eJournals mensch & pferd international6/2

mensch & pferd international
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1867-6456
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mup2014.art09d
2_006_2014_2/2_006_2014_2.pdf41
2014
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Ein diagnostisches Menü zur Erfassung des Selbstkonzeptes bei Vor- und Grundschulkindern mit dem Pferd

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2014
Ann-Christin Sturm
In den zurückliegenden 50 Jahren kam es zu einem Wandel der Denkgewohnheiten, der zu einem Nebeneinander von zwei Diagnostikstrategien geführt hat. Neben der Selektionsdiagnostik (oder Statusdiagnostik) etablierte sich zunehmend die Förderdiagnostik (Breitenbach 2007). Die Prinzipien der Förderdiagnostik bilden die Grundlage für die Entwicklung diagnostischer Inventare und diagnostischer Menüs. Mit dem Dortmunder Selbstkonzept-Menü mit dem Pferd (DSKMmP) wurde ein weiteres Praxismodell zur Förderdiagnostik im Bereich des Heilpädagogischen Voltigierens (HPV) entworfen. Der folgende Artikel zeigt zunächst auf, warum die Übertragung des Selbstkonzept Inventars (SKI) nach Eggert u. a. (2003) auf die Heilpädagogische Förderung mit dem Pferd (HFP) als sinnvoll erachtet wird. Im Hauptteil des Artikels werden der Aufbau und die Benutzung des Dortmunder Selbstkonzept-Menüs mit dem Pferd (DSKMmP) beschrieben und erläutert. Abschließend wird kurz auf die weiterführende Forschungsarbeit eingegangen.
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Ann-Christin Sturm 62 | mup 2|2014|62-70|© Ernst Reinhardt Verlag München Basel, DOI 10.2378/ mup2014.art09d Ein diagnostisches Menü zur Erfassung des Selbstkonzeptes bei Vor- und Grundschulkindern mit dem Pferd In den zurückliegenden 50 Jahren kam es zu einem Wandel der Denkgewohnheiten, der zu einem Nebeneinander von zwei Diagnostikstrategien geführt hat. Neben der Selektionsdiagnostik (oder Statusdiagnostik) etablierte sich zunehmend die Förderdiagnostik (Breitenbach 2007). Die Prinzipien der Förderdiagnostik bilden die Grundlage für die Entwicklung diagnostischer Inventare und diagnostischer Menüs. Mit dem Dortmunder Selbstkonzept- Menü mit dem Pferd (DSKMmP) wurde ein weiteres Praxismodell zur Förderdiagnostik im Bereich des Heilpädagogischen Voltigierens (HPV) entworfen. Der folgende Artikel zeigt zunächst auf, warum die Übertragung des Selbstkonzept Inventars (SKI) nach Eggert u. a. (2003) auf die Heilpädagogische Förderung mit dem Pferd (HFP) als sinnvoll erachtet wird. Im Hauptteil des Artikels werden der Aufbau und die Benutzung des Dortmunder Selbstkonzept-Menüs mit dem Pferd (DSKMmP) beschrieben und erläutert. Abschließend wird kurz auf die weiterführende Forschungsarbeit eingegangen. Schlüsselbegriffe: Selbstkonzept Inventar (SKI), Dortmunder Inventar motorischer Basiskompetenzen mit dem Pferd (DImP), Dortmunder Selbstkonzept-Menü mit dem Pferd (DSKMmP), Vor- und Grundschulkinder, Praxismodell Sturm - Ein diagnostisches Menü zur Erfassung des Selbstkonzeptes bei Vor- und Grundschulkindern mit dem Pferd mup 2|2014 | 63 Vorüberlegungen Das Dortmunder Selbstkonzept-Menü mit dem Pferd (DSKMmP) stellt einen Modellversuch dar, neben dem Dortmunder Inventar motorischer Basiskompetenzen mit dem Pferd (DImP) (Struck 2005) ein weiteres förderdiagnostisches Instrument für die Heilpädagogische Förderung mit dem Pferd (HFP) zu entwickeln. Das DImP, als erstes Instrument der Förderdiagnostik in der HFP, wurde über Jahre erprobt und hat