mensch & pferd international
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Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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Forum: Wie Pferde das Selbstbewusstsein stärken können
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Hanna Eberle
Im Rahmen der Ausbildung zur Reitpädagogin SG-TR habe ich ein Praktikum von 30 Lektionen mit zwei verschiedenen Klientinnen absolviert. In diesem Beitrag berichte ich von meiner Zeit mit der Klientin K. Die gemeinsamen Lektionen bestritten wir auf dem Ponyhof Mörschwil, in der Nähe von St. Gallen. Speziell am Konzept des Hofes ist, dass alle Kinder, sofern irgendwie möglich, in die normalen Reitstunden integriert werden. Das heißt, dass nur Kinder und Jugendliche, bei denen eine spezielle Indikation vorliegt, überhaupt in Einzeltherapiestunden eingeteilt werden. Demzufolge sind in den Reitstunden stark durchmischte Gruppen anzutreffen. Damit dies funktioniert, liegt ein Schwerpunkt auf der gegenseitigen Akzeptanz aller Reitschülerinnen und Reitschüler. Außerdem werden alle immer wieder dazu angehalten, anderen Kindern und Jugendlichen zu helfen und Dinge gemeinsam zu unternehmen. Dieser Grundhaltung sind das angenehme Klima, die Harmonie und die gegenseitige Hilfsbereitschaft auf dem Hof zu verdanken. Während der ersten zehn Lektionen arbeiteten wir mit Moritz, einem großen und kräftigen Shetlandpony-Wallach, der 35 Jahre alt ist. Moritz ist sehr lieb, zutraulich und geduldig. Er verzeiht seinen ReiterInnen so manchen Fehler, trotzdem hat er seinen eigenen Kopf und lehrt die Kinder somit auch, bestimmt aufzutreten und sich durchzusetzen. Aufgrund dieser Eigenschaften und auch aufgrund seiner Größe erschien uns Moritz für diese Klientin perfekt. Nach zehn Lektionen wechselten wir auf K.s Wunsch das Pony und arbeiteten mit Jojo, einer kleinen Shetlandpony-Stute, die ohne Sattel geritten wird.
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mup 3|2018|125-133|© Ernst Reinhardt Verlag München Basel, DOI 10.2378 / mup2018.art16d | 125 Forum Wie Pferde das Selbstbewusstsein stärken können Aus der Praxis für die Praxis Hanna Eberle Im Rahmen der Ausbildung zur Reitpädagogin SG-TR habe ich ein Praktikum von 30 Lektionen mit zwei verschiedenen Klientinnen absolviert. In diesem Beitrag berichte ich von meiner Zeit mit der Klientin K. Die gemeinsamen Lektionen bestritten wir auf dem Ponyhof Mörschwil, in der Nähe von St. Gallen. Speziell am Konzept des Hofes ist, dass alle Kinder, sofern irgendwie möglich, in die normalen Reitstunden integriert werden. Das heißt, dass nur Kinder und Jugendliche, bei denen eine spezielle Indikation vorliegt, überhaupt in Einzeltherapiestunden eingeteilt werden. Demzufolge sind in den Reitstunden stark durchmischte Gruppen anzutreffen. Damit dies funktioniert, liegt ein Schwerpunkt auf der gegenseitigen Akzeptanz aller Reitschülerinnen und Reitschüler. Außerdem werden alle immer wieder dazu angehalten, anderen Kindern und Jugendlichen zu helfen und Dinge gemeinsam zu unternehmen. Dieser Grundhaltung sind das angenehme Klima, die Harmonie und die gegenseitige Hilfsbereitschaft auf dem Hof zu verdanken. Während der ersten zehn Lektionen arbeiteten wir mit Moritz, einem großen und kräftigen Shetlandpony-Wallach, der 35 Jahre alt ist. Moritz ist sehr lieb, zutraulich und geduldig. Er verzeiht seinen ReiterInnen so manchen Fehler, trotzdem hat er seinen eigenen Kopf und lehrt die Kinder somit auch, bestimmt aufzutreten und sich durchzusetzen. Aufgrund dieser Eigenschaften und auch aufgrund seiner Größe erschien uns Moritz für diese Klientin perfekt. Nach zehn Lektionen wechselten wir auf K.s Wunsch das Pony und arbeiteten mit Jojo, einer kleinen Shetlandpony-Stute, die ohne Sattel geritten wird. Klientin K. lebt