eJournals mensch & pferd international17/3

mensch & pferd international
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1867-6456
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mup2025.art19d
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Forum: Heilpädagogische Einzelmaßnahmen auf der Kinder- und Jugendfarm der Hans-Wendt-Stiftung

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Wiebke Saathoff
Die Hans-Wendt-Stiftung ist ein anerkannter freier Träger der Kinder- und Jugendhilfe in Bremen. Kinder und Jugendliche in für sie schwierigen Zeiten zu unterstützen, sie zu fördern und stark zu machen für ein zufriedenes, selbstbestimmtes Leben – dies ist die Aufgabe der Stiftung.
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mup 3|2025|133-140|© Ernst Reinhardt Verlag, DOI 10.2378 / mup2025.art19d | 133 Wiebke Saathoff Forum Heilpädagogische Einzelmaßnahmen auf der Kinder- und Jugendfarm der Hans-Wendt-Stiftung Der Träger: Die Hans-Wendt-Stiftung und die Jugendfarm Die Hans-Wendt-Stiftung ist ein anerkannter freier Träger der Kinder- und Jugendhilfe in Bremen. Kinder und Jugendliche in für sie schwierigen Zeiten zu unterstützen, sie zu fördern und stark zu machen für ein zufriedenes, selbstbestimmtes Leben - dies ist die Aufgabe der Stiftung. Seit über 100 Jahren. Heute stehen über 400 Mitarbeitende mit ihrem Wissen, ihrer Erfahrung und ihren Überzeugungen für junge Menschen und ihre Familien ein. An 39 Standorten in Bremen und „umzu“ - mit ambulanten, teilstationären und stationären Angeboten. Die Kinder- und Jugendfarm der Hans-Wendt- Stiftung liegt im Osten von Bremen, im Stadtteil Borgfeld. Auf der Farm wird ein umfangreiches Programm für Kinder, Jugendliche und Familien angeboten. Feste Kindergruppen erfahren mehr über Umwelt- und Klimabildung, artgerechte Tierhaltung und erleben die Natur. Ein offenes Angebot im Nachmittagsbereich ist für alle Kinder zugänglich. Menschen unterschiedlicher sozialer und kultureller Herkunft sind angesprochen, aktiv das Farmleben mitzugestalten und eigenverantwortlich Aufgaben zu übernehmen. Die Farm ist offen gestaltet, sodass auch interessierte Menschen aus den angrenzenden Stadtteilen heimische Natur und Tiere genießen und in einem geschützten Rahmen erleben können. An verschiedenen Orten auf der Farm können sie durch Infotafeln mehr über den Umwelt- und Klimaschutz erfahren und so Kreisläufe sowie Zusammenhänge verstehen (http: / / www.hanswendt-stiftung.de). Tiere bilden einen wichtigen Bestandteil der pädagogischen Arbeit auf der Farm. Dem pädagogischen Team ist es besonders wichtig, interessierten Besucher: innen sowie Kindern und Jugendlichen einen respektvollen Umgang mit dem Tier und der Natur näherzubringen. Jedes Tier ist einzigartig in seinen Bedürfnissen, diese werden durch eine artgerechte Haltung und Fütterung der Tiere beachtet. Die Farm betreibt weiterhin eine Erhaltungszucht für robuste und regional angepasste alte Haustierrassen und wurde von der Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen e. V. als ArchePark ausgezeichnet. Neben dem umfangreichen Angebot, das für alle zugänglich ist, bietet die Farm tiergestützte Abb. 1: Die Kinder- und Jugendfarm der Hans-Wendt- Stiftung 134 | mup 3|2025 Forum: Saathoff - Heilpädagogische Einzelmaßnahmen auf der