtfertigen? Welche grundlegenden Förderziele werden durch etablierte, aber auch aktuelle Förderkonzepte verfolgt, und finden sich diese auch in der Förderung mit dem Pferd wieder? Schlüsselbegriffe: Komplexe Behinderung, Beziehung, Kommunikation, Wahrnehmung, Basale Kommunikation, Basale Stimulation, Integratives Sport- und Bewegungskonzept 118 | mup 3|2012 Schäffer - HFP bei Kindern mit Komplexer Behinderung Zielgruppe: Kinder mit Komplexer Behinderung Der Terminus „Komplexe Behinderung“ ersetzt die im deutschen Sprachgebrauch üblichen Begriffe „schwerste Behinderung“ oder „Schwerstmehrfachbehinderung“. In der Regel stellt Komplexe Behinderung eine Mehrfachbehinderung dar, die gekennzeichnet ist durch die Kombination bzw. das gemeinsame Auftreten unterschiedlicher Beeinträchtigungen wie z. B. motorischen und sensorischen Behinderungen, cerebralen Anfallsleiden oder organischen Erkrankungen im Zusammenhang mit einer geistigen Behinderung. Der insbesondere durch Fornefeld (2008, 50 f) propagierte Begriff soll im Gegensatz zu bisherigen Beschreibungen dieser Zielgruppe der Gefahr von Stigmatisierung, Pathologisierung und Defizitorientierung entgegenwirken und eine Aufwertung und Anerkennung des betroffenen Personenkreises erzielen. Bezogen auf den Einsatz des Pferdes bei dieser Zielgruppe gelten die allgemeinen Kontraindikationen der HFP (Seide 2009). Letztendlich ist die Entscheidung für oder gegen das Reiten im Einzelfall jedoch stets ärztlich abzuklären. Transfer ausgewählter Förderkonzepte auf die HFP Die aktuelle Förderlandschaft der Schwerstbehindertenpädagogik beinhaltet eine Vielzahl an unterschiedlichen, vorwiegend körperorientierten bzw. körpernahen Förderkonzepten. Folgende bereits bestehende Konzepte erscheinen für einen Transfer grundlegender Förderziele auf die HFP als sehr geeignet: ■ das Konzept der Basalen Stimulation nach Fröhlich (2003) ■ das Konzept der Basalen Kommunikation nach Mall (2008) ■ das Integrative Sport- und Bewegungskonzept für Menschen mit sehr schweren Behinderungen nach Fath (2005) Insgesamt besitzen alle Konzepte eine gewisse inhaltliche Nähe zueinander und sind somit ergänzend nebeneinander zu stellen - erstens hinsichtlich der Betonung des Prinzips der Ganzheitlichkeit sowie zweitens der körpernahen Förderung und Anregung. Nach Fath (2005, 148) gilt der Körper als Mittelpunkt menschlicher Existenz, über den der Mensch in der Lage ist, „mit der Umwelt in Kontakt zu treten, wahrzunehmen, zu fühlen, zu denken und zu handeln“. Auch Fröhlich (2003, 16) zufolge ist die Welt bzw. das Erleben von Menschen mit schwerster Behinderung auf die „unmittelbare Körpersphäre“ fokussiert bzw. stellt ein „ganzheitlich körperlich-seelisches Erleben“ dar. Er geht davon aus, dass mittels des Körpers erste Beziehungen zur sozialen wie materiellen Umwelt geknüpft werden, und dadurch ein „primärer Wechselwirkungsprozess“ zwischen „Ich“ und „Welt“ entsteht. Aufgabe von Förderung sei daher, eine behinderungsbedingte kommunikative und sensorische Isolation zu überwinden und mit einfachsten sensorischen Angeboten dem betreffenden Menschen zu helfen, sich selbst, den eigenen Körper und dessen Möglichkeiten zu entdecken und wahrzunehmen (S. 178 f). Ebenso wird durch