mensch & pferd international
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1867-6456
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mup2025.art22d
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Zum Einbezug wirtschaftlicher Überlegungen von pferdegestützt Tätigen bei Behandlung und Euthanasie von Pferden
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Eva Raimann
Friederike Rhein
Stephanie Krämer
Die Änderung der Gebührenordnung für Tierärzte im Jahr 2022 hat gemeinsam mit dem Anstieg der allgemeinen Lebenskosten die wirtschaftliche Situation pferdehaltender Personen in Deutschland beeinflusst. Eine Befragung des ICAR3R (Interdisziplinäres Zentrum für Tierschutz und 3R) zeigt, dass die Einbeziehung von wirtschaftlichen Überlegungen auch im Bereich der pferdegestützten Interventionen Auswirkungen auf die Entscheidungen hinsichtlich medizinischer Behandlungen und Euthanasien von Pferden hat. Dennoch sind Tierhalter:innen gesetzlich verpflichtet, jederzeit für das Wohl ihrer Tiere zu sorgen (§2 TierSchG) und wirtschaftliche Interessen stellen nach §17 TierSchG keinen „vernünftigen Grund“ für eine Euthanasie dar.
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156 | mup 4|2025|156-168|© Ernst Reinhardt Verlag, DOI 10.2378 / mup2025.art22d E. Raimann 1 , F. Rhein 1 , S. Krämer 1 Die Änderung der Gebührenordnung für Tierärzte im Jahr 2022 hat gemeinsam mit dem Anstieg der allgemeinen Lebenskosten die wirtschaftliche Situation pferdehaltender Personen in Deutschland beeinflusst. Eine Befragung des ICAR3R (Interdisziplinäres Zentrum für Tierschutz und 3R) zeigt, dass die Einbeziehung von wirtschaftlichen Überlegungen auch im Bereich der pferdegestützten Interventionen Auswirkungen auf die Entscheidungen hinsichtlich medizinischer Behandlungen und Euthanasien von Pferden hat. Dennoch sind Tierhalter: innen gesetzlich verpflichtet, jederzeit für das Wohl ihrer Tiere zu sorgen (§ 2 TierSchG) und wirtschaftliche Interessen stellen nach § 17 TierSchG keinen „vernünftigen Grund“ für eine Euthanasie dar. Zum Einbezug wirtschaftlicher Überlegungen von pferdegestützt Tätigen bei Behandlung und Euthanasie von Pferden 1 Interdisciplinary Centre for Animal Welfare Research and 3R (ICAR3R) der Justus-Liebig-Universität Gießen und Professur für Versuchstierkunde und Tierschutz der Justus-Liebig-Universität Gießen E. Raimann 1 , F. Rhein 1 , S. Krämer 1 Raimann, Rhein, Krämer: Wirtschaftliche Überlegungen bei der Behandlung und Euthanasie von Pferden mup 4|2025 | 157 Einleitung In den vergangenen Jahren haben sich für viele Pferdebesitzer: innen die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen deutlich verändert (Harms 2024; Frank 2025), was sich nicht zuletzt auch in einem Rückgang der Zuchtzahlen in der Pferdezucht sowie in rückläufigen Turnierteilnahmen niederschlägt (FN 2025). Neben der Novellierung der Gebührenordnung für Tierärztinnen und Tierärzte (GOT) am 22.11.2022 (Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) 2022), die zu einem Anstieg der durchschnittlichen Behandlungskosten geführt hat, trugen insbesondere die gestiegene Inflation sowie politische und wirtschaftliche Unsicherheiten zu einer generellen Erhöhung der Lebenshaltungskosten bei (Statistisches Bundesamt 2025a; Statistisches Bundesamt 2025b). Die veränderten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen betreffen alle Pferdebesitzer: innen mit privat sowie gewerbsmäßig genutzten Pferden; Züchter: innen wie Freizeitreiter: innen, Sportpferdebesitzer: innen sowie auch Personen, die Pferde im Rahmen tiergestützter Interventionen einsetzen. Neben Hunden gehören Pferde in Deutschland zu den am häufigsten in tiergestützte Interventionen eingesetzten Tierarten (Ameli et al. 2023). Wie in jeglicher Arbeit mit Tieren muss auch bei pferdegestützten Interventionen der Schutz und das Wohlergehen der eingesetzten Pferde ein zentrales Anliegen sein und in den Mittelpunkt aller Planungen und Durchführungen gestellt werden (Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz e. V. (TVT) 2012; IAHAIO 2018; Bundesverband Tiergestützte Intervention e. V. (BTI) 2023). Hierzu gehört neben dem Wohlbefinden während der Einsätze auch die grundsätzliche Sicherstellung einer optimalen Gesundheit inklusive der dafür benötigten medizinischen Versorgung (TVT 2012; IAHAIO 2018; BTI 2023). Die artensprechend angemessene Ernährung, Pflege und verhaltensgerechte Unterbringung entspricht unabhängig davon auch den grundsätzlichen Pflichten eines / einer Tierbesitzenden nach § 2 Tierschutzgesetz (TierSchG) (Maisack et al. 2023). Im Laufe der vergangenen zwei bis drei Jahre berichteten jedoch praktizierende Pferdemediziner: innen im persönlichen Dialog mit Mitarbeiterinnen des Interdisciplinary Centre for Animal Welfare and 3R (ICAR3R) zunehmend von Fallkonstellationen, in welchen finanzielle Aspekte potenzielle Auswirkungen auf das Wohl von Pferden hatten. Genannt wurden unter anderem verspätete Konsultationen, eigeninitiierte Behandlungsversuche am Pferd ohne fachliche Begleitung oder das Drängen auf eine Euthanasie, primär aus Kostengründen. Auch mehrten sich 2022 die kostenbedingten Abgaben von Pferden; unter anderem in sogenannten „Pferdeklappen“ (Hucklenbroich 2023a; Hucklenbroich 2023b). Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, inwiefern sich die Einstellungen und Entscheidungsprozesse von Pferdebesitzer: innen in Bezug auf tierärztliche Konsultationen und Therapiewahl in den letzten zwei bis drei Jahren gewandelt haben - und in welchem Maß sich diese Veränderungen potenziell auf das Wohlergehen der Pferde niederschlagen. Um dieses gefühlte Wissen in empirisch erfasste Zahlen abzubilden, wurde vom ICAR3R eine bundesweite Umfrage unter Pferdebesitzer: innen und praktizierenden Pferdetierärzt: innen durchgeführt. Die Umfrage hatte zum Ziel, die möglichen Auswirkungen der Änderungen der Gebührenordnung für Tierärzte vom 22.11.2022 auf die Haltung und Behandlung von Pferden zu untersuchen und potenziell tierschutzrelevante Aspekte durch den Einbezug wirtschaftlicher Faktoren in Therapie- und Euthanasieentscheidungen zu erfassen. Durch die in der Umfrage erfolgte Abfrage des Berufs lassen sich berufsspezifische Kleingruppen aus den Daten extrahieren, sodass im Folgenden die Antworten von pferdegestützt tätigen Pferdehalter: innen analysiert werden. 158 | mup 4|2025 Raimann, Rhein, Krämer: Wirtschaftliche Überlegungen bei der Behandlung und Euthanasie von Pferden Material und Methoden Ziel der Studie Das Ziel der Untersuchung war es, zu untersuchen, inwiefern wirtschaftliche Faktoren einen Einfluss auf Entscheidungen bezüglich der Behandlung von Pferden haben und Daten zu den zugrundeliegenden Einstellungen von Pferdebesitzer: innen zu erheben. Nachgeschaltetes Ziel war es, diese Daten im Hinblick auf geltendes Tierschutzrecht zu beleuchten und zu diskutieren, inwiefern aus dem Verhalten mögliche Konsequenzen mit tierschutzrechtlicher Relevanz resultieren. Stichprobe Zielgruppen der Befragung waren praktizierende Tierärzt: innen (PTA) und Pferdebesitzer: innen. Die Gruppe der Pferdebesitzer: innen setzte sich aus Tierärzt: innen mit Tätigkeitsfeld abseits der Pferdemedizin mit eigenem Pferd (TAMP) und Besitzer: innen von einem oder mehreren Pferden (PB) zusammen. Erhebung Mit der Absicht, die initialen Fallberichte über eine große Stichprobe zu quantifizieren, wurde eine schriftliche Befragung als Erhebungsmethode gewählt. Diese wurde in Form einer Online-Befragung mit LimeSurvey Version 6.5.17+240715 (LimeSurvey GmbH) durchgeführt. Unter anderem bieten Online-Befragungen Vorteile durch eine automatische Filterführung und der optionalen Auswahl von Pflichtfragen (Wagner-Schelewsky / Hering 2022, S. 1051). Basierend auf der Angabe der Personengruppe teilte sich die Umfrage durch automatische Filterführung in unterschiedliche Pfade. Die Besitzer: innen von einem oder mehreren Pferden konnten in einem Freitextfeld auf freiwilliger Basis ihren Beruf angeben. Die Umfrage enthielt nahezu ausschließlich geschlossene Fragen mit vorgegebenen Antwortkategorien. Auf klassisch offene Fragen wurde verzichtet, um den Aufwand der Teilnehmenden für die Bearbeitung („Respondent Burden“) zu minimieren (Reja et al. 2003). Da es zu diesem Thema jedoch bisher noch nicht viel Forschung gibt und sich für explorative Fragestellungen in der Regel offene Fragen anbieten, wurden die Fragen regelmäßig durch ergänzende, nicht verpflichtende Kommentarfelder und Optionen zur Angabe von „Sonstigem“ gelöst. So konnten die Teilnehmenden zusätzliche Gedanken notieren, wenn sie ihre Auffassung durch die vorgegebenen Antwortmöglichkeiten nicht vollständig abgebildet sahen (Schnell 2019, 69). Die Umfrage durchlief mehrstufige Pretests, welche sowohl quantitative als auch kognitive Testverfahren (Lenzner et al. 2015) beinhalteten. Die darauffolgenden Überarbeitungen umfassten vor allem sprachliche Überarbeitungen und führten zur Streichung von zwei Fragen, welche sich als schwer verständlich erwiesen und gleichzeitig nicht essenziell für die zentrale Fragestellung waren. Die Umfrage begann mit der Abfrage demographischer Daten (Alter, Geschlecht, Personengruppe). Anschließend folgten für Pferdebesitzende Fragen zum Beruf (Freitextfeld) und der Ansässigkeit (Bundesland). Daran anschließend enthielt die Umfrage Fragen zu den folgenden Themen: 1. Fragen zum Pferdebesitz (Kaufzeitpunkt, Anzahl, Versicherungsstatus, Veränderung der Fixkosten in den zwei Jahren vor Befragungszeitraum, Wahrnehmung der Veränderung der Rechnungsbeträge für tierärztliche Leistungen, Tierarztkosten im ersten Halbjahr 2024, Haltung zu einem erneuten Pferdekauf, Haltung zu einem Pferdeverkauf) 2. Fragen zu finanziellen Bedenken (s. Tab. 1) und zur Wahrnehmung der Kostenentwicklung 3. Fragen zum Verhalten bei Tierarztkonsultationen (s. Tab. 2) 4. Szenarien zur Euthanasie 5. Szenarien zum Verhalten bei verschiedenen medizinischen Zwischenfällen Raimann, Rhein, Krämer: Wirtschaftliche Überlegungen bei der Behandlung und Euthanasie von Pferden mup 4|2025 | 159 Die Fragen zur Euthanasie aus Kostengründen stellen sensible Themenkomplexe dar, weshalb neben der Befragung zum persönlichen Verhalten auch die grundsätzliche Einstellung erfragt wurde. Für die Abfrage von Verhaltensweisen in verschiedenen, die Pferdegesundheit betreffenden, Situationen wurden vier verschiedene hypothetische Szenarien vorgestellt und die Teilnehmenden wurden gebeten, ihr unmittelbar folgendes Fußnote aus Tabelle 5 & 6 Frage a Haben Sie sich schon einmal Gedanken darüber gemacht, Tierarztrechnungen nicht bezahlen zu können? b Mussten Sie schon einmal andere Ausgaben (z. B. Urlaub) streichen oder kürzen, um eine Tierarztrechnung zu bezahlen? c Hatten Sie schon einmal ernsthafte Schwierigkeiten, eine Tierarztrechnung zu bezahlen? („Ernsthafte Schwierigkeiten“ meint hier, dass größere Anstrengungen unternommen werden mussten, um eine Rechnung zu bezahlen, z. B sich Geld von Freunden leihen, Kredite aufnehmen, einen Wertgegenstand (z. B. Auto) zu verkaufen.) d Haben Ihre Gedanken bezüglich des Bezahlens von Tierarztrechnungen in den letzten zwei Jahren zugenommen? e Haben Situationen, in denen Sie andere Ausgaben (z. B. Urlaub) streichen oder kürzen mussten, um eine Tierarztrechnung zu bezahlen, in den letzten 2 Jahren zugenommen? f Haben Situationen, in denen Sie ernsthafte Schwierigkeiten hatten, eine Tierarztrechnung zu bezahlen, in den letzten 2 Jahren zugenommen? Fußnote aus Tabelle 8 & 9 Frage g Wie häufig fragen Sie bei einem Tierarztbesuch nach den Kosten möglicher Untersuchungen und Behandlungen? h Wie häufig passiert es, dass Sie Ihren Tierarzt/ Ihre Tierärztin fragen, ob es alternative Vorgehensweisen gibt, die kostengünstiger sind? (Ein Beispiel könnte hier sein, dass Sie bei einer Lahmheit fragen, ob erst einige Tage eine potenzielle Besserung abgewartet werden kann, bevor geröntgt wird.) i Wie häufig haben Sie schon von Untersuchungen aus Kostengründen abgesehen? j Haben Ihre Rückfragen nach den Kosten möglicher Untersuchungen und Behandlungen bei einem Tierarztbesuch in den letzten 2 Jahren zugenommen? k Haben die Situationen, in denen Sie Ihren Tierarzt/ Ihre Tierärztin fragen, ob es alternative, kostengünstigere Vorgehensweisen gibt, zugenommen? l Haben die Situationen, in denen Sie Ihren Tierarzt/ Ihre Tierärztin fragen, ob es alternative, kostengünstigere Vorgehensweisen gibt, zugenommen? Tabelle 1: Übersicht der Fragen zu finanziellen Bedenken, Antwort auf 5-stufiger, verbaler Skala (a, b, c: nie, selten, gelegentlich, häufig, sehr häufig; d, e, f: stark abgenommen, etwas abgenommen, sich nicht verändert, etwas zugenommen, stark zugenommen) Tabelle 2: Fragen zum Verhalten bzgl. Kosten bei Tierarztkonsultationen, Antwort auf 5-stufiger, verbaler Skala (g, h, i: nie, selten, gelegentlich, häufig, sehr häufig; j, k, l: stark abgenommen, etwas abgenommen, sich nicht verändert, etwas zugenommen, stark zugenommen) 160 | mup 4|2025 Raimann, Rhein, Krämer: Wirtschaftliche Überlegungen bei der Behandlung und Euthanasie von Pferden Verhalten zum Befragungszeitraum anzugeben und einzuschätzen, wie ihr Verhalten in der identischen Situation zwei Jahre zuvor gewesen wäre. Die vier Szenarien umfassten jeweils eine kurze Situationsbeschreibung mit verschiedenen Symptomen von (I) einer akuten Kolik, (II) einer anhaltenden Lahmheit nach einem Sturz, (III) einer akuten Augenproblematik mit vermehrtem Kneifen (Blepharospasmus) und vermehrtem Tränen (Epiphora) sowie einem (IV) geringgradigen, aber anhaltenden Husten. Die Umfrage wurde mit Hilfe der Verteilung über Fachmagazine, wie Cavallo, Reiter Revue, Feine Hilfen u. ä. und über die FN sowie das Deutsche Tierärzteblatt verbreitet und war von Mitte August bis Ende November 2024 online verfügbar. Auswertung Für die Auswertung wurde eine Datenbereinigung in mehreren Schritten durchgeführt, wobei alle unvollständigen Datensätze und Datensätze mit inhaltlichen Inkonsistenzen entfernt wurden. Freitextfelder und „Sonstige“-Felder wurden einer thematischen Codierung unterzogen. Die freiwilligen Berufsangaben wurden auf