eJournals mensch & pferd international16/1

mensch & pferd international
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1867-6456
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mup2024.art04d
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2024
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Forum/Praxistipp: Resilienz durch Körperarbeit mit und auf dem Pferd

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2024
Relana Beck
Bei diesem Beitrag handelt sich um die gekürzte Facharbeit zur Reittherapeutenausbildung bei Equimotion in Luxemburg 2022 mit folgender These: „Die Tellington-Arbeit und das Connected Riding erfüllen in besonderem Maße die Kriterien heilpädagogischer Interventionen mit Pferden zur Förderung der Resilienz.“ Die These wird in der Facharbeit durch die Erläuterung von Techniken aus den beleuchteten Methoden theoretisch untermauert und anhand von Praxisbeispielen in der Umsetzung beschrieben.
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mup 1|2024|21-38|© Ernst Reinhardt Verlag, DOI 10.2378 / mup2024.art04d | 21 Relana Beck Forum / Praxistipp Resilienz durch Körperarbeit mit und auf dem Pferd Tellington TTouch und die Connected Riding-Methode in pferdegestützten Interventionen am Beispiel Kinder der stationären Jugendhilfe Forum Definitionen und Überblick (Teil 1) Die Tellington-Methode Linda Tellington- Jones (LTJ, *1937) bewirkte und bewirkt noch ein Umdenken bei unzähligen Pferdebesitzern weltweit, indem sie zeigt, dass Pferde mitdenken und lernen können, wenn sie vertrauen. „Wir wollen nicht den Pferden zuflüstern, sondern das Flüstern der Pferde hören“ (Linda Tellington-Jones) Die Tellington-Methode basiert auf „Bewusstheit durch Bewegung“ und „Funktionaler Integration“ aus der Feldenkrais-Methode, die LTJ in den 1970er-Jahren auf die Arbeit mit Pferden übertrug. „Bewusstheit durch Bewegung“ (Feldenkrais 1996) sind verbal angeleitete Bewegungsexperimente, bei denen die SchülerInnen-Gruppe durch Bei diesem Beitrag handelt sich um die gekürzte Facharbeit zur Reittherapeutenausbildung bei Equimotion in Luxemburg 2022 mit folgender These: „Die Tellington-Arbeit und das Connected Riding erfüllen in besonderem Maße die Kriterien heilpädagogischer Interventionen mit Pferden zur Förderung der Resilienz.“ Die These wird in der Facharbeit durch die Erläuterung von Techniken aus den beleuchteten Methoden theoretisch untermauert und anhand von Praxisbeispielen in der Umsetzung beschrieben. Die Zielgruppe im Fokus sind Kinder der stationären Jugendhilfe, die Erfahrungen lassen sich jedoch gut auf andere Zielgruppen übertragen, da es um Ganzheitlichkeit und ressourcenorientierte, individuelle Förderung geht. Für die Arbeit mit Menschen, die schon früh in ihrem Leben traumatische Erfahrungen machen mussten, ist das Bewusstsein einer Resilienz, die in ihnen liegt und / oder die sie lernen und stärken können, sinngebend und richtungsweisend. Um die Komplexität dieser Thematik gut darstellen zu können gliedert sich der folgende Beitrag in drei Teile. 22 | mup 1|2024 Forum / Praxistipp: Beck - Resilienz durch Körperarbeit mit und auf dem Pferd Wahrnehmungsfragen eingeladen wird, ihr Denken, Fühlen und Handeln bis in den Kern zu erkunden und zu verändern. Bei der „Funktionalen Integration“ tritt der / die Feldenkrais-LehrerIn durch feine Berührungen und Bewegungssteuerungen in einen nonverbalen Dialog mit dem Schüler bzw. der Schülerin, die dadurch ihr Verständnis von Bewegungszusammenhängen erweitern und lernen, ihr Potenzial weiter auszuschöpfen. Tellington - Bodenarbeit LTJ suchte nach einer Möglichkeit, Pferden (deren Bewusstsein nicht wie bei der „Bewusstheit durch Bewegung“ über menschliche Sprache erreicht werden kann) über den Körper einen Zugang zu bewusstem, nicht instinktgesteuertem Handeln zu öffnen. Im „Playground of higher learning“ liegen Stangen in unterschiedlichen Formationen auf dem Boden, z. B. als Labyrinth. Die Pferde werden langsam hindurchgeführt und lernen ihr Bewegungspotenzial kennen, ihre Körper wahrzunehmen, geschickt zu organisieren und ihre Schritte bewusst zu setzen. Der Zuwachs an körperlicher Sicherheit wirkt sich auf die Befindlichkeit und das Verhalten aus. Ein körperlich und seelisch sicheres, ausbalanciertes Pferd im Vertrauen zu seinem Menschen ist auch für diesen sicherer, aufgeschlossener, kooperativer und leistungsfähiger. Tellington - TTouch Für die „Funktionale Integration“ arbeitet LTJ mit achtsamen Berührungen an bzw. besser mit Pferden. Die sogenannten Tellington TTouches setzen die Kommunikation zwischen den Zellen in Gang. Sie wirken entspannend, heilend, vertrauensbildend, verbindend. Nicht gewohnheitsgemäßen Bewegungen kommt dabei besondere Bedeutung zu, da sie zu neuen Verknüpfungen von Nervenzellen führen und so Lernprozesse in Gang setzen. Pferde bewegen z. B. ihre Ohren normalerweise nach vorne und hinten, klappen sie aber nicht seitlich weg. Werden die Ohren des Pferdes beim TTouchen zur Seite ausgestrichen („Ohrarbeit“) oder die Beine in großen Kreisen geführt („Beinkreise“) oder die Wirbel des Schweifes vorsichtig gegeneinander bewegt („Perlenschnur-TTouch“), ist dies nicht gewohnheitsgemäß und regt das bewusste Hinspüren und Lernen an. Im therapeutischen Setting wird gern der Muschel-TTouch verwendet, bei dem die Haut unter der weich anliegenden Hand in einem 1 ¼ -Kreis verschoben wird. Er ist vertrauensbildend für beide, Pferd und Mensch. Auch TTouches mit der Handrückseite eignen sich gut für die einfache, achtsame Kontaktaufnahme. Die umgedrehte Hand wirkt weniger offensiv („an-greifend“) für das Tier. Und beim ttouchenden Menschen werden andere, weniger gewohnte Rezeptoren angesprochen, wodurch er meist intensiver ins Spüren kommt. Durch die Intention des Menschen, der die TTouches ausführt, entsteht für beide, Mensch und Tier, ein besonderes Feld der Begegnung. „Leg dein Herz in deine Hände und deine Hände auf dein Pferd“ (Linda Tellington-Jones) Die Intention des Menschen beim TTouchen ist auch im Sinne der Resilienz insofern interessant, dass ein Pferd nicht „behandelt“ wird, sondern - und das gilt auch bei verletzten, kranken oder alten Pferden - das Zellgedächtnis angesprochen wird: Die Zellen werden an ihre Schönheit und ihre Perfektion erinnert. Abb. 1: Achtsam geführt im Lernparcours, Angie-Kurs 2022: mit Halsring wie auf dem Bild, frei oder mit Halfter und Leine in verschiedenen Führpositionen Forum / Praxistipp: Beck - Resilienz durch Körperarbeit mit und auf dem Pferd mup 1|2024 | 23 Die Connected Riding-Methode Connected Riding, das Reiten in Verbindung nach Peggy Cummings, ist ursprünglich maßgeblich von Tellington und Centered Riding inspiriert, hat sich aber zu einer umfassenden eigenen Methode entwickelt. Connected Riding eignet sich für alle Reiter und Pferde in allen Reitdisziplinen, indem es darauf abzielt, die funktionale Bewegung unabhängig von der Arbeit oder dem Niveau zu verbessern (Cummings 2023). Eine Vielzahl an Körperarbeitsübungen für Mensch und Pferd, im Stehen und in Bewegung, vom Boden und geritten, schulen die Wahrnehmung, differenzierte Bewegungen und eine feine körpersprachliche Kommunikation mit dem Pferd. Die Methode besteht aus den drei Säulen „Connected Movement“, „Connected Groundwork“ und „Connected Riding“. Connected Movement Connected Movement zeigt