eJournals mensch & pferd international6/3

mensch & pferd international
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1867-6456
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mup2014.art16d
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Forum: Ressourcenorientierung in der Heilpädagogischen Förderung mit dem Pferd

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Anke Schopmans
"In der Ruhe liegt die Kraft." (Seiwert 2007), "Man muss seinen Traum finden, dann wird der Weg leichter." (Hesse 1974) "Jeder, der die Fähigkeit erhält, Schönes zu erkennen, wird nie alt werden." (Kafka in Thiele 2001). Zahllose solch existierender Sprichwörter und Lebensweisheiten lassen erkennen, dass das Wissen um Stärken und Fähigkeiten von großem Nutzen sein kann.
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mup 3|2014|123-128|© Ernst Reinhardt Verlag München Basel, DOI 10.2378 / mup2014.art16d | 123 Forum Ressourcenorientierung in der Heilpädagogischen Förderung mit dem Pferd Anke Schopmans „In der Ruhe liegt die Kraft.“ (Seiwert 2007), „Man muss seinen Traum finden, dann wird der Weg leichter.“ (Hesse 1974), „Jeder, der die Fähigkeit erhält, Schönes zu erkennen, wird nie alt werden.“ (Kafka in Thiele 2001). Zahllose solch existierender Sprichwörter und Lebensweisheiten lassen erkennen, dass das Wissen um Stärken und Fähigkeiten von großem Nutzen sein kann. Der Ursprung dieses Wissens um Stärken heißt „Ressource“ (frz. la ressource - Mittel). Ressourcen sind Mittel, um eine Handlung zu tätigen oder einen Vorgang ablaufen zu lassen. Ist eine Vorgehensweise ressourcenorientiert, so bedeutet dies, dass man bestehende Anlagen für die Gestaltung und Bewältigung von alltäglichen und besonderen Aufgaben heranzieht und nutzbringend einsetzt. Es kommt daher darauf an, auf individuelle Stärken zu achten, um handlungsfähiger zu werden und um Prozesse bewusster steuern zu können. Das Handeln von seinem Können abhängig zu machen, ist so gesehen nichts Neues und charakterisiert pädagogisches Arbeiten. Aber wie lässt sich ein gezieltes „ressourcenorientiertes Arbeiten“ konsolidieren und auch in der Heilpädagogischen Förderung mit dem Pferd umsetzten? In dem Maße, wie das Medium Pferd mit all seinen individuellen Möglichkeiten und Facetten für die Förderung wirksam eingesetzt wird, genauso sollte auch jeder Teilnehmer die Möglichkeit erhalten, seine Vielzahl an Ressourcen zu entdecken und zu nutzen. Das bedeutet, Förderziele werden nicht nur an vorhandenen Defiziten ausgerichtet, sondern orientieren sich an den Ressourcengütern jedes Einzelnen. Es ist davon auszugehen, dass jeder Mensch, ob „normal“ oder „beeinträchtigt“, über Ressourcen verfügt. Der Unterschied liegt ausschließlich in der Verfügbarkeit, also inwieweit die Person Zugriff zu seinen Ressourcen hat. Mit Hilfe eines „Ressourcenorientierten Förderplanes“ in der HFP zu arbeiten heißt, an den Bereitschaften des Teilnehmers anzusetzen und seine Handlungsmöglichkeiten zu mobilisieren und auszubauen. Ein „Ressourcenorientierter Förderplan“ nimmt Einfluss darauf, Wissen über den individuellen Vorrat und über die persönlichen Rücklagen derjenigen Fähigkeiten zu erhalten, auf die im Bedarfsfall, bei einer adäquaten Ressourcenaktivierung, zurückgegriffen werden kann. Indikatoren für Ressourcen sind grundsätzlich alle Merkmale einer Person in allen Wahrnehmungsbereichen, z. B. Charaktereigenschaften, Körpereigenschaften, Fertigkeiten, Kenntnisse, Geschicke, Erfahrungen, Talente, Neigungen, Stärken usw. „Letztlich kann alles, was von einer bestimmten Person in einer bestimmten Situation wertgeschätzt wird oder als hilfreich erlebt wird, als eine Ressource betrachtet werden (Nestmann 1996, 362).