eJournals mensch & pferd international17/4

mensch & pferd international
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1867-6456
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mup2025.art24d
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Forum: Mit Pferdestärke gegen Mobbingfolgen

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Kathrin-Eva Lacambra
Meine Arbeit zeigt auf, dass das „Medium“ Pferd ein idealer Partner ist und sich im Umgang mit Mobbingopfern ausgezeichnet eignet. Das „Team Pferd“ stärkt das Selbstwertgefühl, lindert das Angstempfinden und eröffnet die Möglichkeit, sich mutig neuen Situationen zuzuwenden.
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176 | mup 4|2025|176-184|© Ernst Reinhardt Verlag, DOI 10.2378 / mup2025.art24d Kathrin-Eva Lacambra Forum Mit Pferdestärke gegen Mobbingfolgen Therapeutisches Reiten SG-TR Meine Arbeit zeigt auf, dass das „Medium“ Pferd ein idealer Partner ist und sich im Umgang mit Mobbingopfern ausgezeichnet eignet. Das „Team Pferd“ stärkt das Selbstwertgefühl, lindert das Angstempfinden und eröffnet die Möglichkeit, sich mutig neuen Situationen zuzuwenden. Durchdachte Zielsetzungen sorgen dafür, dass geschwächte Bereiche bei betroffenen Klient: innen in einer zwanglosen Atmosphäre gefördert werden können und Ressourcen gezielt in die Aufgaben integriert werden. Durch die Liebe zum Pferd und die sich anbahnende Beziehung zum Tier gewinnt die Klientin an Empathie und kann ihre Fähigkeit, Lob und Anerkennung auszudrücken, ausleben. In der Interaktion mit dem Pferd kann eine wertfreie Zeit erlebt werden, die Annahme und Akzeptanz vermittelt. Die unmittelbare Reflexion durch das Pferd hilft, Baustellen sanft aufzuzeigen und anzunehmen. Es zeigt eindrücklich, wie tiefgehend sich eine Vertrauensbeziehung zum Pferd auswirkt, einen wertfreien Geborgenheitsraum öffnet und Ängste überwunden werden können. Das Setting der Reittherapie ermöglicht einen geschützten Raum, in dem sich die Klient: innen ihren Ängsten stellen und neue Verhaltensweisen einüben dürfen. Das Getragenwerden auf dem Rücken des Pferdes ist eine außerordentlich gut geeignete Übung, um Vertrauen aufzubauen und Geborgenheit zu empfangen. In meiner Arbeit zeige ich den Verlauf und die Auswertung anhand eines Praxisbeispiels, verteilt auf zehn Lektionen. Ich arbeite mit meinem siebenjährigen Wallach Namour, einem aufgeschlossenen, zugewandten Schweizer Freiberger. Meine Klientin D. ist 29 Jahre alt, ledig und als gelernte Charcuterie-Verkäuferin tätig. Sie war während ihrer gesamten Schulzeit bis zur Oberstufe Mobbing ausgesetzt. Die prägende Ablehnung während dieser Zeit hat in ihrer Seele bleibende Spuren hinterlassen, die heute noch Aufmerksamkeit benötigen. Ihre angeborene Lernschwäche und körperlichen Defizite, die bereits im Kleinkindalter therapiert wurden, können durch gezielte Übungen am oder auf dem Pferd angegangen werden. Durch Bodenarbeit lernt D. ihren Körper gezielt einzusetzen und bekommt prompte Antworten von ihrem Partner Pferd. Durch spezifische Aufgaben am Boden und auf dem Pferd wird D. herausgefordert, feine Nuancen in der Körpersprache zu erlernen und erhält dadurch eine gezielte Förderung. Das sensible Therapiepferd erobert das Herz von D. sehr schnell. Im Umgang mit ihm erfährt sie Selbstreflexion in Körpersprache und Wahrnehmung. Ein zentrales Anliegen meiner Klientin ist es, mehr Vertrauen in Mensch und Tier aufzubauen. Als Therapeutin nehme ich dieses Anliegen sehr ernst und schaffe Gelegenheiten, in denen innige Begegnungen mit dem sensiblen Tier möglich werden. Forum: Lacambra - Mit Pferdestärke gegen Mobbingfolgen mup 