mensch & pferd international
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1867-6456
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mup2020.art16d
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Fachbeitrag: Die freie Interaktion in der pferdegestützten Therapie
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Svenja Hawighorst
In der freien Interaktion zwischen Mensch und Pferd ist der zentrale Unterschied zu anderen pferdegestützten Maßnahmen, dass das Pferd sich frei im Raum bewegen kann. Das Pferd hat so die Möglichkeit, sich klar und frei auszudrücken und deutlich auf die nonverbalen Signale seines Gegenübers zu reagieren. Dies kann sich in der therapeutischen Arbeit von den TherapeutInnen zunutze gemacht werden, um Emotionen, Annahmen und Glaubensmuster der KlientInnen zu entschlüsseln und bewusst zu machen, damit an diesen in der Therapie angesetzt und weitergearbeitet werden kann. Im Mittelpunkt dieser Arbeit stehen die nonverbale Kommunikation und Beziehungsgestaltung zwischen Mensch und Pferd sowie ihre Beziehung.
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108 | mup 3|2020|108-116|© Ernst Reinhardt Verlag München Basel, DOI 10.2378 / mup2020.art16d Svenja Hawighorst Schlüsselbegriffe: Freiarbeit, freie Interaktion, Behandlung psychischer Erkrankungen, Kommunikation zwischen Mensch und Pferd, Erproben von neuen Handlungs- und Gedankenmustern Zusammenfassung: In der freien Interaktion zwischen Mensch und Pferd ist der zentrale Unterschied zu anderen pferdegestützten Maßnahmen, dass das Pferd sich frei im Raum bewegen kann. Das Pferd hat so die Möglichkeit, sich klar und frei auszudrücken und deutlich auf die nonverbalen Signale seines Gegenübers zu reagieren. Dies kann sich in der therapeutischen Arbeit von den TherapeutInnen zunutze gemacht werden, um Emotionen, Annahmen und Glaubensmuster der KlientInnen zu entschlüsseln und bewusst zu machen, damit an diesen in der Therapie angesetzt und weitergearbeitet werden kann. Im Mittelpunkt dieser Arbeit stehen die nonverbale Kommunikation und Beziehungsgestaltung zwischen Mensch und Pferd sowie ihre Beziehung. Die freie Interaktion in der pferdegestützten Therapie Hawighorst - Die freie Interaktion in der pferdegestützten Therapie mup 3|2020 | 109 Definition der freien Interaktion Die Freiarbeit kann von der Freiheitsdressur abgegrenzt werden. Die Freiheitsdressur setzt sich aus zwei Wortteilen zusammen, der Freiheit und der Dressur. Der Aspekt der Freiheit wird hier dadurch definiert, dass sich das Pferd ohne Verbindung über einen Führstrick in einem abgegrenzten Raum frei bewegen kann. Bei der Dressur geht es darum, dass das Pferd auf ein bestimmtes Kommando mit einem bestimmten festgelegten Verhaltensmuster reagiert (Spektrum 1999). Die freie Interaktion findet ebenfalls mit einem Pferd statt, das sich frei im Raum bewegen kann. Dabei stehen nicht das gezielte Training des Tieres, sondern das Miteinander und die Beziehung zwischen Mensch und Pferd im Mittelpunkt. Somit geht es nicht um das Abfragen bestimmter Lektionen, sondern darum, mit dem Pferd zu kommunizieren und einen Raum zu schaffen, in dem auch das Pferd ein Mitspracherecht hat und sich frei äußern kann (Haubner 2019). In der Reittherapie stellt die freie Interaktion eine bisher wenig erforschte Interventionsmöglichkeit dar. Es ist eine „bis dato wenig dokumentierte Möglichkeit, das Pferd in der therapeutischen bzw. pädagogischen Arbeit einzusetzen“ (Poinstingl 2011, 5). Die Grundlage der freien Interaktion Die Grundlage der freien Interaktion ist die Fähigkeit von Mensch und Pferd, nonverbal miteinander zu kommunizieren. Das Pferd als Flucht- und Herdentier