eJournals mensch & pferd international7/1

mensch & pferd international
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1867-6456
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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2015
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Editorial

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2015
Liebe Leserin, lieber Leser, als neue Co-Herausgeberin von Mensch und Pferd International möchte ich mich Ihnen gerne vorstellen. Seit über 15 Jahren beschäftige ich mich in Wissenschaft und Praxis mit der Mensch-Tier-Beziehung und der Anwendung ihrer positiven Wirkungen auf den Menschen in tiergestützten Interventionen. Sowohl Grundlagenforschung zur Mensch-Hund-Beziehung, meist basierend auf der Bindungstheorie, als auch die Evaluation tiergestützter Interventionen mit Hunden, Meer­schweinchen und Pferden zählen zu meinen Spezialgebieten. National und international bin ich in diversen wissenschaftlichen Beiräten von Forschungs- und Praxiseinrichtungen in diesem Fachgebiet der angewandten Anthrozoologie aktiv, unter anderem bei IAHAIO, ISAZ, den IEMTs Österreich und Schweiz und ISAAT. Diese Aktivitäten und der Austausch mit Praktikern auf Tagungen bedingen eine intensive Auseinandersetzung mit Qualitätsstandards für Praxis und Ausbildung von Mensch und Tier im Rahmen tiergestützter Arbeit.
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Liebe Leserin, lieber Leser, als neue Co-Herausgeberin von Mensch und Pferd International möchte ich mich Ihnen gerne vorstellen. Seit über 15 Jahren beschäftige ich mich in Wissenschaft und Praxis mit der Mensch-Tier- Beziehung und der Anwendung ihrer positiven Wirkungen auf den Menschen in tiergestützten Interventionen. Sowohl Grundlagenforschung zur Mensch-Hund-Beziehung, meist basierend auf der Bindungstheorie, als auch die Evaluation tiergestützter Interventionen mit Hunden, Meerschweinchen und Pferden zählen zu meinen Spezialgebieten. National und international bin ich in diversen wissenschaftlichen Beiräten von Forschungs- und Praxiseinrichtungen in diesem Fachgebiet der angewandten Anthrozoologie aktiv, unter anderem bei IAHAIO, ISAZ, den IEMTs Österreich und Schweiz und ISAAT. Diese Aktivitäten und der Austausch mit Praktikern auf Tagungen bedingen eine intensive Auseinandersetzung mit Qualitätsstandards für Praxis und Ausbildung von Mensch und Tier im Rahmen tiergestützter Arbeit. Je mehr die Szene von Personen, die tiergestützt arbeiten, wächst - auch aufgrund der höheren Nachfrage und Akzeptanz aus der Bevölkerung - desto größer ist die Varianz der Ausbildung der involvierten Personen und Tiere. Obwohl die meisten tiergestützt arbeitenden Praktiker mit guten Intentionen beginnen, variiert das Hintergrundwissen über Theorien und Rahmenbedingungen tiergestützter Interventionen, über Auswahl, Ausbildung und Stresserkennung bei den Tieren sowie das Wissen über die Probleme, Störungsbilder, Krankheiten und Behinderungen der Klienten doch erheblich. Und im Extrem gibt es auch „schwarze Schafe“, die wenig Wert auf eine qualitativ gute Arbeit, dafür viel Wert auf Geld und Selbstdarstellung legen. Überzogene monetäre Erwartungen gibt es z. B. gerade im Bereich der Assistenzhunde - ein Bereich in dem es kaum national anerkannte Standards gibt. Nicht ohne Grund haben sich verschiedene Institutionen gegründet, welche Mindestkriterien für die Ausbildung der tiergestützten Fachkraft, aber auch Richtlinien für den Umgang mit den involvierten Tieren und Klienten geben. Dazu zählen bei den tiergestützten Interventionen die International Society of Animal Assisted Therapy (ISAAT), die European Society of Animal Assisted Therapy (ESAAT), die International Association of Human- Animal Interaction Organizations (siehe White Paper Definitions) und