eJournals mensch & pferd international17/4

mensch & pferd international
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Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mup2025.art25d
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Praxistipp:denkMAL Schutz Pferd in der Praxis

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Anne Lau
In der letzten Ausgabe der mup wurde unser Konzept denkMAL Schutz Pferd® ausführlich vorgestellt. Dabei lag der Fokus auf den theoretischen Hintergründen. In diesem Beitrag geht es nun um die konkrete Umsetzung und Weiterentwicklung des Konzeptes anhand von Praxisbeispielen.
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mup 4|2025|185-192|© Ernst Reinhardt Verlag, DOI 10.2378 / mup2025.art25d | 185 Anne Lau Praxistipp denkMAL Schutz Pferd in der Praxis In der letzten Ausgabe der mup wurde unser Konzept denkMAL Schutz Pferd® ausführlich vorgestellt. Dabei lag der Fokus auf den theoretischen Hintergründen. In diesem Beitrag geht es nun um die konkrete Umsetzung und Weiterentwicklung des Konzeptes anhand von Praxisbeispielen. Die Geschichte des Konzeptes - oder das allererste Praxisbeispiel Der Ursprung von denkMAL Schutz Pferd liegt in unserem Umgang mit Pferden, Menschen und vielfältigen Anforderungen, die das Leben an uns stellt. Geprägt von sich dauernd wandelnden Rahmenbedingungen, neuen Herausforderungen und unvermeidbaren Veränderungen ist eine flexible Haltung gewachsen. Fortwährend wird reflektiert: Welche Möglichkeiten werden durch diese anspruchsvolle Situation eröffnet? Was kann daraus gelernt werden und was an Neuem entstehen? Wie kann dennoch Optimismus bewahrt werden? Nach der Gründung von hofpferde Seifertshain im Jahr 2016 mit dem Fokus auf pädagogische Reitkurse wuchs das Unternehmen stetig - mit immer neuen Angeboten, einem größeren Team und steigender Zahl an Kursteilnehmenden. Dann kam die Covid-19-Pandemie und alles stand still. Doch dank der Unterstützung vieler Familien konnte der Hof mit Menschen und Pferden die Zeit überstehen und gestärkt durch neue Ideen und frischen Mut neu starten. Es folgte eine Phase des Aufschwungs mit steigender Nachfrage, zusätzlichen Pferden und noch mehr Angeboten. Gleichzeitig zeigte sich jedoch ein Rückgang beim Interesse, in den Kursen mitzuhelfen und es kam in vielen Bereichen zu enormen Preissteigerungen, die eine sichere Kalkulation erschwerten. Auch bei den Mitarbeitenden, Kindern und Eltern wuchs eine gewisse Unzufriedenheit und eine Mitarbeiterin kündigte sogar. Kritische Stimmen wie „Früher war es schöner…“ machten uns klar: Es musste sich etwas ändern. Es folgte ein grundlegendes Überdenken des gesamten Systems mit vielfältigen Gesprächen im Team, mit den Kurskindern, Jugendlichen und deren Eltern sowie Bestandsanalysen der Pferde und des Hofes. Eine neue Mitarbeiterin kam ins Team und gemeinsam definierten wir unsere Rahmenbedingungen neu - erstmals klar, transparent und umfassend. Dabei legten wir großen Wert auf unsere Werte, Haltung, Rollen, Stärken, Schwächen und Kompetenzen. Wir tauschten uns aus: Was begeistert uns in der Arbeit mit Pferden? Wo liegen unsere Interessen, unsere Komfortzonen? Dieser Prozess war geprägt von intensivem Austausch, offenen Diskussionen und dem gemeinsamen Ringen um einen Konsens, der sowohl die Perspektiven und Ideen unseres Teams als auch die der Kinder und Jugendlichen einbezog und