mensch & pferd international
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1867-6456
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mup2014.art06d
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2014
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Praxistipp: Transfer auf das Pferd im Therapeutischen Reiten
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2014
Ulrike Wölker
Transfers von Teilnehmern auf das Pferd gestalten sich oft als kniffelige Rätselfrage: Wie erreiche ich einen problemlosen und sicheren Transfer für alle Beteiligten? Sowohl in normalen Reitstunden, als auch bei Teilnehmern mit motorischen oder geistigen Einschränkungen kann man immer wieder besondere Anstrengungen beim Erklimmen des Pferderückens beobachten. Muss das so sein?
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Transfers von Teilnehmern auf das Pferd gestalten sich oft als kniffelige Rätselfrage: Wie erreiche ich einen problemlosen und sicheren Transfer für alle Beteiligten? Sowohl in normalen Reitstunden, als auch bei Teilnehmern mit motorischen oder geistigen Einschränkungen kann man immer wieder besondere Anstrengungen beim Erklimmen des Pferderückens beobachten. Muss das so sein? Welche Möglichkeiten bieten sich dem Therapeuten oder Reitlehrer, um möglichst pferdeschonend, aber auch körperschonend für den Menschen das Aufsitzen zu bewältigen? Auch das Thema „Angst“ kann schon beim Aufsteigen auf das Pferd eine Rolle spielen und sollte Berücksichtigung finden. Veraltete Vorstellungen, dass ein „richtiger“ Reiter sich auf jeden Fall alleine vom Boden aus auf sein Pferd schwingen können muss, sind hoffentlich dem rückenschonenden Umgang mit seinem eigenem Körper und der Rücksichtnahme auf den Rücken des Pferdes gewichen. Wenn sich der Reiter und damit auch der Klient oder Patient vom Boden aus mit seinem Gewicht einseitig den Bügel belastend nach oben zieht, entstehen eklatante Belastungen auf den Pferderücken. Heutzutage gibt es mobile oder fest installierte Treppen, Rampen und Lifter. Bei all diesen Möglichkeiten zum Transfer gilt Sicherheit immer als oberstes Gebot. Alle Standflächen sollten rutschfest und möglichst groß sein, damit zwei Leute bzw. auch ein Rollstuhl und ein Helfer Platz haben. Die Aufstiegshilfen sollten stabil genug sein und einen festen Stand haben. Holzkonstruktionen bedürfen einer regelmäßigen Wartung, denn gerade draußen verwittern die Sachen schnell und können so gefährlich werden. Die Pferde müssen daran gewöhnt sein, an den Aufstiegshilfen ruhig zu stehen. Das sichere „Einparken“ sollte gewährleistet sein. Bodenarbeit und Gelassenheitstraining sollten daher selbstverständlicher Bestandteil in der Grunderziehung besonders bei Therapiepferden sein. Der Ort des Aufsitzens muss gut gewählt sein bzw. es sollte Rücksicht von nicht unmittelbar Beteiligten genommen werden, damit z. B. keine Unruhe an der Rampe entsteht, während dort gearbeitet wird. Auch sollten die Pferde flexibel rechts oder links herum an die Treppe oder Rampe gestellt werden können. Für den Transfer bieten sich je nach Behinderungsbild verschiedene Möglichkeiten: 1. Klassisches Aufsitzen von der Treppe (vgl. Abb. 1) oder Rampe: Der Klient steht seitlich auf einer Höhe neben dem Pferd, die es erlaubt, das Bein hinten herum über den Pferderücken zu schwingen. Durch ein gleichzeitiges Festhalten am Sattelzwiesel kann ein sanftes Einsitzen ermöglicht werden. Das Pferd muss so lange ruhig stehen bleiben, bis der Reiter bereit ist, zu starten. Bei fitten Reitern reicht hier ein einfaches Halten des Pferdes durch eine weitere Person, die auch die Führung des Pferdes so lange übernimmt, bis der Reiter bereit ist. Der Praxistipp Transfer auf das Pferd im Therapeutischen Reiten Ulrike Wölker 36 | mup 1|2014|36-40|© Ernst Reinhardt Verlag München Basel, DOI 10.2378/ mup2014.art06d Praxistipp: Wölker - Transfer auf das Pferd im Therapeutischen Reiten mup 1|2014 | 37 b) verhindert, dass der Reiter direkt über dem Pferd nach hinten kippt, indem er manuell den Rücken des Reiters sichert. Sehr lohnend ist es, den Pferden beizubringen, den Kopf über ein manuelles Kommando im Genick zu geben, denn dann senken sie den Hals und der Reiter kann viel besser das Bein über den Hals nehmen. Eine zweite Person ist direkt beim Reiter auf der Rampe erforderlich, die von oben auch am Rücken unterstützt, um die Balance zu halten und mithilft, das Bein zu führen. Bei schweren Reitern (hier Helfer kann das Pferd gut vom Boden aus kontrollieren und sicher stehen lassen. Bei Pferden, die gut an der Rampe oder Treppe stehen, kann der Reiter auch direkt die Zügelführung selber übernehmen. 