mensch & pferd international
2
1867-6456
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mup2025.art23d
2_017_2025_4/2_017_2025_4.pdf101
2025
174
Forum: Effekte der Hippotherapie-K auf verschiedene Gangparameter bei einem Stroke-Patienten
101
2025
Sibylle Müller-Bänteli
Ziel der vorliegenden Arbeit: Mit dieser Einzelfallstudie soll die subjektive sowie objektive Wirkung der Hippotherapie-K auf verschiedene Gangparameter bei einem Stroke (Schlaganfall)-Patienten aufgezeigt werden.
2_017_2025_4_0004
mup 4|2025|169-175|© Ernst Reinhardt Verlag, DOI 10.2378 / mup2025.art23d | 169 Forum Effekte der Hippotherapie-K auf verschiedene Gangparameter bei einem Stroke-Patienten Eine Einzelfallstudie Sibylle Müller-Bänteli Ziel der vorliegenden Arbeit: Mit dieser Einzelfallstudie soll die subjektive sowie objektive Wirkung der Hippotherapie-K auf verschiedene Gangparameter bei einem Stroke (Schlaganfall)-Patienten aufgezeigt werden. Methode: Der Patient (47 Jahre, Status nach cerebrovaskulärem Insult im Jahr 2016 Hemisymptomatik rechts - Hirnblutung in 2016 mit Halbseitenlähmung rechts) nimmt über 7 Wochen an hippotherapeutischen Interventionen teil. Vor Beginn der Interventionen, nach 3 Wochen sowie nach 7 Wochen findet eine Ganganalyse mittels funktionellen Mobilitätstests sowie eine Befragung in Form eines Fragebogens für Schlaganfallpatient: innen (in Form der Stroke Impact Skale [SIS]) statt. Ergebnisse: Durch die Hippotherapie-K konnten die Gehgeschwindigkeit (+9,6 %), die Kadenz (+5,4 %) sowie die Schrittlänge (rechts +3,13 % links +5,61 %) positiv beeinflusst werden. Die einfach unterstützten Gangphasen verlängerten sich (Single Support % +5,9 %). Auch die subjektive Erholung vom Schlaganfall konnte von 35 % auf 70 % gesteigert werden. Schlussfolgerungen: Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die HippotherapieK bei Stroke- Patient: innen mit Hemisymptomatiken positive Effekte auf verschiedene Gangparameter und die Gangsicherheit hat. Anamnese: Herr B. (47 J.) erlitt im Februar 2016 einen Schlaganfall im Bett. Am Morgen beim Aufwachen konnte er den rechten Arm nicht mehr heben und hat daraufhin seinen Vater alarmiert. Im Unispital kam es zu einem weiteren Schlaganfall, worauf hin die Schädelkalotte geöffnet werden musste. In der ersten akuten Phase konnte Herr B. nicht sprechen und schlucken und seine rechte Seite war komplett gelähmt. Durch einen längeren Reha-Aufenthalt sowie ambulante Physiotherapie hat sich Herr B. so weit erholt, dass er heute mit einer dynamischen Fußheberschiene (Neuroswing) selbständig gehen kann. Mithilfe der Eltern, Nachbarn und einer Haushälterin lebt Die Hippotherapie-K® (HTK) ist eine anerkannte physiotherapeutische Behandlungsmethode, welche die Pferdebewegung zur Tonusregulation und Kräftigung nutzt. 1994 wurde die Hippotherapie-K in der Schweiz, aufgrund einer Wirksamkeitsstudie von Ursula Künzle, vom Bundesamt für Gesundheit in den Leistungskatalog der Physiotherapie aufgenommen, jedoch nur für Patient: innen mit Multipler Sklerose. Bei verschiedenen Studien zeigt die Hippotherapie jedoch auch bei Stroke-Patient: innen positive Effekte auf diverse Gangparameter. Theoretischer Hintergrund 170 | mup 4|2025 Forum: Müller-Bänteli - Effekte der Hippotherapie-K er alleine in einem kleinen Einfamilienhaus. Neben den körperlichen Beeinträchtigungen sind auch kognitive Defizite vorhanden, weshalb er bedingt arbeitsfähig ist. Er kann trotzdem noch 2 Tage in der Woche an einem geschützten Arbeitsplatz arbeiten. Das