sich in der Praxis bewährt (Struck 2005). Aus diesem Grund erscheint es sinnvoll, an dieser Stelle weiter zu arbeiten. Anstelle von motorischen Parametern wurde nun eine psychische Dimension - das Selbstkonzept - in den Fokus gerückt. Jeder Mensch besitzt ein Konzept über sein Selbst. In den ersten praktischen Erhebungen des DSKMmP wurde insbesondere die Erfassung und Bedeutung des Selbstkonzeptes bei Kindern mit sozial-emotionalen Verhaltensauffälligkeiten betrachtet. Das Forschungsgebiet, welches die Wirksamkeit des Therapeutischen Reitens auf psychische Faktoren untersucht, wurde erst in den letzten zehn Jahren als zunehmend relevant erachtet (Winkler / Beelmann 2013). Nach der Meta-Analyse von Winkler / Beelmann (2013) kann aber bereits eindeutig festgehalten werden, dass „Kinder und Jugendliche mit einer Kombination aus emotionalen Problemen, Selbstwertproblemen und Verhaltensstörungen […] vermutlich am stärksten von pferdegestützter Therapie profitieren“ (Winkler / Beelmann 2013, 12). Ein wesentlicher Faktor, der sich positiv auf den sozial-emotionalen Bereich und damit auch speziell auf das Selbstkonzept auswirkt, ist die sog. Ganzheitlichkeit des therapeutischen Reitens. Jede Facette des „Mensch-Seins […], die soziale, die körperliche, die seelische, die kognitive und auch […] die geistige“ (Pietrzak 2001, 99) wird durch das Pferd angesprochen und gefördert. Des Weiteren kann davon ausgegangen werden, dass insbesondere das artspezifische Verhalten im Sinne Klüwers (1995) sowie das vertrauenschaffende und konsequente Verhalten des Pferdes eine besonders positive und fördernde Wirkung haben. Das Pferd spiegelt das Verhalten des Kindes unmittelbar und eindeutig, wodurch das Kind ein ehrliches Feedback erhält. Wenn der Pädagoge an dieser Stelle sachbezogen interveniert, kann er dem Kind dessen eigenen (positiven wie negativen) Verhaltensweisen bewusst machen (Kröger, 2005). Bedeutend ist hier außerdem, dass „das Feedback und damit die Korrektur, die vom Pferd ausgeht, […] von Kindern leichter angenommen wird “ (Horstmann 2010, 89), da sie das Tier „als neutralen Partner mit seinem arttypischen Verhalten“ (ebd. 89) akzeptieren. Diese konsequente und eindeutige Reaktion auf Verhaltensweisen ist es, die Kindern mit sozial-emotionalen Schwierigkeiten oft fehlt (Koglin / Petermann 2008). In Bezug auf das Selbstkonzept ist es zudem eine vielversprechende Möglichkeit, selbstbezogene Informationen zu erlangen. Für die Erfassung des Selbstkonzeptes gibt es eine Vielzahl an Verfahren. Ein ausschlaggebender Grund für die Auswahl des SKIs war, dass es sich hierbei um ein Inventar handelt und nicht um ein standardisiertes Testverfahren. Diagnostische Inventare - darunter auch das Selbstkonzept Inventar - orientieren sich an den Prinzipien der Förderdiagnostik. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass individuelle Entwicklungsverläufe und Veränderungen in der Entwicklung beobachtet werden. Sie versucht zudem, ein breites Handlungsspektrum zu erfassen, indem sie beispielsweise alltagsnahe und offene Beobachtungssituationen zur Verfü- Selbstkonzept: Das Selbstkonzept ist „die zusammengefasste, konzentrierte, aber änderbare Summe der tausendfachen Erfahrungen eines Menschen mit sich selbst und über sich selbst: Wie er ist, wie er lebt, was er kann und was er nicht kann“ (Tausch / Tausch 1991, 57). 