ist auf eine feine Kommunikation mit seinen Artgenossen angewiesen, damit eine Aufgabenverteilung innerhalb der Herde stattfinden kann und die Sicherheit und das Wohlergehen der Pferde gewährleistet sind. So wird es immer ein Tier geben, das auf Feinde achtet, während ein anderer Teil der Herde ruht (Poinstingl 2011, 35). Das Kommunikationsverhalten der Pferde ist dabei eindeutig und direkt. Das Pferd nimmt sein Gegenüber sensibel wahr und reagiert auf kleinste Veränderungen. Optimal eingespielt funktioniert diese Kommunikation mit Artgenossen. Aber auch auf die Körpersprache anderer Lebewesen, wie die des Menschen, reagiert das Pferd sehr differenziert (Gansterer 2011, 22). Diese Fähigkeit der Pferde können wir uns in der pferdegestützten Therapie beispielsweise zunutze machen, um unsere KlientInnen besser zu verstehen, denn „im übertragenen Sinne drückt der Körper aus, was die Psyche meint“ (Gansterer 2011, 48). Körpersprache, Emotionen und die Psyche lassen sich nicht voneinander trennen (Gansterer 2011, 22 ff). Wichtig wird diese Erkenntnis vor dem Hintergrund, dass jeder Mensch immer auf zwei Ebenen kommuniziert: zum einen auf der verbalen und zum anderen auf der nonverbalen Ebene. Die verbale Kommunikation setzt der Mensch vor allem ein, um Wissen und Sachinhalte zu vermitteln. Die nonverbale Kommunikation wird genutzt, um intensive Gefühle und Beziehungen auszudrücken (Olbricht 2003, 84 f). Wirkt das Verhalten und das, was die KlientInnen sagen, auf die TherapeutInnen widersprüchlich, besteht die Möglichkeit zu beobachten, wie das Pferd mit den KlientInnen kommuniziert und welche Reaktion es zeigt. Da das Pferd nur die nonverbale Kommunikation verstehen und auf diese reagieren kann, lässt es sich auch nicht durch die verbalen Äußerungen der KlientInnen täuschen. Daher bietet es sich an, das Pferd einzusetzen, um die Gefühle und das Befinden von KlientInnen zu beobachten und zu thematisieren (Gäng 2016, 107 f), und „in einer freien Begegnung zwischen Mensch und Pferd hat das Pferd den größtmöglichen Handlungsspielraum dazu“ (Gäng 2016, 106). Kommunikation ist nicht nur ein Mittel zum Zweck in der Therapie, sondern auch in unserem Körpersprache, Emotionen und die Psyche lassen sich nicht voneinander trennen. 110 | mup 3|2020 Hawighorst - Die freie Interaktion in der pferdegestützten Therapie Alltag von besonderer Bedeutung. Es geht in der freien Interaktion nicht nur darum, nonverbale Verhaltensweisen wie beispielsweise eine unsichere und gebeugte Körperhaltung zu erkennen und in Hinblick auf ihre Wirkung auf Mitmenschen zu deuten. Die KlientInnen lernen auch die gemachten Erfahrungen und Erkenntnisse in die Beziehungsgestaltung mit Mitmenschen zu übertragen. Dies kann in einem ersten Schritt beispielsweise in der Beziehung zur Therapeutin oder zum Therapeuten eingeübt werden. Das Aufbauen einer Beziehung zu anderen gilt laut Gansterer (2011, 21) als ein Grundbedürfnis des Menschen. Voraussetzungen Damit die freie Interaktion in der pferdegestützten Therapie Anwendung finden kann, sollten aufseiten des Pferdes, der TherapeutInnen, der KlientInnen und des Umfeldes verschiedene Voraussetzungen gegeben sein. Zur Rolle des Pferdes gehört es, den Beziehungsaufbau zu den KlientInnen zu initiieren und Kontakt zu diesen aufzunehmen. Außerdem soll es diese „zu nonverbaler Kommunikation auf[fordern], sowie die Befindlichkeit und den Körperausdruck rück[…]melden“ (Gansterer 2011, 25). Dies kann das Pferd aufgrund seiner arttypischen Fähigkeiten in der Regel leisten. Trotzdem ist die Wahl eines für die freie Interaktion und die KlientInnen geeigneten Pferdes, das von sich aus Interesse zeigt, Kontakt zum Menschen