mensch & pferd international
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Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mup2022.art07d
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Reflexionen anregen und begleiten
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Lisa Tometten
Empathie kann als Fähigkeit, den kognitiven oder emotionalen Zustand einer anderen Person zu verstehen, definiert werden und wird als wichtige Kompetenz im Leben angesehen, die bedeutend zu sozialen Interaktionen zwischen Menschen beiträgt (Manger/Eikeland/Asbjørnsen 2001). Die Förderung von Empathie kann ein wichtiges Ziel in therapeutischen Settings, folglich auch in pferdegestützten Interventionen (PI) sein. Dabei ist eine Übertragung des in diesem Kontext Gelernten - hier das Einfühlungsvermögen - auf die Lebenswelt und den Alltag der KlientInnen von zentraler Bedeutung (z.B. Bernardy/Krampen/Köllner 2008; Fehm/Helbig-Lang 2009), was sowohl für Kinder und Jugendliche als auch für Erwachsene gilt. Eine Möglichkeit, diesen Transfer zu begünstigen, ist die Nutzung von gezielten Reflexionsprozessen im pferdegestützten Setting, denn Reflexionen helfen Personen, ihr Verhalten in der Situation selbst oder auch in zukünftigen Situationen zu verändern und anzupassen (Schön 2007). Reflexionen können dabei durch verschiedene Phasen charakterisiert werden, wie zum Beispiel das Erleben, Darstellen, Analysieren, Maßnahmen entwickeln und Anwenden (Aeppli/Lötscher 2016).
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mup 1|2022|29-31|© Ernst Reinhardt Verlag, DOI 10.2378 / mup2022.art07d | 29 Praxistipp Reflexionen anregen und begleiten Förderung von Empathie in der freien Begegnung vom Boden Lisa Tometten Empathie kann als Fähigkeit, den kognitiven oder emotionalen Zustand einer anderen Person zu verstehen, definiert werden und wird als wichtige Kompetenz im Leben angesehen, die bedeutend zu sozialen Interaktionen zwischen Menschen beiträgt (Manger / Eikeland / Asbjørnsen 2001). Die Förderung von Empathie kann ein wichtiges Ziel in therapeutischen Settings, folglich auch in pferdegestützten Interventionen (PI) sein. Dabei ist eine Übertragung des in diesem Kontext Gelernten - hier das Einfühlungsvermögen - auf die Lebenswelt und den Alltag der KlientInnen von zentraler Bedeutung (z. B. Bernardy / Krampen / Köllner 2008; Fehm / Helbig-Lang 2009), was sowohl für Kinder und Jugendliche als auch für Erwachsene gilt. Eine Möglichkeit, diesen Transfer zu begünstigen, ist die Nutzung von gezielten Reflexionsprozessen im pferdegestützten Setting, denn Reflexionen helfen Personen, ihr Verhalten in der Situation selbst oder auch in zukünftigen Situationen zu verändern und anzupassen (Schön 2007). Reflexionen können dabei durch verschiedene Phasen charakterisiert werden, wie zum Beispiel das Erleben, Darstellen, Analysieren, Maßnahmen entwickeln und Anwenden (Aeppli / Lötscher 2016). Wie können nun Empathie und Einfühlungsvermögen in der freien Begegnung mit dem Pferd gefördert werden? Zuallererst mache ich mir die Phase des Erlebens zunutze, die auch in der Erlebnispädagogik beschrieben wird (Heckmair / Michl 2008). Dabei ist ein Auslöser für den Reflexionsanlass von zentraler Bedeutung (Aeppli / Lötscher 2016). Ich kreiere also eine Situation, in der ich als Therapeutin, ein Pferd (oder auch mehrere Pferde als Herde) und ein Klient bzw. eine Klientin miteinander in Kontakt treten. Es handelt sich dabei um ein klassisches Szenario in tiergestützten Interventionen, das auch als Beziehungsdreieck (z. B. Roth 2017; Wohlfarth / Widder 2011) bezeichnet wird. Dabei bringen Pferde den Vorteil mit sich, dass sie nicht nach menschlichen Kategorien bewerten können und ihr Feedback in vielen Fällen leichter anzunehmen ist. Meine Pferde haben gelernt, dass sich die Anwesenheit von Menschen tendenziell lohnt. Dementsprechend suchen sie die Nähe zu uns Menschen und kommen