mensch & pferd international
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1867-6456
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mup2020.art23d
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Interviewstudie zur subjektorientierten Perspektive zur Heilpädagogischen Förderung mit dem Pferd aus Sicht teilnehmender Kinder und Jugendlicher
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Mone Welsche
Die Heilpädagogische Förderung mit dem Pferd (HFP) wird häufig für Kinder und Jugendliche mit einer Vielzahl von Zielen eingesetzt. Der vorliegende Beitrag stellt Ergebnisse einer Studie vor, in welcher an der HFP teilnehmende Kinder und Jugendliche (n=39) zu ihrem Erleben befragt wurden. Die durchgeführten Interviews wurden inhaltsanalytisch quantitativ ausgewertet. Die Ergebnisse bestätigen in Teilen in der Fachliteratur als relevant identifizierte Aspekte der HFP, geben allerdings auch neue Hinweise für die Praxis und die weitere Forschung zur Frage, was in der HFP wie wirkt.
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152 | mup 4|2020|152-167|© Ernst Reinhardt Verlag München Basel, DOI 10.2378 / mup2020.art23d Mone Welsche Schlüsselbegriffe: Heilpädagogische Förderung mit dem Pferd, Kinder und Jugendliche, subjektorientierte Perspektive, Interviews Die Heilpädagogische Förderung mit dem Pferd (HFP) wird häufig für Kinder und Jugendliche mit einer Vielzahl von Zielen eingesetzt. Der vorliegende Beitrag stellt Ergebnisse einer Studie vor, in welcher an der HFP teilnehmende Kinder und Jugendliche (n=39) zu ihrem Erleben befragt wurden. Die durchgeführten Interviews wurden inhaltsanalytisch quantitativ ausgewertet. Die Ergebnisse bestätigen in Teilen in der Fachliteratur als relevant identifizierte Aspekte der HFP, geben allerdings auch neue Hinweise für die Praxis und die weitere Forschung zur Frage, was in der HFP wie wirkt. Interviewstudie zur subjektorientierten Perspektive zur Heilpädagogischen Förderung mit dem Pferd aus Sicht teilnehmender Kinder und Jugendlicher Welsche - Interviewstudie zur subjektorientierten Perspektive zur Heilpädagogischen Förderung mup 4|2020 | 153 Einleitung Die Heilpädagogische Förderung mit dem Pferd (HFP) wird vor allem in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen als entwicklungsförderliche Maßnahme eingesetzt. Mittlerweile gibt es einzelne deutschsprachige Studien, die untersuchen, ob - und wenn ja, wie - sich pferdegestützte Interventionen auf die teilnehmenden Kinder und Jugendlichen auswirken (s. v. a. Beetz / Grebe 2012; Hamsen 2003; Stoffl 2012). Eine Analyse der Motivations- und Wirkfaktoren aus Sicht der Teilnehmenden wurde bisher nicht durchgeführt. Allerdings lassen sich gerade aus den Motivationen, Bewertungen und subjektiv zugeschriebenen Bedeutungen der AdressatInnen wichtige Implikationen für die Praxis und auch die Forschung ableiten. Um einen ersten Schritt in diese Richtung zu gehen und herauszufinden, was Kinder und Jugendliche, die an einem pferdegestützten Angebot im Sinne der HFP teilgenommen haben, bedeutsam finden, was sie motiviert, was ihnen gefällt, aber auch was nicht, wurden qualitative Interviews mit den Kindern und Jugendlichen (n=39) selbst durchgeführt. Nach einem kurzen Überblick über die Zielsetzungen der HFP werden in diesem Beitrag die Ergebnisse der Befragung vorgestellt, mit den theoretischen Grundlagen verglichen und hinsichtlich ihrer Relevanz für die Praxis und weiterführende Forschungsdesiderate diskutiert. Zielsetzung und relevante Komponenten der HFP Verschiedene AutorInnen haben Zielsetzungen, die sie mit der Durchführung einer HFP verknüpfen, formuliert. Das Kuratorium für Therapeutisches Reiten gibt an, dass über das Medium Pferd eine individuelle und ganzheitliche Förderung stattfindet, wobei durch Selbsterfahrung Verhaltensänderungen ermöglicht und die Entwicklung eines tragfähigen Sozialverhaltens unterstützt werden soll (Deutsches Kuratorium für Therapeutisches Reiten o. J., vgl. Hartje 2009). Neben dem Kuratorium, als eine der zentralen Ausbildungsinstitutionen in Deutschland, wurden in verschiedenen Publikationen (s. u. a. Kröger 2005; Scholten 2014; Haberer / Ploppa 2013; Horstmann 2010; Schulz 2005; Gäng 1994) Zielsetzungen zur HFP - und in diesem Beitrag diesem Überbegriff zugeordneten Konzepten - mit Kindern und Jugendlichen formuliert, die in der Abb. 1 zusammengefasst sind. Durch eine individuelle und ganzheitliche Förderung, in welcher sowohl emotionale als auch soziale, kognitive, sprachliche und motorische Komponenten sowie die Wahrnehmungsebene adressiert werden, soll die Entwicklung eines positiven und realistischen Selbstkonzeptes, eine Steigerung des Selbstwertes, die individuelle Dialogfähigkeit sowie eine Erweiterung des Handlungsrepertoires erreicht werden. Eher zur Frage der Wirkung, aus welcher sich allerdings auch Hinweise auf mögliche Zielsetzungen ableiten lassen, fasst Ihm (2010, 39) zusammen, dass durch HFP Einfluss auf Motorik, Wahrnehmung, Lernprozesse, Befinden und Verhalten genommen werden kann. Kröger, Schulz und Baum (2005, 75) heben zudem hervor, dass in der Beziehung zum Pferd in der HFP die sozialen Grundbedürfnisse des Menschen erfüllt werden, dazu zählen sie das Bedürfnis nach Sicherheit, Hingabe, Selbstwirksamkeit, Fortbewegung, Selbständigkeit, Verständnis, Gemeinschaft, Entspannung, Harmonie, Abenteuer und Freiheit. Als relevante Komponenten der HPF werden in der Literatur zwei „Besonderheiten“ dieses Settings herausgestellt: a) das Pferd und seine Ziele der HFP Positives und realistisches Selbstkonzept, Erweiterung des Handlungsrepertoires Durch Selbsterfahrung im Kontakt zum und über das Pferd und zur Umwelt - Emotionale Komponente (Emotionen bei sich und anderen erkennen und damit umgehen) - Soziale Komponente (z.B. Vertrauen, Kooperationsfähigkeit, Durchsetzungsvermögen) - Kognitive Komponente (z.B. Motivation, Anstrengungsbereitschaft, Konzentration, Handlungsplanung) - Wahrnehmung und Motorik Individuelle und ganzheitliche Förderung Abb. 1: Zielsetzungen der HFP im Überblick 154 | mup 4|2020 Welsche - Interviewstudie zur subjektorientierten Perspektive zur Heilpädagogischen Förderung Eigenschaften und b) die Beziehungskonstellation zwischen KlientIn, Pferd und Fachkraft. Zu a) Das Pferd und seine Eigenschaften Gut ausgebildete (Therapie-)Pferde eignen sich in besonderer Weise