mensch & pferd international
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1867-6456
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mup2025.art05d
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2025
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Recht & Sicherheit: Beim pferdegestützten Coaching auf Nummer sicher gehen
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2025
Martina Holl
Coaching mit Pferden als Co-Coaches ist ein faszinierendes, spannendes und höchst wirksames Coaching-Format, wenn es um Persönlichkeitsentwicklung oder Themen rund um Kommunikation, Kooperation, Teambuilding oder Leadership geht. Gab es vor einigen Jahren im deutschsprachigen Raum nur begrenzt Ausbildungsmöglichkeiten, so stehen heute sehr viele diesbezügliche Angebote zur Auswahl. Der Fokus liegt nach wie vor auf der Tätigkeit selbst bzw. auf der Vermittlung der nötigen fachlichen Qualifikationen. Durch den Co-Coach Pferd ist bei dieser Art des Coachings allerdings besonderes Augenmerk auf sicherheitsrelevante Aspekte zu legen. Die meisten Ausbildungen gehen darauf ein, allerdings aus Zeitgründen oft nur reduziert.
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mup 1|2025|31-35|© Ernst Reinhardt Verlag, DOI 10.2378 / mup2025.art05d | 31 Martina Holl Recht & Sicherheit Beim pferdegestützten Coaching auf Nummer sicher gehen Coaching mit Pferden als Co-Coaches ist ein faszinierendes, spannendes und höchst wirksames Coaching-Format, wenn es um Persönlichkeitsentwicklung oder Themen rund um Kommunikation, Kooperation, Teambuilding oder Leadership geht. Gab es vor einigen Jahren im deutschsprachigen Raum nur begrenzt Ausbildungsmöglichkeiten, so stehen heute sehr viele diesbezügliche Angebote zur Auswahl. Der Fokus liegt nach wie vor auf der Tätigkeit selbst bzw. auf der Vermittlung der nötigen fachlichen Qualifikationen. Durch den Co-Coach Pferd ist bei dieser Art des Coachings allerdings besonderes Augenmerk auf sicherheitsrelevante Aspekte zu legen. Die meisten Ausbildungen gehen darauf ein, allerdings aus Zeitgründen oft nur reduziert. Sicherheit Bedeutung geben Es ist damit absolut angeraten, sich mit diesem Thema näher zu beschäftigen und ihm die Bedeutung zu geben, die es im pferdegestützten Coaching einfach braucht. Diese Empfehlung betrifft Coaching- Newcomer ebenso wie erfahrene Praktiker, die bereits lange im Geschäft sind, die dem Thema Sicherheit aber bis jetzt vielleicht weniger Aufmerksamkeit geschenkt haben. Risiko minimieren Pferdegestütztes Coaching ist durch das spezielle Wesen und die Natur des Pferdes stets mit einem Restrisiko verbunden. Pferde sind Fluchttiere und genau dadurch kann selbst bei artgerechtester Haltung oder beim gutmütigsten Pferd nie ganz ausgeschlossen werden, dass etwas passiert. Aus Rechtssicht wird in diesem Zusammenhang auch von Tiergefahr gesprochen. Sicherheit hat damit gerade im pferdegestützten Coaching oberste Priorität, weil nicht zuletzt in diesem Bereich vielfach pferdeunerfahrene Menschen auf die körperlich mächtigen Vierbeiner treffen. Es muss damit vorsorglich und in rechtlicher Hinsicht auch nachweislich alles unternommen werden, um jegliches Risiko für Coachees zu minimieren und für deren Sicherheit gebührend Sorge zu tragen. Prävention und Umsicht Sicherheit ist damit oberstes Gebot im Interesse der Kunden, aber auch im Interesse des Coaches. Denn was möglicherweise wenig bewusst ist: Sollte ein Schadensfall eintreten, kann dieser im Worst Case existenzbedrohende Ausmaße annehmen - vor allem, wenn nicht ausreichend Sicherheitsvorkehrungen getroffen worden sind. Präventive Maßnahmen und Umsicht bei der Durchführung des Coachings sind damit das A und O und quasi die Basis für eine nachhaltig