mensch & pferd international
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1867-6456
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mup2025.art12d
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Praxistipp: Mehr Leichtigkeit und Spaß im Arbeitsalltag mit dem Pferd
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2025
Wiebke Saathoff
Herzlichen Glückwunsch! Sie haben sich einen großen Traum erfüllt. Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen kommen zu Ihnen und Ihrem Pferd, um an ihren ganz individuellen Zielen zu arbeiten. Diese Menschen gelangen durch Ihre Arbeit zu mehr Selbstsicherheit. Einige können vielleicht sogar ein Trauma überwinden.
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mup 2|2025|83-87|© Ernst Reinhardt Verlag, DOI 10.2378 / mup2025.art12d | 83 Wiebke Saathoff Praxistipp Mehr Leichtigkeit und Spaß im Arbeitsalltag mit dem Pferd Herzlichen Glückwunsch! Sie haben sich einen großen Traum erfüllt. Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen kommen zu Ihnen und Ihrem Pferd, um an ihren ganz individuellen Zielen zu arbeiten. Diese Menschen gelangen durch Ihre Arbeit zu mehr Selbstsicherheit. Einige können vielleicht sogar ein Trauma überwinden. Viele lernen, den eigenen Körper wahrzunehmen und diesen in der Kommunikation besser einzusetzen, anderen gelingt es, mit Aggressionen umzugehen oder das Hier und Jetzt zu genießen. Diese vielen positiven Aspekte erreichen Sie gemeinsam mit Ihrem Pferd, zu dem sie eine besondere und intensive Beziehung pflegen. Sie haben also einen Beruf gewählt, der nicht nur Sinn stiftet, sondern wahrscheinlich auch den Freizeitpartner und Ihr Lieblingstier, das Pferd, mit einschließt. Sie haben also den schönsten Beruf der Welt! Warum fühlt es sich nicht immer so an? Die Sicht einer außenstehenden Person und die eines Menschen, der täglich in der Berufssituation ist, klaffen hier sehr weit auseinander. Vielleicht haben Sie ja auch schon einmal das Experiment gestartet und auf einer „Und-wasmachst-du-so-Party“ Ihren Beruf vorgestellt. Ihre Beschreibung könnte lauten: „Ich helfe Menschen mit meinem Pferd, an unterschiedlichen Problematiken zu arbeiten und trage dazu bei, ihre vorher festgesetzten Ziele zu erreichen.“ An der Reaktion des Gegenübers kann man sich vorstellen, welches Bild diese eher nüchterne Beschreibung erzeugt. „Oh wie schön, du hast dein Hobby zum Beruf gemacht und bringst dabei Kinderherzen zum Lachen! “ Ein schönes Bild, allerdings sieht der Arbeitsalltag einer pferdegestützten Fachkraft nicht immer aus wie die Bildergeschichte in der Wendy. Einer pädagogischen Fachkraft, die in einer Schule oder in einer Wohngruppe arbeitet, wird meistens nicht unterstellt, dass sie ihr Hobby zum Beruf gemacht hat. Die Einbeziehung des Pferdes macht den Unterschied. Allerdings wissen pferdeerfahrene Menschen, dass ein Pferd nicht wie ein Auto reagiert. Drauf setzen, Gaspedal drücken, links oder rechts lenken und bremsen und schon breitet sich ein Lächeln auf dem Gesicht der reitenden Person aus. So funktioniert es nicht. Die Konzentration und die Sorgfalt, die es braucht, um einem Kind den Umgang mit dem Fluchttier Pferd beizubringen, werden oft nicht erkannt. Die Realität eines Arbeitenden, der ein Pferd in die Förderung und Therapie von Menschen einsetzt, ist kein rosaroter Traum, sondern harte Arbeit. Dennoch lohnt es sich auch als Fachkraft in der pferdegestützten Maßnahme, sich die Leichtigkeit und den Spaß mit dem Pferd zu eigen zu machen und den Alltag so zu gestalten, dass nicht nur die KlientInnen und das Pferd, sondern auch die Fachkraft glücklich und zufrieden den Arbeitstag ausklingen lassen kann. Denn schließlich haben