subjektiv beschriebene Hauptproblem liegt laut Herrn B. in der verminderten Gangsicherheit. Laut eigenen Angaben kann Herr B. ohne größere Probleme eine halbe Stunde gehen. Beim Gehen im Freien und unter Menschen verstärkt sich jedoch die Unsicherheit und es kommt zu einer starken Ermüdung. Dual Task beim Gehen (jemanden begrüßen, mit jemandem sprechen) ist schlecht möglich und überfordert den Patienten. Ausgangslage: Während des letzten Reha- Aufenthaltes in Valens konnte Herr B. aufgrund einer Hautverletzung am rechten Knöchel nicht an der Wassertherapie teilnehmen. Als Alternative wurde ihm die Hippotherapie-K als Behandlungsmethode angeboten. Erfreulicherweise hatten diese wenigen Hippotherapiebehandlungen einen sehr positiven Einfluss auf den gesamten Körper. Herr B. hatte das Gefühl, nach der Hippotherapie-K besser gehen zu können. Bislang wurden die Kosten für eine Hippotherapie-K jedoch bei Patient: innen mit einer Hemisymptomatik von den Krankenkassen nicht übernommen, weshalb in der Schweiz sehr wenige Stroke-Patient: innen mit Hippotherapie-K behandelt werden und somit Daten für die Wirksamkeit der Hippotherapie-K fehlen. Im Jahr 2021 wurde vom BAG (Bundesamt für Gesundheit) die Leistungspflicht der obligatorischen Krankenpflegeversicherung für Hippotherapie-K bei diversen neurologischen Erkrankungen, unter anderem bei Hemiplegie, geprüft, aufgrund mangelnder fundierter Studien jedoch abgelehnt. Ziel dieser Einzelfallstudie ist es, die Wirkung der Hippotherapie-K auf spezifische Gangparameter bei einem Stroke-Patienten zu untersuchen und zu dokumentieren. Befunderhebung Clinical Reasoning: Aufgrund des Gangbildes können sehr viele Defizite bereits erahnt werden. Nach einer Beurteilung kommt man zusammenfassend auf folgende Problemanalyse: Zentrale Paresen (Lähmungen) der rechten unteren Extremität (u. E.), insbesondere Hüftgelenksflexoren, Kniegelenksextensoren, erschweren das Gehen und limitieren die Gehstrecke. In der rechten u. E. werden die vorhandenen Paresen durch Abschwächung aufgrund der Spastik verstärkt. Ausgeprägte sensorische Beeinträchtigungen der gesamten rechten Körperhälfte verstärken, in Verbindung mit einem erhöhten pathologischen Tonus im rechten Arm, die Gangunsicherheit zusätzlich. Dies führt dazu, dass aufgrund von kompensatorischen Fixationen im Rumpf nahezu keine Dissoziation zwischen Becken und Brustkorb stattfindet, was sich negativ auf das Gangbild auswirkt. Zielformulierung Gemäß Ursula Künzle (2000) ist eines der Hauptziele der Hippotherapie-K die „gangtypische Schulung der Rumpfkoordination in der Vorwärtsbewegung“. Dies möchten wir nutzen, um durch die geplante hippotherapeutische Intervention die Gangsicherheit von Herr B. subjektiv und objektiv zu verbessern. Wir haben mit einem intensiven Input (3 Wochen zweimal pro Woche Hippotherapie-K) begonnen, um eine möglichst schnelle Angewöhnung an die Hippotherapie-K zu erreichen, danach haben wir für 4 Wochen (1 Woche Ferien dazwischen) auf einmal pro Woche Hippotherapie-K reduziert, was dem üblichen Durchführungsmodus der Hippotherapie-K entspricht. Behandlungsplanung: Um die Verbesserung der verschiedenen Gangparameter aufzuzeigen, wird vor der Intervention, nach den ersten drei Wochen, sowie nach der letzten Behandlung jeweils eine Ganganalyse im Basel Mobility Center mit dem GAITRite® durchgeführt. Zusätzlich werden der Timed „Up and Go“-Test (TUG) und die Treppe als funktionelles Assessment sowie eine subjektive Befragung mit der Stroke Impact Skale durchgeführt. In