eJournals mensch & pferd international9/1

mensch & pferd international
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1867-6456
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mup2017.art06d
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2017
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Recht & Sicherheit: Qualitätssicherung: Die Bedeutung angemessener Honorare in der Pferdegestützten Intervention

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2017
Ute Slojewski
Uta Heselhaus
Die Frage der Finanzierung ist für alle Fachkräfte, die im Bereich Pferdegestützter Interventionen tätig sind, immer wieder von großer Bedeutung. Dies gilt insbesondere für diejenigen, die auf selbständiger Basis in diesem Berufsfeld arbeiten. Um repräsentative Daten der wirtschaftlichen Situation zu erheben, führte der Berufsverband für Fachkräfte Pferdegestützter Interventionen (PI) bereits im Frühjahr 2014 eine erste Befragung unter seinen Mitgliedern durch. Ziel war es, einen Überblick über die aktuelle Honorar- und Vergütungssituation der Fachkräfte in der PI zu bekommen. Das Ergebnis bestätigte die überaus schwierige Situation im Bereich der Finanzierung Pferdegestützter Interventionen: […]
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32 | mup 1|2017|32-34|© Ernst Reinhardt Verlag München Basel, DOI 10.2378 / mup2017.art06d Ute Slojewski, Uta Heselhaus Recht & Sicherheit Qualitätssicherung: Die Bedeutung angemessener Honorare in der Pferdegestützten Intervention Die Frage der Finanzierung ist für alle Fachkräfte, die im Bereich Pferdegestützter Interventionen tätig sind, immer wieder von großer Bedeutung. Dies gilt insbesondere für diejenigen, die auf selbständiger Basis in diesem Berufsfeld arbeiten. Um repräsentative Daten der wirtschaftlichen Situation zu erheben, führte der Berufsverband für Fachkräfte Pferdegestützter Interventionen (PI) bereits im Frühjahr 2014 eine erste Befragung unter seinen Mitgliedern durch. Ziel war es, einen Überblick über die aktuelle Honorar- und Vergütungssituation der Fachkräfte in der PI zu bekommen. Das Ergebnis bestätigte die überaus schwierige Situation im Bereich der Finanzierung Pferdegestützter Interventionen: ■ Die von der Mehrheit der Fachkräfte erhobenen Honorare, vor allem in Einzeltherapien, sind deutlich zu niedrig angesetzt, was sich in nicht erwirtschafteten Gewinnen zeigt. ■ Für ein und dieselbe Leistung (z. B. 30 min Therapie / eine Fachkraft/ ein Pferd) klaffen die Honorarspannen in den verschiedenen Bundesländern weit auseinander. ■ Die meisten Fachkräfte verfügen nur über ungenügende betriebswirtschaftliche Grundlagen, sodass die Selbständigkeit (auch die nebenberufliche) nicht betriebswirtschaftlich untermauert ist. ■ Nur ein sehr kleiner Anteil der befragten Fachkräfte arbeitet mit Honorarverträgen und Ausfallklauseln. Beides verhilft aber unter anderem zu einer kontinuierlicheren Einkommenssituation. ■ 83 % der befragten Fachkräfte fühlten sich für ihre Arbeit ungenügend honoriert. Hier zeigte sich dringender Handlungsbedarf zur Verbesse- Eine selbständig arbeitende Fachkraft, die Vollzeit in der PI tätig ist, möchte ein Nettoeinkommen von monatlich 1.500 € erzielen (entspricht dem Gehalt einer Erzieherin). Dazu muss ein Jahresgewinn von rund 36.000 € erwirtschaftet werden. Von diesem Gewinn entfallen rund 50 % auf die Einkommensteuer, die Krankenkasse und die Altersvorsorge, sodass dann rund 18.000 € im Jahr (= 1.500 € im Monat) als Einkommen für die Fachkraft übrig bleiben. Um jedoch einen Jahresgewinn von 36.000 € erzielen zu können, muss ein Umsatz (entspricht den Brutto-Gesamteinnahmen) von mindestens 70.000 bis 80.000 € erwirtschaftet werden, d. h. monatlich etwa 5.800 bis 6.600 €. Um diesen Monatsumsatz überhaupt erreichen zu können, muss die Fachkraft mit mindestens vier Pferden arbeiten. Es entfallen also 50 % bis 70 % der Umsätze auf die Betriebskosten: ‒ Pferdegesamtkosten: Haltung, Tierarzt, Schmied, Ausrüstung ‒ Personal: Stall, Helfer, evtl. weitere Fachkraft als Unterstützung ‒ weitere Betriebskosten: Versicherungen, Steuerberater, Fortbildung, Bürokosten Recht & Sicherheit: Slojewski, Heselhaus - Qualitätssicherung: Die Bedeutung angemessener Honorare … mup 1|2017 | 33 rung der Honorarsituation in allen Bereichen der PI. Wie wichtig es ist, in der PI durch angemessene Honorare kostendeckend arbeiten zu können und damit auch eine Existenz zu ermöglichen, zeigt die nebenstehende (sehr vereinfachte) Modellrechnung einer selbständig arbeitenden Fachkraft. Qualitativ hochwertige Arbeit zum Schutz der Klienten Der Berufsverband PI vertritt die Ansicht, dass es notwendig ist, das Honorarlevel regional, landes- und bundesweit anzugleichen und zu erhöhen, wobei einheitliche, angemessene Honorarrichtlinien im Bereich der Pferdegestützten Interventionen dringend notwendig sind. Das „Niedrigpreisniveau“, auf dem immer noch viele Kolleginnen und Kollegen arbeiten, sollte möglichst bald der Vergangenheit angehören. Denn es gibt keinen Grund, qualitativ hochwertige pädagogisch-therapeutische Arbeit zu Dumpingpreisen anzubieten. Schließlich arbeiten die Therapeuten und Pädagogen der PI und ihre Pferde als hochqualifizierte Fachkräfte sehr effektiv und erfolgreich mit Menschen, die der Förderung und Therapie bedürfen. Qualitativ hochwertige Arbeit hat aber ihren Preis, verlangt eine umfassende Ausbildung der Fachkräfte (qualifizierter Grundberuf, eine spezielle und fundierte Weiterbildung im Bereich der PI sowie eine umfassende pferdefachliche Qualifikation), ebenso wie ständige Weiterbildung, artgerechte Haltung und Gymnastizierung der Pferde und therapiefreie Zeiten zur Erholung von dieser anspruchsvollen Arbeit. In diesem Sinne bietet qualitativ hochwertige Arbeit in der PI auch Schutz für die Klienten. Denn nur durch eine pädagogisch oder psychologisch fundierte Grundausbildung und eine reittherapeutische Zusatzausbildung kann gewährleistet werden, dass die Fachkräfte sich mit den Krankheitsbildern ihrer Klienten auskennen und auch die Pferde entsprechend einsetzen können. Weitere Sicherheitsaspekte zum Schutz der Klienten sind gut ausgebildete und ausgeglichene Pferde (in die viel Zeit und Geld investiert wurde), die Ausstattung der Anlage und eine gepflegte Ausrüstung. Barrierefreie Zugänge, Aufstiegshilfen, rutschfreie oder gepflasterte Wege müssen finanziert und instand gehalten werden, die Ausrüstung muss regelmäßig gepflegt und repariert oder ersetzt werden. All diese Maßnahmen kosten Geld, das mit der reittherapeutischen Arbeit auch verdient werden muss. Einheitliche Honorarrichtlinie Aufgrund der Ergebnisse der ersten Mitgliederbefragung legte der Berufsverband PI Anfang 2015 eine umfassende Honorarrichtlinie vor, die bundesweit einheitliche Honorare vorschlägt. Für eine Einzeltherapie von 60 Minuten empfiehlt der Berufsverband demnach eine Honorarspanne von 65 bis 120 €, für 45 bzw. 30 Minuten entsprechend weniger. Bei Gruppentherapien mit nur einem Pferd und einem Therapeuten können je nach Gruppengröße zwischen 70 und 120 € verlangt werden. Kommt ein zweites Pferd und damit eine Assistenz hinzu, kann sich das Honorar je nach Gruppengröße und Dauer der Therapieeinheit zwischen 90 und 180 € bewegen. Die detaillierte Richtlinie ist für Mitglieder auf der Website des Verbandes www.berufsverband-pi.de einzusehen. Unterstützung der Mitglieder durch den Berufsverband PI Die Honorarrichtlinie wurde vom Berufsverband und den Regionalgruppen durch aktive Öffentlichkeitsarbeit gegenüber Institutionen, Kostenträgern und Klienten bekannt gemacht. In einem ersten wichtigen Schritt zur Information der Kostenträger wurden beispielsweise alle Landesjugendämter in Deutschland von der Geschäftsstelle des Berufsverbandes PI über Pferdegestützte Interventionen, die Honorargestaltung für Fachkräfte und die Therapeuten- und Pädagogenliste des Berufsverbandes informiert. Die Mitglieder