respektierte. Nachdem die Rahmenbedingungen geklärt waren, legten wir unsere Ziele fest und die Wege 186 | mup 4|2025 Praxistipp: Lau - denkMAL Schutz Pferd in der Praxis dahin. Allem voran die gemeinsame Erhaltung des Hofes und seiner pferdegestützten Angebote, die den Mehrwert des Pferdes für die Teilnehmenden nachhaltig nutzbar machen. Neben der Reitausbildung gewannen dabei Themen wie Sozialkompetenzen, Demokratiebildung und Resilienzentwicklung noch mehr an Bedeutung. Weitere Ergebnisse waren unser neues Helfersystem für die Kurse, ein Versorgungsteam für die Pferde und ein Entwicklungsplan für neue Angebote. Erste Ideen für einen Strategieplan zur Erweiterung des Teams wurden ebenfalls geboren. Förderanträge und Vernetzungen mit anderen Akteuren folgten, um die pferdegestützte Arbeit und den Erhalt der Pferde für die Gesellschaft zu sichern. Aus diesem iterativen Prozess des Nachdenkens und Handelns ist unsere Konzeptgrundlage und später auch unser Schlüsselbild sowie die Darstellung des Prozesskreislaufes entstanden: Dieses Konzept ist die Grundlage jeder Weiterentwicklung auf unserem Hof, des Teams, des Helfersystems und natürlich auch aller Angebote. Unser Kurssystem Unsere regulären Kurse haben sich aus den örtlichen Gegebenheiten und aus den Erfahrungen mit den Kursteilnehmenden heraus zu einem komplexen System entwickelt. Örtliche Rahmenbedingungen Unser denkmalgeschützter Vierseitenhof unterscheidet sich sehr von einer großen Reitanlage, was Vor- und Nachteile mit sich bringt. Das einladende Ambiente, die vertrauensschaffende, authentische Umgebung sowie die kleinteilige Raumstruktur ermöglichen ein individuelles Gestalten und ein vielseitiges Entdecken der verschiedenen Aktions- und Ruheräume. Unser Hof erzählt seine eigene Geschichte, versprüht etwas Romantik und lädt zum Nachdenken über Vergangenes ein. Das Miteinander ist hier sehr nah und persönlich, geprägt von Geborgenheit und einem geschützten Raum. Nähe zur Natur und eine spürbare Entschleunigung machen den Aufenthalt besonders. Es gibt keine Beobachtungen von außen, denn es sind ausschließlich die Kursteilnehmenden auf dem Hof. Demgegenüber stehen die nicht immer effektiven Versorgungswege der Pferde sowie der begrenzte Raum für die Arbeit mit den Pferden. Es können nicht mehrere Angebote gleichzeitig stattfinden, für alles muss ein kleiner, geeigneter Bereich gefunden werden. Es entwickelte sich ein System, in dem die Kurse sich zeitlich überlappen, jedoch die Teilnehmenden an verschiedenen Orten lernen und gleichzeitig eine Gemeinschaft bilden können. An unserem Treffpunkt sammeln sich die Teilnehmenden selbständig und werden von uns Abb. 1 & 2: Schlüsselbild zum Konzept Praxistipp: Lau - denkMAL Schutz Pferd in der Praxis mup 4|2025 | 187 begrüßt. Der Kurs beginnt mit einem gemeinsamen Austausch - wie geht es den einzelnen Gruppenmitgliedern, was brauchen sie an diesem Tag, möchte jemand etwas berichten etc. Danach gehen die Teilnehmenden in die aktive Phase des Kurses über: die Jüngeren immer gemeinsam, die Älteren zeitweise in festen Gruppen. Es gibt auf dem Bodenarbeitsplatz die Möglichkeit, mit den Pferden vom Boden aus zu arbeiten, in der Reithalle kann geritten werden, im Außengelände können die Kinder ausreiten oder auch mit den Pferden spazieren gehen. An den Putzplätzen werden die Pferde für die Arbeit vorbereitet, dabei wird Theoriewissen vermittelt oder