Mall (2008) eine körpernahe Anregung und Zugangsweise gegenüber Menschen mit Komplexer Behinderung postuliert. Anhand von Bewegungen, Körperhaltung, Muskelspannung und Atemrhythmus soll der Mensch mit Komplexer Behinderung in direkter, körperhafter Weise „angesprochen“ und zu Kontaktaufnahme und Kommunikation ermutigt werden (S. 79). Durch alle Konzepte wird die Ganzheitlichkeit menschlicher Entwicklungsprozesse betont. Im Hinblick auf Entwicklung ist von einem holistischen Prozess auszugehen, „der nicht nur den ganzen Menschen in allen seinen Einzelaspekten, mit Leib und Seele betrifft, sondern auch, nicht aus dem Umfeld zu lösen ist, in dem er Alle Konzepte betonen das Prinzip der Ganzheitlichkeit sowie der körpernahen Förderung. Schäffer - HFP bei Kindern mit Komplexer Behinderung mup 3|2012 | 119 stattfindet“ (Mall 2008, 39; Fröhlich 2003, 259). Mit Blick auf die Ganzheitlichkeit von Entwicklungsverläufen sollen funktions- und symptomorientierte Übungen ausgeschlossen, der Mensch mit Komplexer Behinderung hingegen als „ganzer Mensch“ und mit all seinen Sinnen angesprochen werden (Fath 2005, 196). Überblickartig zusammengefasst erscheinen insgesamt folgende Elemente zur Übertragung auf die Förderung mit dem Pferd als relevant: Basale Stimulation ■ die Vermittlung basaler Wahrnehmungserfahrungen, welche an pränatale, intrauterine Erfahrungen anknüpfen ■ die Anregung grundlegender Wahrnehmungsbereiche, d. h. der somatischen, vestibulären und vibratorischen Wahrnehmung ■ die Berücksichtigung methodischer Prinzipien wie Symmetrie, Wechsel von Spannung und Entspannung, sowie Rhythmisierung der Atmung ■ die Vermittlung primärer, elementarer Bewegungs- und Körpererfahrungen Basale Kommunikation ■ die Vermittlung uneingeschränkter, unvoreingenommener Akzeptanz des Kindes als Grundlage eines gelingenden Beziehungsaufbaus ■ die Anknüpfung an frühe Kommunikationserfahrungen im Säuglings- und Kleinkindalter ■ das Eingehen eines wechselseitigen Austausches körperlicher Signale wie Atemrhythmus, Muskeltonus, Körperhaltung und Bewegung Integratives Sport- und Bewegungskonzept ■ die Vermittlung grundlegender Wahrnehmungserfahrungen ■ die Vermittlung von Körper- und Materialerfahrung (Körperanregung) ■ die Vermittlung von Bewegungserlebnissen über ein „Bewegtwerden“ (passives Bewegungserleben) ■ die Unterstützung und Anregung von Körperkontrolle und Eigenbewegung (aktives Bewegungserleben) (Fath 2005, 188) Entwicklungsbereiche, welche durch die aufgeführten Konzepte hauptsächlich in den Fokus von Förderung gestellt werden, sind dementsprechend: Beziehung, Kommunikation, Wahrnehmung und Bewegung. Beziehung Im Hinblick auf die Förderung von Menschen mit Komplexer Behinderung wird innerhalb aller drei Konzepte die Bedeutsamkeit eines gelingenden Beziehungsaufbaus betont (Fröhlich 2003, 27 f; Mall 1984, 6; Fath 2005, 210). Entscheidend ist dieser für den Aufbau eines Gefühls von emotionaler und sozialer Sicherheit, auf dessen Basis weitere Entwicklungsschritte vollzogen werden können. Haupt (2006, 156) betont, „ohne verlässliche, feinfühlige und zugewandte Bezogenheit fehlt gerade sehr schwer behinderten Kindern die Grundvoraussetzung für Lernen und Entwicklung“. Bei Kindern mit Komplexer