eJournals mensch & pferd international7/3

mensch & pferd international
2
1867-6456
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mup2015.art20d
2_007_2015_3/2_007_2015_3.pdf71
2015
73

Praxistipp: Erfahrungsbericht zum Thema "Alte Therapiepferde"

71
2015
Marion Trödel-Gencoglu
Ich bin 60 Jahre alt, Diplompädagogin, Ehefrau, Mutter von drei Töchtern, zweifache Oma und arbeite seit 20 Jahren selbstständig als Reittherapeutin (AGRT), seit fast sieben Jahren leben wir auf dem gleichen Hof wie die Pferde. Ich habe meine Pferde seit 20, 18, 17 und 14 Jahren. Diese Pferde sind jetzt 26 und 22 Jahre alt. Wir sind also zusammen in etwas „gesetzterem“ Alter. Ich arbeite „face to face“ an fünf Tagen in der Woche jeweils drei bis vier Stunden. Meine Klientel sind Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die aus unterschiedlichen Gründen zu mir kommen. Schwerpunktmäßig arbeite ich mit Kindern und Jugendlichen mit besonderem Förderbedarf im emotionalen und sozialen Bereich.
2_007_2015_3_0008
122 | mup 3|2015|122-123|© Ernst Reinhardt Verlag München Basel, DOI 10.2378 / mup2015.art20d Praxistipp Erfahrungsbericht zum Thema „Alte Therapiepferde“ Marion Trödel-Gencoglu Ich bin 60 Jahre alt, Diplompädagogin, Ehefrau, Mutter von drei Töchtern, zweifache Oma und arbeite seit 20 Jahren selbstständig als Reittherapeutin (AGRT), seit fast sieben Jahren leben wir auf dem gleichen Hof wie die Pferde. Ich habe meine Pferde seit 20, 18, 17 und 14 Jahren. Diese Pferde sind jetzt 26 und 22 Jahre alt. Wir sind also zusammen in etwas „gesetzterem“ Alter. Ich arbeite „face to face“ an fünf Tagen in der Woche jeweils drei bis vier Stunden. Meine Klientel sind Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die aus unterschiedlichen Gründen zu mir kommen. Schwerpunktmäßig arbeite ich mit Kindern und Jugendlichen mit besonderem Förderbedarf im emotionalen und sozialen Bereich. Seit Jahren treffe ich mich regelmäßig mit Arbeitskolleginnen aus der Gegend zum Austausch und wir haben den Arbeitskreis Südwestfalen für ganzheitliche Reittherapie gegründet. Sowohl in diesem Arbeitskreis als auch im PI Berufsverband haben wir oft über die Thematik des alternden Therapiepferdes und den Umgang damit gesprochen. Auch die Wirtschaftlichkeit unserer Unternehmen ist oft ein Thema - und diese beiden Themen sind widersprüchlich, wie es scheint. Ein wirtschaftlich denkender Betrieb müsste seine Co-Therapeuten im Alter von etwa 16 Jahren verkaufen, z. B. an ehemalige Klienten, die ein gut ausgebildetes, zuverlässiges Pferd brauchen. Es gibt auch Betriebe, die das machen. Das kann eine gute Lösung für beide sein. Für den Betrieb ist das schon allein deshalb wirtschaftlich, da in diesem Alter die Pferde normalerweise noch keine „Altersgebrechen“ haben. Aber keiner von uns macht das. Wir können uns nicht vorstellen, diese Tiere, die uns und unseren Klienten so lange gedient haben, abzugeben. Wir erleben ja auch, dass sie oft mit dem Alter immer besser, gelassener und zuverlässiger in der Arbeit werden, wenn man sie nicht durch Überforderung „sauer“ macht. Ich persönlich hatte das Glück, als 16-Jährige bei einem Reitlehrer Unterricht zu haben, dessen Vorbild die Spanische Hofreitschule in Wien war. Er selbst hatte noch beim Meister Podhajski gelernt. Was mir ganz besonders bis heute im Gedächtnis geblieben ist, war die damalige Aussage, dass die dortigen Hengste, die zumindest damals sehr langsam und sorgfältig ausgebildet wurden, ihre Höchstleistungen im Alter von 18 bis 26 Jahren zeigten. Und das, wo doch das Durchschnittsalter des deutschen Reitpferdes bei etwa acht Jahren liegt. Ehrfurchtsvoll erlebe ich im täglichen Umgang mit meinen Pferden, dass sie mir und meinen Klienten immer wieder Momente der Begegnung schenken, die wir sehr bewusst wahrnehmen. Wir bemühen uns, sehr achtsam mit den Tieren umzugehen, gestehen ihnen im Alter auch mal Schrullen zu, fördern sie nach ihren Bedürfnissen und Möglichkeiten, sorgen dafür, dass sie auch im Alter immer mal etwas Neues lernen können. Meine 26-jährige