der Studie „Effects of hippotherapy on recovery of gait and balance ability Forum: Müller-Bänteli - Effekte der Hippotherapie-K mup 4|2025 | 171 in patients with stroke“ von Chae-Woo Lee (2014) konnte durch die Hippotherapie eine signifikante Verbesserung der Gehgeschwindigkeit der Schrittlänge sowie des Asymmetrieverhältnisses aufgezeigt werden. Ähnliche Ergebnisse zeigt die Studie von N. Feldsieper (2011), in welcher mit der Hippotherapie die Gehgeschwindigkeit und die Schrittlänge nachweislich längerfristig beeinflusst werden konnte. Aufgrund der Ergebnisse der oben erwähnten Studien wurden folgende Gangparameter aus der Ganganalyse ausgewählt, um die Veränderungen durch die Behandlung mit der Hippotherapie-K aufzuzeigen: Anzahl Schritte, Gehgeschwindigkeit, Kadenz, Double Support Time (DST), Single Support Time (SST), Schrittlänge. Da bei der GAITRite Ganganalyse auch Sensoren am Rumpf (im Bereich des Sternums), lumbal (im Bereich des unteren Rücken) sowie an den Extremitäten Daten aufzeichnen, konnten ebenfalls Veränderungen der Bewegungen im Rumpf gemessen werden. Das beinhaltet die Beckenrotation (Transversalebene), die Beckenkippung (Flexion [F] / Extension [E] = Sagittalebene / Latflex = Frontalebene), die Brustkorbrotation (Transversalebene), die Brustkorbverschiebung in der Sagittalebene (F / E BWS) und in der Frontalebene (Latflex BWS). Diese Aufzeichnungen geben auch Aufschluss darüber, wie sich die Dissoziation zwischen Becken und Brustkorb durch die Hippotherapie-K verändert. Die Sensoren an den Extremitäten geben zudem Informationen zur Schritthöhe und zum Ausmaß der Armpendel. Wir arbeiten in der Hippotherapie-K zielorientiert auf verschiedenen sensomotorischen Wirkungsebenen. Die Ziele werden unterteilt in das HTK-Globalziel, welches sowohl auf der höheren (bewussten) als auch auf der tieferen (automatischen) Gehirnebene den Körper ganzheitlich beeinflusst und somit die Funktion der Sitzbalance schult, und die HTK-Lokalziele, welche sich mit der Beeinflussung des aktiven, respektive passiven Bewegungsapparates befassen (Künzel 2000). Bei Herrn B. habe ich folgende Ziele festgelegt: ■ Globalziel: Erarbeitung des vertikalen Türmchens, (Einrichtung der Körperabschnitte Becken, Brustkorb, Kopf übereinander), insbesondere auch die laterale Rumpfsymmetrie, welche aufgrund der Wahrnehmungsdefizite des Patienten erschwert ist und die ■ Lokalziele: Tonusregulation der rechten unteren Extremität, Schulung der selektiven Bewegungen zwischen Becken und Brustkorb, Beweglichkeitsverbesserung in den Hüftgelenken, Erarbeiten eines reaktiven Armpendels links. Therapieverlauf Die Interventionen mit der Hippotherapie-K fanden an unterschiedlichen Durchführungsstellen der mobilen Hippotherapie-K von Sibylle Müller in Büren, Gelterkinden und Arlesheim statt. Es wurden drei verschiedene Freiberger Pferde mit unterschiedlichen Bewegungsmustern eingesetzt. Wir benutzten jeweils ein Wildlederpad mit einem einfachen Haltegriff. Die Hippotherapie-K fand bei jedem Wetter draußen statt und konnte von anfänglich knapp 20 Minuten auf 30 Minuten gesteigert werden. Die Hippotherapie-K nutzt den dreidimensionalen Bewegungsimpuls der Pferdebewegung im Schritt. Durch diese Bewegungsübertragung vom Pferd auf den Menschen wird das Becken des Patienten in eine gangtypische Bewegung gebracht, wodurch Haltungsreaktionen im Rumpf ausgelöst werden (Künzel 2000). Das Gangbild von Herrn B. ist durch die Paresen und den pathologischen Tonus stark beeinträchtigt. In der Hippotherapie- K konnten wir durch die Ausgangsstellung auf dem Pferd die Beine ausschalten und gezielt an der Koordination und Kräftigung im Körperabschnitt Rumpf arbeiten. Gleichzeitig wurde durch den gespreizten Sitz auf dem Pferd Tonus regulierend auf die untere Extremität eingewirkt. In den Therapieeinheiten wurde jeweils in allen drei Hippotherapie-K Stufen gearbeitet. 