Behinderung (in der HFP) sei daher immer der Aufbau und die Gestaltung einer sensiblen, angemessenen und tragfähigen Beziehung in den Mittelpunkt zu stellen. Voraussetzung dafür stelle sowohl die Vermittlung des Gefühls unvoreingenommener und vollkommener Akzeptanz des Kindes dar als auch nach Mall (1984, 6) und nach Haupt (2006, 195) die „Echtheit der Begegnung“. Bezugspersonen oder Therapeuten rät Mall (2008, 53) zu einem bewussteren Umgang mit dem eigenen ganzkörperlichen Ausdrucksverhalten. Dem Pferd ist diese „Echtheit“ des Verhaltens bereits naturgemäß gegeben. Sie kann damit in der Förderung von Kindern mit Komplexer Behin- 120 | mup 3|2012 Schäffer - HFP bei Kindern mit Komplexer Behinderung In der Förderung mit dem Pferd können diese frühen Kommunikationserfahrungen erneut aufgegriffen bzw. angebahnt werden. Der wechselseitige Austausch feinster körperlicher Signale wie Atemrhythmus, Muskeltonus, Körperhaltung und Bewegung, welcher den Kern des Konzepts der Basalen Kommunikation nach Mall (2008) bildet, findet auch im Bewegungsdialog mit dem Pferd statt. Im direkten Körperkontakt, der Übertragung von Körperwärme und dem Erspüren des Atemrhythmus des Tieres, wird das Pferd „hautnah spürbar“. Des Weiteren wird sowohl von Fröhlich (2003) als auch von Mall (2008) die Erfahrung von Selbstwirksamkeit und Eigeninitiative bzw. das Erleben einer „passenden Antwort“ auf das eigene Verhalten als ein grundlegendes Entwicklungsprinzip in der Förderung von Kindern mit Komplexer Behinderung aufgefasst. Fröhlich (2003, 30 f) verweist in diesem Zusammenhang auf das hohe Maß an Fremdbestimmung, welches Menschen dieser Zielgruppe in der Regel erfahren. Er betont die Wichtigkeit des Ernstnehmens von Willensbekundungen des Kindes. In der konkreten Fördersituation mit dem Pferd könnte beispielsweise über die Entwicklung eines Zeichens oder Lautes für das Losgehen des Pferdes diese Selbstwirksamkeit dem Kind erfahrbar gemacht und gezielt verstärkt werden. Auch im Hinblick auf eine mögliche Sprachanbahnung erscheint diese Erfahrung bedeutsam. Anhand des konkreten Handlungsbezuges durch die Reaktion des Pferdes auf das sprachliche Signal können so Sinn und Symbolgehalt von Wörtern verdeutlicht werden (Struck / Gultom-Happe 2006, 25). Wahrnehmung Als weiterer zentraler Ansatzpunkt in der Förderung von Kindern mit Komplexer Behinderung gilt sowohl Fröhlich (2003, 179) als auch Fath (2005, 189) zufolge die Vermittlung unterschiedlicher, basaler Wahrnehmungserlebnisse. Wichtig ist zu betonen, dass Wahrnehmung nicht allein auf die Aufnahme verschiedener Sinneseindrücke (Perzeption) rederung als Grundlage für ein Gefühl des bedingungslosen Angenommenseins sowie als Basis für den Aufbau einer tragfähigen Beziehung genutzt werden. Während der Mensch verbal anderes ausdrücken kann, als seine Körpersprache verrät, sind diese „double-bind-Situationen“ dem Pferd nicht möglich. Sein artgerechtes Verhalten ist stets authentisch und unvoreingenommen (Morgenegg 2009, 150). Zudem lässt das Pferd, anders als im alltäglichen, zwischenmenschlichen Bereich, eine Form der Intimität und Nähe zu, welche bezogen auf Letzteren strengen kulturellen Normen unterliegt (Mall 2008, 63 f; Voßberg 2010, 178). Einerseits