mensch & pferd international
2
1867-6456
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mup2022.art25d
2_014_2022_4/2_014_2022_4.pdf101
2022
144
Forum: Wenn Pferde "Nein sagen"
101
2022
Tara Bai Wüste
In der pferdegestützten Arbeit hat die Fachkraft eine große Verantwortung inne: Sie ist das Bindeglied zwischen Pferden und KlientInnen – ist TrainerIn, Bezugsperson, ÜbersetzerIn, Prozessbegleitung und -gestalterIn in einem. Sie hat die Aufgabe, die Bedürfnisse aller AkteurInnen auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen und gemeinsam in Koproduktion einen Raum für Wachstum zu kreieren. Damit echte Koproduktion möglich wird, dürfen Fachkräfte den Pferden mit Achtsamkeit, Wertschätzung und Verständnis begegnen. Dazu gehört auch, die von den Pferden gezeigten Grenzen wahrnehmen zu können und in der Lage zu sein, angemessen darauf einzugehen.
2_014_2022_4_0006
mup 4|2022|167-173|© Ernst Reinhardt Verlag, DOI 10.2378 / mup2022.art25d | 167 Tara Bai Wüste Forum Wenn Pferde „Nein sagen“ Chancen & Herausforderungen für Fachkraft, KlientIn und Pferd In der pferdegestützten Arbeit hat die Fachkraft eine große Verantwortung inne: Sie ist das Bindeglied zwischen Pferden und KlientInnen - ist TrainerIn, Bezugsperson, ÜbersetzerIn, Prozessbegleitung und -gestalterIn in einem. Sie hat die Aufgabe, die Bedürfnisse aller AkteurInnen auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen und gemeinsam in Koproduktion einen Raum für Wachstum zu kreieren. Damit echte Koproduktion möglich wird, dürfen Fachkräfte den Pferden mit Achtsamkeit, Wertschätzung und Verständnis begegnen. Dazu gehört auch, die von den Pferden gezeigten Grenzen wahrnehmen zu können und in der Lage zu sein, angemessen darauf einzugehen. Pferde haben nicht die Möglichkeit uns durch Worte zu beschreiben, wie es ihnen gerade geht, dennoch können sie durch ihr Verhalten mehr oder weniger eindeutig Widerspruch sichtbar machen, zum Beispiel durch Stresssignale, Flucht- oder Abwehrreaktionen. In meiner Arbeit als Trainerin nutze ich für Widersprüche des Pferdes gerne den Ausdruck „Nein sagen“. Ich habe das Gefühl, dass die Emotionen des Pferdes häufig greifbarer werden, wenn sie in eine menschliche Perspektive gebracht werden. Wann immer ein Pferd auf eine Frage mit einem Nein antwortet, haben wir verschiedene Möglichkeit uns den Beweggründen hinter diesem Widerspruch anzunähern. Mir hilft es, wenn ich mir die Frage stelle, was mein Pferd mir mit seinem Verhalten sagen möchte: „Nein, ich kann nicht! “, „Nein, ich verstehe nicht! “ oder auch „Nein, ich will nicht! “. ■ „Ich kann nicht! “ meint, dass das Pferd physisch oder psychisch nicht dazu in der Lage ist, das erwartete Verhalten zu zeigen - zum Beispiel, weil es Angst, Hunger oder Schmerzen hat. ■ „Ich verstehe nicht! “ bedeutet, dass das Pferd nicht genau weiß, welches Verhalten von ihm erwartet wird oder wie genau es dieses umsetzen soll. ■ „Ich will nicht! “ steht für eine geringe Handlungsmotivation des Pferdes, bei der entweder ein erwartetes Verhalten nicht lohnenswert genug für das Pferd ist oder konkurrierende Motivationen vorherrschen. Zu verstehen, was das Pferd versucht der Fachkraft oder den KlientInnen mitzuteilen, kann bereits einen großen Unterschied darin machen, wie dieses Nein die gemeinsame Zeit beeinflusst. Je nach Angebot bietet es sich an, mit den KlientInnen gemeinsam zu überlegen, was das Pferd gerade meinen könnte und was es in diesem Moment von den Menschen braucht. Warum ist dieses Thema so wichtig? Macht ein 500 kg schweres Pferd eine Grenze sichtbar und sagt Nein, kann dies eine nicht ganz