Kinder- und Jugendfarm Heilpädagogische Einzelmaßnahmen (HPE), welche in Kooperation mit dem Amt für Soziale Dienste in Bremen durchgeführt werden. Die Heilpädagogische Einzelmaßnahme nach dem Sozialgesetzbuch VIII Die Heilpädagogische Einzelmaßnahme (HPE) ist eine ambulante Hilfe, die auf der Eingliederungshilfe gemäß § 35a SGB VIII oder auf den Hilfen zur Erziehung gemäß § 27 Abs. 2 SGB VIII beruht. Sie richtet sich an Kinder und Jugendliche, die der Unterstützung einerseits bei dem Lösen von Entwicklungsaufgaben und andererseits bei dem Umgang mit belasteten Lebenssituationen bedürfen. Heilpädagogische Einzelmaßnahmen dienen dazu, die Entwicklung von jungen Menschen zu fördern und zu stärken, Benachteiligungen zu vermeiden und seelische Beeinträchtigungen frühzeitig abzubauen. Die Maßnahme spricht Kinder ab dem Grundschulalter sowie auch junge Menschen bis zu einem Alter von 21 Jahren an. Auf der Kinder- und Jugendfarm Borgfeld wird die HPE tiergestützt ausgestaltet, die Fachkräfte führen diese mit Einbezug eines oder mehrerer Tiere durch. Alle auf der Farm lebende Tiere können hierbei eingesetzt werden. Momentan leben neun Schafe, drei Ziegen, fünf Kaninchen, drei Esel, zwei Gänse sowie mehrere Hühner auf der Farm. Für die pferdegestützte HPE stehen der Fachkraft sechs in Charakter und Exterieur sehr unterschiedliche Pferde zur Verfügung. Bevor eine Maßnahme beginnt, wird ein Hilfeplangespräch mit dem Case Management aus dem Amt für Soziale Dienste und dem / der Klient: in sowie der ausführenden Fachkraft initiiert. Handelt es sich um eine minderjährige Person, werden auch die Erziehungsberechtigten eingeladen. In dem Gespräch wird die Ausgangslage unter die Lupe genommen, vor allem dient es jedoch dazu, erreichbare und messbare Ziele auszuformulieren. Es werden meist drei Ziele aufgenommen, manchmal sind es aber auch nur zwei Ziele, die wichtig und dringend erscheinen. Ältere Kinder und Jugendliche können ihre Ziele eigenständig äußern, bei jüngeren Kindern helfen die Erziehungsberechtigten und das Case Management aus dem Amt für Soziale Dienste in Bremen mit. Erachtet das Case Management die Maßnahme als sinnvoll, wird meist eine Genehmigung zur Kostenübernahme seitens des Amts für Soziale Dienste für ein Jahr ausgesprochen. Hierauf kann die Maßnahme ein weiteres Jahr genehmigt werden. Nach zwei Jahren ist ein weiteres halbes Jahr möglich, wenn ein besonders hoher Nutzen für die Entwicklung des Kindes oder des jungen Menschen durch die Maßnahme gesehen wird. So dauert eine HPE meist zwei bis zweieinhalb Jahre, es sei denn, sie wird vorher seitens Fachkraft, Teilnehmenden oder Case Management abgebrochen. Zwischendurch werden in regelmäßigen Abständen Berichte von der Fachkraft geschrieben, die den Verlauf der Maßnahme beschreiben und die Entwicklung der Zielerreichung darlegen. Für den Bericht wird auch die Wahrnehmung der Erziehungsberechtigten und Klient: innen verschriftlicht. Auf Grundlage der Berichte werden die Hilfeplangespräche ausgeführt. Aufgrund der Ziele und der Interessen der Klient: innen plant nun die Fachkraft die einzel- Abb. 2: Das Mechelner Huhn ist besonders kontaktfreudig. (Wiebke Saathoff) Forum: Saathoff - Heilpädagogische Einzelmaßnahmen auf der Kinder- und Jugendfarm mup 3|2025 | 135 nen Termine, welche einmal die