es gibt kleine Wellness-Einheiten für die Pferde. Bei schlechtem Wetter kann in den Seminarraum ausgewichen und in der Scheune kann Futter für die Pferde vorbereitet werden. Alle Bereiche sind schnell erreichbar, der Reitbereich ist von einer Lehrkraft, der Bodenarbeits- und Putzbereich von der anderen Lehrkraft einsehbar. Aufbau unserer pädagogischen (Reit-)Kurse für Kinder und Jugendliche Unsere Kurse sind inhaltlich an die Möglichkeiten, Bedürfnisse und Herausforderungen der verschiedenen Altersstufen angepasst. Für Kinder bis zum Schulanfang gibt es den Miniclub, der einen optimalen Einstieg in unser Kurssystem bietet und, auf Abb. 3: Luftbild des Hofes Abb. 4: Kursbestandteile 188 | mup 4|2025 Praxistipp: Lau - denkMAL Schutz Pferd in der Praxis unsere Rahmenbedingungen abgestimmt, weitgehend nach dem Hippolini®-Konzept durchgeführt wird. In den sich anschließenden pädagogischen Reitkursen für Schulkinder gestaltet die Gruppe gemeinsam den vielfältigen Ablauf mit. Wir fördern in unseren Kursen das Wohl der Pferde durch Abb. 6: Kurszeiten und Nutzung verschiedener Orte Abb. 5: Kursstruktur Praxistipp: Lau - denkMAL Schutz Pferd in der Praxis mup 4|2025 | 189 eine umfassende Reitausbildung, die auch den Umgang und die Arbeit mit dem Pferd vom Boden aus und eine individuelle Persönlichkeitsentwicklung einschließt. Auch legen wir großen Wert auf die persönliche Fitness mit Erwärmungs- und „Cool down“-Einheiten sowie einem jährlichen Fitnesstest und individuell für die Kurskinder angepassten Übungen unserer Kinderphysiotherapeutin. Wichtig ist uns die Sensibilisierung für die physische und psychische Verfassung, denn alles, was der Mensch mitbringt, überträgt er auch auf die Pferde. Zusätzlich zu sich abwechselnden Reit- und Bodenarbeitsstunden setzen gemeinsame Teamstunden (analog Teamcoaching) und Aussuchstunden (eigenständige Konzipierung und Umsetzung von den Teilnehmenden mit unserer altersgerechten Unterstützung) Impulse zum Nachdenken, Ausprobieren und Wachsen. So finden neben der fundierten Reitausbildung auch Sozialkompetenztraining, Resilienzentwicklung und Demokratiebildung inhaltlich Raum in unserem Kurssystem. Die Kursplanung für ein Halbjahr wird von uns im Team vorbereitet. Es werden Festlegungen zu Sonderwochen wie z. B. der Weihnachtswoche oder einer Kurswoche mit Eltern bzw. Begleitpersonen getroffen, außerdem wird der Einsatz der Lehrkräfte und Helfer: innen sowie der Pferdeeinsatz für die einzelnen Kurse organisiert. Sollte es darüber hinaus weitere Wünsche und Anregungen von unserer Seite geben, werden diese für die Kursplanung mit den Teilnehmenden besprochen und festgehalten. Die Kursgruppe setzt sich dann innerhalb dieser vorgegebenen Rahmenbedingungen zu Beginn des jeweiligen Halbjahres gemeinsam ihre Kursbausteine zusammen und erstellt so ihren eigenen Kursplan. Dazu ist sowohl eine Auseinandersetzung mit den von der Kursleitung vorgegebenen Rahmenbedingungen als auch die Einbeziehung aller Kursmitglieder mit ihren persönlichen Vorstellungen, Möglichkeiten und Wünschen nötig. Ebenso ist die Umsetzung mit den zur Verfügung stehenden Pferden zu prüfen. Die Kinder sind angehalten, den Auswahlprozess selbstständig auszugestalten und so den denk- MAL Schutz Pferd-Konzeptkreislauf „Wahrnehmen - Abwägen - Entscheiden: Akzeptieren/ Verändern / Beibehalten“ kennenzulernen. Natürlich bekommen sie dabei Unterstützung von