aufzunehmen und einen ruhigen Charakter aufweist sowie eine entsprechende Ausbildung hat, unabdingbar (Gäng 2016, 122; Gansterer 2011, 25; Rockenbauer, 2010, 30). Auch die Form der Haltung ist ausschlaggebend für die Eignung des Pferdes für die freie Interaktion. Besonders wichtig ist die Sozialisierung durch andere Pferde, mit denen es sich als Interaktionspartner erproben kann. Dies ist die Grundlage dafür, dass das Pferd sich später auf Interaktionen einlassen und Kontakt halten kann (Gäng 2016, 121). Auf Seiten der KlientInnen müssen zunächst Indikationen für den Einsatz der freien Interaktion in der pferdegestützten Therapie, wie das Vorhandensein einer grundlegenden Reflektionsfähigkeit und von Körpergefühl sowie Kontraindikationen, wie beispielsweise Allergien, abgeklärt werden. Außerdem sollte ein Grundverständnis über die artspezifischen Verhaltensweisen des Pferdes vorliegen (Gäng 2016, 113). In der Therapie ist wichtig, dass die KlientInnen, mit Unterstützung durch die TherapeutInnen, in der Lage sind, ihr eigenes Verhalten und das des Pferdes zu reflektieren und aktiv Einfluss auf ihre Körperhaltung und -sprache zu nehmen. Nur so können in der Therapie gemeinsam mit dem Pferd auch schwierigere Aufgaben gelöst werden. Auch kognitiv sollten die KlientInnen eine Reflexion, mit Unterstützung durch die TherapeutInnen, durchführen können. Die freie Interaktion im Sinne einer freien Kontaktaufnahme kann natürlich auch mit KlientInnen durchgeführt werden, die in diesen Bereichen weniger Kompetenzen aufweisen (Gäng 2016, 113). Im Verantwortungsbereich der TherapeutInnen liegt zunächst die Auswahl des therapeutischen Settings und Umfeldes. Dabei sollte die freie Interaktion immer in einem sicher eingegrenzten Raum stattfinden. Dies können Weiden, Paddocks, Plätze oder andere umgrenzte Räumlichkeiten sein. Dabei muss die Größe des zur Verfügung stehenden Raumes aus zwei Perspektiven beurteilt werden. Zum einen wird für verschiedene Aufgabenstellungen unterschiedlich viel Raum benötigt. Für das Putzen muss der Platz weniger groß sein als für das Lösen eines Parcours. Außerdem bietet eine größere Fläche dem Pferd mehr Möglichkeiten, sich von den KlientInnen zu entfernen oder auszuweichen, wenn Zur Rolle des Pferdes gehört es, den Beziehungsaufbau zu den KlientInnen zu initiieren. Hawighorst - Die freie Interaktion in der pferdegestützten Therapie mup 3|2020 | 111 es den Druck, den die Klientin oder der Klient durch Körpersprache oder die Nähe zum Pferd ausübt, als zu stark empfindet. Es erschwert aber wiederum das Lösen der Aufgabe für die KlientInnen (Gäng 2016, 122). Auch das Vorhandensein von Außenreizen hat einen Einfluss auf die Therapie. Viele äußere Reize können sowohl Pferd als auch KlientInnen ablenken und erhöhen somit die Anforderungen, die durch die Aufgabe gestellt werden (Gäng 2016, 122). Die Auswahl des geeigneten Settings hat somit einen großen Einfluss auf die freie Interaktion und sollte der Zielsetzung und den Fähigkeiten der KlientInnen entsprechend gewählt werden. Auch das Vorhandensein der Schweigepflicht der TherapeutInnen gegenüber Dritten schafft einen geschützten Raum. Die KlientInnen können sich sicher sein, dass nichts, was während der Therapie besprochen wird oder passiert, nach außen dringt. Die Auswahl eines geeigneten Pferdes ist ebenfalls Aufgabe der TherapeutInnen. Dies muss nicht nur zu den KlientInnen, sondern auch zur Zielsetzung passen. Jedes Pferd reagiert anders und unterschiedlich fein auf die Signale des Menschen. Die TherapeutInnen müssen hier abwägen, welche Art von Reaktion sie / er der Klientin / dem Klienten zutraut und wie deutlich diese ausfallen soll. Außerdem