4|2025 | 177 Anamnese D. ist in einem intakten Elternhaus aufgewachsen. Die Familie pflegt einen wohlwollenden Umgang. Akzeptanz wurde in der Familienkultur sehr groß geschrieben und gelebt. Sie konnte in einem sozial stabilen Umfeld aufwachsen. Ihre Mutter hat sich sehr für D. eingesetzt, sodass sie eine reguläre Schule besuchen und eine Lehre im ersten Arbeitsmarkt absolvieren konnte. D. hat einen jüngeren Bruder, mit dem sie bis heute eine enge Beziehung pflegt. Neues bereitete ihr oft Mühe und wurde von ihr eher skeptisch angegangen. Ihr Rückzug und die Angst vor Begegnungen mit fremden Menschen wurden durch die Ablehnung und Ausgrenzung während ihrer Schulzeit verstärkt. Die Abdeckung ihres linken Auges aufgrund des Schielens (Strabismus convergens, ein Lähmungsschielen) machte ihr den Schulalltag zusätzlich schwer und trug zur Ausgrenzung bei. Heute besteht keine Seheinschränkung mehr und D. konnte die Fahrprüfung erfolgreich absolvieren. Das unprofessionelle Verhalten einiger Lehrpersonen, beispielsweise Aussagen wie „Wenn du es nicht verstehst, dann ist es mir zu blöd, dir das x-te Mal zu erklären…“, verstärkte ihre Angst vor neuen, ungewohnten Situationen. Das Lernen war oft mit Druck und der Angst verbunden, es nicht zu schaffen. Dies hemmte sie beim Aufnehmen von Inhalten und beeinträchtigte ihr Denkvermögen. D. hatte bereits als Kind einen starken Willen, insbesondere wenn es darum ging, ungewohnte Anforderungen zu bewältigen. Sie musste oft zu Ärzten und zu diversen Abklärungen, was für ihre Mutter eine große Herausforderung darstellte. D. zeigte ihren Widerstand durch Weinen und laute Proteste. Im Kindergarten bemerkte ihr Umfeld schnell, dass sie anders war als die anderen Kinder. Da sie ein sehr feinfühliger Mensch ist, spürte sie dies sofort. Sie spielte lieber allein oder mit nur einer einzelnen Person. Der Mittwochnachmittag lag der Mutter jeweils besonders schwer auf dem Herzen. Während sich die meisten Mitschüler verabredeten, wollte niemand etwas mit D. unternehmen. Während ihrer gesamten Schulzeit hatte sie keine Freunde. Die Ergotherapie wurde eingestellt und durch Reittherapie ersetzt. Dadurch fühlte sie sich an den freien Nachmittagen nicht mehr so allein und konnte das Pferd als sensiblen, liebevollen Freund kennen- und lieben lernen. Während der Therapiestunden mit dem Pferd entwickelte D. eine gewisse Routine im Umgang und konnte an geführten Ausritten teilnehmen. Sie war damals etwa elf Jahre alt und besuchte die Reittherapie ca. drei Jahre lang. Durch die steigenden schulischen Anforderungen fehlte ihr später die Kapazität dafür. Abb. 1: Selbstständiges Reiten fördert das Körperbewusstsein, die Körperhaltung und das Vertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit. (Alle Abb.: Kathrin Lacambra-Reiter, Wildhaus) 178 | mup 4|2025 Forum: Lacambra - Mit Pferdestärke gegen Mobbingfolgen Ein wichtiges Ritual in ihrer Familie war ein gemeinsames Vater-Tochter-Wochenende einmal im Jahr. D. erzählte mir, dass sie einmal zu einem Reitstall fuhren, wo ohne Sattel geritten wurde. Als die Frage aufkam, ob sie galoppieren wolle, zeigte D. deutlichen Widerstand, konnte sich aber nicht durchsetzen. Ihr Vater versuchte, ihr Mut zu machen und motivierte sie, dass sie es könne. D. fiel vom galoppierenden Pferd. Dieser Vorfall war ein Schock für sie und bestärkte sie in ihrer Überzeugung, dass ihre Angst vor Neuem berechtigt sei. Die Ablehnung und das Mobbing durch ihre Klassenkameraden zogen sich durch ihre gesamte Schulzeit. D. wurde hauptsächlich verbal gemobbt, wobei auch Lehrpersonen beteiligt waren. In der Oberstufe erfolgte ein Wechsel auf eine