mensch & pferd international
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1867-6456
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mup2024.art15d
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Stichwort: Tierärztliche Behandlung von Pferden
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Lisa Tometten
Bitte versetzen Sie sich in folgende Lage: Sie haben bei Ihrer Zahnärztin einen Termin für eine Wurzelbehandlung. Da es die erste Behandlung dieser Art für Sie ist, wissen Sie nicht, was Sie erwartet. Als Sie in der Praxis ankommen und im Behandlungszimmer warten sollen, malen Sie sich aus, was alles passieren wird. Nun schlage ich Ihnen zwei Alternativszenarien vor:
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mup 3|2024|123-127|© Ernst Reinhardt Verlag, DOI 10.2378 / mup2024.art15d | 123 Lisa Tometten Stichwort Tierärztliche Behandlung von Pferden Eine Einführung in das Medical Training Bitte versetzen Sie sich in folgende Lage: Sie haben bei Ihrer Zahnärztin einen Termin für eine Wurzelbehandlung. Da es die erste Behandlung dieser Art für Sie ist, wissen Sie nicht, was Sie erwartet. Als Sie in der Praxis ankommen und im Behandlungszimmer warten sollen, malen Sie sich aus, was alles passieren wird. Nun schlage ich Ihnen zwei Alternativszenarien vor: 1. Ihre Ärztin kommt herein und startet nach einem kurzen Small Talk mit der Behandlung. Bei einigen Aktionen spüren Sie Druck, bei einigen schmerzt es. Sie versuchen sich zu äußern, können es aufgrund der Geräte in Ihrem Mund aber nicht. 2. Ihre Ärztin klärt Sie darüber auf, was als nächstes passieren wird. Sie vereinbaren, dass Sie die Hand heben, wenn es zu viel ist. Dann wird Ihre Ärztin die Behandlung unterbrechen und erst fortfahren, wenn Sie bereit sind. Welches Szenario würden Sie wählen? Für einige von Ihnen wird es vielleicht egal sein. Sie haben keine Angst vor dem zahnärztlichen Besuch und denken sich „Augen zu und durch“ - wird schon passen! Für andere von Ihnen ist es wichtig, nicht überrumpelt zu werden und zu wissen, was mit Ihnen passiert. Diese Personen entscheiden sich normalerweise für Szenario 2. Dieses Beispiel lässt sich zwar nicht eins zu eins auf Pferde (und andere Tiere) übertragen, es gibt aber viele Parallelen. Die tierärztliche Behandlung kann durch Medical Training (= Behandlungstraining, medizinisches Training) in Kooperation mit dem Pferd gestaltet werden (vgl. Szenario 2). Im Folgenden nehme ich Sie mit in die Welt des Medical Trainings, erkläre die Grundlagen, gebe ein Anwendungsbeispiel und mache Ihnen im besten Fall Mut und Neugier, sich weiter mit dem Thema zu beschäftigen. Im Rahmen dieser Zeitschrift beziehe ich mich dabei nur auf Pferde. Medical Training ist aber natürlich ebenso mit anderen Tieren durchführbar. Ziel des Medical Trainings ist eine entspannte und kooperative tierärztliche Behandlung des Pferdes. In diesen Prozess sind der / die TierärztIn, der / die PferdehalterIn (bzw. die in dem Moment betreuende Person) und das Pferd aktiv eingebunden. Um dieses Ziel zu erreichen, findet vorheriges belohnungsbasiertes Training statt, in dem das Pferd alle nötigen Verhaltensweisen erlernt und mit wichtigen Reizen konfrontiert wird, die in der Behandlung vorkommen. In Absprache mit dem / der TierärztIn wird die Behandlung so Dieser Artikel entstand in Kooperation mit Ina Keckstein und Iris Starnberger und ist als erster einer kleinen Reihe zu verstehen. In den kommenden