können die TherapeutInnen die Signale des Pferdes nur dann gut und korrekt entschlüsseln, wenn sie das Pferd gut kennen. Da das Entschlüsseln der Kommunikation des Pferdes eine Grundlage der freien Interaktion in der pferdegestützten Therapie bildet, ist gerade dies von großer Bedeutung (Gäng 2016, 121 f). Zudem müssen die TherapeutInnen die Kommunikation und Interaktion zwischen KlientInnen und Pferd ermöglichen und begleiten. Die Anleitung der KlientInnen ist in diesem Bereich sehr wichtig, denn oft haben diese wenig Erfahrung mit Pferden. Angepasst daran, wie viel Wissen zum Umgang mit und Verhalten von Pferden die KlientInnen haben, muss die / der TherapeutIn den Prozess der Kontaktaufnahme unterstützen (Gäng 2016, 113). Es muss dabei darauf geachtet werden, einen Rahmen zu finden, der die KlientInnen nicht überfordert und gleichzeitig auch die nötige Freiheit gibt, selbst einen Weg zu finden, mit dem Pferd in Kontakt zu kommen. Dies unterscheidet sich auch von KlientIn zu KlientIn. Für einige ist es besser, ihnen zunächst Raum zu geben, das Pferd auf ihre eigene Art kennenzulernen und andere benötigen eine klare Aufgabenstellung, damit sie von der Situation nicht überfordert werden. TherapeutInnen müssen individuell und flexibel auf die Bedürfnisse der KlientInnen reagieren (Hediger / Zink 2017, 91). Damit die freie Interaktion einen Nutzen für die KlientInnen hat, müssen die TherapeutInnen aber noch einen Schritt weitergehen, als nur die Interaktion zu ermöglichen. Eine gute Therapie basiert auf dem Beziehungsdreieck TherapeutIn, KlientIn und Pferd. Das Pferd als Experte in Sachen Wahrnehmung der Körpersprache und die TherapeutInnen als diejenigen, die diese Rückmeldung für die KlientInnen erklären, versprachlichen und bewusstmachen. Durch das Kommunizieren des beobachteten Verhaltens des Pferdes auf verbaler Ebene gelingt es den KlientInnen besser, sich ihres Verhaltens und ihres Ausdruckes bewusst zu werden und „dies somit sehr bewusst zu erleben und es auf einer reflexiven Ebene zum Ausdruck zu bringen“ (Gansterer 2011, 125). Die TherapeutInnen schlagen eine Brücke zwischen der Welt des Pferdes und der der KlientInnen und ermöglichen so, dass die KlientInnen aus den Rückmeldungen des Pferdes Schlüsse ziehen und ihr Verhalten ändern können (Gansterer 2011, 26, 71, 125). Ausgehend von den in der Therapie erlebten Situationen wird gemeinsam mit den KlientInnen Eine gute Therapie basiert auf dem Beziehungsdreieck TherapeutIn, KlientIn und Pferd. 112 | mup 3|2020 Hawighorst - Die freie Interaktion in der pferdegestützten Therapie überlegt, ob die in der Einheit mit dem Pferd aufgetretenen Probleme sich auch im Leben der KlientInnen widerspiegeln. Im Kontext der Therapie am Pferd können neue Strategien, Kommunikations- und Handlungsmuster erarbeitet und in geschütztem Rahmen ausprobiert und reflektiert werden, bevor sie im Alltag erprobt werden (Gansterer 2011, 26). Die Eignung der Freien Interaktion in Bezug auf verschiedene Zielsetzungen Nach Gäng (2016, 110 ff) kann die freie Arbeit mit dem Pferd generell bei allen Zielsetzungen genutzt werden, die sich auf die Psyche des Menschen beziehen. Sie kann also beispielsweise zur Verbesserung der Selbstsicherheit der KlientInnen, bei einer Angststörung im Rahmen einer Exposition und auch zum Aktivitätsaufbau sowie der „Neuinterpretation von Beziehungserfahrungen und Handlungsergebnissen bei depressiven Störungen“ eingesetzt werden (Gäng 2016, 112). So kann gemeinsam mit den KlientInnen eine Angsthierarchie für Ängste des Pferdes, zum Beispiel vor einer Plane, erstellt werden. Es wird gemeinsam geschaut, was der kleinste angstauslösende Reiz ist und