mensch & pferd international
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Forum: Reiten als Gesundheitssport
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Catja Winter
Forum: Reiten als Gesundheitssport
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mup 2|2013|89-92|© Ernst Reinhardt Verlag München Basel | 89 Forum Reiten als Gesundheitssport Catja Winter Warum Gesundheitssport? Gesundheitspolitisch sind die Folgen von zunehmenden Bewegungsmangel, Fehl- und Überernährung, Stress und sozialem Druck mit all ihren Folgen schwerwiegend. Für den Einzelnen können sie eine deutliche Reduktion der Lebensqualität und unter Umständen auch der Lebenserwartung bedeuten. Um diesbezügliche Risikofaktoren zu vermindern, sollte regelmäßige sportliche Betätigung so früh wie möglich ein selbstverständlicher Bestandteil des Alltags werden. Physische, psychische und soziale Gesundheit stärken Neben der Steigerung der sportlichen Leistung rückt daher im organisierten Sport die Förderung von Gesundheit und Wohlbefinden immer mehr in den Fokus. Dabei verfolgen die verschiedenen Gesundheitssportprogramme ganzheitliche Ziele und basieren auf einem modernen Verständnis von Gesundheitsförderung (New Public Health). Die Angebote wollen nicht nur der Prävention dienen, also Erkrankungen oder Störungen im Vorfeld verhindern helfen, sie konzentrieren sich auch darauf, die Gesundheitskompetenz des einzelnen Teilnehmers auszubilden und zu stärken. Der ganzheitliche Ansatz umfasst dabei sowohl die physische (körperliche), psychische (seelische) als auch die soziale Gesundheit (intakte Beziehungen zur Umwelt). Um eine Einheitlichkeit in den angestrebten Gesundheitswirkungen der Sportprogramme zu erhalten, wurden für den Gesundheitssport sechs Kernziele vorgegeben (Brehm / Bös 2003). 90 | mup 2|2013 Forum: Winter - Reiten als Gesundheitssport Kernziele für den Gesundheitssport Kernziel 1: Stärkung von physischen Gesundheitsressourcen Ziel ist es, insbesondere die körperlichen Eigenschaften zu stärken, die zur Gesunderhaltung beitragen. Beispielsweise hat ein regelmäßiges Ausdauertraining deutliche gesundheitswirksame Effekte hinsichtlich des Auftretens von Herz- Kreislauf-Erkrankungen. Die Verbesserung von Kraft, Dehnfähigkeit und Koordination beugt dem Auftreten von Rückenschmerzen vor. Kernziel 2: Stärkung von psychosozialen Gesundheitsressourcen Sportliche Aktivität kann auf der emotionalen Ebene zu einer direkten Steigerung des Wohlbefindens beitragen. Angestrebt werden der Aufbau eines positiven Körperkonzepts sowie die Vermittlung von Wissen über die vielfältigen Möglichkeiten und Wirkungen körperlicher Aktivitäten. Kernziel 3: Verminderung von Risikofaktoren Gesundheitssportliche Maßnahmen wirken über das körperliche Training direkt auf den Fettstoffwechsel, den Blutzucker, das Übergewicht oder das Immunsystem. Dies gilt auch für muskuläre Störungen. Körperliche Aktivität wirkt sich dadurch vorbeugend auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Osteoporose, Krebserkrankungen u. a. m. aus. Kernziel 4: Bewältigung von Beschwerden und Missbefinden Gesundheitssportliche Aktivitäten können zum Beispiel über die Verbesserung der Muskelkraft dabei helfen, bestimmte gesundheitliche Probleme wie z. B. Rückenschmerzen zu bewältigen. Die Stimmungsverbesserung bei und nach entsprechend gestalteter sportlicher Aktivität kann zudem zu einer Verbesserung des Wohlbefindens und zu einer positiveren Bewertung des eigenen Gesundheitszustandes führen (z. B. geben viele Teilnehmer eine in diesem Zusammenhang erzielte Reduktion der sonst erforderlichen Medikamenteneinnahme an). Kernziel 5: Aufbau von Bindung an gesundheitssportliche Aktivität Bindung bedeutet die regelmäßige Teilnahme am Gesundheitssport. Darüber hinaus führt regelmäßige sportliche Aktivität zu vielfältigen direkten gesundheitswirksamen Anpassungen des gesamten Lebensstils (Ernährung, Entspannung, Freizeitaktivitäten etc.). Langfristiges Dabeibleiben ist deshalb eine zentrale Zielsetzung gesundheitssportlicher Aktivitäten im Sinne der Herausbildung eines gesunden Lebensstils. Kernziel 6: Verbesserung der Bewegungsverhältnisse Eine bewegungsbezogene Gesundheitsförderung muss auch die Lebensverhältnisse, insbesondere die Bewegungsmöglichkeiten der Bevölkerung berücksichtigen. Profilierte Gesundheitssportangebote, qualifizierte Übungsleiterinnen und Übungsleiter, adäquate Räumlichkeiten und Geräte, kommunale Vernetzungen und Kooperationen sowie eine Qualitätssicherung in Bezug auf die Maßnahmen sind hier zielführend. (Brehm / Bös 2003) Gesundheitssport, der den Qualitätskriterien des DOSB entspricht, kann mit dem Gütesiegel „Sport pro Gesundheit“ zertifiziert werden und ist damit eine durch die Krankenkassen förderungsfähige Leistung der Primärprävention. Was ist Reiten als Gesundheitssport? Das Pferd als „Personal Trainer“ Die speziellen Angebote rund um das Reiten als Gesundheitssport sollen interessierte Menschen auf ihrem Weg zu einem aktiveren Leben begleiten