eJournals mensch & pferd international11/4

mensch & pferd international
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1867-6456
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mup2019.art19d
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Weiterbildung im Fokus

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Caroline Sommer
Traudel Simon
Die Weiterbildungslandschaft im Bereich pferdegestützter Interventionen in Deutschland ist geprägt durch große Unübersichtlichkeit. Dies erschwert die Einschätzung einzelner Bildungsanbieter hinsichtlich ihrer Qualität. Die vorliegende Studie analysiert eine Anzahl an Weiterbildungsbetrieben nach festgelegten Kriterien. Hierzu wurde der Inhalt von Webseiten ausgewählter Bildungsinstitutionen mittels qualitativer Inhaltsanalyse in ein strukturiertes Analyseraster eingeordnet. Ergänzend wurden E-Mails mit entsprechenden Fragestellungen an jene Anbieter versandt, auf deren Website nicht alle relevanten Informationen einzusehen waren. Die Ergebnisse zeigen, dass die Weiterbildungslandschaft geprägt ist durch Heterogenität in allen Analysedimensionen. Das Problem der fehlenden Transparenz hat sich auf Verbandsebene verlagert.
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152 | mup 4|2019|152-161|© Ernst Reinhardt Verlag München Basel, DOI 10.2378 / mup2019.art19d Caroline Sommer, Traudel Simon Schlüsselbegriffe: Pferdegestützte Intervention, Ausbildung, Weiterbildung, Zusatzqualifikation, Qualitätskriterien, Weiterbildungsinstitutionen. Die Weiterbildungslandschaft im Bereich pferdegestützter Interventionen in Deutschland ist geprägt durch große Unübersichtlichkeit. Dies erschwert die Einschätzung einzelner Bildungsanbieter hinsichtlich ihrer Qualität. Die vorliegende Studie analysiert eine Anzahl an Weiterbildungsbetrieben nach festgelegten Kriterien. Hierzu wurde der Inhalt von Webseiten ausgewählter Bildungsinstitutionen mittels qualitativer Inhaltsanalyse in ein strukturiertes Analyseraster eingeordnet. Ergänzend wurden E-Mails mit entsprechenden Fragestellungen an jene Anbieter versandt, auf deren Website nicht alle relevanten Informationen einzusehen waren. Die Ergebnisse zeigen, dass die Weiterbildungslandschaft geprägt ist durch Heterogenität in allen Analysedimensionen. Das Problem der fehlenden Transparenz hat sich auf Verbandsebene verlagert. Pferdegestützte Interventionen - eine Analyse von Zusatzqualifikationen in Deutschland Weiterbildung im Fokus Sommer, Simon - Weiterbildung im Fokus mup 4|2019 | 153 Zur aktuellen Situation Pferdegestützte Interventionen (PI) haben sich in den letzten Jahren vermehrt in pädagogischen, therapeutischen und sozialen Arbeitsfeldern etabliert. Dennoch ist die aktuelle Situation der PI in der Bundesrepublik Deutschland (BRD) geprägt durch Finanzierungsschwierigkeiten aufgrund unterschiedlicher Kostenträger und einer nicht einheitlichen Regelung der Kostenübernahme sowie eine starke Variation in der Qualität der angebotenen Interventionen (Wohlfarth et al. 2014, 157). Da PI wie bspw. die Hippotherapie seit 1981 nicht in der Heilmittelrichtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses aufgeführt sind (Gemeinsamer Bundesausschuss 2006, 2-3; Gemeinsamer Bundesausschuss 2017), ergeben sich Schwierigkeiten der Kostenübernahme durch Krankenkassen. Bislang sind es Nischen in den Gesetzbüchern, die als Grundlage für eine Argumentation gegenüber Kostenträgern dienen (Hölscher-Regener 2015). Mit steigender Bekanntheit pferdegestützter Angebote wuchs auch das Interesse an Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten in diesem Bereich. Dies wirkte sich auf den Ausbildungsmarkt aus, wo sich die Anzahl an Bildungsanbietern vervielfachte. Ein schneller Überblick und Vergleich sind aufgrund der hohen Anzahl und Diversität der angebotenen