den Lehrkräften, entweder auf Nachfrage oder dann, wenn es altersgerecht und passend erscheint. Unsere pädagogischen Reitkurse schaffen an einem Kursnachmittag von 14.45-20.15 Uhr mindestens 29 Kursplätze und können von nur zwei Lehrkräften mit drei Helfer: innen und ca. 9 Pferden (davon nur max. 6 geritten) durchgeführt werden. Dabei sind von den Lehrkräften eine von 14-19 Uhr, die andere von 14.30-20.30 Uhr mit der Kursdurchführung beschäftigt. Die drei Helfer: innen sind von 16-19 Uhr in den Kursen oder in der Vor- und Nachbereitung der Pferde im Einsatz. Je nach Kurs lernen die Teilnehmenden in Dreier- und später in Zweierteams mit jeweils einem Pferd. Dies gewährleistet einen schonenden Pferdeeinsatz und erleichtert das miteinander Lernen. Die Lehrkraft unterstützt, wenn nötig, und achtet immer auf das Wohl der Pferde und die Sicherheit. In den Unterrichtseinheiten setzen sich die Kinder und Jugendlichen altersgerecht Teilziele, reflektieren ihre Tagesform und die Verfassung des Pferdes und prüfen, ob die gesetzten Ziele dazu passen. Sie lernen, das Geschehene immer wieder zu hinterfragen und ihre Handlungen anzupassen, sowohl im Zusammenspiel mit dem Pferd als auch mit den Teammitgliedern. Am Ende der Stunde tauschen sie sich darüber aus, was gut lief, welche neuen Erkenntnisse sie gewonnen haben und wo es noch Entwicklungsmöglichkeiten gibt. Sie übernehmen Verantwortung für das Pferd und lernen, flexibel mit dessen Bedürfnissen umzugehen, auch wenn beispielsweise das Pferd mal nicht reitbar ist. Dabei werden Empathie, Rücksichtnahme und Selbstreflexion gestärkt - wertvolle Fähigkeiten, die ihnen auch in anderen Bereichen zugutekommen. 190 | mup 4|2025 Praxistipp: Lau - denkMAL Schutz Pferd in der Praxis Praxisbeispiele Im Folgenden soll an zwei Beispielen die Umsetzung des Konzeptes denk- MAL Schutz Pferd in der Praxis erläutert werden. Zum einen wird ein spezielles Stundenbild aus dem Aufbaukurs beschrieben und zum anderen näher auf das Helfersystem eingegangen. Reitstundenbild „Gerichtsprozess“ Zum Schutz des Pferdes und für eine fundierte und vielseitige Reitausbildung sind die Inhalte unserer Reitstunden eng an die klassische Reitlehre als Weltkulturerbe angelehnt. Gleichzeitig gestalten wir sie praxisorientiert und für die Teilnehmenden mit vielen Sinnen erfahrbar, damit diese die Inhalte besser aufnehmen, verstehen und umsetzen können. In die Konzipierung der einzelnen Stunden und Themen werden die Jugendlichen unserer weiterführenden Reitkurse, insbesondere die Helfer: innen, mit einbezogen. Durch die Zusammenarbeit von ausgebildeten Trainerinnen, Pädagoginnen und den Jugendlichen entstehen so wertvolle Stundenkonzepte für die pädagogischen Reitkurse. Ein schönes Beispiel ist die Stunde „Gerichtsprozess“, welche zum Erlernen der Gewichtshilfen dient. Die Idee dazu entstand, als wir in einem Kurs mit Jugendlichen überlegten, wie man dieses Thema altersgerecht und lebendig umsetzen könnte. Zwei Helfer: innen probierten in ihrer Reitstunde verschiedene Ideen aus, hatten dabei sichtlich Spaß, bezogen Hinweise der anderen Kursteilnehmenden ein und so entstand dieses besondere Stundenbild: Zu Beginn der Stunde verfassen die Kinder „Anklageschriften“ mit jeweils zwei Anklagepunkten: einen „gegen“ den Reitenden und einen „gegen“ das Pferd, wobei beides humorvoll gewählt wird und das Pferd aufgrund seiner Persönlichkeit gar nicht