eJournals mensch & pferd international6/3

mensch & pferd international
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1867-6456
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mup2014.art15d
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Eine Konzeption zum therapeutischen Einsatz von Pferden in der Arbeit mit bindungsgestörten Pflegekindern und ihren Familien in einer kinder- und jugendpsychiatrischen Praxis

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2014
Monika Löhr
Dieser Beitrag setzt sich mit dem therapeutischen Einsatz des Pferdes in einer kinder- und jugendpsychiatrischen Praxis mit sozial­psychiatrischer Vereinbarung (SPV Praxis) auseinander. Betrachtet werden die Möglichkeiten am Beispiel der Behandlung von bindungsgestörten Pflegekindern und deren Familien bzw. Bezugspersonen. Die Arbeit mit dem Pferd wird nicht als Ersatz einer intensiven psychotherapeutischen Behandlung gesehen, sondern als sehr sinnvolle Hilfe zur Beziehungs- und Kommunikationsförderung zwischen Pflegekindern und ihren Familien. Es wird deutlich, dass gerade bei Patienten mit vielschichtiger Symptomatik der Einsatz des Pferdes als ergänzende Therapiemaßnahme das Konzept der multimodalen Therapie einer SPV Praxis sehr gut ergänzt.
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Monika Löhr mup 3|2014|115-122|© Ernst Reinhardt Verlag München Basel, DOI 10.2378 / mup2014.art15d | 115 Schlüsselbegriffe: SPV Praxis, therapeutischer Einsatz von Pferden, Bindungsstörung, Pflegekinder, multimodale Therapie Dieser Beitrag setzt sich mit dem therapeutischen Einsatz des Pferdes in einer kinder- und jugendpsychiatrischen Praxis mit sozialpsychiatrischer Vereinbarung (SPV Praxis) auseinander. Betrachtet werden die Möglichkeiten am Beispiel der Behandlung von bindungsgestörten Pflegekindern und deren Familien bzw. Bezugspersonen. Die Arbeit mit dem Pferd wird nicht als Ersatz einer intensiven psychotherapeutischen Behandlung gesehen, sondern als sehr sinnvolle Hilfe zur Beziehungs- und Kommunikationsförderung zwischen Pflegekindern und ihren Familien. Es wird deutlich, dass gerade bei Patienten mit vielschichtiger Symptomatik der Einsatz des Pferdes als ergänzende Therapiemaßnahme das Konzept der multimodalen Therapie einer SPV Praxis sehr gut ergänzt. Eine Konzeption zum therapeutischen Einsatz von Pferden in der Arbeit mit bindungsgestörten Pflegekindern und ihren Familien in einer kinder- und jugendpsychiatrischen Praxis 116 | mup 3|2014 Löhr - Konzeption zum therapeutischen Einsatz von Pferden in der Arbeit mit bindungsgestörten Pflegekindern Therapeutischer Einsatz des Pferdes in der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie Tiere in der Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen einzusetzen ist nicht neu. Anfang der 60er Jahre begann die systematische wissenschaftliche Untersuchung des Einsatzes von Tieren zu therapeutischen Zwecken. Den Ausschlag hierzu gaben vor allem die Veröffentlichungen des amerikanischen Kinderpsychotherapeuten Boris Levinson (1962) aus New York, der als Therapeut mit einem sozial gestörten Jungen arbeitete und seinen eigenen Hund als Co- Therapeuten einsetzte. Er gilt als Begründer der modernen tiergestützten Kinderpsychotherapie. Pferde sind die am häufigsten eingesetzten Tiere in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Pferde sind mit fast 90 % die am häufigsten eingesetzten Tiere in kinder- und jugendpsychiatrischen Einrichtungen (Prothmann 2008). Dabei nutzen die meisten Kliniken Pferde in externen Reithöfen. Das Pferd ist ein Herdentier und die Herde ist bedeutend für das Überleben jedes einzelnen Individuums. Pferde sind daher auf eine funktionierende Gemeinschaft angewiesen. In Pferdeherden besteht eine