Woche einstündig stattfinden. Die Stunden können sehr unterschiedlich ausgestaltet werden. Einige Kinder und Jugendliche sind an Farmarbeiten interessiert, andere an den Kaninchen oder den Schafen, die größte Faszination geht jedoch von den Pferden aus. Meist wird schon bei der Anfrage geäußert, dass die Pferde im Mittelpunkt des Interesses stehen. Im Hilfeplangespräch werden die zahlreichen Einsatzmöglichkeiten von Pferden in den Einheiten erläutert. Das Reiten ist eine dieser Möglichkeiten, aber auch Bodenarbeit und die Pflege des Pferdes sind Bestandteile der Einheiten. Die Kontaktaufnahme mit den Tieren und das Erlernen des Umgangs mit dem Pferd stehen im Vordergrund, um soziales Lernen zu ermöglichen. Gerade in diesem Punkt sind viele Kinder und Jugendliche, die eine HPE genehmigt bekommen, oft benachteiligt und benötigen Unterstützung. Die Pferde auf der Kinder- und Jugendfarm Borgfeld Die Pferde leben in zwei Offenstallgruppen. Auf den großzügig angelegten Paddocks haben sie viel Platz, um sich zu bewegen und Körperkontakt zu den Herdenmitgliedern auszuleben. Für die Arbeit mit den Pferden stehen mir als Fachkraft ein Roundpen sowie ein Grasreitplatz zur Verfügung. Ein überdachter Unterstand dient dazu, die Pferde zu putzen und zu pflegen sowie für die Einheiten auszurüsten. Je nach Klient: in kann das Pferd mit Pad und Longiergurt (mit einem oder mit zwei Griffen), Fellsattel oder auch einen für das Pferd angepassten Sattel ausgestattet werden. Bei der Auswahl des Pferdes wird berücksichtigt, wie Charakter und Ausstrahlung des Tieres mit den Besonderheiten des Kindes oder des Jugendlichen zusammenspielen. Auf der Farm leben sehr verschiedene Pferde, die von der Fachkraft je nach Ziel und Klient: in einbezogen werden können. Die zwei Halbgeschwister Sina und Otti sind Haflinger und beide schon 28 Jahre alt, beide sehr erfahren in der Bodenarbeit. Trotzdem sind sie charakterlich sehr unterschiedlich. Während Otti in sich ruht und auch bei nervöseren Kindern als Ruhepol wirken kann, lässt sich Sina eher aus der Ruhe bringen. Sie ist aber sehr aufmerksam und arbeitet gerne mit jungen Menschen. Die Connemara-Stute Lazy ist Leitstute und zuverlässig in der Arbeit mit den Kindern, allerdings mag sie nicht gerne gestriegelt werden, vor allem nicht von mehreren unbekannten Personen. Sam ist ein großes Reitpony, das viel Ruhe ausstrahlt und gerne ausführlich geputzt wird. Auf einem zweiten Paddock leben Tinker (ein Tinker-Mix) sowie Nano, ein Welsh-A Wallach. Tinker ist ein flottes Pferd, welche auch hektisch bei Bodenarbeit oder beim Reiten werden kann, wenn die Kinder zu viel Energie haben, sich aber genüsslich putzen und umsorgen lässt. Auch eine Gruppe von Kindern stört sie hierbei nicht. Nano wird nervös, wenn zu viel Trubel herrscht, ist aber sehr fein in der Körpersprache und reagiert auf kleinste Signale. Die Vielfalt der Pferdepersönlichkeiten erlaubt es der Fachkraft, das für den Kontext geeignete Pferd auszuwählen. Hierbei werden klienten- und settingspezifische Kriterien berücksichtigt. Denn das eine Therapiebegleitpferd gibt es nicht, Therapiebegleitpferde können und Abb. 3: Esel und Pferde leben in Offenställen. (Abb. 3 bis 10: Vanessa Dörhage) 136 | mup 3|2025 Forum: Saathoff - Heilpädagogische Einzelmaßnahmen auf der Kinder- und