Zusatzqualifikationen aktuell fast nicht möglich. Vor dem Problem der Unübersichtlichkeit und der damit verbundenen Schwierigkeit, die Qualität der Akteure einzuschätzen, stehen Personen, die sich für eine Weiterbildung interessieren, ebenso wie Klienten, Einrichtungen und Kostenträger. Zur Berufsbezeichnung und rechtlichen Situation Weiterbildungen im Bereich PI zählen zu den Weiterbildungsabschlüssen ohne öffentlich-rechtlich geregelte Prüfungsvorschriften. Diese werden privat-rechtliche oder institutsinterne Abschlüsse genannt und sind nicht staatlich anerkannt (Stiftung Warentest 2017). Grundlage dieser Abschlüsse sind nicht gesetzliche Regelungen, sondern Vorgaben von Bildungsinstituten oder Dritten, z. B. Berufs- oder Fachverbänden (ebd.). Bei Berufstiteln im pferdegestützten Bereich handelt es sich um nicht-geschützte Berufsbezeichnungen oder nicht-reglementierte Berufe (Bundesinstitut für Berufsbildung o. J.). Daher gibt es bislang keine staatliche Anerkennung für Ausbildungsträger oder Weiterbildungsmaßnahmen im pferdegestützten Bereich (Institut für Pferdegestützte Therapie 2019). Vor einigen Jahren ist es allerdings dem Deutschen Kuratorium für Therapeutisches Reiten (DKThR) gelungen, eine Weiterbildung zu entwickeln, über die ein staatlich geprüfter Bildungsabschluss erreicht werden kann (Deutsches Kuratorium für Therapeutisches Reiten o. J.). Aufgrund fehlender gesetzlicher Bestimmungen kann eine nichtgeschützte Berufsbezeichnung theoretisch von jedem legal geführt werden und ist keine Garantie für bestimmtes Fachwissen oder rechtliche Ansprüche. Wer im Berufsleben jedoch mit nicht geschützten Berufsbezeichnungen wirbt, ohne dass eine entsprechende berufliche Qualifikation vorliegt, riskiert einen Verstoß im Sinne irreführender Werbung gegen § 3 oder § 16 des Gesetzes gegen Unlauteren Wettbewerb (Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung Berlin, o. J.). Theoretisch dürfte jeder, ohne rechtlich geregelte Voraussetzungen, Reittherapeuten ausbilden. Vermutlich liegt hierin die Tatsache begründet, dass es solch eine große Anzahl an Bildungsinstitutionen im pferdegestützten Bereich gibt. Die Weiterbildungssituation im Bereich PI hat sich zu einem Markt entwickelt, wobei die einzelnen Anbieter in ihrer Werbung um Auszubildende zueinander in Konkurrenz stehen. Zur Qualitätssicherung Von verschiedenen Interessengruppen wird seit Jahren eine staatliche Anerkennung und damit verbundene Qualitätssicherung von Ausbildungsinstitutionen und deren Zusatzqualifikationen im pferdegestützten Bereich gefordert. Es existieren Bemühungen von verschiedenen Seiten, Qualitätsstandards für Weiterbildungen zu definieren (s. Kasten). 154 | mup 4|2019 Sommer, Simon - Weiterbildung im Fokus Ausgewählte Ergebnisse Im Folgenden werden relevante Ausschnitte aus den Daten der Studie präsentiert, die eine der Autorinnen, Caroline Sommer, im Rahmen ihrer Bachelorthesis erhoben hat. Die Erfassung der Daten erfolgte von September bis November 2017. Anzahl der Weiterbildungen nach verschiedenen Sparten Von der Gesamtzahl der betrachteten 44 Zusatzqualifikationen im Bereich der PI endet der größte Teil (39 %) mit dem Titel ReittherapeutIn in verschiedenen Spezifizierungen, z. B. Heilpädagogische / r ReittherapeutIn oder Experientielle / r ReittherapeutIn. Der Anteil an fachspezifischen Weiterbildungen, deren Titel bereits auf einen bestimmten Grundberuf schließen lassen, z. B. pferdegestützte Ergotherapie, fällt im Vergleich relativ gering aus. Beurteilung und Empfehlungen: Obwohl zu den Zugangsvoraussetzungen nicht ausschließlich therapeutische, sondern z. B. auch pädagogische Grundberufe zählen und sich die Inhalte in vielen Punkten unterscheiden, endet ein Großteil der Abschlüsse auf den Titel ReittherapeutIn. Daher wird geraten, die Weiterbildungen vermehrt am jeweiligen