klare Hierarchie. Die Tiere können sich gegebenenfalls durch kleinste Signale perfekt abgrenzen und ein optimales Distanz-Nähe-Verhältnis herstellen. Dafür benötigen sie eine sehr feine Wahrnehmung und äußerst differenzierte Ausdruckssignale, mit deren Hilfe die Beziehungen untereinander klar und eindeutig definiert werden (Vernooij / Schneider 2010). Im Gegensatz zur verbalen Kommunikation des Menschen, die erst „dekodiert“ werden muss (= digitale Kommunikation), nutzen Tiere und eben auch Pferde Reaktionen, die unmittelbar verständlich sind und nicht übersetzt werden müssen (= analoge Kommunikation). Beim psychotherapeutischen Reiten stehen die Kommunikation und die Beziehungsgestaltung zwischen Patient und Pferd im Vordergrund (DKThR 2005), wobei der Kontakt und Umgang mit dem Pferd und dessen Reaktionen und Ausdrucksformen einen genauso wichtigen Baustein darstellen wie das Erleben des Getragenwerdens beim Voltigieren und Reiten. Bedingungen einer SPV Praxis Die Sozialpsychiatrische Vereinbarung (SPV) soll die ambulante kinder- und jugendpsychiatrische Betreuung als wichtigen Baustein bei der Versorgung von Kindern, Jugendlichen und ihren Familien sicherstellen. Im Gegensatz zu einer konventionellen kinder- und jugendpsychiatrischen Praxis arbeitet in einer SPV Praxis ein multiprofessionelles Team aus ärztlichen und nichtärztlichen Kollegen im Sinne einer multimodalen Versorgung der Kinder und Jugendlichen zusammen. Zur sozialpsychiatrischen Versorgung gehört auch eine regelmäßige Zusammenarbeit mit dem medizinischen System (z. B. Haus- und Kinderärzten, Kliniken und Ambulanzen), mit anderen niedergelassenen Therapeuten (z. B. Psychotherapeuten, Ergotherapeuten, Logopäden) und mit dem sozialen Umfeld der Patienten (z. B. Kindergärten, Schulen, Jugendamt, Beratungsstellen). Es finden wöchentlich Teamsitzungen und Fallbesprechungen statt. Dem zusätzlichen finanziellen Aufwand, den die multiprofessionelle Arbeit mit sich bringt, begegnen die Krankenkassen mit einer Mehrkostenpauschale, die bei entsprechender Leistungserbringung einmal im Quartal gezahlt wird. Die interdisziplinäre Arbeit einer SPV Praxis bringt es mit sich, dass häufiger Patienten vorgestellt werden, bei denen sich neurologische, emotionale und soziale Problematiken überlagern. So ist der Anteil von Pflegekindern mit ihrer speziellen Entwicklungsgeschichte und multifaktoriellen Symptomatik häufig sehr hoch. Seit Januar 2013 ist die Autorin als niedergelassene Ärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie in einer SPV Praxis tätig. Als tiergestütztes therapeutisches Angebot wird in der Praxis bereits ein als Therapiebegleithund Löhr - Konzeption zum therapeutischen Einsatz von Pferden in der Arbeit mit bindungsgestörten Pflegekindern mup 3|2014 | 117 ausgebildeter Flat Coated Retriever eingesetzt. Die Idee der Ergänzung des Praxisangebotes durch die therapeutische Arbeit mit dem Pferd entstand bereits Anfang 2013. Hierfür wurde eine entsprechende Konzeption erarbeitet. Diese wird seit Anfang 2014 im Rahmen der multimodalen Arbeit mit bindungsgestörten Pflegekindern schrittweise umgesetzt. Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie Heilpädagoge externe oder Psychotherapeuten Sozialarbeiter Team Sprachtherapeuten oder Ergotherapeuten Psychologe Physiotherapeuten soziales Umfeld der Patienten (z. B. Kindergärten, Schulen, Jugendämter) Anpassungsphase: Ruhe vor dem Sturm Eingewöhnung Abwarten Übertragungsphase: Reaktivierung früher Erfahrungen Testen von Beziehung „Wann gebt ihr auch mich weg? “ Regressionsphase: Korrigierende Erfahrung von Bindung Vertrauensaufbau Pflegefamilien und ihre besondere Problematik für bindungsgestörte Kinder Bevor Kinder in einer Pflegefamilie untergebracht