eJournals mensch & pferd international5/4

mensch & pferd international
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1867-6456
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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2013
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"Pferde-Gurus" als Grundlage der Pferdeausbildung im Therapeutischen Reiten - eine kritische Betrachtung

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2013
Ingrid Strauß
Bruno Six
Ein Anliegen der MuP ist, verschiedene Ansätze der Pferdeausbildung aus unterschiedlichen Sichtweisen zu reflektieren. Aus diesem Grund haben wir ein Interview durch eine Fachfrau des Therapeutischen Reitens mit einem Fachmann der Pferdeausbildung initiiert. In den nächsten Ausgaben möchten wir weitere Fachleute aus diesem Bereich zu Wort kommen lassen, um das Thema aus unterschiedlichen Sichtweisen zu betrachten. Alternativen Praktiken der Pferdeausbildung wird häufig vorgehalten, dass sich ihre Ideen hauptsächlich durch einen „Guru“ mit der entsprechenden menschlichen Ausstrahlung verbreiten. Inwieweit finden sich diese Verbreitungsweisen in den Praktiken eines Monty Roberts, Pat Parelli oder Peter Kreinberg wieder?
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mup 4|2013|189-191|© Ernst Reinhardt Verlag München Basel | 189 Forum „Pferde-Gurus“ als Grundlage der Pferdeausbildung im Therapeutischen Reiten - eine kritische Betrachtung Ingrid Strauß, Bruno Six Ein Anliegen der MuP ist, verschiedene Ansätze der Pferdeausbildung aus unterschiedlichen Sichtweisen zu reflektieren. Aus diesem Grund haben wir ein Interview durch eine Fachfrau des Therapeutischen Reitens mit einem Fachmann der Pferdeausbildung initiiert. In den nächsten Ausgaben möchten wir weitere Fachleute aus diesem Bereich zu Wort kommen lassen, um das Thema aus unterschiedlichen Sichtweisen zu betrachten. Alternativen Praktiken der Pferdeausbildung wird häufig vorgehalten, dass sich ihre Ideen hauptsächlich durch einen „Guru“ mit der entsprechenden menschlichen Ausstrahlung verbreiten. Inwieweit finden sich diese Verbreitungsweisen in den Praktiken eines Monty Roberts, Pat Parelli oder Peter Kreinberg wieder? Ansprechpartner für diese Fragen war uns Bruno Six. Das Gespräch führte Dr. Ingrid Strauß. Strauß: Ein „Guru“ ist ein gewichtiger, ehrwürdiger, geistlicher Lehrer, das Oberhaupt einer Sekte im Hinduismus. Der Begriff des „Gurus“ stammt aus der Religion, ist mit einem Glauben verbunden und kann daher auch übernommen werden - z. B. für das Verfechten einer eigen- Bruno Six aus Wolnzach ist ein erfolgreicher Vielseitigkeitsreiter. Seine größten Erfolge feierte er in den 70er und 80er Jahren, in dieser Zeit wurde ihm auch das Goldene Reiterabzeichen verliehen. Nach einer Landwirtschaftslehre war Six von 1970 bis 1995 im Landwirtschaftsministerium des Freistaates Bayern für Fragen der Pferdezucht tätig. Als pferdesportlicher Leiter des Gutes Matheshof war er in den vergangenen Jahren maßgeblich dafür verantwortlich, dass das Reitsportzentrum im ostbayerischen Kreuth sich zu einem der führenden Veranstalter von Vielseitigkeitsturnieren und anderen Pferdesportereignissen entwickelt hat. Auch als Richter, Parcourschef und Kommentator, etwa bei den Bundeschampionaten in Warendorf, hat sich Bruno Six einen Namen gemacht. Zudem engagiert er sich mit seinem Fachwissen in diversen