im Assistenzhundebereich Assistance Dogs International (ADI, Europa: ADEu). ESAAT und ISAAT geben Inhalte für Ausbildungscurricula vor, Anforderungen an die Dozenten, die Grundausbildung der Teilnehmer, die sich später Fachkräfte für tiergestützte Interventionen nennen dürfen. Immer mehr Ausbildungsinstitute bemühen sich um eine solche, inzwischen bei ESAAT und ISAAT relativ vergleichbare, Zertifizierung. Eine staatliche Anerkennung dieses Qualitätssiegels steht jedoch weiterhin aus. Die tiergestützte Szene ist in nur wenigen Ländern über Richtlinien von Regierungsbehörden reglementiert. Neben möglichen Qualitätsproblemen in der Arbeit mit den Klienten rückte in den letzten Jahren verstärkt auch das Wohlbefinden bzw. die Stressbelastung der Therapietiere in den Vordergrund. Leider viel zu häufig erkennen Experten auf Editorial Editorial mup 1|2015|© Ernst Reinhardt Verlag München Basel, DOI 10.2378 / mup2015.art01d | 1 Videomaterial, Fotos, aber auch bei Vorführungen, deutlich gestresste Tiere im Rahmen tiergestützter Interventionen. Dies betrifft vor allem Hunde und wahrscheinlich auch Pferde. In beiden Fällen erhöht sich damit das Risiko von gefährlichen Situationen und kritischen Vorfällen. ISAAT und ESAAT, vertreten durch den ehemaligen Präsidenten Prof. Olbrich und den aktuellen Präsidenten Dr. Wohlfarth haben 2014 gemeinsam eine Broschüre „Qualitätsentwicklung und Qualitätssicherung in der Praxis tiergestützter Interventionen“ herausgegeben. Diese betrifft alle tiergestützten Ausbildungen und ist daher auch auf die pädagogisch-therapeutische Arbeit mit Pferden anwendbar. Aufgrund der eigenen Historie des therapeutischen Reitens, die relativ unabhängig vom Rest tiergestützter Interventionen mit Hund, Nutztieren und Kleintieren verlief, findet bisher nur wenig Austausch zwischen den beiden Feldern statt. Wünschenswert wäre jedoch, wenn nicht jeder für sich das Rad neu erfindet. Ein erster Austausch ist auf den wissenschaftlichen Kongressen gegeben, denn insbesondere in den USA wird nun intensiv an den Effekten therapeutischen Reitens bzw. pferdegestützter Interventionen geforscht. Durch die Fördermittel des National Institute of Health (NIH, Abteilung National Institute for Child Health and Development NICHD) in Kooperation mit Waltham (Mars Inc.) konnten mehrere Studien mit dem Fokus Autismusspektrumsstörungen finanziert werden, deren Ergebnisse in den kommenden Jahren vorgestellt werden. Auch die Forschung bedarf qualitativ hochwertiger Praxis, um entsprechende positive Effekte überhaupt finden zu können und den Vorgaben entsprechender Ethikkommissionen zum Wohl von Klienten und eingesetzten Tieren zu entsprechen. Insgesamt bewegen sich Praxis und Forschung zur Arbeit mit Pferden und anderen Tieren deutlich vorwärts. Die Qualitätssicherung sollte hier mithalten, in theoretischer und praktischer Ausbildung, über regelmäßige Supervision, so wie dies z. B. in der Psychotherapie üblich ist, und möglicherweise auch über regelmäßige Sichtungen der tiergestützten Praxis bzw. der eingesetzten Tiere, die sich im Lauf ihres Lebens deutlich in ihrer Belastbarkeit verändern. Die Implementierung der Qualitätssicherung ist in der Praxis sicher nicht immer einfach, in der Ausbildung aber gut möglich. Grundlage ist immer ein intensiver Austausch aller Beteiligten, um die Erfahrungen anderer nutzen zu können. Ähnliche Diskussionen finden auch in den Organisationen zum Therapeutischen Reiten / Pferdegestützter Arbeit statt, so dass gemeinsame Überlegungen wünschenswert wären - zum Wohl der Klienten, Pferde und der Zukunft tiergestützter Interventionen. Und letztendlich zu einer Anerkennung qualitativ hochwertig arbeitenden Fachkräften in tiergestützten Interventionen, die viel Zeit und Geld in ihre Ausbildung investiert haben. PD Dr. Andrea Beetz