64 | mup 2|2014 Sturm - Ein diagnostisches Menü zur Erfassung des Selbstkonzeptes bei Vor- und Grundschulkindern mit dem Pferd gung stellt. Die Aufgaben können von dem Pädagogen in individueller Abstimmung auf den Klienten ausgewählt und zusammengestellt werden. Ein weiteres Merkmal ist ein theoretischer Grundlagenteil, auf der die Aufgaben basieren, in diesem Fall das Selbstkonzept (Eggert u. a. 2007). Das zugrundeliegende Modell vom Selbstkonzept Das Modell des Selbstkonzeptes nach Eggert u. a. (2003) bildet die theoretische Basis für die Entwicklung des Dortmunder Selbstkonzept-Menüs mit dem Pferd. Das Selbstkonzept gliedert sich demnach in vier bzw. fünf Kompetenzbereiche: ■ das Körperkonzept, ■ die Selbsteinschätzung, ■ das Fähigkeitskonzept sowie ■ die Selbstbewertung und ■ das Selbstbild. Die letzten beiden Bereiche werden im Folgenden zusammen aufgefasst. Die einzelnen Komponenten setzen sich wiederum aus verschiedenen Unterkategorien zusammen (vgl. Tabelle 1). Es ist darüber hinaus wichtig, sich dessen bewusst zu sein, dass die in der Theorie isoliert betrachteten Kompetenzbereiche in der Realität nicht voneinander zu trennen sind (Eggert u. a. 2003). Aus Erfahrungen und Informationen mit und über die eigene Person sowie aus der Interaktion mit der sozialen Umwelt konstruiert der Mensch sein Selbstkonzept (Eggert u. a. 2003). Dieser Konstruktionsprozess findet auf einer unbewussten Ebene statt. Es werden lediglich für das Indivi- Förderdiagnostik: „Bezeichnung für eine handlungsorientierte Diagnostik […], durch die die auch heute noch häufig anzutreffende Trennung zwischen Diagnose und Therapie […] überwunden werden soll“ (Dupuis / Kerkhoff 1992, 212). Tabelle 1: Übersicht über die Kompetenzbereiche des Selbstkonzeptes und ihre Unterkategorien Körperkonzept Selbsteinschätzung Fähigkeitskonzept Selbstbild & Selbstbewertung Körperschema Wahrnehmung Selbstvertrauen Realselbst - Körperwissen Kenntnis Selbstwertgefühl Idealselbst - Raum-Zeit Bewertung Selbstwertschätzung Soziales Selbst - Körperorientierung - Körperausdehnung Körpergefühl - Körperausdruck - Körperbewusstsein - Körpereinstellung - Körperausgrenzung (Eggert u. a. 2003) Sturm - Ein diagnostisches Menü zur Erfassung des Selbstkonzeptes bei Vor- und Grundschulkindern mit dem Pferd mup 2|2014 | 65 duum emotional bedeutsame Informationen und Erfahrungen genutzt und in das Selbstkonzept aufgenommen. Das Selbstkonzept ist veränderbar und ein lebenslanger Prozess; dennoch besitzt es dabei gleichzeitig eine grundlegende Konstanz (Eggert u. a. 2003). Aufgrund dieser Annahmen und erläuterten Zusammenhänge wurde das Selbstkonzept Inventar von Eggert u. a. (2003) als theoretische Basis für die Entwicklung des DSKMmPs herangezogen und die Übertragung des SKIs auf das HPV als sinnvoll erachtet. Aufbau und Anwendung des Dortmunder Selbstkonzept-Menüs mit dem Pferd Das DSKMmP besteht aus insgesamt zehn Aufgaben, die auf der Grundlage des Praxisteils des SKIs auf das HPV übertragen wurden. Aufgabe 10 ist als Abschlussreflexion keine Übungsaufgabe im eigentlichen Sinne. Das Menü besteht aus zwei Teilen, die aufeinander aufbauen und sich gegenseitig durch ihre jeweilige Schwerpunktsetzung ergänzen. Der erste Teil besteht aus der Aufgabeninstruktion, den zweiten Teil bildet der Protokollbogen. Das DSKMmP ist, in Anlehnung an Eggert u. a. (2003), insbesondere für Kinder im Vorschul- und Grundschulalter vorgesehen und geeignet. Aufgabeninstruktion Um einen Überblick und eine Vorstellung über die einzelnen Aufgaben zu bekommen, wird in der Aufgabeninstruktion jede Aufgabe im Hinblick auf die Aspekte Verlaufsphase, Kompetenzbereich, Materialien, Abb. 