gestattet es die Aufnahme von Kontakt seitens des Menschen (z. B. Streicheln, Anlehnen, Draufsetzen), andererseits signalisiert es von sich aus Zuwendung und Interesse durch Beschnuppern oder Berührungen. Das Erfühlen und Ertasten von Fell oder Mähne des Pferdes sowie das Erspüren von dessen Körperwärme wird zum emotionalen Erlebnis, wie Voßberg (2010, 178) feststellt: „Ein anderes Lebewesen so nah zu erleben, dass man dessen Körperwärme unmittelbar spürt, ist emotionale Beziehung und damit Zuwendung schlechthin.“ Kommunikation In enger Verbindung mit dem Eingehen einer Beziehung steht zudem die Fähigkeit zur Kommunikation, welche ihren Anfang bereits in vorgeburtlicher Zeit findet (Mall 2008, 46). „Ungeborene Kinder nehmen wahr und ändern ihr Verhalten, je nachdem was sie wahrgenommen haben; sie nehmen Kontakt auf, beeinflussen ihre Umwelt, gehen wechselseitige Kommunikation ein; sie sind aktive Partner in der Kommunikation und leben in einer einmaligen Beziehungssituation“ (Wieczorek 2002, 65). Auch nach der Geburt bleibt dieser körpernahe Dialog zwischen Mutter und Kind erhalten (S. 72 f). Bezeichnet wird dieser frühe Dialog auch als „tonischer Dialog“ bzw. „Bewegungsdialog“, welcher nach Schulz (2005, 27) für das Kind die Grundlage zur Entwicklung eines Vertrauens in sich selbst und gegenüber „der Welt“ bildet. Schäffer - HFP bei Kindern mit Komplexer Behinderung mup 3|2012 | 121 von Symmetrie eine unnachahmliche Wirkung der Pferdebewegung auf den Menschen dar. Über den „rhythmischen Wechsel von Rechts-Linksbewegungsimpulsen“ des Pferderückens werden gleichermaßen rechte und linke Körperhälfte angeregt und bewegt (S. 32). Auch Wechsel zwischen Spannung und Entspannung können auf dem Pferd konkret erlebbar gemacht werden. Nicht nur das An- und Abspannen der Rückenmuskulatur des Pferdes in der Bewegung ist spürbar, sondern auch gezielte Entspannungsphasen wie das Liegen auf dem Pferderücken oder Phasen des Spannungsaufbaus (z. B. durch kurze Trabreprisen) sind möglich. Ebenso sind nach Strauß (2008) Einflüsse auf eine verbesserte Rhythmisierung der Atmung in der Förderung mit dem Pferd festzustellen. „Das Fließen des Atems wird über die rhythmische Pferdebewegung reguliert und ökonomisiert. Der Atemvorgang lässt sich über die Muskulatur von Brust-, Beckenraum und Zwerchfell beeinflussen“ (S. 31). Vestibuläre Wahrnehmung Hinsichtlich der Stimulation der vestibulären Wahrnehmung stellt das Getragenwerden durch das Pferd vermutlich eine einmalige Situation dar (Strauß 2008, 45). Neben der Bewegungsübertragung über den Pferderücken, die ein ständiges Anpassen seitens des Kindes erfordert, wird das Finden des Gleichgewichts und das Halten von Balance auch durch den Effekt des „Unter-den-Schwerpunkt-Tretens“ des Pferdes (im Sinne eines „Biofeedbacks“) unterstützt (Klüwer 2005, 16 f). Durch den Wechsel zwischen Anhalten und erneutem Antreten sowie Tempo- und Richtungswechsel, d. h. durch gezielte Einbeziehung unterschiedlich wirkender Kräfte (Beschleunigungs-, Brems- und Zentrifugalkraft), kann zudem die Dosierung der Bewegungsimpulse des Pferdes verändert und eine Steigerung der Gleichgewichtsstimulation herbeigeführt werden (Strauß 2008, 43). Gleiches gilt auch für