Grundberuf auszurichten und die beruflichen Zugangsvoraussetzungen auf die zugehörigen Berufsgruppen zu beschränken. Der zugrundeliegende Beruf, z. B. Pädagoge, sollte ebenfalls im Titel der Weiterbildung erkennbar sein. Insgesamt empfiehlt es sich, Weiterbildungen verschiedener Bildungsanbieter, welche auf denselben Titel enden, in Inhalt und Zugangsvoraussetzungen einander anzugleichen. Somit wäre es für Klienten und Kostenträger besser ersichtlich, was unter einer bestimmten Bezeichnung zu verstehen ist. Um die Diversität verschiedener Forum der Ausbildungsträger einer Therapie mit dem Pferd (FATP): https: / / www.forum-atp.eu/ index.php/ qualitaetskriterien/ qualitaetslabel Deutsches Kuratorium für Therapeutisches Reiten e. V. (DKThR): a) Zertifizierung von Fachkräften durch das DKThR: https: / / www.dkthr.de/ de/ fachkraefte/ auszeichnungzertifizierter-fachkraefte/ b) Zertifizierung von Einrichtungen durch das DKThR: https: / / www.dkthr.de/ de/ infopool/ zertifizierung-vonanerkannten-einrichtungen/ Berufsverband für Fachkräfte Pferdegestützter Interventionen (Berufsverband PI): https: / / www.berufsverband-pi.de/ weiterbildung/ leitlinien-anerkennung Gomolla, A., & Heselhaus, U. (2017): Weiterbildung in der pferdegestützten Therapie und Pädagogik: Qualität als Sicherheitsfaktor. mensch & pferd international, 9 (3), 115-117 Baumer, K., Brückner, J., Jaroschek, E. (2017): Zertifizierung von Betrieben Pferdegestützter Interventionen. Ein weiterer Schritt zur flächendeckenden Qualitätssicherung. mensch & pferd international, 10 (1), 14-16 Bundesverband für therapeutisches Reiten und tiergestützte Therapien: http: / / reittherapie-verband.de/ weiterbildungsinstitute Berufsverband der Reitpädagogen im Großraum München (TRaB e. V.): Lauber-Karres, S., Heselhaus, U. (2013): TRaB e. V.: Verband der Reitpädagogen setzt neue Qualitätsstandards. Die wachsende Zahl von Ausbildungsanbietern macht Anpassung notwendig. mensch & pferd international, 5 (4), 192-195 Bisher veröffentlichte Qualitätsstandards (Stand 04.05.2019) Sommer, Simon - Weiterbildung im Fokus mup 4|2019 | 155 methodischer Schwerpunkte zu bewahren, sollten sich die Methodenseminare auch innerhalb derselben Berufsbezeichnung unterscheiden dürfen. Der methodische Schwerpunkt, z. B. systemische Ansätze, traumapädagogische Ansätze etc., sollte im erworbenen Titel erkennbar sein, um Transparenz für die Öffentlichkeit herzustellen. Zugangsvoraussetzungen 1. Pferdefachliche Zugangsvoraussetzungen ■ Für den größten Anteil der 49 betrachteten Weiterbildungen (44 %) werden keine Abzeichen eines reiterlichen Verbandes, z. B. Trainerschein oder Reitabzeichen, benötigt. Gefordert werden stattdessen reiterliche Grundkenntnisse ohne bestimmte Bescheinigung und / oder ein erfahrener Umgang bzw. Grundkenntnisse mit Pferden. Der zweitgrößte Anteil der Weiterbildungen (38 %) fordert Abzeichen eines reiterlichen Verbandes, wobei die Reitweise beliebig ist. Genannt werden hierbei Abzeichen der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) und ihrer Anschlussverbände wie z. B. die Erste Westernreiter Union Deutschland e. V. (EWU), der Islandpferde-Reiter- und Züchterverband Deutschland e. V. (IPZV) etc. Das Deutsche Kuratorium für Therapeutisches Reiten e. V. (kurz: DKThR) entwickelte speziell für den pädagogisch-therapeutischen Einsatz des Pferdes eine eigene Zugangsqualifikation, die „Qualifikation zum Umgang mit dem Pferd im sozialen und gesundheitlichen Bereich (DKThR) (kurz: UPSG)“ (Deutsches Kuratorium für Therapeutisches Reiten 2017, 11). Ein Anteil von 6 % der betrachteten Weiterbildungen fordert keinerlei pferdefachliche Kenntnisse, lediglich eine Affinität zu Pferden. ■ Beurteilung und Empfehlungen: Die Arbeit zeigt auf, dass große Differenzen bezüglich der pferdefachlichen Zugangsvoraussetzungen