werden, haben sie in den meisten Fällen schon eine ausgesprochen belastende Lebensgeschichte hinter sich bringen müssen. Einzelheiten dieser schwerwiegenden Erfahrungen sind Außenstehenden und besonders den Pflegeeltern häufig nicht bekannt. Frühe verletzende Erfahrungen prägen die Geschichte dieser Kinder. Aus einer Studie des Landesjugendamt Westfalen-Lippe (ISS / Landschaftsverband Westfalen-Lippe 2003) geht hervor, dass zum Zeitpunkt der Unterbringung ein hoher Prozentsatz der Kinder bereits Misshandlungen erfahren hatte, wobei das Ausmaß der Misshandlungserfahrungen meistens erst deutlich wird, wenn die Kinder für längere Zeit an einem sicheren Ort untergebracht sind. Für Pflegeeltern heißt dies, dass sie die traumatischen Erfahrungen, die die Kinder unter Umständen gemacht haben, erst im Verlauf des Zusammenlebens kennenlernen. Aufgrund der früheren Lebensumstände fehlt den Kindern häufig jegliche Grundlage für eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung. Diese Tatsache drückt sich Frühe verletzende Erfahrungen prägen die Geschichte von Pflegekindern. u. a. in einem erschütterten Selbstwertgefühl aus. Die Kinder haben selten eine vorbehaltlose positive Unterstützung und Wertschätzung erfahren, sie zeigen sich verunsichert und erkennen eigene Leistungen nicht an. Sie sind hochsensibel für Kritik. Viele Kinder sind andererseits in ihren Ursprungsfamilien in die Rolle der Beschützer ihrer hilflosen Eltern geschlüpft und waren damit hoffnungslos überfordert. Die fehlende Verläss- Abb. 1: Aufbau einer SPV-Praxis los und Nähe suchend. Ablehnung und aggressive Verhaltensweisen können plötzlich und unvorhersehbar auftreten (Nierstedt/ Westermann 2007). Erste Erfahrungen mit dem Einsatz des Pferdes in der Arbeit mit Pflegekindern in der SPV Praxis In der therapeutischen Arbeit mit bindungsgestörten Kindern, insbesondere, wenn der Fokus auf dem Erleben neuer Beziehungen und der Arbeit an den Bindungen innerhalb der Pflegefamilie liegt, ist die Arbeit im Einzelkontakt bzw. Einzelfamilienkontakt sinnvoll. So kann man sich ganz auf die Beziehung zwischen Kind und Pferd, Kind und Therapeutin und auf die Einbindung der Pflegeeltern konzentrieren. Jedes weitere Kind bringt Ablenkung und Verunsicherung, und dies kann unter Umständen den therapeutischen Prozess blockieren. Die Bedingungen im Einzelkontakt ermöglichen es dagegen, eine individualisierte Beziehung aufzubauen. Zeitlicher Rahmen: Im Rahmen der Organisation unserer SPV Praxis steht für die therapeutische Arbeit mit dem Pferd ein Nachmittag in der Woche zur Verfügung. Zeit ist einer der wichtigsten Faktoren, um Vertrauen in Beziehungen zu erlangen. So muss das therapeutische Angebot für Pflegekinder langfristig angelegt sein. Da es um den Ausbau tragfähiger innerfamiliärer Beziehungen und Veränderung der Kommunikation und Interaktion geht, muss in längeren Zeitabschnitten geplant werden. Es sollten mindestens vierzig Einheiten angeboten werden. Dies bedeutet etwa ein wöchentliches Angebot über ein Jahr hinweg Finanzierung: Ziel ist es, die Arbeit mit den Pferden aus dem Gesamtbudget der SPV Praxis zu finanzieren. Dieses setzt sich aus den Einzelleistungen, die jeweils für die Patienten (in der Höhe begrenzt durch das Regelleistungsvolumen pro Quartal) abgerechnet werden können, und der SPV Pauschale zusammen. Durch Nutzung eigener Pferde und eigener Infrastruktur bzw. eines günstig anzumietenden Roundpen können die finanziellen Aufwendungen in Grenzen gehalten Abb. 2: Phasen der Integration von Pflegekindern in ihre Familie lichkeit von Reaktionen auf der einen Seite und die ständige Suche nach Liebe und Zuwendung auf der anderen Seite drückt sich in einem Verhalten aus, das Distanz- und Beziehungslosigkeit signalisiert. In