Privatschule, da ihre Mitschüler gedroht hatten, sie nach dem Turnen beim Duschen zu filmen und die Aufnahmen zu veröffentlichen. D. wollte nicht mehr zur Schule gehen und litt unter psychosomatischen Kopf- und Bauchschmerzen. Sie wurde gegenüber anderen Menschen sehr skeptisch und baute emotionale Schutzmauern um sich herum. Auf andere zuzugehen, kostete sie große Überwindung und sie entwickelte nur wenig Selbstwertgefühl. D. hat jedoch eine gute Selbstreflexion und kann ihre Ängste vor Neuem und vor fremden Menschen verbalisieren. Sie erkennt ihre Stärken und Schwächen und möchte sich erneut auf Reittherapiestunden einlassen. Als Erwachsene hat sie die Tendenz, sich zurückzuziehen. Um dem entgegenzuwirken, entschied sie sich, gemeinsam mit einer Kollegin im Haus ihrer Eltern eine Wohngemeinschaft zu gründen. D. fühlt sich wohl in dieser Wohnform und pflegt ein gutes Verhältnis zu ihrer Wohnpartnerin. Bei D. gab es Verzögerungen in der sprachlichen Entwicklung. Sie fing spät an zu sprechen und hatte Mühe, sich verbal auszudrücken. Auch heute fällt es ihr manchmal schwer, die richtigen Worte zu finden. D. fällt es nicht leicht, sich in andere hineinzuversetzen, was dazu führen kann, dass ihre verbalen Äußerungen manchmal unüberlegt spontan getätigt werden und ihr Gegenüber überfordern. D. erhielt während ihrer Schulzeit Ergotherapie mit gezielter Förderung ihrer motorischen und sensorischen Fertigkeiten inklusive ihrer Grob- und Feinmotorik. Es konnten gute Fortschritte erzielt werden. Sie fühlte sich ernst genommen und merkte, dass die Ergotherapeutin sich für sie interessierte. Heute sind diese Defizite fast vollständig verschwunden. Sie kann ihren Beruf problemlos ausüben. D. begann spät mit dem Gehen. Mit neun Jahren wurde eine operative Korrektur eines entstehenden Knick-Senkfußes vorgenommen. Das Reiten machte ihr als Sport am meisten Spaß. Im Kleinkindalter wurde sie entwicklungspsychologisch abgeklärt. Sie hatte Einschränkungen in der Körper- und Raumwahrnehmung. Heute fährt D. ihr eigenes Auto und findet sich räumlich gut zurecht. Ihre beeinträchtigte Körperwahrnehmung zeigt sich unter anderem in einer eher schlechten Körperhaltung sowie in einer Überdehnung der Kniegelenke. Sensorisch hatte sie Defizite. Sie spürte als Kind beispielsweise nicht, wenn ihre Nase lief. Zudem hatte sie beim Essen kein Sättigungsgefühl. Als Baby trank sie wiederholt zu viel, sodass sie regelmäßig erbrach. Aufgrund ihrer Lernschwäche hätte D. eigentlich eine Förderschule besuchen sollen. Doch durch gezielte ergotherapeutische Unterstützung und den großen Einsatz ihrer Mutter konnte sie die obligatorische Schulzeit regulär absolvieren. Als D. eine Schnupperlehre bevorstand, erlitt sie einige Tage vor dem Termin einen psychischen Zusammenbruch. Ihre aufgestauten Emotionen brachen in einem Weinkrampf aus ihr heraus. Versagensängste sowie der erlittene Schmerz aus ihrer Schulzeit traten an die Oberfläche. Forum: Lacambra - Mit Pferdestärke gegen Mobbingfolgen mup 4|2025 | 179 Ein ihr nahestehender Onkel, der als Coach und Mentor arbeitet, nahm sich ihrer Situation an und begleitete sie gezielt. Dies half ihr, mit ihren Gefühlen umzugehen, und gab ihr Sicherheit. Nach einem Zwischenjahr absolvierte sie eine Anlehre als Hauswirtschaftsgehilfin. Anschließend folgte eine Lehre als Charcuterie-Verkäuferin EFZ, die sie mit viel Lernbereitschaft und investierter Zeit erfolgreich abschloss. Aktuell arbeitet sie in einer Metzgerei, in der ein angenehmes Arbeitsklima herrscht. Zum ersten Mal konnte sie innerhalb eines Arbeitsumfeldes Freundschaften knüpfen. D. kann Personen gut beschreiben, Erlebtes nacherzählen