mensch & pferd international
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Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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Stichwort: Ergotherapie mit Pferd - Vincent zeigt uns die Wirkfaktoren!
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Maria Schläffer
Die positive Wirkung vom Pferd in der Ergotherapie erleben wir tagtäglich in unserer Arbeit mit Mensch und Pferd. Welche Wirkfaktoren das sind, wollen euch Vincent und ich näherbringen.
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120 | mup 3|2022|120-123|© Ernst Reinhardt Verlag, DOI 10.2378 / mup2022.art19d Maria Schläffer Stichwort Ergotherapie mit Pferd - Vincent zeigt uns die Wirkfaktoren! Die positive Wirkung vom Pferd in der Ergotherapie erleben wir tagtäglich in unserer Arbeit mit Mensch und Pferd. Welche Wirkfaktoren das sind, wollen euch Vincent und ich näherbringen. Wirkfaktor „Tiefenpsychologischer Aspekt - Brückenfunktion“ Das Pferd übernimmt eine Art „Brücken- oder Eisbrecherfunktion“ zwischen mir als Therapeutin und Vincent. Vincent beginnt allmählich über das Tier auch mit mir in Kontakt/ Interaktion zu treten und eine Beziehung zu mir aufzubauen. Die Anwesenheit eines Tieres ermöglicht eine angstfreie, natürliche Beziehung. Das Pferd ist ein sensibler Partner des Menschen, der - frei von Vorurteilen, Bewertungen oder Zuschreibungen - direkt, unmittelbar und ehrlich auf das von ihm wahrgenommene Verhalten reagiert und der möglicherweise Verhaltensweisen, Gefühle und Empfindungen widerspiegelt, die vielleicht weder dem Betreffenden selbst, noch seinem (menschlichen) Umfeld bisher bewusst waren (Vernooij & Schneider 2013). Wirkfaktor: „Hoher Aufforderungscharakter“ Tiere besitzen einen hohen Aufforderungscharakter und motivieren Menschen zu Handlungen und aktiver Auseinandersetzung (Olbrich & Otterstedt 2003). Im Umgang mit dem Tier lernt Vincent vieles in natürlicher Weise, im natürlichen Setting, ohne Zwang und mit hoher Motivation. Vincent fühlt sich zu Tieren hin- und letztlich von deren Verhalten angezogen. Das Faszinierende ist vermutlich die Variabilität des tierischen Verhaltens. Während die Aktivitätsmöglichkeiten z. B. eines Spielzeuges begrenzt sind, können Tiere aus sich heraus viel variabler agieren und reagieren und bieten damit stärkere sensorische Stimuli als unbelebte Gegenstände. Dies regt Vincent an, intentionales Handeln besser verstehen zu wollen. Er will wissen, warum Pferd, Hund oder Maus sich so oder so verhalten (Prothmann 2012). Wirkfaktor „Präsenz-Fokussierung auf die Gegenwart“ Im Umgang mit dem Pferd sind alle Beteiligten auf Gegenwartsorientierung und Präsenz angewiesen. Das Pferd kennt keine Zukunft und keine Vergangenheit, sondern ist in seinem Erleben immer im Hier und Jetzt. Es erlebt die Situation und die Atmosphäre, wie sie im jeweiligen Moment ist und stellt sein Verhalten darauf ein. Das Pferd fordert von Vincent und mir Präsenz ein und reagiert ansonsten ebenfalls mit Unaufmerksamkeit (Urmoneit 2013). Wirkfaktor „Beziehungsfähigkeit des Pferdes“ In der Therapie mit dem Pferd wird die Beziehungsfähigkeit von Pferden und Menschen genützt, um die Kontaktaufnahme zu erleichtern und ein Feld für zwischenmenschliche Beziehungen zu schaffen. Fähigkeiten und Schwächen