ReiterInnen, wie ihre eigene Körperhaltung die Bewegung ihrer Pferde beeinflusst. Sie lernen, Verspannungen loszulassen und „durchlässig“ zu werden, ein Begriff, der in der Reiterei sonst eher für die Pferde verwendet wird. Er meint die Fähigkeit, sich frei beweglich in allen Gelenken der dynamischen Bewegung beim Reiten anzupassen. Durchlässigkeit des Reiters / der Reiterin ist dann möglich, wenn er / sie in der neutralen Beckenposition sitzt und mit dem Oberkörper leicht in die Bewegungsrichtung fließt. Die Kommunikation wird fein, gezielt und weich statt mechanisch. Der Reiter / die Reiterin sitzt im Gleichgewicht über dem Schwerpunkt und unterstützt das Pferd in seinen Bewegungen, anstatt es zu blockieren und zu stören. Letztlich „trägt“ der Reiter / die Reiterin sich selbst, etwas, das vom Pferd gewünscht wird und zu dem es durch den so organisierten Reiterkörper eingeladen wird. Vergleichbar ist dies mit der Führung durch einen kompetenten, einfühlsamen Tanzpartner. Connected Groundwork Connected Groundwork ist ein System von Übungen, durch die der Mensch ein Bewusstsein für die Biomechanik des Pferdes entwickelt und das Pferd ein Bewusstsein für seinen Körper in der Bewegung. Der Mensch leitet das Pferd durch bestimmte Übungen an, seine „neutrale Position“ zu finden. Das Pferd lernt, sein Becken zu kippen, seinen Schwerpunkt in Richtung hinten zu verlagern, den Rücken aufzuwölben, mehr Gewicht mit der Hinterhand aufzunehmen und mehr Freiheit in der Bewegung zu finden. Es findet in eine „selbsttragende Haltung“. So baut das Pferd eine Muskulatur auf, die es ihm möglich macht, dem Reitergewicht zu begegnen und gesund zu bleiben. Die tiefliegende Rumpfmuskulatur ist dabei maßgebend. Die Core-(Kern-)Muskeln, die tief liegende Rumpfmuskulatur, liegt zwischen Zwerchfell und Hüfte. Zu ihr zählen die geraden und seitlichen Bauchmuskeln, der untere Rücken und die Hüftbeuger und -strecker. Bei aktivierter Core- Muskulatur wird Aufrichtung müheloser und der Abb. 2 & 3: Ganzheitlich berührt, Angie- Kurs 2021 Abb. 2 zeigt den Muschel-TTouch und Abb. 3 den Baby- Schimpansen- TTouch (Beide Abb.: Mara Luna van Well, Rösrath) 24 | mup 1|2024 Forum / Praxistipp: Beck - Resilienz durch Körperarbeit mit und auf dem Pferd Körper (von Mensch und Pferd) stabiler und zugleich beweglicher. Der „unabhängige Sitz“ wird möglich, d. h. die Körpervorder- und -rückseite (bzw. Ober- und Unterlinie beim Pferd) sind in ausgeglichener angemessener Grundspannung ohne Verspannung, und die Extremitäten können sich frei bewegen, wodurch eine gezielte feine Hilfengebung möglich wird. Connected Riding Das Kernstück von Connected Riding ist das Auflösen von Verspannungen in ReiterIn und Pferd durch aktives Bewegen. „Der Schlüssel zur Balance im Connected Riding liegt in der Bewegung.“ Der Schlüssel liegt hierbei in Schwingung, denn ein Muskel, der sich in Schwingbewegungen befindet, kann sich nicht verspannen. Bewegung und Erstarren schließen sich aus. Das Pferd, so Peggy Cummings, kann sich dadurch freier bewegen, seine Gelenke besser einsetzen und spürt den Reiter als lebendes, mit ihm agierendes Subjekt. Auch gegen Spannungsmuster im Pferd wird nach diesen Prinzipien vorgegangen, auch hier kommen die Schwingbewegungen zum Einsatz. Das Pferd lernt durch die Übungen, sein Gewicht von einer Seite auf die andere und zurück zu verlagern und von der Vorhand auf die Hinterhand. Genau wie dem Menschen wird dem Pferd ein neues Körpergefühl vermittelt. Ein sich in Bewegung etablierendes Körpergefühl, das mit jedem Schritt neu belebt werden kann. Über das Reiten mit inneren Bildern, d. h. zum Beispiel dem Visualisieren von Wurzeln an den Füßen zur Erdung oder einem Gummiband zwischen Brustbein und Steißbein, das der Reiter / die Reiterin ausdehnt, wird Muskulatur angesprochen, die willentlich nicht aktiviert werden kann (vgl. Core-Muskulatur). Tellington und Connected Riding für Kinder und Jugendliche Die sogenannten „Angie- Kurse“ sind ein pädagogisches Konzept, in dem die Philosophie und die grundlegenden Techniken von Tellington und Connected Riding vermittelt werden. In sieben aufeinander aufbauenden Angie-Kursen lernen Kinder und Jugendliche einen Zugang zum Pferd, der für beide Seiten, Mensch und Pferd, bereichernd und stärkend ist (Animal Ambassadors e. V. 2023). Für die therapeutische pferdegestützte Arbeit sind der Angie 1 und 2 ein guter Einstieg in den angstfreien Kontakt mit dem Pferd, Erlebnisse von Selbstwirksamkeit v. a. beim Führen sowie körperbewusstes Reiten. Interessierte Ausbildende / TherapeutInnen können sich in Weiterbildungen zum Angie-Trainer ausbilden lassen (Laudien 2023). Resilienz Resilienz (von lateinisch resilire: zurückspringen, abprallen) bezeichnet die Fähigkeit von Personen, auf Veränderungen mit Anpassung ihres Verhaltens zu reagieren, im Kern stabil zu bleiben (Core), Herausforderungen zu überstehen und ihr emotionales Gleichgewicht wiederzufinden oder sogar gestärkt aus einer Lebenskrise hervorzugehen. Der Resilienzforschung liegen die Fragen zu Grunde, 1. wie einige Kinder, die in einem durch Risikofaktoren gekennzeichneten Umfeld, z. B. in Armut, im Krieg und / oder mit Gewalt- oder Missbrauchserfahrungen aufwachsen, sich entgegen aller Er- „Connected Riding ist für mich ein einzigartiger Weg, Kommunikation und Verbindung körperlich zu erfahren und ins Leben zu integrieren. Reiten wird zu einem freudvollen Experimentierfeld für das „Rebalancing“ im Fluss der Bewegung (des Lebens), für mehr Stabilität bei mehr Flexibilität, für Kraft in der Ruhe, für das bewusste Lenken aus deiner Mitte, für gewaltfreie Kommunikation und für Partnerschaft“ (Beck 2023) Forum / Praxistipp: Beck - Resilienz durch Körperarbeit mit und auf dem Pferd mup 1|2024 | 25 wartung gesund, positiv und kompetent in ihrer Lebensführung entwickeln, und daraus abgeleitet 2. welche Faktoren förderlich für die Resilienz eines Menschen sind. Was führt dazu, dass wir an einer Belastung wachsen? Martin Seligman, Begründer der Positiven Psychologie, beschreibt dazu fünf Faktoren: positive Gefühlszustände, Engagement im Sinne eines vollkommenen Aufgehens in einer Tätigkeit, positive Beziehungen, Selbstwirksamkeit und das Schöpfen von Sinn aus dem Erlebten (Seligmann 2012). Judith Mangelsdorf ist die Direktorin der Deutschen Gesellschaft für Positive Psychologie. Ihr Forschungsfeld ist das posttraumatische Wachstum und die Anwendung der Positiven Psychologie in Krisen, z. B. im Kontext der COVID- Pandemie. Sie unterscheidet vier Reaktionsformen auf Belastung: Bei der Resilienz kehrt das System rasch wieder in den vorherigen Zustand an psychischer Funktionalität zurück. Ebenso bei der Erholung, jedoch erst nach tieferem Abfall und längerer Zeitdauer. Bei der PTBS bleibt die psychische Funktionalität nach dem traumatischen Ereignis schwach. Das Phänomen des posttraumatischen Wachstums beschreibt die Entwicklung, dass die psychische Funktionalität nach einer Zeit der Verarbeitung und Integration des traumatischen Ereignisses sogar höher wird als vor dem Ereignis. „Während also für eine resiliente Reaktion die Fähigkeit essenziell ist, emotionalen Stress herunterzuregulieren, ist für Wachstum […] die Hochregulierung emotionaler Ressourcen […] entscheidend. Aus diesem Grund ist der flexible Zugang und Umgang mit Emotionen unser übergeordneter