zum Einsatz für pädagogisch-therapeutische Zwecke. Als Herdentiere zeigen sie ähnliche Bedürfnisse nach Nähe, Berührung, Bewegung und Interaktion wie Menschen (Vernooij / Schneider 2018, 18). Sie suchen Beziehung und Gemeinschaft und gehen aktiv auf Menschen zu oder nehmen menschliche Beziehungsangebote interessiert an. Hamsen (2003, 136 f) betont, dass sie dabei vorurteilsfrei und verlässlich reagieren sowie über körperliche Ausdrucksmöglichkeiten verfügen, die für Menschen verständlich sind. Dabei nehmen sie nonverbale Signale, z. B. die Körperhaltung, sehr sensibel wahr, reagieren auf Stimmungen und innere Befindlichkeiten und geben eindeutige, schnelle Rückmeldungen (vgl. u. a. Vernooij / Schneider 2018). Dies sind insbesondere dann wichtige Eigenschaften, wenn in der HFP die Förderung emotional-sozialer Kompetenzen im Fokus steht. Sie können so das menschliche Bedürfnis nach sozialer Nähe, Zuneigung, Akzeptanz und Körperkontakt befriedigen und gleichzeitig entwicklungsförderliche Erfahrungen im Bereich der Selbst- und Fremdwahrnehmung ermöglichen. Neben den Charakteristika, die Pferde als Herdentiere mitbringen, stellt die Möglichkeit des Getragenwerdens ein Alleinstellungsmerkmal im Vergleich zu anderen Tieren, die in tiergestützten Interventionen eingesetzt werden, dar. Die dreidimensionalen Bewegungen, die mit dem Getragenwerden einhergehen, werden in der Fachliteratur mit den ersten frühkindlichen Erfahrungen im Bauch der Mutter assoziiert (vgl. KupperHeilmann 1999; Schulz 2005). Diese Erfahrungen ermöglichen in besonderer Weise eine Auseinandersetzung mit Beziehungsthemen, die mit dem Aufbau oder Erleben von Vertrauen und Sicherheit zusammenhängen. Durch das Getragenwerden, aber auch durch das aktive Reiten, werden darüber hinaus folgende motorische, kognitive, emotionale und soziale Aspekte adressiert: Motorisch: Ohne ein gewisses Maß an Körperspannung und auch Körperkontrolle wird das Sitzen auf einem Pferd ohne Unterstützung kaum möglich sein. Die dreidimensionale Bewegung des Pferdes fordert den Reitenden auf, die eigene Körperspannung anzupassen, die Körpermitte stabil zu halten und eine gute Balance zwischen An- und Entspannung zu finden. Dabei stellen die verschiedenen Gangarten jeweils unterschiedliche Anforderungen an den Reitenden und vermitteln auch unterschiedliche Erfahrungen. Hamsen (2003, 135) weist zudem darauf hin, dass durch die Bewegungen des Pferdes das Bewegungsverhalten der reitenden Person strukturiert wird und sich der Körper zwangsläufig aufrichten muss, was sich im Sinne des Wechselspiels zwischen psychischem und physischem Erleben auch auf die Psyche auswirken wird. Kognitiv: Es braucht einen gewissen Grad an Konzentration und Aufmerksamkeit, um auf dem Pferderücken zu bleiben (s. motorische Aspekte). Die „wackeligen“ Bewegungen des Pferdes stellen für viele unkonzentrierte Kinder einen so deutlichen Reiz dar, dass es ihnen auf dem Pferderücken leichter fällt, sich zu fokussieren. Zudem kann durch den hohen Aufforderungscharakter des Trabens oder Galoppierens die Motivation zur Fokussierung höher ausfallen als z. B. im Schritt. Falls die Kinder und Jugendlichen selbständig reiten dürfen, wird zudem das vorausschauende Denken und die Handlungsplanung gefördert. Emotional: Der Aspekt der emotionalen Sicherheit, die durch das Getragenwerden vermittelt werden kann, wurde bereits dargestellt. Ein Durch das Getragenwerden werden motorische, kognitive, emotionale und soziale Aspekte adressiert. Welsche - Interviewstudie zur subjektorientierten Perspektive zur Heilpädagogischen Förderung mup 4|2020 | 155 weiterer, meiner Erfahrung nach sehr bedeutsamer Aspekt, liegt in der Größe des Pferdes und in der Geschwindigkeit, mit welcher es sich bewegt, d. h. es braucht Mut, um sich auf diese großen Tiere zu setzen (auch auf Endmaßponys sitzt man knapp 1,50 m hoch), insbesondere dann, wenn sie sich bewegen und man selbst noch keine Kontrolle über die Bewegung hat. Viele Menschen, Kinder wie Erwachsene, reagieren mit Stolz (vgl. Schulz 2005), wenn sie sich getraut haben, das erste Mal auf dem Pferderücken zu sitzen, zu liegen, zu traben oder zu galoppieren. Sozial: Wenn man auf dem Pferderücken sitzt, sollten die eigenen Bewegungen und Verhaltensweisen an das Pferd angepasst werden. Für manche Kinder und Jugendliche geht es darum, Rücksicht zu nehmen, nicht laut zu sein, keine wilden Bewegungen zu machen, um das Pferd nicht zu erschrecken. Auch sollten die Hilfen deutlich, aber freundlich gegeben werden, d. h. es sollte weder am Zügel gezogen noch in die Flanken geboxt werden. Meine Praxiserfahrungen haben gezeigt, dass die Bereitschaft zur Anpassung und Selbstkontrolle höher ist, wenn Kinder und Jugendliche auf dem Pferd sitzen und unachtsames Verhalten durchaus Konsequenzen - beispielsweise Runterfallen haben kann. Auch das selbständige Reiten hat einen sozialen Aspekt in der Beziehung zum Pferd, da hier der / die ReiterIn sich nicht nur selbst regulieren, sondern auch noch die verantwortungsvolle Führung des Pferdes übernehmen muss, wenn das Pferd nicht selbst entscheiden soll, wo es wie hingeht. Die unterschiedlichen Bewegungsabläufe des Pferdes in den drei Grundgangarten Schritt, Trab und Galopp, bieten unterschiedliche Erfahrungen und / oder Herausforderungen für den Menschen auf dem Pferderücken (Schulz 2005, 24 f). Der Schritt ähnelt dem menschlichen Gehen, nach Schulz wirkt der langsame Rhythmus beruhigend und hat eher meditativen Charakter. Der Trab ähnelt als Zweitakt dem Rhythmus des Joggens oder Laufens. Es ist deutlich schwieriger, die Balance auf dem Pferderücken zu halten. Schulz erläutert, dass der Trab stimulierend wirken kann und die Wahrnehmung und Aufmerksamkeit in besonderem Maße fördert. Der Galopp, als kraftvolle Bewegung im Dreitakt mit Schwebephase, zeichnet sich durch seine wiegende und schaukelnde Bewegung aus. Auf einem gut ausgebildeten und gleichmäßig galoppierenden Pferd kann der Reiter trotz des Tempos ohne viel Anstrengung mitschwingen. Schulz betont, dass es Mut braucht, um sich auf den Galopp einzulassen. Wenn dieser Schritt allerdings gewagt wird, dann kann der Galopp als sehr angenehm, beschwingt und auch entspannend erlebt werden sowie eine spannungslösende Wirkung beim Reiter zeigen. Zu b) Die Beziehungskonstellation zwischen KlientIn, Pferd und Fachkraft In der HFP nimmt die reitpädagogische Fachkraft als Mittlerin und Beraterin im Beziehungsdreieck zwischen Pferd, Klient und Fachkraft einen zentralen Stellenwert ein (vgl. u. a. Pauel 2005). Zugleich steht die Fachkraft Modell für einen vertrauensvollen, fürsorglichen und kompetenten Umgang mit dem Pferd und unterstützt auf diese Weise den Beziehungsaufbau zwischen Kind und Pferd, der nicht nur beim Reiten oder Voltigieren, sondern auch bei Aktivitäten, z. B. das Pferd von der Weide holen, putzen, satteln, trensen und versorgen, stattfindet (vgl. u. a. Hartje 2009). Nach Eitle (2016, 267) stellt diese Dreieckskonstellation einen Grundaspekt der HFP dar. „Die emotionale Kontaktaufnahme zum Pferd ist die wichtigste Voraussetzung für das Heilpädagogische Reiten, da über die positive Beziehung Pferd / Kind eine Verhaltensänderung erreicht werden kann.