und Stimmungen wiedergeben. Ihr kognitives Auffassungsvermögen ist leicht eingeschränkt. Pferd „Namour“ Namour ist ein 7-jähriger Schweizer Freibergerwallach. Aufgewachsen ist er auf einer Fohlenweide. Mit 3 Jahren kam er mit absolviertem Feldtest zu mir nach Hause. Ich arbeitete mit ihm sehr lange am Boden (ca. 1 Jahr), bevor ich ihn überhaupt ritt und konnte so eine sehr stabile Grundlage des Grundgehorsams erarbeiten. Dabei griff ich auf die 7 Spiele nach Pat Parelli zurück, was sich als sehr sinnvoll erwies. Er kann alle Spiele ohne Strick und in Freiarbeit. Er ist ein sehr freundliches, den Menschen zugewandtes, sensibles Pferd, das gefallen möchte und einem den Zugang zum Herzen sehr leicht macht. Aus den Erzählungen von D. spürte ich, dass das Pferd während der schwierigen Mobbing-Zeit eine wichtige Rolle spielte. Ich hatte stark den Eindruck, dass die Zusammenarbeit mit dem Pferd ihr in einer nächsten Lebensetappe helfen könnte, ihre Persönlichkeit weiter zu festigen. Mir ist bewusst, dass Mobbing und Ablehnung, insbesondere im frühkindlichen Alter, tiefsitzende Verletzungen verursachen und Narben hinterlassen können. Ablehnung dringt in die tiefsten Schichten des Seins ein und prägt sich in die Seele. Durch die Fähigkeit, ehrlich zu spiegeln, dient das Pferd als wunderbarer Gradmesser für die eigene Befindlichkeit und Verhaltensweise. Seine Reaktionen erfolgen unmittelbar und werden direkt kommuniziert. Die sensible Art des Pferdes lädt verletzte Menschen dazu ein, sich diesem Wesen voll und ganz anzuvertrauen und eine Beziehung aufzubauen, ein tragbares (im wahrsten Sinne des Wortes) Vertrauen zu entwickeln, indem man auf seinem Rücken getragen und geschaukelt wird. Die Angst vor Neuem und vor Versagen, die insbesondere bei Mobbing- Opfern stark ausgeprägt ist, kann mit dem Pferd auf sanfte Weise herausgearbeitet und im Team Pferd / Klient besser bewältigt werden. Die Thematik der immer wiederkehrenden Grenzüberschreitungen beim Mobbing lässt sich im Umgang mit dem Pferd gut aufgreifen und konfrontieren. Das Einhalten und Verteidigen des persönlichen Bereichs werden als wohltuende Erfahrung erlebt und als normale Reaktionen eingeübt, wenn eine Grenzüberschreitung passiert. Begründung für therapeutisches Reiten Als ich erfuhr, dass D. während ihrer Schulzeit stark unter Mobbing und Ablehnung gelitten hatte, Abb. 2: Körperlichen Kontakt und Nähe wertschätzend erleben sind heilsame Momente und fördern das Vertrauen. 180 | mup 4|2025 Forum: Lacambra - Mit Pferdestärke gegen Mobbingfolgen hatte ich den inneren Impuls, ihr eine weiterführende Reittherapie anzubieten. Durch meine berufliche Erfahrung mit Klient: innen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, ist mir dieses Thema vertraut. Ich habe zudem festgestellt, dass Mobbing eine weit verbreitete Problematik ist, die viele Menschen betrifft. Vorbereitung Ich plante zwei Schnupperlektionen mit dem Pferd, um mir einen Überblick über D.s Ausgangslage im Umgang mit Pferden zu verschaffen. Dadurch kann ich meine Zielsetzungen besser definieren und gezielt umsetzen. Es war mir wichtig, dass D. vor der ersten Lektion genügend Zeit bekommt, ihr Pferd kennenzulernen. So kann eine erste Vertrauensbasis entstehen - sowohl zu mir als Therapeutin als auch zu meinem Therapiepferd. Mein Ziel war es, dass sie sich von Anfang an wohlfühlt und in einem geschützten Rahmen Vertrauen aufbauen kann. Schon bei der ersten Begegnung fiel mir auf, dass D. keine Angst vor dem Pferd hatte und sofort seine Nähe suchte. Es war deutlich zu erkennen, dass sie den Umgang mit Pferden nicht verlernt hatte und eine natürliche Fähigkeit im Umgang