mensch & pferd international
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Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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Forum: Voltigieren verbindet - Inklusion im Pferdesportverein
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Heike Hundt
In vielen Tageseinrichtungen für Kinder und in Schulen ist das Thema Inklusion längst angekommen. Die Politik und die Menschen haben sich dort auf den Weg gemacht, Ausgrenzungen zu vermeiden und dafür zu sorgen, dass sich jeder in unserer Gesellschaft zugehörig fühlt. Wie aber sieht es im Freizeitbereich aus? Gilt dort auch die Aussage: „Jeder kann dabei sein?“
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24 | mup 1|2017|24-27|© Ernst Reinhardt Verlag München Basel, DOI 10.2378 / mup2017.art04d Forum Voltigieren verbindet - Inklusion im Pferdesportverein Heike Hundt In vielen Tageseinrichtungen für Kinder und in Schulen ist das Thema Inklusion längst angekommen. Die Politik und die Menschen haben sich dort auf den Weg gemacht, Ausgrenzungen zu vermeiden und dafür zu sorgen, dass sich jeder in unserer Gesellschaft zugehörig fühlt. Wie aber sieht es im Freizeitbereich aus? Gilt dort auch die Aussage: „Jeder kann dabei sein? “ Diese Frage habe ich mir gestellt und bin mit Ausbildern und Vorstandsmitgliedern verschiedener Reitvereine meines Heimat-Kreisreiterverbandes Ennepe-Ruhr-Hagen diesbezüglich ins Gespräch gekommen. Das Fazit aus diesen Unterhaltungen war ernüchternd und hat mich ehrlich gesagt enttäuscht. Zwar haben mehrere der 48 Vereine Kooperationsangebote mit Kindergärten, Regel-und Förderschulen, jedoch stets isoliert vom eigentlichen Vereinsleben. Nach den Aussagen einiger Trainer-C-Ausbilder, die diese Kooperationen begleiten, werden die Angebote von Reitanlagenbetreibern eher als mögliche Belegungen der Randzeiten gesehen, da vormittags und am frühen Nachmittag, aus schu- Forum: Hundt - Voltigieren verbindet mup 1|2017 | 25 lischen und beruflichen Gründen der Mitglieder, das eigentliche Vereinsleben noch nicht stattfinden kann. Auf meine Frage, ob es in den Regel-Reitstunden denn auch Menschen mit Behinderungen gäbe, antwortete nur einer der befragten Reitlehrer mit Ja. Jedoch verwiesen mich einige Gesprächspartner an ihre Voltigierabteilung und deren Ausbilder. Dort gäbe es in den „normalen“ Gruppen auch Kinder und Jugendliche mit Förderbedarf. Das hat mich dann doch etwas beruhigt, denn schließlich haben sich ein gutes Drittel der Vereine in ihrer Vereinssatzung die Unterstützung und Integration von Menschen mit Behinderung als Aufgabe gesetzt. Dass dies, neben gezielten Kooperationsangeboten, scheinbar durch das Voltigieren erfolgt, hat mich persönlich sehr gefreut. Durch meine eigene aktive Zeit hat mich der Voltigiersport so begeistert, dass ich ihm treu geblieben bin. Bei meinen verschiedenen Tätigkeitsfeldern, die sich über das Voltigiertraining für Voltigierer unterschiedlicher Altersgruppen im Breiten- und Leistungssport, Durchführung und Begleitung von Trainerausbildungen, Fortbildungen für Ausbilder und Aktive sowie Begleitung von Kooperationsangeboten für Schulen und Kindergärten erstrecken, habe ich oft den besonderen „Geist der Voltigiergemeinschaft“ spüren und erleben können. Es ist ein