Tätigkeiten aus dem Feld der pferdegestützten Interventionen hin untersucht. Die entsprechenden Datensätze wurden extrahiert und für die hier vorliegende Untersuchung weiter analysiert. Die statistische Auswertung erfolgte mit SPSS (IBM SPSS Statistics Version 29.0.2.0 (20)). Ergebnisse An der Umfrage nahmen insgesamt 10722 Personen teil und sie wurde von 8054 Personen vollständig bearbeitet. Die Datenbereinigung umfasste den Ausschluss von inkonsistenten Datensätzen, Teilnehmenden, die angaben, außerhalb Deutschlands zu wohnen oder kein Pferd zu besitzen. Nach Abschluss der Datenbereinigung verblieben 7723 Datensätze zur weiteren Analyse, von welchen 341 PTA, 148 TAMP und 7234 PB waren. Die freiwillige Angabe zu einem Beruf wurde von 4805 PBs gemacht. Von diesen gehen 63 einem Beruf aus dem Bereich der pferdegestützten Interventionen nach, im Folgenden PGI-Tätige genannt. Die Angaben umfassten hier: „Reitpädagogin“, „Reittherapeutin“, „Hippotherapeutin“, „Pferdegestützte Therapie“, „Fachkraft (für heilpädagogische) Förderung mit dem Pferd“, „Tiergestützt arbeitend“, „Tiergestützte Pädagogik“, „Pferdegestützte Coachin und Business Trainerin“ und „Fachkraft für Tiergestützte Intervention mit dem Schwerpunkt Heilpädagogik“. Demographische und pferdebezogene Angaben Der Altersdurchschnitt der PGI-Tätigen lag bei 45,5 Jahren und es gaben 93,7 % (n = 59) an, weiblich zu sein und 6,3 % (n = 4) männlich. Die PGI-Tätigen halten zwischen 1 und 28 Pferden, der Median liegt bei 4, siehe auch Abb. 2. 77,8 % (n = 49) halten ihre Pferde gewerblich, 20,6 % (n = 13) halten ihre Pferde nicht gewerblich, 1,6 % (n = 1) machten hierzu keine Angabe. Der überwiegende Anteil (66,7 %, n = 42) hat seine Pferde weder krankenversichert noch OPversichert (s. Tab. 3). Kostenzunahme in den zwei Jahren vor Befragungszeitrum 98,4 % (n = 62) der PGI- Tätigen berichteten von einer Zunahme der Fixkosten für ihre Pferde in den vergangenen zwei Abb. 1 Raimann, Rhein, Krämer: Wirtschaftliche Überlegungen bei der Behandlung und Euthanasie von Pferden mup 4|2025 | 161 Jahren vor dem Umfragezeitraum (s. Tab. 4) und 95,2 % (n = 60) haben seit der Änderung der Gebührenordnung für Tierärzte am 22.11.2022 die Rechnungsbeträge von Tierarztrechnungen als gestiegen wahrgenommen (s. Tab. 5). Finanzielle Bedenken Rund 41,3 % (n = 26) der PGI-Tätigen würden sich mit ihrem heutigen Wissenstand wieder ein Pferd kaufen, wenn sie derzeit keine(s) hätten. 31,7 % (n = 20) würden sich nicht erneut ein Pferd kaufen und Versicherungsstatus Anzahl der PGI-Tätigen n %* Weder krankenversichert noch OP-versichert 42 66,7 Nur OP-versichert 7 11,1 Pferde mit unterschiedlichem Versicherungsstatus 11 17,5 Krankenversichert mit Übernahme von OP-Kosten 1 1,6 Keine Angabe 2 3,2 * Summe der Prozente ungleich 100 aufgrund der Rundungen auf eine Nachkommastelle Zunahme der Fixkosten Anzahl der PGI-Tätigen n %* Stark abgenommen 1 1,6 Etwas abgenommen 0 0,0 Gleich geblieben 0 0,0 Etwas zugenommen 29 46,0 Stark zugenommen 33 52,4 Steigerung der Rechnungsbeträge von Tierarztrechnungen Anzahl der PGI-Tätigen n %* Nein 0 1,6 Eher nein 0 0,0 Teils, teils 3 4,8 Eher ja 5 7,9 Ja 55 87,3 Tabelle 3: Übersicht über des für die Pferde gewählten Versicherungsstatus der PGI-tätigen Tabelle 4: Fixkostenzunahme über die letzten 2 Jahre vor Befragungszeitraum Tabelle 5: Steigerung der Rechnungsbeträge von Tierarztrechnungen über die letzten zwei Jahre vor Befragungszeitraum 162 | mup 4|2025 Raimann, Rhein, Krämer: Wirtschaftliche Überlegungen bei der Behandlung und Euthanasie von Pferden 23,8 % (n = 15) gaben an, sich nicht sicher zu sein, 3,2 % (n = 2) machten hierzu keine Angabe. 41,3 % (n = 26) haben selbst schon einmal darüber nachgedacht, ihr Pferd oder eines ihrer Pferde wegen der gestiegenen Kosten zu verkaufen und 20,6 % (n = 13) haben deshalb bereits eines oder mehrere Pferde verkauft oder versuchen es derzeit. Die Fragen zur Einschätzung der finanziellen Belastung sind in Tabelle 1, die jeweiligen Antworten in Tabelle 6 und Tabelle 7 dargestellt. 77,8 % (n = 49) der PGI-Tätigen machen sich mindestens gelegentlich, wenn nicht sogar häufig oder sehr häufig Gedanken darüber, eine Tierarztrechnung nicht bezahlen zu können. 55,6 % (n = 35) hatten bereits „ernsthafte Schwierigkeiten“ eine Tierarztrechnung zu bezahlen, siehe Tabelle 6. Situationen, in welchen Ausgaben gekürzt oder umfassendere Maßnahmen zur Bezahlung einer Tierarztrechnung getroffen werden müssen, haben bei knapp 80 % (78,6 % gekürzte Ausgaben; 76,5 % Ernsthafte Schwierigkeiten) in den 2 Jahren vor Befragungszeitraum zugenommen (s. Tab. 7). Kostenbezogene Verhaltensweisen bei tierärztlichen Konsultationen Die Fragen zum Verhalten bezüglich Kosten bei Konsultationen des Tierarztes oder der Tierärztin sind in Tabelle 2, die jeweiligen Antworten in Tabelle 8 und Tabelle 9 dargestellt. 