Sie diesen Beruf gewählt, weil Sie an die vielen positi- 84 | mup 2|2025 Praxistipp: Saathoff - Mehr Leichtigkeit und Spaß im Arbeitsalltag mit dem Pferd ven Auswirkungen durch das Einbeziehen eines Pferdes glauben und auch wissen, welche enormen Vorteile der Umgang mit dem Pferd auch für Sie selber bringt. Wie kann ich mehr Leichtigkeit in den Umgang mit meinem Partner Pferd bringen? In der heilpädagogischen Förderung mit dem Pferd geht es darum, einen Heilungsprozess mithilfe eines Pferdes oder Ponys in Gang zu setzen. Begriffe wie Selbstwirksamkeit, Achtsamkeit und Abgrenzung spielen dabei eine große Rolle. Pferdeunerfahrene Menschen lernen, wie ein Kontakt zu den majestätischen Rössern oder willensstarken Ponys gelingt und hierbei scheinbar ganz nebenbei das eigene Wohlbefinden verbessert wird. Es gibt zahlreiche Studien, die die Wirksamkeit der pferdegestützten Therapie belegen. Auch außerhalb von heilpädagogischen Settings wird in Studien auf gesundheitsfördernde Aspekte des Umgangs mit dem Pferd hingewiesen. Im beruflichen Umfeld kommt die heilsame Wirkung des Umgangs mit dem Pferd für die Fachkraft oft zu kurz. Allerdings ist es essenziell, auch auf die eigenen Bedürfnisse zu achten und sich darauf zu konzentrieren, wieder mehr Leichtigkeit und Freude in das Berufsleben zu integrieren. Dabei kann die Fachkraft auf die Strategien zurückgreifen, die in der täglichen Arbeit hilfreich sind. Leichtigkeit kann zum einen in der konkreten Situation in dem Beziehungsdreieck mit dem Klienten oder der Klientin und dem Pferd erreicht werden, wie auch im Training mit dem Pferd außerhalb der therapeutischen Situation. Dieses Beziehungsdreieck (Triade) hat in der pferdegestützten Maßnahme eine besondere Bedeutung. Durch die erweiterten Beziehungsebenen können KlientInnen die Beziehung zwischen TherapeutIn und Pferd beobachten und dadurch am Modell lernen. Für die Fachkraft ergibt sich hierdurch die Chance, in einer Außenperspektive zu beobachten, wie eine Beziehung zwischen Pferd und KlientIn entsteht (Hedinger / Zink 2020, 46). Der Umgang der Fachkraft mit dem Pferd hat einen Vorbildcharakter, aber auch der Umgang der Fachkraft mit sich selbst. Eine gute Möglichkeit, diesen liebevollen Umgang mit dem Pferd, aber auch mit sich selbst vorzuleben, bieten Achtsamkeitsübungen. Achtsamkeit ist ein Begriff, der oft oberflächlich und schwammig verwendet wird und alles sein kann sowie oft als Lösung für sämtliche Hindernisse präsentiert wird. Achtsamkeit ist kein Allheilmittel, kann aber einen erheblichen Beitrag zur Lebensqualität, zum Genuss und so zu mehr Leichtigkeit beitragen. Das Prinzip geht auf eine lange Tradition im Buddhismus wie auch im Christentum zurück und ist seit den 1970er- Jahren immer mehr in die westliche Denkweise eingeflossen. Jon Kabat-Zinn definiert Achtsamkeit als eine bewusste und absichtsvolle Lenkung der Aufmerksamkeit auf den gegenwärtigen Augenblick, ohne diesen zu bewerten (Kabat-Zinn 2019). Dabei schreit unser Partner Pferd uns quasi ins Gesicht, diese gemeinsame Zeit zu genießen. Pferde leben im Moment, sie agieren und Abb. 1: Die Beziehung zu einem Pferd hat viele positive Auswirkungen. (Moin-Chef.de, Sandra Dobroschke, Stuhr) Praxistipp: Saathoff - Mehr Leichtigkeit und Spaß im Arbeitsalltag mit dem Pferd mup 2|2025 | 85 reagieren auf konkrete Reize in ihrer Umwelt. Ein Pferd grübelt nicht, ob es versuchen soll, das nächstgelegene grüne Grasbüschel zu attackieren, während der Mensch versucht, es zu führen. Es handelt und genießt das schmackhafte Gras, und sollte es einmal keinen Erfolg haben, so hält es sich nicht lange mit diesem Misserfolg auf, sondern versucht es bei nächster Gelegenheit erneut. So