pferdesportlichen Gremien auf Landes- und Bundesebene. Für seine außerordentlichen Verdienste um den Pferdesport und die Zucht erhielt der Auktionator 2007 das Silberne Reiterkreuz der Deutschen Reiterlichen Vereinigung e. V. (FN). Dr. Strauß hat über 30 Jahre in leitender Position in der Fachklinik Kreuth gearbeitet. Seit 1975 hat sie sich für die Hippotherapie in Theorie und Praxis eingesetzt und das Behandlungszentrum „Straußenhof“ in Waakirchen / Obb aufgebaut. Von 1976-1992 arbeitete sie im Vorstand des DKThR mit, von 1988-1992 als Vorsitzende. Sie erhielt vielfache Auszeichnungen im Bereich der Medizin und des Therapeutischen Reitens (1984 Bundesverdienstkreuz, 2006 Bayrischer Verdienstorden). Sie ist Autorin des Grundlagenwerkes „Hippotherapie“ (Strauß 2008). 190 | mup 4|2013 Forum: Strauß, Six - „Pferde-Gurus“ als Grundlage der Pferdeausbildung im Therapeutischen Reiten ständigen „Pferd-Mensch-Kommunikation“. Sind das die Praktiken eines Monty Roberts, Pat Parelli oder Peter Kreinberg? Welcher Wunsch, welches Ziel, welche Motivation liegt diesen Praktiken zugrunde? Six: Jeder Mensch wünscht sich eine vertrauensvolle, respektvolle Kommunikation mit dem Pferd, die auf Verständnis und Verständigung aufgebaut ist, also einem geglückten Dialog. Die erwähnten Persönlichkeiten - Monty Roberts, Pat Parelli, Peter Kreinberg werben genau mit diesen Begriffen, wenn auch von unterschiedlichen Standpunkten aus. Strauß: Der Wunsch nach geglücktem Dialog zwischen Mensch und Pferd liegt doch jeder „Pferd - Mensch - Beziehung“ zugrunde, unterscheiden sich für diese verschiedensten Bereiche Erziehung und Ausbildung des Pferdes? Six: Die Erziehung der Pferde ist in unseren Breitengraden von einer möglichst pferdegerechten Haltung abhängig. Nur wenn das Pferd seine angeborenen, natürlichen Verhaltensweisen und Bedürfnisse erleben kann (z. B. Sozialverhalten, Fressverhalten, Komfortverhalten) und den Menschen von der Geburt an als Sozialpartner kennen lernt, ist ein positiv prägender Umgang möglich. Ist dies nicht der Fall, haben wir verhaltensgestörte Pferde, die dem Laien Zeitlebens Probleme bereiten. Die Ausbildung im klassischen Sinne beginnt mit altersgemäßem Training des Pferdes - behutsames Gewöhnen an Halfter, Zaumzeug, Sattel, Akzeptanz des Ausbilders (Menschen), Erlernen und Befolgen bestimmter Hilfen durch Reitergewicht, Schenkel und Zügel. Das tägliche Training wird nach den in der Ausbildungsskala erklärten Begriffen aufgebaut und führt am Ende zu einem für seinen jeweiligen Einsatz bestens bemuskelten Pferdes, welches taktsicher, schwungvoll und vor allem jederzeit gehorsam seinen „Dienst“ erfüllt. Strauß: Wie unterscheidet sich diese Ausbildung von den Praktiken der „Gurus“? Six: Monty Roberts und Pat Parelli sind Amerikaner, beide waren Rodeo-Reiter und haben von klein auf wild wachsende Pferde gezähmt und „eingebrochen“. Ihre Stärke ist die umfassende Kenntnis des Verhaltens einer wilden Pferdeherde. Beide benutzen ihr Wissen, um das Pferd als „Alpha-Tier“ zu beherrschen, bis sich das Pferd unterordnet und dem „Alpha-Tier Mensch“ willig überall hin folgt (join up). Monty Roberts arbeitet hauptsächlich im Round-Pen (Longierzirkel) mit vollem Einsatz der Körpersprache und übt - vereinfacht gesagt - psychischen Druck auf das Pferd aus, das sich dann unterordnet und willig dem Menschen folgt. Pat Parelli arbeitet im Prinzip nach