“ 124 | mup 3|2014 Forum: Schopmans - Ressourcenorientierung in der Heilpädagogischen Förderung mit dem Pferd Das Elementarste für die Ermittlung eines „Ressourcenorientierten Förderplans“ ist eine differenzierte, konzentrierte Informationsermittlung sowie eine genaue Kenntnis der psychosozialen Schwächen des Teilnehmers und seines Krankheitsbildes. Wichtig ist, dass das gesamte Umfeld des Teilnehmers miteinbezogen wird und dass alle am Erziehungsprozess beteiligten Personen als Informationsquelle dienen. Je vielfältiger die Informationen, desto differenzierter ist die Ausrichtung der Förderziele! Die Ermittlung und Durchführung eines „Ressourcenorientierten Förderplans“ umfasst zwei Phasen: die Eruierungsphase und die Umsetzungsphase. In der Eruierungsphase werden Daten über den Teilnehmer sowie Informationen über das Krankheitsbild und seine Auswirkungen zusammengestellt. Bereits in dieser ersten Phase ist es wichtig, Kenntnisse über die Ressourcenbeschaffenheit des Teilnehmers in seinem Umfang und über sein Umfeld zu erlangen! Auch in der Familie und in dem Umweltsystem des Förderteilnehmers stecken förderbare Ressourcen, die für den Förderprozess genutzt werden können oder einer besonderen Berücksichtigung bedürfen. Die Ressourcenbeschaffenheit der Familie und der Umwelt nimmt immer Einfluss auf das gezeigte Verhalten des Förderteilnehmers. Die Auswirkungen können sowohl positiv wie auch negativ sein. Entscheidend ist bei einer differenzierten Informationsermittlung, die Existenz von Familien- und Umweltressourcen zu erkennen, zu erfassen und sie auf ihre Funktion und Wirksamkeit hin zu überprüfen. Eine bewährte praktische Möglichkeit, um einen größtmöglichen Kenntnisstand über die Ressourcen zu bekommen, ist der Einsatz von Ressourcenkarten. Alle Personen, die in Beziehung mit dem Förderteilnehmer stehen, schreiben auf Karteikärtchen alle Ressourcen des Teilnehmers auf. Auf diese Weise ergibt sich eine Fülle von möglichen vorhandenen Ressourcengütern des Teilnehmers, die wiederum für die Förderplanung von großem Wert sein können. Der Rahmen und das Pädagogenverhalten können in einer Fördereinheit spezifizierter auf den Teilnehmer zugeschnitten und ausgerichtet werden. Die Ressourcen des Teilnehmers können gezielter und stärker aktiviert werden. In der Umsetzungsphase werden Teilbereiche des Förderplans zu Förderzielen moduliert. Mit Vorbereitungskarten und dem hierfür entwickelten Auswertungsbogen kann der Förderverlauf erfasst, verglichen und kontinuierlich umgesetzt werden. Aus den auf diese Weise aufgezeichneten Beobachtungen lassen sich Aussagen über die Quantität der Beeinträchtigungen und der vorhandenen Ressourcen ableiten, die wiederum zu weiteren Förderzielen führen. Der Auswertungsbogen ist in seiner Nutzbarkeit so konzipiert, dass er durch einfaches Ankreuzen auch bei geringem Zeitkontingent eingesetzt werden kann. Er ist immer auf seine Aussagekraft hin zu überprüfen, ggf. zu erweitern oder zu verändern. In der Rubrik „Beschreibung und Modulation“ soll das gezeigte / beobachtete Verhalten des Eruierungsphase Anamnese: Auseinandersetzung mit dem Krankheitsbild, der Zielgruppe, der Altersstufe; Einsatz von Ressourcenkarten Ausrichtung des Settings: Rahmenbedingungen, Ort, Pädagogenverhalten Wahl des Pferdes: Exterieur, Interieur, Ressourcen des Pferdes Förderplan: Datenzusammenstellung Durchführungsphase Umsetzung: Vorbereitungskarten, Auswertungsbogen, Reflexion Zusammenfassend gehören folgende Inhaltspunkte zur Ermittlung und Durchführung eines „Ressourcenorientierten Förderplans": Forum: Schopmans - Ressourcenorientierung in der Heilpädagogischen Förderung mit dem Pferd mup 3|2014 | 125 Abb. 1: Ressourcenorientierter Förderplan aus der Praxis 126 | mup 3|2014 Forum: Schopmans - Ressourcenorientierung in der Heilpädagogischen Förderung mit dem Pferd Teilnehmers möglichst unverfälscht und wertfrei eingetragen werden, um daraus reflektiert weitere Förderschritte abzuleiten. Dabei kommt es darauf an, das weiterführende Förderangebot dahingehend auszurichten, dass weitere Verhaltens- und Reaktionsbereitschaften