mensch & pferd international
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1867-6456
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mup2014.art23d
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Forum: Pferdegestützte Therapie in Australien
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Aliana Müller
Pferdegestützte Therapie befindet sich in Australien noch in den Kinderschuhen. Bisher gibt es dort nur wenige Pferdegestützte Therapieangebote und die englische Bezeichnung dafür, „Horse Assisted Therapy“, ist noch weitgehend unbekannt. Im Gegensatz zu Deutschland sagt den meisten Menschen in Australien Pferdegestützte Therapie oder Reittherapie zunächst wenig. Einen großen Anteil am Pferdesport in Australien macht die Rennpferdezucht aus, da der Pferderennsport zu den beliebtesten Sportarten gehört. Pferdehaltung in Australien ist extensiv, mit viel Weideland und vergleichsweise günstig, dennoch gibt es kaum Reitvereine, die Reiten für Menschen mit Behinderung oder psychischen Erkrankungen anbieten.
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174 | mup 4|2014|174-178|© Ernst Reinhardt Verlag München Basel, DOI 10.2378 / mup2014.art23d Pferdegestützte Therapie befindet sich in Australien noch in den Kinderschuhen. Bisher gibt es dort nur wenige Pferdegestützte Therapieangebote und die englische Bezeichnung dafür, „Horse Assisted Therapy“, ist noch weitgehend unbekannt. Im Gegensatz zu Deutschland sagt den meisten Menschen in Australien Pferdegestützte Therapie oder Reittherapie zunächst wenig. Einen großen Anteil am Pferdesport in Australien macht die Rennpferdezucht aus, da der Pferderennsport zu den beliebtesten Sportarten gehört. Pferdehaltung in Australien ist extensiv, mit viel Weideland und vergleichsweise günstig, dennoch gibt es kaum Reitvereine, die Reiten für Menschen mit Behinderung oder psychischen Erkrankungen anbieten. Das Hauptangebot im Bereich Pferdegestützter Interventionen stammt von dem Verband EAGALA, der vor allem in den englischsprachigen Ländern präsent ist. Der Fokus von EAGALA liegt auf der Pferdegestützten Psychotherapie (Equine Psychotherapy Australia) sowie auf dem Pferdegestützten Lernen (Equine Assisted Learning). EAGALA bietet für interessierte Klienten in Australien sowohl Fortbildungen an als auch eine vollständige Adressenliste von EAGALA-ausgebildeten Therapeuten in allen australischen Staaten. Die Hippotherapie existiert in Australien schon seit 1964 und wird durch die Hippotherapeutische Vereinigung, „Riding for the Disabled Association of Australia“ (RDAA) vertreten. Diese ist in allen australischen Staaten aktiv und ermöglicht Menschen mit körperlichen und geistigen Einschränkungen, sich auf dem Pferd weiter zu entwickeln. Insgesamt sind die Australier offen und bereit Neues auszuprobieren. Daher treffen Angebote zur Pferdegestützten Therapie immer dann auf großen Zuspruch, wenn sie näher erläutert worden sind. Vor allem Eltern förderungsbedürftiger Kinder sind sehr daran interessiert, ihre Sprösslinge an Pferdegestützten Interventionen teilnehmen zu lassen. Ich selbst erlebte das Pferdegestützte Angebot an der Candlebark School in Victoria, Australien. Auch hier musste den Eltern und Schülern zunächst das Konzept der Pferdegestützten Therapie näher erklärt werden, aber dann wurde es mit Freude und viel Lob angenommen. Ein Erfahrungsbericht Es begann alles in Konstanz am Institut für Pferdegestützte Therapie (IPTh), wo ich für eine australische Lehrerin das Unterrichtsmaterial für die Reittherapie- Weiterbildung ins Englische übersetzen sollte. Im Rahmen