eine Staffelung bis zum stärksten angstauslösenden Reiz erstellt werden. Gemeinsam kann dann daran gearbeitet werden, dem Pferd die Angst zu nehmen. In der Psychotherapie wird die Angst beim Menschen auf sehr ähnliche Weise behandelt und die Arbeit mit dem Pferd kann später auf die Situation der Klientin oder des Klienten übertragen und in die Psychoedukation dieser integriert werden. Dies kann den KlientInnen helfen, die eigene Angst und ihre Behandlung in der Psychotherapie besser zu verstehen (Gäng 2016, 113 ff). Es geht hierbei darum, sich zunächst mit den Wirkungsmechanismen der Angst an sich auseinanderzusetzen, bevor die eigene Angst der KlientInnen thematisiert wird. Ein weiteres mögliches Einsatzgebiet für die freie Interaktion liegt im Bereich der Beziehungen und Sozialkompetenz. So können sowohl die Aufnahme von Beziehung als auch die Interaktion und Kommunikation zunächst in einem geschützten Rahmen mit dem Pferd geübt werden (Gansterer 2011, 125 f); dies ermöglicht neue Beziehungserfahrungen (Gäng 2016, 106). Auch bei Zielsetzungen die Frustrationstoleranz betreffend kann die freie Interaktion eingesetzt werden. Durch die Freiheit des Pferdes, sich abzuwenden oder zu kooperieren, werden erhöhte Anforderungen an die körpersprachlichen Fähigkeiten und die interaktionellen Kompetenzen der KlientInnen gestellt. Die Wahrscheinlichkeit, dass diese dabei mit Misserfolg und Frustration umgehen müssen, ist hoch. Wichtig ist, dass die KlientInnen bereits vorher eine stabile Beziehung zu dem Pferd aufgebaut und positive Erfahrungen gesammelt haben. Dies schafft eine gute Basis, damit später auftretende Missverständnisse in der gemeinsamen Arbeit die Beziehung nicht zu stark belasten. Die KlientInnen wissen, dass das Pferd sie mag und lediglich ihre Signale falsch verstanden hat. So kann gezielt an der Frustrationstoleranz gearbeitet werden, ohne dass die Beziehung zum Interaktionspartner mit infrage gestellt wird (Gäng 2016, 110 ff). Nutzen kann man die freie Interaktion auch bei Essstörungen wie der Anorexie. Hierbei ist besonders wichtig, vor Therapiebeginn Kontraindikationen, wie lebensgefährliches Untergewicht, abzuklären und auszuschließen. KlientInnen, die an einer Anorexie leiden, weisen oft „Störungen [in][(] der Identität und Körperwahrnehmung, Ängstlichkeit, Depressivität, Selbstwertprobleme, Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper und Aggressionshemmung[)]“ (Gäng 2016, 58) auf. Einige dieser Einschränkungen können in der freien Interaktion thematisiert werden. Das Die freie Interaktion bietet sich bei psychischen Erkrankungen an. Hawighorst - Die freie Interaktion in der pferdegestützten Therapie mup 3|2020 | 113 gemeinsame Lösen von Aufgaben mit dem frei agierenden Pferd stellt ein Erfolgserlebnis dar, das sich positiv auf das Selbstbewusstsein auswirken kann. Oft beginnen KlientInnen dann, sich auch verbal mehr zu öffnen und es zeigt sich eine Verbesserung der Stimmung sowie eine Erhöhung der Vitalität (Gäng 2016, 56 ff). Somit wird auf verschiedene Symptomatiken der Essstörung positiv eingewirkt. Dabei eigene Emotionen zu erkennen, zu verbalisieren und sich dieser so bewusst zu werden, kann durch die freie Interaktion in der pferdegestützten Therapie ebenfalls unterstützt werden (Gäng 2016, 58). Des Weiteren kann der Einsatz der freien Interaktion auch im Kontext einer Depression erfolgen. Symptome einer Depression sind nach der ICD 10 (Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme) eine gedrückte Stimmung, die Verminderung von Antrieb und Aktivität, Freude, Interesse und Konzentration sind gemindert und es bestehen Beeinträchtigungen im Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen der KlientInnen (DIMDI 2018). Der hohe Aufforderungscharakter des Pferdes bewegt die KlientInnen dazu, aktiv zu werden und Kontakt zu dem Pferd aufzunehmen. Danach können durch das Lösen von Aufgaben Erfolgserlebnisse ermöglicht werden, die das Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen stärken. Dies wiederum kann zu einer Stimmungsaufhellung und mehr Antrieb führen (Gäng 2016, 56). In die Behandlung von Traumata kann die freie Interaktion teilweise integriert werden. Als sekundäre Folgen eines Traumas können unter anderem Ängste und depressive Verstimmungen auftreten (DeGPT 2019). An diesen kann, wie oben im Kontext der Depression beschrieben, durchaus mithilfe der freien Interaktion gearbeitet werden. Ein weiteres Ziel des Einsatzes von Pferden in der Traumatherapie ist nach Hediger und Zink, „de[n] Patient[Innen] im Kontakt mit dem Pferd einen Zugang zu sich selbst und ihrem Körper zu ermöglichen und ihr Selbstvertrauen wie auch Vertrauen in ein therapeutisches Setting auszubauen“ (Hediger / Zink 2017, 100). Dazu können beispielsweise Entspannungsübungen genutzt werden, bei denen die KlientInnen ihren eigenen Atem mit dem des Pferdes synchronisieren, indem sie eine Hand an den Bauch des Pferdes legen und den Atemrhythmus des Pferdes imitieren oder still neben ihm her gehen. Die Konzentration auf den eigenen Körper und den des Pferdes ist ein vorsichtiger Zugang, um das Körperbewusstsein zu verbessern (Hediger / Zink 2017, 101 ff). Auch das Selbstbewusstsein der KlientInnen kann beispielsweise durch das Führen des Pferdes durch einen Parcours gestärkt werden. Ein Pferd zu führen „und somit aktiv Einfluss auf seine Richtung und seine Geschwindigkeit zu nehmen […] fördert die Selbständigkeit und Selbstwirksamkeit“ (Hediger / Zink 2017, 107). Weitere Themenstellungen, die Personen nach einem Trauma tangieren, wie das Wahrnehmen und Erkennen von Gefühlen und die Reflexion der eigenen Körpersprache, können durch die freie Interaktion mit dem Pferd thematisiert werden. Diese Behandlung sollte jedoch nur von auf diesem Gebiet geschultem Fachpersonal mit entsprechendem psychologischen beruflichen Hintergrund oder einer spezifischen Fortbildung durchgeführt werden (Gäng 2016, 71 f). Insgesamt gibt das Deutsche Kuratorium für Therapeutisches Reiten an, dass die therapeutische Intervention mit einem Pferd bei einigen Krankheitsbildern nur in engem Kontakt zu den behandelnden ärztlichen und psychologischen / psychotherapeutischen Fachkräften stattfinden soll (DKThR 2019). Hierzu gehören die Behandlung von: „Essstörungen, Autismus, In die Traumabehandlung kann die freie Interaktion integriert werden. 114 | mup 3|2020 Hawighorst - Die freie Interaktion in der pferdegestützten Therapie Ängsten, Persönlichkeitsstörungen, Psychosen (Depression, Manie, Schizophrenie), Neurosen, Zwangserkrankungen, Posttraumatischen Belastungsstörungen, Dissoziative Störungen, Abhängigkeit/ Sucht“ (DKThR 2019). Nur Fachpersonal hat hier das Wissen beispielsweise Traumata kompetent zu behandeln. Eine falsche Reaktion auf eine ein Trauma potenziell erneut auslösende Situation kann zur Retraumatisierung und damit zu einer Verstärkung der Symptome führen (Gäng 2016, 71 f). Der konkrete Einsatz der freien Interaktion in der pferdegestützten Therapie Die Freiarbeit kann, ausgehend von der Zielsetzung, auf unterschiedliche Art und Weise in die Therapie eingebunden werden. Zu nennen ist hier die Beobachtung. Dabei kann das Pferd von TherapeutInnen und KlientInnen in der Herde beobachtet werden. Gemeinsam wird erarbeitet, welche verschiedenen Rollen es in der Herde gibt und welcher Charakter dem einzelnen Pferd