“ Das Pferd kann dann helfen, neue Kontakte, z. B. bei einem Gruppensetting in der HFP zu den anderen Kindern, zu knüpfen und er- Die Fachkraft nimmt einen zentralen Stellenwert im Beziehungsdreieck ein. 156 | mup 4|2020 Welsche - Interviewstudie zur subjektorientierten Perspektive zur Heilpädagogischen Förderung leichtert es dem Kind, sich dem personalen Umfeld zu öffnen. Erst wenn das Grundvertrauen aufgebaut ist, können die ausgewählten Ziele verfolgt werden. Eine weitere „Besonderheit“, die allerdings in der Literatur nur „nebenbei“ angemerkt wird, ist die Tatsache, dass die Kinder und Jugendlichen für die HFP ihre alltägliche Lebenswelt, wie Schule oder Wohnort, verlassen. Der Reitstall, als Reit- oder Bauernhof mit anderen Tieren, Wiesen, Feldern, landwirtschaftlichen Geräten und allem, was sonst noch dazu gehört, stellt eine Insel und einen Erfahrungsraum dar, der für die jungen Menschen ohne die HFP in der Regel nicht zur Verfügung steht. So nennt Hamsen (2003, 140) das Erleben der Natur einen wichtigen Faktor in der HFP. Stoffl (2012) geht insofern auf das Umfeld ein, als dass sie den Reitstall als Erlebnis- und Lernfeld sieht, in welchem Kenntnisse z. B. über Fütterung und Versorgung, aber auch über den Bau von Stallungen oder die Reparatur von Weidezäunen erlangt werden können. Methodik der empirischen Untersuchung In der Untersuchung wurden im Rahmen von sechs Qualifikationsarbeiten in einem Studiengang der Heilpädagogik 39 Interviews mit Kindern und Jugendlichen durchgeführt, die zum Zeitpunkt der Befragung an einer HFP teilnahmen, wobei die Länge der Teilnahme zwischen 3 Monaten und 2 Jahren variierte. Stichprobenbeschreibung Die Förderung fand auf sechs verschiedenen Reithöfen statt. Von den jungen Menschen waren 20 weiblich und 19 männlich. Die Teilnahme an der Untersuchung war freiwillig. Das Altersspektrum lag zwischen 7 und 16 Jahren. Alle ProbandInnen lebten entweder in einer stationären Einrichtung der Hilfen zur Erziehung oder in einer Pflegefamilie und zeigten, laut Aussage der die HPF begleitenden pädagogischen Fachkräfte, verschiedene Formen von Verhaltensauffälligkeiten. Bei der Mehrheit der Kinder und Jugendlichen waren Verhaltensstörungen, wie z. B. ADHS oder Störungen des Sozialverhaltens, diagnostiziert. Detaillierte Angaben zu den Beeinträchtigungen konnten aus Datenschutzgründen nicht erhoben werden. Das Erhebungsinstrument - Entwicklung des Interviewleitfadens Da die Kinder und Jugendlichen die Gelegenheit bekommen sollten, selbst die für sie relevanten Verknüpfungen zu machen und dabei ihre eigenen Bewertungen und Motivationen abgeben zu können, war der Interviewleitfaden, der allen Interviews zugrunde lag, explorativ angelegt. Der Leitfaden bestand aus drei Fragen: 1) Nimmt der junge Mensch gerne an dem Angebot teil oder nicht; 2) was gefällt ihm daran und 3) was gefällt ihm nicht. Von den gegebenen Antworten ausgehend wurde dann nach Beispielen und Begründungen gefragt, z. B. „Gibt es etwas, was du daran besonders magst? Erzähl doch mal…“ und nach weiteren Bewertungen, z. B. „und gibt es noch etwas anderes, was Du gut oder nicht so gut findest? “ Durchführung der Datenerhebung und Auswertungsverfahren Zur Systematisierung der Aussagen wurden im Vorfeld drei Hauptkategorien, die als relevante Bereiche der HFP aus der Literatur abgeleitet wurden, festgelegt: ■ Antworten, die das Pferd betreffen ■ Antworten zu Aktivitäten, die im Rahmen der HFP stattfinden ■ Antworten zur Umgebung und zum Setting Die Transkripte der Interviews wurden für die vorliegende Bearbeitung inhaltsanalytisch nach Kuckartz (2014) neu aufgearbeitet und die entsprechenden Antworten diesen drei Kategorien zugeordnet, aus denen wiederum Unterkategorien gebildet wurden, die sich induktiv aus dem Datenmaterial ergaben. Im Prozess der Analyse ergab sich induktiv die Kategorie „Lernen und Welsche - Interviewstudie zur subjektorientierten Perspektive zur Heilpädagogischen Förderung mup 4|2020 | 157 Kompetenzerleben“, da die Aussagen einiger Kinder und Jugendlicher darauf hinweisen, dass Lernerfahrungen und das Erleben von Kompetenz im Rahmen der HFP für sie bedeutsam zu sein scheinen. Die Ergebnisse der qualitativen Erhebung wurden dann quantitativ deskriptiv ausgewertet. Die Interviews wurden alle auf den Reiterhöfen durchgeführt. Sie fielen unterschiedlich lang aus, da einige Kinder nur sehr einsilbig antworteten. Ergebnisse Auf die sehr allgemein gehaltene Einstiegsfrage, ob die Kinder und Jugendlichen gerne an dem Angebot teilnehmen, antworteten von 39 Befragten 34 mit ja, eins mit nein und weitere vier gaben keine Bewertung ab, hiervon zuckte ein Kind mit den Achseln, drei andere berichteten direkt von den Aktivitäten (s. Abb. 2). Von den 34 Kindern und Jugendlichen, die die Frage mit Ja beantworteten, erklärten 29 direkt, warum sie gerne kommen, insgesamt wurden 46 Begründungen genannt (s. Tab. 1). Die Aktivität des „Reitens“ wird von der überwiegenden Mehrheit der Kinder und Jugendlichen genannt, gefolgt von der „Ablenkung vom Alltag“, worunter auch Antworten gefasst wurden, die den Aspekt der Entspannung und Abwechslung beinhalteten. Unter der Kategorie „Sonstiges“ wurden alle Aspekte zusammengefasst, die nur einmal benannt wurden, dazu gehörten folgende: selbstbestimmt mit den Pferden umgehen; Pferde brauchen saubere Boxen; hilft, wenn es einem schlecht geht; Pferde gerne haben. Hauptkategorie: Aktivitäten Aus den verschiedenen Angaben, die die Kinder und Jugendlichen zu Aktivitäten, die im Rahmen der HFP stattfanden, machten, wurden