172 | mup 4|2025 Forum: Müller-Bänteli - Effekte der Hippotherapie-K Es wurden insgesamt 9 hippotherapeutische Behandlungen durchgeführt. Anfänglich haben wir hauptsächlich an der Rumpfsymmetrie gearbeitet, welche aufgrund der reduzierten Körperwahrnehmung sehr asymmetrisch war. Durch die Arbeit in den verschiedenen Stufen konnte nicht nur an den Lokalzielen gearbeitet werden, sondern hat sich auch das vertikale Türmchen innerhalb der Therapieeinheiten jeweils deutlich verbessert und konnte mit zunehmenden Therapieeinheiten auch schneller eingeordnet werden. Zielerreichung Subjektiv: Herr B. fühlt sich nach den Behandlungen mit der Hippotherapie-K im Vergleich zu davor mobiler. „Das Gehen fühlt sich leichter an und ich muss mich nicht mehr so fest darauf konzentrieren. Vor allem die rechte Seite fühlt sich aktiver an.“ Objektiv: Die Ganganalyse zeigte bei diversen Parametern eine Verbesserung seit Beginn der Hippotherapie-K. Insbesondere bei den ausgewählten Gangparametern Gehgeschwindigkeit, Kadenz, DST, SST und Schrittlänge konnte eine positive Veränderung aufgezeigt werden. Die Messungen im Rumpfbereich zeigen ebenfalls, dass durch die Hippotherapie-K die Dissoziationsfähigkeit im Rumpf zumindest kurzfristig positiv beeinflusst werden kann. Nach den ersten drei Wochen, in welchen zweimal in der Woche Hippotherapie stattgefunden hat, zeigten die Messungen der Sensoren, dass sich die Brustkorbrotation vermindert und gleichzeitig mehr Beckenrotation stattgefunden hat, was auf eine verbesserte Dissoziation zwischen Becken und Brustkorb hindeutet. In der Hippotherapie-K werden die einzelnen Bewegungsrichtungen der dreidimensionalen Bewegung des Pferderückens genutzt, um in verschiedenen Stufen zu arbeiten. Stufe 1: Einrichtung und Stabilisierung des Türmchens, Becken, Brustkorb und Kopf sollen wie ein vertikales Türmchen aufeinander aufgerichtet und stabilisiert werden. Stufe 2: Beckenbewegung nach vorne und hinten (Flexion / Extension) Stufe 3: Seitliche Beckenbewegung (Lateralflexion) Stufe 4: Rotation zwischen Becken und Brustkorb Stufen der Hippotherapie-K® Abb. 1: Vergleichsbilder des Patienten vor… Abb. 2: … und nach der Hippotherapie-K Forum: Müller-Bänteli - Effekte der Hippotherapie-K mup 4|2025 | 173 Schlussteil/ Diskussion Die Verbesserung der Gangsicherheit ist für Patient: innen nach einem Schlaganfall essenziell in Bezug auf die Selbstständigkeit im Alltag, das wurde auch in der MOBITEC-Stroke-Studie festgestellt: Ein Schlaganfall führt häufig zu dauerhaften Einschränkungen der Mobilität und damit der Notwendigkeit, bei Aktivitäten des täglichen Lebens auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein. Die Wiedererlangung der Mobilität ist ein primäres Rehabilitationsziel von Patient: innen nach einem Schlaganfall (Rössler et al 2020). Die Untersuchung verschiedener Gangparameter im Ganglabor gibt Aufschlüsse, wie sich das Gangbild verändert und lässt Rückschlüsse über das Gleichgewicht und die Rumpfstabilität zu. Wie sich die Mobilität aber im Alltag der Patient: innen verändert, hängt zu einem großen Teil von seinem persönlichen Sicherheitsgefühl beim Gehen ab. In der