des PI können sich auf das Schreiben sowie die darin enthaltenen Honorarrichtlinien berufen. Darüber hinaus bietet der Berufsverband PI einmal im Jahr ein betriebswirtschaftliches Seminar für seine Mitglieder an, die sich in der PI selbständig machen wollen oder es bereits sind, um sich mit der Wirtschaftlichkeit ihrer Arbeit und ihres Angebotes auseinanderzusetzen. Dieses Angebot kann je nach Bedarf auch als individuelle Existenzgründungsberatung in Anspruch genommen werden. Zur Unterstützung von therapiebedürftigen Menschen, die die Kosten des Therapeutischen Reitens nicht selber tragen können, kooperiert der Berufsverband bereits mit überregionalen Fördervereinen 34 | mup 1|2017 Recht & Sicherheit: Slojewski, Heselhaus - Qualitätssicherung: Die Bedeutung angemessener Honorare … wie Freudenschimmer e. V. und Pferdestärken e. V. und möchte auch auf regionaler Ebene die Etablierung solcher Fördervereine vorantreiben. Ergebnisse der aktuellen Umfrage im Juli 2016 Die gute Nachricht gleich vorweg: Eine moderate Anpassung der Honorare an die Richtlinien des Berufsverbands hat in den letzten anderthalb Jahren bereits stattgefunden, wie die Ergebnisse einer zweiten, aktuellen Umfrage unter den Mitgliedern des PI im Juli 2016 gezeigt haben. Alle Teilnehmer gaben an, dass die Honorarrichtlinie für ihre Arbeit hilfreich oder sogar sehr hilfreich ist, zwei Drittel bestätigten, dass sie ihre Preise im letzten Jahr an die Richtlinie angepasst haben. Zwar liegen sie meist noch im unteren Bereich der vorgeschlagenen Honorare, aber als erster Entwicklungsschritt ist dies äußerst positiv zu werten. Ebenfalls zwei Drittel der Teilnehmer gaben an, dass sie bei der Argumentation gegenüber Klienten und Kostenträgern die Honorarrichtlinie des Berufsverbandes genutzt haben. Besonders erfreulich ist, dass die Preiserhöhungen überwiegend problemlos akzeptiert wurden und auch bei Erklärungen zum „Warum“ die Argumentationshilfen des Berufsverbands unterstützen konnten. Insbesondere für öffentliche Träger war die neue Honorargestaltung in Ordnung, bei Privatzahlern waren hingegen mehr Akzeptanzprobleme zu verzeichnen. Hier behalfen sich die Fachkräfte teilweise mit Kompromissen oder verlangten die höheren Honorare nur bei Neukunden. Motivation für die überwiegend ehrenamtliche Arbeit des Vorstands vom Berufsverband PI waren die Aussagen mancher Mitglieder, die „froh sind, dabei zu sein, weil die Richtlinien sehr geholfen haben“, „sehr dankbar sind für die fachliche Unterstützung des Berufsverbands PI“ und die finden, dass „die Honorarrichtlinien ein echter Fortschritt und gut umsetzbar sind.“ Das spornt an, die engagierte Arbeit der letzten Jahre fortzusetzen. Der Berufsverband PI ist die erste deutschlandweite Interessenvertretung für Fachkräfte der PI und nimmt darüber hinaus auch seine Aufgaben als Ansprechpartner für Klienten und Kostenträger wahr. Der Verband steht für hochwertige pädagogische und therapeutische Angebote mit Pferden sowie artgerechte Haltung, Ausbildung und Einsatz der Tiere. Weitere Informationen rund um den Berufsverband und seine Aktivitäten sowie Anträge für Mitgliedschaften gibt es unter www.berufsverband-pi.de. Die Autorinnen Ute Slojewski 1. Vorsitzende Berufsverband PI, Sportpädagogin und Reitpädagogin SG-TR / Trainer C-EWU, seit 1997 selbstständige Tätigkeit als Reitpädagogin und Leitung des Zentrums für Therapeutisches Reiten AMISTAD in Straelen (Nordrhein-Westfalen), seit 2003 als Dozentin im Bereich der Fort- und Weiterbildung „Assistenz beim Therapeutischen Reiten und Reittherapie“ tätig. Uta Heselhaus Mitarbeiterin in der Geschäftsstelle des Berufsverbands PI, Kommunikationswissenschaftlerin, Heilpraktikerin Psychotherapie, Reittherapeutin SG-TR, Gestalttherapeutin, seit 2012 freiberuflich als Reittherapeutin tätig. Anschriften Ute Slojewski · Sanger Weg 41 · D-47638 Straelen uteslojewski@gmx.de Uta Heselhaus · Bahnstraße 13 · D-47509 Rheurdt uheselhaus@gmx.de