bestehen. Zum Schutz von Klienten und Therapiepferden empfiehlt sich daher, eine einheitliche, von der Reitweise unabhängige, auf den therapeutisch-pädagogischen Bereich zugeschnittene pferdefachliche Zugangsqualifikation weiterzuentwickeln und für alle Weiterbildungen geltend zu machen. Nur durch artgerechte und sachkundige Haltung, Training und Einsatz des Therapiepferdes kann das Unfallrisiko für Klienten minimiert werden. Abb. 1: Anzahl der Weiterbildungen nach verschiedenen Sparten (Stand 09 / 2017) Reittherapie 39% Assistent 16% Pferdegestützte Pädagogik / Heilpädagogik 11% Reitsport für Menschen mit Behinderung 7% Pferdegestützte Psychologie / Psychotherapie 7% Hippotherapie 7% Coaching 4% Therapiepferdetrainer 5% Pferdegestützte Ergotherapie 2% Pferdegestützte Logopädie 2% N = 44 Titel 156 | mup 4|2019 Sommer, Simon - Weiterbildung im Fokus 2. Berufliche Zugangsvoraussetzungen ■ Ein Großteil der 54 betrachteten Weiterbildungen (42,6 %) setzt einen sozialen, pädagogischen, psychologisch-therapeutischen oder medizinischen Grundberuf voraus. Ein fast ebenso großer Anteil (37 %) der Weiterbildungsformate setzt hingegen keinen bestimmten Grundberuf voraus. Hierzu zählen alle Assistenten-Weiterbildungen, mit denen hinterher nicht selbstständig gearbeitet werden kann. Dennoch beträgt der Anteil an Weiterbildungen, die keinerlei berufliche Qualifikationen fordern, ohne Assistenten noch knapp 26 %. Einige Anbieter bieten Weiterbildungen in zwei verschiedenen Formaten an für Personen mit und ohne pädagogisch-therapeutische Vorbildung. Einige Konzepte versprechen die Vermittlung von pädagogisch-therapeutischem Grundwissen an Quereinsteiger innerhalb weniger Tage. Ebenfalls existiert das Konzept von Online-Weiterbildungen mit geringer Präsenzzeit. Einen gezielt definierten Grundberuf fordern 14,8 % der Ausbildungsformate. ■ Beurteilung und Empfehlungen: Der Grundberuf einer Fachkraft ist prägend für die Berufsidentität und wirkt sich maßgebend auf die pferdegestützte Arbeit aus (Gäng 2016, 15). Die zugrundeliegende Ausbildung ist somit Grundlage der Professionalität und beeinflusst die Art der Arbeit und die Wahl der jeweiligen Methoden. Allein die Berufung auf die Vernunft der Absolventen schafft keine Transparenz hinsichtlich Qualität und Professionalität des Angebotes für die jeweiligen Kostenträger. Die beruflichen Zugangsvoraussetzungen sollten eindeutiger definiert werden. Die Weiterbildungen sollten sich mehr voneinander differenzieren und auf den Grundberuf zugeschnitten werden, was z. B. den gezielten Einsatz des Pferdes und Kombinationen mit Methoden aus dem Grundberuf angeht. Gleichzeitig empfiehlt es sich, den Zugang zu diesen Weiterbildungen auf den Grundberuf zu beschränken. Anstelle einer allumfassenden Reittherapeutenausbildung sollten Schwerpunkte auf das jeweilige Fachgebiet gelegt werden. Bei der Hippotherapie - einer physiotherapeutischen Behandlungsmaßnahme auf dem Pferd - herrscht schon länger Klarheit über den Grundberuf der Fachkraft (Physiotherapeut). Diese Transparenz muss auch in den anderen Bereichen der PI geschaffen werden. Solch eine Transparenz in Bezug auf die verschiedenen Begrifflichkeiten und eine damit einhergehende klare Einordnung der verschiedenen Maßnahmen nach beruflicher Fachdisziplin fordern u. a. auch Gäng (2015, 18) und Pülschen (2018, 19). Ein Versuch, die aktuell bestehende Vielfalt an PI anhand des zugehörigen Grundberufes in Sparten zu teilen, erfolgt in Tabelle 1 und ist erweiterbar. Abb. 2: Pferdefachliche Zugangsvoraussetzungen (Mehrfachnennungen möglich, Stand 09 / 2017) Pferdefachliche Voraussetzungen Anzahl der Weiterbildungen N = 49 Weiterbildungsformate Reiterliche Grundkentnisse aber keine Abzeichen / Erfahrener Pferdeumgang Abzeichen eines reiterlichen Verbandes (Reitweise beliebig) Longier- und