Resilienzfaktor auf der psychisch-emotionalen Ebene. […] Inter-emotionale Flexibilität beschreibt die Fähigkeit, auf das gesamte Spektrum der Emotionen zugreifen zu können. […] Intra-emotionale Flexibilität zeichnet sich durch eine hohe Fähigkeit aus, die eigenen Emotionen zu regulieren (s. Gefühlsregulation)“ (Eilert-Akademie 2021). Erweiterung des Emotionsspektrums und gesunder Umgang mit Emotionen sind Inhalte heilpädagogischer Interventionen mit Pferden. Resilienzfaktoren Es gibt ein Konglomerat aus Schutzfaktoren und Persönlichkeitsmerkmalen, die sich positiv auf die Resilienz einer Person auswirken: ■ Persönlichkeit/ Personale Faktoren: Soziale Anpassungsfähigkeit, Offenheit und Kontaktfreude, Verantwortlichkeit, kognitive Fähigkeiten (z. B. Intelligenz, Interesse und Auffassungsgabe, positive Einstellung zum Lernen), angemessene Selbsteinschätzung, emotionale Fähigkeiten (z. B. Emotions- und Handlungskontrolle, Empathie), Flexibilität, Selbstregulationsfähigkeiten (Anspannung und Entspannung, Umgang mit Stress), das subjektive Empfinden von Selbstwirksamkeit und Kontrolle, Problemlösungsorientierung ■ Umweltfaktoren: sicher gebunden, stabile Beziehungen, stärkende Bezugsgruppen mit ähnlichen Interessen und starken Werten, förderliches Umfeld ■ Prozessfaktoren: Akzeptanz und Anpassung an Veränderungen, Problemlösestrategien wie Herunterbrechen in kleine Schritte und Perspektivwechsel, Anknüpfen an die eigenen Ressourcen und die Fähigkeit, Chancen und persönliches Wachstum in der Krise zu erkennen. Resilienz steht weder in kausaler Beziehung zu den Faktoren und Persönlichkeitsmerkmalen noch zu einer bestimmten Trainingsmethode. Dennoch lassen sich aus den Ergebnissen Facetten ableiten, um die individuelle Resilienzfähigkeit zu fördern (Eberle, 2019). Resilienzstärkende Faktoren können nicht nur im Kindesalter, sondern ein Leben lang trainiert und weiterentwickelt werden. Die Säulen der Resilienz In der Literatur sind verschiedene Säulenmodelle zu finden, 26 | mup 1|2024 Forum / Praxistipp: Beck - Resilienz durch Körperarbeit mit und auf dem Pferd welche die Faktoren darstellen, die sich förderlich auf die Resilienz auswirken (vgl. Nuber 1999; Wiebel 2022). Dabei ist zu beachten, dass ein Modell reduziert und abstrahiert; in der ganzheitlichen Arbeit werden immer mehrere Faktoren und Ebenen angesprochen: Pferde haben einen hohen Aufforderungscharakter. Durch ihre Bedürfnisse (Futter, Bewegung, Kontakt etc.) schulen sie Verantwortung und Handlungskompetenz. Allein durch ihre Größe konfrontieren sie Menschen mit ihren Ängsten und fördern somit Stressbewältigungsstrategien, wie z. B. Gefühle zu differenzieren und zuzugeben und ggf. um Hilfe zu bitten. Der Umgang mit Pferden vor allem in der Bodenarbeit erfordert realistische Selbsteinschätzung und klare, authentische Kommunikation. Ein Pferd durch einen Parcours zu führen oder reiten, lehrt vorausschauende Planung und Einschätzung eines Gegenübers und stärkt das Selbstwertgefühl. Vor allen beim Einsatz erlebnis- und naturpädagogischer Elemente geht es um Kreativität, das Erleben von Lebendigkeit, Sinnhaftigkeit und darum, sich als Teil einer Gruppe zu erleben. Liebe zum Tier verbindet. „Im vielgestaltigen sozialen Gefüge Pferd-Reiter, Reitschule-Reitlehrer, Reiter-andere Reiter und Pferde … bieten sich neue Möglichkeiten zur sozialen Integration, zu gegenseitigem Verständnis aus gemeinsamem Tun und Interesse“ (Heipertz-Hengst 1980, 19). Das Berühren des Pferdes mit seinen unterschiedlichen Fellstrukturen und Temperaturen, die Gerüche von Heu und Leder etc. stellen eine echte und unmittelbare, nicht kreierte, Wahrnehmungsförderung dar. Vom Pferd getragen zu werden ist Sensorische Integration, harmonisiert die Motorik und trainiert Körperbewusstsein und Raumlageorientierung. Die Nähe zum Pferd wirkt auf das vegetative Nervensystem und fördert die Ausschüttung des Bindungshormons Oxytocin. Ein Pferd zu putzen, mit verschiedenen Bürsten, verbessert die Hand-Auge-Koordination. Das Reiten bietet eine schöne Möglichkeit, den Wechsel von Aktivität und Entspannung direkt zu erleben. Gestaltung / Schulung des Umfelds ist Resilienzförderung auf der Beziehungsebene. Dabei wird über den begleiteten Kontakt zum Pferd die konstruktive Kommunikation zwischen Erziehungsperson und Kind geübt. Durch positives Pferdetraining kann mit dem effektiven Einsatz von Belohnungen experimentiert werden. Es entsteht ein geschützter Raum für Öffnung, Vertrauen und gemeinsames Lernen. Forum Connected Riding und Tellington als pferdegestützte Interventionen zur Förderung der Resilienz - die Säulen der Resilienz (Teil 2) Selbstwirksamkeit „Im Prinzip bedeutet Selbstwirksamkeit nichts anderes als das tief überzeugte Gefühl: ‚ Ich kann etwas bewegen! ‘ Wer glaubt und sieht, dass seine Taten mit Erfolgen gekrönt werden und in seiner direkten Umgebung Veränderungen bewirken, der gewinnt Vertrauen in sich selbst und seine Fähigkeiten. Wer weiß, dass er aktive Prozesse anstoßen kann, fühlt sich weniger hilflos und begibt sich weniger häufig in die Opferrolle“ (Eberle, B. 2019). Forum / Praxistipp: Beck - Resilienz durch Körperarbeit mit und auf dem Pferd mup 1|2024 | 27 Der Umgang mit Pferden ist Selbstwirksamkeitstraining mit direktem, ehrlichem Feedback. Ein Pferd in seiner Größe und Stärke mit kleinen Zeichen vom Boden oder vom Sattel aus lenken zu können, ist eine Erfahrung der Kraft, etwas (im wahrsten Sinne des Wortes) bewegen zu können. Bei der Connected-Arbeit hängt die (Selbst-) Wirksamkeit damit zusammen, den Fokus zu einem großen Teil - Faustregel 80 % - auf sich selbst zu richten: ■ präsent im Hier und Jetzt zu sein, ■ sich selbst zu spüren, ■ loszulassen / Bewegung in blockierte Gelenke zu bringen, ■ in den Bauch und den unteren Rücken zu atmen, ■ sich durch die Füße zu erden, ■ aus der Körpermitte zu agieren (Core-Aktivierung), ■ „Umpf“ zu entwickeln (Reiten wie eine „knackige Möhre“). Mit dieser Energie wird dem Pferd aktiv begegnet und anschließend beobachtet und nachgespürt, was sich verändert. „Kleine Schritte erleichtern das Bilden von Gewohnheiten. […] Wer Gewohnheiten hat, kann sich auf sich selbst verlassen und erlebt eines ganz gewiss: eine wachsende Selbstwirksamkeit“ (Eberle. 2019). Kleinschrittigkeit, bzw. das Prinzip „Vom Einfachen zum Komplexen“ und „Vom Leichten zum Schweren“ sind Grundlagen der Tellington-Arbeit. Beispiel: Verladetraining Möchte ein Pferd nicht in den Hänger steigen, werden die einzelnen Elemente des komplexen Themas „Hänger“ einzeln geübt. So kann das Pferd Vertrauen zum Menschen und sich selbst aufbauen, indem es über verschiedene Untergründe geführt wird, z. B. über Planen, Brücken oder Wippen oder zwischen und unter Planen durch. Wenn das Pferd Zeichen von Unsicherheit zeigt, bekommt es Zeit, innezuhalten und sich wieder zu beruhigen. Ggf. wird die Aufgabe noch weiter heruntergebrochen, bis es dem Pferd möglich wird, sie angstfrei zu bewältigen. Mit wachsendem Vertrauen und Körperbewusstsein können die Elemente kombiniert werden, z. B. zwischen gehaltenen Planen über die Brücke. Positive Zielformulierung wird in der Tellington-Arbeit viel geübt, weil davon ausgegangen wird, dass Tiere in Bildern denken und „nicht“ nicht verstehen - was bei ihnen ankommt, ist nur das Bild, das der Mensch im Kopf hat, ohne das „Nein“ dabei. Soll das Tier