eines längeren Deutschlandaufenthalts machte sie ihre Fortbildung im Bereich Reittherapie am IPTh, und so war der Kontakt zur offenen, kompetenten Australierin Jess Liston geknüpft. Jess ist überzeugt davon, dass ein wichtiger Anteil an Wissen durch Erfahrungen gewonnen wird. Weil Jess selbst auf der Rennpferdezuchtfarm ihrer Eltern aufgewachsen ist, fühlt sie sich unter Pferden sehr wohl und ist vertraut im Umgang mit Aliana Müller Forum Pferdegestützte Therapie in Australien Forum: Müller - Pferdegestützte Therapie in Australien mup 4|2014 | 175 den Tieren. Dieses Pferdeverständnis vermittelt sie intuitiv ihren Schülern in der Pferdegestützten Arbeit. Jess und mir schwebte ein gemeinsames Pferdegestütztes Projekt vor. Zwei Jahre später wurde aus dem lockeren Gedankenaustausch von damals Wirklichkeit: Im Rahmen der gemeinsamen Elternzeit nach der Geburt unseres zweiten Kindes reiste ich mit meiner Familie nach Australien. Über Jess hatte ich eine Arbeitsstelle als Reittherapeutin an der Schule erhalten, an der sie auch unterrichtet. Es war schon immer eines meiner Ziele, nicht nur in Deutschland, sondern auch einmal im Ausland im Bereich der Pferdegestützten Therapie tätig zu sein. Dadurch wollte ich einen aktiven Beitrag zum internationalen Austausch zwischen Pferdegestützt arbeitenden Therapeuten bzw. „Horse Assisted Therapists“, wie sie in Australien genannt werden, leisten. Ich fand es spannend, Pferdegestützte Angebote in einem anderen Land zu erleben und zu erfahren, inwiefern kulturelle Unterschiede die Entwicklung der Pferdegestützten Interventionen beeinflussen können. Einen Monat lang arbeiteten Jess und ich Seite an Seite in der Pferdegestützten Therapie an einer innovativen Schule in der Nähe von Melbourne, Victoria. Sie war nicht nur als Lehrerin an der Candlebark School tätig, sondern baute dort auch seit einem Jahr die Pferdegestützte Therapie auf. Die Candlebark School bietet dafür ideale Voraussetzungen, weil das Areal weitläufiges Buschland umfasst. Der Schulleiter John Marsden ist ein renommierter australischer Jugendbuchautor und leidenschaftlicher Englischlehrer. Bei Gründung der Candlebark School in 2006 wollte Marsden eine innovative Schule aufbauen, die sich von den gängigen öffentlichen Schulen Australiens unterscheidet. Im australischen Schulsystem macht sich nach wie vor die britische Kolonialvergangenheit bemerkbar, sodass viel Wert auf Disziplin und Ordnung gelegt wird, die Schüler Schuluniformen tragen müssen und die Schulen oft geschlechtergetrennt sind. Die Candlebark School ist stolz darauf, eine Schule mit so gut wie keinen Regeln zu sein („The School with no rules“). Es ist allen Lehrern der Candlebark School ein Abb. 1: Auf der Weide 176 | mup 4|2014 Forum: Müller - Pferdegestützte Therapie in Australien Anliegen, den Schülern durch möglichst direkte Erfahrungen neues Wissen zu vermitteln. Das Ziel ist, den Schülern einen interaktiven Unterricht mit viel Freiraum für Kreativität zu bieten, in dem sie sich selbstständig entfalten und über das normale Curriculum hinaus lernen können. Marsden ist sehr aufgeschlossen gegenüber neuen Konzepten und unterstützt Jess nicht nur finanziell bei der Etablierung der Pferdegestützten Therapie. Auch die Eltern der Schulkinder tragen aktiv zur Verwirklichung des tiergestützten Angebots der Schule bei, indem sie etwa Tiere spenden oder das Therapietraining der Tiere zeitweise übernehmen. Als ich im Februar an die Candlebark School kam, fand ich dort eine ganze Menagerie vor, bestehend aus fünf Therapiepferden, zwei Therapieschweinen, vier Ziegen, mehreren