können hierbei in einem geschützten Rahmen Stichwort: Schläffer - Ergotherapie mit Pferd mup 3|2022 | 121 gleichermaßen im Bezug zur Realität bewusst erlebt werden. Das Pferd spricht darüber hinaus archaische Eigenschaften im Menschen an, die er ins Unbewusste verdrängt hat, und darum gilt der Umgang mit dem Pferd als Erlebnisfeld zur Integration abgespaltener Persönlichkeitsanteile (Scheidhacker 1992). Wirkfaktor „Bezogene Individuation/ Du-Evidenz“ „Das Pferd vereinigt in seinem Wesen wie kaum ein anderes Tier Autonomie und Unabhängigkeit ebenso wie soziale Bezogenheit und Bindung. Als Herdentier kennt es seinen Platz zwischen Führung und Unterordnung“ (Urmoneit, 2013, 138). Das Verhalten von Pferden in der Herde basiert auf der sozialen Dimension, die wir beim Menschen „Beziehung“ nennen. Eine der wertvollsten Ressourcen des Pferdes für den therapeutischen Prozess ist diese tief verankerte Fähigkeit, sich auf soziale Interaktionen einzulassen und ihnen Bedeutung beizumessen (Urmoneit 2013). Wirkfaktor „Bewegungsdialog“ „Pferde tragen den Menschen, sie geben ihm damit einen Rhythmus vor und fordern Kooperation ein. Sie bieten eine Form der Bewegung an, die dem Menschen in einer so schlichten und dennoch impulsreichen Form kaum möglich ist“ (Urmoneit 2013, 185). Die differenzierten Bewegungsmöglichkeiten bei Vincent und beim Pferd verdichten sich am unmittelbarsten im Bewegungsdialog. Wenn Vincent reitend sich den Schwingungen und dem Rhythmus des Pferdes anzupassen versucht und gleichzeitig das Pferd bemüht ist, durch Bewegungskorrekturen sich selbst mit Vincent im Gleichgewicht zu halten, sind in einem gelungenen Bewegungsdialog die Nutzungen der Beweglichkeit und der Beziehungsfähigkeit des Pferdes untrennbar miteinander verbunden (Gäng 2004). Wirkfaktor „Nonverbaler Dialog“ Pferde können Rückmeldungen nicht zurückhalten, sich nicht verstellen. Sie senden keine widersprüch- Abb. 1: Hoher Aufforderungscharakter Abb. 2: Präsenz-Fokussierung auf die Gegenwart Abb. 3: Bewegungsdialog 122 | mup 3|2022 Stichwort: Schläffer - Ergotherapie mit Pferd lichen Botschaften und manipulieren nicht. Pferde geben Vincent eine eindeutige Rückmeldung zur Zusammenarbeit (Urmoneit 2013). „Die Kommunikation zwischen zwei Lebewesen, bei denen eine gedanklich geordnete Weitergabe von Sachinhalten nicht wechselseitig möglich ist, ist weitgehend auf den Beziehungsaspekt verwiesen. Dort, wo sprachliche Kommunikation nicht möglich ist, tritt für die Verständigung das sonstige Verhalten der beiden Partner in den Vordergrund“ (Vernooij & Schneider 2013). Wirkfaktor „Horsing - Nichtsprachliches Verstehen zwischen Mensch und Pferd“ „Horsing“, so Koch-Engel, „ist eine Art der Selbsterfahrung, bei der es darum geht, gemeinsam mit seinem Pferd zu sein.“ „Wenn wir sprachlos werden, intensivieren und verschieben wir unsere Wahrnehmung, Zeit und Raum können zerfließen, ein Hinein- und Hinabtauchen in seelische Tiefen. Dabei ist es am Wichtigsten,zu lernen, still zu sein, zu schweigen …“ (Koch-Engel 2005, zitiert in Pucklitzsch 2009, 25 f). Wirkfaktor „Zusammenwirken im Beziehungsdreieck“ Die Triade bietet das kleinste mögliche Übungsfeld an, um Bezogenheit auf mehrere Interaktionspartner bei gleichzeitiger Wahrung der Autonomie zu erproben. Diese „besondere Triade“ in