den Beziehungen dominiert Angst vor Nähe (Nierstedt/ Westermann 2007). Die neuere Bindungsforschung schreibt etwa 80 % dieser Kinder ein desorganisiertes Bindungsmuster zu (Dornes 2000). Das therapeutische Angebot für Pflegekinder muss langfristig angelegt sein. In den Ursprungsfamilien der Kinder fehlt meist die notwendige frühe Unterstützung in der Bewältigung der Entwicklungsaufgaben, sodass zahlreiche Pflegekinder Retardierungen in vielen Entwicklungsbereichen aufweisen. Der langfristigen Unterbringung in einer Pflegefamilie ging die Trennung von den leiblichen Eltern voraus, die mitunter unvorhersehbar und im Ansatz „überfallartig“ empfunden wurde. Unter Umständen werden die Kinder aus der Schule oder dem Kindergarten heraus in einer wie auch immer gearteten Institution, sei es ein Heim oder eine Bedarfspflegefamilie, untergebracht, bevor eine Dauerpflegefamilie gefunden wird. Nach Nierstedt/ Westermann (2007) verläuft die Integration von Pflegekindern in ihre neuen „Ersatzfamilien“ in drei Phasen: In der Anpassungsphase passt sich das Kind scheinbar komplikationslos an seine neuen Lebensbedingungen an. Diese Phase ist geprägt von gemischten Gefühlen, Ängsten und Erwartungen sowie Ambivalenz gegenüber den angebotenen Beziehungen. Basierend auf einer sich entwickelnden größeren Sicherheit in der neuen Lebenssituation werden Wünsche und Bedürfnisse des Kindes bzw. frühe traumatische Erfahrungen in der Übertragungsphase sichtbar. Frühe pathologische Erfahrungen von Ablehnung, Ängsten und Traumatisierungen werden in der Beziehung mit den Pflegeeltern reinszeniert. Diese geraten quasi in die Rolle, die normalerweise der Therapeut in der therapeutischen Beziehung einnimmt. Für Pflegeeltern kann diese Phase zutiefst verletzend und verwirrend verlaufen, insbesondere dann, wenn sie über die Vergangenheit der Kinder nicht ausreichend aufgeklärt wurden und von den Reaktionen der Kinder überrascht werden. Die Kinder übertragen die negativen Beziehungserfahrungen, die sie mit ihren leiblichen Eltern gemacht haben, auf die Beziehung zu ihren Pflegeeltern und begegnen diesen meist mit großer Ablehnung und Aggression oder äußern den Wunsch, diese wieder zu verlassen. In der Regressionsphase kann das Kind, wenn ihm die Möglichkeit gegeben wird, durch regressives Verhalten und Rückkehr auf frühe Etappen seiner Entwicklung neue persönliche Beziehungen aufbauen. Beim therapeutischen Einsatz des Pferdes in der Arbeit mit bindungsgestörten Kindern muss der besonderen Problematik, die aus den bisherigen Schilderungen folgt, Rechnung getragen werden. Es handelt sich häufig um Kinder mit geringem Selbstwertgefühl. Sie sind zutiefst verunsichert und leiden unter diffusen Ängsten. Insbesondere neue unbekannte Situationen oder plötzliche Veränderungen sind angstbesetzt. Die Kinder lehnen Nähe ab oder zeigen sich distanz- Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie Heilpädagoge externe oder Psychotherapeuten Sozialarbeiter Team Sprachtherapeuten oder Ergotherapeuten Psychologe Physiotherapeuten soziales Umfeld der Patienten (z. B. Kindergärten, Schulen, Jugendämter) Anpassungsphase: Ruhe vor dem Sturm Eingewöhnung Abwarten Übertragungsphase: Reaktivierung früher Erfahrungen Testen von Beziehung „Wann gebt ihr auch mich weg? “ Regressionsphase: Korrigierende Erfahrung von Bindung Vertrauensaufbau 118 | mup 3|2014 Löhr - Konzeption zum therapeutischen Einsatz von Pferden in der Arbeit mit bindungsgestörten Pflegekindern los und Nähe suchend. Ablehnung und aggressive Verhaltensweisen können plötzlich und unvorhersehbar auftreten (Nierstedt/ Westermann 2007). Erste Erfahrungen mit dem Einsatz des Pferdes in der Arbeit mit Pflegekindern in der SPV Praxis In der therapeutischen Arbeit mit