Studie von Van de Port (2008) erwies sich die Gehgeschwindigkeit (GS) als der signifikanteste Indikator für die Teilnahme am sozialen Leben. Als Cut-off für die GS, für eine uneingeschränkte Gehfähigkeit außer Haus, hat sie 0.66 m / s festgelegt, bei früheren Studien von Perry et al (1995) waren es 0,8 m / s. Unser Patient konnte sich von 0.68 m / s auf 0.75 m / s verbessern, womit er immer noch am unteren Rand dieser Cut-off-Werte liegt. Die Aufrechterhaltung der GS ist demnach von enormer Bedeutung, um die Lebensqualität zu bewahren und die aktive Teilnahme am sozialen Leben zu ermöglichen. Interpretation der Ergebnisse Diese Einzelfallstudie konnte aufzeigen, dass die Hippotherapie-K positive Effekte auf die GS (+9,6 %), die Kadenz (+5,4 %), die Symmetrie (Zikumduktion re. -32,92 %), sowie die Schrittlänge (re. +3,13 %, li. +5,61 %) hat. Es wurde auch bestätigt, dass sich durch das schnellere Gehen die einfach unterstützten Gangphasen verlängerten (Götz-Neumann 2006). Zu den sekundären Ergebnissen zählen insbesondere die verbesserte Lebensqualität durch das subjektiv verbesserte Sicherheitsgefühl des Patienten beim Gehen. Die Verbesserung der subjektiven Gangsicherheit durch die Hippotherapie-K zeigte sich auch in der Verbesserung des Bereiches Mobilität in der SIS. Im Bereich der Mobilität wurde eine Verbesserung von 42 / 50 auf 46 / 50 erreicht. Die subjektive Erholung vom Schlaganfall hat sich sogar von 35 auf 70 verbessert auf einer Skala von 0-100. Diese Resultate sind jedoch nur bedingt aussagekräftig, da die kognitiven Defizite des Patienten die präzise Beantwortung der Fragen erschwerten. Die deutlich schlechteren Werte bei der Ganganalyse mit zusätzlicher kognitiver Aufgabe (von 50 aufwärts zählen, da subtrahieren nicht möglich war) bestätigen, dass kognitive Aufgaben dem Patienten viel Konzentration abverlangen und sich dadurch die GS deutlich reduziert. Ungefähr ein Drittel der Patient: innen mit Schlaganfall weisen nach der ersten cerebrovaskulären Episode eine anhaltende Behinderung auf, wobei motorische Beeinträchtigungen für die meisten Behinderungen nach einem Schlaganfall verantwortlich sind (Dimjan 2011). Deshalb belegen diverse Studien, dass die Wiederherstellung der Gehfähigkeit eines der Hauptziele der Schlaganfallrehabilitation ist (u. a. Selves et al. 2020; Belda et al. 2011). Diese Fallstudie zeigt zwar nur die Ergebnisse eines einzelnen Patienten; die Tatsache, dass die Werte auch beim Follow-up besser waren als zu Beginn, zeigt eine klare positive Tendenz auf, insbesondere da sich beschriebener Patient im chronischen Stadium befindet. Auch wenn Verbesserungen in den einzelnen Gangparametern ersichtlich waren, konnte bei den funktionellen Assessments (TUG und Treppe) auf den ersten Blick keine Verbesserung festgestellt werden. Beim genaueren Analysieren könnten jedoch das langsamere Hinsitzen und die geringere Vorneigung beim Aufstehen als Indiz für eine Kraftzunahme der u. E. und Verbesserung der Koordination im Becken / Rumpfbereich gewertet werden. Die Durchführung eines 6-Minuten-Gehtests hätte wahrscheinlich noch eine bessere Aussagekraft 174 | mup 4|2025 Forum: Müller-Bänteli - Effekte der Hippotherapie-K gehabt, da er über eine Momentaufnahme hinaus geht, dies wäre für eine zukünftige Studie in Betracht zu ziehen. In der Studie von Verheyden (2006) wurde festgestellt, dass Messungen der Rumpfleistung in signifikantem Zusammenhang mit Werten für Gleichgewicht, Gang und Funktionsfähigkeit standen. Somit würden die