1: Beispiel für eine Übungsaufgabe aus der Aufgabeninstruktion des DSKMmP 66 | mup 2|2014 Sturm - Ein diagnostisches Menü zur Erfassung des Selbstkonzeptes bei Vor- und Grundschulkindern mit dem Pferd Beschreibung und Variation eingeführt. Es wird empfohlen, die zehn Aufgaben im Rahmen einer Gruppenförderung durchzuführen. Die einzelnen Aufgaben werden mit einem Bild zusätzlich visuell veranschaulicht (vgl. Abb. 1). Verlaufsphase Der Aspekt Verlaufsphase ordnet die einzelnen Aufgaben in eine zeitliche Abfolge. Das DSKMmP wurde aus ökonomischen Gründen für eine Förderstunde von 60 Minuten konzipiert. Die Aufgaben wurden auf der theoretischen Grundlage des Phasenmodells nach Kröger (2005) in eine stimmige und sinnige Reihenfolge gebracht. Dadurch wird eine praktische Erhebung innerhalb einer Förderstunde ermöglicht und gewährleistet. Mit einer kompletten Durchführung aller Aufgaben können viele verschiedene Dimensionen und ein möglichst umfangsreiches Bild des Selbstkonzeptes erfasst werden. Das Modell gliedert sich in insgesamt vier Phasen. Jede Phase ist im DSKMmP durch eine Farbe zusätzlich visuell kenntlich gemacht worden. Die Begrüßungsphase dient zum Einstieg in die Förderstunde und zum Anknüpfen an vorherige Stunden. Hier geht es darum, die Kinder an das Pflegen, Putzen und Vorbereiten des Voltigierpferdes schrittweise heranzuführen (Kröger 2005). Im DSKMmP wird diese Phase durch die ersten drei Aufgaben abgedeckt, die alle im Stall bzw. in der Stallgasse verrichtet werden. Sie beinhalten schwerpunktmäßig die Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper und dem Körper des Pferdes. In der sich anschließenden Lösungs- und Aufwärmphase sollen die Kinder unter Eigeninitiative in der Gruppe eine Reihenfolge für die Stunde bestimmen und durch Laufübungen in die Lösungsphase des Pferdes mit einsteigen (Kröger 2005). Diese Phase wird insbesondere durch Aufgabe 4 gewährleistet. In der dritten Phase, der Arbeitsphase, liegt der Schwerpunkt auf dem Turnen von Voltigierübungen. Nach Kröger (2005) geschieht dies zunächst in Form von Einzelübungen und darauf aufbauend vermehrt in Form von Partnerübungen. Die Aufgaben 6 bis 9 decken die Arbeitsphase ab. Die vierte Phase fokussiert die abschließende Versorgung des Tieres und eine angemessene Verabschiedung von dem Pferd und dem Pädagogen (Kröger 2005). Aufgabe 10, die mehr eine Reflexion der Stunde darstellt, soll in diese Phase eingebunden werden. Kompetenzbereiche Auch wenn die Kompetenzbereiche des Selbstkonzeptes (vgl. Tabelle 1) kaum isoliert voneinander beobachtet werden können, wurde bei der Zusammenstellung der Aufgaben darauf geachtet, dass jeder Kompetenzbereich mindestens dreimal vertieft erfasst wird. Eine Ausnahme bildet die Dimension des Körperkonzepts. Da es sich beim HPV um ein bewegungstherapeutisches Angebot handelt, kommt dieser Bereich bei jeder Aufgabe zum Tragen. Die Selbstbewertung wird einzeln lediglich bei der Reflexion (Aufgabe 10) aufgeführt. Sie tritt jedoch, wie aus dem Modell des Selbstkonzeptes nach Eggert u. a. (2003) ersichtlich wird, gemeinsam mit dem Kompetenzbereich Selbstbild bei den Dimensionen Real-, Ideal- und Soziales Selbst auf. Materialien Die Verwendung von Materialien wurde bewusst gering gehalten, da zusätzliche Materialien immer eine Einfluss nehmende Größe darstellen und sich negativ auf die Ökonomie auswirken. Zudem nimmt das Pferd, als nicht zu normierende Größe, bereits genügend Auswirkung auf die angestrebte