bindungsgestörten Kindern, insbesondere, wenn der Fokus auf dem Erleben neuer Beziehungen und der Arbeit an den Bindungen innerhalb der Pflegefamilie liegt, ist die Arbeit im Einzelkontakt bzw. Einzelfamilienkontakt sinnvoll. So kann man sich ganz auf die Beziehung zwischen Kind und Pferd, Kind und Therapeutin und auf die Einbindung der Pflegeeltern konzentrieren. Jedes weitere Kind bringt Ablenkung und Verunsicherung, und dies kann unter Umständen den therapeutischen Prozess blockieren. Die Bedingungen im Einzelkontakt ermöglichen es dagegen, eine individualisierte Beziehung aufzubauen. Zeitlicher Rahmen: Im Rahmen der Organisation unserer SPV Praxis steht für die therapeutische Arbeit mit dem Pferd ein Nachmittag in der Woche zur Verfügung. Zeit ist einer der wichtigsten Faktoren, um Vertrauen in Beziehungen zu erlangen. So muss das therapeutische Angebot für Pflegekinder langfristig angelegt sein. Da es um den Ausbau tragfähiger innerfamiliärer Beziehungen und Veränderung der Kommunikation und Interaktion geht, muss in längeren Zeitabschnitten geplant werden. Es sollten mindestens vierzig Einheiten angeboten werden. Dies bedeutet etwa ein wöchentliches Angebot über ein Jahr hinweg Finanzierung: Ziel ist es, die Arbeit mit den Pferden aus dem Gesamtbudget der SPV Praxis zu finanzieren. Dieses setzt sich aus den Einzelleistungen, die jeweils für die Patienten (in der Höhe begrenzt durch das Regelleistungsvolumen pro Quartal) abgerechnet werden können, und der SPV Pauschale zusammen. Durch Nutzung eigener Pferde und eigener Infrastruktur bzw. eines günstig anzumietenden Roundpen können die finanziellen Aufwendungen in Grenzen gehalten werden. So bleibt nur ein geringer Eigenanteil, der von den Sorgeberechtigten übernommen wird. Müssen Pferde und Anlage zusätzlich gesondert bezahlt werden, muss von einem erheblich höheren finanziellen Aufwand ausgegangen werden. In dem besonderen Fall der Pflegekinder übernimmt in Einzelfällen das Jugendamt die Kosten als „ergänzende Unterstützung zur Hilfe“ gem. § 33 SGB VII (Vollzeitpflege), jedoch ist die Bereitschaft der Jugendämter zur Finanzierung von zusätzlichen Maßnahmen für Pflegekinder regional sehr unterschiedlich. Aufbau der therapeutischen Konzeption Aufbau der einzelnen Einheit: Jede Therapiestunde beginnt grundsätzlich mit der gemeinsamen Vorbereitung des Pferdes, dem Putzen, Hufe auskratzen und ggf. Satteln / Vorbereiten des Voltigierens. Es folgt die Aktivitätsphase, die mit einer Wunschrunde endet. Zum Abschluss wird das Pferd gemeinsam versorgt, abgesattelt, ggf. nochmals gebürstet und belohnt. Gerade im Hinblick auf Sicherheit gebende, voraussehbare Strukturen sollte dieser Ablauf möglichst eingehalten werden. Es sollte unbedingt darauf geachtet werden, dass immer mit bekannten, Sicherheit gebenden Übungen begonnen wird, um vom Sicheren und Bekannten ausgehend Neues entdecken zu können. Die Integration der Pflegemutter oder des Pflegevaters gelingt durch gemeinsames Erleben der Entwicklung. Therapeutische Phasen: In der ersten Phase der Vertrauensbildung in der Arbeit mit dem Pferd muss dem Kind und der Bezugsperson genügend Zeit eingeräumt werden, um das Pferd kennenzulernen. Gomolla / Dischinger (2011) beschreiben in ihren Ausführungen als bedeutendstes Element in der Reittherapie, das Pferd als „Sichere Basis“ für das Kind zu nutzen. In diesem Sinne muss der Abb. 2: Phasen der Integration von Pflegekindern in ihre Familie Löhr - Konzeption zum therapeutischen Einsatz von Pferden in der Arbeit mit bindungsgestörten Pflegekindern mup 3|2014 | 119 Bildung von Vertrauen zwischen Kind und Pferd große Aufmerksamkeit gewidmet werden. Zu berücksichtigen sind die z. T. große Sensibilität und Irritierbarkeit der Kinder, aber auch