ungefährliche Situation darstellen. Wird eine gezeigte Grenze jedoch wahrgenommen und angemessen darauf reagiert, kann dies erheblich dazu beitragen, dass das physische und psychische Wohlbefinden aller Beteiligten gewahrt wird. Wenn sich 168 | mup 4|2022 Forum: Bai Wüste - Wenn Pferde „Nein sagen“ alle AkteurInnen sicher fühlen, zeigt sich das volle Potenzial für gemeinsame Interaktion. Mit der Basis der Sicherheit wird es dann auch immer leichter sich in der gemeinsamen Zeit mit Wertschätzung und Achtsamkeit zu begegnen. Um das wiederum zu erreichen, braucht es einen stetigen Blick auf die Zufriedenheit aller - kurzum: Es braucht Bedürfnisorientierung . Die Fachkraft hat also die Aufgabe, Pferde und KlientInnen in ihren Bedürfnissen wahrzunehmen und zu versuchen ihnen - so gut das möglich ist - zu geben, was sie gerade brauchen. Bei einem Pferd braucht es eine gewisse Achtsamkeit und Übung, um zu erkennen, welches Bedürfnis es gerade hat. Und hier kommt der Wert des Neins ins Spiel. Ein Nein, ein Widerspruch, ist immer eine Äußerung eines Bedürfnisses. Es kann auch als Problemanzeiger für eine psychische oder physische Einschränkung oder sogar einen Schaden beim Pferd dienen. Das Nein ist für uns Menschen also eine der wichtigsten Informationen, um bedürfnisorientiert mit unserem Partner Pferd arbeiten zu können. Der Frage, welches Bedürfnis ein Pferd gerade versucht aufzuzeigen, dürfen wir uns dann im nächsten Schritt annähern. Allein die Achtsamkeit darum, dass das Pferd gerade nicht „bockig“, „zickig“ oder „faul“ ist, öffnet bereits die Türe für neue Möglichkeiten. Auf der Seite der Menschen (v. a. der KlientInnen) kann ein Nein des Pferdes natürlich wieder ganz eigene und auch unangenehme Gefühle auslösen. Es ist vollkommen normal, dass sich Gefühle wie Angst, Frustration oder Ärger im Umgang mit einem Nein zeigen können. Für die Fachkraft kann dieses Nein eine großartige Möglichkeit sein, um mit den KlientInnen die hochkommenden Gefühle genauer anzusehen. Gleichzeitig sollte dabei stets im Fokus stehen, wie viel Selbstreflexion bereits möglich ist und an welcher Stelle der Klient oder die Klientin überfordert wird (Stichwort Bedürfnisorientierung). Wie kann ein Nein aussehen? Auch dann, wenn die Fachkraft die Bedürfnisse des Pferdes stets im Blick hat, wird es Momente geben, in denen ein Pferd Nein sagt. Um darauf eingehen Abbildung 1: Manchmal reicht es aus, Raum für ein unangenehmes Gefühl zu geben und KlientInnen mit einer Frage wieder in eine sanfte Haltung zu lenken. (Alle Fotos: Karin Lovermann, Dülmen) Forum: Bai Wüste - Wenn Pferde „Nein sagen“ mup 4|2022 | 169 zu können, ist es zunächst wichtig, sie frühzeitig zu erkennen. Stress kann bei Pferden sehr unterschiedlich aussehen! Nicht immer, wenn Pferde gestresst sind, springen sie im Kreis um uns herum, prusten laut oder schießen einfach los. Insgesamt gibt es bei Pferden, wie bei den meisten Säugetieren, vier verschiedene Arten von Bewältigungsstrategien: Flight (Flucht), Fight (Kampf), Freeze (Erstarrung) und Flirt (Beschwichtigung; vgl. Dosdall/ Guter-Wycisk 2021, 51-53 ff). Auf welche dieser Strategien ein Pferd zurückgreift, ist abhängig von seinem jeweiligen Charakter, der Situation, in der es sich befindet und den bisher gemachten Erfahrungen. Um ein Pferd besser einschätzen zu können, kann es hilfreich sein, sich anzusehen, mit welcher Art von Stressverhalten es bei Unsicherheit reagiert. Wir können das Verhalten ganz grob in zwei Arten unterteilen, abhängig vom Level an Aktion (Dosdall/ Guter-Wycisk 2021, 48 f): ■ Das laute Nein - „aktives“ oder „extrovertiertes“ Stressverhalten ■ Das leise Nein - „passives“ oder „introvertiertes“ Stressverhalten Aktives Stressverhalten entspricht dem, was die meisten Menschen im Kopf haben, wenn von Stress beim Pferd gesprochen wird. Es ist eine meist recht eindeutige Widerspruchsreaktion. Diese Pferde zeigen ihren Stress durch übermäßige Aktivität in verschiedener Ausprägung. Mögliche Verhaltensreaktionen sind beispielsweise Tänzeln, Schweifschlagen, Kopfschlagen oder auch verschiedenste Arten von Übersprungshandlungen (wie Schnappen oder Scharen). Beim passiven Stressverhalten ist den Pferden der Stress etwas schwieriger anzusehen, denn auf den ersten Blick wirken sie ruhig und gelassen. Pferde, die mit passivem Stressverhalten reagieren, erstarren bei Stress und reagieren häufig nicht mehr auf die Ansprache des Menschen. Sie ignorieren nicht die Signale des Menschen, sondern sind nicht mehr in der Lage zu reagieren. Typisch für diesen Typ ist das Anspannen des gesamten Pferdekörpers, eine sehr eindrückliche Mimik (z. B. mit Dreiecksfalten über den Augen, angespannter Maulpartie oder zusammengepresstem Kiefer). Diese Pferde nehmen auch häufig kein Futter mehr an oder nur sehr unwillig. Besonders Pferde mit passivem Stressverhalten werden von Menschen häufig als „stur“ interpretiert und der Mensch reagiert darauf oft mit Durchsetzung. Druck bewirkt jedoch meist das Gegenteil, denn sobald eine gewisse Reizschwelle überschritten ist, neigen diese Pferde zum „Explodieren“ in Form von Flucht- oder Aggressionsverhalten. Zudem können auch neue Bewältigungsstrategien erlernt werden, die außerhalb des „typischen Musters“ liegen: Die Aktion kann unterdrückt werden, z. B. wenn ein Pferd lernt, dass es beim Menschen stets still zu stehen hat. Und andersherum kann ein vermehrt passiv reagierendes Pferd lernen, dass es sich mehr lohnt, mit aktivem Verhalten auf Stress zu reagieren. Auch wenn es Überschneidungen gibt, ist das Stressempfinden von Pferden immer individuell zu betrachten. Und auch die Art und Weise, die ihnen hilft Stress zu bewältigen ist unterschiedlich. Bevor eine große Stressreaktion kommt, hat das Pferd womöglich bereits einige Mal ganz leise versucht, sein Nein zu äußern. Genau diese leisen Momente sind es, die einen achtsamen Umgang mit den Grenzen des Pferdes ausmachen. Sie sind der richtige Punkt, um anzusetzen - nicht erst der Moment, in dem das Nein bereits deutlicher wird. Nachteile von Strafe Im herkömmlichen Pferdetraining ist die Korrektur oder auch Bestrafung von unerwünschtem Verhalten gang und gäbe. Dieser so häufig praktizierte Ansatz bringt jedoch einige Nachteile mit sich, die sich durchaus auf die Qualität der Ausbildung des Pferdes, dessen psychische und physische Gesundheit sowie die Harmonie und den Erfolg der Einheiten mit den KlientInnen auswirken können. Kann ein Pferd auf eine Frage nicht mit Ja antworten oder versteht nicht, wie es mit Ja antworten könnte, entstehen Angst, Unwohlsein oder Unsicherheit. Sobald „angstmotiviertes Verhalten mit einem aversiven Reiz gekoppelt wird, wird auch die Angst zunehmen“ (Dosdall / Guter- Wycisk 2021, 22 f). Wird dennoch auf Angst mit einem aversiven Reiz reagiert, können die Pferde häufig zum gewünschten Ergebnis gebracht werden - die Angst jedoch bleibt. Dieser Zustand nennt sich erlernte Hilflosigkeit (vgl. Dosdall / Guter-Wycisk 2021, 22 f). Die erlernte Hilflosigkeit ist ein Zustand, in dem keine Bewältigungsstrategie mehr zur Verfügung steht, die Pferde geben auf und werden häufig nicht mehr versuchen, sich 170 | mup 4|2022 Forum: Bai Wüste - Wenn Pferde „Nein sagen“ aus ihrer Lage zu befreien