Objektivität einer praktischen Erhebung. Der Fokus der Fördereinheiten soll sich im Kern auf die trianguläre Beziehung, insbesondere auf die Kind-Pferd-Beziehung und die Kind-Kind / Gruppe-Beziehung richten. Wenn die Aufgaben 8 und 9 mit Material (Holzpferd und Ringe, Stäbe) durchgeführt werden sollen, ist es ratsam, diese vor Beginn der Stunde bereitzu- Das Modell gliedert sich in insgesamt vier Phasen. Sturm - Ein diagnostisches Menü zur Erfassung des Selbstkonzeptes bei Vor- und Grundschulkindern mit dem Pferd mup 2|2014 | 67 legen bzw. das Holzpferd mit den Kindern zusammen in der Reithalle / auf dem Reitplatz zu positionieren. Sowohl das Therapiepferd als auch die Kinder sollten mit den verwendeten Materialien gut vertraut sein. Unbekannte Medien können die Beobachtungen verfälschen, da sie Fehlerquellen bilden können, die jedoch einfach zu vermeiden sind. Aufgabenbeschreibung Die detaillierte Beschreibung der einzelnen Aufgaben soll die Durchführungsobjektivität des DSKMmPs gewährleisten, indem alle Anwender eine einheitliche Vorstellung von der jeweiligen Aufgabe erhalten. Variationen Die bei einigen Aufgaben aufgeführten Variationen bieten Möglichkeiten zur Differenzierung des Schwierigkeitsgrades. Der Pädagoge kennt die teilnehmenden Kinder und kann im Vorfeld individuell für das Kind / die Gruppe den Schwierigkeitsgrad der Aufgabe festlegen. Alternativ können, sofern die Zeit der Förderstunde es zulässt, nach einer erfolgreichen Bewältigung der Aufgaben noch weitere Variationen durchgeführt werden, wodurch die Anforderung stetig wächst und vermehrt Erfolgserlebnisse gesammelt werden können. Protokollbogen Der Protokollbogen umfasst neben den Aspekten Verlaufsphase (farbliche Darstellung) und Kompetenzbereiche die Beobachtungskriterien, eine Einschätzungsskala der Kriterien sowie Platz für Anmerkungen und weitere Beobachtungen. Aufgrund der Größe und der Vernetztheit des Selbstkonzeptes erschien es für das diagnostische Menü sinnvoll, sich auf einige Beobachtungskriterien festzulegen. Die Beobachtungskriterien sind so konzipiert, dass sie insbesondere auf den jeweiligen Kompetenzbereich der Aufgabe ausgerichtet sind; sie umfassen darüber hinaus Teile des Beobachtungsbogens von Eggert u. a. (2003). Dadurch soll die möglichst breite Erfassung der Dimensionen des Selbstkonzeptes des beobachteten Kindes ermöglicht werden. Der Protokollbogen vereinfacht das Protokollieren der zehn Aufgaben und wirkt sich positiv auf die Anwendbarkeit und Handhabbarkeit der Durchführung aus. Durch die Beobachtungskriterien sind zudem Anhaltspunkte zur Beobachtung auch für ungeübte Protokollanten gegeben. Außerdem wird generell gewährleistet, dass dieselben Teilbereiche des Selbstkonzeptes immer in die Beobachtung des Protokollanten mit aufgenommen werden. Insgesamt wird die Objektivität des DSKMmP gesteigert. Die Einschätzungsskalen wurden im Sinne der Leuvener Beobachtungsskalen aufgebaut. Mit ihrem Ursprung in der psychomotorischen Therapie wurden sie mit dem „Ziel entwickelt, psychologische Aspekte des Patientenverhaltens in der Bewegungssituation zu erfassen“ (Kapell 2006, 63). Beim DSKMmP steht die Beobachtung des Selbstkonzeptes im Vordergrund. Aus diesem Grund wurden die Kategorien, die die Leuvener Beobachtungsskala im Original umfasst, durch Beobachtungsskalen in Abstimmung mit den Beobachtungsmöglichkeiten von Eggert u. a. (2003) ergänzt und teilweise umgeschrieben. Bei den Leuvener Beobachtungsskalen handelt es sich Der Protokollbogen vereinfacht das Protokollieren der zehn Aufgaben. 