gemeinsam mit ihren Eltern in einem Dorf am Bodensee. Sie besucht die vierte Klasse in der Primarschule im Dorf. Geschwister hat sie nicht. Anamnese und Indikation K. ist ein großgewachsenes und zierliches Mädchen, das im ersten Moment sehr schüchtern, unsicher und zurückgezogen wirkt. Sie hat Schwierigkeiten im Kontakt zu ihren Mitmenschen, da ihr bei diesen sichtlich unwohl ist. Bezüglich ihrer sozialen Entwicklung fällt auf, dass K. von ihrer Mutter auf den Hof gebracht und wieder abgeholt wird. Während der Zeit auf dem Hof ist sie oft alleine und sucht nur selten den Kontakt zu anderen Kindern. Sie ist sehr scheu, zurückhaltend und unsicher. Oft steht sie alleine etwas abseits von den anderen Kindern und schaut auf den Boden. Sie möchte alles machen, was die Mutter ihr sagt, möchte aber gleichzeitig auch immer selbst entscheiden. Abb. 1: Shetlandpony-Wallach Moritz 126 | mup 3|2018 Forum: Eberle - Wie Pferde das Selbstbewusstsein stärken können Insgesamt ist K. in der emotionalen Entwicklung verlangsamt. Sie kann sich und ihre Fähigkeiten nur schlecht einschätzen und spürt sich kaum. Weder für sich selbst noch für das Pony hat sie wirklich ein Gefühl. Wenn ihr etwas nicht gefällt oder sie etwas nicht tun möchte, beginnt sie zu weinen. Dies geschieht oft und wird schnell ausgelöst. Man sieht sie kaum lächeln oder lachen, sie wirkt immer eher niedergeschlagen und traurig. Oft erweckt sie auch den Eindruck, als ob sie sich auf dem Hof nicht wohlfühlen würde. Sie scheint auch keine besondere Beziehung oder Liebe zu den Ponys und Pferden zu haben. Bei K.s kognitiver Entwicklung fällt auf, dass sie kaum spricht und oft auch keine Antworten auf Fragen gibt. Wenn sie eine Antwort gibt, lautet diese häufig: „Ich muss meine Mutter fragen.“ Wenn sie dann ihre Mutter fragt, bekommt sie als Antwort, dass sie dies selbst entscheiden müsse. K. ist extrem dünn und fein gebaut. Sie wirkt sehr zerbrechlich und steif und ihre Arme und Beine erscheinen sehr lang. Da sie so dünn ist, ist auch die Muskulatur stellenweise nicht gut ausgeprägt. Auch in ihrer Motorik wird ersichtlich, dass sie sich selber nicht gut spürt. Sie bewegt sich sehr unbeholfen und unkontrolliert und erweckt oft den Eindruck, als könne sie ihre Glieder nicht kontrollieren. Die Beziehung zwischen K. und ihrer Mutter scheint sehr intensiv. K. orientiert sich sehr stark an ihr und wartet immer auf ihr Einverständnis oder ihre Anweisungen. Im Gegenzug scheint es auch für ihre Mutter schwierig, K. loszulassen und sich selber zu überlassen. Man gewinnt oft den Eindruck, dass K. selber nicht weiß, was sie möchte und mag und versucht, es allen recht zu machen. Gleichzeitig gibt es dann aber auch immer wieder Situationen, in denen sie Entscheidungen sofort selber treffen will. Vorgeschichte bezüglich des HPRs K. besuchte vor dem Therapiebeginn bereits ein halbes Jahr den Reitunterricht in einer Gruppenstunde. Aus verschiedenen Gründen gestaltete sich dies aber schwierig. Es war für K. fast unmöglich, sich in die Gruppe zu integrieren, da sie sehr scheu und zurückhaltend ist. Im Gruppensetting war es für die Mitarbeitenden des Hofes dann auch kaum möglich, auf K. einzugehen und sie individuell zu unterstützen. Außerdem fürchtete sie sich vor den Ponys. So wurde entschieden, dass eine individuelle Förderung mit Einzellektionen in diesem Fall sehr sinnvoll ist. Nach Rücksprache mit der Mutter durfte ich mit K. fünfzehn Einzellektionen gestalten. K. hat also bezüglich des Heilpädagogischen Reitens keine Vorgeschichte. In den Reitstunden ist K. nur geführt im Schritt geritten. Sie hat ihr Pony immer geputzt und gesattelt von einem anderen Mädchen übernommen und es nach der Stunde wieder abgegeben. Sie hat also entsprechend auch kein Wissen darüber, wie ein Pony vor und nach der Reitstunde versorgt