erfolgreiche Coaching-Tätigkeit. Zudem stellt Sicherheitskompetenz im pferdegestützten Coaching ein absolutes Qualitätsmerkmal dar, das auch bei der eigenen Positionierung am Markt hilfreich sein kann. Rechtliche Beratung Wer als Coach bzw. als Anbieter pferdegestützten Coachings ein Sicherheitskonzept für sich erarbeiten möchte, 32 | mup 1|2025 Recht & Sicherheit: Holl - Beim pferdegestützten Coaching auf Nummer sicher gehen sollte sich im Vorfeld unbedingt rechtlich beraten lassen. Und zwar von einem auf Pferderecht spezialisierten Rechtsanwalt bzw. Rechtsanwältin. Auch wenn dieser Schritt mit Zeit und Kosten verbunden ist, zahlt er sich aus. Was man sich von profunder Rechtsberatung erwarten kann: eine eingehende Information und Aufklärung über rechtliche Risiken und konkrete Haftungsthemen. Und eine Beratung, was zu tun ist, um sich im Vorfeld gut abzusichern und sich so aufzustellen, dass es a) erst zu gar keinem Schadensfall kommt und b) im Schadensfall das Haftungsrisiko begrenzt ist. Letztendlich bekommt man auch wertvolle Grundsatzinformationen zu versicherungstechnischen Notwendigkeiten rund um die nötige Pferdehaftpflicht- und Berufshaftpflichtversicherung. Im Endeffekt bringt eine Rechtsberatung absolute Klarheit und räumt mit Halbwissen oder Irrtümern auf, denen Rechtslaien gerne aufsitzen. Transparenz und Aufklärung Da und dort falsch eingeschätzt wird beispielsweise das Thema Haftungsausschluss. Dieser ist entgegen landläufiger Annahme im pferdegestützten Coaching wie auch beim klassischen Reitunterricht schlichtweg nicht möglich. Die Coachees sind zum Großteil Privatkunden, damit greift - zumindest in Österreich - das Konsumentenschutzgesetz. Dieses sieht keinen Haftungsausschluss vor. Wer als pferdegestützter Coach sein Haftungsrisiko reduzieren möchte, der setzt auf Aufklärung, indem er seine Coachees im Vorfeld über die mit dieser Art von Coaching verbundenen Risiken ebenso eingehend wie nachweislich informiert. Das ist ohnehin angeraten, denn der Hinweis, dass nur vom Boden aus mit den Pferden interagiert wird, erweckt gerade bei Pferdeunkundigen leicht den Eindruck, dass nichts passieren kann. Damit ist es umso wichtiger auf die Sicherheitsrisiken hinzuweisen, die letztendlich im Umgang mit Pferden bestehen. Im Kern informiert der Coaching-Anbieter darüber, dass das Pferd ein Fluchttier ist und benennt auch ungeschönt die damit verbundenen Gefahren, wenn das Tier in Stress oder Panik gerät und der Coachee durch ein Davonstürmen, Treten, Zur-Seite-Springen oder auch Beißen schlimmstenfalls Verletzungen davontragen kann. Diese kompromisslose Transparenz mag vielleicht als wenig geschäftsförderlich gesehen werden, sie ist dennoch ein Muss. Nur so hat ein potenzieller Coachee bzw. Interessent im Vorfeld alle Informationen, um eigenverantwortlich abzuwägen und zu entscheiden, ob er angesichts des beschriebenen Restrisikos ein pferdegestütztes Coaching in Anspruch nehmen will oder nicht. Nachhaltige Dokumentation Diese Aufklärung erfolgt persönlich, am besten im Zuge der sogenannten Auftragsklärung vor Aufnahme der ersten pferdegestützten Coaching-Session. Sämtliche Informationen werden auf einem Informationsblatt für den Coachee festgehalten. Dieses wird ihm übergeben, mit seiner Unterschrift bestätigt er, dass er die Information erhalten und verstanden hat. Durch diese Verschriftlichung wird unterstrichen, wie wichtig das Thema Sicherheit im Coachingprozess ist. Auch dem Coachee wird durch die Bestätigungsnotwendigkeit noch ein Stück weit mehr klar gemacht, dass es um seine eigene Sicherheit geht, ein klares Restrisiko besteht und es in seiner Verantwortung liegt, sich unter diesen Umständen für oder eben auch gegen ein pferdegestütztes