73,0 % (n = 46) der PGI-Tätigen fragen mindestens gelegentlich, wenn nicht sogar Stark abgenommen Etwas abgenommen Unverändert Etwas zugenommen Stark zugenommen Gedanken d n* 0 0 3 14 38 % 0,0 0,0 5,5 25,5 69,1 Gekürzte Ausgaben e n* 0 1 9 25 14 % 0,0 2,0 18,4 51,0 28,6 Ernsthafte Schwierigkeiten f n* 1 1 6 14 12 % 2,9 2,9 17,6 41,2 35,3 * n = 63 abzgl. denen, die „nie“ der vorherigen Frage geantwortet oder keine Antwort gegeben haben d, e, f siehe Tabelle 1 Nie Selten Gelegentlich Häufig Sehr häufig Gedanken a n 8 6 27 15 7 % 12,7 9,5 42,9 23,8 11,1 Gekürzte Ausgaben b n 11 11 25 10 6 % 17,5 17,5 39,7 15,9 9,5 Ernsthafte Schwierigkeiten c n* 27 12 18 3 2 %* 42,9 19,0 28,6 4,8 3,2 * Eine Enthaltung (n = 1; 1,6 %) a,b,c siehe Tabelle 1 Tabelle 6: Häufigkeit von finanziellen Bedenken und Schwierigkeiten durch Tierarztrechnungen Tabelle 7: Zunahme von Situationen von finanziellen Bedenken und Schwierigkeiten durch Tierarztrechnungen Raimann, Rhein, Krämer: Wirtschaftliche Überlegungen bei der Behandlung und Euthanasie von Pferden mup 4|2025 | 163 häufig oder sehr häufig bei der Konsultation des Tierarztes oder der Tierärztin nach den zu erwartenden Kosten. 55,6 % (n = 35) geben an, hierbei häufig oder sehr häufig nach kostengünstigeren Alternativen zu fragen und 15,9 % (n = 10) verzichten hierbei häufig oder sehr häufig, und 50,8 % (n = 32) gelegentlich aus Kostengründen auf Untersuchungen (s. Tab. 8). Situationen dieser Art haben bei ca. zwei Drittel der befragten PGI- Tätigen in den 2 Jahren vor Befragungszeitraum zugenommen (s. Tab. 9). Euthanasie 58,7 % (n = 37) der PGI-Tätigen gaben an, Angst davor zu haben ein Pferd einschläfern lassen zu müssen, weil sie eine teure Behandlung nicht bezahlen können. Ein Pferd aufgrund mangelnder Zahlungsfähigkeit euthanasieren zu lassen, fanden 68,3 % (n = 43) nicht oder eher nicht verwerflich. Eine Euthanasie aufgrund mangelnder Zahlungsbereitschaft stufte immer noch fast ein Viertel (23,8 %; n = 15) als nicht oder eher nicht verwerflich ein. Das eigene oder eines der eigenen Pferde aufgrund der eigenen Zahlungsunfähigkeit einschläfern zu lassen, können sich 22,2 % (n = 14) vorstellen und 33,3 % (n = 21) eher vorstellen. Etwas mehr als ein Fünftel (20,6 %; n = 13) beantwortete die Frage, ob man sich vorstellen kann, sein eigenes oder eines der eigenen Pferde einzuschläfern, wenn man nicht mehr zahlen will, mit „Ja“ oder „eher Ja“. Stark abgenommen Etwas abgenommen Unverändert Etwas zugenommen Stark zugenommen Fragen nach Kosten versch. Optionen j n* 0 0 12 21 22 % 0,0 0,0 19,0 33,3 25,4 Fragen nach kostengünstiger Alternative k n* 0 0 16 19 20 % 0,0 0,0 25,4 30,2 31,7 Verzicht auf Unters. aus Kostengründen l n* 0 0 10 27 18 % 0,0 0,0 15,9 42,9 28,6 * n = 63 abzgl. denen, die „Nie“ der vorherigen Frage geantwortet oder keine Antwort gegeben haben i, k, l siehe Tabelle 2 Tabelle 8: Häufigkeit von Verhaltensweisen bzgl. Kosten bei Tierarztkonsultationen Tabelle 9: Zunahme der Häufigkeit von Verhaltensweisen bzgl. Kosten bei Tierarztkonsultationen Nie Selten Gelegentlich Häufig Sehr häufig Fragen nach Kosten versch. Optionen g n* 6 9 15 12 19 %* 9,5 14,3 23,8 19,0 30,2 Fragen nach kostengünstiger Alternative h n 7 7 14 19 16 % 11,1 11,1 22,2 30,2 25,4 Verzicht auf Unters. aus Kostengründen i n° 7 13 32 8 2 %° 11,1 20,6 50,8 12,7 3,2 * Enthaltungen (n = 2; 3,2 %); °Enthaltungen (n = 1; 1,6 %) g, h, i siehe Tabelle 2 164 | mup 4|2025 Raimann, Rhein, Krämer: Wirtschaftliche Überlegungen bei der Behandlung und Euthanasie von Pferden Konsultationen bei Krankheitsszenarien der Pferde In dem Szenario einer schweren Kolik stellt sich die Konsultation des Tierarztes oder der Tierärztin weiterhin als erste Wahl dar. Jedoch entscheiden sich 12,7 % (n = 8) der befragten PGI-Tätige, die angaben, dass sie zwei Jahre zuvor noch den Tierarzt oder die Tierärztin gerufen hätten, zum Befragungszeitraum anders (s. Abb. 2). Bei einer über drei Tage andauernden, geringgradigen Lahmheit nach einem Sturzereignis hätten zwei Jahre vor Befragungszeitraum noch 52,5 % (n = 32) einen Tierarzt oder eine Tierärztin kontaktiert, zum Befragungszeitraum entschieden sich rund 30 % (n = 18) weniger dafür. Die Konsultation des Tierarztes oder der Tierärztin ist zum Befragungszeitraum damit nur noch die am dritthäufigsten gewählte Vorgehensweise. Häufiger wird sich für die Konsultation eines / einer alternativen Therapeut: in entschieden, am häufigsten dafür, weiter abzuwarten oder eigenmächtig anzubehandeln (s. Abb. 2). Auch bei einem geringgradigen, aber chronischen Husten entscheidet