Bodenarbeitskenntnisse (Abzeichen / Lehrgang) Grundabzeichen oder Nachweis von Lehrgängen, Bescheinigung durch Reitlehrer usw. Keine / Affinität zu Pferden 0 5 10 15 20 25 Sommer, Simon - Weiterbildung im Fokus mup 4|2019 | 157 Wissenschaftliche Grunddisziplin Pädagogik Psychologie, Psychotherapie Medizin Sportwissenschaften Ergotherapie Logopädie Physiotherapie Pferdegestützte Intervention - Heilpädagogisches Reiten - Heilpädagogisches Voltigieren - Reitpädagogik - Pferdegestützte Erlebnispädagogik - Pferdegestützte Psychotherapie - Pferdegestützte Traumatherapie (nur durch approbierte Psychologen) - Ergotherapie mit Pferd - Logopädie mit Pferd - Hippotherapie - Reiten für Menschen mit Behinderung - Reiten / Voltigieren als Schulsport - Pferdegestütztes Coaching - Personzentrierter Ansatz und körperorientierte Interventionen mit Pferd - Bindungsgeleitete Interventionen mit Pferd - Systemische Interventionen mit Pferd - Gesundheitssport mit Pferd - Pferdegestützte Rehabilitation Grundberuf (Beispiele) Pädagogischer Grundberuf: Pädagogische Fachkraft z. B. - Heilpädagoge - Dipl. Pädagoge - Sozialpädagoge - Erzieher - Erziehungswissenschaftler - Sonderpädagoge - Lehrer - Heilerziehungspfleger - … Psychologischer Grundberuf: - Psychologe - Psychotherapeut (Schule beliebig) - Entsprechende Zusatzausbildungen z. B. Trauma-Therapeut Ergotherapeut Logopäde Physiotherapeut - Reitlehrer - Pferdetrainer - Grundberuf aus einem der anderen Bereiche der Tabelle Zielgruppe - Die jeweilige Zielgruppe des Grundberufs (Überschneidungen möglich) Indikation - Die Indikation, die auch für die Behandlung durch eine Fachkraft des Grundberufs ohne pferdegestützte Intervention nötig ist Tab. 1: Zusammenfassung PI mit zugehörigem Grundberuf 158 | mup 4|2019 Sommer, Simon - Weiterbildung im Fokus Bei einigen Bildungsanbietern entsteht der Eindruck, möglichst vielen Interessenten, unabhängig von Vorerfahrung oder Eignung, die Weiterbildung zu ermöglichen. Dies könnte sich negativ auf die Professionalität des ausgebildeten Fachpersonals auswirken. Wirtschaftliche Interessen sind für jeden Bildungsanbieter von Bedeutung, sie dürfen jedoch die Qualität der angebotenen Leistung nicht beeinträchtigen. Zertifizierungen und Qualitätskriterien Abb. 4 zeigt relevante Zertifizierungsinstitutionen und die Anzahl der Weiterbildungsanbieter, die sich an deren Qualitätsstandards ausrichten. Der größte Anteil der Einrichtungen (36,8 %) wirbt mit einer Stellung als durch das jeweilige Bundesland anerkannter Bildungsanbieter, z. B. durch ein Ministerium für Bildung. Weiterbildungen von ebendiesen Institutionen gelten offiziell als Veranstaltungen der beruflichen Weiterbildung, wodurch die Möglichkeit auf staatliche Förderung besteht (Bundesinstitut für Berufsbildung 2018, 12-16). Ein Hinweis auf ein vorhandenes Qualitätsmanagement war bei 31,6 % der Institutionen ersichtlich. Zertifiziert durch den Bundesverband für therapeutisches Reiten und tiergestützte Therapien sind sechs der in der Analyse betrachteten Einrichtungen (31,6 %). Durch den Berufsverband PI wurden fünf Einrichtungen zertifiziert (26,3 %). Zwei dieser Bildungsanbieter wurden sowohl durch den Bundesverband als auch durch den Berufsverband PI zertifiziert. Etwa ein Viertel (26,3 %) der Bildungsinstitutionen bieten Weiterbildungen an, welche durch Berufskammern oder Berufsverbände des jeweiligen Grundberufs anerkannt sind. Ebenfalls 26,3 % der Bildungsanbieter besitzen eine eigene Zertifizierung nach eigens aufgestellten Qualitätsstandards. Unter die Kategorie Sonstiges (15,8 %) fallen anderweitige Kriterien, die Einfluss auf die Qualität der Weiterbildungseinrichtung haben, z. B. die Beachtung von Vorgaben der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz e. V. (Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz 2012). Beurteilung