Gänsen und Schafen sowie einer alten Kuh. Die förderungsbedürftigen Kinder der Regelschule werden bei Bedarf aus ihren Klassen freigestellt, um stattdessen an einer Therapiestunde teilzunehmen. Das Therapieangebot ist während der gesamten Schuldauer montags bis freitags von 9: 00 Uhr bis 15: 00 Uhr zugänglich. Die Schüler versorgen in wechselnden Kleingruppen im Anschluss an den Schulunterricht alle Tiere, sodass manches Kind mit Förderbedarf mehrmals täglich bei den Tieren ist. Als Lehrerin und Reittherapeutin hatte Jess einen guten Einblick in das Verhalten der Kinder an der Schule, und auch ich gewann durch das offene Schulkonzept, bei dem es kein getrenntes Lehrerzimmer gibt und Schüler und Lehrer die Pausen zusammen verbringen, schnell einen Überblick. Der tiergestützte Bereich kommt in der wöchentlichen Teamsitzung stets zur Sprache, wodurch ein wertvoller Informationsaustausch zwischen Lehrern, Schulpsychologen, Logopäden sowie Therapeuten gewährleistet wird. Ich empfand es als sehr bereichernd, direktes Feedback zur Wirkung der Pferdegestützten Therapie zu bekommen und mit den Kollegen potenzielle Schwierigkeiten oder Misserfolge diskutieren zu können, um bei Bedarf Unterstützung zu bekommen. Die Kinder mit Förderbedarf werden nach ihren jeweiligen Bedürfnissen und Auffälligkeiten ausgewählt, wobei es an der Schule ganz unterschiedliche Fälle gibt. An der von mir durchgeführten Pferdegestützten Therapie nahmen zum Beispiel ein Mädchen, dessen Mutter zu der Zeit im Sterben lag, zur Trauerprophylaxe, aber auch ein Asperger-Autist, Kinder mit ADHS und sozialemotional auffällige Schüler teil. Auch Schüler mit Lernstörungen kamen zur Pferdegestützten Therapie. Die Gruppenzusammensetzung ergibt sich meist dadurch, dass jeweils maximal zwei Kinder pro Schulstunde aus einer Klasse freigestellt werden können. Die versäumte Schulstunde der Kinder mit Förderbedarf muss außerdem in einem Fach sein, in dem die Kinder relativ gut sind. Somit kommen täglich mehrere Kinder im Alter von sechs bis 16 Jahren einzeln oder in Kleingruppen von bis zu vier Kindern zur Pferdegestützten Therapie. Gearbeitet wird mit allen Tieren, je nachdem, welche Ziele und Themen anstehen, wobei am häufigsten die Pferde im Einsatz sind. Besonders beliebt war das verspielte Shetlandpony-Fohlen „Bumbles“, zusammen mit seiner menschenscheuen Mama „Honey “. Auch die Schweine werden gerne als Therapiepartner von den Kindern ausgesucht. Oft beschränkt sich die Pferdegestützte Therapie auf Bodenarbeit mit den Pferden, Wahrnehmungs- und Aufmerksamkeitsschulung sowie Achtsamkeitsübungen. Typische Therapieziele sind Selbstwertsteigerung, Verantwortungsschulung, Erfahrung von Selbstwirksamkeit und die Verbesserung des Sozialverhaltens. Weitere Ziele sind Konzentrationssteigerung und Verbesserung des Lernverhaltens sowie den Kindern zu helfen, ihre eigenen Emotionen besser zu spüren und dann mit ihnen umgehen zu lernen. Zu Beginn der Therapieeinheit wird oft ein „Visual“ (kurze angeleitete Fantasiereise / Meditation) durchgeführt, um die Kinder auf die Therapiestunde einzustimmen. Ich führte zusätzlich ein kleines Abschlussritual in Form einer Feedbackrunde zum Ende der Stunde ein. Forum: Müller - Pferdegestützte Therapie in Australien mup 4|2014 | 177 Im Anschluss an die Therapieeinheiten erfolgte grundsätzlich eine kurze schriftliche Dokumentation der Therapieeinheit sowie sporadisch eine Evaluation des eigenen Therapeutenverhaltens. Die Einheiten bauten aufeinander auf und die meisten Kinder wurden während eines Schulsemesters oder sogar das ganze Schuljahr hindurch