sich von den 63,5 % (n = 40), welche sich zwei Jahre vor Befragungszeitraum für eine Konsultation des Tierarztes oder der Tierärztin entschieden haben, zum Zeitpunkt der Befragung die Hälfte nicht mehr für die Konsultation des Tierarztes oder der Tierärztin, sondern stattdessen für die Konsultation eines / einer alternativen Therapeut: in oder Abwarten, bzw. eigene Behandlungen (s. Abb. 2). In Falle einer Augensymptomatik, mit einseitigem, verstärktem Ausfluss, geschwollenem Lid und Hinweise auf Schmerzhaftigkeit (einseitig verstärktes Blinzeln, längeres Zukneifen) hat sich auch zwei Jahre vor Befragungszeitraum die Mehrheit (71 %; n = 44) der Befragten für ein Abwarten oder eigenständiges Behandeln entschieden. Auch hier entscheidet sich von den 29,0 % (n = 18), welche sich zwei Jahre vor Befragungszeitraum für eine Konsultation des Tierarztes oder der Tierärztin entschieden haben, zum Zeitpunkt der Befragung die Hälfte nicht mehr für die Konsultation des Tierarztes oder der Tierärztin, sondern stattdessen für eine Recherche im Internet oder Abwarten, bzw. eigene Behandlungen, sodass zum Befragungszeitraum 84,1 % (n = 53) bei der beschriebenen Augensymptomatik sich für ein Abwarten oder das selbst behandeln entscheiden (s. Abb. 2). Diskussion Die Auswertungen der vom ICAR3R erhobenen Daten zeigen, dass die Einbeziehung der Wirtschaftlichkeit in die Entscheidung für oder gegen eine Euthanasie eines Abb. 2 Raimann, Rhein, Krämer: Wirtschaftliche Überlegungen bei der Behandlung und Euthanasie von Pferden mup 4|2025 | 165 Pferdes von PGI-Tätigen in Erwägung gezogen wird. Zudem gaben PGI-Tätige an, sich bei der Konfrontation mit bestimmten Krankheitsszenarien zum Befragungszeitraum anders zu verhalten, als sie es noch zwei Jahre zuvor getan zu hätten. 98,4 % der pferdegestützt Tätigen geben an, dass sich ihre monatlichen Fixkosten für die Unterbringung und den Unterhalt Ihrer Pferde / Ihres Pferdes in den letzten 2 Jahren erhöht haben (s. Tab. 4). Gleichzeitig haben sich die Kosten für tierärztliche Behandlungen seit 2022 für 95,2 % der pferdegestützt Tätigen erhöht (s. Tab. 5). Daraus resultierend haben sich 77,8 % der pferdegestützt Tätigen zumindest gelegentlich Gedanken darüber gemacht, Tierarztrechnungen nicht bezahlen zu können. Diese Sorgen haben in den letzten 2 Jahren bei 94,6 % der Befragten zugenommen. 55,6 % hatten bereits „ernsthafte Schwierigkeiten“, eine Tierarztrechnung zu bezahlen (s. Tab. 6). Gleichzeitig lässt sich beobachten, dass die Mehrheit ihr / e Pferd / e weder OPnoch krankenversichern lassen (66,7 %, s. Tab. 6). Ebenfalls verzichten 66,7 % zumindest gelegentlich auf tierärztliche Untersuchungen aus Kostengründen (s. Tab. 8). Dass sich diese Entwicklungen weiter verschärft haben, zeigen die 71,5 % der Teilnehmenden, welche angaben, dass dieser Verzicht in den letzten Jahren noch zugenommen hat (s. Tab. 9). Die Abnahme an tierärztlichen Konsultationen zeichnet sich auch in der Auswertung der fiktiven Erkrankungsszenarien ab. Je nach Szenario zeigt sich, dass zwischen 13 % und 28 % der Personen, welche angaben, dass sie zwei Jahre zuvor noch den Tierarzt konsultiert hätten, sich nun im Befragungszeitraum für eine Alternative entscheiden würden. Allen voran zeigt sich eine zunehmende Tendenz dazu, abzuwarten oder selbständig Behandlungen vorzunehmen. Je nach Situation werden auch mit zunehmender Häufigkeit alternative Therapeuten konsultiert (s. Abb. 2). Neben den rein ethischen Implikationen werden Entscheidungen für oder gegen tierärztliche Konsultationen und eigenmächtige Anbehandlungen nicht in einem rechtsfreien Raum getroffen, sondern unterliegen dem derzeit geltende Tierschutzrecht in Deutschland. Nach § 1 des Tierschutzgesetzes (TierSchG) ist es Ziel dieses Gesetzes, das Leben und die Gesundheit von Tieren zu schützen und sie vor Schmerzen, Leiden und Schäden zu bewahren. In § 2 Nr. 1 TierSchG wird festgelegt, dass Tiere eine angemessene medizinische Versorgung erhalten müssen - ein Bestandteil der „Pflege“, die Tierhalter ihrem Tier art- und bedürfnisgerecht zukommen lassen müssen. Diese Verpflichtung entfällt nicht aufgrund steigender Kosten oder wirtschaftlicher Entwicklungen. Gleichwohl die Sorgen und Nöte der Pferdebesitzer: innen in Anbetracht einer finanziellen Prekarisierung durchaus nachvollziehbar sein können, dürfen sich diese nicht darin niederschlagen, dem in der eigenen Obhut befindlichen Pferd nötige medizinische Behandlungen zu verwehren. Ebenso gelten juristische Rahmenbedingungen auch bei der Entscheidung für oder gegen eine Euthanasie. Rund ein Viertel der PGI-Tätigen schätzt die Einbeziehung der Wirtschaftlichkeit in die Entscheidung zur Euthanasie als nicht verwerflich