der pferdegestützten Therapie ermöglicht für alle Beteiligten benötigte „Pausen“, ohne dass damit der Verlust der sozialen Anbindung verbunden ist oder man sich für die Auszeit rechtfertigen muss. Die Autorin Dr. Maria Schläffer, MSc, MEd Ergotherapeutin, Reittherapeutin HPV (DKThR), Ergotherapeutin mit Pferd (OKTR), arbeitet im Angestelltenverhältnis und in leitender Position in einem Therapiezentrum in den Spezialgebieten Pädiatrie, Psychiatrie und Menschen mit Beeinträchtigung. In ihrer freien Praxis arbeitet sie ausschließlich im Bereich Ergotherapie mit Pferden, mit KlientInnen aller Altersstufen und den unterschiedlichsten ärztlichen Diagnosen. Hierfür kommt die Klientel zu ihr in den Stall oder sie fährt als „mobile Therapeutin mit Pferd“ zu den Klienten in die unterschiedlichsten Institutionen. Neben ihrer praktischen Arbeit fühlt sie sich der Forschung verpflichtet. Sie hat sich dabei ganz speziell dem Thema Ergotherapie mit Pferden gewidmet, in diesem Rahmen das EtAP (Ergotherapeutisches Assessement mit Pferd) entwickelt und auch ihre Dissertation darüber verfasst. Kontakt Dr. Maria Schläffer MSc · MEd Ergotherapeutin 5721 Piesendorf · Österreich Abb. 4: Manchmal sind primär Vincent und ich im Dialog. Abb. 5: Manchmal ist das Pferd nur Beobachter, wenn Vincent und ich wie hier die Pferdeäpfel wegräumen. Stichwort: Schläffer - Ergotherapie mit Pferd mup 3|2022 | 123 Durch diese unterschiedlichen Interaktionskonstellationen ergeben sich für Vincent unterschiedliche Lernchancen. Abgesehen von allen Wirkfaktoren ist für uns unumstößlich, dass der „Umgang mit Tieren eine Echtheit, Direktheit und Einfachheit beinhaltet, die wir von Mensch zu Mensch oder Mensch zu Maschine vergeblich suchen “ (Germann-Tillmann et al 2014, 32). Literatur ■ Gäng, M. (2004): Heilpädagogisches Reiten und Voltigieren. 5. Aufl. Ernst Reinhardt, München / Basel ■ Germann-Tillmann, T., Näf, A. S., Merklin, L. (2014): Tiergestützte Interventionen. Der multiprofessionelle Ansatz. Verlag Hans Huber, Bern ■ Koch-Engel, M. (2005): Zum nicht-sprachlichen Verstehen zwischen Mensch und Pferd. In: FAPP, DKThR, (Hrsg.): Psychotherapie mit dem Pferd. FNverlag, Warendorf.Olbrich, E., Otterstedt, C. (2003): Menschen brauchen Tiere. Grundlagen und Praxis der tiergestützten Pädagogik und Therapie. Franckh Kosmos Verlag, Stuttgart ■ Prothmann, A. (2012): Tiergestützte Kinderpsychotherapie. Theorie und Praxis der tiergestützten Psychotherapie bei Kindern und Jugendlichen. 3. Aufl. Peter Lang Verlag, Frankfurt am Main. ■ Pucklitzsch, J. (2009): Das Pferd in der Psychotherapie. Wirkfaktoren einer heilenden Beziehung. Magdeburg / Stendal (Bachelorarbeit) ■ Scheidhacker, M. (1992): Tiefenpsychologische und analytische Aspekte des Reitens. Therapeutisches Reiten, 19 (4) S. 8-11 ■ Urmoneit, I. (2013): Pferdgestützte systemische Pädagogik. Ernst Reinhardt, München / Basel ■ Vernooij, M. A., Schneider, S. (2013): Handbuch der Tiergestützten Intervention. Grundlagen- Konzepte-Praxisfelder. 3. Aufl, aktualisiert und korrigiert. Quelle & Meyer, Wiebelsheim Abb. 8: Und manchmal sind das Pferd und die Therapeutin Beobachter. Abb. 6 & Abb. 7: Manchmal bin ich als Therapeutin „nur“ Beobachterin, wenn Vincent mit dem Pferd selbständig arbeitet und es z. B. aufgurtet oder die Hufe auskratzt.