2. Aufsitzen über den Seitsitz an der Rampe (vgl. Abb. 2): Hier muss der Reiter sich rückwärts ans Pferd stellen bzw. mit Hilfe stellen lassen und sich mit dem ganzen Gewicht so weit nach hinten aufs Pferd setzen, dass anschließend das entsprechende Bein über den Pferdehals und Widerrist genommen werden kann. Dieses Herüberheben des Beines sollte je nach Bedarf manuell unterstützt werden. Das Bein kann auch in mehreren Phasen geführt werden, also zwischendurch abgelegt werden, so dass der Reiter in einer Art Damensitz verharrt, bis es weitergeht. Oftmals bietet sich die Verwendung eines Softlongiergurtes aus Neopren an, damit bei motorisch eingeschränkter Hüftsituation oder zu starkem Muskeltonus nicht zu viel Spannung oder sogar Schmerzen im Bein entstehen. Der Softgurt kann mit rundgenähten Lederriemen als Festhalteriemen ausgestattet werden, um dem Reiter eine kleine Festhaltemöglichkeit und somit mehr Sicherheit anzubieten. Achtung: Bei fehlender Hüftgelenksfreiheit und auch zu starkem Muskeltonus muss sorgfältig abgewogen werden, ob das Reiten wirklich durchführbar ist. Es zeigt sich, dass eine hohe Muskelspannung nach ein paar Minuten Reiten im Schritt etwas nachlässt und sich dadurch neue Sitzpositionen einnehmen lassen. Auf Grund dessen kann man sich bei der Ausstattung Softgurt nach und nach von vorne nach hinten arbeiten, also vom schmaleren Widerristbereich bis zur breiteren Sattellage. Bei dieser Aufsitzvariante bedarf es eines Pferdeführers, der das Pferd hält und a) das Pferd daran hindert seitwärts auszuweichen (Anlegen des verlängerten Armes - Gerte) und Abb. 1: Klassisches Aufsitzen von der Treppe Abb. 2: Aufsitzen über den Seitsitz 38 | mup 1|2014 Praxistipp: Wölker - Transfer auf das Pferd im Therapeutischen Reiten wäre auch ein Maximalgewicht zu diskutieren) ist ein dritter Helfer von Nöten, der den Reiter mit auf das Pferd hebt. Hierzu wird der Reiter rechts und links von beiden Helfern flankiert und beide heben gleichzeitig mit Griff an der Oberschenkelunterseite und der Achsel den Reiter auf das Pferd. Falls das zu schwer ist und keine Sicherheit mehr vorhanden ist, muss geliftet werden. Bei Reitern mit schlechter Balance bietet sich die Arbeit mit Patientengurten an (vgl. Abb. 3). Diese sind der Größe des Reiters entsprechend zu wählen und wie ein Gürtel um den Kör- Abb. 3: Patientengurte in verschiedenen Größen Abb. 4: Aufsitzen vom Rollstuhl per zu schnallen. Der Patientengurt hat links und rechts zwei Lederschlaufen, an denen man den Reiter ein wenig stabilisieren kann und bei leichtem Verrutschen aus der Pferdemitte heraus halten bzw. korrigieren kann, ohne in die Kleidung fassen zu müssen. Die Erfahrung zeigt, dass nur wenige Reiter diesen Gurt als störend empfinden. 3. Vom Rollstuhl auf das Pferd (vgl. Abb. 4): Der Rollstuhl sollte möglichst nah auf der Rampe ans Pferd festgestellt sein, um den Reiter direkt ohne viele Zwischenschritte in die Ausgangsposition der unter Punkt eins und zwei genannten Möglichkeiten zu stellen. Hier empfiehlt es sich die gewohnte Ausrichtung, die der Klient zu Hause hat (Transfer Rollstuhl / Bett), zu übernehmen. Das Pferd muss es dabei gewohnt sein, dass von beiden Seiten aufgestiegen wird. Je nach Hüftsituation und Mobilität des Klienten erfolgt nun ein klassisches Aufsteigen von der Treppe oder Rampe oder über den Reitsitz an der Rampe, meistens empfiehlt sich nun aber das Liften. 4. Liften (mit fest installiertem handelsüblichen passiven Bügellifter an der Rampe) (vgl. Abb. 5): Der Lifter ermöglicht einen stressfreien und schonenden Transfer für alle Beteiligten. Außer den hohen Anschaffungskosten und evtl. fehlendem Platz ist die Arbeit mit dem Lifter ausgezeichnet! Die meisten Reiter, die am Pferd geliftet werden, sind schon aus anderen Situationen an Lifter gewöhnt bzw. gewöhnen sich recht schnell daran. Man kann das Liften in einzelne Abschnitte unterteilen und diese solange einüben, bis der ganze Weg vertraut ist. Der Reiter wird, im Rollstuhl sitzend, in das Liftertuch an dem Bügel mit den vier Schlaufen befestigt. Der Lifterbügel ist an einer fest montierten Schiene horizontal