Haflingerstute Nina ist körperlich nicht mehr voll belastbar. Das wissen alle und sie wird entsprechend eingesetzt. Praxistipp : Trödel-Gencoglu - Erfahrungsbericht zum Thema „Alte Therapiepferde“ mup 3|2015 | 123 In der Bodenarbeit ist sie besonders gut, weil sie dann sehr eindrucksvoll die Lehrmeisterin ist. Dann blüht sie richtig auf und wir empfinden es als Ehre, mit ihr arbeiten zu dürfen. Wenn meine „Jungs“ kommen, fröhlich, frisch und unbedarft, wird sie auch wieder jung und munter. Sie mag nicht mit den anderen Pferden zusammen angebunden werden, braucht da ihren Raum - okay, den bekommt sie. Ich selbst reite sie nur noch auf kleineren Ausritten und übe mit ihr immer wieder Neues auf dem Platz. Das reicht. Ohne Arbeit wird sie unausstehlich. Meine 22-jährige Dülmener-Norwegerstute Dixie ist pingelig, sensibel und stur. Bei Druck macht sie „zu“, auch wenn dieser nur sehr unterschwellig ist. Sie sucht sich ihre Menschen aus, mit denen sie arbeiten möchte, und dann ist sie genial einfühlsam. Ansonsten ist ein frischer Ritt im Gelände mit ein paar neuen Aufgaben genug. Mein 22-jähriger Ponywallach Fury, 1,15 m groß, macht öfter Schabernack, setzt Grenzen sehr deutlich und fordert sie ein, ist sehr neugierig und wird ganz wach, wenn er etwas Neues lernen kann. Zirkuslektionen liebt er und macht immer wieder deutlich, dass er eben kein süßes, kleines Kinderpony ist, sondern ein erwachsenes Pferd. Eine zierliche Frau sieht ihn so und reitet regelmäßig zweimal in der Woche mit ihm durchs Gelände. Von einem Erwachsenen geritten zu werden, ist ihm wichtig, und er wird regelrecht depressiv, wenn sie mal länger nicht kommt. Mein 22-jähriger Haflingerwallach Merlin hält mir auch nach so vielen Jahren immer wieder den Spiegel vor, in den ich manchmal nicht ganz so gerne hineinblicke. Er erfasst meine Absichten und Gefühle ihm gegenüber, die nicht immer positiv sind. Er wendet sich Menschen zu, die ihn wirklich sehen, wie er ist - was mir oft schwer fällt -, und dann arbeitet er so gut und zuverlässig mit, dass ich oft ein wenig neidisch und sehr erstaunt daneben stehe. Dies alles kommuniziere ich meinen Klienten sehr ehrlich und dadurch entsteht viel Nähe und Zugehörigkeitsgefühl. Mit jüngeren Pferden hat die Arbeit eine andere Qualität, aber keine bessere, sie ist halt anders. Ich habe es ja selbst erlebt. Wir haben tagelange Wanderritte gemacht, kleine Turniere, Wettbewerbe, lange und schnelle Ausritte. Das geht jetzt so nicht mehr. Aber die Ruhe, Erfahrung und Gelassenheit, die diese Tiere jetzt haben, haben eine Qualität, die junge Tiere noch nicht haben können. In unserer Verantwortung liegt es, diese Qualität so lange wie möglich zu erhalten, indem wir immer einen Blick darauf haben, was uns die Tiere signalisieren; von regelmäßigen Checkups durch den Tierarzt, Osteopathen und Zahnarzt will ich gar nicht reden, das ist sowieso selbstverständlich. Und dann hoffe ich, dass ich weiß, wann in hoffentlich ferner Zukunft der Tag gekommen ist, mein Pferd in die „ewigen Jagdgründe“ zu schicken. Auch wenn es weh tut, pflege ich mit diesem Thema einen offenen Umgang, denn das ist eben der Kreislauf des Lebens. Ich werde oft gefragt, ob ich denn nicht noch einmal ein junges Pferd kaufen möchte. Ich weiß natürlich nicht, was die Zukunft bringt. Meine Arbeit macht mir Spaß und ich kann sie meinen und den Bedürfnissen der Tiere anpassen. Ich möchte gerne noch einige Jahre arbeiten und bis jetzt sieht es so aus, dass dies auch möglich ist. Meine Vorstellung ist, dass ich im Idealfall die Arbeit langsam „ausschleiche“, und vielleicht schleicht sich ja ein junger Mensch mit einem evtl. jungen Pferd ein … Wer weiß? Die Autorin Marion Trödel-Gencoglu Dipl. Pädagogin, erstes Staatsexamen Primarstufe mit Schwerpunkt Verhaltensbiologie, Reittherapeutin (AG Reiten und Therapie e. V.), arbeitet seit 1995 als selbstständige Reittherapeutin, Gründungsmitglied des Arbeitskreises Reittherapie Südwestfalen. Anschrift: Marion Trödel-Gencoglu · Im Langenrode 28 · D-58285 Gevelsberg Mariontrg@gmx.net