ein bestimmtes Verhalten nicht zeigen, braucht der es trainierende Mensch demnach ein Bild davon, was es stattdessen tun soll, ein positiv formuliertes Ziel. Reagiert z. B. ein Hund aggressiv auf andere Hunde, ist es hilfreich, wenn der Mensch am Abb. 4: Reiter und Pferd mit „aufrichtender Energie“, hier mit Halsring Abb. 5: über Brücken als Stufe des Verladetrainings 28 | mup 1|2024 Forum / Praxistipp: Beck - Resilienz durch Körperarbeit mit und auf dem Pferd anderen Ende der Leine statt „nicht wieder anspannen, knurren, angreifen“ besser möglichst konkret differenziert denkt „abwenden, atmen, regulieren, ruhig vorbei gehen“. So kann er den Hund unterstützen, in seiner (körperlichen und emotionalen) Balance zu bleiben, in einem großen Bogen um den anderen Hund herumzugehen etc. Im herkömmlichen Pferdetraining wird viel über Negativverstärkung gearbeitet, sodass es oft noch weniger vertraut ist und besonders geübt werden muss, positive Ziele zu verfolgen. „Ziele spielen für die Motivation und Nachhaltigkeit in Veränderungsprozessen eine tragende Rolle. Fokussieren wir uns innerlich auf etwas, das wir erreichen möchten, gilt: Je mehr uns dieses Ziel anzieht […], desto aktiver sind die auf den Neurotransmitter Dopamin reagierenden Gehirnareale. […] Diese Areale nennt man auch das neuronale Belohnungsnetzwerk. Ein erhöhter Dopaminspiegel wiederum steigert unsere Vorfreude auf ein zukünftiges Ereignis (Sharot, Shiner et al. 2009). Das Ergebnis ist ein sich verstärkender Kreislauf. Die auf diese Weise aktivierte Annäherungsmotivation lässt uns nach positiv assoziierten Situationen streben, anstatt unseren Fokus auf das auszurichten, was wir vermeiden wollen (Roseman 2008). Die treibende Kraft hinter dem explorativen Verhalten ist Dopamin. Es motiviert uns, neue Umgebungen zu erkunden und nach Veränderungen zu streben (Deyoung, 2013). […] Gleichzeitig fördert Dopamin auch Fähigkeiten wie Kreativität und kognitive Flexibilität, die wichtig sind, um uns an neue Umgebungen anzupassen (Klanker et al.). Ebenso begünstigt es divergentes Denken: offen, unsystematisch und experimentierfreudig Probleme anzugehen (Takeuchi et al.). Kurzum: Dopamin beschleunigt und verstärkt Lernprozesse. […] Die Wirksamkeitsforschung weist darauf hin, dass positiv formulierte Annäherungsziele (im Gegensatz zu negativ formulierten Vermeidungszielen) zu einer stärkeren Symptomverbesserung führen. So konnte eine Studie zum Beispiel zeigen, dass Depressionen in einer Therapie stärker abnehmen, wenn Patienten ihre Ziele positiv formulieren (Wollburg / Braukhaus 2010)“ (Eilert 2021). Die Ziele sollten individuell und ohne den sozialen Vergleich mit anderen entwickelt werden und erreichbar sein. Persönliches Wachstum folgt individuellen Maßstäben und braucht Zeit. „Viele Menschen sind gepolt auf schnelle Erfolge und wollen angestrebte Ziele möglichst rasch und sichtbar erreichen. Dieses Verhalten stellt gehirnbiologisch gesehen keinen übertriebenen Ehrgeiz dar, sondern ist vielmehr eine Facette der Impulsivität“ (Eberle 2019). Impulskontrolle Als weitere Facette der Selbstwirksamkeit wird erfahrbar, indem der Mensch sich bei der Tellington-Arbeit damit beschäftigt, wie er dem Pferd dazu verhelfen kann, nicht rein instinktgesteuert zu agieren. Das Fluchttier Pferd kann lernen, in einer stressbesetzten Situation z. B. durch Berührung (TTouches) körperliche Anzeichen von Stress zu reduzieren, z. B. den eingeklemmten Schweif locker zu lassen, den Kopf zu senken etc., was sich auf das Verhalten auswirkt: es denkt nach und greift auf Gelerntes zurück, anstatt zu fliehen (bzw. zu kämpfen oder zu erstarren). Durch diese Beobachtungen und Erkenntnisse kann der Mensch lernen, auch für sich selbst zu sorgen. Wenn er seine Anzeichen von Stress im Körper wahrnehmen kann, kann er diesen im nächsten Schritt durch bewusste Atmung etc. begegnen oder für sein subjektives Gefühl von Sicherheit sorgen, indem er z. B. an den Rahmenbedingungen etwas verändert, um Hilfe fragt etc. „Das fehlende Erleben von Selbstwirksamkeit scheint das Gehirn […] in einen archaischen Freeze-Modus zu versetzen, der uns den Blick für neue Möglichkeiten verstellt. […] Um auch in belastenden Lebenssituationen handlungsfähig zu bleiben und damit ein zentrales Merkmal der Resilienzfähigkeit zu besitzen, ist es wichtig, seine Selbstwirksamkeit aufrechtzuerhalten“ (Eberle 2019). Forum / Praxistipp: Beck - Resilienz durch Körperarbeit mit und auf dem Pferd mup 1|2024 | 29 Viele Pferde haben gelernt, dass ihnen keine Wahl bleibt, dass sich z. B.an einem wiederkehrenden Schmerz, den sie nicht einordnen können, nichts ändern lässt. Sie resignieren und „erstarren“ (erlernte Hilflosigkeit). Es ist ein prägendes Erlebnis, miterleben oder sogar dazu beitragen zu können, dass ein solches Pferd sich öffnen und einlassen und nochmal umlernen kann, wenn es „gehört“ und begleitet wird. Beim Connected Riding lernt der Reiter / die Reiterin, eigene Stress- und Verspannungsmuster aufzulösen. Wird z. B. das Pferd zu schnell und reagiert auf Zug am Zügel mit Gegenziehen, blockiert der Reiter / die Reiterin meist in den Hüftgelenken, atmet nur im oberen Brustbereich oder hält den Atem an, versteift die Wirbelsäule und hält sich evtl. sogar an den Zügeln fest. Manchmal werden auch als Angstreaktion die Beine nach oben gezogen (Embryohaltung), wodurch die Erdung und oft die Steigbügel verloren gehen. ■ Zügelkämmen: „Kämmt“ er / sie jedoch in einer gleitenden Bewegung die Zügel, wird das gegenseitige Festziehen aufgelöst. ■ Rotieren: Das Rotieren des Oberkörpers nach links und rechts macht den Rücken von ReiterIn und Pferd weicher und flexibler, dabei stabiler. ■ Wiggeln: Das „Wiggeln“, eine vibrierende Bewegung der Beine, löst die Hüftgelenke und lässt den Reiter / die Reiterin tiefer und geschmeidiger einsitzen und entsprechend einwirken. Die Füße lassen sich leichter erden, die Atmung geht bis in Bauch und Becken. Die Erfahrung, bei sich bleiben und dabei - dadurch! - einwirken zu können, stellt eine wichtige Ressource dar. „Und das subjektive Empfinden von Kontrolle identifizierte die Psychologin Martha Höfler jüngst in ihrer Dissertation als einen der 3 größten Resilienzfaktoren“ (Eberle, 2019). Gesunder Optimismus „Das Leben ist ein Ponyhof…“ „Nicht die realistische Sicht […], sondern die positive Verzerrung der Realität ist essenziell an der physischen und psychischen Gesundheit beteiligt“ (Eberle, 2019). Auch ohne die Einstellung, dass „das Leben ein Ponyhof“ ist, können die Pferde zu einer positiven Grundstimmung verhelfen. Sie sprechen alle Sinne an. Sie wecken bei vielen Menschen Kindheitserinnerungen. Sie können Humor und Lebensfreude aktivieren. Ihnen zu begegnen (zumindest bei möglichst artgerechter Haltung) bedeutet meist auch, draußen in der Natur zu sein. Pferdeliebe verbindet. Tellington ist eine ressourcenorientierte Arbeit. LTJ nennt Auffälligkeiten „interessant“. In der Philosophie der Methode ist eine möglichst wertfreie Grundhaltung verankert. Immer wieder wird ins Blickfeld gerückt, welches Potenzial vorhanden ist und wie es genutzt werden kann. Der Grundgedanke beim TTouchen, die Zellen an ihre Perfektion zu erinnern, schult eine positive innere Haltung. Optimismus ist der Ausdruck einer Einstellung zum Leben. Auf einer körperlichen Ebene bekommt diese Haltung eine Form, die