und Empfehlungen: Die Mehrzahl der Bildungsanbieter beruft sich auf Qualitätsstandards, was auf ein Bestreben nach Professionalisierung des Berufsfeldes hindeutet. Neben Marketingaspekten kommt dabei auch die Rechtfertigung der Übernahme von Interventionskosten bei transparentem Qualitätsmanagement zum Tragen. Es ist eine Tendenz zu erkennen, dass einige Bildungsanbieter an der Etablierung von allgemein gültigen Qualitätsstandards sowie einer gegenseitigen Kooperation interessiert Abb. 3: Berufliche Zugangsvoraussetzungen (Mehrfachnennungen möglich, Stand 09 / 2017) Berufliche Voraussetzungen Anzahl der Weiterbildungen N = 54 Weiterbildungsformate 0 5 10 15 20 25 Sozialer, pädagogischer, psychologischtherapeutischer oder medizinischer Grundberuf Grundberuf nicht näher bezeichnet Praktische Erfahrung in der Arbeit mit bestimmter Zielgruppe Definierter Grundberuf Quereinsteiger nach persönlicher Beurteilung, Nachweise (z. B. Praxiserfahrung) Absolventen einer vorigen Ausbildung im tiergestützten Bereich Sommer, Simon - Weiterbildung im Fokus mup 4|2019 | 159 sind. Auf der anderen Seite existieren Einrichtungen, die sich keinem Verband anschließen, sondern mit individuellen Alleinstellungsmerkmalen und eigenen Qualitätsstandards werben. Aktuell haben sich in Deutschland drei größere Gruppierungen herausgebildet, die sich jeweils auf verschiedene Qualitätskriterien verständigen: Die Mitglieder des FATP, die Mitglieder des Bundesverbands für therapeutisches Reiten und tiergestützte Therapien sowie die Mitglieder des Berufsverbandes PI. Somit berufen sich die verschiedenen Bildungsanbieter auf eine Vielzahl unterschiedlicher Kriterien, was eine Einschätzung durch Außenstehende erschwert. Das Problem der fehlenden Transparenz bezüglich der Weiterbildungsqualität hat sich auf Verbandsebene verlagert. Die Tatsache, dass das Thema Qualität in den Fokus der Interventionen rückt, ist eine positive Entwicklung. Dennoch kommt es auf die Art der Qualitätskriterien und deren Umsetzung an, ob von einer qualitativ hochwertigen Weiterbildung gesprochen werden kann. Die Berufung auf unterschiedliche Standards erschwert nicht nur die Transparenz, sondern beeinflusst die Professionalität der ausgebildeten Fachkräfte sowie deren Interventionen. Eine Diversität in der Art der Interventionsgestaltung und somit eine Wahlmöglichkeit für den Klienten bezüglich des Schwerpunktes der eingesetzten Methoden ist als positiv zu sehen. Dennoch benötigt es einheitliche Standards, was die Qualität betrifft, um den Schutz von Klienten und Therapiepferden zu gewährleisten. Als ausgesprochen kritisch zu betrachten ist die große Variation an reiterlichen und beruflichen Zugangsvoraussetzungen, die aktuell existiert. Zusammenfassende Diskussion Im vorliegenden Beitrag wurde der Schwerpunkt auf einen Ausschnitt der Studienergebnisse gelegt. Weitere, nicht in diesem Artikel diskutierte und bisher unveröffentlichte Ergebnisse der Studie zeigen, dass die Weiterbildungslandschaft im Bereich PI in der BRD geprägt ist durch Abb. 4: Zertifizierungen und Qualitätskriterien (Mehrfachnennungen möglich, Stand 09 / 2017) Anzahl der Einrichtungen N = 19 Einrichtungen 0 2 4 6 8 Bundesland (Anerkannter Bildungsanbieter) Staatliche Förderung möglich Vorhandenes Qualitätsmanagement Bundesverband th. Reiten und tiergest. Therapien Berufskammer oder anderweitige Berufsverbände Berufsverband PI Eigene Zertifizierung Sonstige ISAAT Richtlinien des FATP Keine Zertifizierung Fachverband für Reittherapie Menschsein mit Pferd e. V. Kriterien Bundesministerium für Bildung und Forschung Die Berufung auf unterschiedliche Kriterien erschwert die Einschätzung der Qualität durch Außenstehende. Zertifizierungen und Qualitätskriterien 160 | mup 4|2019 Sommer, Simon - Weiterbildung im Fokus Heterogenität hinsichtlich