ein. Ein Pferd zu euthanasieren, weil jemand nicht länger für die Behandlung zahlen möchte, finden 23,8 % nicht verwerflich und 20,6 % können sich vorstellen, ihr eigenes Pferd euthanasieren zu lassen, wenn sie für die Behandlung nicht länger aufkommen wollen. Diese Zahlen sind im Hinblick auf das in Deutschland geltende Recht (TierSchG) besorgniserregend. Werden Entscheidungen zu einer Euthanasie unter Einbezug von wirtschaftlichen Interessen erwogen, stellt dies einen Verstoß gegen § 17 TierSchG dar und erfüllt einen Straftatbestand, Eine Euthanasie aus wirtschaftlichen Gründen stellt einen Verstoß gegen §17 TierSchG dar. 166 | mup 4|2025 Raimann, Rhein, Krämer: Wirtschaftliche Überlegungen bei der Behandlung und Euthanasie von Pferden da wirtschaftliche Interessen nicht als „vernünftiger Grund“ zur Tiertötung gem. § 17 Nr.1 anzusehen sind. Dies wird nicht zuletzt auch durch Urteile wie das des Bundesverwaltungsgerichts zur Untersagung des Tötens männlicher Küken festgehalten (BVerwG 2019). Pferdegestützte Interventionen basieren auf einer besonders engen Zusammenarbeit zwischen Mensch und Tier in einem stetigen Mit- und Füreinander. Einem erfolgreichen pferdegestützten Einsatz steht daher eine entsprechende Planung voran, welche neben der Auswahl eines geeigneten Pferdes auch die bedarfsgerechte Ausbildung und eine regelmäßige Reflexion der Arbeitsweise im Sinne des aktiven Tierschutzes umfasst (BTI 2023). Eine besondere Herausforderung für die pferdegestützt arbeitende Fachkraft ist hierbei die Balancierung der Bedürfnisse innerhalb der Klient: in-Pferd-Fachkraft-Triade (Ameli 2016). Zum Schutz des Tierwohls ist es hierbei Teil der guten Praxis, auf Stresssignale des eingesetzten Tieres zu achten, Abbruchkriterien festzulegen und das Tier rechtzeitig aus der Situation herauszunehmen sowie einen angemessenen Zeitrahmen für den Einsatz einzuhalten (Ameli et al. 2023). Die Sicherung des Tierwohls geht dabei jedoch immer auch über die Zeit des Einsatzes hinaus und inkludiert unter anderem die artgerechte Haltung als auch eine optimale gesundheitliche Versorgung (TVT 2012; IAHAIO 2018; BTI 2023). Gerade bei hauptberuflich tätigen Personen ist die Wirtschaftlichkeit ein stetig begleitender und nicht selten belastender Faktor, da auch bei einer aus größter Leidenschaft durchgeführten Tätigkeit die Lebenskosten getragen werden müssen. Trotz des Balanceakts, in der gewerbsmäßigen Pferdehaltung Einkünfte zu erzielen, dürfen Entscheidungen über Leben und Tod eines Tieres nicht auf bloßer Basis des wirtschaftlichen Interesses getroffen werden (BVerwG 2019). Zu entscheiden, ob eine tierärztliche Konsultation erfolgen muss und wann eher abgewartet werden kann, obliegt grundsätzlich den Pferdebesitzer: innen. Hierfür hat der Gesetzgeber in § 2 Nr. 3 TierSchG festgehalten, dass, wer ein Tier hält, auch über die für die angemessene Pflege erforderlichen Kenntnisse und Fähigkeiten verfügen muss. Seriöse pferdegestützt arbeitende Fachkräfte haben eine fundierte Grundausbildung sowie spezialisierte Zusatzqualifikationen im Bereich tiergestützter Interventionen und können erkennen, wann eine tierärztliche Konsultation unabdingbar ist. Diese ist dann unabhängig von finanziellen Gesichtspunkten zu veranlassen. Ergänzend dazu ist zu empfehlen, nicht nur bei gewerbsmäßiger Pferdehaltung eine Erlaubnis nach § 11 TschG zu erlangen. Die hierauf vorbereitenden Lehrgänge vermitteln wertvolle Grundlagen aus den Bereichen Tierschutz, Ethologie, Haltung, Fütterung, sowie Gesundheit und Unfallverhütung. Der Anteil an pferdegestützt arbeitenden Personen, die sich in der Befragung diesbezüglich von wirtschaftlichen Überlegungen in ihren Entscheidungen leiten lassen, legt nahe, dass Kenntnisse über die gesetzlichen Tierhalterpflichten nicht flächendeckend vorhanden sind. Eine mögliche Ursache hierfür könnte sein, dass die aktuell fehlenden Reglementierungen im Feld der tiergestützten Interventionen dazu führen, dass auch nicht ausreichend qualifizierte Personen ihre Dienstleistungen in diesem Bereich anbieten können. Nur durch die Kombination von menschlicher Fachkompetenz und dem daraus resultierenden tiergerechten Umgang können pferdegestützte Angebote sowohl für die Klient: innen als auch für die eingesetzten Pferde nachhaltig wirksam und verantwortungsvoll gestaltet werden, wobei die pferdegestützte Arbeit niemals auf Kosten des Seriöse pferdegestützt arbeitende Fachkräfte haben eine fundierte Grundausbildung. Raimann, Rhein, Krämer: Wirtschaftliche Überlegungen bei der Behandlung und Euthanasie von Pferden mup 4|2025 | 167 Tieres erfolgen darf. Die körperliche wie psychische Unversehrtheit der Tiere, artgerechte Haltungsbedingungen und die Vermeidung