und nachhaltig positive Verhaltensänderungen erreichen - es geht vordergründig nicht um das Erlernen der Sportart Reiten, sondern um die Ausschöpfung seiner gesundheitsfördernden Wirkungen. Im Vergleich zu anderen Sportarten steht hier als besonderer Anreiz der „Trainingspartner“ Pferd zur Verfügung, der vor allem für Kinder und Jugendliche, aber auch im Erwachsenenbereich einen hohen Motivationsfaktor Forum: Winter - Reiten als Gesundheitssport mup 2|2013 | 91 darstellt. Eine spürbare Verbesserung des allgemeinen Wohlbefindens und die Freude auf den nächsten Kontakt mit dem Pferd lassen bei den Teilnehmern das Bedürfnis auf eine nachhaltige und langfristige Partnerschaft mit dem Pferd wachsen. Besondere Aspekte beim Reiten als Gesundheitssport Sich sicher auf dem Pferderücken zu bewegen, stellt hohe Anforderungen an die körperliche Bewegungsbildung. Die Balance auf dem Pferd zu halten, ist eine ganzheitliche Leistung, welche die gesamte Muskulatur, den Gleichgewichtssinn und das komplexe Wahrnehmungsvermögen fordert und fördert. Allein die dreidimensionalen Bewegungen des Pferderückens im Schritt beeinflussen das muskuloskeletale System des Reiters derart, dass sich das gesamte Stütz- und Haltesystem in ständiger An- und Abspannung anpassen muss. Die Bewegungen des Pferdes sind immer und in jeder Gangart rhythmisch und dynamisch, rufen umfangreiche Prozesse der Bewegungssteuerung hervor und üben vielfältige Trainingsreize auf den gesamten Körper aus. Auch emotional ist der Mensch im Umgang mit dem Pferd gefordert. Sich auf einen vierbeinigen Sportpartner einzulassen und die Kommunikation auf körperlicher und emotionaler Ebene herzustellen, stellt immer auch eine Herausforderung dar. Unter Anleitung speziell ausgebildeter Übungsleiter (Ausbilder im Reiten als Gesundheitssport (FN), Übungsleiter Prävention (DOSB)) und in entspannter Atmosphäre fällt es gerade dem eher ängstlichen Teilnehmer leicht, Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und zum Sportpartner Pferd aufzubauen. Damit ist eine wichtige Voraussetzung für die Entwicklung von Spaß an der Bewegung und weiteres Lernen geschaffen. Durch den bewussten Verzicht auf Leistungsdruck kann im Rahmen dieser Kurse auf eventuell vorhandene gesundheitliche Beeinträchtigungen Rücksicht genommen und die Belastungsintensität individuell angepasst werden. Grundsätzlich ist das Reiten als Gesundheitssport für Interessierte aller Altersgruppen geeignet. Voraussetzung ist jedoch, dass aus medizinischer Sicht keine Einwände gegen das Reiten bestehen. Besonders angesprochen sind Menschen mit ■ schwacher Muskulatur des Stütz- und Bewegungsapparates (insbesondere der Rücken- und Bauchmuskulatur) ■ erhöhter Stressanfälligkeit ■ starker oder einseitiger Belastung des Bewegungsapparates ■ altersentsprechenden Beschwerden bzw. Fehlbelastungen des Bewegungsapparates ■ einem inaktiven Lebensstil Gegenüber den reichhaltigen aber oft einseitigen Angeboten von präventiven Sportkursen finden auch jene, die sich dem Sporttreiben trotzdem 92 | mup 2|2013 Forum: Winter - Reiten als Gesundheitssport bislang nicht gestellt haben, über das Reiten als Gesundheitssport einen attraktiven Einstieg in Bewegungsaktivitäten. Für Trainer, Vereine und Betriebe liegt im gesundheitlich ausgerichteten Reitunterricht und Reitsport ein großes Potential. Der freizeitsportlich orientierte Ansatz einer breiten Masse von Sport- und Pferdefreunden muss zukünftig noch mehr berücksichtigt werden. In der Fortbildung zum „Ausbilder im Reiten als Gesundheitssport“ lernen die Ausbilder, wie sie den Reitunterricht mit Ausrichtung auf Gesundheitsförderung unter Berücksichtigung gesundheitlicher Beeinträchtigung der Reitschüler gestalten können und wie die gesundheitsfördernden Aspekte des Reitens eingesetzt werden. Als zusätzliche Tätigkeitsfelder eröffnen sich neben dem eigentlichen Gesundheitssport u. a. Sitzschulungen und Fitnesstraining für Reitsportler, Dressur- und Springunterricht kann um verschiedene Aspekte (z. B. Anatomie des Reiters und Konsequenzen für die Bewegungsübertragung auf das Pferd) ergänzt werden. Darüber hinaus bietet der Pferdesport im Verein eine neue Lebenswelt. Viele, die aufgrund ihres Alters oder ihres Fitnesszustands eher Hemmungen haben, sich für „normalen“ Reitunterricht anzumelden, entdecken so das Reiten als Möglichkeit gesunder, körperlicher Betätigung auf und mit dem Pferd für sich. Wird dabei beachtet, die Begegnungen mit dem Pferd motivierend, angstfrei und entspannt zu gestalten, gewinnt der Verein neue und dankbare Mitglieder, die von einem „bewegteren“ Alltag profitieren. Literatur ■ Brehm, W., Bös, K. (2003): Kernziele als Qualitätskriterien von Gesundheitssport. Public Health Forum 41, 11-12 Die Autorin Dr. med. Catja Winter Assistenzärztin an der Psychiatrischen Klinik der LMU München, Trainer A Reiten, Trainer und Ausbilder im Reiten als Gesundheitssport Anschrift: Dr. med. Catja Winter · Alter Hackl-Hof Krugstr. 5 · D-882284 Grafrath catja.winter@gmx.net