mit ihnen besitzt. Als sie das Pferd am Kopf berührte und relativ schnell körperlichen Kontakt aufnahm, schien es für das Tier zunächst etwas zu schnell zu gehen. Es neigte seinen Kopf leicht weg. Ich entschied mich bewusst, nicht direkt darauf einzugehen, um D. den nötigen Raum zu geben, erst einmal anzukommen. Eine Konfrontation wäre in diesem frühen Stadium nicht angebracht gewesen. Ich stellte ihr die Putzkiste bereit und bat sie, das Pferd zu putzen. Sofort begann sie mit dem Bürsten und sprach währenddessen mit dem Tier. Ich hielt mich bewusst im Hintergrund, um die Kontaktaufnahme nicht zu stören, sondern nur zu beobachten. D. zeigte keine Berührungsängste und suchte immer wieder den Körperkontakt. Das Pferd reagierte darauf, indem es sie beschnupperte oder seinen Kopf seitlich zu ihr neigte. Sie nahm diese Gesten wahr und freute sich darüber. Es wurde schnell klar, dass der Umgang mit Pferden für sie nicht neu war. Besonders beeindruckend war, dass sie sich sofort zutraute, die Hufe auszukratzen. Sie war konzentriert, übernahm die Aufgabe selbstbewusst und führte sie sicher durch. Als nächste Übung bat ich sie, das Pferd im Schritt über den Platz zu führen. Sie lief zielgerichtet voraus, während das Pferd ihr folgte. Ich bemerkte, dass sie den Strick durchgestreckt und satt in der Hand hielt. Dennoch merkte man, dass sie sich noch nicht ganz in das Führen und die Kommunikation mit dem Pferd hineinfühlen konnte. Sie wirkte leicht nervös, nahm die Herausforderung aber gerne an. Zusammen erarbeiteten wir, welche Signale das Pferd benötigt, um sich vorwärts zu bewegen. Schnell kam das Wort „Körpersprache“ ins Spiel. Wir analysierten gemeinsam, wie D. durch ihre Körperhaltung klarere Signale geben könnte. Sie zeigte großes Interesse daran, das Pferd zu verstehen, und war bereit, ihre Körpersprache gezielt weiterzuentwickeln. Auswertung der Schnupperlektion D. fühlt sich im Umgang mit dem Pferd wohl und hat keinerlei Berührungsängste. Sie sucht aktiv den Körperkontakt und spricht mit dem Tier. Besonders bemerkenswert ist ihr sicheres Auftreten gegenüber dem Pferd - eine wertvolle Ressource für die weitere Therapie. Sie kann die Hufe auskratzen und zeigt sich dabei selbstsicher. Auch beim Putzen war sie in der Lage, das Pferd von der Wand wegzuschicken - ein beachtlicher Fortschritt in kurzer Zeit! Beim Führen übernimmt sie selbstverständlich die Leitung und geht zielgerichtet voran. In den kommenden Lektionen wird der Fokus darauf liegen, das Miteinander und die Teambildung weiter zu vertiefen. D. wurde durch die Schnupperstunde bewusst, dass ihr eigenes Auftreten von großer Bedeu- Forum: Lacambra - Mit Pferdestärke gegen Mobbingfolgen mup 4|2025 | 181 tung ist und dass im Umgang mit dem Pferd eine exakte und klare Körpersprache notwendig ist. Auswertung Auswertung der Zielsetzungen Grobziel 1 Emotionale Kontaktaufnahme und Beziehungsaufbau (sozial / emotional). D. nimmt das Pferd bewusst wahr und lässt sich auf eine Beziehung ein. D. fühlt sich getragen auf dem Pferd und kann loslassen und entspannen. Zwischenmenschliche Beziehungen und gegenseitiges Vertrauen waren für D. in der Vergangenheit schwierig. Sie sprach im Vorgespräch offen darüber, dass sie sich dieses gegenseitige Vertrauen wünscht. Das sensible, emphatische Pferd stellt einen sehr geeigneten Vertrauenspartner dar. Da sie erwähnt hat, dass sie auch zum Menschen Vertrauen gewinnen möchte, gebe ich ihr genügend Zeit und den Raum, um sich angenommen und wertvoll zu fühlen. Die Liebe zum Pferd und ihre natürliche Fähigkeit im Umgang sind eine große Ressource von D. und ermöglicht eine tiefe Freundschaft mit dem