Änderungen von Sitz- und Liegepositionen des Kindes auf dem Pferderücken. duziert werden darf, sondern auch die subjektive Bedeutsamkeit einzelner Wahrnehmungsinhalte beachtet werden muss (Fischer 2006, 98 f). Fröhlich (2003, 256) weist darauf hin, dass Förderung im Bereich „Wahrnehmung“ somit keineswegs eine passive „Berieselung“ darstellen dürfe, sondern konsequent in eine „allgemeine Aktivierung“ münden müsse. In der Förderung mit dem Pferd erscheint eine „passive Berieselung“ unmöglich. Einerseits erfordert das Sitzen oder Liegen auf dem Pferderücken eine ständige Anpassung an die Pferdebewegung, zum anderen „antwortet“ das Pferd auf die Reaktionen des Kindes und lädt zum aktiven Dialog ein. Grundsätzlich bietet der Einsatz des Pferdes zahlreiche, vielfältige Wahrnehmungsmöglichkeiten, welche zudem in einem konkreten Handlungs- und Bedeutungszusammenhang zueinander stehen. In Analogie zu Fröhlichs (2003) Differenzierung des komplexen Bereichs der Wahrnehmung in somatische, vestibuläre und vibratorische Wahrnehmung lassen sich diese wie folgt konkretisieren: Somatische Wahrnehmung Mit dem Ziel der Ausdifferenzierung des Körperschemas und der Körperwahrnehmung bildet die Anregung der somatischen Wahrnehmung einen Grundstein in der Förderung von Kindern mit Komplexer Behinderung (Fröhlich 2003, 197 f). Der Einsatz des Pferdes bietet in dieser Hinsicht eine Vielzahl unterschiedlicher taktiler Wahrnehmungsmöglichkeiten, anhand derer die Haut als „Grenze“ des eigenen Körpers erlebbar werden kann. Zu nennen sind beispielsweise die Wahrnehmung der Beschaffenheit von Fell, Mähne und Schweif oder der Körperwärme des Pferdes. Als methodische Grundprinzipien somatischer Anregung führt Fröhlich (S. 193 f) „Symmetrie“, „Wechsel von Spannung und Entspannung“ sowie „Rhythmisierung der Atmung“ an. Im Sitzen oder Liegen auf dem Pferd werden stets beide Körperhälften beansprucht, die Förderung auf dem Pferd ist daher immer symmetrisch. Nach Strauß (2008, 32) stellt die Einübung 122 | mup 3|2012 Schäffer - HFP bei Kindern mit Komplexer Behinderung cherlich Bewegungen wie Streicheln, Liebkosen, Kraulen oder Umarmen des Pferdes, gleichzeitig aber auch der auf das Pferd bezugnehmende Einsatz unterschiedlicher Materialien und Übungen, beispielsweise das „Putzen“ des Pferdes vom Pferderücken aus, das Rollen eines Balls über das Pferd oder das gezielte Berühren verschiedener Körperteile des Pferdes (Ohren, Hals, Kruppe etc.). Des Weiteren können über das Lehnen in eine bestimmte Richtung Haltungs- und Positionsänderungen seitens des Kindes selbst initiiert und angeregt werden. Dem Kind mit Komplexer Behinderung wird es somit möglich, selbst Einfluss auf Haltungs- und Lagepositionen zu nehmen und eine gewisse Form der Eigenaktivität und Eigeninitiative zu erfahren. Zudem beinhaltet das Getragenwerden durch das Pferd Einflüsse auf eher funktionale Bewegungsaspekte. Zu nennen sind diesbezüglich Tonusregulation, Mundmotorik, Rumpfbalance und Kopfkontrolle sowie die Mobilisation von Gelenken (Strauß 2008, 34). Schlussbemerkungen Während sich die Förderung mit dem Pferd bei Kindern mit Komplexer Behinderung in der Praxis vielfach bewährt hat, scheint auch der Versuch gelungen, durch den Transfer der