verbesserten Gangparameter für eine verbesserte Rumpfleistung sprechen. Bei der Messung der Rumpfstabilität konnte in der vorliegenden Fallstudie kurzfristig, bei der zweiten Messung nach der intensiven Hippotherapie-K eine Veränderung im Sinne von weniger Brustkorbrotation (-2,9 %) und mehr Beckenrotation (+2,9 %) festgestellt werden. Das spricht klar für eine verbesserte Dissoziation zwischen Becken und Brustkorb. In der dritten Messung wurde dann zwar nochmals mehr Beckenrotation (+4,84 %) gemessen, aber auch deutlich mehr Rotation im Rumpf (+16,58 %). Dies könnte wiederum eine Folge des kompensatorisch gesteigerten Armpendels li. in der Transversalebene (+32,6 %), aufgrund des tagesformabhängigen gesteigerten Tonus im re. Arm (Armpendel re. -7 %), gewesen sein. Die Studie von Kim et al. (2014) sagt aus, dass die Rumpfkontrollfähigkeit von Schlaganfallpatient: innen ein Index für die Wiederherstellung der Leistungsfähigkeit bei Aktivitäten des täglichen Lebens darstellt und eng mit Gleichgewicht und Gang verknüpft ist. Die Tatsache, dass die Hippotherapie draußen stattfindet, gibt dem Patienten einen zusätzlichen Anreiz, seinen Bewegungsradius zu vergrößern und somit auch seinen Mobilitätsradius. Dies ist in mehrfacher Hinsicht ein Gewinn, denn der Verlust der normalen Gehfunktion nach einem Schlaganfall verursacht nicht nur eine Behinderung, sondern führt auch zu einer fortschreitenden Dekonditionierung und setzt die Patient: innen einem erhöhten Risiko für HerzKreislaufErkrankungen und wiederkehrende Schlaganfälle aus (Malagoni et al. 2016). Wie schon in der Studie von McGibbon (2009) festgestellt wurde, stellt die Hippotherapie eine wichtige Therapieoption bei Patient: innen mit motorischen Störungen dar. Die physiologische Grundlage dieses Ansatzes ist die dreidimensionale Übertragung der Bewegung des Pferdes auf den Körper der Patient: innen. Es wird angenommen, dass diese Bewegungsreize positive Auswirkungen auf die Haltungskontrollsysteme der Patient: innen haben. Schlussfolgerung Diese Fallstudie deutet darauf hin, dass die Hippotherapie-K positive Effekte auf verschiedene Gangparameter und die Gangsicherheit bei Stroke-Patient: innen hat. In einer weiteren Pilotstudie der Schweizer Gruppe für Hippotherapie-K sollen nun diese Effekte nochmals über einen längeren Zeitraum untersucht werden und so die notwendige Teilnehmerzahl ausgerechnet werden, um eine aussagekräftige größere Studie zu lancieren. Insbesondere die Rumpfstabilität und die Dissoziation zwischen Becken und Brustkorb müsste nochmals genauer untersucht werden. Als Assessment würde sich allenfalls die Trunk Impairment Scale (TIS) eignen, da sie die statische und dynamische Sitzbalance und Koordination bei Stroke- Patient: innen untersucht (Schädler 2012). Literaturverzeichnis ■ Belda-Lois, J.-M., Mena-del Horno, S., Bermejo-Bosch, I. et al. (2011): Rehabilitation of gait after stroke: a review towards a top-down approach. J. NeuroEngineering Rehabil 2011(8), 66. doi: 10.1186 / 1743-0003-8-66 ■ Dimyan, M. A., Cohen, L. G. (2011): Neuroplasticity in the context of motor rehabilitation after stroke. Nat Rev Neurol 2011(7) 7685. doi: 10.1038 / nrneurol.2010.200 ■ Feldsieper, N., Stöcker, T., Raabe-Oetker, A. (2011): Evaluation der Hippotherapie bei Hemiparese. BG Bewegungstherapie Gesundheitssport 2011; 27(1), 1521. doi: 10.1055 / s-0030-1262739 ■ Götz-Neumann, K. (2006): Gehen verstehen: Ganganalyse in der Physiotherapie. 