Pferd. Eine Vertrauensbasis zum Pferd ist ein wunderbares Fundament und Nährboden für verletzte, traumatisierte Seelen. Diese wird ihr aufzeigen, dass Beziehungen tief, ehrlich und aufrichtig sein können. Die Freude am unbeschwerten Sein im „Jetzt“ zusammen mit dem sensiblen Vierbeiner hilft, Freude im Moment zu erleben. Sie kann nun mit dem Pferd eine tragfähige Vertrauensbeziehung aufbauen. Ausgrenzung tritt in den Hintergrund. Im Gegensatz zur Mobbingsituation von einer ganzen Klasse, darf sie in einem Einzelsetting einen Schutzraum spüren, der ihr hilft, Emotionen angstfrei zu begegnen und neue Verhaltensmuster zu lernen. Der geschaffene Geborgenheitsraum lädt die Klientin ein, Lernsituationen nicht mehr als bedrohlich, sondern als positive Herausforderung anzunehmen. Das Arbeiten mit dem Pferd lässt eine Teambildung zu und schenkt der Klientin das Gefühl, nicht mehr allein zu sein in den Aufgaben, sondern gemeinsam herausfordernde Situationen zu meistern. Zu spüren, wie das Pferd auf einen persönlich reagiert und eine ehrliche Interaktion stattfindet, löst Wohlbehagen aus - vor allem bei Menschen, die es gewohnt sind, abgelehnt oder ausgegrenzt zu werden. Durch ihre aufrichtige, feinfühlige Art kann in der Seele von D. durch den Umgang mit dem Pferd eine vertrauensvolle, innige Beziehung entstehen. Der Beziehungsaufbau und das daraus resultierende Interesse des Pferdes geben einem das Gefühl, wahrgenommen und respektiert zu werden, was bei Mobbingopfern fördernd und heilsam wirkt. „Beim Putzen des Pferdes nützen Klientin, Pferd und Therapeutin das Setting, um eine Vertrauensbasis für die kommenden gemeinsamen Schritte zu bilden. Die Kontaktaufnahme über Berührung des Felles, das Spüren der Wärme des starken Pferdekörpers ist ein nonverbaler, basaler Vorgang und befriedigt die tiefe Sehnsucht nach Beziehung. Wir wissen, dass (intakte Beziehungen) für eine gesunde Entwicklung unumgänglich sind“ (Proksch 2022). Das Hineinhorchen in die Atmung und das Spüren der Wärme des Pferdes wird ihr einen geborgenen Ort aufmachen, ganz nah am Pferd. Das Ruhigsein am Pferdekörper kombiniert mit horchen, lässt Stille zu und schenkt Ruhe an einem geborgenen Ort. Das Nahesein am Pferd löst eine Zugehörigkeit aus und stärkt die Beziehung. Durch den intensiven Umgang und das Arbeiten mit dem Pferd wird die Empathie gestärkt. D. kann in einem geschützten Rahmen lernen, auf das Pferd zu achten, es zu lesen und auf es einzugehen. Das Loben des Tieres erachte ich als wichtig. Das Erfassen, wann das Pferd eine Aufgabe gut gemacht hat, und dementsprechend Lob auszusprechen sowie taktil und verbal zu loben, verdient Aufmerksamkeit. Die Empathie, die sie dem Pferd gegenüber entwickelt, lässt sich gut auch in den Alltag und den Umgang mit Menschen transferieren. Durch die Arbeit mit dem Pferd ist es für D. einfacher zu erkennen, wann gutes Ver- 182 | mup 4|2025 Forum: Lacambra - Mit Pferdestärke gegen Mobbingfolgen halten durch Wertschätzung und Lob Anerkennung verdient. Aufgaben wie auf dem Pferd getragen zu werden und Liegepositionen einzunehmen, fördern das Urvertrauen und geben der Klientin ein Gefühl von Sicherheit. Grobziel 2 Stärkung des Selbstwertgefühls, Abbau von Angst und Versagen (sozial / emotional): Durch Bodenarbeit erlebt D. sich selbstwirksam und sicher. Beim Reiten an der Longe fühlt sich D. geführt, wohl und traut sich zu, verschiedene Tempi zu reiten. D. führt oder reitet N. angstfrei durch einen Parcours und erlebt sich hierbei als selbstwirksam. Begründung: Hinterhand, Vorderhand verschieben, rückwärts schicken und das Pferd einladen, sind geeignete Aufgaben, um Körpersprache gezielt