oder auf ihr Unwohlsein aufmerksam zu machen. Ein Versuch von den Forschern Abramson, Seligman und Teasdale aus dem Jahre 1978 erklärt den Zustand der erlernten Hilflosigkeit noch genauer (Mazur 2006, 272 f). In einem Experiment wurden Hunde zuerst angeleint und Elektroschocks ausgesetzt, vor denen sie nicht weglaufen konnten. Am nächsten Tag wurden diese und weitere Hunde in einen Zweikammerkäfig gesetzt, in dem sie Flucht- und Vermeidungswege bekamen. Während die Hunde, für die diese Aufgabe die erste im Versuchslabor war, schnell lernten, die Elektroschocks zu vermeiden, reagierten zwei Drittel der Hunde vom Vortag mit Resignation, legten sich hin und winselten nur beim Stromschlag. Die Schlussfolgerung des Forscherteams lag darin, dass die Hunde die Erwartungshaltung entwickelt haben, dass ihr Verhalten keinen Einfluss auf die erlebten aversiven Reize hat. Ähnliche Experimente wurden schließlich in verschiedensten Variationen wiederholt, zum Beispiel mit Studierenden in einer Lernsituation (Mazur 2006, 271 f). Dabei zeigten sich insbesondere drei Auswirkungen. Zum einen war die Motivation der getesteten KandidatInnen beeinträchtigt, es überhaupt noch einmal zu versuchen. Zum anderen waren kognitive Defizite zu beobachten, wie eine verminderte Fähigkeit aus eigenen Erfahrungen zu lernen und eine grundsätzlich verlangsamte Lerngeschwindigkeit. Die weitreichendsten Auswirkungen sind jedoch die emotionalen, die sich zudem körperlich ausgewirkt haben - Ratten entwickelten Geschwüre, Katzen verweigerten das Fressen und Menschen zeigten einen erhöhten Blutdruck (Mazur 2006, 271 f). Aus meiner Praxis als Trainerin und Pferdephysiotherapeutin empfinde ich es als vergleichbare Situation, wenn ein Pferd mit Ausbindern bewegt wird. Das Pferd kann durch Stoß und Bewegung dem Druck im Maul niemals ganz entweichen und somit lernen die meisten Pferde in dieser Situation zu „resignieren“. Abgesehen davon sind hier jedoch auch die biomechanischen Auswirkungen, besonders jene auf das Atlantoaxialgelenk, äußerst fragwürdig und stehen dem eigentlichen Ziel der gesunden Bewegung entgegen. Auch weitere Methoden der Pferdewelt können aus meiner Perspektive Resignation begünstigen, zum Beispiel ungenaues Training mit Strafe, Desensibilisierung durch Flooding (= Reizüberflutung) oder Strafe bei Schmerzäußerung. Das Forscherteam von 1978 versuchte im Anschluss des Experimentes die Folgen auf das Verhalten der Hunde wieder umzukehren. Sie fanden heraus, dass die beste Behandlung der erlernten Hilflosigkeit darin besteht, das Individuum in eine Situation zu bringen, in der es nicht versagen kann, sodass nach und nach wieder die Erwartung entsteht, Einfluss auf Konsequenzen zu haben (vgl. Mazur 2006, 272 f). Ein Weg, um im Training den Fokus auf angenehme Folgen von Handeln zu richten, ist die Arbeit mit positiver Verstärkung. Eine immer beliebter werdende Variante, Verhalten durch positive Verstärkung zu verändern, ist das Clickertraining. Hierbei wird die positive Verstärkung mittels Futterlob an ein Markergeräusch gekoppelt. So kann die Kommunikation verständlicher werden und der Lernerfolg kann beschleunigt werden. Das Pferd sagt Nein - was nun? Dass Pferde Nein sagen, kommt vor. Und ist zunächst auch gar nicht so tragisch auch dann nicht, wenn es in einer Einheit mit einem Klienten oder einer Klientin passiert. Wichtig ist, dass Fachkräfte wissen, wie sie damit umgehen können. Dafür dürfen sie sich zunächst auf Ursachenforschung begeben. Achtung: Besteht durch den Widerspruch eine akute Gefahr, steht zunächst natürlich die Sicherheit aller an höchster Stelle. In