Heften folgen Beiträge mit einem detaillierteren Einblick in das Medical Training und einem Fokus auf pferdegestützten Interventionen. Anmerkung 124 | mup 3|2024 Stichwort: Tometten - Tierärztliche Behandlung von Pferden gestaltet, dass das Pferd kooperieren und aktiver Teil des Geschehens sein kann. Wer profitiert von Medical Training? Das oben genannte Beispiel macht deutlich, dass nicht alle Pferde Medical Training benötigen. Es gibt viele Pferde, die in ihrem Leben positive Erfahrungen mit tierärztlichen Behandlungen gemacht haben, die insgesamt einen gelassenen Charakter aufweisen und alles entspannt über sich ergehen lassen können. Ich habe selbst so ein Exemplar zuhause und hätte bei ihr kein Medical Training gebraucht. Nichtsdestotrotz habe ich es ihr und mir „gegönnt“ und habe als Resultat ein Pferd, das sich jedes Mal auf die tierärztliche Behandlung freut, gerne als erstes dran sein möchte, den Kopf eigenständig in die Halterung zur Zahnbehandlung steckt und den Hals bereitwillig für eine Spritze hinhält. Es gibt aber auch viele Pferde, die in der Vergangenheit bereits schlechte Erfahrungen gemacht haben, schnell reizüberflutet sind und mit Abwehrstrategien wie Beißen, Treten, Flüchten, etc. auf die tierärztliche Behandlung reagieren. Und die Folgen sind nicht nur für die Pferde, sondern auch für die BehandlerInnen enorm: In einer britischen Studie gaben 95 % der befragten TierärztInnen an, mindestens einmal im Monat mit einem schwierigen Pferd zu tun zu haben. 81 von ihnen wurden in den letzten fünf Jahren von einem Pferd verletzt (Pearson et al. 2021). Und dann gibt es auch noch die Pferde, die sich zwar nicht wehren, aber Stressanzeichen und Unwohlsein zeigen und dementsprechend ebenfalls von Medical Training profitieren können. Neben den TierärztInnen und Pferden gibt es darüber hinaus einen großen Mehrwert für die PferdehalterInnen und anderen Personen, die mit dem Pferd trainieren und Zeit mit ihm verbringen: Medical Training macht Spaß und bringt Erfolgserlebnisse. Wer in der Nacht vor der Behandlung normalerweise schlecht schläft (zu den Personen zählte ich mit meiner Stute Leidra einmal, s. Fallbeispiel Spritzen), kann im Laufe der Zeit wieder ruhiger schlafen. Darüber hinaus ist das kleinschrittige Training mit dem Fokus auf kleinste Stressanzeichen eine gute Schulung der eigenen Wahrnehmung und führt im besten Fall zu einer besseren Beziehung zwischen Mensch und Pferd (s. Abb. 1). Im Vergleich zu vielen Verhaltensweisen, die wir zum primären Nutzen für den Menschen trainieren, kommen wir nicht umhin, unseren Pferden eine tierärztliche Behandlung zukommen zu lassen. Dementsprechend ist es auch unsere Verantwortung, sie darauf vorzubereiten und sie in die Lage zu versetzen, die Behandlung möglichst stressfrei zu erleben. Kommen wir dem nicht nach, kann die Behandlung für alle Seiten unangenehm bis gefährlich sein und notwendige Untersuchungen verzögern sich unter Umständen. Vom klassischen Behandlungstraining zum Cooperative Care Das klassische Behandlungstraining beruht auf dem Prinzip, dass das Pferd passiver Teil des Geschehens ist und das, was mit ihm passiert, toleriert und erträgt. Cooperative Care bedeutet, dass das Pferd aktiver Part wird und die Situation selbst mitgestalten kann. Damit ist es vergleichbar mit unserem Szenario 2 bei der Zahnärztin. Der behandelten Person wird ein Mitspracherecht und Kontrolle über die Abb. 1: Hugsyn entspannt sich, während ihre