Jugendfarm sollen unterschiedliche Persönlichkeiten und Charaktere haben (Hedinger / Zink 2020, 75). Oft kommt es vor, dass sich die Teilnehmenden der HPE intuitiv das Begleitpferd aussuchen, das für sie in ihrer Situation und für ihre Themen hilfreich ist. Meistens ist dieser Begleiter auch eine Konstante in den wöchentlichen Arbeiten und eine wichtige Ressource, um Verbindlichkeit und Nähe aufzubauen. Fallbeispiel: Ausgestaltung der HPE bei Depressivität einer jugendlichen Person Hinweis: Für die Fallbeschreibung wurde der Name der Klientin geändert und die Fotos mithilfe von Ella, die ihr freiwilliges ökologisches Jahr auf der Farm absolviert, nachgestellt. Hanna kommt seit etwas über einem Jahr auf die Farm. Mittlerweile ist sie 19 Jahre alt und hat eine lange Geschichte geprägt durch schwere depressive Phasen und Klinikaufenthalte. Auch im Verlauf der HPE ist sie teilweise stationär untergebracht, mittlerweile fordert sie die Einweisung eigenständig ein, wenn sie merkt, dass sie ihr Leben nicht aus eigenen Kräften bewerkstelligen kann. Sie kommt während dieser Phasen auf ihren Wunsch hin trotzdem einmal wöchentlich zur HPE. Kennengelernt hat sie das Angebot durch ein Projekt, welches die Farm der Hans-Wendt-Stiftung mit dem Klinikum Bremen Ost durchgeführt hat. Hierbei konnten dort stationär untergebrachte Kinder und Jugendliche in heilpädagogische Interventionen mit dem Pferd hineinschnuppern. Zu Anfang der HPE arbeitete Hanna mit der Connemara-Stute Lazy und auch mit Tinker, doch sie fand schnell einen sehr starken Zugang zur Haflingerstute Sina. Nun möchte Hanna ausschließlich die HPE mit Sina gestalten, Sina ist für sie eine Konstante geworden und ein Anker, der ihr Halt gibt und ihr hilft, schädigende Gedanken zu vertreiben. Hanna gestaltet die einzelnen Termine mit, sie kann mittlerweile eigene Bedürfnisse zu Beginn der Stunde gut äußern. Im Hilfeplangespräch erklärte sie gegenüber ihrer Case Managerin, dass sie gerne kleine Ausritte macht, wenn sie ein erhöhtes Ruhebedürfnis hat und ihr der Trubel auf der Farm zu viel wird. Möchte sie allerdings etwas Neues lernen, so geht sie gerne mit Sina auf den Platz und übt dort, ihren Körper so einzusetzen, dass Sina sie versteht und mehr Harmonie erreicht wird. Auch arbeitet sie dann gerne mit Sina im Roundpen, wo sie in der Freiarbeit lernt, ihre Körpersignale punktgenau einzusetzen. Weiterhin ist Hanna offen für Impulse der Fachkraft und probiert gerne neue Dinge aus. So sind die Inhalte der Einheiten sehr verschieden und angepasst an die Gefühle und Bedürfnisse von Hanna. Die Abwechslung in der Arbeit mit dem Therapiebegleitpferd Sina macht die HPE für Hanna besonders wertvoll. Hanna erklärt, dass sie während der Stunden mit Sina oft ihre Ängste und Sorgen vergisst. Während sie reitet oder auch mit Sina vom Boden aus in Kontakt steht, beschreibt sie flowartige Erlebnisse. Beim Floweffekt geht die handelnde Person vollkommen in seiner Tätigkeit auf und erlebt den Prozess als ein Fließen von einem Augenblick zum nächsten. Die ganze Aufmerksamkeit richtet sich auf das Tun und verdrängt andere Reize aus dem Bewusstsein (Rieskamp 2015, 156). Deswegen ist das Erreichen des Floweffektes für Hanna und ihren Weg aus der Depression sehr wichtig. Erreicht wird dieser Effekt besonders gut beim