in der freien Begegnung häufig auf uns zu. Dennoch ist das nicht immer der Fall und sie zeigen auch, wann es ihnen zu viel wird. Meine KlientInnen (hier v. a. Kinder) bringen in vielen Fällen bereits eine Vorstellung davon mit, was Pferde zu tun und zu lassen haben, da sie einige Vorbilder aus Film und Fernsehen kennen. Wir gehen nun gemeinsam zum Paddock, warten zuerst auf Abstand hinter dem Zaun und beobachten die Situation. Nun können unterschiedliche Dinge passieren (am Beispiel von einem Pferd, häufig sind aber auch mehrere beteiligt): 30 | mup 1|2022 Praxistipp: Tometten - Reflexionen anregen und begleiten 1. Das Pferd bleibt stehen und bewegt sich nicht. 2. Das Pferd bleibt stehen und richtet seine Aufmerksamkeit auf uns. 3. Das Pferd kommt auf uns zu. 4. Das Pferd entfernt sich von uns. Bereits diese relativ simple Situation bietet einen möglichen Auslöser für einen Reflexionsanlass, den wir nun kritisch prüfen oder im Rahmen der zweiten und dritten Phase des Reflexionsmodells (vgl. Aeppli / Lötscher 2016) darstellen und analysieren können. Punkt 1 und 4 lösen zum Beispiel bei vielen Kindern Frustration aus, die sie nur schwer aushalten können. Punkt 2 stößt meistens auf mehr Verständnis und bei Punkt 3 wird das Pferd häufig mit großer Freude und Begeisterung begrüßt. Natürlich sind auch ganz andere Reaktionen möglich, für die ich als Therapeutin offen bin. Im Folgenden werden aber vor allem Situationen und Reaktionen beschrieben, die in meiner Arbeit häufig vorkommen. Die genannten Emotionen kann ich durch gezieltes Nachfragen und Beschreiben des Gesehenen in den Fokus rücken (dabei nehme ich in Kauf, dass ich Worte nutze, die eher dem menschlichen Erleben und Verhalten zuzuordnen sind), z. B. (1) & (2): Das Pferd bleibt dort hinten stehen und ich sehe, dass du ganz aufgeregt/ enttäuscht/ traurig bist. Wünscht du dir, dass es zu uns kommt? Hast du eine Idee, warum es dort hinten stehen bleibt? Was geht wohl gerade in dem Pferd vor? Was möchte es tun? Hat es uns schon bemerkt? (3): Das Pferd kommt auf uns zu und ich sehe, dass du aufgeregt/ freudig / ungeduldig bist. Möchtest du ihm näher kommen? Warum kommt das Pferd auf uns zu? Was möchte es jetzt wohl tun? (4): Das Pferd entfernt sich von uns und ich sehe, dass du ganz aufgeregt/ enttäuscht/ traurig bist. Wünscht du dir, dass es zu uns kommt? Hast du eine Idee, warum es weggeht? Was geht wohl gerade in dem Pferd vor? Was möchte es tun? Dieses Reflexionsmuster lässt sich auf viele verschiedene Situationen in der freien Begegnung mit Pferden übertragen: Findet bereits eine Interaktion zwischen Kind und Pferd statt, kann diese zum Beispiel beendet werden, weil das Pferd nicht mehr angefasst werden möchte, weil es etwas zu Fressen entdeckt hat oder auch, weil es von einem anderen Pferd weggeschickt wurde. Auch das Putzen kann einen klassischen Auslöser für einen Reflexionsanlass bieten. So mögen es einige Pferde besonders geputzt zu werden, andere nicht. Einige Stellen sind besonders beliebt, andere nicht. Die Kinder können hier auch die Individualität der Pferde kennen- und schätzen lernen. Auch kann durch mehrere Kinder schnell eine hohe Lautstärke und viel Trubel entstehen, sodass sich das Pferd entscheiden könnte, Abstand zu halten. Die Phasen des Darstellens und Analysierens umfassen unter anderem die Beschreibung und Interpretation der Situation, zum Beispiel der Umwelt, aber auch der Selbstwahrnehmung (Aeppli/ Lötscher 2016). Aufbauend auf den eben beschriebenen Fragen kann das Kind nun beschreiben, was es wahrnimmt, welche Gründe es für das Verhalten des Pferdes vermutet und wie es sich selbst dabei fühlt. Hier lässt sich außerdem ein Transfer zu den eigenen Bedürfnissen und Wünschen herstellen. Mögliche Fragen sind: Wann möchtest du Zeit für dich allein haben und wann bist du gerne in Gesellschaft? Kennst du Situationen, in denen du zwar gerne Gesellschaft hättest, aber