zugeschrieben werden kann. Dies wiederum kann dann auf den Alltag und das Umfeld der KlientInnen übertragen werden (Gäng 2016, 114 f). Gemeinsam kann reflektiert werden, mit welchem Pferd und welcher Rolle sich die KlientInnen identifizieren können. Oft haben die KlientInnen in ihrem Alltag in bestimmten Kontexten eine ähnliche Rolle inne. Gefällt ihnen diese Rolle nicht, kann gemeinsam mit der Therapeutin / dem Therapeuten überlegt werden, wie die Person sich zukünftig gerne verhalten würde und wie dies umsetzbar sein könnte. Auch eine Übertragung der Gefühle der KlientInnen auf das Pferd ist möglich. Gemeinsam mit den TherapeutInnen kann überlegt werden, welches Pferd eine ähnliche Rolle in der Herde hat wie die KlientInnen in ihrem Umfeld, um dann zu schauen, welche Gefühle dieses Pferd wohl erfährt. Dieses Vorgehen erleichtert es den KlientInnen meist, ihre eigenen Gefühle zu verbalisieren (Gäng 2016, 114 f). Neben der Beobachtung gibt es die direkte Interaktion. Dabei wird aktiv auf das Pferd zugegangen und mit ihm gearbeitet. Dies kann schon bei der Begrüßung beginnen. Dreht sich das Pferd dabei weg, kann dies eventuell ein Hinweis auf eine negative Grundeinstellung der KlientInnen sein, die mit den TherapeutInnen reflektiert werden kann. Von dieser ersten Reflektion ausgehend wird dann überlegt, welche Auswirkungen die Grundeinstellung der KlientInnen auf das Pferd und sein Verhalten hatte, um dann zu erarbeiten, wie diese ihre Einstellung so ändern können, dass das Pferd sich auf die Intervention einlässt. Wenn sich dies als erfolgreich erweist, können die KlientInnen stückweise versuchen, das auch in ihrem Alltag in ähnlichen Situationen und im Rahmen ihrer Fähigkeiten anzuwenden (Gäng 2016, 114 ff). Als dritte Art der freien Interaktion ist die Freiarbeit zu nennen. Diese kann aus dem gemeinsamen Lösen einer Aufgabe oder auch aus Achtsamkeitsübungen mit dem Pferd bestehen. Auch das Thema Bedürfnisse kann in diesem Kontext erarbeitet werden. Kommt das Pferd den KlientInnen immer wieder zu nah, dann können diese in einem geschützten Rahmen erproben, wie das Pferd reagiert, wenn sie auf ihren Grenzen beharren und es wegschicken. Diese Situationen treten nicht nur in der Arbeit der KlientInnen mit dem Pferd, sondern in ähnlicher Weise auch in ihrem Alltag auf. Daher ist es sinnvoll, diese Situationen im Rahmen der Therapie aufzudecken, gemeinsam Lösungsmuster zu erarbeiten und diese mit dem Pferd zu erproben (Gäng 2016, 118 f). Die freie Interaktion als Methode in der Therapie Auch für die TherapeutInnen kann die freie Interaktion bei verschiedenen Fragestellungen von Bedeutung sein. Diese kann als Motivationsgrundlage, Diagnostikinstrument oder Eine Übertragung der Gefühle der KlientInnen auf das Pferd ist möglich. Hawighorst - Die freie Interaktion in der pferdegestützten Therapie mup 3|2020 | 115 therapeutische Maßnahme genutzt werden. Ist das Ziel, dass die KlientInnen etwas Neues kennenlernen oder dass das Pferd freiere Möglichkeiten hat, sich in der Therapie zu äußern, wird die freie Interaktion zur Förderung der Interaktion eingesetzt. Haben die TherapeutInnen zu Beginn der Therapie noch keinen guten Überblick über die Ressourcen und Problemstellungen der KlientInnen und möchten das Verhalten und die Kommunikation dieser mithilfe des Pferdes genauer analysieren, wird die freie Interaktion als Diagnoseinstrument eingesetzt. Stehen Ressourcen und Zielsetzungen der KlientInnen fest, dann kann die freie Arbeit mit dem Pferd als therapeutische Maßnahme eingesetzt werden, um mit den KlientInnen beispielsweise Auswirkungen bestimmter Verhaltensweisen zu erarbeiten (Gäng 2016, 110). Ist das gemeinsam