diesem Fall kann es ratsam sein, die Einheit zu beenden, Ruhe zu vermitteln, beruhigende Maßnahmen einzuleiten (zum Beispiel fressen lassen), die Distanz zum Stressor zu vergrößern, die Distanz zum Pferd zu vergrößern oder den Stressor zu identifizieren und zu beseitigen. Forum: Bai Wüste - Wenn Pferde „Nein sagen“ mup 4|2022 | 171 Wirklich auf das Nein eines Pferdes eingehen kann ich nur dann, wenn ich eine Idee davon habe, wo das Problem des Pferdes liegen könnte. Zu Beginn dieses Artikels haben wir unseren Blick bereits einmal auf die möglichen Ursachen eines Neins gerichtet. Es kann bedeuten, dass das Pferd die Frage ■ versteht, sie aber nicht mit ja beantworten kann, ■ nicht versteht, oder nicht versteht, wie es zur Antwort findet, ■ versteht und dennoch nicht mit Ja antworten möchte. Die Grundlage, um zu verstehen, was hinter einem Nein steckt, ist, dass eine Fachkraft ihren tierischen Partner lesen kann. Inzwischen gibt es tolle Bücher und Weiterbildungen zum Thema „Mimik des Pferdes“. Meine liebste Methode, um Pferde verstehen zu lernen, ist die Beobachtung. Und genau das ist auch der erste Schritt, den Fachkräfte gemeinsam mit KlientInnen innerhalb einer Einheit gehen können! „Aufgrund ihres Wissensstandes und manchmal auch ihrer motorischen, kognitiven oder emotionalen Besonderheiten können [KlientInnen] die Bedürfnisse des Pferdes nicht immer erkennen und in ihrem Handeln berücksichtigen“ (Pauel/ Urmoneit 2015, 99 f). Die Fachkraft entscheidet, wann und wie viel Beobachtung und Reflexion den KlientInnen zugetraut werden kann. Sie kann mit gut gewählten Fragen die Beobachtung anleiten, bei der Einordnung des Verhaltens unterstützen und gemeinsam in Koproduktion mit den KlientInnen überlegen, wie auf das Verhalten des Pferdes bestmöglich reagiert werden könnte. Hierin liegen nicht nur vielfältige Chancen zur persönlichen Entwicklung der KlientInnen, sondern auch die Möglichkeit, noch an weitere Informationen über die KlientInnen zu gelangen. Hilfreiche Fragen für anschließende Gespräche sind zum Beispiel „Ging es Dir auch schon einmal so? “, „Woher kennst Du dieses Gefühl? “, „Was hast Du damals getan? “ oder „Wie haben andere reagiert? “. Ein Nein anzunehmen und wertzuschätzen kann für viele KlientInnen bereits eine große Herausforderung darstellen. Zu lernen, den Abbildung 2: Wenn KlientInnen noch Schwierigkeiten bei der Einordnung einer Beobachtung haben, können Fachkräfte übersetzen. 172 | mup 4|2022 Forum: Bai Wüste - Wenn Pferde „Nein sagen“ eigenen Gefühlen mit ebenso viel Achtsamkeit und Wertschätzung zu begegnen, wie denen anderer, kann eine weitere wichtige Erfahrung sein. Atem- und Entspannungsübungen, sowie sorgsam gewählte Fragen können den Prozess unterstützen. Aus dieser Achtsamkeit heraus kann dann mit den KlientInnen nach kooperativen Lösungen für Pferd und Mensch gesucht werden. Außerhalb der Einheiten mit KlientInnen können Fachkräfte sich regelmäßig die Frage stellen: „Sind alle Grundbedürfnisse des Pferdes erfüllt? “ Dabei kann es helfen, den Tagesrhythmus des Pferdes zu erkunden: ■ Hat das Pferd genügend freie Bewegung? ■ Hat es ausreichend Futter? ■ Hat es genügend Ruhephasen? ■ Wie sieht mein Pferd aus, wenn es entspannt ist? ■ … Wenn es bereits im Tagesablauf des Pferdes ein ungestilltes Bedürfnis gibt, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass dieses auch in Einheiten mit KlientInnen an die Oberfläche tritt. Die Wahrscheinlichkeit für ein Ja erhöhen Haben wir eine Idee davon, was der Grund hinter einem Nein sein könnte, ist es bereits etwas einfacher, nach Lösungen zu suchen. Viele dieser Lösungen sind direkt mit den KlientInnen umsetzbar. Beim Ausprobieren einer neuen Lösungsstrategie ist es ratsam, wenn Fachkraft und Pferd den Weg zunächst im sicheren Rahmen gemeinsam erkunden. In der folgenden Tabelle sind einige Möglichkeiten aufgelistet, um auf die verschiedenen Arten von Nein einzugehen. Wichtig ist: Ein Geheimrezept oder die eine Methode gibt es nicht! Lösungen dürfen stets individuell betrachtet werden - in Hinblick auf die Situation, die Pferde und die Menschen. Ursache für das Nein „Ich kann nicht.