andere Sachen noch interessanter sind (z. B. der Fernseher)? Wirst du gerne von anderen Menschen im Gesicht angefasst? Was würdest du tun, wenn dich jemand ohne zu fragen im Gesicht anfasst? Wirst du gerne gekrault? An welchen Stellen und von wem? Wann magst du es, wenn es ruhig ist und wann magst du es, wenn es laut ist? Woran erkennst du, dass dein Freund oder deine Freundin bzw. dein Geschwister etwas gerne mag / nicht mag? Praxistipp: Tometten - Reflexionen anregen und begleiten mup 1|2022 | 31 In der vierten und fünften Phase werden Maßnahmen entwickelt, Pläne für das eigene Handeln entworfen und diese auch angewendet (vgl. Aeppli / Lötscher 2016). Im Kontext der freien Begegnung und in Abhängigkeit der Ideen des Kindes biete ich verschiedene Handlungsalternativen an und / oder lasse das Kind selbst Handlungsalternativen planen. Diese lassen sich meist den folgenden Kategorien zuordnen: 1. Veränderung der Umwelt, z. B. Grundbedürfnisse erfüllen (Wasser, Futter, Schatten vor Ort anbieten), geschützten Bereich ohne andere Pferde bieten, Fliegenschutz nutzen. 2. Veränderung des eigenen Verhaltens, z. B. leise sein, sich langsam und ruhig bewegen, das Pferd kraulen bzw. an anderen Stellen kraulen, Körperhaltung verändern, Verhalten beenden und die Reaktion des Pferdes abwarten. Auch diese Phase lässt sich durch gezieltes Fragen begleiten: Was tust du, wenn es dir zu laut ist? Welche Hilfsmittel kannst du nutzen (z. B. Kopfhörer)? Was ist dein Stopp-Signal, wenn dir etwas nicht gefällt? Gibt es etwas, auf das du dich konzentrieren kannst, um dich abzulenken? Was kannst du tun, wenn es deinem Freund oder deiner Freundin bzw. deinem Geschwister nicht gut geht? Aus dieser Phase lässt sich auch optimal ein Übergang von der freien Begegnung in das Training mit positiver Verstärkung (= kleinschrittige Annäherung an ein Zielverhalten über Belohnungen; für Details s. Theby 2016) gestalten. Ein zentraler Aspekt im therapeutischen Setting kann zum Beispiel die Einführung eines Kooperationssignals sein, das es dem Pferd ermöglicht, seine Zustimmung oder Ablehnung auszudrücken und somit aktiver Teil des Geschehens zu sein. Die Kinder lernen die Pferde auf diese Weise als gleichberechtigte Partner kennen und wir arbeiten daran, dass die Bedürfnisse aller Beteiligten beachtet werden. Dies legt in meinen Einheiten den Grundstein für das Empfinden und den Ausbau von Empathie. Literatur ■ Aeppli, J., Lötscher, H. (2016): EDAMA - Ein Rahmenmodell für Reflexion. Beiträge zur Lehrerinnen- und Lehrerbildung, 34, 78-97 ■ Bernardy, K., Krampen, G., Köllner, V. (2008): Prädiktoren des Alltagstransfers eines stationär erlernten Entspannungstrainings. Die Rehabilitation, 47, 359-365, http: / / doi. org/ 10.1055/ s-0028-1086017 ■ Fehm, L., Helbig-Lang, S. (2009): Hausaufgaben in der Psychotherapie. Psychotherapeut, 54, 377-392, http: / / doi.org/ 10.1007/ s00278-009-0686-2 ■ Heckmair, B., Michl, W. (2008): Erleben und Lernen. Einführung in die Erlebnispädagogik (6. Aufl.). Ernst Reinhardt Verlag, München ■ Manger, T., Eikeland, O. J., Asbjørnsen, A. (2001): Effects of social-cognitive training on students’ empathy. Swiss Journal of Psychology, 60, 82-88 ■ Roth, C. (2017): Tiergestützte Förderung der exekutiven Funktionen hyperkinetischer Kinder: Ergebnisse einer sonderpädagogischen Einzelfallstudie. Tectum Wissenschaftsverlag, Marburg, http: / / doi.org/ 10.5771/ 9783828868991 ■ Theby, V. (2016): So lernen Pferde. Müller Rüschlikon, Stuttgart ■ Wohlfarth, R., Widder, H. (2011): Working paper „Zur Diskussion: Tiergestützte Therapie - Eine Definition“. In: https: / / www.en.esaat.org/ fileadmin/ medien/ downloads/ Erl%C3%A4uterung_Definition.pdf Die Autorin Lisa Tometten M. Sc. Psychologin, Coach in der Personalentwicklung, Reittherapeutin equimotion, Medical Trainerin Anschrift Lisa Tometten · Neuer Weg 47 45711 Datteln lisa.tometten@kontaktpferde.de www.kontaktpferde.de