Coaching zu entscheiden. Ergänzend dazu können diese Informationen bereits im Vorfeld zur Verfügung gestellt werden. Beispielsweise im Zuge der Angebotslegung oder auch der Auftrags- und Terminbestätigung, indem das diesbezügliche Informationsblatt per Mail mitgeschickt wird. Das ersetzt keinesfalls eine eingehende, persönliche Information, aber sorgt dafür, dass der potenzielle Coachee sich bereits im Vorfeld mit dem Thema Sicherheit auseinandersetzen kann. Recht & Sicherheit: Holl - Beim pferdegestützten Coaching auf Nummer sicher gehen mup 1|2025 | 33 Vollblut-Praktiker, die ihren Job lieben, Administratives dafür aber weniger, werden an diesem „Papierkram“ möglicherweise keinen großen Gefallen finden. Dennoch ist Aufklärung als wichtige Dienstleistung am Kunden zu verstehen, die darüber hinaus für den Coach eine unabdingbare Absicherung darstellt. Sorgfalt und Ausbildung Coaching fällt in Österreich in das Gewerbe der Lebens- und Sozialberatung. Für die Berufsausübung als pferdegestützter Coach ist daher eine diesbezügliche Ausbildung und Gewerbeanmeldung vonnöten. Einen darüberhinausgehenden Kompetenznachweis braucht es nicht. Hier liegt eine ähnliche Situation wie für Reitlehrer vor. Auch sie können diesen Beruf frei ausüben, ohne eine spezielle Ausbildung nachweisen zu müssen. Allerdings ist eines zu beachten: Durch die besondere Tiergefahr, wie sie von Pferden ausgeht, unterliegen pferdegestützte Coaches einer erhöhten Sorgfaltsplicht. Sollte es zu einem Schadensbzw. Klagsfall vor Gericht kommen, so überprüft ein Sachverständiger, ob ein pferdegestützter Coach seinen Coachee vor den typischen Gefahren und Risiken ausreichend geschützt hat. Welches Pferd wurde eingesetzt? Wie war dessen Tagesverfassung? Welche Übungen hat der Coachee ausgeführt? Welche Erfahrung und Kenntnisse hatte er dazu? War ihm die Übung daher zuzumuten? Hat der Coach ausreichend aufgepasst? Anhand von Fragen wie diesen wird beurteilt, inwieweit der Coach seiner Verantwortung in Sachen Sicherheit nachgekommen ist. Neben der Prüfung des Unfallhergangs wird auch ein genauer Blick auf die Befähigung des pferdegestützten Coaches geworfen. Je sicherheitsrelevanter die absolvierten Ausbildungen sind, desto hilfreicher werden sie sein, wenn es um die Reduktion einer möglichen Haftung geht. Pferdeerfahrung alleine - sei sie auch noch so langjährig - fällt hier nicht ins Gewicht. Auch die diesbezügliche Relevanz der einen oder anderen Ausbildung zum pferdegestützten Coach sollte in diesem Zusammenhang hinterfragt werden. Was das Haftungsrisiko jedenfalls reduziert, sind konkrete Kompetenznachweise, was sicherheitsrelevante Fähigkeiten in Bezug auf die Arbeit mit Pferden und Kunden angeht. Ob Reduktion des Haftungsrisikos oder vor allem Vermeidung des faktischen Risikos beim Einsatz von Pferden im Coaching: Pferdegestützte Coaches tragen für ihre Coachees eine hohe Verantwortung. Es ist daher angebracht, sich in Sachen Sicherheit laufend fortzubilden, sich am Markt nach entsprechenden Bildungsangeboten umzusehen und diese wahrzunehmen, um seine Sicherheitskompetenz zu stärken. Abb. 1: Regelmäßiger Koppelgang … (Draumur Photography) 34 | mup 1|2025 Recht & Sicherheit: Holl - Beim pferdegestützten Coaching auf Nummer sicher gehen Formate wie beispielsweise das Seminar „Sicherer Umgang mit Pferd“ vom LFI in Österreich, tragen mit einer entsprechenden Schulung und Zertifizierung dazu bei. Sicherheit allgegenwärtig Summa summarum sollte das Thema Sicherheit im Coaching ein immer wiederkehrendes sein - indem es nicht bei einer einmaligen Aufklärung und einer Unterschrift auf einem Blatt Papier bleibt, sondern der Coachee Stück für Stück befähigt wird, sicher mit dem Pferd umzugehen. Das