und exakt einzusetzen. D. bekommt eine sofortige Rückmeldung, ob ihre Körpersprache explizit und effizient genug war. Die reduzierte Körperwahrnehmung, die D. schon als Kind diagnostiziert bekam, wird durch diese Aufgaben gestärkt und weiterentwickelt. Eine aufrechte Körperhaltung ist Voraussetzung, um die Hinter- oder Vorderhand zu bewegen. D. ist nicht einem Setting in einer Gruppe von Menschen ausgesetzt, sondern befindet sich in einem geschützten Raum mit einem empathischen, großen Tier. Hier kann sie bestimmtes, selbstsicheres Auftreten erlernen und festigen. Sie erlebt Selbstwirksamkeit und kann durch ihre Körpersprache ein großes Tier lenken, was das Selbstwertgefühl positiv beeinflusst. Bei Mobbing ist Grenzüberschreitung ein großes Thema und kann in der Arbeit mit dem Pferd ideal aufgenommen und verarbeitet werden. Indem ihr persönlicher Raum benannt wird, kann sie diesen gezielt einfordern und verteidigen, sobald das Pferd ihn überschreitet. Ebenso gilt es, den Raum des Pferdes mit Achtsamkeit zu betreten. „Oftmals ist die gelungene Erfahrung des Schaffens von Distanz durch Fokussierung, klare Körpersprache und der inneren Erlaubnis dazu ein Schlüsselerlebnis. Das Spiel zwischen Distanz und Nähe wird als heilsam erlebt. Traumatisch belastete Kinder und Jugendliche sind meist davon überzeugt, dass sie, sobald sie sich einmal ,wehren‘, also Distanz einfordern, sich ihnen niemand mehr annähern möchte. Das Pferd, das ein ständiges Ausloten von Positionen innerhalb der Herde gewohnt ist, nähert sich jedoch ohne Zögern, selbst wenn es einige Minuten zuvor noch weggeschickt wurde. Auch Zulassen von Nähe kann in dieser Situation erforscht werden“ (Proksch 2022, 66). D. darf Vertrauen in ihre eigene Leistungsfähigkeit fassen. Ich werde sie an das Reiten mit Pad in Schritt, Trab, und wenn möglich an das Galoppieren, führen, um ihr zu zeigen, dass sie etwas kann. Die Longe ist ein geeigneter Zwischenschritt, um sie an das freie Reiten heranzufüh- Abb. 3: Einnehmen einer Liegeposition auf dem Pferd und das Getragenwerden fördert das Urvertrauen und hilft loszulassen. Forum: Lacambra - Mit Pferdestärke gegen Mobbingfolgen mup 4|2025 | 183 ren und ihr die notwendige Sicherheit zu geben sowie ihren Sitz und ihr Gleichgewicht zu schulen. Dadurch kann sie angstfrei die Bewegungen des Pferdes kennenlernen und Routine entwickeln. Ein weiterer Schritt in Richtung freies Reiten ist das Reiten auf einem geführten Pferd im Viereck. Nachdem sie Sicherheit an der Longe erlangen konnte, stellt dies eine nächste Etappe dar. Sie gewinnt allmählich Vertrauen und lernt, die richtigen Hilfen zu geben. Ein wichtiger Punkt ist das Anhalten: Wenn sie spürt, dass sie das Pferd dazu veranlassen kann, gewinnt sie Vertrauen in ihre Einwirkungsmöglichkeiten. Ich begleite sie lediglich als Absicherung mit dem Strick und gebe bei Bedarf gezielte Anleitungen, insbesondere beim Gangartwechsel. So lernt sie eigenständig zu reiten, gewinnt an Selbstwertgefühl und baut Angst ab. Weniger Angst vor Neuem - „sich auf das Wasser wagen“, wie sie es selbst formulierte -, war ihr Ziel für die Therapie. Das Führen oder Reiten durch einen Parcours stellt D. bewusst vor neue Herausforderungen. Durch das „Team“ Pferd werden ihre Ängste, Neues bewältigen zu müssen, verringert, da sie einen starken Partner an ihrer Seite hat. Grobziel 3 Körperbewusstsein / Körperhaltung schulen, Vertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit steigern (motorisch / sensorisch). D. kann Namour am durchhängenden Strick mit gezielter Körpersprache im Schritt und Trab führen. D. sitzt entspannt und sicher auf dem Pferd und nimmt beim Reiten