vielleicht am besten durch mühelose Aufrichtung zu beschreiben ist. Das neutrale Becken beim Connected Riding und die Aktivierung der Core-Muskulatur führen zu einer Aufrichtung des Oberkörpers (beim Reiten, beim Stehen und beim Gehen) bei angemessener Grundspannung, zu Alignment und ökonomischer Grundspannung mit wenig Energieverlust. Gefühlsregulation Techniken der Gefühlsregulation wie beim EMDR, NLP oder Emotionscoaching wirken über Ressourcenanker. Der Klient/ die Klientin stellt sich eine positiv belegte Situation möglichst intensiv vor und nimmt Körperempfindungen und aufsteigende Emotionen wahr. „Spüren Sie sich […] möglichst intensiv 30 | mup 1|2024 Forum / Praxistipp: Beck - Resilienz durch Körperarbeit mit und auf dem Pferd in den Moment hinein. Was empfinden Sie dabei am stärksten: Glück? Erfolg? Entspannung? Liebe? Coaches bezeichnen diesen Zustand gern als ‚Moment of Excellence‘. […] Versuchen Sie herauszufinden, in welcher Region Ihres Körpers Sie den Moment of Excellence am intensivsten empfinden. Vielleicht als Gefühl der Weite im Brustkorb? Als aufrechte Haltung in Ihren Schultern? Als vitales Kribbeln in Ihrer Beinmuskulatur? […]“ (Eberle 2019). Erlebnisse von Verbindung und „Flow“ beim TTouchen oder Connected Riding können zu „Moments of Excellence“ werden, physische und psychische Ankersituationen, auf die bewusst zurückgegriffen werden kann, um Empfinden und Handeln in anderen Situationen positiv zu beeinflussen. Da die Regulation im Zusammenhang mit Entwicklungstraumata eine besonders große Rolle spielt, wird sie in dem Abschnitt „Tellington und Connected Riding in pferdegestützten Interventionen mit Kindern der stationären Jugendhilfe“ weiter ausgeführt. Verantwortung übernehmen Der bedürfnisorientierte Umgang mit Pferden beinhaltet nicht nur die Verantwortung für die Grundbedürfnisse der Tiere nach Futter, Wasser, Kontakt und Bewegung, sondern auch nach Anerkennung der Individualität, Würde, Persönlichkeitsentwicklung und ganzheitlicher Förderung der Gesundheit, auch bei Krankheit oder im Alter. Gesehen zu werden in seiner individuellen Schönheit und mit seinem Potenzial, bewirkt etwas in einem Lebewesen - aber auch in dessen Betrachter. Regelmäßig und dauerhaft Verantwortung dafür zu übernehmen, dass es den Pferden möglichst gut geht, lässt Selbstwirksamkeit erfahren; Fürsorge im Sinne liebevoller Öffnung für das Gegenüber öffnet auch für die Selbstwahrnehmung und Selbstfürsorge. TTouchen beinhaltet neben den technischen Ausführungen (Druckstärke, Bewegungsrichtung) auch, sich selbst wahrzunehmen, zu erden, zu atmen und für sich selbst zu sorgen (vgl. Faktor Achtsamkeit). Oft fühlt sich die gebende Person nach einer TTouch-Session selbst energetisiert, wenn ein meditativer Zustand eingetreten ist. Sozialkompetenz und Netzwerkorientierung „Die allererste und wichtigste Aufgabe des Gehirns ist (und bleibt zeitlebens) nicht das Denken, sondern das Herstellen, Aufrechterhalten und Gestalten von Beziehungen. Und zwar in einem doppelten Sinn: Indem sich ein Mensch mithilfe seines Gehirns mit dem, was außen passiert, in Beziehung setzt, werden im Gehirn ganz bestimmte Beziehungen zwischen den Nervenzellen hergestellt“ (Hüther 2006, 84). Im Beziehungsdreieck Pferd-KlientIn-TherapeutIn bestehen vielfältige Möglichkeiten für Beziehung und / oder um Beziehung zu beobachten. Das Vertrauensverhältnis Pferd-TherapeutIn trägt entscheidend zu dem geschützten Rahmen bei, in dem der Klient/ die Klientin mit sich selbst, dem Pferd, dem / der TherapeutIn und evtl. weiteren Personen (bei Gruppeninterventionen oder zufälligen Begegnungen mit anderen Menschen) in Beziehung treten kann. „Bislang steht fest, dass Beziehungen unser Stresslevel merklich verringern. […] So ist das soziale Netzwerk […] einer der entscheidenden Faktoren zum gesunden Leben [und beeinflusst den] Cortisol-Spiegel signifikant. [Es] zählt auch das bloße Bewusstsein, in einer Gemeinschaft aufgehoben zu sein. […] Wenn wir altruistisch handeln und anderen helfen, wird unsere Psyche ebenfalls gestärkt. […] Forscher entdeckten, dass Geschenke zu machen Glückshormone ausschüttet […] Dopamin und Serotonin, während gleichzeitig auch eine Erhöhung des Oxytocin-Spiegels beobachtet wurde. Dieses Hormon ist beim Menschen für ein wohliges Gefühl der Nähe und Bindung verantwortlich […]“ (Eberle 2019, 121). Berührung ist die ursprünglichste Form von Nähe. Forum / Praxistipp: Beck - Resilienz durch Körperarbeit mit und auf dem Pferd mup 1|2024 | 31 Mit den TTouches kann zwanglos mit Berührung experimentiert werden: zum einen sind die Berührungen mit TTouches so sanft, dass man „nichts falsch machen“ kann, zum anderen wirkt das Pferd als Medium, sodass Üben zwischen Menschen zwar für verbales Feedback und Selbstwahrnehmung Teil der Intervention sein kann, aber keinesfalls sein muss. Die einzelnen TTouches sind klar definiert, sodass „man weiß, was kommt“, ein Aspekt, der vor allem in der Arbeit mit traumatisierten Menschen enorm wichtig sein kann. Pferdegestützte Interventionen wirken unter anderem dadurch, dass das Feedback der Pferde ehrlich und direkt, aber nicht wertend ist. Die Beziehung zu einem Pferd erfordert Authentizität und ist authentisch, und sie findet im Hier und Jetzt statt. Menschen, die schlechte Erfahrungen mit Beziehung gemacht und/ oder eine Bindungsstörung haben, können schönen Kontakt neu erleben. Mit den TTouches und / oder den Connected Riding-Techniken bekommt der Klient/ die Klientin Mittel an die Hand, das Pferd in seinem Körper oder bei seiner Aufgabe zu unterstützen und erlebt sich selbst als selbstwirksam, kompetent und helfend. Viele der Techniken, besonders bei der Bodenarbeit, werden mit zwei Menschen an einem Pferd ausgeführt. Der Klient/ die Klientin kann sich dabei in unterschiedlichen Rollen ausprobieren: unterstützend / folgend, leitend, gemeinsame Konzepte im Team entwickelnd. Die Hemmschwelle, nach Hilfe zu fragen, sinkt, wenn jede(r) / jeder bzw. jedem mal hilft. Ziele und Visionen „Ein Merkmal, das bei der Definition von Resilienz stets mit von der Partie ist, ist das Zielen in die individuelle Zukunft. […] Warum Menschen mit festen Zielen sich als resilienter erweisen als Personen, die einfach in den Tag leben, ist nicht vollständig geklärt. Unter Umständen dienen Ziele als Kompass, der auch in schwierigen Zeiten die Richtung vorgibt“ (Eberle 2019,140). Die Auseinandersetzung mit Zielen kann in jeder Einheit einer pferdegestützten Intervention erfolgen. Dabei können übergeordnete oder konkrete, auf die Pferde bezogene oder persönliche Ziele im Vordergrund stehen. Setzt sich zum Beispiel ein Klient/ eine Klientin das Ziel, selbstbewusster durchs Leben zu gehen, könnte ein konkretes, daraus abgeleitetes Ziel für eine Stunde mit Pferd sein, es durch ein Labyrinth zu führen oder eine Runde mit Halsring zu galoppieren. Beim Coaching mit Connected Riding wird mit dem Bild eines Pferdes gearbeitet, um sich seiner Visionen - Hindernisse - und Ressourcen bewusster zu werden. Akzeptanz und Realität „Akzeptanz - in dieser Fähigkeit sehen die meisten Psychologen eine weitere Säule der Resilienzfähigkeit. Doch […] steht sie nicht im Widerspruch zur Selbstwirksamkeit? Denn wenn wir negative Umstände akzeptieren, hören wir vielleicht auf, sie verändern zu wollen. Aber ‚Akzeptanz‘ meint hier nicht ‚Resignation‘. Sie bezeichnet eher eine bewusste Haltung zur täglichen Realität“ (Eberle 2019). Mit etwas Humor betrachtet, lassen sich die vielen Stunden Misten, die man in einem Leben mit Pferden investiert, als äußerst erdende, nahezu meditative Tätigkeit einordnen - jedenfalls kommt man in Kontakt mit der „täglichen Realität“ … „[…] Glück im Jetzt ist allein die Fähigkeit, überhaupt eine sinnliche und mentale Verbindung zur Gegenwart aufzubauen. […] Achtsamkeit lautet hier das Stichwort, [sie entspricht] der vollen Konzentration auf den gegenwärtigen Moment. Und zwar, ohne diesen in irgendeiner Weise zu bewerten. Wer sich dieser Dimension öffnen kann, der kann die kreisenden Gedanken an Vergangenes und an Zukünftiges loslassen. [So] Meditierende befreien sich aus vorgefassten Denkmustern und empfinden die Realität als reicher. […] Physisch reduziert Meditation maßgeblich die Empfindung von Stress und von emotionaler 32 | mup 1|2024 Forum / Praxistipp: Beck - Resilienz durch Körperarbeit mit und auf dem Pferd Unruhe. Auch aus Untersuchungen […] weiß man, dass ein Gehirn im meditativen Zustand ähnliche Entspannung erlangt wie im Tiefschlaf.“ (Eberle 2019, 142) Eine Studie von Anna Wise mit dem „Mind Mirror“ in den 1970er-Jahren zeigte ein ähnliches Muster der Hirnwellen beim TTouchen - sowohl beim Ausführenden als auch beim Erhaltenden - wie im „Awakened Mind“-Zustand, der z. B. durch autogenes Training erreicht werden kann. „Der Hochleistungsgeist - der erwachte Geist - besitzt das Potenzial, optimale Bewusstseinszustände für mehr Kreativität zu nutzen; Selbstheilung; bessere allgemeine Gesundheit, Entspannung und Stressbewältigung; Lösung emotionaler Probleme; mehr Produktivität am Arbeitsplatz; Beziehungen verstehen und verbessern; größere Selbsterkenntnis; und spirituelle Entwicklung. Dieser Geisteszustand ist klarer, schärfer, schneller und flexibler als gewöhnliche Zustände. Denken fühlt sich eher flüssig als starr an. Emotionen werden verfügbarer und verständlicher, leichter zu bearbeiten und zu transformieren. Informationen fließen leichter zwischen der bewussten, unterbewussten und unbewussten Ebene. Intuition, Einsicht und Empathie nehmen zu und werden stärker in das normale Bewusstsein integriert. Mit einem erwachten Geist wird es einfacher, zu visualisieren und diese erhöhte Vorstellungskraft vielfältig auf die kreativen Prozesse anzuwenden“ (Wise, 1984). Achtsamkeit Die den Methoden Tellington und Connected Riding zugrunde liegende Philosophie sowie die verschiedenen Techniken sind eine Achtsamkeitsschule mit Pferden. „Was ist Achtsamkeit überhaupt? […] Das sind Augenblicke, in denen wir nur auf das Geschehen der betreffenden Sekunde konzentriert sind - physisch und mental. […] Nach Momenten des Eins-Seins mit dem Jetzt fühlen wir uns häufig überraschend erholt. Selbst wenn sich die Aufgabe, die uns ganz in die Gegenwart gezwungen hat, durchaus anspruchsvoll zeigte. […] - jeder ist in der Lage, sich in eine achtsame Haltung zu versetzen und sich in einem einzelnen Moment seiner Existenz völlig gewahr zu werden“ (Eberle 2019, 143). „Momente des Eins-Seins mit dem Jetzt“ (s. o.) entstehen beim TTouchen und beim Reiten mit Achtsamkeit. Das Eins-Sein bezieht sich dabei auch auf die Verbindung zum Pferd: beim Reiten ist es das Verschmelzen in der Bewegung, bei den TTouches das Berühren „des Kerns des anderen Wesens“. Und kommen erlebnispädagogische Aspekte dazu, wenn z. B. im Gelände geritten wird, kann auch das Eins-Sein mit der Natur - ich als Teil des Ganzen (Kosmos) - empfunden werden. Bei Achtsamkeitsübungen spielt die Atmung eine zentrale Rolle. „Durch die richtige Atemtechnik lässt sich unser Organismus vegetativ beruhigen, sodass der Blutdruck sinkt und der Puls ruhiger wird. […] Die Bauchatmung ist wesentlich energieeffizienter und führt zu ruhigeren Atemzügen. […] Das hat eine direkte Wirkung auf unser Empfinden“ (Eberle 2019, 154). Dementsprechend gehört die Atmung zu den neun zentralen Elementen bei Tellington TTouch: In der neutralen Beckenposition des Connected Riding wird Bauchatmung, bzw. Atmen bis ins Becken möglich. Das Zwerchfell dehnt sich zugunsten der Lungenkapazität in den Bauchraum Abb. 6: Die neun Elemente des Tellington TTouch Intention Feedback Erdung Atmung Haltung Pause Tempo 1-3 sec. Druck 1-6 Slide Verbindung Trust Touch Forum / Praxistipp: Beck - Resilienz durch Körperarbeit mit und auf dem Pferd mup 1|2024 | 33 aus. Der untere Rücken des Reiters / der Reiterin entspannt und füllt sich, was wiederum das Pferd einlädt, den Rücken aufzuwölben. Kreativität „Unter Kreativität versteht man im Rahmen von Resilienzfähigkeit [die] Fähigkeit, kreative Lösungen für die Probleme des Lebens zu ersinnen. Kreativität heißt dann Flexibilität. Und Flexibilität ermöglicht die Anpassung an schwierige Lebensumstände, was wiederum ein wichtiger Resilienzfaktor ist.“ Wie bereits beim Thema Selbstwirksamkeit beschrieben, schult v. a. die Tellington-Bodenarbeit die Entwicklung von Problemlösestrategien. Beschrieben wurden bereits das Herunterbrechen in kleine Schritte und das Ent-Stressen. Zu jeder Herausforderung gibt es verschiedene Lösungen - dieser Grundsatz fördert kreatives Denken. Es wird, gern auch gemeinsam mit anderen, ein Plan entwickelt und experimentiert und ggf. flexibel vom Plan abgewichen. „Was ich anstrebe, sind nicht bewegliche Körper, sondern bewegliche Gehirne. Was ich anstrebe, ist, jeder Person ihre menschliche Würde wiederzugeben.“ (Feldenkrais) Die Flexibilität wird auch auf einer körperlichen Ebene gefördert. Am Beispiel Pferd lässt sich dies leicht aufzeigen: Ein verspanntes Pferd (z. B. Kopf hoch, Rücken tief, feste Muskulatur, wenig Kooperationsbereitschaft) kann sich in seinen Mustern - körperlich und im Verhalten - verändern, wenn es bewusst durch ein Labyrinth geführt wird. Im Moment der Biegung und Neuorientierung senkt es meist den Kopf, Blick und Körper werden weicher, und das Pferd lässt sich leichter führen. Der Parcours der Tellington-Bodenarbeit wird entsprechend „Playground of higher Learning“ genannt und die ausgelegten Hindernisse aus Stangen „Fördernisse“. Ein Reiter / eine Reiterin in einem Moment von „Connection“ macht die spannende Erfahrung von Flexibilität und Stabilität zur gleichen Zeit. Dies ermöglicht ein aufrechtes, ruhiges und entspanntes Sitzen auf dem Pferd in der Bewegung sowie den Dialog mit dem Pferd mit feinen Hilfen. Der korrekte Sitz des Reiters ist laut FN über bestimmte gedachte Linien definiert. Das Lot, gefällt durch das Ohr - Schulter - Hüfte - Ferse, der Absatz ist der tiefste Punkt. Diese Vorstellung kann zu einem statischen Sitz führen. Reiten ist aber nicht statisch, sondern dynamisch. Die Ruhe im Sitz entsteht aus der Beweglichkeit und der Flexibilität, sich an Bewegungen anzupassen. Eine „Übersetzung“ der Terminologien in die Sprache von Connected macht verständlich, was „Gerade-Sitzen“ meint: Welle und Wind Der Reiter / die Reiterin stellt sich vor, mit dem Unterkörper im Wasser zu stehen und einer Welle zu begegnen, die von hinten aufs Kreuzbein trifft. Von vorne kommt Wind in Richtung Brustbein. Welle und Wind können auch durch die Hände eines Partners / einer Partnerin simuliert werden, an Sternum und Sacrum aufgelegt. Zwischen diesen beiden Händen dehnt sich der Reiter / die Reiterin nach vorne oben und