Reiten auf dem Platz, da das eigenständige Reiten eine hohe Konzentration auf den eigenen Körper, aber auch auf die Bewegungen und Verhaltensweisen des Pferdes verlangt. Auch die Freiarbeit mit Sina erfordert diese hohe Konzentration und ein partnerschaftliches Verhältnis. Hanna muss präsent sein, um mit Sina zu kommunizieren. Dafür braucht sie eine aufrechte Körperhaltung und muss sich auf die Aufgabe fokussieren. Im Alltag fällt dieses Hanna schwer, doch wenn sie sich mit Sina im Roundpen befindet, gelingt es ihr automatisch. Hanna zeigt sich sehr aufmerksam, wenn die Fachkraft Hinweise gibt und ihr erklärt, worauf Forum: Saathoff - Heilpädagogische Einzelmaßnahmen auf der Kinder- und Jugendfarm mup 3|2025 | 137 bei einzelnen Übungen geachtet werden muss. Ihr großes Interesse daran, eine harmonische Kommunikation mit dem Pferd herzustellen, ist Basis für die Sinnhaftigkeit der tiergestützten Maßnahme. Freiarbeitsübungen im Roundpen Gerade Übungen, die es ihr erlauben, auf kurzer Distanz mit Sina zu kommunizieren, erweisen sich als besonders wertvoll für Hanna. Anfangs werden ein Halfter, ein Strick und ein Bodenarbeitsstick eingesetzt, als Hanna sicherer wird, werden Halfter und Strick weggelassen. Bei einem Abstand von einem Meter werden die Individualbereiche getrennt, und trotzdem wird genug Nähe zugelassen, damit das Pferd auf Hannas Zeichen reagieren kann. Honza Blaha nennt diesen Abstand „Blase“ und verbildlicht den Begriff mit einer großen Seifenblase, die zwischen Pferd und Mensch liegt. Mit diesem Abstand kann Hanna Sina aus dem Stand dazu bewegen, ihr zu folgen und sich mit ihr frei im Roundpen im Schritt, Trab und Galopp zu bewegen (Wagner, 2012). Lehnt sich Hanna nach vorne, so geht Sina los. Neigt sie wiederum ihren Körper nach hinten, so verlangsamt Sina das Tempo bis hin zum Stehen. Was Sina von Hanna verlangt, ist eine klare Körpersprache und Konzentration auf den Augenblick. Fehlen diese, so kann Sina Hannas Bewegungen nicht interpretieren und das gewünschte Ergebnis bleibt aus. Eine weitere bewährte Übung ist der U-Turn am stehenden Pferd. Während Sina entspannt in der Mitte steht, bitte ich Hanna zuerst, Sina einmal zu umrunden, während diese stehen bleibt. Dabei befindet sich Hanna zunächst neben Sinas Schulter und blickt in dieselbe Richtung, bewegt sich dann aber nach hinten von Sina weg und kommt an der anderen Schulter wieder an. Danach bitte ich Hanna, die Übung zu wiederholen, diesmal aber mit der Intention, dass Sina sich umdreht und Hanna folgt. Ich gebe ihr keine Hinweise, wie sie ihren Körper, ihre Stimme oder auch den Stick einzusetzen hat. Abb. 4: Körpersprache als Kommunikationsmittel Abb. 5: Sina bleibt stehen Abb. 6: Animation zum Folgen 138 | mup 3|2025 Forum: Saathoff - Heilpädagogische Einzelmaßnahmen auf der Kinder- und Jugendfarm Zu Hannas großer Verwunderung macht Sina genau das, was sie visualisiert hat. Bei der ersten Umrundung bleibt sie stehen, bei der zweiten Übung dreht sie sich um und folgt Hanna, während diese rückwärts geht. Hanna äußert zunächst, dass diese Art der Kommunikation an Zauberei grenzt. Nun hat Hanna nicht gezaubert, jedoch hat sie automatisch ihre Körpersprache angepasst, sie hat sich auf den Ausgang der Übung konzentriert und so die gewünschte Reaktion verstärkt. So erfährt