Mannschaftssport, bei dem das „Wir“ zwischen Menschen und auch dem Partner Pferd gelebt wird. So erstaunt es mich nicht, dass gerade das Voltigieren der Schlüssel zur Inklusion im Pferdesport-Verein zu sein scheint. Meine weiteren Recherchen ergaben, dass in 18 Vereinen des Kreises Ennepe-Ruhr-Hagen ca. 400 Kinder und Jugendliche voltigieren. Mit den Ausbildern und Ausbilderinnen dieser Gruppen habe ich mich unterhalten und sie bestätigten mir alle dieses besondere Gefühl der Verbundenheit. „Die Gruppenmitglieder bleiben ja oft über Jahre zusammen und verbringen einen großen Teil ihrer Freizeit gemeinsam. Es ist ja nicht nur die reine Sportzeit, sondern auch die gemeinsame Zeit, sich um den Sportpartner Pferd zu kümmern, vorher und nachher putzen, Box ausmisten, mit ihm Grasen gehen oder mal nur kuscheln“, erzählt mir Elke Wienand vom LZRFV Sprockhövel lachend. Silke Belke vom RZuFV Vormwalde e. V. berichtet: "Wir erleben so viel zusammen! Erst jetzt in den Sommerferien haben wir ein dreitä- 26 | mup 1|2017 Forum: Hundt - Voltigieren verbindet giges Kreis-Volti-Camp durchgeführt, an dem 70 Aktive teilgenommen haben. Wir haben neben dem Voltigiertraining Spiele gespielt, gegrillt, gequatscht. Es war einfach rund und schön, auch dadurch, dass wir Ausbilder uns untereinander so gut verstehen und uns gegenseitig unterstützen.“ Bei der Zusammensetzung der Gruppen im Kreis zeichnet sich in allen Vereinen in etwa die gleiche Struktur ab. Meistens gibt es ein bis zwei Basissport-Einsteigergruppen von sechs bis zehn Jahren - vereinzelte Gruppen haben auch schon vierjährige Kinder dabei - und ein bis zwei altersgemischte Gruppen mit Kindern und Jugendlichen ab zehn Jahren, die entweder den Basis- oder den Leistungssport betreiben. Das Voltigieren wird zu 80 % von Mädchen oder jungen Frauen ausgeübt. Auf meine Nachfrage, ob es auch Mitglieder mit Behinderungen bzw. Mitglieder mit besonderem Förderbedarf in den Gruppen gäbe, war ich erstaunt, wie viele Ausbilder dieses bejahten und als völlig selbstverständlich sehen. So berichtete z. B. Judith Hemesoth vom RV Hagen e. V.: „Bei uns voltigieren zwei geistig behinderte Mädchen, eine ist 11 und eine 15 Jahre alt. Die 15-jährige ist nun schon seit fünf Jahren dabei und hat sogar die damalige Steckenpferd-Prüfung (heutiges Voltigierabzeichen Klasse 10) mitgemacht und bestanden! Das hat uns alle und vor allem sie selbst sehr gefreut.“ Katrin Weidner vom Reitverein Hagen-Tücking erzählt: „In meiner Mannschaft hatte ich sechs Jahre lang ein Mädchen mit Hemiparese. Wir haben uns dann eine Aufstiegshilfe aus leeren Getränkekästen gebaut, um sie zu unterstützen. Heute hilft sie uns bei der Betreuung der jüngeren Voltigierer.“ Bereits seit vier Jahren voltigiert ein heute zehnjähriges Mädchen mit Lernbehinderung, ebenfalls beim RV Hagen-Tücking, mit deren Mutter ich mich unterhalten habe. Sie betonte, wie sehr sie sich darüber freue, dass ihre Tochter eine Sportart gefunden habe, die ihr so großen Spaß macht und bei der sie einfach eine Voltigiererin wie alle anderen sein kann! Vor allem vor dem Hintergrund, dass sie erst kürzlich von der Waldorfschule zur Förderschule gewechselt ist, ist die Bedeutung, Mitglied in einer Regelsport-Gruppe zu sein, noch einmal größer geworden. „Sie entwi- Forum: Hundt - Voltigieren verbindet mup 1|2017 | 27 Heike Hundt Staatl. geprüfte Erzieherin mit beruflichen Zusatzqualifikationen Elternbegleiterin und zertifizierte Sprachförderkraft, arbeitet als Fachberatung für sprachliche Bildung in den Kindertageseinrichtungen der ev. Kirchengemeinde Gevelsberg, Voltigierpädagogin (Zusatzqualifikation DKThR), Voltigier-Richterin, Trainer-A-Voltigieren des DOSB mit Ausbilder-Zertifikat und Voltigierbeauftragte im Ausschuss Ausbildung des Pferdesportverbandes Westfalen. Anschrift Heike Hundt · Frankfurter Str. 50a · D-58332 Schwelm heike-hundt@web.de Die Autorin ckelt sich sportlich wirklich erfreulich gut, macht immer freudig, konzentriert und ehrgeizig mit“, so Katrin Weidner, die Trainerin. „Es ist gut, dass meine Tochter diese Möglichkeit erhält. Das ist eine viel schönere Alternative für sie, als eine weitere Therapieform“, so die Mutter. „Auch die Möglichkeiten, die sie durch die Vereinszugehörigkeit nutzen kann, wie zuletzt die Teilnahme am Volti-Camp und die Voltigierabzeichen-Prüfung, begrüßen wir sehr.“ Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass der Voltigiersport eine besonders geeignete Form der Integration von Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen in eine Pferdesportdisziplin bietet, da es sich beim Voltigieren um einen Mannschaftssport handelt, bei dem auf individuelle Defizite und Stärken Rücksicht genommen werden kann. Nicht selten werden die Gruppen von zwei Ausbildern betreut, von denen sich einer um die Sportler und einer um das Pferd kümmert. Gut 60 % der Befragten meines Kreises haben mindestens eine Trainer-C-Qualifikation des DOSB. Durch den Verbund der Voltigiermannschaft wachsen die Sportler auch in die Gemeinschaft eines Pferdesportvereins hinein, da das Voltigieren, im Gegensatz zum Reiten, ausschließlich als Vereinssport betrieben wird. Die Voltigierer helfen als Gruppe z. B. beim gemeinsamen Vorbereiten und Durchführen von Veranstaltungen, wie Turnieren, Festen oder Tag der „Offenen Stalltür“ mit. Stets nach dem Motto „Gemeinsam sind wir stark“, hilft jede Unterstützung, egal welche Aktion man übernimmt (Fegen und Säubern der Anlage, Übernahme von Diensten, z. B. Kuchenverkauf, Vorbereitung und Durchführung von Schaubildern), dem großen gemeinschaftlichen Vereins-Ziel. Das Erlebnis, gemeinsam erfolgreich etwas erreicht zu haben, schließt alle mit ein und sorgt für ein positives „Wir-Gefühl“. Mein Fazit ist ganz klar, das Voltigieren verbindet! Es verbindet Menschen untereinander und ermöglicht die Verbindung und das Zugehörigkeitsgefühl zu einem Pferdesportverein. Das resultiert sicherlich, neben der positiven Dynamik durch den Mannschaftssport, aus der Möglichkeit einer längeren, partnerschaftlichen Begleitung durch die Ausbilder und den sich daraus ergebenden Beziehungsaufbau ebenso, wie der Struktur des Sports, bei der sich die Einheit Mensch / Pferd in der Obhut einer Vertrauensperson befindet, die direkten Einfluss auf das Pferd hat. Wünschenswert wäre, dass sich dieses Erfolgsmodell auch auf andere Sparten im Reitsport übertragen ließe, damit Inklusion auch im gesamten Pferdesportbereich ge- und erlebt werden könnte. Da aber leider zurzeit der Reitsport doch eher einer „Einzel-Kämpfer“ Disziplin gleicht, wird es sicher noch ein weiter Weg werden.