68 | mup 2|2014 Sturm - Ein diagnostisches Menü zur Erfassung des Selbstkonzeptes bei Vor- und Grundschulkindern mit dem Pferd um eine bipolare Skalierung, welche von -3 bis +3 reicht. Die Einschätzung 0 steht dabei für ein situationsadäquates Verhalten. Insbesondere für Kinder mit sozial-emotionalen Verhaltensauffälligkeiten, bei denen extremes und übertriebenes internalisierendes bzw. externalisierendes Verhalten auftritt, erschien die Auswahl sehr passend. Die Skalenwerte werden wie folgt definiert. Beispiel: Skalierung der Selbstsicherheit bzw. der Kompetenzbereiche Fähigkeitskonzept und Selbsteinschätzung (Aufgabe 5, Frage 3): ■ -3 Das Kind unterschätzt sich in sehr starkem Maße. ■ -2 Das Kind unterschätzt sich in starkem Maße. ■ -1 Das Kind unterschätzt sich leicht. ■ 0 das Kind schätzt sich angemessen ein. ■ +1 Das Kind überschätzt sich leicht. ■ +2 Das Kind überschätzt sich in starkem Maße. ■ +3 Das Kind überschätzt sich in sehr starkem Maße. Im Protokollbogen ist neben den Einschätzungsskalen ebenfalls Platz für offene Beobachtungen vorgesehen. Sowohl zu den einzelnen Beobachtungskriterien als auch ganz allgemein können weitere qualitative Beobachtungen protokolliert werden (vgl. Abb. 2). Kritisch anzumerken ist, dass sich Schwierigkeiten ergeben können, während der fortlaufenden Durchführung eine angemessene und schnelle Einschätzung auf dem Protokollbogen zu treffen. Dies gilt in besonderem Maß für unge- Abb. 2: Beispiel für eine Übungsaufgabe im Protokollbogen des DSKMmP übte Protokollanten. Bei den Leuvener Skalen ist zudem genau auf die Beobachtungsfehlerquelle des Mittelwertirrtums zu achten. Die Gefahr von Extremwerten wird durch eine schnelle Einschätzung unter Zeitdruck zusätzlich verstärkt. In Anlehnung an Eggert u. a. (2003) soll die Durchführung im günstigsten Fall von zwei Pädagogen vorgenommen werden, sodass sich einer auf die Aufgabeninstruktion und das Longieren und der zweite auf das Beobachten konzentrieren kann. Es wird empfohlen, die Durchführungsstunde zusätzlich mit einer Videokamera aufzunehmen. Dies kann sich zudem positiv auf die Vermeidung von Fehlerquellen wie den Mittelwertirrtum auswirken. Die Auswertung soll im besten Fall von denselben beiden Pädagogen mit Hilfe des Protokollbogens und den Videoaufnahmen vorgenommen werden. Sie erfolgt qualitativ aufgrund der subjektiven Interpretation des beobachteten Verhaltens. Fazit und Ausblick Das DSKMmP wurde bisher anhand von zwei Einzelfalluntersuchungen im Hinblick auf seine Übertragbarkeit sowie seine Umsetzbarkeit in die Praxis überprüft und als positiv bzw. praktikabel bewertet. Für die weiterführende Forschungsarbeit sollte das DSKMmP darüber hinaus einer quantitativen Untersuchung unterzogen werden, mit der eine statistische Auswertung möglich wäre. Eine weitere, fortführende Überlegung wäre, das Menü verstärkt auf seine Nützlichkeit hin zu analysieren. Der Fokus wäre beispielsweise, ob mit Hilfe des DSKMmPs Förderhinweise für die Kinder gegeben werden können. Darauf aufbauend könnte vermehrt der Einfluss der Heilpädagogischen Förderung mit dem Pferd auf das Selbstkonzept des Kindes reflektiert werden. Speziell könnte an dieser Stelle die Frage weiter erforscht werden, ob die Anwendung des Heilpädagogischen Voltigierens / Reitens sinnvoll für die Förderung des Selbstkonzeptes ist. Es kann bereits auf der Grundlage der theoretischen Ausführungen eine Nützlichkeit vermutet werden. Das antwortende sowie das