Nase im Inhalator steckt (für das Foto war der Vernebler nicht an, im Training aber schon). Stichwort: Tometten - Tierärztliche Behandlung von Pferden mup 3|2024 | 125 Situation gegeben. Das Kooperationssignal sieht so aus: Eine gehobene Hand bedeutet einen Behandlungsstopp und eventuell eine Anpassung der Behandlung (z. B. könnte vereinbart werden, dass eine lokale Betäubung gegeben wird). Diese Kooperation gibt Sicherheit und beruhigt, macht mutiger und ermöglicht einen Dialog auf Augenhöhe. Das alles können wir auch bei unseren Pferden erreichen. Dazu wird etwas wie ein Kodex vereinbart, der die Situation vorhersagbar und damit auch kontrollierbar macht. „Wenn X, dann Y.“ Wenn du deinen Kopf ruhig auf den Kooperator legst, manipuliere ich dein Maul (Abb. 2). Wenn deine Nase den Ball berührt, höre ich dich ab. Wenn du stillhältst, setze ich die Spritze. Wenn du den Kopf senkst, messe ich die Temperatur. Nach diesem Schema können ganz unterschiedliche Kooperationssignale genutzt werden. Wichtig ist dabei das Versprechen, das wir unseren Pferden geben: Wenn du die Kooperation verlässt, beende ich den Reiz. Wenn du wieder kooperierst, fahre ich fort. Fallbeispiel Spritzen In diesem Fallbeispiel möchte ich von meiner Stute Leidra berichten, die lange Zeit ihres Lebens bei tierärztlichen Untersuchungen / Behandlungen und der Hufbearbeitung vor allem zwei Strategien angewandt hat: 1. Steigen 2. Flüchten (auch wenn eine Absperrung im Weg war) Ich habe immer wieder kurz vor der anstehenden Behandlung trainiert, was auch kleine Erfolge mit sich brachte. Zum Beispiel hat sie sich frei auf einer Matte stehend impfen lassen, obwohl ich vorher nur zwei kurze Trainingseinheiten mit ihr gemacht hatte. Aber ich bin immer wieder an Grenzen gekommen, sobald die Situation schwieriger war. Dabei habe ich gelernt, welche Reize bei ihr die Flucht auslösen. Das waren zum Beispiel ■ eine herunterfallende Spritze, die von der Tierärztin wieder aufgehoben wurde, ■ der Geruch der Zahnbehandlung des Pferdes, das vor ihr behandelt wurde, ■ die Gummihandschuhe der Tierärztin, ■ die Dauer der Sedierung, wenn es nicht sofort geklappt hat, und ■ meine eigene Nervosität vor und während der Behandlung. Die Liste ist noch viel länger und macht deutlich, warum es mit zwei kleinen Trainingseinheiten nicht getan war, auch wenn sich dadurch schon merklich Verbesserungen zeigten. Wie bin ich also vorgegangen? Ich habe bei Leidra zwei Kooperationssignale genutzt. Zum einen stand sie während des Behandlungstrainings und während der Behandlung auf einer Matte, diese fungierte also als eine Art Startknopf. Im Training habe ich immer wieder Pausen neben der Matte eingelegt. Wenn sie die Matte Abb. 2: Hugsyn legt ihren Kopf auf den Kooperator und ich beginne, ihre Lippen zu berühren und zu bewegen. 126 | mup 3|2024 Stichwort: Tometten - Tierärztliche Behandlung von Pferden danach wieder zügig und motiviert von allein betreten hatte, wusste ich, dass ich in dem Tempo fortfahren konnte. Zum anderen habe ich nur mit Reizen gearbeitet, wenn sie mit allen vier Hufen auf dem Boden, dem Kopf geradeaus und ruhig stand (= Nullposition, hier kontinuierliches Zeichen der Kooperation). Sobald sie einen Huf gehoben oder ihren Hals weggedreht hat, habe ich den Reiz gestoppt. Hier wären noch viele andere Kooperationssignale denkbar, von denen einige in den folgenden Artikeln thematisiert werden. Mein Fokus lag anhand dieses Vorgehens darauf, möglichst