therapeutisch begleitet. In den Teamsitzungen wurden die Erfolge und Fortschritte der Klienten mit dem gesamten Lehrpersonal besprochen und weitere Förderbereiche und Therapieziele der Pferdegestützten Therapie erörtert. Candlebark School hebt sich von anderen Schulen dadurch hervor, dass die Pferdegestützte Therapie integriert stattfindet und unter anderem sogar Inhalte des Schulunterrichts im Rahmen der Interventionen vermittelt werden. Besonders wichtig ist dem Schulleiter, dass sich die Schüler während ihrer Schulzeit Werte und Kompetenzen wie Selbstständigkeit, Eigenverantwortung, Motivation, Nutzung eigener Ressourcen und gesunde Wertvorstellungen aneignen. Diese sozialen, emotionalen sowie kognitiven Ziele können nicht nur in den normalen Schulunterricht integriert werden, sondern auch besonders effektiv durch die Pferdegestützte Arbeit vermittelt werden. In den ersten drei Wochen gab ich mehrere Therapieeinheiten täglich, half bei der Pflege und Versorgung der Tiere und beim Training der Pferde. In den letzten beiden Wochen startete ich das Projekt „Tack Room“ (Sattelkammer): Ich bemalte mit den Schülern zusammen die Sattelkammer und richtete sie neu ein. Dabei kamen nicht nur Kinder mit Förderbedarf, sondern auch die anderen Schüler in bunt gemischten Kleingruppen zum Einsatz. Das Malen hat allen sehr viel Spaß gemacht und die Sattelkammer sieht jetzt viel freundlicher und kreativer gestaltet aus als vorher. Außerdem kaufte ich neues Therapiematerial, sortierte altes Pferdematerial aus und richtete die Sattelkammer mit Jess therapiegerechter ein. In der Zeit, die ich an der Schule verbrachte, wählten Jess und ich auch ein neues Therapiepferd für die Schule aus. „ Jim“, ein fünfjähriger, aufmerksamer, freundlicher Quarter Horse-Wallach, war für die Therapie gut geeignet. Nachdem er in der zweiten Woche meines Aufenthalts in Abb. 2: Bumbles lernt das Halfter kennen 178 | mup 4|2014 Forum: Müller - Pferdegestützte Therapie in Australien den Stall kam, begann ich mit ihm die therapeutische Ausbildung, sodass er bis zu meiner Abreise problemlos in der Bodenarbeit und für einfache Zirkuslektionen mit den Kindern eingesetzt werden konnte. Außerdem wurden er und ein weiteres Leihpferd, ein großer Apfelschimmel-Wallach der Rasse Australian Stock Horse, einvoltigiert. Es lag Jess sehr am Herzen, ein Voltigierpferd zu haben, um mit kleinen Schülergruppen leichte Voltigierübungen durchführen zu können. Die Anschaffung geeigneten Voltigiermaterials bereitete uns einige Probleme, da der Voltigiersport in Australien so gut wie gar nicht praktiziert wird. Nach meinen Erfahrungen ist ein Voltigiergurt für die meisten australischen Pferdebesitzer ein Fremdbegriff und die Turnübungen auf dem Pferd gehören für viele lediglich in Zirkusvorführungen. Inzwischen steht ein Holzpferd zum Üben neben der Sattelkammer und die beiden Großpferde können zum Voltigieren mit den Schülern eingesetzt werden. Gemäß dem Schulmotto „Es gibt keine Probleme, sondern nur Lösungen“ konnten Jess und ich also die Pferdegestützte Therapie an der Candlebark School um einige Aspekte erweitern und aus dem internationalen Austausch viele wertvolle Erkenntnisse ziehen. Abb. 3: Vertrauen Aliana Müller Dipl. Biologin, staatl. geprüfte Physiotherapeutin und Reittherapeutin (IPTh), Weiterbildungen u. a. in Konzentrativer Bewegungstherapie, Feldenkrais, Equine Ability, z. Z. als selbstständige Reittherapeutin und Dozentin für Reittherapeuten und Physiotherapeuten in Konstanz tätig. Anschrift: Aliana Müller Brandesstrasse 8 · D-78464 Konstanz alianam@gmx.de Die Autorin