Konzepte Basale Stimulation, Basale Kommunikation und das Integrative Sport- und Bewegungskonzept konzeptionelle Grundlagen für die HFP mit dieser Zielgruppe herauszuarbeiten. So lassen sich in den Bereichen Beziehung, Kommunikation, Wahrnehmung und Bewegung vielfältige Schnittstellen zwischen den ausgewählten Konzepten und der Förderung mit dem Pferd feststellen. Aufgrund seiner spezifischen Wirkmomente wie beispielsweise der Bewegungsübertragung, dem antwortenden Verhalten und dem daraus entstehenden Bewegungsdialog bietet das Pferd unterschiedliche Wahrnehmungs-, Bewegungs- und Kommunikationsanreize, die auch in den dargestellten Ansätzen zur Förderung von Menschen mit Komplexer Behinderung angestrebt werden. Über den Beziehungsaufbau zum Pferd, auf der Basis seines hohen Vibratorische Wahrnehmung Fröhlich (2003, 208f) zufolge stehen vibratorische Angebote in enger Beziehung zum Hören, zur Atmung, Stimmproduktion und propriozeptiven Wahrnehmung. Sie sollen an pränatale Schwingungsemfindungen anknüpfen und das Körpergefühl des betreffenden Kindes verbessern. Exemplarisch führt Fröhlich (2003) an, dass Kinder, die im Kinderwagen über unebenen Untergrund gefahren werden, eine vermehrte Lautbildung zeigen. Ähnliches ist auch in der Förderung mit dem Pferd zu beobachten. So konnte festgestellt werden, dass bei nichtsprechenden Kindern insbesondere in der Gangart Trab eine Zunahme des Lautierens zu verzeichnen ist (Struck/ Gultom-Happe 2006, 25). Weitere Vibrationserfahrungen können zudem z. B. über Schütteln, Schnauben, Wiehern, Atmung oder Hufschlag des Pferdes vermittelt werden. Bewegung Eine eingeschränkte Bewegungsfähigkeit, welche u. U. mit Komplexer Behinderung einhergeht, stört nach Fröhlich (2003, 59) wichtige Wahrnehmungserfahrungen und Austauschprozesse mit der Umwelt und beeinträchtigt den Aufbau grundlegender Handlungsschemata, die nur in der konkreten Handlungssituation, d. h. auf der Basis von Eigenaktivität und Wahrnehmung erworben werden können. Beeinträchtigungen der Bewegungsfähigkeit kommen nach Fröhlich (2003) einem Autonomieverlust gleich. Auch das Selbsterleben des Menschen mit Komplexer Behinderung, die Kommunikationsfähigkeit sowie der Aufbau sozialer Kontakte, können aufgrund einer eingeschränkten Bewegungsfähigkeit erheblich beeinträchtigt sein. Nach Fath (2005, 158) hat dies „nicht nur gravierende Folgen für die Motorik und den Körper, sondern für die gesamte menschliche Entwicklung“. Neben dem eher passiven Bewegungserleben über das „Bewegtwerden“ durch das Pferd bietet es zahlreiche unterschiedliche Bewegungserlebnisse, die das Kind zur vermehrten Eigenaktivität und zur selbstständigen Bewegung motivieren und anregen. Anzuführen sind an dieser Stelle si- Schäffer - HFP bei Kindern mit Komplexer Behinderung mup 3|2012 | 123 und Voltigieren. 4. Aufl. Ernst Reinhardt, München / Basel, 150-159 ■ Seide, B. (2009): Indikationen und Kontraindikationen beim Heilpädagogischen / Therapeutischen Reiten. In: Gäng, M. (Hrsg.): Ausbildung und Praxisfelder im Heilpädagogischen Reiten und Voltigieren. 4. Aufl. Ernst Reinhardt, München / Basel, 200-227 ■ Schulz, M. (2005): Betrachtungen zu Dimensionen der Bewegung aus heilpädagogischpsychomotorischer Sicht. In: Deutsches Kuratorium für Therapeutisches Reiten (Hrsg.): Heilpädagogisches Voltigieren und Reiten - Grundlagen -. 