die häufig bestehenden impulsiven Reaktionen. In der darauffolgenden Entwicklungsphase stehen der Beziehungsaufbau und das Erleben der Kommunikation mit dem Pferd im Vordergrund. Zum Aufbau einer solchen Kommunikation zwischen Kind und Pferd bestehen gute Möglichkeiten. Das Kind kann dabei die unvoreingenommene Akzeptanz durch das Pferd, dessen Vertrauen und die eigene Selbstwirksamkeit erfahren. Die Integration der Pflegemutter oder des Pflegevaters gelingt durch gemeinsames Erleben dieser Entwicklung. Die Situation kommt dem Wunsch des Kindes nach befriedigenden, exklusiven Eltern-Kind-Beziehungen nach. Der Erwachsene erlebt sein Pflegekind in einem anderen Kontext mit z. T. vielleicht überraschenden Reaktionen, die mit Hilfe der Therapeu- Tabelle 1: Exemplarische Übungen Das Liegen auf dem Pferderücken dient als Übung für das „Erfahrbar machen“ von Ruhe und Sicherheit und das Erleben des Pferdes als sichere Basis (Dischinger/ Gomolla 2011). Beim Spaziergang im Gelände geht das Kind in die Führungsposition, das Pferd folgt vertrauensvoll, man findet einen gemeinsamen Weg. Bindungsgestörte Kinder, die in vielen Fällen ihren nicht erziehungsfähigen Eltern ausgeliefert waren, erleben sich als führend und wirksam. Das Getragenwerden fördert u. a. das Vertrauen zum Pferd als sichere Basis und weckt das Gefühl versorgt und angenommen zu sein. Es fördert Selbstvertrauen und Motivation. 120 | mup 3|2014 Löhr - Konzeption zum therapeutischen Einsatz von Pferden in der Arbeit mit bindungsgestörten Pflegekindern tin erklärbar und nachvollziehbarer werden. Ziel der Arbeit ist das gemeinsame Erleben des Pferdes, aber auch das gemeinsame Entwickeln von Aufgaben, Ideen und Lösungsstrategien. Das Verhalten der Therapeutin muss entsprechend zurückhaltend, sachorientiert und unterstützend sein. Die Gestaltung der Abschiedsphase zum Abschluss der therapeutischen Arbeit mit dem Pferd sollte besonders vorsichtig eingeleitet werden und mehrere Stunden umfassen. Von Beginn an muss vereinbart werden, wie viele Stunden zu Verfügung stehen, um den Abschied für das Kind absehbar und nachvollziehbar zu gestalten. Dem Kind sollte die Möglichkeit gegeben werden, sich in möglichst selbstgestalteten Stunden von dem Pferd und der Therapeutin zu verabschieden. Therapeutische Haltung: Das Verhalten der Therapeutin stellt einen Balanceakt zwischen Zurückhaltung und Unterstützung dar. Zurückhaltung, um dem Kind die Möglichkeit zu geben, sich selbst im Umgang mit dem Tier auszuprobieren und eigene Lösungswege zu finden, im Sinne erlebter Selbstwirksamkeit. Unterstützung, um Gefühle von Hilflosigkeit und Angst zu vermeiden und Kommunikation anzubahnen. Auch und gerade im Zusammenspiel von Bezugspersonen und Kind gilt es, sich so weit wie möglich aus dem Geschehen herauszuhalten und im gemeinsamen Erleben von Lösungsstrategien Beziehung entstehen zu lassen. Im Sinne der Beziehungsgestaltung gilt nach Kröger (2005): „ … nicht manipulieren, nicht dirigieren, nicht subjektiv gestaltete Zielsetzungen verwirklichen wollen, sondern den anderen sich selbst sein lassen, beobachten, auf Distanz bleiben, zulassen, dass der andere sich über das im Angebot befindliche Medium sachorientiert eine Meinung bilden kann“. Fazit Unsere Erfahrungen in der Arbeit mit bindungsgestörten Kindern zeigen, dass im therapeutischen Einsatz von Pferden ein hohes Potenzial liegt. Aufgrund früher Traumatisierung und bestehender Bindungsproblematik benötigen viele Pflegekinder im Verlauf ihrer weiteren Entwicklung, begleitend zu einer dauerhaften Unterbringung in einer Pflegefamilie, psychotherapeutische Behandlung. Diese sollte intensiv und langfristig angelegt sein, um einen Beziehungsaufbau und die Aufarbeitung der traumatischen Erlebnisse zu