bedeutet umgekehrt, dass er nur solche Aufgaben oder Übungen mit dem Pferd übertragen bekommt, die er mit seinem bestehenden Wissen sicher durchführen kann. Es empfiehlt sich, die Sicherheitskompetenz des Coachees vor diesem Hintergrund auch immer wieder abzufragen und zu dokumentieren. Eine Frage der Herangehensweise Bevor es ans Pferd geht, ist es daher wesentlich, dass der Coachee nicht nur über mögliche Gefahren informiert ist, sondern auch konkret weiß, wie er sie vermeidet. Auf was genau muss er im Umgang mit dem Pferd achten? Was mögen Pferde und was nicht? Was sind die Gos und was die No-Gos? Das ist das Mindestwissen, mit dem der Coachee ausgestattet werden muss. Auch wenn es vielleicht Coaching-Anbieter gibt, die auf den Überraschungseffekt setzen und Coachees ohne Vorbereitung zur Absolvierung einer „Challenge“ auf die vierbeinigen Co-Coaches loslassen, so ist diese Herangehensweise nicht nur in Sachen Sicherheit fragwürdig. Pferde sind keine Maschinen, sondern fühlende Wesen. Damit ist es mehr als angebracht, sie entsprechend ihrer Rolle als Sparring- und Reflektionspartner wertschätzend und damit auch wesensgerecht zu behandeln. Die Zusammenarbeit wird damit insgesamt sicherer und für alle am Coachingprozess Beteiligten nachhaltiger. Pferdekunde integrieren Indem in das Coaching ein Stück weit Pferdekunde integriert wird, erhält der Coachee sowohl Sicherheitshinweise als auch interessante Informationen rund um seinen vierbeinigen Partner. Wie ticken Pferde? Was brauchen sie? Wo gibt es Ähnlichkeiten zu uns Menschen und wo Unterschiede? Wie nehmen sie wahr und wie lernen sie? Das alles Abb. 2: … und artgerechte Haltung minimieren das Risiko! (Verena Bauer) Recht & Sicherheit: Holl - Beim pferdegestützten Coaching auf Nummer sicher gehen mup 1|2025 | 35 sind höchst spannende Aspekte, die ein Coaching bereichern können und die einem entsprechend geschulten Coachee zu mehr Kompetenz und Sicherheit im Umgang mit Pferden verhelfen. Eine sichere Verbindung Großer Wert sollte gerade in Zeiten von Stress, Hektik und Multitasking darauf gelegt werden, dass Coachees voll und ganz „da“ sind und ihren Stress - soweit möglich - quasi an der Stalltür ablegen. Stress ist im Umgang mit dem Pferd heutzutage eine echte Gefahrenquelle - er macht uns Menschen aus Sicht der Pferde quasi zu den Wesen, die sie von Natur aus am meisten scheuen, nämlich Raubtiere. Auch wenn diese Darstellung etwas überzeichnet sein mag, so liegt viel Wahrheit, aber letztendlich auch Hilfreiches in ihr, wenn es um das Thema Sicherheit geht. Liegt der Fokus im pferdegestützten Coaching nicht auf einer rein zweckorientierten Begegnung, sondern dem Aufbau einer Beziehung zum Pferd, dann wird nicht nur das Sicherheitsbedürfnis von Coachee und Coach berücksichtigt, sondern auch das des Pferdes. Sicherheit wird vor diesem Hintergrund vom mitschwingenden Randthema zu einem wesentlichen Gestaltungs- und Wirkfaktor im pferdegestützten Coaching - und damit letztendlich zu einem absoluten Gewinn für alle Beteiligten. Die Autorin Mag. Martina Holl-Fontan ist psychologische Beraterin, systemisch-lösungsorientierter und pferdegestützter Coach sowie Biofeedback-Trainerin. Sie bietet am Lenzenhöhgütl - einem im Bereich Gesundheit und Prävention zertifizierten Green Care Hof (www.greencare.at) - in Pichl bei Wels in Oberösterreich Coachings und Trainings an. Schwerpunktbereiche sind Stressmanagement, Kommunikation, Team und Leadership. Sie greift neben den coachingorientierten Ausbildungen auf ihren Erfahrungsschatz als gelernte Betriebswirtin und langjährige Führungskraft zurück. Kontakt Lenzenhöhgütl · Mag. Martina Holl-Fontan · Mitterleiten 8 4632 Pichl bei Wels · Österreich · info@lenzenhoeguetl.at