“ „Ich verstehe nicht.“ „Ich will nicht.“ Mögliche Fragen: Hat das Pferd Angst? Fühlt das Pferd Schmerz? Fehlt es dem Pferd an Balance, Ausdauer oder Kraft? Hat das Pferd ein unerfülltes Grundbedürfnis? Wie kann ich meine Frage in kleine Schritte zerlegen? Versteht das Pferd das Signal, das ich nutze? Wie wird mein Lob für das Pferd präziser? Welcher äußerer Rahmen kann ein Ja auf meine Frage erleichtern? Versteht das Pferd, wann es etwas richtig macht? Ist das Lob, das ich nutze, für das Pferd auch lohnenswert? Wie könnte es für das Pferd attraktiver werden mit Ja zu antworten? Hilfreiche Handlungsoptionen: - Dem Pferd Zeit geben, sich sicher zu fühlen - Die Einheit ggf. beenden - Die Erwartungshaltung an das Pferd verändern - Den Stressor aus der Einheit herausnehmen - Einen Experten / eine Expertin heranziehen - Das Training in einzelne Trainingsschritte unterteilen - Das Signalverständnis überprüfen - Gezielt & präzise loben - Die Trainingsumgebung so gestalten, dass die Lösung naheliegender wird - Die Attraktivität des Lobs überprüfen - Die Häufigkeit des Lobs erhöhen - Die Wertigkeit des Lobs erhöhen - Eventuell ein Kooperationssignal erarbeiten - Unerwünschtes Verhalten unattraktiv machen Tabelle 1: Wege zum Ja des Pferdes Forum: Bai Wüste - Wenn Pferde „Nein sagen“ mup 4|2022 | 173 Das Potenzial im Nicht-Funktionieren Noch immer hält sich in der Welt der Pferde hartnäckig der Gedanke, dass Pferde funktionieren müssen. In Bezug auf Sicherheit mag dieser Gedanke stimmen. Gleichzeitig muss es der Sicherheit nicht entgegenstehen, wenn Pferde auch mal nicht funktionieren. Es kann viel Potenzial in genau den Momenten liegen, in denen Pferde Nein sagen. Es sind genau die Momente, in denen Pferde ihre Meinung einbringen, ihre Gefühle sichtbar machen, die eine wunderbare Basis für Beziehungsgestaltung und Wachstum mit den KlientInnen bieten. Das wird jedoch nur dann möglich, wenn das Nein frühzeitig erkannt und achtsam darauf eingegangen wird. Erst wenn diese Momente Teil der gemeinsamen Zeit sein dürfen, kann in Trainingseinheiten und in den Einheiten mit KlientInnen eine echte Koproduktion entstehen - so können alle AkteurInnen ein gemeinsames „Wir“ kreieren. Literatur ■ Dosdall, C., Guter-Wycik. K. (2021): Angst und Stress beim Pferd. Müller Rüchlikon, Stuttgart ■ Mazur, J. E. (2006): Lernen und Verhalten. 6. überarbeitete Aufl. Pearson, München ■ Pauel, C., Urmoneit, I. (2015): Das Pferd im Therapeutischen Reiten. FN-Verlag der Dt. Reiterlichen Vereinigung, Warendorf, https: / / doi. org / 10.2378 / mup2015.art21d Die Autorin Tara Bai Wüste Clickertrainerin für Pferde, Ausgebildete Pferdephysiotherapeutin, B.A. in Sozialer Arbeit (i. A.), Bildungsreferentin der Lebenshilfe NRW e. V. im Bereich „Pferde & Tiere“ Teile des Artikels basieren auf der gemeinsamen Arbeit für einen Kurs mit ihrer Kollegin Linda Veltkamp. Kontakt Tara Bai Wüste · coaching@tarabai-wueste.de www.tarabai-wueste.de Abbildung 3: Wenn mitfühlend und verständnisvoll auf ein Nein eingegangen wurde, eröffnet sich wieder Raum für gemeinsames Erleben.