werden muss und welche Bedürfnisse es hat. Therapie Zielsetzungen und Umsetzungsmöglichkeiten Zu Beginn der Arbeit mit K. habe ich mir überlegt, welche Schwerpunkte ich setzen möchte. Besonders wichtig erschienen mir dabei der Abbau ihrer Ängste, der Beziehungsaufbau zum Pony und daraus folgend die Stärkung des Selbstwertgefühls. Einen weiteren Schwerpunkt setzte ich in der motorischen Entwicklung mit dem Ziel, dass K. sich und ihren Körper besser wahrnehmen sowie willentlich und kontrolliert einsetzen kann. Grobziel 1: Emotionale Kontaktaufnahme und Beziehungsaufbau (sozial-emotional) K. nimmt das Pferd über verschiedene Sinne wahr und kennt dessen Eigenheiten und Umgebung. Durch das Kennenlernen werden Ängste abgebaut, es entsteht gegenseitiges Vertrauen und eine Beziehung wird aufgebaut. Forum: Eberle - Wie Pferde das Selbstbewusstsein stärken können mup 3|2018 | 127 ■ Feinziel 1.1: K. kennt die Therapiepferde, deren Eigenheiten und Umgebung. ■ LZ 1.1.1: Sie erkennt die verschiedenen Therapiepferde in der Herde anhand von Körpermerkmalen. ■ LZ 1.1.2: Sie kennt sich auf dem Hof aus und weiß, wo sich das Material befindet, das sie für den Umgang mit dem Pferd braucht. ■ Feinziel 1.2: K. berührt, ertastet, streichelt das Pferd und nimmt es über mehrere Sinne wahr. ■ LZ 1.2.1: Sie berührt das Pferd am ganzen Körper mit den Fingern, den Händen, dem Kopf und dem Bauch. ■ LZ 1.2.2: Sie ertastet verschiedene Stellen am Körper des Pferdes (warm, kalt, sauber, schmutzig, hart, weich etc.). ■ LZ 1.2.3: Sie nimmt den Geruch des Pferdes wahr. ■ Feinziel 1.3: K. holt sich durch verschiedene Signale die Aufmerksamkeit des Pferdes, halftert es selbständig an und führt es zum Putzplatz. ■ LZ 1.3.1: Sie erfindet verschiedene Signale, mit denen sie die Aufmerksamkeit des Pferdes auf sich ziehen kann. ■ LZ 1.3.2: Sie halftert das Pferd selbständig an. ■ LZ 1.3.3: Sie führt das Pferd selbständig zum Putzplatz. Grobziel 2: Stärkung des Selbstwertgefühls und Abbau von Angst (sozial-emotional) K. erhält einen positiven, angstfreien Zugang zum Pferd. Dadurch stärkt sich das Selbstwertgefühl und Ängste werden abgebaut. ■ Feinziel 2.1: K. kann die Nähe des Pferdes zulassen, falls nötig aber auch Distanz einfordern. ■ LZ 2.1.1: Sie kann die Nähe zum freien Pferd z. B. in Form von Streicheln, Umarmen, nahe Stehen, zulassen. ■ LZ 2.1.2: Sie bewegt sich innerhalb der Herde selbstsicher und geht auf ein Pferd zu. ■ LZ 2.1.3: Sie schickt in der Herde Pferde weg, die ihr zu nahekommen. ■ Feinziel 2.2: K. kennt verschiedene Signale in der Pferdesprache. ■ LZ 2.2.1: Sie deutet das Ohrenspiel eines Pferdes richtig. ■ LZ 2.2.2: Sie erkennt verschiedene Arten, wie ein Pferd Wohlwollen ausdrücken kann (schnauben, Hals hängen lassen, kauen, schlecken etc.). Grobziel 3: Kennenlernen des Pferdes von oben und in der Bewegung (motorisch-sensorisch) K. lernt die Bewegungen des Pferdes im Dressurviereck und auf Spaziergängen durch verschiedene Übungen neben und auf dem Pferd kennen. Das Reiten genießt sie angstfrei. ■ Feinziel 3.1: K. führt das Pferd selbständig im Dressurviereck und auf Spaziergängen. ■ LZ 3.1.1: Sie kann beim Führen das Tempo variieren und bestimmen (Schritt und Trab). ■ LZ 3.1.2: Sie macht mit dem Pferd Führübungen um Pylonen, über Stangen etc. ■ Feinziel 3.2: K. nimmt das Pferd von oben wahr und nimmt verschiedene Liege- und Sitzpositionen auf dem stehenden Pferd ein. ■ LZ 3.2.1: Sie sitzt ruhig und entspannt auf dem Pferd. ■ LZ 3.2.2: Sie ertastet von oben verschiedene Körperteile des Pferdes (Ohren, Kruppe, Schulter, Hals etc.). ■ LZ 3.2.3: Sie traut sich, verschiedene Liege- und Sitzpositionen einzunehmen (Rücksitz, seit- 128 | mup 3|2018 Forum: Eberle - Wie Pferde das Selbstbewusstsein stärken können licher Sitz, Mehlsack, Pferd von oben umarmen, auf den Hals / Rücken legen etc.). ■ Feinziel 3.3: K. reitet auf dem geführten Pferd und nimmt dessen Bewegungen wahr. ■ LZ 3.3.1: Sie genießt das Getragenwerden angstfrei und entspannt sich. ■ LZ 3.3.2: Sie sitzt ruhig und locker auf dem geführten Pferd und geht in der Bewegung mit. ■ LZ 3.3.3: Sie konzentriert sich während des Reitens auf sich und das Pferd. Therapieverlauf Zuversichtlich und voller Hoffnung, aber auch im Bewusstsein, dass sich nicht alle Probleme in fünfzehn Lektionen lösen lassen, startete ich mit K. in unsere gemeinsame Zeit. Die ersten Lektionen gestalteten sich nicht ganz einfach. K. war auch mir gegenüber sehr schüchtern, sprach kaum und handelte nur auf Aufforderung. Wenn sich eines der Ponys etwas schneller bewegte, wich sie zurück und stand hinter mir. Es fiel ihr schwer, sich eine ganze Lektion lang auf mich und das Pony einzulassen und zu konzentrieren. Sie ließ sich sehr schnell ablenken und war mit ihren Gedanken oft woanders. Die ersten Stunden plante ich inhaltlich relativ ähnlich. So konnte K. sich an die Abläufe gewöhnen und die immer wiederkehrenden Arbeiten ritualisierten sich (z. B. Begrüßung der Ponys, anhalftern, führen, anbinden, putzen, satteln usw.). Der Schwerpunkt lag für mich in diesen ersten Lektionen immer darauf, K. so oft wie möglich kleine Momente zu ermöglichen, in denen sie eine Verbindung zum Pony spüren konnte, sei dies beim gemeinsamen Abstreichen, beim Putzen, in der Bodenarbeit oder beim Reiten. Schon nach wenigen Lektionen waren sprunghafte Fortschritte zu erkennen. K. öffnete sich mir gegenüber und begann aus ihrem Leben (Schule, Freunde, Familie) zu erzählen. Immer öfter lächelte sie während der Lektionen, schien die Arbeit mit mir und dem Pony zu genießen und brachte eigene Ideen und Wünsche ein. Ihre Angst vor den Ponys nahm stetig ab; sie begann mit ihnen zu sprechen und bewegte sich in der Herde immer selbstsicherer. In jeder Lektion brachte sie Äpfel oder Karotten mit, die wir am Ende der Stunde gemeinsam zerschnitten. Beim Verteilen unter den Ponys achtete sie immer sehr genau darauf, dass jedes Pony gleich viel erhielt und in Ruhe fressen konnte. Schnell wurde ersichtlich, dass K. nicht nur das Reiten genießt, sondern dass sie auch sehr gerne vom Boden aus arbeitet. So wünschte sie sich zu ihrem Geburtstag eine Lektion, in der sie einen Parcours aufbauen und diesen mit dem Pony gemeinsam ablaufen konnte. Um ihrem Wunsch gerecht zu werden, plante ich in jeder Stunde Reit- und Führeinheiten ein. Wir arbeiteten, wann immer möglich, im Gelände. Zu Beginn war es mir wichtig, dass K. sich während der Lektionen entspannen und das „Sich-tragen-lassen“ genießen konnte. Nach und nach baute ich dann verschiedene Übungen ein, die es K. ermöglichten, ihr Körpergefühl und das Gleichgewicht zu verbessern. K. fand schnell Gefallen an diesen Übungen und wollte immer mehr dazu lernen. Sie äußerte dann auch den Wunsch, nicht nur im Schritt zu reiten, sondern auch zu traben. Auch dies war ein deutlicher Fortschritt, da K. zu Beginn unserer Arbeit bereits im Schritt sehr unsicher und ängstlich war. Abb. 2: Erste Lektion mit K. Forum: Eberle - Wie Pferde das Selbstbewusstsein stärken können mup 3|2018 | 129 In der Arbeit mit K. gab es viele spezielle Momente, die mich sehr berührt hatten. Zwei davon werde ich nachfolgend schildern. Oft war K. bei ihrer Ankunft auf dem Hof sehr unruhig und rastlos und war kaum in der Lage, sich auf etwas zu fokussieren. Sie vergaß dann auch einfache Routinearbeiten, die sie eigentlich längst ritualisiert hatte. So konnte sie dann beispielsweise plötzlich das Pony nicht mehr anhalftern, da sie das Halfter verkehrt herum hielt. Eines unserer Rituale war die Begrüßung der Ponys zu Beginn der Stunde. Wir gingen in den Auslauf, in dem die Ponyherde stand und K. begrüßte nach und