manuell verschiebbar. Der Therapeut hat eine Fernbedienung, mit der er den Bügel hoch und herunter fahren kann. Ist der Patient in der Schlaufe fährt der Therapeut ihn über das Praxistipp: Wölker - Transfer auf das Pferd im Therapeutischen Reiten mup 1|2014 | 39 Pferd und korrigiert die Position nach Bedarf nach vorne oder hinten. Dann wird der Reiter vorsichtig auf das Pferd herunter gelassen. Erst wenn alles stimmt werden die Schlaufen möglichst gleichzeitig vom Bügel entfernt und der Bügel wird zur Seite geschoben. Beim Absteigen wird die Prozedur genau anders herum durchgeführt. Eine kritische Phase beim Liften besteht, wenn der Teilnehmer bereits auf dem Pferd sitzt und die vier Schlaufen vom Lifterbügel gelöst werden müssen. Das muss zügig geschehen und hier ist ein weiterer Helfer an der anderen Pferdeseite notwendig, der zwei Schlaufen übernimmt. Eine außerordentliche Gefahrensituation wäre, wenn das Pferd losgeht und der Reiter nur an einer Seite noch mit den Schlaufen am Bügel fixiert ist. Es bietet sich an, das Liftertuch auch während der Therapieeinheit unter dem Reiter auf dem Pferd zu lassen. Die hinteren Schlaufen werden hinter dem Rücken des Reiters zusammengebunden, die seitlichen Schlaufen können herunter hängen, da diese nicht zu lang sind. Man kann das Tuch aber auch problemlos vorsichtig unter dem Klienten wegziehen. Dieses bietet sich an, wenn das Absitzen z. B. ohne Liften möglich ist. 5. Absitzen: Aus Sicherheitsgründen müssen immer die Füße aus den Bügeln genommen werden! Wenn das Pferd nicht zusätzlich festgehalten wird, sollte der Klient das Bein hinten herum über den Sattelkranz schwingen und dann herab gleiten. Das Herabgleiten sollte je nach Geschicklichkeit und Größenverhältnissen des Reiters und des Pferdes erfolgen. a) Das seitliche Heruntergleiten mit Griff an dem Vorderzwiesel des Sattels ist bei Ponys und fitten Reitern gut durchzuführen. b) Das Heruntergleiten zum Pferd gedreht, ist mit Griff am Vorderzwiesel und am Sattelkranz gut durchzuführen. Hierbei ist darauf zu achten, dass die Füße nicht zu nah ans bzw. unter das Pferd rutschen, denn sonst kann das Gleichgewicht schnell verloren werden und bei einem Schritt des Pferdes nach hinten kann der Fuß des Reiters getroffen werden! 6. Absitzen mit Helfer: Wenn das Pferd zusätzlich festgehalten wird, kann das Bein auch vorne über den Hals geführt werden. Das Anheben des Beines kann durch einen Helfer unterstützt werden. Hierfür wird eine viel geringere Hüftbeweglichkeit, als beim Absitzen mit der Beinführung hintenherum benötigt. Besonders wenn das Pferd mit einem Festhaltegurt ausgerüstet ist, bietet sich diese Variante an. 7. Absteigen an der Treppe oder Rampe (vgl. Abb. 6): Wenn die Fläche der Treppe zu klein ist, sollte besser die Methode, die unter Punkt fünf oder sechs beschrieben ist, angewendet werden. Das Erreichen der kleinen Treppenfläche und sofort die Balance zu halten, erweist sich oftmals als zu schwierig. Wenn die Fläche groß genug ist, ergeben sich allerdings auch Schwierigkeiten, wenn das Pferd zu klein ist. Hier müsste der Reiter förmlich bergauf absitzen. Wenn mit der Variante Seitsitz abgestiegen wird, ist es am Schwierigsten, den sicheren Stand wieder zu erreichen. Hier muss der Teilnehmer mög- Abb. 5: Aufsitzen mit Hilfe eines Lifters 40 | mup 1|2014 Praxistipp: Wölker - Transfer auf das Pferd im Therapeutischen Reiten lichst durch den Helfer, der vor dem Reiter steht, an Füßen, Knien und Rumpf gesichert werden und dann zum Rollstuhl oder einer anderen Sitzgelegenheit gedreht werden. Achtung! Steigt man an der Rampe ab, so muss das Pferd ohne viel Zwischenraum sicher an dieser stehen. Es darf nicht vorkommen, dass der Reiter zwischen Pferd und Rampe rutscht - daher sollte auch immer die Vorwärtstendenz (vom Pferd weg) angestrebt werden. Welche Aufbzw. Absitzvariante auch gewählt wird, im Vordergrund sollten Sicherheit, Rückenschonung und Rücksichtnahme auf Mensch und Pferd stehen. Abb. 6: Absteigen an der Rampe Die Autorin Ulrike Wölker Physiotherapeutin mit der Zusatzausbildung Hippotherapie (DKThR), Trainer C Voltigieren (FN), Trainer C Reiten (FN), seit 1997 freiberufliche Tätigkeit in der Hippotherapie und im Voltigieren, seit April 2011 auf dem integrativem Carolinenhof in Essen tätig, freiberufliche Physiotherapeutin. Anschrift: Ulrike Wölker · Oberlehrberg 34 · D-45219 Essen ulliwoelker@aol.com