lernt es, welche Strategien erfolgreich sind und welche nicht. Achtsamkeit kann mit etwas Übung in den Arbeitsalltag integriert werden, um diesen mit mehr Leichtigkeit zu gestalten. Sich auf sein Pferd zu fokussieren, kleine Erfolge zu genießen und zufrieden mit sich und dem Pferd umzugehen, tragen dazu bei. Dieses mag nicht immer leicht sein, sich kritisch mit seiner Arbeit auseinanderzusetzen gehört dazu und garantiert Qualität. Erfolge sind in der tiergestützten Arbeit nicht immer sofort offensichtlich und brauchen Zeit, um zur Geltung zu kommen. Sich abzugrenzen von den Problemen und Sorgen der KlientInnen bedarf Strategien und sehr viel Übung. Um so wichtiger ist es für die pferdegestützte Fachkraft, sich immer wieder bewusst zu machen, wie sinnstiftend und wertvoll die eigene Arbeit ist, warum das Pferd mit einbezogen wird und dass die eigene Zufriedenheit im Fokus dieser Arbeit stehen sollte. Das im Moment lebende Pferd wird zu unserem Lehrmeister, um unseren Arbeitsalltag mit mehr Leichtigkeit zu gestalten. Achtsamkeit im pferdegestützten Setting: eine konkrete Übung Im Setting mit dem Pferd kann immer wieder die Aufmerksamkeit auf den gegenwärtigen Augenblick gelenkt werden. Eine Möglichkeit ist der Einsatz von Achtsamkeitskarten, die vom Klienten oder der Klientin und der Fachkraft gezogen werden können und unterschiedliche Übungen zur Achtsamkeit beinhalten. Ein Beispiel für die Ausgestaltung einer Karte ist die Konzentration auf die verschiedenen Sinne von Pferd und Mensch. Beobachte die Augen des Pferdes: ■ Wohin blickt das Pferd? ■ Was sieht es in diesem Moment? ■ Wie reagiert das Pferd auf seine Umgebung? ■ Was siehst du gerade? ■ Welche Gefühle löst das in dir aus? Zum Anfang wird auf der Karte ein Beobachtungsauftrag gegeben, der sich auf das Pferd konzentriert. Das hat den Vorteil, dass nicht sofort eigene Befindlichkeiten in den Fokus geraten. Hierdurch hat die Fachkraft die Möglichkeit, in der Außenperspektive zu beobachten. Nachdem das Pferd wahrgenommen wurde, lenkt die Karte auf die eigenen Sinne. Am schwersten wird es nun fallen, die eigenen Gefühle zu beschreiben. Die Aufgaben auf der Karte können als Anregungen genutzt werden und müssen nicht vollständig beantwortet werden. Es können ausgehend von den Fragen auf der Karte weitere Impulse von der Fachkraft gegeben werden. Hier bietet sich die Thematisierung der Sinne von Pferd und Abb. 2: Konzentration auf die Sinne des Pferdes (Moin-Chef.de, Sandra Dobroschke, Stuhr) 86 | mup 2|2025 Praxistipp: Saathoff - Mehr Leichtigkeit und Spaß im Arbeitsalltag mit dem Pferd Mensch an. Wie genau sieht das Pferd? Was sieht der Mensch? Wie sind die Augen von Pferd und Mensch ausgestaltet? Wieso braucht ein Pferd ein größeres Sichtfeld als der Mensch? Wie sollten wir uns als Menschen verhalten, damit das Pferd uns gut sehen kann? Die Impulsfragen ermöglichen es, das Pferd, aber auch sich selber in den eigenen Bedürfnissen besser wahrzunehmen und Verständnis für bestimmte Verhaltensweisen zu entwickeln. Weitere Beispiele für die Gestaltung einer solchen Achtsamkeitskarte könnten folgende Impulse sein: Beobachte die Ohren des Pferdes: ■ Wie hält es seine Ohren? ■ Was könnte es dir damit sagen? ■ Was hörst du gerade? ■ Was lösen die Geräusche in dir aus? Wo kannst du die Atmung des Pferdes spüren? ■ Wie atmet das Pferd gerade? ■ Spüre deinen eigenen Atem, wo merkst du ihn? ■ Wie atmest du momentan? ■ Versuche schneller zu atmen, dann langsamer zu atmen. ■ Wie wirkt sich das auf dein Wohlbefinden aus? Beobachte die Nüstern des Pferdes ■ Sind die Nüstern entspannt? ■ Wozu braucht ein Pferd seine Nüstern? ■ Nun benutze deine Nase: Was riechst du? ■ Wie empfindest du