induktiv folgende Unterkategorien gebildet: Putzen, Versorgen, Reiten und Voltigieren (bestehend aus den Unterkategorien Ausreiten, Reiten in verschiedenen Gangarten und Voltigieren). Während Aktivitäten rund ums Reiten und Putzen von mehr als drei Viertel aller Kinder und Jugendlichen benannt wurden, sprachen nur 11 Kinder und Jugendliche über Aktivitäten, die mit der Versorgung des Pferdes zu tun hatten (s. Abb. 3). Motivation (n=29) (n=46) Anzahl Reiten 27 Ablenkung vom Alltag / Entspannen 11 Besser werden durch Üben 2 Angebot ist „cool“ 2 Sonstiges 4 Tab. 1: Erste Antworten auf die Frage, warum die Kinder und Jugendlichen gerne zum Angebot kommen Abb. 2: Erste Bewertung des Angebotes n=39 Abb. 3: Anzahl der Kinder und Jugendlichen, die Angaben zu den verschiedenen Aktivitäten machten (31=79 %, 30=77 %, 11=28 %) Erste Bewertung des Angebotes Ja Nein keine Bewertung Wieviele Kinder und Jugendliche sprachen welche Aktivitäten an? (n=39) 34 87 % 4 10 % 1 3 % 35 30 25 20 15 10 5 0 Reiten / Voltigieren Putzen Versorgen 31 30 11 158 | mup 4|2020 Welsche - Interviewstudie zur subjektorientierten Perspektive zur Heilpädagogischen Förderung In den folgenden Abschnitten wird die Anzahl der Kinder und Jugendlichen angegeben, die etwas zu der jeweiligen Aktivität gesagt haben. Zusätzlich werden Angaben zu den Unterkategorien mit der jeweiligen Begründung für eine positive oder auch negative Bewertung vorgestellt. Reiten und Voltigieren Die Gesprächsinhalte, die in der Kategorie „Reiten und Voltigieren“ zusammengefasst sind, wurden in Unterkategorien aufgeteilt, da unterschiedliche Aspekte zur Sprache kamen. So berichteten insg. 59 % der befragten Kinder und Jugendlichen, dass sie ausreiten würden, 46 % sprachen vom Voltigieren. Zudem wurden auch Angaben zu den verschiedenen Gangarten gezählt, welche die Kinder und Jugendlichen machten. Dabei wurde das Galoppieren von knapp der Hälfte der Befragten erwähnt (49 %), der Trab von 23 % und das Reiten im Schritt lediglich von 8 % aller Kinder und Jugendlichen (s. Abb. 4). Ausreiten Als häufigste Aktivität wurde in den Interviews das Ausreiten benannt. Insgesamt wurden von 23 Kindern und Jugendlichen 26 Angaben zum Ausreiten gemacht, wobei 6 Aussagen lediglich die Aktivität benannten, aber erstmal keine Wertung vornahmen. Die als positiv erlebten Aspekte überwiegen mit 17 zu 3 deutlich, wie die Tab. 2 zeigt, wobei die sehr allgemein gehaltene Bewertung, gerne auszureiten, besonders häufig vorgenommen wurde. Vereinzelt wurde die positive Bewertung konkretisiert, z. B. durch die Landschaft, die Länge der Aktivität oder auch einmalige Aussagen, die unter „Sonstiges“ zusammengefasst wurden: „aufregend; Pferd ist draußen ruhiger; an der frischen Luft sein; verschiedene Wege“. Negativ wurde neben dem Laufen von einem Kind erwähnt, dass es mit langer Hose zu warm sei. Voltigieren Von 39 Kindern und Jugendlichen sprachen 12 das Voltigieren an. Wie in Tab. 3 dargestellt ist, überwiegen die positiven Bewertungen mit 14 zu 1 auch hier deutlich. Auffällig ist, dass verhältnismäßig viele der Befragten es positiv fanden, dass sie Kunststücke machen und dabei ihr Können zeigen können. Auch der Aspekt des „sich selbst als mutig Erlebens“ wird hier, neben weiteren einmaligen Nennungen, in zwei Aussagen als positiv bewertet. Eine Aussage beinhaltete keine Bewertung, während als negativ erlebter Aspekt nur „sich unsicher fühlen“ genannt wurde. Gangarten Reiten oder Voltigieren in den unterschiedlichen Gangarten wurden in Abb. 4: Anzahl der Kinder und Jugendlichen, die Angaben zu den Unterkategorien zum Thema „Reiten und Voltigieren“ machten Ausreiten (n=23) (n=26) Anzahl Positiv Insg. 17 Allgemein gerne mögen 8 + In die Landschaft 3 Dauert lange 2 Sonstiges 4 Negativ Insg. 3 - Zu viel laufen 2 Zu warm mit langer Hose 1 Neutral Insg. 6 Tab. 2: Bewertung und Gründe zum Ausreiten Wieviele Kinder und Jugendliche sprachen welche Aspekte zur Kategorie: Reiten & Voltigieren an? (n=39) 35 30 25 20 15 10 5 0 Ausreiten Galopp Schritt Voltigieren Trab 23 19 9 3 12 Welsche - Interviewstudie zur subjektorientierten Perspektive zur Heilpädagogischen Förderung mup 4|2020 | 159 der Auswertung extra erfasst, da dies von vergleichsweise vielen Kindern und Jugendlichen explizit benannt wurde und die Gangarten auch in der Literatur thematisiert werden. Von den 19 Kindern und Jugendlichen, die das Galoppieren ansprachen, bewerteten es 18 als positiv und nur einmal gab es eine negative Bewertung. Zum Galopp wurde vor allem die Geschwindigkeit (10-mal „schnell“) und damit einhergehende Wahrnehmungen und Gefühle, wie „Wind im Gesicht (zweimal); wie fliegen; ist leicht; fühlt sich gut an; hoppelt; sich frei fühlen“ ( je einmal) als positiv beschrieben. Darüber hinaus wurde der Galopp einmal als Lieblingsgangart genannt. Auch wurde er einmal als positiv benannt, weil er leichter sei als der Trab, während ein Kind den Galopp durch die Geschwindigkeit („ zu schnell“) als negativ erlebte. Das Traben wurde nicht so häufig angesprochen und durchaus unterschiedlich wahrgenommen, negative und positive Aspekte halten sich hier fast die Waage. So wurde das Traben zweimal als Lieblingsgangart genannt, jeweils einmal werden die Beschreibungen „wackelig“ und „nach oben geschleudert werden“ als Begründung für eine positive Bewertung angeführt, gleichzeitig wird das Hüpfen von einem anderen Kind als negativ erlebt beschrieben, andere negative Aspekte waren jeweils einmal „langweilig“ und „zu langsam“. Zum Schritt gab es nur zwei als positiv erlebte Aspekte, einmal in Abgrenzung zu anderen Gangarten (hüpft nicht so sehr) und einmal wurde er als ruhig und angenehm beschrieben. Eine weitere Nennung dieser Gangart bleibt neutral. Putzen Insgesamt machten 30 Kinder und Jugendliche, d. h. 77 % aller Befragten, 54 Angaben zum Putzen. Bei den Bewertungen überwiegen die als positiv erlebten Aspekte mit 32 zu 17, wie die Tab. 4 zeigt. Die Begründungen sind sehr unterschiedlich, neben dem allgemeinen Spaß am Saubermachen und sich ums Pferd kümmern, wird vor allem auch „die Mähne kämmen und flechten“ sowie „Hufe auskratzen“ genannt. In der Kategorie „Sonstiges“ finden sich Antworten, die nur einmal gegeben wurden. Bei den positiven Aspekten sind dies Antworten wie: „zusammen mit anderen putzen; Putzen ist leicht und Pferde sehen dann schöner aus.