Größe, Alter und Ressourcen der Weiterbildungsinstitutionen. Die einzelnen Zusatzqualifikationen unterscheiden sich teils erheblich hinsichtlich Zugangsvoraussetzungen, Inhalten, Aufbau, Umfang, Dauer und Kosten. Ebenfalls bestehen Differenzen, was das Qualitätsmanagement, die Kooperationsintensität, die wissenschaftliche Ausrichtung und methodische sowie reiterliche Schwerpunkte der Bildungsanbieter betrifft. Aufgrund der veränderten Weiterbildungslandschaft mit einer stetig wachsenden Zahl an Weiterbildungsinstitutionen, erscheint ein fachlicher Austausch sowie eine Kooperation hinsichtlich der Qualitätssicherung und eines einheitlichen Öffentlichkeitsauftritts notwendig. Eine deutschlandweit einheitliche Qualitätssicherung ist zum Schutz von Klienten und Therapiepferden sowie hinsichtlich einer Übernahme von Interventionskosten durch Kostenträger sinnvoll. Da es aktuell allerdings mehr als einen Berufsverband gibt, ist ebenfalls eine Kooperation der verschiedenen Verbände untereinander nötig. Ziel könnte sein, die bereits existierenden Verbände und Kooperationen in einem übergeordneten Dachverband zu vereinen, um die Umsetzung einheitlicher Qualitätskriterien sowie eines einheitlichen Öffentlichkeitsauftritts zu gewährleisten. Essenziell erscheint daher, dass sich die Verbände auf allgemein gültige Kriterien verständigen. Es empfiehlt sich, die bereits bestehenden Qualitätsmanagementsysteme der einzelnen Verbände zu vergleichen, zu evaluieren und zusammenzufassen. Weitere, nicht in diesem Beitrag diskutierte Ergebnisse der Studie zeigen, dass bezüglich Kooperationen zwischen Universitäten und Bildungsanbietern noch Entwicklungspotenzial besteht. Hier ist weitere Forschung und Zusammenarbeit nötig, u. a. zur Wirkung des Pferdes im Rahmen pferdegestützter Interventionen. Einer Professionalisierung dieser Berufsgruppe würde dies zugutekommen und für mehr Akzeptanz der PI innerhalb der Therapielandschaft Deutschlands sorgen. Idealerweise könnte der Nachweis einer professionellen, qualitativ hochwertigen, auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhenden Weiterbildung einen Teil zur Begründung einer staatlichen Anerkennung sowie gesetzlichen Finanzierung durch Kostenträger beitragen. Eine Aufnahme der PI in die Liste der anerkannten Heilmittel gemäß den Heilmittelrichtlinien des Gemeinsamen Bundesausschusses würde die finanzielle Situation grundlegend verändern. Aufgrund der aktuell bestehenden Diversität an Weiterbildungen und Berufsbezeichnungen sowie die Berufung auf unterschiedliche Qualitätskriterien im Bereich pferdegestützter Interventionen und der damit verbundenen schlechten Einschätzbarkeit der Qualität der angebotenen Leistungen erscheint jedoch gerade Die Autorinnen Caroline Sommer Heilpädagogin (B.A.), verfasste die Studie im Rahmen ihrer Bachelorthesis an der Katholischen Hochschule Freiburg und ist tätig in einer Einrichtung der Kinder- und Jugendhilfe. Prof. Dr. Traudel Simon approbierte Psychologische Psychotherapeutin / Psychoanalytikerin, Dekanin des Studienbereichs Heilpädagogik an der Katholischen Hochschule Freiburg, Leitung des Masterstudiengangs Klinische Heilpädagogik. Schwerpunkt in Forschung und Lehre ist unter anderem die tiergestützte Förderung und Therapie. Korrespondenzanschrift Prof. Dr. Traudel Simon · Katholische Hochschule Freiburg Catholic University of Applied Sciences · Karlstr. 