sie, dass ihre Ausstrahlung und ihr Verhalten, vor allem ihre Gedanken, Einfluss auf die Wirklichkeit haben. Pferdegestützt positive Glaubenssätze verstärken und einüben Neben der Konzentration auf den Augenblick gibt es auch Einheiten, in denen sich Hanna mit ihren Ängsten und Problemen sowie Glaubenssätzen beschäftigt. Der Reitplatz bietet genug Platz, um die Konzentration auf die eigenen Werte mit Bewegung zu kombinieren. Sina begleitet Hanna hierbei, was ihr Sicherheit bei der schwierigen Aufgabe gibt. Für die Übung baue ich acht Pylonen mit reichlich Abstand für einen Slalom auf dem Reitplatz auf. Zunächst kommen Hanna und Sina in Bewegung und bewältigen den Slalom-Parcours. Dann kommt eine Aufgabe hinzu. Hanna soll die acht laminierten, großen Karten mit persönlichen Rechten den Pylonen zuordnen. An der ersten Pylone soll sie die Karte mit dem persönlichen Recht unterbringen, welches sie am besten von den acht Rechten für sich auskosten kann, der achten Pylone wird das Recht zugeordnet, das sie am wenigsten umsetzen kann. So sollen alle persönlichen Rechte, aufsteigend von „dieses Recht kann ich sehr gut umsetzen“ bis zu „dieses Recht kann ich nicht gut umsetzen“ zugeordnet werden. Die acht Karten enthalten folgende persönliche Rechte: ■ Du hast das Recht unlogisch zu sein. ■ Du hast das Recht nein zu sagen, ohne dieses Nein zu begründen. ■ Du hast das Recht zu denken, fühlen und zu handeln, wie es Dir richtig erscheint. ■ Du hast das Recht anderen eine Bitte abzuschlagen ohne Dich schuldig oder schlecht zu fühlen. ■ Du hast das Recht Deine eigenen Wünsche und Bedürfnisse ebenso ernst zu nehmen, wie die anderer Menschen. ■ Du hast das Recht Dein Verhalten und Deine Meinung zu ändern. Abb. 8: Schwierige Aufgaben machen dank Sina Spaß. Abb. 7: Sina dreht sich und folgt. Forum: Saathoff - Heilpädagogische Einzelmaßnahmen auf der Kinder- und Jugendfarm mup 3|2025 | 139 ■ Du hast das Recht selbst zu entscheiden, ob du etwas änderst. ■ Du hast das Recht selbst zu beurteilen, ob du für die Lösung der Probleme anderer zuständig bist. Bei der Zuordnung findet Hanna ziemlich schnell einen Anfang und kann einzelne Karten den Pylonen zuordnen. Nun kann sie Karten austauschen und umorganisieren, bis sie zu einem für sie schlüssigen Ergebnis über die Reihenfolge kommt. Diese überprüft sie, indem sie mit Sina den Slalom bewältigt. Hanna muss in der Übung zusammen mit Sina in Bewegung kommen, was sie dabei unterstützt, die Gedanken besser zu ordnen und strukturieren. Sina ist hierbei ihr Verstärker, sie gibt ihr Halt, ohne dass sie ihre Entscheidungen kommentiert oder bewertet. Für Hanna ist Sinas Unterstützung viel Wert, sie schafft den harmonischen Rahmen, in dem die Bewältigung der Aufgabe einfacher gemacht wird. Nachdem sie die Karten zugeordnet haben, schauen wir uns diese gemeinsam an. Nun frage ich Hanna, welches Recht, das sie nicht sehr gut umsetzen kann, für sie einen großen Nutzen hätte, wenn sie es besser beherrschen würde. Hanna pickt zielstrebig folgende Karte heraus: „Du hast das Recht nein zu sagen, ohne dieses Nein zu begründen.