2. Aufl. Thieme, Stuttgart ■ Kim, H., Her, J. G., Ko, J. (2014): Effect of Horseback Riding Simulation Machine Training on Trunk Balance and Gait of Chronic Stroke Forum: Müller-Bänteli - Effekte der Hippotherapie-K mup 4|2025 | 175 Patients. J. Phys. Ther. Sci. 2014; 26(1). 29-32. doi: 10.1589 / jpts.26.29 ■ Künzle, U. (2000): Hippotherapie auf den Grundlagen der Funktionellen Bewegungslehre. Springer, Berlin / Heidelberg ■ Lee, C.-W., Seong, G. K., Yong, M. S. (2014): Effects of Hippotherapy on Recovery of Gait and Balance Ability in Patients with Stroke. J. Phys. Ther. Sci. 2014; 26(1), 309-311. doi: 10.1589 / jpts.26.309 ■ Malagoni, A. M., Cavazza, S., Ferraresi, G. et al (2016): Effects of a “test in-train out” walking program versus supervised standard rehabilitation in chronic stroke patients: a feasibility and pilot randomized study. Eur. J. Phys. Rehabil. Med. 2016; 52(3). 279287 ■ McGibbon, N. H., Benda, W., Duncan, B. R. et al. (2009): Immediate and long-term effects of hippotherapy on symmetry of adductor muscle activity and functional ability in children with spastic cerebral palsy. Arch. Phys. Med. Rehabil. 2009; 90(6). 966974. doi: 10.1016 / j.apmr.2009.01.011 ■ Perry, J., Garrett. M., Gronley, J. K. et al. (1995): Classification of Walking Handicap in the Stroke Population. Stroke 1995; 26(6), 982989. doi: 10.1161 / 01.STR.26.6.982 ■ Pschyrembel, W., Dornblüth, O. (Hrsg.) (2002): Pschyrembel Klinisches Wörterbuch. de Gruyter, Berlin ■ Rössler, R., Bridenbaugh, S. A., Engelter, S. T. et. al, (2020): Recovery of mobility function and life-space mobility after ischemic stroke: the MO- BITEC-Stroke study protocol. BMC Neurol 2020; 20(1), 348. doi: 10.1186 / s12883-020-01920-z ■ Schädler, S. (Hrsg.) (2012): Assessments in der Rehabilitation. Bd. 1: Neurologie. 3. Aufl. Huber, Bern ■ Selves, C., Stoquart, G., Lejeune, T. (2020). Gait rehabilitation after stroke: review of the evidence of predictors, clinical outcomes and timing for interventions. Acta. Neurol. Belg. 120, 783790. doi: 10.1007 / s13760-020-01320-7 ■ van de Port, I., Kwakkel, G., Lindeman, E. (2008): Community ambulation in patients with chronic stroke: how is it related to gait speed. J. Rehabil. Med. 2008; 40(1): 2327. doi: 10.2340 / 16501977-0114 ■ Verheyden, G., Vereeck, L., Truijen, S. et al. (2006): Trunk performance after stroke and the relationship with balance, gait and functional ability. Clin. Rehabil. 2006; 20(5). 451-458. doi: 10.1191 / 0269215505cr955oa Die Autorin Sibylle Müller-Bänteli ist langjährige Hippotherapie-K®-Therapeutin für Kinder und Erwachsene und führt einen größeren Hippotherapie-K®-Betrieb an verschiedenen Standorten in der Region Basel in der Schweiz mit 20 Mitarbeitern und 12 Therapiepferden. Kontakt sibylle-mueller@gmx.ch Weiterbildung Qualitätssicherung im Therapeutischen Reiten Medizin Pädagogik Psychologie Sport L Deutsches Kuratorium für Therapeutisches Reiten e.V. Interdisziplinäre Fachtagung im neuen Format: Aus Fachtagung werden Fachtage! > Kostenlosen Newsletter abonnieren: www.dkthr.de oder QR-Code scannen! DKThR-Fachtage „Kommunikation verbindet“ 18. - 19. April 2026 | Schwaiganger-Ohlstadt (Bayern) Erleben Sie Praxiseinheiten auf dem Haupt- und Landgestüt Schwaiganger und spannende Paneldiskussionen. Termin vormerken - jetzt anmelden. Immer informiert? Weiterbildung Qualitätssicherung im Therapeutischen Reiten Medizin Pädagogik Psychologie Sport L Deutsches Kuratorium für Therapeutisches Reiten e.V. Save the Date DKThR 174x85-2025.indd 1 DKThR 174x85-2025.indd 1 27.08.25 15: 42 27.08.25 15: 42 Anzeige