von Überlastung sind Grundvoraussetzungen für ethisch vertretbare und nachhaltige Interventionen zum Wohle von Pferd und Mensch. Fazit Die vom ICAR3R durchgeführte Befragung hat gezeigt, dass die Einbeziehung von wirtschaftlichen Faktoren auch im Bereich der pferdegestützten Interventionen Auswirkungen auf die Entscheidungen hinsichtlich medizinischer Behandlungen von Pferden hat. Gleichermaßen werden von einem Teil der PGI-Tätigen wirtschaftliche Interessen auch bei einer Entscheidung für oder gegen eine Euthanasie in Betracht gezogen. Gerade weil ein zentrales Qualitätsmerkmal aller pferdegestützten Angebote der verantwortungsvolle und tierschutzgerechte Umgang mit den eingesetzten Pferden ist, ist es von zentraler Bedeutung, der eigenen rechtlichen Pflicht, für das Wohlbefinden und die Sicherheit seiner Tiere zu sorgen, als Tierbesitzer: in jederzeit, auch im gewerbsmäßigen Kontext, zu entsprechen. Um pferdegestützte Tätigkeiten zielgerichtet umsetzen zu können, muss die Triade Klient: in-Pferd-Fachkraft stets in Balance sein; dies bedeutet, dass den Ansprüchen aller Beteiligten gleichermaßen begegnet wird. Die körperliche Gesundheit der Pferde und deren Aufrechterhaltung durch tierärztliche Behandlungen ist eine Grundvoraussetzung dafür, dass die Tiere Teil einer Triade sein können, in denen sie als gleichwertige Partner gesehen werden. Nur durch die Kombination von fachlich qualifizierter Fachkraft mit einer konsequent tierschutzorientierten Umsetzung der pferdegestützten Arbeit in die Praxis können pferdegestützte Interventionen somit langfristig wirksam und gemeinsam mit dem Partner Pferd verantwortungsvoll umgesetzt werden. Um dies flächendeckend zu realisieren, ist eine einheitliche Regelung der Qualifikationsprozesse mit entsprechender Wissensvermittlung unabdingbar. Ein zentrales Anliegen bei allen pferdegestützten Interventionen ist der Schutz und das Wohlergehen der eingesetzten Pferde - dieser muss, völlig unabhängig von finanziellen Einflussfaktoren, zu jeder Zeit gegeben sein. Literatur ■ Ameli, K. (2016): Die Professionalisierung tiergestützter Dienstleistungen: von der Weiterbildung zum eigenständigen Beruf. 1. Aufl. W. Bertelsmann Verlag, Bielefeld (Berufsbildung, Arbeit und Innovation - Dissertationen und Habilitationen, 39). ■ Ameli, K., Braun, T. F., Krämer, S. 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(2022): Online-Befragung. In: Baur, N.; Blasius, J. (Hrsg.): Handbuch Methoden der empirischen Sozialforschung. 3., vollständig überarb. u. erw. Aufl. Springer VS, Wiesbaden VS, 1051-1065. Die Autorinnen Eva Raimann M.A. Soziologin, Mitarbeiterin am Interdisciplinary Centre for Animal Welfare Research and 3R (ICAR3R) der Justus-Liebig-Universität in Gießen. Analysiert in ihrer Dissertation anhand vorherrschender Klassifikationen von Tieren alternative Verhandlungsweisen von menschlicher Subjektivität. Arbeitsschwerpunkte: Sozialwissenschaftlichen Perspektiven auf Tierschutzdebatten, Human Animal Studies und Posthumanismus. Friederike F. Rhein Tierärztin, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Versuchstierkunde und Tierschutz und Projektmitarbeiterin des Interdisciplinary Centre for Animal Welfare Research and 3R (ICAR3R) der Justus-Liebig-Universität in Gießen. Forschungsschwerpunkte: Erfassung und Bewertung der Lebensqualität und des Wohlbefindens von Tieren, Beeinflussung von Therapieentscheidung durch ökonomische Faktoren unter Berücksichtigung § 17 TierSchG, interdisziplinäre Forschungsansätze mit besonderem Fokus auf soziologischen und psychometrischen Methoden. Prof. Dr. Stephanie Krämer Fachtierärztin für Versuchstierkunde und habilitiert im Fach Experimentelle Pharmakologie, geschäftsführende Direktorin des Forschungszentrums Interdisciplinary Centre for Animal Welfare Research and 3R (ICAR3R) und Professorin für Versuchstierkunde und Tierschutz der Justus-Liebig-Universität in Gießen Forschungsschwerpunkte: Verbesserung von Haltungsmaßnahmen von Versuchstieren, Aspekte zu Verhaltensstörungen von Tieren, die in Gefangenschaft gehalten werden (Stereotypien), Verbesserung und Objektivierung von Parametern zur Belastungseinschätzung sowie Aspekte zu Qualzuchten. Anschriften Eva Raimann · Interdisciplinary Centre for Animal Welfare Research and 3R (ICAR3R) · Frankfurter Strasse 110 35392 Giessen · Eva.raimann@vetmed.uni-giessen.de Friederike F. Rhein · Interdisciplinary Centre for Animal Welfare Research and 3R (ICAR3R) · Frankfurter Strasse 110 35392 Giessen · Friederike.f.rhein@vetmed.uni-giessen.de Stephanie Krämer · Interdisciplinary Centre for Animal Welfare Research and 3R (ICAR3R) · Frankfurter Strasse 110 35392 Giessen · Stephanie.kraemer@vetmed.uni-giessen.de