nach alle Ponys. Wenn K. unruhig war, konnte sie sich nicht gut auf die Begrüßung einlassen und wollte alles so schnell wie möglich erledigen und hinter sich bringen. Ich versuchte dann jeweils die Phase der Begrüßung zu verlängern, indem wir uns entweder hinsetzten und die Ponys beobachteten oder indem ich sie mit einem konkreten Auftrag erneut zu den Ponys schickte. So lernte K. langsam, sich besser auf die Ponys einzulassen und auf die Stunde einzustimmen. Mit der Zeit merkte K. selber, wie sie bei der Begrüßung ruhiger und konzentrierter wurde. Sie gestaltete diese Phase so, wie sie es am jeweiligen Tag brauchte und kam dann selbständig nach einigen Minuten zu mir und erklärte, dass sie nun bereit sei, das Pony anzuhalftern und zu arbeiten. Dieser Moment war für mich immer sehr berührend. Einerseits, da ganz deutlich der positive und beruhigende Einfluss der Ponys auf K. zu sehen war. Andererseits zeigte mir dies, dass sich K. sehr viel besser spürte als zu Beginn und sie merkte, wie gut ihr der Kontakt zu den Ponys tat und wie ruhig sie dabei wurde. Als ich K. kennen lernte, sprach sie kaum, weder mit mir noch mit anderen Kindern. Je besser ich sie kennenlernte, desto mehr öffnete sie sich mir gegenüber. Nach einigen Stunden machten wir, wie so oft, einen Ausritt ins Gelände. Bereits beim Losführen (K. wollte immer das erste Stück führen) begann sie von sich aus zu erzählen. Auch nach dem Aufsteigen sprach sie weiter. Ich überlegte mir dann, ob ich sie unterbrechen solle, sodass sie sich mehr auf das Reiten konzentrieren kann und wir mit den verschiedenen Übungen arbeiten können. Schlussendlich entschied ich mich dann aber dafür, die Lektion einfach „geschehen zu lassen“ und zu sehen, was passiert. K. sprach dann während des gesamten Ausrittes ununterbrochen und erzählte mir viel aus ihrem Leben, aus der Schule, ihrer Freizeit und ihrer Familie. Rückblickend war dies einer der Schlüsselmomente mit K., denn von dieser Lektion an war sie mir gegenüber viel offener und aufgeschlossener. Diese Offenheit übertrug sich dann relativ schnell auch auf die Ponys und die anderen Kinder. Beispiel: Kurzfristige Planung und Auswertung Ausgangssituation: In der ersten Lektion hatte ich festgestellt, dass die Anwesenheit ihrer Mutter K. sehr unruhig machte, da sie dann offensichtlich alles richtig machen wollte. Deshalb versuchte ich in der letzten Lektion das Setting so zu gestalten, dass K. und ich möglichst alleine mit dem Pony sein konnten. Zielsetzungen für diese Lektion 1. Sie erfindet verschiedene Signale, wie sie die Aufmerksamkeit des Pferdes auf sich ziehen kann. 2. Sie kann beim Führen das Tempo variieren und bestimmen (Schritt und Trab). 3. Sie konzentriert sich während des Reitens auf sich und das Pferd. Ablauf der Lektion Nach der Ankunft von K. auf dem Hof begrüßen wir uns gegenseitig. Auch heute ist sie zu Beginn eher unruhig und unsicher. Wir stellen alle Materialien bereit, die wir für die Lektion benötigen und gehen anschließend in den Auslauf der Ponys. Der heutige Auftrag für K. lautet, die Aufmerksamkeit des Abb. 3.: K. beim geführten Ausritt mit Jojo 130 | mup 3|2018 Forum: Eberle - Wie Pferde das Selbstbewusstsein stärken können Ponys auf sich zu lenken, sodass Moritz auf sie zukommt. Welche Möglichkeiten wird sie dazu wohl finden? Wie begrüßt sie ihn dann? Zuerst läuft sie unsicher im Auslauf umher, irgendwann geht sie in die Hocke und ruft nach Moritz. Moritz kommt sofort zu ihr, sie begrüßt ihn mit Streicheln und Loben. Dann halftert sie ihn an und wir führen ihn gemeinsam zum Putzplatz. Als eines der Lektionsrituale streicht K. vor dem Putzen den ganzen Körper vom Kopf über Beine, Rücken und Bauch bis zum Schweif ab. Wie berührt sie das Fell? Ekelt sie sich vor Schmutz oder Nässe? Nach dem Abstreichen legt sich K. als ein