viele Reize zu üben, die bei Leidra eine Flucht auslösen könnten. An meiner eigenen Nervosität habe ich damit auch gearbeitet, weil ich mich deutlich besser vorbereitet gefühlt habe. Spoiler: Ich war trotzdem sehr nervös. Das war Leidra aber ganz egal, weil sie sich selbst absolut sicher in der Situation gefühlt hat. Ich kann an dieser Stelle nicht alle Reize aufführen, die wir trainiert haben, und gebe deshalb einen Einblick in verschiedene Trainingsschritte: ■ Etwas baumelt von der Decke (z. B. Matte, Longe, Abb. 3) ■ Verschiedene Schmerzbzw. potenziell unangenehme Reize am Hals (z. B. Druck durch den Finger, Zwicken, Wäscheklammer, Abb. 4) ■ Verschiedene (unbekannte / potenziell gruselige) Personen, die die Reize ausüben (Abb. 5) ■ Überraschende Reize (z. B. Regenschirm, der sich öffnet, Abb. 6) ■ Klappernde Utensilien am Rand (Abb. 7) ■ Tierärztliche Kleidung (Abb. 8) ■ Herunterfallende Gegenstände, die aufgehoben werden (Abb. 9) Neben diesen Reizen habe ich auch verschiedene Gerüche (z. B. Desinfektionsmittel) und Geräusche (z. B. Wasserpumpe als Imitation des Generators) trainiert und die Dauer der Reize variiert. Abb. 3-9: Diese und weitere Reize hat Leidra im Medical Training als erwartbar, ungefährlich und gewinnbringend erlernt. 3 7 5 4 6 8 9 Stichwort: Tometten - Tierärztliche Behandlung von Pferden mup 3|2024 | 127 Während des Trainings und der Behandlung habe ich einen Halftergriff gemacht. Diesen habe ich vorher nach folgendem Prinzip gesondert trainiert: Wenn Leidra den Kopf stillhält, greife ich ins Halfter. Wenn sie nicht stillhält, lasse ich wieder los bzw. greife gar nicht erst ins Halfter. Dieses Vorgehen ist konträr zu dem, was häufig am Stall passiert, nämlich: Das Pferd zieht den Kopf weg, der Mensch hält am Halfter gegen. Wenn das Pferd wieder ruhig ist, lässt der Mensch das Halfter locker bzw. ganz los. Für Leidra war das Halfter durch das Training also keine Grenze, sie konnte und durfte ihren Kopf trotzdem wegziehen. Mir war es aber wichtig, dieses Tool für den Notfall bereit zu haben. Das Training hat hier den größeren Nutzen für die Sicherheit aller Beteiligten gehabt, dennoch wollte ich im Ernstfall festhalten können. Und was soll ich sagen? Ich musste nicht festhalten! Fazit und Ausblick Medical Training ermöglicht eine entspannte und kooperative tierärztliche Behandlung mit positiven Effekten für Mensch und Tier. Es kann zu einer guten Mensch-Pferd-Beziehung beitragen und öffnet den Dialog. Nicht nur der Mensch entscheidet, was als nächstes getan wird, sondern das Pferd kann ebenfalls mitbestimmen, wie das Training fortgeführt wird. Kooperation ist dabei ein wichtiger Schlüssel zum Erfolg. In den kommenden Beiträgen zum Thema wird auf diesem Grundverständnis aufgebaut. Literatur ■ Pearson, G., Reardon, R., Keen, J., Waran, N. (2021): Difficult horses-prevalence, approaches to management of and understanding of how they develop by equine veterinarians. Equine Veterinary Education, 33(10), 522-530, https: / / doi. org / 10.1111 / eve.13354 Die Autorin Dr. in Lisa Tometten M. Sc. Psychologin, Pferdetrainerin für positive Verstärkung (Schwerpunkt Medical Training), Coachin in der Personalentwicklung, Reittherapeutin equimotion, Themenschwerpunkte: Diversität, Anti-Diskriminierung, Inklusion, gewaltfreie Kommunikation Anschrift Begegnungshof Meesenburg · Meesenburg 3 49545 Tecklenburg · lisa.tometten@posteo.de Abb. 10: reale Situation mit der Tierärztin