seitens des Teilnehmers möglich werden. Bei der Ausrichtung des Förderangebotes auf die Ressourcen des Teilnehmers einzugehen, löst beim Teilnehmer ein „Sichwohlfühlen“ aus und steigert seine Motivation zur Mitarbeit. Welcher Praxiswert steckt in einem „Ressourcenorientierten Förderplan“? Der Förderplan dokumentiert eine gute Gesamtübersicht über den Förderbedarf. Er schafft die Voraussetzung für eine notwendige Flexibilität, Förderangebote bewusst zu wechseln und sie entsprechend dem Bedarf, dem Vermögen und dem Interesse des Teilnehmers in allen Wahrnehmungsbereichen auszurichten. Mit der Ressourcenorientierung kann ein gezeigtes Verhalten des Teilnehmers erklärt werden, sie kann aber auch eine Quelle sein für Handlungsregulationen in der Alltagsbewältigung. Kongruenz und Empathie werden durch die Ressourcenorientierung verstärkt - eine positive Einstellung dem Teilnehmer gegenüber ist die Folge! Unabhängig von der Diagnose und dem Krankheitsbild sind es die Ressourcen eines Teilnehmers, die dem Therapeuten einen Anknüpfungspunkt geben, um einen positiven Zugang zu ihm zu bekommen. In Verbindung mit einer Ressourcendiagnostik kann sich durch die Ressourcenorientierung auch eine Analyse von Handlungsbereitschaften beim Teilnehmer zeigen. Die ressourcenorientierte Förderung kann die „Bereitschaft zur Veränderung“ beim Teilnehmer verstärken und positiv unterstützen. Denn es ist die gewinnbringende Erkenntnis des Teilnehmers, durch die Ressourcenorientierung etwas aus „eigener Kraft“ schaffen zu können. Das „Beziehungsdreieck“ zwischen Schüler, Pferd und Pädagoge in der Heilpädagogischen Förderung mit dem Pferd (Schulz / Kröger 2005) könnte durch den „inneren“ Faktor „Ressourcen“ erweitert werden! Fazit Im Laufe unserer gesellschaftlichen Sozialisation lernen wir, mit unseren Eigenschaften, Fähigkeiten und Gefühlen umzugehen und diese in Beziehungen einzusetzen. Manchmal Vorbereitungskarte Kind: S(w) Alter: 13,6 Datum: 10. Jan. 2013 Fernziel: „Förderung der Eigenständigkeit" Nahziel: Das Pferd eigenständig anhalten können und wieder antreten lassen Umsetzungsmöglichkeiten: ■ das Pferd führen und anhalten ■ das Pferd eigenständig reiten ■ für die Aufwärmphase Materialien mit Aufforderungscharakter bereitstellen ■ In einer freien Bewegungsphase soll das Bewegungsverhalten des Kindes beobachtet werden, um so Anhaltspunkte für eine Bewegungsdiagnose / Förderung zu bekommen. Pädagogische Interventionen: ■ sachorientierte Partnerschaft in der Hilfestellung beim selbstständigen Reiten ■ nonverbale Verstärkung der Reitversuche des Förderkindes ■ Skalierungsfragen am Ende der Übungseinheit, um ein Feedback zu bekommen, wie die Übung aus Sicht des Kindes bewältigt werden konnte und um dem Förderkind die gemachten Erfahrungen bewusst zu machen. Beispiel einer durchgeführten Fördereinheit aus der Praxis Forum: Schopmans - Ressourcenorientierung in der Heilpädagogischen Förderung mit dem Pferd mup 3|2014 | 127 muss diese natürliche Beziehungsfähigkeit wieder neu erlernt werden. Hierfür stellt sich die Ressourcenorientierung innerhalb der HFP als besonders nützlich und hilfreich heraus. Den Prozess der Ressourcenaktivierung und Steuerung gezielt in die Heilpädagogische Förderung mit dem Pferd zu integrieren und zu praktizieren, kann den Fördererfolg langfristig unterstützen. Eine Voraussetzung für die ressourcenorientierte Arbeitsweise ist eine Ressourcensensibilität des Pädagogen und seine Fähigkeit, die Ressourcen immer wieder auf ihre Funktion und ihr Ziel hin zu überprüfen. Die ressourcenorientierte Vorgehensweise kann dann als förderlich angesehen werden, wenn sie vom Teilnehmer als hilfreich empfunden wird. Die Ressourcenaktivierung und Ressourcennutzung ist deshalb für einen Veränderungsprozess für den Teilnehmer von unschätzbarem Wert. Bei einer ressourcenorientierten Förderung handelt es sich keineswegs um eine Variante des „positiven Denkens“, die das Krankheitsbild mit seinen Auswirkungen für den Teilnehmer verharmlost oder „schönredet“. Vielmehr bedeutet eine ressourcenorientierte Vorgehensweise, Ressourcen zu aktivieren, wertfrei wahrzunehmen und sie zum Gegen- Wahrnehmungsbereiche: EB - emotionaler Bereich SB - sozialer Bereich KB - kognitiver Bereich MB - motorischer Bereich T = taktil, VL = visuell, A = auditiv, P = propriozeptiv (Muskeln / Gelenke), V = vestibulär (Schwerkraft/ Bewegung) motorische Kompetenzen: K = Kraft, A = Ausdauer, Gw =Gleichgewicht, Gl = Gelenkigkeit, S = Schnelligkeit Auswertungsbogen der Übungseinheit I Datum 10.Jan.2013 Kind: S(w) Alter: 13,6 Pferd: Fjordpferd Fernziel: "Förderung der Eigenständigkeit" Nahziel: das Pferd eigenständig anhalten und antreten lassen beobachtbares Verhalten Ja Nein teilw. Beschreibung/ Modulation Ressourcennutzung MB KB SB Einfühlungsvermögen stärker einbringen Ressourcengewinnung X eigene Wirksamkeit stärker erfahrbar machen Zufriedenheit X verbal geäußert: ….das war meine beste Stunde, lächeln, Wiederholungsbedürfniss Angst X Frustration X motorische Kompetenz X Koordination verbessern, weniger Kraft einsetzen Gruppen Interaktion X Spiele in der Aufwärmphase äußere Einflüsse X Wahrnehmnungsbereich EB MB (T) Fortbewegung der Pferdes erfühlen Eigeninitiative X in der Aufwärmphase, die Dauer und Intensität selber bestimmen zu können Prüfung des Settings Ortswechsel/ Gestaltung X Pferdewechsel X Methode X Longe/ geführt beibehalten päd. Intervention das Nahziel noch stärker am Pferd orientieren Modifikation der Ziele Fernziel: X Nahziel: X Aufgabenvariationen Überlegungen für die nächste Stunde: Beibehaltung und Wiederholung der Förderaufgabe, Weiterführung durch Aufgabenangebote variieren, Hinzunahme von Ball oder Reifen für die Aufwärmphase Abb. 3: Beziehungsdreieck (Schulz / Kröger 2005) modifiziert nach Schopmans 128 | mup 3|2014 Forum: Schopmans - Ressourcenorientierung in der Heilpädagogischen Förderung mit dem Pferd stand der Prozessgestaltung zu machen. Das Ergebnis ist eine gute therapeutische Beziehung, in der weitere Ressourcen entstehen können. Den Freiraum für Ressourcenentfaltung in der Förderung zuzulassen heißt: Alles, was ein Teilnehmer von sich aus einbringt, wird prozessual in den Förderverlauf mit aufgenommen, wertgeschätzt und als Stärke anerkannt. Unter Umständen ergeben sich auf diese Art und Weise neue, mitunter nicht vorhersehbare Handlungsmöglichkeiten und Lösungswege. Nur so wird ein „echtes Miteinander“ zwischen Teilnehmer und Therapeut überhaupt möglich. Nicht zuletzt kann die „Ressourcenorientierung“ auch die Sichtweise auf die eigenen Ressourcen eröffnen. Seine eigenen Ressourcen zu kennen und sich diesen auch in der therapeutischen Arbeit nicht zu verschließen, kann die Arbeit oft erleichtern und die Freude an der Arbeit erhöhen. Literatur ■ Hesse, H. (1974): Demian. Die Geschichte von Emil Sindaris Jugend. Suhrkamp, Berlin ■ Nestmann, F. (1996): Psychosoziale Beratung - ein ressourcentheoretischer Entwurf, Verhaltenstherapie und Psychosoziale Praxis 28, 359-376 ■ Schulz, M., Kröger, A. (2005): Heilpädagogische Arbeit mit und auf dem Pferd. In: Kröger, A. (Hrsg.): Partnerschaftlich miteinander umgehen. FN, Warendorf, 18-29 ■ Seiwert, L. J. (2007): Die Bärenstrategie. Ariston, München ■ Thiele, J. (2001): Das Österreichische Zitatenlexikon. Styria, Wien Die Autorin Anke Schopmans Staatliche anerkannte Erzieherin mit Montessori- Diplom, leitete 12 Jahre eine Kindertagesstätte im sozialen Brennpunkt in Aachen, Trainer C Basissport Voltigieren (FN), Mitgründung und Wiederaufbau einer Voltigierschule in Aachen, Zusatzausbildung Heilpädagogischen Förderung mit dem Pferd (DKTHR), z. Z. tätig als freie Mitarbeiterin in der Einzel- und Gruppenförderung am Lohner-Hof-Reit und Therapiezentrum e. V. Anschrift: Anke Schopmans Burgstr. 7 · 52146 Würselen anke@schopmans.com