ermöglichen. Ein nicht geplanter und unverständlicher Beziehungsabbruch sollte unbedingt vermieden werden. Für solche intensiven therapeutischen Interventionen fehlt in einer kinder- und jugendpsychiatrischen Praxis häufig die Kapazität. Die Aufnahme einer entsprechenden Maßnahme, z. B. durch eine kooperierende niedergelassene Kinder- und Jugendpsychotherapeutin, erscheint in den meisten Fällen sinnvoll und wird entsprechend eingeleitet. Die therapeutische Arbeit mit dem Pferd stellt eine ergänzende Maßnahme in der multimodalen therapeutischen Betreuung von Pflegekindern und ihren Bezugspersonen in der SPV Praxis dar. Insbesondere als Begleitung und Unterstützung der Integration des Kindes in eine Pflegefamilie kann das Pferd Ziel der Arbeit ist das gemeinsame Erleben des Pferdes, aber auch das gemeinsame Entwickeln von Aufgaben, Ideen und Lösungsstrategien. sinnvoll eingesetzt werden. Das Pferd mit seiner für viele Kinder großen Attraktivität kann zu einem Motivationsschub selbst bei sehr verunsicherten oder therapiemüden Kindern führen. Deutlich wird, dass sich in der therapeutischen Arbeit mit dem Pferd Elemente anderer Therapien abbilden. Dies macht einen sehr regelmäßigen Austausch zwischen den behandelnden Ärzten und Therapeuten notwendig. Die interdisziplinäre Arbeit in einer SPV Praxis und die Vernetzung mit den anderen Berufsgruppen kann dies leisten und ermöglicht damit eine effektive multimodale Behandlung. Wie so häufig stellt die Finanzierung der Maßnahme ein Problem dar. Eine Integration in das Löhr - Konzeption zum therapeutischen Einsatz von Pferden in der Arbeit mit bindungsgestörten Pflegekindern mup 3|2014 | 121 Konzept unserer sozialpsychiatrischen Praxis ist vor dem Hintergrund der bereits vorhandenen Pferde und bestehender Infrastruktur möglich. Jedoch können nur wenige Therapieplätze zur Verfügung gestellt werden, sodass die Maßnahme zunächst nur wenigen Kindern zugute kommen kann. Hier muss noch geklärt und erarbeitet werden, ob eine Ausweitung des Angebots und Übertragung auf weitere Krankheitsbilder möglich sein kann und wirtschaftlich umsetzbar ist. Literatur ■ Dischinger, A., Gomolla, A. (2011): Pferdegestützte Therapie bei bindungsgestörten Kindern. mensch & pferd international 2, 52-59, http: / / dx.doi.org/ 10.2378mup2011.art05d ■ DKThR (Hrsg.) (2005): Die Arbeit mit dem Pferd in der Psychiatrie und Psychotherapie - Sonderheft des DKThR. Warendorf ■ Dornes, M. (2000): Die emotionale Welt des Kindes. Fischer, Frankfurt ■ Iss, Landschaftsverband Westf.-Lippe (2003): Modellprojekt Evaluation und Weiterentwicklung der familienorientierenden Hilfen nach § 33 SGB VIII. Münster ■ Kröger, A. (2005): Handlungsorientierung im heilpädagogischen Voltigieren. In: Kröger, A. (Hrsg.): Partnerschaftlich miteinander umgehen. FN, Warendorf, 71-96 ■ Levison, B. (1962): The dog as a „co-Therapist“. Mental Hygiene 46, 59-65 ■ Nierstedt, M., Westermann, A. (2007): Pflegekinder und ihre Entwicklungschancen nach frühen traumatischen Erfahrungen. Klett-Cotta, Stuttgart ■ Prothmann, A. (2008): Tiergestützte Psychotherapie. Peter Lang, Bern ■ Vernooij, A., Schneider, S. (2008): Handbuch der tiergestützten Interventionen. Quelle & Meyer, Wiebelsheim Die Autorin Dr. med. Monika Löhr Ärztin für Kinder- und Jugendmedizin, Ärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Sportmedizin, Trainer C Westernreiten, Fachkraft in der heilpädagogischen Förderung mit dem Pferd (DKthR), seit Januar 2013 niedergelassen in einer eigener kinder- und jugendpsychiatrischer Praxis. Anschrift: Dr. med. Monika Löhr Marktstraße 8 · D-51588 Nümbrecht info@kjpp-loehr.de 122 | mup 3|2014 Löhr - Konzeption zum therapeutischen Einsatz von Pferden in der Arbeit mit bindungsgestörten Pflegekindern