diesen Geruch? ■ Gibt es bestimmte Gerüche, die du besonders magst? Die Fachkraft kann damit beginnen, die auf sich bezogenen Fragen zu beantworten. So gestalten wir die Aufgabe für die zu fördernde Person etwas leichter. Als Fachkraft im pferdegestützten Setting erkennen wir den Sinn in dieser Übung und den Gewinn für unseren Klienten oder unsere Klientin. Allerdings bringt eine ehrliche Beantwortung der Fragen nicht nur die Vorbildfunktion für andere zum Vorschein, sondern soll und darf auch einen Nutzen für die Fachkraft darstellen. In dem Moment setzen wir uns mit der Umgebung auseinander, nehmen den Augenblick wahr und horchen in uns hinein. Wie geht es mir gegenwärtig? Wie wirkt meine Umgebung auf mich? Was fühle ich? Achtsamkeit gibt uns die Möglichkeit, aus einem automatisierten Verhalten auszubrechen und Kontakt zu unserer Umgebung, aber auch zu uns selbst aufzunehmen. Sind wir in der Lage, eine Verbindung zu unseren Wahrnehmungen und Gefühlen aufzubauen, so fühlen wir intensiv und können so Freude, Genuss und damit letztendlich auch Leichtigkeit aufbauen. Nicht nur im Setting mit unseren KlientInnen können wir Achtsamkeitsübungen einfließen lassen, sondern auch im Ausgleichstraining mit dem Pferd. In der Bodenarbeit oder bei einem Ausritt bieten sich zahlreiche Gelegenheiten, die Aufmerksamkeit auf den gegenwärtigen Augenblick zu lenken. Wie fühlt sich das Fell des Pferdes an? Wie riecht es? Höre ich Blätter rauschen? Wie ist meine Atmung? Wie ist meine Stimmung in diesem Moment? Wie wirkt mein Pferd gerade auf mich? All diese Fragen helfen, den Moment wahrzunehmen und in sich zu spüren. Jeder Ausritt, jede Trainingseinheit und jede Situation in der Triade mit den KlientInnen laden dazu ein, die Konzentration auf den Augenblick zu üben. Es kommt darauf an, diese Übungen auch oft genug zu wiederholen. Denn es hilft nicht, die Mitgliedschaft im Fitnessstudio zu unterschreiben und das Probetraining zu absolvieren. Man muss schon regelmäßig am Ball bleiben. Oder eben am Pferd! Praxistipp: Saathoff - Mehr Leichtigkeit und Spaß im Arbeitsalltag mit dem Pferd mup 2|2025 | 87 Literatur ■ Hedinger / Zink (2020): Pferdegestützte Traumatherapie. 2. Auflage, Ernst Reinhardt, München ■ Kabat-Zinn, J. (2019): Gesund durch Meditation: Das große Buch der Selbstheilung mit MBSR, Droemer Knaur, München ■ Miksch, A. (2024): Achtsamkeit und Gesundheitsförderung. In: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) (Hrsg.). Leitbegriffe der Gesundheitsförderung und Prävention. Glossar zu Konzepten, Strategien und Methoden. Die Autorin Wiebke Saathoff ist heilpädagogische Fachkraft in tiergestützten Settings auf der Kinder- und Jugendfarm der Hans-Wendt- Stiftung, Diplom-Handelslehrerin und Reittherapeutin Heilpferde Kontakt Eichenstraße 23 · 28197 Bremen · wiebke.saathoff@gmx.net Kaninchen, Hund und Huhn Systemische Therapie sieht den Menschen nicht nur als einzelnes Individuum, sondern immer eingebunden in sein soziales Umfeld, sein System. Anstatt auf dem Problem liegt der Fokus auf den vorhandenen Ressourcen im System, die zur Lösung und Zielerreichung beitragen können. Dieses Buch leistet einen innovativen Beitrag zur Zusammenführung systemischer und tiergestützter Arbeit und deren Professionalisierung. Ob Schafe, Hunde oder Hühner, sie alle können dabei kreativ eingesetzt werden. Die Autorinnen zeigen vielfältige Interventionsmöglichkeiten auf, die auch im komplexen und multiprofessionellen Setting wirksam sind. Charlotte Darga / Dorothea Dapper Tierisch systemisch Lösungs- und Ressourcenorientierung in der tiergestützten Intervention Mit Online-Material. (mensch & tier) 2022. 160 Seiten. 71 Abb. (978-3-497-03141-2) kt a w