betreffen kann. In der Reithalle werden diese Anklagen verlesen. Der Reitende reitet zunächst ganze Bahn auf dem 3. Hufschlag und überlegt sich an den kurzen Seiten Entlastungsaussagen. Im Fokus steht das Geradeaus- Reiten mit der beidseitig belastenden Gewichtshilfe. Danach kann der Reitende seine Entlastungsaussagen in der „Anklagebox“ vorstellen, um sich teilweise zu entlasten. Wird dies anerkannt, reitet er erneut ganze Bahn, wendet aber an der kurzen Seite auf die Mittellinie ab und testet eine einseitig belastende Gewichtshilfe, um ein vorwärts-seitwärts Weichen des Pferdes zu erreichen. Das Ausprobieren und Hineinspüren steht hier im Vordergrund. An den langen Seiten kann er sich dabei wieder Argumente überlegen, dieses Mal um sich vollständig zu entlasten. Nach einigen Wiederholungen kann der Reitende erklären, warum es nicht das Pferd gewesen sein kann, welches die „Straftat“ begangen hat. Dies fördert das Verständnis für die Pferdepersönlichkeiten. Ist er vollständig entlastet, rei- Abb. 7 & 8: Stundenbild „Gerichtsprozess“ zum Erlernen der Gewichtshilfen Praxistipp: Lau - denkMAL Schutz Pferd in der Praxis mup 4|2025 | 191 tet er im Entlastungssitz im Schritt und Trab die ganze Bahn. Während der gesamten Reitstunde schulen die Kinder am Boden ihren Blick für die Bewegungen des Pferdes und die Einwirkungen der Reitenden und unterstützen, wo Hilfe benötigt wird. Am Ende reflektieren alle gemeinsam, was gut lief und was gelernt wurde. Die Stunde kann wiederholt oder in Teileinheiten eingebaut werden. Zum Abschluss gibt es manchmal eine kleine „Pressekonferenz zum Gerichtsprozess“, je nach Lust und Laune der Kinder. Theorieunterlagen und Übungen auf dem Holzpferd, Hocker oder Balimo ergänzen die Stunde und helfen beim Erspüren der Gewichtsverlagerungen und Beckenbewegungen. In der parallel stattfindenden Bodenarbeit üben die Kinder das Geradeausführen und das vorwärtsseitwärts Weichenlassen des Pferdes vom Boden aus sowie die Förderung der Losgelassenheit im Trab. Dabei geht es um die Blickschulung und Stärkung der Wahrnehmung, wobei der Fokus auf der Bewegung und Persönlichkeit sowie dem Lernverhalten und Wohlbefinden der Pferde in ihrer Individualität liegt. Unser Helfersystem Unser Helfersystem bietet viele Vorteile, die weit über die reine Unterstützung der Lehrkräfte in den Kursangeboten hinausgehen. Vergleichbar mit dem Zusammenleben in einer Familie oder einem Verein lernen die „Jüngeren“ von den „Älteren“ und manchmal ist es auch umgekehrt. So wird Wertschätzung, Respekt und Entwicklung erlebbar und es entstehen Vorbilder, die mit ihrer Kompetenz, Empathie und Begeisterung die nächste Generation inspirieren und mittragen. Die Helfer: innen unterstützen an ein bis drei Tagen pro Woche bei der Konzeption, Vor- und Nachbereitung sowie der Durchführung der Angebote, bei der Versorgung der Pferde und bei weiteren Aufgaben rund um den Hof. Meist beginnt das Helfen ab einem Alter von 12 Jahren. Einige Kinder helfen nur in der Pferdeversorgung, andere mehr in der Arbeit mit den Kindern - je nach Stärken und Interessen. Die Helfer: innen sind selbst in einem Kurs Teilnehmende und kennen so auch die Perspektive der Kinder und können ihre eigenen Erfahrungen aus ihrem Kurs einbringen. Zu gemeinsamen Treffen in der kursfreien Zeit gibt es Möglichkeiten für Weiterbildung, Austausch und Gemeinschaft. Z. B. eröffnen angeleitete Rollenspiele