weiteres Ritual einen Moment auf den Ponyrücken. Lässt sie die Nähe des Ponys zu? Wenn ja, welche Emotionen zeigt sie dabei und vor allem, findet sie dadurch etwas Ruhe? Nun kommt der nächste Arbeitsschritt: das Putzen. Ich lasse K. so viel wie möglich alleine arbeiten und greife nur ein, wenn es nötig ist. Weiß sie noch, welche Bürsten für welches Fell und welchen Körperteil verwendet werden? Hat sie genügend Ausdauer, bis das Pony sauber ist? Nachdem Moritz sauber ist, bereiten wir ihn zum Reiten vor. K. trägt Sattel und Trense zum Putzplatz. Während ich Moritz vorbereite, zieht K. ihren Helm und ihre Handschuhe an. Wie sind ihre Emotionen vor dem Abritt? Freut sie sich oder ist sie aufgeregt? Auf Wunsch von K. starten wir heute mit Führübungen. Da das Gelände sehr abwechslungsreich ist, beginnen wir direkt dort und nicht auf dem Reitplatz. K. führt das Pony im Schritt und Trab und nimmt meine Anweisungen und Hilfestellungen entgegen. Ich gehe auf der anderen Seite von Moritz, damit ich, wenn nötig, eingreifen und K. kleine Erfolgserlebnisse ermöglichen kann. Wie tritt sie wohl dem Pony gegenüber auf (selbstsicher, unsicher etc.)? Wie reagiert sie, wenn etwas nicht sofort funktioniert? Nach gut 10 Minuten möchte K. aufsteigen und reiten. Ich helfe ihr aufzusteigen, K. sitzt auf dem Pferd und lässt sich führen. Da sie schon ein Abb. 4: Abstreichen vor dem Putzen Abb. 5: Hinlegen nach dem Putzen Abb. 6: Füttern am Lektionsende Forum: Eberle - Wie Pferde das Selbstbewusstsein stärken können mup 3|2018 | 131 wenig Sicherheit gewonnen hat, wünscht sie sich, auch auf dem Pony Übungen zu machen. Also setzen wir dies um. Wie sind ihre Emotionen nun beim Reiten? Kann sie sich konzentrieren oder lässt sie sich schnell ablenken? Wie sitzt sie auf dem Pferd? Zurück auf dem Hof, steigt K. ab, lobt Moritz und versorgt Sattel und Trense. Als ein weiteres Ritual zerschneidet sie dann ihre mitgebrachten Äpfel und Karotten und verfüttert sie an Moritz. Wie sind ihre Emotionen nun nach dem Reiten? Ist sie ruhiger und sicherer als zu Beginn der Lektion? Zum Abschluss der Lektion versorgen wir Moritz wieder im Auslauf und verabschieden uns von ihm. Schafft sie es, bis zum Schluss konzentriert zu bleiben? Wie ist ihre Stimmung bei der Verabschiedung und wie verabschiedet sie sich? Auswertung der Lektion Pony berühren / abstreichen / putzen K. strich Moritz mit schnellen und unruhigen Bewegungen ab. An ihrem eigenen Arm habe ich ihr dann gezeigt, wie sich das für Moritz anfühlt, und dass ruhige und langsame Bewegungen viel angenehmer sind. Nach dieser Erklärung wurden ihre Bewegungen etwas langsamer, ich musste sie aber immer wieder darauf hinweisen bzw. ihre Handbewegungen durch Führen verlangsamen. Ich schließe daraus, dass K. Moritz zwar gerne abstreicht und putzt, ihr aber für die langsamen und ruhigen Bewegungen noch die innere Ruhe und Sicherheit fehlt. Wir behalten diesen Ablauf also genauso bei und ich erinnere K. immer wieder daran, alles langsamer und ruhiger zu machen. Geführtes Reiten K. sagte schon zu Beginn der Stunde, wie sehr sie sich auf das Reiten freut. Sie erzählte dann während des Reitens relativ viel und fragte irgendwann, ob ich ihr auch auf dem Pony Übungen zeigen könnte. Ich zeigte ihr dann, wie sie ihre Körperteile und die Körperteile des Ponys berühren kann. Sie scheint mehr Sicherheit und Vertrauen gewonnen zu haben und möchte neue Dinge lernen. Nach der Lektion war ich unsicher, ob sie nur Neues lernen möchte oder ob sie eventuell auch Schwierigkeiten hat, ihre innere Ruhe zu finden und deshalb immer etwas machen möchte. Mit Sicherheit werden wir also das Reiten und Körperübungen beibehalten. Ich werde aber auch darauf achten, dass K. immer wieder Momente der Ruhe und Stille findet. Füttern nach dem Reiten Bis dato habe jeweils ich