“ Putzen (n=30) (n=54) Anzahl Positiv Insg. 32 Sauber machen 12 Mähne flechten 5 Allgemein kümmern 4 Hufe auskratzen 4 Pferde mögen Geputzt werden 4 Sonstiges 3 Negativ Insg. 17 Allgemein nicht mögen 4 Hufe auskratzen 4 Sonstiges 9 Neutral Insg. 5 Tab. 4: Bewertung und Gründe zum Putzen Voltigieren (n=12) (n=17) Anzahl Positiv Insg. 14 Können (z. B. Kunststücke) 7 Spaß 2 Mutig sein 2 Bewegung des Pferdes spüren 1 Ist einfach 1 Entspannt a. d. Pferd liegen 1 Negativ Insg. 1 Unsicher fühlen 1 Neutral Insg. 2 Kunststücke 1 Schwierigkeit 1 Tab. 3: Bewertung und Gründe zum Voltigieren 160 | mup 4|2020 Welsche - Interviewstudie zur subjektorientierten Perspektive zur Heilpädagogischen Förderung Bei den als negativ erlebten Aspekten wird viermal gesagt, dass die Kinder und Jugendlichen Putzen allgemein nicht mögen, vier weitere Angaben bezogen sich direkt auf das Auskratzen der Hufe, dazu kommen Begründungen, die nur einmal gemacht wurden: „Rückenweh; Angst vor Ausschlagen; nicht gut mit Bürsten auskennen; Unsicherheit, ob es dem Pferd guttut; dauert zu lange; zu lange stehen; ich werde ja auch nicht geputzt; langweilig und zu viel Arbeit.“ Zudem gab es fünf neutrale Aussagen, in welchen von zugehörigen Aktivitäten berichtet, aber in der Aussage keine Wertung vorgenommen wurden. So wurden von drei Kindern und Jugendlichen gesagt, dass Putzen zu den Aufgaben gehöre und eine Vorarbeit zum Reiten sei, einmal wurde erzählt, dass die hinteren Hufe am schwierigsten auszukratzen seien und ein Kind fand, dass Putzen manchmal gut und manchmal nicht gut sei. Versorgen Zu dieser Kategorie machten lediglich 11 Kinder und Jugendliche Aussagen, d. h. 28 % aller Befragten. Dabei überwiegten die negativen Antworten mit 6 zu 4. Als negativ wurde mit vier Aussagen das Ausmisten und mit je einer Aussage das Heunetze füllen und die viele Arbeit bewertet. Positive Aussagen waren zweimal „Füttern“ sowie je einmal „das Stopfen der Heuballen“ und „Ausmisten sei besonders gut“. Eine Antwort, die als neutral bewertet wurde, lautete „Ausmisten ist manchmal gut und manchmal nicht“. Hauptkategorie: Pferd In dieser Kategorie sind alle Antworten erfasst, die sich direkt auf das Pferd beziehen. Um die Antworten zu systematisieren, wurden am Datenmaterial entlang die Unterkategorien „Beziehung zum Pferd“ und „Eigenschaften des Pferdes“ gebildet. Die große Mehrheit der Befragten sprach im Interview sowohl Aspekte der Beziehung zum Pferd (90 %) als auch Eigenschaften des Pferdes (77 %) an, die als positiv oder negativ erlebt wurden (s. Abb. 5), sodass in der Auswertung diese Unterkategorien induktiv gebildet wurden. Wie die Tab. 5 zeigt, haben von den insgesamt 35 Kindern und Jugendlichen, die etwas zu ihrer Beziehung zum Pferd gesagt haben, 15 berichtet, dass sie ein Lieblingspferd haben, 12 bewerteten die Nähe und den Kontakt zum Pferd als positiv, weitere sechs Angaben bezogen sich darauf, dass das Pferd als Freund gesehen wird, dem man sich anvertrauen kann und der da ist, wenn es einem schlecht geht. Weitere drei Kinder und Jugendliche beschrieben, dass sie ein Team mit ihrem Pferd seien. Unter der Rubrik „Sonstiges“ wurden Angaben zusammengefasst, die nur einmal genannt wurden, wie z. B.: „Respekt“ und „weil sie sich streicheln lassen“. Negative Aspekte wurden gar nicht benannt. Im Gespräch über die Pferde nannten einige Kinder und Jugendliche bestimmte Eigenschaften, die sie an Pferden mögen oder auch nicht. Die Tab. 6 zeigt die Antwortkategorien. Hier überwiegen die positiven Eigenschaften mit 41 zu 9 deutlich. Sieben Kinder und Jugendliche beschrieben das Lieblingspferd oder Pferde allgemein als „lieb“, für fünf der Befragten war die Schönheit der Tiere relevant, viermal wurde die Ähnlichkeit zum Menschen und dessen Gefühlswelt als positiv erlebte Eigenschaft geschildert, gefolgt von weiteren Eigenschaften, die sich so- Abb. 5: Anzahl der Kinder und Jugendlichen, die Angaben zu den Unterkategorien zum Thema Pferd gemacht haben Wieviele Kinder und Jugendlichen sprachen welche Aspekte zur Kategorie „Pferd“ an? (n=39) 35 30 25 20 15 10 5 0 Beziehung Eigenschaften 35 30 Welsche - Interviewstudie zur subjektorientierten Perspektive zur Heilpädagogischen Förderung mup 4|2020 | 161 wohl auf äußere Aspekte beziehen (groß, bequem) als auch auf weitere innere Eigenschaften (haben Vertrauen, sind ruhig, frech, süß und halten Lärm aus). Unter „Sonstiges“ sind Antworten zusammengefasst, die nur einmal gegeben wurden. Dazu gehören folgende Angaben: „eigene Persönlichkeit; sie haben keine Angst vor Menschen; gehen auf den Menschen zu; sind witzig, wenn sie flehmen; starker Charakter; sind sanft; wechseln ihr Fell; schlau; weich.“ Als negativ bewertete Eigenschaften wurde besonders häufig Sturheit und Eigenwilligkeit benannt (6-mal), gefolgt von einzelnen Aspekten, die unter „Sonstiges“ zusammengefasst wurden wie „launisch“, „zucken“ und „beißen“. Es wurden zwei neutrale Aussagen dokumentiert: „wenn es ihnen reicht, dann treten sie auch mal aus“ und „verschiedene Persönlichkeiten.“ Hauptkategorie: Setting Aus den verschiedenen Angaben, die die Kinder und Jugendlichen zum Setting der HFP machten, wurden induktiv folgende Unterkategorien gebildet: Reithof und Umgebung, Peers, andere Tiere und die Reitpädagogin. Der Reithof und die Umgebung wurde von den meisten Kindern und Jugendlichen benannt (16-mal), gefolgt von Antworten, die sich auf das Gruppenerleben oder die Beziehung zu anderen Kindern (13-mal) beziehen. Während 10 Kinder und Jugendliche noch über andere Tiere sprachen, mit denen sie Kontakt hatten, erzählten lediglich 8 Kinder und Jugendliche von der Reitpädagogin (s. Abb. 6). Reithof und Umgebung 16 Kinder und Jugendliche machten insgesamt 38 Angaben zu dieser Unterkategorie. In den Angaben überwiegen die als positiv erlebten Aspekte, wie die Landschaft allgemein mit 9 Nennungen, die Bewertung als schöner Hof (7-mal), das Gefühl, sich dort sicher und wohl zu fühlen (4-mal) und das Trampolin, das offensichtlich auf einem Hof steht. Unter „Sonstiges“ wurden Angaben zusammengefasst, die nur einmal gemacht wurden: „rennen auf den Weiden; in die Weiden legen und die Sonne genießen; Freiheit fühlen; Geräusche entspannen; in der Reithalle wird man nicht nass; schöne Weiden für die Pferde; große Reithalle; riecht nach Beziehung (n=35) (n=43) Anzahl Positiv Ins. 43 Lieblingspferd 15 Nähe + Kontakt 12 Freund (Vertrauen, Geheimnis, schlecht gehen) 6 Gerne haben 5 Team 3 Sonstiges 2 Eigenschaften (n=30) (n=51) Anzahl Positiv Insg. 41 Lieb 7 Schön 5 Haben und zeigen Gefühle wie Menschen 4 Hören auf Menschen (Vertrauen) 3 Ruhig 2 Bequem 2 Halten Lärm aus 2 Frech 2 Sind groß, man sieht gut 2 Süß 2 Sonstiges 9 Negativ Insg. 9 Stur und eigenwillig 6 Sonstiges 3 Neutral Insg. 2 Tab. 5: Bewertung und Gründe zur Beziehung zum Pferd Tab. 6: Bewertung und Gründe zu den Eigenschaften von Pferden 162 | mup 4|2020 Welsche - Interviewstudie zur subjektorientierten Perspektive zur Heilpädagogischen Förderung Pferd und Gras und Ruhe.