Abb. 7: In einer Connected Reitstunde wird im Oberkörper rotiert und in die Bewegungsrichtung geflossen, im Bein vibriert und in den Armen geschmolzen. (Abb.: Mara Luna van Well, Rösrath) 34 | mup 1|2024 Forum / Praxistipp: Beck - Resilienz durch Körperarbeit mit und auf dem Pferd hinten unten aus. Es entsteht Aufrichtung ohne Starre und Weite für Atmung und Präsenz. Die Beine können nun frei beweglich mit geerdeten Füßen nach unten sinken. Für mich persönlich war das größte Aha- Erlebnis beim Connected Riding das Prinzip von Re-Balancing: es gibt Momente von Balance und Verbindung in der Bewegung, sie gehen verloren, sie werden wieder kreiert und gefunden. Im fortschreitenden Lernen werden diese Momente häufiger und länger. Re-Balancing ist körperlich erlebte Resilienz. „Der menschliche Körper ist in seiner Balance angreifbar, physisch, aber auch psychisch werden wir durch die Belastungen des Alltags aus unserer Bahn geworfen. Wir werden schief in der Wirbelsäule und verlernen ganz buchstäblich den aufrechten Gang. Wenn wir diesen aus der Balance geratenen Körper auf ein Pferd setzen, das womöglich eine eigene Schiefe und Dysbalance mitbringt - wie sollen zwei verstimmte Instrumente ein wohlklingendes Duett spielen? Hier setzen viele Therapien an. Sie alle haben das Ziel, uns wieder zu aufrechten Menschen mit gesundem Rückgrat zu machen. Hier setzt auch Connected Riding an, mit der Grundannahme, dass nur ein Reiter in dynamischer Balance ein balanciertes Pferd hervorbringen kann. Und: Nur ein balanciertes Pferd ist ein Pferd, das seinen Reiter widerspruchslos und gesund bis ins hohe Alter tragen kann. […] Peggy Cummings’ Körperarbeit für den Menschen lehrt, unsere Balance zu finden, den Unterschied zu erspüren und wahrzunehmen und dann durch Ausprobieren und Selbstkontrolle unseren Körper immer wieder in diese gefundene Balance zu bringen. Diese Balance ist keine statische, denn ‚das einzig Beständige ist der Wandel‘.“ (Cummings 2023). Praxistipp Tellington und Connected Riding in pferdegestützten Interventionen mit Kindern der stationären Jugendhilfe - ein Ausblick in die Praxis (Teil 3) Auswirkungen eines Entwicklungstraumas auf Kinder Bei den Kindern, die aus stationären Jugendhilfeeinrichtungen zur Reittherapie kommen, wird von „sozial-emotionalem Förderbedarf“ gesprochen und die für die Arbeit mit den Pferden formulierten Ziele drehen sich meistens um die Regulation von emotionalen Zuständen. Häufig liegen Verhaltensauffälligkeiten vor, aber auch physische und physiologische Dysbalancen wie ein hohes Erregungsniveau, Hyper- oder Hypotonie etc. Bei den meisten Kindern kann man von einem Entwicklungstrauma ausgehen. Folgend sind Symptome aufgelistet, die Kinder mit Entwicklungstrauma häufig zeigen, unter Stress oft noch verstärkt. Dies gilt es zu berücksichtigen, bzw. ergeben sich daraus Ziele, die das Grobziel „Regulation emotionaler Zustände“ konkretisieren. Sicherheit Für pferdegestützte Interventionen mit Kindern mit Entwicklungstrauma ist es entscheidend, wie sicher sich das Kind erlebt. Der Kontakt zu den Pferden birgt ein riesiges Entwicklungspotenzial, wenn die Kinder sich Forum / Praxistipp: Beck - Resilienz durch Körperarbeit mit und auf dem Pferd mup 1|2024 | 35 öffnen und einlassen - sich zu öffnen bedeutet aber auch, sich einen Schritt aus der vermeintlich sicheren Komfortzone zu wagen, vielleicht sogar weg von manifestierten Überlebensstrategien. „Entwicklungstraumata haben […] einen sehr spezifischen Einfluss auf die Fähigkeit, Sicherheit wahrzunehmen, eine physiologisch verankerte Regulation zu entwickeln und auf eine verlässliche Wahrnehmung der eigenen Erfahrungen. […] wer als Kind so viele Jahre in einem Gefühl der Unsicherheit gelebt hat, hat eine traumatisierte Physiologie, [eine Überlebensphysiologie,] die auf Selbstschutz geeicht ist und automatisch in diese Richtung ausschlägt, selbst wenn die Bedrohung gar nicht so stark ist. Die Reaktion erfolgt schon bei den kleinsten Anlässen, bringt das Herz zum Rasen und löst den plötzlichen Drang aus, wegzurennen. Dies kann sich zu einem Totstellreflex steigern, in dem man nicht mehr denken, reflektieren oder auf die Umwelt eingehen kann.“ (Kain 2020) Regulation Nicht aufgearbeitete Entwicklungstraumata können sich bis zur Psychose aufschaukeln, zu Dissoziation oder Störungen wie der Borderline-Persönlichkeitsstörung. „Das am stärksten verbreitete Symptom des Traumaspektrums ist jedoch die Depression. […] Laut dem DSM (Diagnostisches und statisches Manual psychischer Störungen) kennzeichnet sich eine Depression unter anderem durch das Gefühl der Hilflosigkeit, Konzentrationsstörungen, Desinteresse, Schlaflosigkeit und Selbstmordgedanken. Verorten wir die Depression im Spektrum des Entwicklungstraumas, bekommen ihre Symptome einen anderen Kontext: Sie sind dann eher Ausdruck der grundlegenden Dysregulation, die häufig auf das Kindheitstrauma zurückgeht, aber eben auch Ausdruck des Ohnmachtsgefühls, das ein ganz wesentlicher Bestandteil der eigentlichen Traumatisierung ist. […] je eher wir uns auf die äußeren Anzeichen für ein frühes Trauma einstellen können, umso besser können wir die Entwicklung einer gesunden Regulation bei unseren KlientInnen unterstützen und dafür sorgen, dass sie resilienter werden“ (Kain 2020). Co-Regulation Im frühen Kindesalter lernt ein Kind in einer gesunden Entwicklung die Selbstregulation allmählich durch Co-Regulation durch die Bezugsperson. Hat ein Kleinkind z. B. Angst oder Schmerzen und wird beruhigt und getröstet, lernt es, das eigene vegetative Nervensystem zu beruhigen und einzuschätzen, wieviel Gefahr von einer Situation tatsächlich ausgeht. In der Arbeit mit entwicklungstraumatisierten Menschen übernimmt der Therapeut/ die Therapeutin in der Rolle einer späten Bezugsperson die Co-Regulation. Im Kontakt mit dem Pferd entstehen nicht zuletzt beim Reiten immer neue, authentische Situationen, in denen beim Klienten / bei der Klientin Unsicherheit entsteht. Wenn der Therapeut/ die Therapeutin im guten Vertrauensverhältnis zum Pferd steht, kann der Klient/ die Klientin sich an seiner / ihrer Verhaltensweise orientieren. So, wie ein sicher gebundenes Kind sich bei der Mutter rückversichert, ob alles in Ordnung ist. Für den Therapeuten / die Therapeutin bedeutet dies: „Für die Arbeit mit dem Entwicklungstrauma brauchen auch wir unbedingt die Fähigkeit zur Selbst- und Co-Regulation. Das ist das Allerwichtigste, da wir während des Behandlungsprozesses die Rolle der Bezugsperson übernehmen. Wir werden zur ‚sicheren Basis‘ unserer KlientInnen, gemeinsam entwickeln wir neue Nervenbahnen für die Regulation“ (Kain 2020). Genau an dieser Stelle greift das Konzept der Arbeit mit Tellington und Connected Riding einmal mehr. Die Beschäftigung damit, gemeinsam einen sicheren Rahmen für die Pferde und jede Person der Gruppe zu schaffen, öffnet für jeden der Beteiligten (Klient-Therapeut-Pferd im Beziehungsdreieck) den Raum, in dem er / sie Stress regulieren und lernen kann. Einen sicheren Rahmen zu schaffen, impliziert auch die ehrliche Auseinandersetzung mit den individuellen Gren- 36 | mup 1|2024 Forum / Praxistipp: Beck - Resilienz durch Körperarbeit mit und auf dem Pferd zen sowie Transparenz und Kongruenz des Therapeuten / der Therapeutin (Pferde bringen diese Eigenschaften schon mit, was ebenfalls Sicherheit vermittelt): „Wer früh im Leben traumatisiert wurde, konnte meistens nicht auf das Gefühl von Sicherheit bauen und wird diese aufgrund des Mangels an einem eindeutigen Referenzsystem nicht wahrnehmen können, erst recht nicht in Beziehungen. Diese Menschen verfügen notgedrungen über ein sensibles Sensorium für Unstimmigkeiten im Verhalten, in der Kommunikation, im Ton, im Gesichtsausdruck und in der Körperhaltung. Auch gegenüber ihrem Therapeuten, dessen Verhalten und Mimik sie scharf beobachten und skeptisch nach verborgenen Motiven absuchen, für den Fall, dass sie von ihm nicht verstanden, enttäuscht oder gar im Stich gelassen werden. […] Meist sind Dysregulation und das Bedürfnis nach Vorhersehbarkeit vom Ausmaß her antiproportional voneinander abhängig. Je stärker jemand dysreguliert, chaotisch oder „außer Kontrolle geraten“ ist, desto größer ist das Bedürfnis nach einem berechenbaren äußeren Umfeld, das ein Gefühl von Sicherheit vermittelt und wo man die Fähigkeit lernen kann, sich einzulassen“ (Kain 2020). „Life begins at the edge of your comfort zone.