einen Apfel und eine Karotte für Moritz mitgebracht. K. fragte mich nach der letzten Lektion, was Pferde fressen und brachte in dieser Lektion selber Äpfel und Karotten mit. Sie zerschnitt diese und hielt Moritz mit großer Geduld das Futterbecken hin, bis er fertig gefressen hatte. Gleichzeitig lobte und streichelte sie ihn immer wieder. K. merkt sich offenbar ganz genau, was ich ihr erzähle. Die mitgebrachten Karotten und Äpfel zeigen auch, dass sie Moritz sehr gern hat und ihm als Gegenleistung für seine Arbeit etwas Gutes tun möchte. Ich bin gespannt, ob sie auch in der nächsten Lektion daran denkt. Reflexion der Ziele Standortbestimmung Wenn ich die zu Beginn gesetzten Ziele betrachte, kann ich mit großer Zufriedenheit feststellen, dass K. diese alle Abb. 7: Verabschiedung nach der Lektion 132 | mup 3|2018 Forum: Eberle - Wie Pferde das Selbstbewusstsein stärken können erreicht hat. Während der Arbeit mit K. erhielt ich den Eindruck, dass es relativ lange dauerte, bis sie sich auf das Pony, mich und unsere Arbeit einlassen konnte. Als sie dann aber in der Lage war, diese emotionale Bindung einzugehen und zuzulassen, ging alles sehr schnell. Sie machte von Lektion zu Lektion sprunghafte Fortschritte und blühte auf. Es schien, als sei ein Teil ihrer Mauer, zumindest während unserer Lektionen, gefallen. Nach den fünfzehn Lektionen mit K. hatte ich ein komplett anderes Mädchen vor mir als zu Beginn unserer Arbeit. Neben den erwähnten Zielen hat K. etwas Wichtiges erreicht, das ich in dieser doch relativ kurzen Zeit nicht für möglich gehalten hätte. Sie hat es geschafft, diese Offenheit, die sie den Ponys und mir gegenüber entwickelte, auch gegenüber anderen Kindern aufrecht zu erhalten. So begann sie aktiv auf andere Kinder zuzugehen und sich in das Hofgeschehen zu integrieren. Sie nahm an den Abzeichen-Kursen teil, die an einigen Abenden auf dem Hof angeboten wurden und verbrachte die Stunden zwischen den Lektionen und den Kursen gemeinsam mit den anderen Kindern auf dem Hof. Als sie dann auch noch mehrmals den Wunsch äußerte, wieder mit anderen Kindern gemeinsam zu reiten, war für mich klar, dass der Kontakt zu Gleichaltrigen für sie nun nicht mehr unangenehm, sondern wünschenswert war. Abschluss der Therapie Die Therapie war ein voller Erfolg, alle zu Beginn gesetzten Ziele wurden erreicht. Zusätzlich wurde ein weiterer großer Fortschritt erzielt: K. äußerte selbst mehrmals den Wunsch, wieder in einer Gruppenstunde mitreiten zu dürfen. Sie erklärte mir, dass sie sich darauf freue, mit den anderen Kindern die Ponys vorzubereiten, zu reiten und sich gemeinsam um das Wohl der Tiere zu kümmern. Da sie nicht nur in ihrer sozialen, sondern auch in der emotionalen und motorischen Entwicklung große Fortschritte gemacht hat und sie sich außerdem auch reiterlich weiterentwickelt hat, erscheint der Abschluss der Therapie sehr sinnvoll. K. wird künftig wieder in einer Gruppenstunde zusammen mit anderen Kindern mitreiten. Ausblick K. hat in den Einzelstunden unglaublich viel gelernt. Sie ist viel offener geworden, spürt sich und ihren Körper erheblich besser, nimmt Kontakt zu anderen Kindern auf und genießt diesen sogar, geht selbstsicher mit den Ponys um und bringt sich aktiv und eigenständig in das Hofgeschehen ein. Da K. auch selber mehrmals den Wunsch geäußert hat, wieder gemeinsam mit anderen Kindern reiten zu können, erscheint es mehr als sinnvoll, sie wieder in eine Gruppenstunde zu integrieren. Das Setting auf dem Hof ist ideal. Während der Kinderstunden sind immer zwei bis drei Personen anwesend, die die Kinder unterstützen und sie, wenn nötig, auch führen. Der Reitunterricht ist in diesen Reitstunden auch nicht stark strukturiert oder geführt. Jedes Kind darf machen, was es möchte. Es wird im Schritt geritten, wer möchte, darf geführt