“ Als negativ wurde vor allem eine zu kleine Reithalle genannt, gefolgt von einmaligen Angaben, die wieder unter „Sonstiges“ zusammengefasst wurden, wie „zu wenig Platz; Boxen sind eng und vergittert; zu wenig Platz; wenig Ausreitmöglichkeiten; Bach stinkt“. Als neutral galt die Aussage, dass die Umgebung nicht wichtig sei (s. Tab. 7). Peers In den Angaben zur Gruppe bzw. zu den Peers überwiegen die als negativ empfundenen Aspekte mit 9 zu 8 leicht, wie die Tab. 8 zeigt. So wurde von vier Kindern und Jugendlichen das Überschreiten von Regeln und Nicht-gut-Mitmachen anderer Gruppenmitglieder als negativ empfunden und auch die Gruppengröße wurde wegen der langen Wartezeiten als negativ bewertet, während unter „Sonstiges“ folgende einmalige Angaben zusammengefasst wurden: „ein anderes Kind wird nicht gemocht“ und „Streit“. Das Finden neuer Freunde und die Sympathie für andere Kinder wurde hingegen als positiv benannt, unter „Sonstiges“ wurde die jeweils einmalige Nennung der Aspekte „kleine Gruppe ist gut, weil es weniger Streit gibt“ und „gemeinsam mit anderen“ aufgeführt. Andere Tiere Insgesamt 10 Kinder und Jugendliche machten 21 Angaben zu anderen Tieren auf dem Hof. Mit 15 positiven Bewertungen verknüpft, wurden Hunde am häufigsten mit folgenden Begründungen genannt: 5-mal „Hunde mögen“, 4-mal „mit Hund spielen“, 3-mal „Hund streicheln“ und je 1-mal „mit Hund Gassi gehen“, „Hunde seien nett und zutraulich“. Katzen wurden 4-mal angesprochen, davon 3-mal als positiv, weil man sie streicheln könne und von einem Kind als negativ, weil es Katzen nicht möge. Meerschweinchen wurden einmal positiv genannt, weil sie süß Peers (n=13) (n=17) Anzahl Positiv Ings. 8 Neue Freunde 3 Andere Kinder mögen 3 Sonstiges 2 Negativ Insg. 9 Nicht an Regeln halten / nicht gut mitmachen 4 Zu große Gruppe (Wartezeiten) 3 Sonstiges 2 Tab. 8: Bewertungen und Gründe zu den Peers Reithof und Umgebung (n=16) (n=38) Anzahl Positiv Ings. 30 Landschaft/ Natur 9 Schöner Hof 7 Sicher / wohl fühlen 4 Trampolin 2 Sonstiges 8 Negativ Insg. 7 Reithalle zu klein 3 Sonstiges 4 Neutral Ings. 1 Tab. 7: Bewertungen und Gründe zum Reithof und Umgebung Abb. 6: Anzahl der Kinder und Jugendlichen, die Angaben zu den Unterkategorien zum Thema „Setting“ machten (16=41 %, 8=21 %, 10=26 %, 13=33 %) Wieviele Kinder und Jugendliche sprachen welche Aspekte zur Kategorie: Reiten & Voltigieren an? (n=39) 35 30 25 20 15 10 5 0 Reithof/ Umgebung Peers ReitpädagogIn Andere Tiere 16 13 10 8 Welsche - Interviewstudie zur subjektorientierten Perspektive zur Heilpädagogischen Förderung mup 4|2020 | 163 seien. Ein Esel wurde einmal im negativen Sinne genannt, weil er Reißverschlüsse kaputt mache. Reitpädagogin Von 39 Kindern und Jugendlichen sprachen lediglich 8 im Laufe des Interviews über die Reitpädagogin. Insgesamt wurden 13 Angaben gemacht, wovon 10 positiv und drei negativ waren. Als positiv wurde zweimal gesagt, dass die Reitpädagogin nett sei, jeweils einmal wurde berichtet, dass sie gemocht wird; wie eine Freundin, hilfsbereit und motiviert sei; nicht nörgele; einen guten Umgang mit Kindern habe; man gut mit ihr reden könne und sie guten Unterricht mache. Als negativ wurde erwähnt, dass sie strafen würde, wenn Kinder Quatsch machen; dass sie oft allein sei und dass die Stunde unorganisiert sei. Hauptkategorie: Lernen & Kompetenzerleben Eine Kategorie, die sich bei der Auswertung der Interviews induktiv ergab, wurde mit dem Begriff „Lernen und Kompetenzerleben“ überschrieben, da einige Kinder und Jugendliche deutlich und stolz benannten, was sie alles gelernt hätten und was sie nun könnten. In den Antworten dominieren Angaben zum Reiten (13mal), zum Voltigieren (7-mal) und allgemein zum Umgang mit dem Pferd (6-mal) und aber auch andere Tätigkeiten rund um das Pferd, wie auch darüber hinaus, wurden benannt. Einmalige Nennungen wurden unter „Sonstiges“ zusammengefasst, dazu gehörten folgende Aussagen: „Können zeigen; dem Pferd Gutes tun; Wissen über Waldtiere und Vögel haben; es geschafft zu haben, dass das Pferd ihm nun vertraut“ (s. Tab. 9). Diskussion Die Auswertung der Interviews zeigte, dass sehr viele Aspekte, die in der Literatur mit der HFP verknüpft werden, auch von den hier befragten Kindern und Jugendlichen wahrgenommen und angesprochen wurden. Allerdings zeigten sich auch neue Einsichten, aus denen sich eine ganze Reihe von weiteren Überlegungen und Implikationen für Theorie und Praxis ergeben. Bevor die zentralen Ergebnisse diskutiert und eingeordnet werden, müssen zwei Bemerkungen vorweggeschickt werden. Die Interviews wurden an sechs verschiedenen Reitställen durchgeführt, was bedeutet, dass die Gestaltung der HFP, die Akteure wie auch das Umfeld nicht in allen Aspekten miteinander vergleichbar sind. Die Aussagen der Kinder und Jugendlichen weisen auf einige Unterschiede hin, so gibt es an einem Reitstall ein Trampolin, an einem anderen gibt es einen Esel oder Meerschweinchen. Manche Aussagen berichten von einem schönen Ausreitgelände, andere bemängeln gerade das fehlende Gelände. Bei der kleinen Anzahl von Interviews ergab es für diese Auswertung wenig Sinn, die quantitativen Ergebnisse nach Reitstall auszuwerten, da es in der Studie um die großen Gemeinsamkeiten, die sich anhand der Aussagen möglicherweise abbilden lassen, ging und nicht um kleinere Unterschiede. Diesem Anliegen entsprechend werde ich in der folgenden Diskussion auch nur jene Aspekte aufgreifen, die m. E. deutlich sichtbar sind. In den Interviews sollte das Erleben der Kinder und Jugendlichen erfragt werden. Schon für Erwachsene ist es oft nicht leicht zu beschreiben oder zu erklären, warum sie auf welche Situationen, die ja aus vielfältigen Wahrnehmungen bestehen und damit i. d. R. sehr komplex sind, mit positiven