den gleichen Grundsätzen. Er differenziert die Ausbildung in vier verschiedene Level und beginnt auch am langen Seil (Longe). Seine Ausbildungsmethode bezeichnet er als „Natural Horsemanship“. Ziel ist die Beherrschung des Pferdes mit Körpersprache auch ohne Zaumzeug und Halfter, das erinnert an Freiheitsdressur. Monty Roberts und Pat Parelli sind in der Lage, sich Pferde innerhalb von einer bis zwei Stunden gefügig zu machen - einzubrechen. Strauß: Voraussetzung für ein erfolgreiches Ausführen dieser Methoden sind also nicht Begabung - Inspiration - Einweihung in ein neu erkanntes „Handling“, sondern Wissen um das Wesen des Pferdes mit seinen Reaktionen und Erfahrung im Umgang mit dem Pferd. Reagieren auf diesem Ausbildungsweg alle Pferde gleich oder gilt es Besonderheiten zu beachten? Six: Pferde sind so verschieden wie Menschen. Rasse, Geschlecht, Alter, Lern- und Leistungsbereitschaft, Charakter und Temperament und - wie vorher erwähnt - Aufzucht und Haltung beeinflussen die Ausbildung. Ein guter Aus- Forum: Strauß, Six - „Pferde-Gurus“ als Grundlage der Pferdeausbildung im Therapeutischen Reiten mup 4|2013 | 191 bilder berücksichtigt diese Punkte und benötigt für die korrekte Ausbildung ein bis zwei Jahre. Die größten Probleme erlebt man bei „Halb- Laien“ mit angelesenem oder in Kurzlehrgängen erworbenem Wissen. Solange in einem Kurs die Wirkung des „Gurus“ anhält, ist das Pferd zu handhaben. Im Heimatstall, wenige Zeit später, erlebt man aber häufig wieder die alten Gewohnheiten. Die „Gurus“ bzw. ihre Instruktoren trainieren eben häufig nur die Pferde, für die Menschen bleibt ihr Wissen und Können meist auf der Strecke. Strauß: Gibt es noch weitere Beispiele von Ausbildungswegen? Six: Ja, in diesem Zusammenhang möchte ich Peter Kreinberg erwähnen. Mit seinem „Gentle- Touch“ hält er sich eng an die klassische Ausbildung, die auf Verständnis und Verständigung basiert. Grundlage seiner Arbeit ist ein ausbalancierter, einfühlsamer Sitz. Er nimmt das Pferd ganzheitlich wahr und kann bei auftretenden Problemen eine osteopathische Behandlung durchführen. Wichtig für seine Methode ist, das Pferd nicht zu vermenschlichen. Strauß: Wie lassen sich unsere jetzt angesprochenen Gegebenheiten zusammenfassen? Six: Ich bin ein Verfechter der klassischen Ausbildungsmethode nach der von der FN inzwischen allgemein verständlich formulierten „Ausbildungsskala“. Die Ausbildung erfordert Disziplin, Persönlichkeit und fundiertes Wissen. Auch eine Portion Erfahrung ist hilfreich. Diese Methode garantiert nachhaltigen Erfolg durch ständige Gymnastizierung des Pferdes und verringert die Unfallgefahr, weil das Pferd partnerschaftlich mitarbeitet. Die „Spezialisten“, mit vorwiegend kommerziellem Erfolg im Auge, haben den Fachleuten gute Anstöße vor allem in der nonverbalen Kommunikation zwischen Pferd und Mensch gegeben. Im täglichen Einsatz sind nach meiner Erfahrung die nach „amerikanischen“ Grundsätzen ausgebildeten Pferde weniger konstant und können dadurch vor allem im therapeutischen Einsatz gefährlich werden. Literatur ■ Strauß, I. (2008): Hippotherapie. Physiotherapie mit und auf dem Pferd. 4., vollständig überarbeitete Aufl. Thieme, Stuttgart Die Autoren Dr. med. Ingrid Strauß Anschrift: Dr. med. Ingrid Strauß Leonhardiweg 14 D-83708 Kreuth Bruno Six Anschrift: Bruno Six Mechtild Vieracker Str. 11 D-85283 Wolnzach Six.straussenhof@ web.de