63 D-79104 Freiburg · traudel.simon@kh-freiburg.de Austausch hinsichtlich Qualitätssicherung und einheitlichem Öffentlichkeitsauftritt erscheint sinnvoll. Sommer, Simon - Weiterbildung im Fokus mup 4|2019 | 161 dies in näherer Zukunft sehr unwahrscheinlich. Es ist anzunehmen, dass die Qualität im Bereich PI steigen könnte, wenn mehr finanzielle Ressourcen für die Erbringung dieser Angebote bereitgestellt würden. Gleichzeitig benötigt es eine gewisse Grundqualität und Wirksamkeitsnachweise dieser Interventionsform im Vergleich mit anderen Therapieverfahren, um den Bundesausschuss und weitere Kostenträger zu überzeugen. Zusammenfassend ist zu sagen, dass Betriebe, die sich einer einheitlichen Qualitätssicherung und Transparenz verpflichten, zukünftig vermutlich eher die Chance auf eine Anerkennung ihrer Interventionen durch Kostenträger erhalten. Das Berufsverständnis jeder einzelnen Fachkraft hat großen Einfluss darauf, wie sich der Bereich PI in Zukunft weiterentwickeln wird. Literatur ■ Bundesinstitut für Berufsbildung (2018): Checkliste. Qualität beruflicher Weiterbildung. In: https: / / www.bibb.de/ checkliste#2.%20Kosten%20und%20 F%C3%B6rderm%C3%B6glichkeiten%20 der%20beruflichen%20Weiterbildung, 04.05.2019 ■ Bundesinstitut für Berufsbildung (o. J.): Glossar. nicht reglementierte Berufe. In: https: / / www. anerkennung-in-deutschland.de/ html/ de/ glossar. php#nicht_reglementierte_berufe, 21.11.2017 ■ Deutsches Kuratorium für Therapeutisches Reiten (o. J.): Staatlich geprüfte Fachkraft für heilpädagogische Förderung mit dem Pferd. In: https: / / www.dkthr.de/ de/ weiterbildung/ heilpaedagogische-foerderung-mit-dem-pferd/ , 04.05.2019 ■ Deutsches Kuratorium für Therapeutisches Reiten (2017): Weiterbildung - Qualitätssicherung im Therapeutischen Reiten. Weiterbildungsangebote 2017 / 2018. Weiterbildungsbroschüre des DKThR e. V. Warendorf ■ Gäng, H.-P. (2015): Aspekte Heilpädagogischen Denkens und Handelns. In: Gäng, M. (Hrsg.): Heilpädagogisches Reiten und Voltigieren. 7. Aufl. Ernst Reinhardt, München / Basel, 29-57 ■ Gäng, M. (Hrsg.) (2016): Therapeutisches Reiten. 3. Aufl. Ernst Reinhardt, München / Basel ■ Gemeinsamer Bundesausschuss (2017): Richtlinie des gemeinsamen Bundesausschusses. Richtlinie über die Verordnung von Heilmitteln in der vertragsärztlichen Verordnung. In: https: / / www.g-ba.de/ downloads/ 62-492-1484/ HeilM- RL_2017-09-21_iK-2018-01-01.pdf, 04.05.2019 ■ Gemeinsamer Bundesausschuss (2006): Hippotherapie. Zusammenfassende Dokumentation über die Bewertung der Hippotherapie als Heilmittel des Unterausschusses „Heil- und Hilfsmittel“ des Gemeinsamen Bundesausschusses. In: https: / / www.g-ba.de/ downloads/ 40- 268-126/ 2006-11-13-Abschluss-Hippo.pdf, 04.05.2019 ■ Hölscher-Regener, R. (2015): Neue Möglichkeiten der Finanzierung im Therapeutischen Reiten. mensch & pferd international 7(1), 27-30, https: / / doi.org/ 10.2378/ mup2015.art05d ■ Institut für Pferdegestützte Therapie (2019): Häufig gestellte Fragen: Sind Ausbildungen / Weiterbildungen staatlich anerkannt? In: https: / / www.ipth.de/ faq/ #1484217721634cc7bd75f-3086, 04.05.2019 ■ Pülschen, S. (2018): Kompetenz- und Begriffsklärung im Zusammenhang mit den unterschiedlichen Fachbereichen des sogenannten „Therapeutischen Reitens“. mensch & pferd international 10 (1), 17-24, https: / / doi.org/ 10.2378/ mup2018.art04d ■ Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung Berlin (o. J.): Führung von Berufsbezeichnungen. In: https: / / web.archive.org/ web/ 20080219035916/ http: / / www.berlin. de/ sen/ wissenschaft/ studium/ anerkennung/ berufsbz.html, 18.11.2017 ■ Stiftung Warentest (2017): Abschlüsse. Was per Weiterbildung möglich ist. In: https: / / weiterbildungsguide.test.de/ infothek/ abschluesse/ abschluesse-allgemein, 21.11.2017 ■ Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz (2012): TVT. Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz e. V. Nutzung von Tieren im sozialen Einsatz. Merkblatt Nr. 131.9 Pferde. In: https: / / www.tierschutz-tvt.de/ alle-merkblaetter-undstellungnahmen/ #c304, 04.05.2019 ■ Wohlfarth, R., Olbrich, E., Baumeister, S. (2014): Qualitätsstandards tiergestützter Interventionen. mensch & pferd international 6 (4), 156-165, https: / / doi.org/ 10.2378/ mup2014.art21d