oder negativen Emotionen reagieren. Einigen der befragten jungen Menschen fiel es Lernen und Kompetenzerleben (n=20) (n=39) Anzahl Positiv Insg. 39 Reiten 13 Voltigieren 7 Umgang mit dem Pferd 6 Mutig sein 2 Sonstiges 7 Tab. 9: Bewertung und Gründe zu anderen Tieren 164 | mup 4|2020 Welsche - Interviewstudie zur subjektorientierten Perspektive zur Heilpädagogischen Förderung leicht, über ihre Erfahrungen und Einschätzungen zu sprechen, anderen fiel es schwerer und sie blieben bei eher einfachen Bewertungen. Auch wenn nicht immer klar wird, was genau hinter der Bewertung steht, so wurden doch eine ganze Reihe von Faktoren, Erlebnissen und Erfahrungen benannt, die für die Befragten relevant sind - und damit erste Hinweise aus subjektorientierter Sicht zur HFP geben, die sicherlich in folgenden Untersuchungen weiter angeschaut werden müssen und sollten. Ausgewählte Ergebnisse werden in den folgenden Abschnitten durch die Formulierung von Thesen diskutiert: These 1: Für die Kinder und Jugendlichen ist vor allem die Aktivität des Reitens und / oder Voltigierens relevant Die Antworten auf die erste Frage (Abb. 2) wie auch die Anzahl der genannten Aktivitäten (Abb. 3) weist deutlich darauf hin, dass den meisten Kindern und Jugendlichen dieser Befragung das Reiten und / oder Voltigieren besonders wichtig ist. Der Blick auf eine durchschnittliche HFP Stunde wird allerdings zeigen, dass die Kinder und Jugendlichen einen Großteil der Stunde mit der Vor- und Nachbereitung (das Pferd aus dem Stall oder von der Weide holen, putzen, fertigmachen, absatteln, in den Stall bringen, füttern, Fegen etc.) verbringen, was die Hälfte der Zeit ausmachen kann. Darüber hinaus fanden alle HFP dieser Untersuchung im Gruppenkontext statt, d. h. es wird sich in der Regel abgewechselt und je nach Gruppengröße sind die Zeiten auf dem Pferd dann oft eher kurz. Nun setzen die HFP und die damit verbundenen Zielsetzungen nicht zwingend voraus, dass die Kinder und Jugendlichen möglichst viel Zeit auf dem Pferd verbringen und möglichst wenig mit dem Drumherum, da auch der Pflege und Versorgung der Pferde eine wichtige Rolle in der Beziehungsgestaltung zukommt und der Kontakt zum Pferd die Möglichkeit bietet, Beziehungsgestaltung zu anderen Kindern zu fördern. Allerdings stellen gerade das Getragenwerden und das aktive Reiten und / oder Voltigieren zentrale Faktoren und Alleinstellungsmerkmale der HFP dar, wie die skizzierten Grundlagen zeigen. Es sollte also möglichst viel Zeit für Erfahrungen auf dem Pferd zur Verfügung stehen, um diese besonderen Bedingungen auch nutzen zu können. Darüber hinaus ist das Ergebnis interessant, da das Reiten / Voltigieren eine der zentralen Motivationen der Kinder und Jugendlichen auszumachen scheint. Für die Praxis heißt dies, dass andere, vielleicht nicht als positiv erlebte Bedingungen, wie Putzen und Versorgen oder sich mit anderen abwechseln müssen, besser angenommen und akzeptiert werden (was wiederum in einem zweiten Schritt Raum für entwicklungsförderliche Erfahrungen eröffnen kann), wenn ausreichend Zeit zum Reiten und / oder Voltigieren zur Verfügung steht. Die Ergebnisse zur Unterkategorie der Peers (Tab. 8) weist auf den Zusammenhang zwischen Gruppengröße und Zeit auf dem Pferd hin. Eine kleine Gruppe wird bevorzugt, eine große von einigen Befragten wegen der Wartezeiten als negativ erlebt. Da die Zielsetzung der HFP oft im Bereich der emotional-sozialen Kompetenzen liegt, wie auch bei den Kindern und Jugendlichen der vorliegenden Studie, ist die Durchführung im Gruppensetting, in welchem das Pferd häufig als Bindeglied und Beziehungsstifter zwischen den Gruppenmitgliedern wirkt, durchaus sinnvoll. Die Herausforderungen, die sich daraus allerdings für die Kinder und Jugendlichen ergeben, lassen sich vielleicht leichter bewältigen - oder anders gesagt: die Motivation, sich sozial kompetent zu verhalten ist höher -, wenn genug Zeit für positives Erleben beim Reiten und / oder Voltigieren zur Verfügung steht. Reiten / Voltigieren ist eine der zentralen Motivationen von Kindern und Jugendlichen. Welsche - Interviewstudie zur subjektorientierten Perspektive zur Heilpädagogischen Förderung mup 4|2020 | 165 These 2: Die HFP bietet Ablenkung und Abwechslung vom Alltag Diese These steht möglicherweise in einem direkten Zusammenhang mit den in dieser Studie befragten Kindern und Jugendlichen, die alle in stationären Maßnahmen der Hilfen zur Erziehung leben. Für vergleichsweise viele der Befragten stellt die HFP eine Ablenkung vom oft als anstrengend erlebten Alltag dar, bietet so Entspannung, aber auch Abwechslung. Interessant wäre hier eine weitere Analyse der Ergebnisse hinsichtlich der Frage, was genau als Ablenkung erlebt wird; ob es der Ortswechsel ist oder die Aktivität des Reitens oder Putzens, auf die man sich konzentrieren muss und so Sorgen zumindest kurzzeitig vergessen kann, oder was für eine Rolle in diesem Kontext das Naturerleben und Ausreiten spielen. Diese Zusammenhänge wurden nur zum Teil in den Interviews erfragt und somit auch nicht weiter ausgewertet. These 3: Galoppieren und Ausreiten bietet besonders viele positive Erfahrungen Das Ausreiten wird von vielen Kindern und Jugendlichen als positiv erlebt, dabei scheinen das Erleben der Natur und auch der Abenteuercharakter im Vordergrund zu stehen. Leider wurden hier zu wenig detaillierte Angaben gemacht, um weiter zu diskutieren, was genau am Ausreiten positiv erlebt wird, da es ja unterschiedliche Formen gibt: wird geführt oder selbständig geritten? Wird im Schritt geritten, getrabt oder gar galoppiert? Diesen Fragen könnte weiter nachgegangen werden. Interessant für die HFP ist das Ergebnis insofern, als dass auch das möglicherweise erst mal wenig spektakuläre geführte Schrittreiten im Gelände für die Kinder und Jugendlichen als sehr positiv und damit hoch relevant eingeordnet werden kann. In der Literatur zur HFP wird mit Verweis auf Schulz (2005) der Galopp mit seinen charakteristischen Merkmalen und dessen Wirkung hervorgehoben. In der Auswertung zeigt sich, dass sehr viele der Befragten den Galopp, häufig aufgrund der Geschwindigkeit und damit einhergehenden Wahrnehmungen, positiv erlebt haben, was zum Teil mit Gefühlen von Freiheit und Fliegen assoziiert wurde, die wiederum auf den Zustand von Entspannung und Wohlbefinden hinweisen. Die wiegende und harmonisierende