3. Aufl. Rolf Ehlers, Warendorf, 26-31 ■ Strauß, I. (2008): Hippotherapie. Physiotherapie mit und auf dem Pferd, 4. Aufl. Thieme, Stuttgart ■ Struck, H., Gultom-Happe, T. (2006): Frühe Förderung mit Hilfe des Pferdes bei geistig behinderten und entwicklungsverzögerten Kindern. In: Kaune, W. (Hrsg.): Das Heilpädagogische Voltigieren und Reiten für Menschen mit geistiger Behinderung. 4. Aufl. FN, Warendorf, 22-46 ■ Voßberg, J. (2010): Anbahnung und Gestaltung positiver Beziehungen mit Kleinpferden. In: Gäng, M. (Hrsg.): Heilpädagogisches Reiten und Voltigieren, 6. Aufl. Ernst Reinhardt, München / Basel, 169-197 ■ Wieczorek, M. (2002): Individualität und schwerste Behinderung. Ein Beitrag zum Verstehen und Anregungen zur Entwicklungsbegleitung. Julius Klinkhardt, Bad Heilbrunn Aufforderungscharakters und artgerechten Verhaltens, wird das Gefühl emotionaler Sicherheit, uneingeschränkter Akzeptanz und Angenommensein angesprochen. Diese Ganzheitlichkeit der Wirkungen des Pferdes auf den Menschen, entspricht so den Vorstellungen einer ganzheitlichen Entwicklung und Förderung, wie sie durch die ausgewählten Ansätze dargestellt wird. Literatur ■ Fath, K. (2005): Verhaltensauffälligkeiten und Bewegungstherapie bei Menschen mit sehr schweren Behinderungen. Theoretische Grundlagen, Praxiskonzepte und Evaluation. Lebenshilfe, Marburg ■ Fischer, E. (2006): „Wahrnehmen“, Sinn stiften und Basale Stimulation - ein Widerspruch? In: Laubenstein, D., Lamers, W., Heinen, N. (Hrsg.): Basale Stimulation: kritisch-konstruktiv. selbstbestimmtes Leben, Düsseldorf, 91-112 ■ Fornefeld, B. (2008): Menschen mit Komplexer Behinderung - Klärung des Begriffs. In: Fornefeld, B. (Hrsg.): Menschen mit Komplexer Behinderung. Selbstverständnis und Aufgaben der Behindertenpädagogik. Ernst Reinhardt, München / Basel, 50-81 ■ Fröhlich, A. (2003): Basale Stimulation: das Konzept. 4. Aufl. selbstbestimmtes Leben, Düsseldorf ■ Haupt, U. (2006): Wie Lernen beginnt. Grundfragen der Entwicklung und Förderung schwer behinderter Kinder. W. Kohlhammer, Stuttgart ■ Klüwer, B. (2005): Selbsterfahrung auf dem Pferd. In: Fachgruppe Arbeit mit dem Pferd in der Psychotherapie & Deutsches Kuratorium für Therapeutisches Reiten (Hrsg.): Psychotherapie mit dem Pferd. Beiträge aus der Praxis. FN, Warendorf, 10-19 ■ Mall, W. (1984): Basale Kommunikation - ein Weg zum andern. Zugang finden zu schwer geistig behinderten Menschen. Geistige Behinderung 1. Für die Praxis, 1-16 ■ Mall, W. (2008): Kommunikation ohne Voraussetzungen mit Menschen mit schwersten Beeinträchtigungen. Ein Werkheft. 6. Aufl. Winter Heidelberg „Edition S“, Heidelberg ■ Morgenegg, S. (2009): Einblicke in das Heilpädagogische Reiten mit blinden und sehbehinderten Kindern. In: Gäng, M. (Hrsg.): Ausbildung und Praxisfelder im Heilpädagogischen Reiten Die Autorin Kathrin Schäffer Jg. 1984; Dipl. Pädagogin, Voltigierpädagogin (DKThR), Zusatzqualifikation Sprachheilpädagogik (2010), seit 2003 beim Zentrum für Therapeutisches Reiten der Werkstätten der AWO Dortmund in Lünen Anschrift: Kathrin Schäffer · Dorneystr. 45 D-58454 Witten · schaeffer.kathrin@gmx.de