“ Gemeinsam überlegen wir, wie sie mehr für dieses Recht einstehen kann. In den nachfolgenden Einheiten kommen wir immer wieder auf dieses Recht zurück. Ich bitte sie, den Satz laut und mit Überzeugung auszusprechen, wenn sie auf Sina reitet. Hanna ist dabei anfangs sehr zögerlich, je öfter wir dieses üben, umso sicherer wird sie und kann dem Satz mit der Zeit Nachdruck verleihen. Weiterhin besprechen wir, in welchen Situationen Hanna in der letzten Woche „Nein“ sagen konnte. Hanna schaffte es zum Beispiel, den Wunsch einer Freundin abzulehnen, mit ihr zu telefonieren, um über ihre momentanen Probleme zu reden. Wir stellen fest, dass diese Freundin eine dauerhafte Verfügbarkeit von Hanna verlangte, und es in den Telefonaten immer um Probleme und trübsinnige Gedanken der Freundin ging, was wenig hilfreich dabei war, die Lebensfreude bei Hanna wieder zu wecken. Das Tier macht den Unterschied Die exemplarisch herausgegriffenen Fallbeispiele machen deutlich, dass der Einbezug eines Tieres in der Heilpädagogischen Einzelmaßnahme viele positive Effekte mit sich bringt. Hanna profitiert von dem Halt, den Sina ihr gibt. Sina motiviert Abb. 10: Kontrolle der Karten Abb. 9: Zuordnung der persönlichen Rechte mit Pferdeunterstützung 140 | mup 3|2025 Forum: Saathoff - Heilpädagogische Einzelmaßnahmen auf der Kinder- und Jugendfarm sie dazu, regelmäßig am Angebot teilzunehmen und die Zeit in der Einzelmaßnahme als positiv wahrzunehmen. Die Einzelmaßnahme ist kein angstbesetzter Pflichttermin, sondern ein für sie sinnstiftendes regelmäßiges Treffen, was sie mit Freude erwartet. Im Rahmen der Heilpädagogischen Einzelmaßnahmen konnten wir auf der Kinder- und Jugendfarm Borgfeld immer wieder feststellen, dass die Tiere in unserem Angebot eine große Bereicherung sind und einen unglaublichen Mehrwert für unsere Klienten und Klientinnen darstellen. Das wachsende Interesse an unserem tiergestützten Angebot gibt uns Recht! Literatur ■ Hedinger / Zink (2020): Pferdegestützte Traumatherapie, Ernst Reinhardt Verlag, München ■ Rieskamp (2015): Soziales Lernen im Galopp, Xenophon Verlag ■ www.hans-wendt-stiftung.de (05.02.2025) ■ Wagner (2012): Ausbildner für Freiheitsdressur im Test. https: / / www.cavallo.de / reittraining / ausbilder-fuer-freiheitsdressur-imtest/ (05.02.2025) ■ www.soziales.bremen.de (05.02.2025) Die Autorin Wiebke Saathoff ist Heilpädagogische Fachkraft in tiergestützten Settings auf der Kinder- und Jugendfarm der Hans-Wendt- Stiftung, Diplom-Handelslehrerin und Reittherapeutin Heilpferde Kontakt Kinder- und Jugendfarm der Hans-Wendt-Stiftung Am Lehester Deich 17-19 · 28357 Bremen · wsaathoff@hwst.de https: / / www.hans-wendt-stiftung.de/ einrichtungen-haeuser/ farm/ Bereits in 3. Auflage! Pferde rühren Menschen oft auf ganz besondere Weise an. Wie kann diese Begegnung in einer systemischen Pädagogik professionell aufgegriffen werden? Die Autorin gibt eine anschauliche Einführung in neurobiologische und systemische Grundlagen und deren Umsetzung in der pferdgestützten Pädagogik. Sie illustriert anhand von vielen Fallbeispielen, auf welche Weise das Pferd wirkt und wie es gelingen kann, eine systemische Haltung aufzubauen. Fachkräfte erhalten zahlreiche Anregungen, Kinder und Erwachsene mit dem Pferd auf dem Weg zu einer selbstbestimmten Lebensführung und Beziehungsgestaltung zu begleiten. Imke Urmoneit Pferdgestützte systemische Pädagogik Mit einem Geleitwort von Arist von Schlippe. 3., aktualisierte Auflage 2020. 197 Seiten. 5 Abb. (978-3-497-03012-5) kt a w