Bewegung des Galopps wurde nicht explizit benannt, möglicherweise ist die Wahrnehmung dieser Qualität des Galopps allerdings präverbal verankert und damit nicht leicht aus dem direkten Erleben zu verbalisieren. Eine Überlegung, die im Rahmen der einzelfallorientierten qualitativen Auswertung entstand, warf die Frage auf, welche Rolle die Medien und deren Bilder spielen, z. B. Yakari und sein Pferd im Galopp in der Prärie, Bibi und Tina im Galopp im Wald usw. Möglicherweise sind der Galopp und das Ausreiten auch eng mit inneren Bildern und Phantasien von Freiheit, Abenteuer und Selbständigkeit verbunden, die sich durch die hier gewählte Art von Interview nur schlecht bis gar nicht erfassen lassen. Für die HFP schließt sich die Konsequenz, die sich aus diesem Ergebnis ableiten lässt, an These 1 an: es braucht ausreichend Zeit, um Erfahrungen auf dem Pferderücken - vor allem im Galopp - machen zu können. These 4: Die Bedeutung der Reitpädagogin ist im Gruppensetting aus Sicht der Kinder und Jugendlichen untergeordnet In der Auswertung zeigte sich als überraschendes Ergebnis, dass nur sehr wenige Kinder und Jugendliche etwas zur Person der Reitpädagogin sagten, was darauf hinweist, dass diese zumindest für die hier befragten Kinder und Jugendlichen bewusst keine herausragende Bedeutung hatte. Jetzt könnte man weitergehen und aus diesem Ergebnis ableiten, dass die Person den Kontakt der einzelnen Kinder zum Pferd und zu den anderen Gruppenmitgliedern in einer sehr feinfühligen Art und Weise begleitete und es doch gut ist, wenn der einzelne junge Mensch das Tier und die anderen Kinder und Jugendlichen bewusster wahrnimmt als die Reitpädagogin. Andersherum könnte man 166 | mup 4|2020 Welsche - Interviewstudie zur subjektorientierten Perspektive zur Heilpädagogischen Förderung auch zu dem Schluss kommen, dass die Reitpädagogin in dem Gruppenkontext kaum ausreichend Möglichkeiten hat, eine für die Kinder und Jugendlichen relevante Beziehung aufzubauen, zumal sie ja noch das Pferd an der Hand hat. Möglicherweise braucht das allerdings auch nicht jedes Kind. Hier lohnt es sich, die Rolle der Reitpädagogin im Gruppensetting näher zu betrachten, da sich diese sicherlich von der Rolle innerhalb einer Einzelförderung unterscheiden wird. These 5: Kompetenzerleben ist bedeutsam Als induktive Kategorie ergab sich aus dem Datenmaterial, dass es für viele der befragten Kinder und Jugendlichen wichtig und positiv war, im Kontext der HFP Kompetenzen erworben zu haben und diese auch zeigen zu können. Im Vordergrund steht das Reiten und Voltigieren, aber auch der Umgang mit dem Pferd wurde genannt. Wenn man nun bedenkt, dass der Umgang mit dem Pferd wie auch das Reiten und Voltigieren schon allein deshalb etwas Besonderes ist, weil hier ein Mensch ein Pferd, welches als Großpferd im Schnitt etwa 600 kg wiegt und als stolzes, anmutiges sowie kraftvolles Wesen wahrgenommen wird, nicht nur führen, sondern auch reiten und versorgen kann, dann wird deutlich, warum gerade das Erleben von „ich kann reiten“, „ich kann auf dem Pferderücken stehen“, „ich kann galoppieren“, „ich kann das Pferd führen und es vertraut mir, denn es kommt mit“ usw. für Kinder und Jugendliche, die sonst eher ihre Defizite sehen oder gezeigt bekommen, so bedeutsam ist. Dieses Ergebnis ist besonders vor dem Hintergrund der Selbstbestimmungstheorie nach Deci und Ryan (1993) interessant, welche das Streben nach Kompetenzerleben, sozialer Eingebundenheit und Autonomie als psychologisches Grundbedürfnis definiert, das erfüllt sein sollte, um eine hohe Motivation für Lernprozesse zu entwickeln und aufrechtzuerhalten. Dieses Ergebnis unterstreicht, was in der Praxis sicherlich allgemeingültige Herangehensweisen sind: die Förderung von Lernprozessen; das Üben, ein Pferd zu trensen, zu galoppieren oder im Schritt oder Galopp eine Mühle zu machen, finden nicht nur statt, um lediglich Reiten oder Voltigieren zu lernen, sondern mit der Absicht, die Kinder und Jugendlichen zu stärken, indem sie sich trauen und lernen, Herausforderungen anzunehmen, sie zu bewältigen und nachher stolz auf die erworbenen Kompetenzen und die eigene Leistung zu sein. Für die Praxis heißt dies auch, dass immer wieder die Möglichkeit gegeben werden sollte, Herausforderungen zu suchen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen, sowie den selbständigen Umgang mit dem Pferd dort zu fördern und zuzulassen, wo es möglich ist. Ein sehr interessantes Beispiel zeigt sich m. E. in der auffallend häufigen und durchaus unterschiedlich bewerteten Aktivität des Hufe-Auskratzens. Wer erinnert sich noch daran, wie es war, zum ersten Mal einen Hinterhuf hochgehoben und alleine ausgekratzt zu haben, erst verbunden mit der Sorge, dass das Pferd treten könnte, dann mit großem Stolz, es allein geschafft zu haben, dass das Pferd den Huf gibt und man diesen halten und auskratzen kann? Fazit Die vorliegende Studie konnte einen ersten Einblick in die Fragestellung geben, welche Elemente der HFP, hier für Kinder und Jugendliche mit emotional-sozialem Unterstützungsbedarf, aus subjektorientierter Sicht bedeutsam sind. Die Ergebnisse bestätigen einige in der Literatur beschriebenen Aspekte, geben allerdings auch Hinweise auf Faktoren und in der HFP mögliche Erfahrungen, die bisher wenig berücksichtigt oder anders eingeschätzt wurden. Eine Vielzahl von Fragestellungen lassen sich aus den Ergebnissen ableiten, die aufgegriffen werden können und sollten, um das Geschehen zwischen Kind / Jugendlichem, Pferd, Gruppe, Reitpädagogin und Umwelt in die Auseinandersetzung mit der Frage nach dem „Was wirkt hier für wen? “ weiterzuführen. Welsche - Interviewstudie zur subjektorientierten Perspektive zur Heilpädagogischen Förderung mup 4|2020 | 167 Die Autorin Prof.in Dr. Mone Welsche Reitwartin FN, Arbeitsschwerpunkte Bewegungs- und Körperorientierte Methoden in Sozial- und Heilpädagogik, Katholische Hochschule Freiburg Anschrift Prof.in Dr. Mone Welsche Katholische Hochschule Freiburg · Karlstr. 63 D-79104 Freiburg · mone.welsche@kh-freiburg.de Literatur ■ Beetz A. / Grebe V. (2012): Therapeutisches Reiten verbessert das Befinden und die Lebensqualität von Kindern und Jugendlichen mit verschiedenen Störungsbildern. mensch & pferd international 2, 60-71 ■ Deutsches Kuratorium für Therapeutisches Reiten e. V. (o. 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