eine aufrechte Körperhaltung ein. Begründung: Ein geeignetes Instrument in der Reittherapie ist die Bodenarbeit. Sie erfordert Kenntnisse und Wahrnehmung der eigenen Körpersprache. Durch verschiedene Aufgaben am Pferd können diese erworben und ausgebaut werden. Ich sehe im Führen eine große Möglichkeit, dass D. im Bereich Einfühlungsvermögen und Körperwahrnehmung mehr Sensibilität und Kompetenz entwickelt. Es sind feine, wichtige Schritte in der nonverbalen Kommunikation mit dem Pferd. Ein exaktes Einsetzen der eigenen Körpersprache zur Verständigung mit dem Pferd wird D. positiv herausfordern. „Kinder und Jugendliche, die Opfer von Mobbing geworden sind, haben oft ein von Angst und Misstrauen geprägtes Beziehungskonzept und setzen voraus, dass sie chronisch zurück- Abb. 4: Der Kontakt mit dem Pferd beim Putzen fördert den Beziehungsaufbau und liefert wertvolle, essenzielle Erfahrungen. 184 | mup 4|2025 Forum: Lacambra - Mit Pferdestärke gegen Mobbingfolgen gewiesen und allein gelassen werden. Pferde als hochspezialisierte Sozial- und Herdenwesen suchen Kontakt und Nähe bei Personen, die ihnen Sicherheit bieten. Wenn also durch Übung und therapeutische Interventionen Klarheit und Selbstbewusstsein beim Führen eines Pferdes gewonnen werden, erleben die Klient: innen ein vertrauensvolles Miteinander. Das Erlebnis eines gelungenen ,Führen und Folgen‘ lässt sich im therapeutischen Kontext Schritt für Schritt erfahren. Wobei wir voraussetzen, dass hier kein rein pädagogisches Lernen und Üben stattfindet, sondern jeder ,Fehler‘ oder Misserfolg als Möglichkeit eines Heilungsprozesses begriffen und begleitet wird“ (Proksch 2022, 36). Die Förderung der Körperhaltung ist für D. ein zentrales Thema und kann beim Reiten erarbeitet werden. Aufgrund ihrer schlechten Erfahrungen mit dem Reiten und ihrer Angst vor erneutem Versagen ist es wichtig, auf Entspannung und Lockerheit zu achten. Ein entspannter Körper und eine aufrechte Haltung sind essenziell für ein selbstsicheres Reiten. Das Mitgehen mit der Bewegung des Pferdes lädt D. ein, auf ihre Beckenbeweglichkeit und den Tonus ihrer Beine zu achten. Sie wird in ihrer Körperwahrnehmung geschult. Das freie Reiten wird eine große Freude für sie sein. Die vorangegangenen Übungen führen sie bewusst an diesen Punkt, an dem sie Vertrauen in ihre eigene Leistungsfähigkeit aufgebaut hat und sich ihrer Einwirkkompetenz bewusst ist. Durch das freie Reiten zeigt D., dass sie Neues wagen kann. Sie hat gelernt, ihren Körper gekonnt einzusetzen und selbstwirksam zu agieren. Ausblick Ich bot ihr die Möglichkeit an, N. zu besuchen oder - mit Kosten verbunden - weitere Reittherapiestunden in Anspruch zu nehmen. Wir haben aber bisher keine weiteren Lektionen geplant und ich bin gespannt, ob sie auf mein Angebot eingehen möchte. Die aufgebaute Beziehung ist so schön, dass ich ihr weitere Kontakte mit dem Pferd gönne und sei es auch nur für einen Besuch auf dem Putzplatz … Literatur ■ Proksch, G., Proksch, G. (2022): Forum: Mobbingthematik in der pferdegestützten systemischen Psychotherapie. Eine literarische Umsetzung in Form eines Jugendbuches. In: mensch & pferd international, 14 (2). https: / / doi.org / 10.2378 / mup2022.art11d Die Autorin Kathrin-Eva Lacambra Pflegefachfrau HF, Ausbildung und Praxis im Kantonsspital Frauenfeld und Schaffhausen, Selbständig erwerbende in der eigenen Firma www. thursprung.ch, Herberge und Rückzugsort in Wildhaus, zukünftiges Angebot von Reittherapie, Feriengäste und Time Out Betreuung, sowie Betreuung von Pflegekindern mit kantonaler Bewilligung des Sozialamtes SG. Kontakt Thurgüetliweg 15 · 9658 Wildhaus · CH - Toggenburg