“ (Donald Walsch) Mit zunehmender Regulationsfähigkeit wird das „Toleranzfenster“ größer, in dem der Klient/ die Klientin auf Reize reagieren kann, ohne zu sehr in Stress zu geraten. Er / sie hat interne Mechanismen, sich psychisch und physisch wieder in Balance zu bringen. „Die Rückkehr zur Stabilität wird anfangs Mühe kosten und viel Unterstützung benötigen, wird mit der Zeit aber immer einfacher. Wird dieser Prozess häufig wiederholt, entsteht schließlich Resilienz“ (Kain 2020). Berührung „Nichts ist so förderlich für die Resilienz wie der Körper.“ (Levine) Viele Forschungsergebnisse belegen, dass ein Mangel an Berührung in der Kindheit ebenso verheerende Auswirkungen auf die Entwicklung hat wie Misshandlung oder Missbrauch und zwar auf das Immunsystem, Hormone (v. a. Cortisol und Oxytocin), Biochemie, Gehirnaktivität und die Regulation physischer und emotionaler Impulse. „Wenn wir uns in der Therapie auf die Regulation und regenerative Berührung konzentrieren, ist es […] möglich, einige der aufgrund Vernachlässigung entstandenen neurologischen und physiologischen Fehler zu korrigieren. […] Angemessene, gefahrlose und ethisch vertretbare Berührungen ermöglichen es, Bindungsstörungen zu beheben, eine gesundere und präzisere Interozeption zu fördern, ein Gespür für Sicherheit und Verbundenheit zu entwickeln, besser Zugang zu Co- und Selbstregulation zu bekommen und chronische somatische Schamgefühle zu überwinden. Durch Berührung lernen KlientInnen, angemessene Grenzen zu erkennen und zu setzen. Sie können sich als Handelnde erfahren und bestimmen, wie, wann und welche Art der Berührung erfolgt“ (Kain 2020). Trotzdem ist Berührung im therapeutischen Setting nach wie vor umstritten, teilweise nicht erlaubt und vor allem dann heikel, wenn sie bereits negativ belegt ist. Wenn das Pferd als Medium dazukommt, wird berühren und das Gespräch über Berührung einfacher - ethisch-rechtlich und bei Hemmungen im zwischenmenschlichen Kontakt. Die achtsamen TTouches haben den großen Vorteil der Vorhersehbarkeit (siehe oben), da sie klar umrissene Techniken sind. Wenn am Menschen für das Pferd geübt wird, liegt der Fokus auf dem verbalen Feedback, das der Mensch geben kann, d. h. es geht darum, was er spürt und wie er es empfindet. Immer bleibt die Wahl zwischen unterschiedlichen Körperstellen, Druckstärken, Geschwindigkeiten - und die Möglichkeit, wieder oder die ganze Zeit mit dem Pferd zu arbeiten. Weil es nur um die individuelle Empfindung geht, gibt es kein „falsch“. TTouches können auf der Jacke oder dem Pullover ausgeführt werden Forum / Praxistipp: Beck - Resilienz durch Körperarbeit mit und auf dem Pferd mup 1|2024 | 37 oder mit einem Hilfsmittel wie einem Ball, einem Fell, einem Handschuh, es muss also kein direkter Haut-zu-Haut-Kontakt stattfinden. Die Tellington-Körperbänder sind „Fühlhilfen“, mit denen die Bewusstheit auf bestimmte Körperregionen oder -haltungen gelenkt werden kann. Sie werden z. B. verwendet, um einem jungen Pferd ein Gefühl für die Verbindung seiner Vor- und Hinterhand in der Bewegung zu ermöglichen sowie ggf. es langsam an einen Sattelgurt zu gewöhnen. Beim Reiter / der Reiterin helfen die Körperbänder z. B., sich einer Tendenz zum Hohlkreuz oder zu eingerollten Schultern bewusst zu werden und ein neues Körpergefühl zu erfahren. Manchmal werden sie auch (von Mensch oder Pferd) einfach wie ein sicherer Rahmen oder eine Umarmung wahrgenommen und helfen, „bei sich“ zu bleiben. Im therapeutischen Setting haben sie den Vorteil einer Berührung, für die nicht „angefasst“ werden muss. Vor allem auch in der Arbeit mit Menschen mit Autismus-Spektrums-Störungen können sie ein Werkzeug darstellen für Berührung, Erleben und mögliche Verhaltensänderung. Sinnhaftigkeit (Kohärenz) entsteht durch Berührung - Berührbarkeit - in einem übergeordneten Verständnis. Resiliente Menschen sind nicht die besonders „zähen“, sondern zeichnen sich häufig durch besondere Empathie, Verbundenheit (z. B. zur Natur) aus oder dadurch, dass sie einen Sinn im Leben - mit seinen Herausforderungen erkennen Tellington-TTouches sind Berührungen, die das Gefühl, authentisch, stimmig und im Einklang zu sein, transportieren. „Der Soziologe Aaron Antonovsky prägte für dieses Gefühl den Begriff Kohärenz - einen Zustand, in dem wir uns gut und zufrieden fühlen. Im Rahmen seiner wissenschaftlichen Studien zur Salutogenese (Entstehung und Erhaltung von Gesundheit) definierte er das Kohärenzgefühl als entscheidende Variable, um bei Herausforderungen und Krisen stark und widerstandsfähig zu bleiben und besser mit Stressoren umgehen zu können. (…) Abb. 10: Gemeinsam das Pferd entspannen mit TTouches, Angie- Kurs 2022: Beim TTouchen, Mensch-Pferd oder Mensch-Mensch, kommt es oft dazu, dass die Atmung beider sich angleicht. Auch dies fördert die Entwicklung von Regulationsfähigkeit. Abb. 8: Jungpferd mit Brücken- Körperband (Abb.: Mara Luna van Well, Rösrath) Abb. 9: Tellington- Körperband für Aufrichtung und Weite zwischen den Schultern 38 | mup 1|2024 Forum / Praxistipp: Beck - Resilienz durch Körperarbeit mit und auf dem Pferd Ein stark ausgeprägtes Kohärenzgefühl trägt dazu bei, dass Menschen flexibel auf Herausforderungen reagieren, indem sie die nötigen Ressourcen aktivieren“ (Heller 2017) Literatur ■ Animal Ambassadors e. V. (2023): Angie® - Jugendreitkurse. Mehr als ein Reitkurs. In: https: / / angie-jugendreitkurse.de/ . 29.09.2023 ■ Beck, R. (2022): Resilienz durch Körperarbeit mit und auf dem Pferd. Tellington TTouch und die Connected Riding-Methode in pferdegestützten Interventionen am Beispiel Kinder der stationären Jugendhilfe. Facharbeit zur Erlangung des Zertifikats als Reittherapeutin bei Equimotion ■ Beck, R. (2023): Relana Beck about connected riding. In: https: / / www.connectedriding.com/ instructor/ relana-beck. 29.09.2023 ■ Cummings, P. 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In: https: / / www. agilienz.de/ blog/ resilienz/ . 29.09.2023 Die Autorin Relana Beck Dipl.-Sportwiss., Dipl.- Soz.päd., Instruktorin für Connected Riding®, Tellington®-Practitioner 3, Equimotion- Reittherapeutin, Angie-Reitpädagogin und Dozentin für verschiedene Schwerpunkte der tiergestützten Arbeit. Kontakt Eschenweg 2 · 57078 Siegen · info@wachsen-mit-tieren.de