werden oder alleine traben, einige steigen ab und führen ihr Pony und wieder andere stellen sich mit ihrem Pony in die Mitte der Halle und legen sich hin. Oft reiten auch einige Kinder ohne Sattel. Auch die Gruppengröße ist gut, es sind selten mehr als sechs Kinder in derselben Stunde. Meines Erachtens ist dieses Setting für K. sinnvoll, da sie so auch weiterhin an verschiedenen Punkten arbeiten und selber entscheiden kann, was ihr in diesem Moment guttut und was sie braucht. Dank der intensiven Betreuung kann sie auch weiterhin individuell unterstützt werden und trotzdem gemeinsam mit den anderen Kindern den Nachmittag verbringen. Eine Integration in eine Gruppenstunde erscheint unter diesen Umständen sinnvoll als nächster Schritt. Tagebuch Die Arbeit mit K. war für mich in vielerlei Hinsicht eine große Bereicherung und eine wertvolle Erfahrung. Ich durfte an vielen bewegenden Momenten teilhaben, die mir einmal mehr bestätigten, dass die Beziehung Forum: Eberle - Wie Pferde das Selbstbewusstsein stärken können mup 3|2018 | 133 zwischen Mensch und Pferd etwas Einzigartiges ist und viele Emotionen und Entwicklungen auslösen kann. Es berührte mich zutiefst zu sehen, wie sich K. in den fünfzehn Lektionen veränderte und wie sie die Ponys und die Zeit auf dem Hof immer mehr genießen konnte und aufblühte. Ich hatte den Eindruck, dass der Hof für sie zu einem sicheren Ort wurde, an dem sie sich wohlfühlte, sie selber sein konnte und ohne Druck und Erwartungen agieren durfte. Ich habe in diesen Wochen auch gelernt Dinge auszuhalten, die ich nicht ändern kann und nicht aufzugeben, auch wenn nicht immer sofort Fortschritte erkennbar sind. Neben all den positiven Aspekten und Entwicklungen gab es auch Momente, die schwierig für mich waren. Insbesondere waren dies Momente, in denen ich bemerkte, wie schnell K. zwischen ihren verschiedenen Welten wechselte. Da war einerseits ihre Welt auf dem Ponyhof, in der sie aufblühte, ihre eigenen Wünsche äußerte, Ideen und Vorschläge anbrachte, selber aktiv wurde und auf die anderen Kinder zuging. Andererseits gab es auch die Welt mit ihrer Mutter, die sie bei der Ankunft auf dem Hof verließ und diesen beim Abholen sofort wieder betrat. In dieser Welt wirkte sie oft zurückhaltend, scheu und etwas hilflos. Sie traf kaum mehr eigene Entscheidungen, fragte immer ihre Mutter um Rat und wollte sich nach ihr richten. Es schien als würden die Wechsel zwischen diese Welt in wenigen Sekunden geschehen. Ich konnte aber auch beobachten, dass K. der Wechsel von der Welt mit der Mutter ins Hofgeschehen jede Woche schneller und einfacher gelang. Während sie zu Beginn unserer Arbeit bei der Ankunft auf dem Hof oft unruhig und rastlos war, bereits ritualisierte Prozesse vergaß und sich nicht auf die Ponys einlassen konnte, gelang es ihr mit der Zeit immer besser, sich sofort in die Abläufe auf dem Hof einzufinden und auch innerlich Ruhe und Gelassenheit zu finden. Es erweckte den Eindruck, als würde sie von Woche zu Woche etwas selbständiger werden und als würde es ihr gelingen, gestärkt durch die Ponys, etwas mehr Distanz in dieser Beziehung zu schaffen. Mit der Zeit gelang es mir, meine Sichtweise etwas zu ändern. Obwohl K. noch viel Zeit brauchen wird, die nötige Distanz zu ihrer Mutter zu schaffen und unabhängiger zu werden, konnte ich ihr wenigstens einmal in der Woche eine Pause von ihrem Alltag und Umfeld ermöglichen, in der sie sich entspannen und die Zeit für sich und mit den Ponys genießen konnte. Und allein diese eine Stunde pro Woche, in der K. wieder Kraft und Energie für ihren Alltag schöpfen konnte, macht diese Arbeit so wertvoll und wunderschön. Die Autorin Hanna Eberle Reitpädagogin SG-TR, Lehrerin Oberstufe (MA in Secondary Education PHSG) Anschrift Hanna Eberle · Grundstrasse 9 · CH-9500 Wil hanna_eberle@gmx.ch