artspezifische Verhalten des Pferdes können als zusätzliche Quelle für selbstbezogene Informationen dienen. Durch die Funktion des Pädagogen als Mediator kann das ehrliche Feedback des Tieres zu einer realistischen Selbsteinschätzung beitragen. Ein letzter Aspekt ist, dass aufgrund der (in der Regel) eingegangenen Beziehung bzw. Partnerschaft zwischen Kind (Klient) und Pferd eine emotionale Bindung zwischen ihnen besteht. Diese wirkt sich positiv auf die bewusste Wahrnehmung von Informationen über das Selbst aus. Insgesamt bleibt festzuhalten, dass zunächst der erste Schritt einer neuen Menüentwicklung unternommen wurde. Das DSKMmP muss weiter in der Praxis erprobt und unter verschiedenen Aspekten sowie Fragestellungen analysiert werden. Nur so ist es möglich, zu einem ausgereiften Menü, das sich in der Praxis bewährt, zu gelangen. Literatur ■ Breitenbach, E. (2007): Förderdiagnostik. Theoretische Grundlagen und Konsequenzen für die Praxis. 2. Aufl. Edition Bentheim, Würzburg ■ Dupuis, G., Kerkhoff, W. (Hrsg.) (1992): Enzyklopädie der Sonderpädagogik, der Heilpädagogik und ihrer Nachbargebiete. Edition Marhold, Berlin ■ Eggert, D., Reichenbach, C., Bode, S. (2003): Das Selbstkonzept Inventar (SKI) für Kinder im Vorschul- und Grundschulalter. Theorie und Möglichkeit der Diagnostik. Neuauflage. borgmann, Dortmund ■ Eggert, D., unter Mitarbeit von Reichenbach, C., Lücking, C. (2007): Von den Stärken ausgehen …Individuelle Entwicklungspläne (IEP) in der Lernförderdiagnostik. Ein Plädoyer für andere Denkgewohnheiten und eine veränderte Praxis. 5. Aufl. borgmann, Dortmund ■ Horstmann, M. (2010): Heilpädagogisches Reiten als Entwicklungsförderung für Kinder mit psychomotorischen Auffälligkeiten. Ergebnisse einer Interventionsstudie. Peter Lang, Frankfurt am Main ■ Kappell, H. (2006): Körpererleben und Bewegungsverhalten alkoholabhängiger Männer und Frauen. Eine Untersuchung zur Feststellung von Veränderungen im Körpererleben und Sturm - Ein diagnostisches Menü zur Erfassung des Selbstkonzeptes bei Vor- und Grundschulkindern mit dem Pferd mup 2|2014 | 69 70 | mup 2|2014 Sturm - Ein diagnostisches Menü zur Erfassung des Selbstkonzeptes bei Vor- und Grundschulkindern mit dem Pferd Bewegungsverhalten sowie der Wirksamkeit sporttherapeutischer Interventionen innerhalb einer stationären Entwöhnungsbehandlung von Alkoholabhängigen. Dissertation, Köln. In: http: / / www.zbsport.de/ Hochschulschriften/ Dissertationen-Internet/ 2006/ Harry_Kappell / Dissertation- H-Kappell.pdf, 04.12.2013 ■ Klüwer, C. 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(2013): Der Einfluss pferdegestützter Therapie auf psychische Parameter. Eine quantitative Zusammenfassung des Forschungsstands. Mensch und Pferd international 1, 4-15 ■ Tausch, A.-M., Tausch, R. (1991): Erziehungs- Psychologie. Begegnung von Person zu Person. 10. Aufl. Hogrefe, Göttingen Die vollständigen Aufgabeninstruktionen und den Protokollbogen des DSKMmP finden Sie zum Download (für AbonnentInnen kostenlos, für andere LeserInnen gegen Gebühr) im Archiv von Mup 2 / 2014 unter http: / / www.reinhardt-journals.de/ index.php/ mup/ issue/ archive Die Autorin Ann-Christin Sturm BA Rehabilitationspädagogin, Bachelorarbeit zum Thema „Überprüfung der Umsetzbarkeit und Übertragbarkeit des Selbstkonzept Inventars auf die Heilpädagogische Förderung mit dem Pferd“, seit 2010 Übungsleiterin für Rehabilitationssport Anschrift: Ann-Christin Sturm · Alsenstraße 14 · D-44789 Bochum ann-christin.sturm@tu-dortmund.de