von TherapeutInnen und KlientInnen festgelegte Ziel der Therapie die Veränderung des Verhaltens oder Erlebens der KlientInnen, kann dies nur erarbeitet werden, wenn die KlientInnen sich ihres eigenen Verhaltens oder ihrer Einstellungen bewusst werden. Diese werden in der freien Interaktion durch das Verhalten des Pferdes sichtbar. Da diese Spiegelungen von den KlientInnen nicht immer allein entschlüsselt werden können, muss das Beziehungs- und Interaktionsgeschehen in der Einheit „anschließend mithilfe de[r] Therapeut[Innen] verbalisiert und reflektiert [werden], wodurch eine Neuorganisation und Erweiterung des Erlebens stattfinden kann“ (Fischer 2011 zitiert nach Gäng 2016, 108). Nur wenn die KlientInnen sich ihres Verhaltens, ihrer Gefühle und Glaubenssätze bewusstwerden, ist eine Änderung dieser möglich, der Schlüssel dazu ist die Reflexion (Gäng 2016, 108). Zusammenfassend ist die freie Interaktion eine therapeutische Maßnahme, die eingesetzt werden kann, um mit den KlientInnen an ihren Glaubenssätzen, Emotionen und Einstellungen sowie ihrer Wirkung auf andere zu arbeiten. Wichtig ist dabei, dass die „Sicherheit de[r] Patient[Innen] […] immer Vorrang [hat], und ebenso muss auch die Sicherheit des Pferdes gewährleistet sein“ (Gäng 2016, 122). Ist diese gesichert, bietet die freie Interaktion den Vorteil, dass das Pferd sich ungehindert äußern und deutlich kommunizieren kann. Außerdem wird die Beziehung zwischen KlientInnen und Pferd sichtbar. Die Handlungen des Pferdes gewinnen durch das hohe Maß an Freiwilligkeit an Bedeutung, da sehr deutlich wird, dass das Pferd beispielsweise aus freien Stücken Zeit mit den KlientInnen verbringt und nicht, weil es durch Hilfsmittel dazu „gezwungen“ wird. Für die KlientInnen bleiben hier in Bezug auf die Beziehung zum Pferd nur wenig Zweifel. Literatur ■ Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI) im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit unter Beteiligung der Arbeitsgruppe ICD des Kuratoriums für Fragen der Klassifikation im Gesundheitswesen (Hrsg.) (2018): ICD-10-GM Version 2019, Systematisches Verzeichnis, Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme, 10. Revision, Köln. In: https: / / www.dimdi.de/ static/ de/ klassifikationen/ icd/ icd-10-gm/ kode-suche/ htmlgm2020/ block-f30-f39.htm, 28.02.2020 ■ Deutsche Gesellschaft für Psychotraumatologie (DeGPT) (2019): Begleiterscheinungen der PTBS. 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In: http: / / othes.univie. ac.at/ 14401/ 1/ 2011-03-01_0407486.pdf, 27.10.2019 ■ Haubner, P. (2019): Freiheitsdressur. In: https: / / www.pferdefluesterei.de/ a-z/ freiheitsdressur-freiarbeit/ , 27.10.2019 ■ Hediger, K., Zink, R. (2017): Pferdegestützte Traumatherapie. Ernst Reinhardt, München / Basel ■ Olbrich, Prof. Dr. E., Otterstedt Dr. C. (2003): Menschen brauchen Tiere, Grundlagen und Praxis der tiergestützten Pädagogik und Therapie. Franckh-Kosmos, Stuttgart ■ Poinstingl K. (2011): Diplomarbeit: Die freie körperliche Intervention mit dem Pferd als Szene. In: http: / / othes.univie.ac.at/ 14403/ 1/ 2011-05-0 4_0205703.pdf, 27.10.2019 ■ Rockenbauer, S. (2010): Diplomarbeit, Tiergestützte Therapie mit Pferden bei Patienten mit emotionaler Instabilität. In: http: / / othes.univie. ac.at/ 9529/ , 27.10.2019 ■ Spektrum (1999): Lexikon der Biologie, Dressur. In: https: / / www.spektrum.de/ lexikon/ biologie/ dressur/ 19424, 22.02.2020 Die Autorin Svenja Hawighorst Ergotherapeutin B.Sc., zertifizierte Equi motion Reittherapeutin, selbständig arbeitende Reittherapeutin in Halen Anschrift Svenja Hawighorst Gertrud-Luckner-Straße 17 D-49134 Wallenhorst E-Mail: svenjahawighorst@osnanet.de