den Jugendlichen Selbsterfahrungen, durch die sie u. a. lernen, Situationen zu beurteilen, etwa wann sie helfen oder wann sie lieber abwarten sollten, damit andere selbst lernen können. Sie reflektieren damit ihre eigenen Grenzen, die Bedürfnisse der Pferde und nehmen andere Perspektiven ein. Sie lernen unsere Pferde, vor allem ihr Bezugspferd, in ihrer Individualität sehr intensiv kennen und stärken miteinander ihr Bewusstsein für das Wohl der Pferde. Die Jugendlichen übernachten ab und zu auch auf dem Hof, organisieren sich dies selbst und gestalten sich damit aktiv ihre kleine Auszeit in der Pferdewelt neben ihrem Alltag mit Schulstress und anderen Verpflichtungen. Ganz besonders wichtig ist uns eine wohlwollende und wertschätzende Fehler- und Feedbackkultur, nach dem Motto: nicht nur meckern, sondern mitgestalten. Veränderungskompetenz entsteht durch wertschätzendes Feedback und Selbstreflexion, so wächst jede: r Einzelne. Rückschläge und Herausforderungen werden zu Chancen, um Resilienz und Selbstwirksamkeit zu stärken. Dialog- und Konfliktfähigkeit werden geschult in der Verteilung von Aufgaben und im Kritik-Annehmen und -Geben - immer mit Offenheit, Wertschätzung und dem Ziel, Konflikte konstruktiv zu lösen. Schließlich lernen die Jugendlichen, dass die Arbeit mit Pferden Anpassungsfähigkeit und Durchhaltevermögen fordert, egal ob beim genauen Abäppeln der Paddocks oder beim sensiblen Beobachten und Hineinspüren in Pferd und Mensch. Die Arbeit im Helfersystem fördert Eigeninitiative und Kreativität. Die Jugendlichen erkennen selbstständig, wo Unterstützung gebraucht wird, 192 | mup 4|2025 Praxistipp: Lau - denkMAL Schutz Pferd in der Praxis sei es bei der Pferdeversorgung, der Ausgestaltung von Angeboten oder in der Vorbereitung von Kursen und handeln danach. Sie übernehmen auch unliebsame Aufgaben, entwickeln kreative Lösungen und bringen eigene Ideen ein, wie z. B. neue Spiele oder kreative Übungen für die Erwärmung. Dadurch entsteht ein lebendiges Miteinander, in dem Kommunikation eine zentrale Rolle spielt. Unsere Helfer: innen sind „Übersetzer: innen“ zwischen Pferden, Kindern und Lehrkräften und sorgen somit für Sicherheit und Wohlbefinden aller Beteiligten. Gleichzeitig ist das Helfersystem Teil einer größeren Idee: die Liebe zum Pferd und für die Gemeinschaft weiterzugeben. Dabei übertragen die Helfer: innen wertvolle Erfahrungen und Erkenntnisse aus der Pferdewelt auf Herausforderungen in Schule, Gruppenarbeiten oder andere Lebensbereiche. Unsere Jugendlichen sind großartig und nehmen ihre Empathie, Kompetenz und Begeisterungsfähigkeit mit in ihre eigene Lebenswelt und damit ein kleines Stück auch in die Welt hinaus. Fazit Unser Konzept ist über die Jahre gewachsen und die Umsetzung fordert uns immer wieder auf vielfältigen Ebenen heraus. Manchmal funktioniert es nicht wie eben beschrieben, aber das macht Lebendigkeit und Menschsein aus. Entwicklung braucht Raum, Zeit und manchmal Umwege. Wichtig ist, dass wir dranbleiben, uns weiterbilden, neue Formate erproben und offen bleiben für Veränderung. Ob im Kinderreitunterricht, in Schulprojekten oder im Coaching: Wir wachsen mit den Menschen und Pferden gemeinsam. Wir planen aktuell Weiterbildungen für Trainer: innen, unser neues Resilienzcoaching „PferdePuls“ startet gerade und zwei neue LEADER-geförderte Konzeptentwicklungen für pferdegestützte Schulprojekte mit den Schwerpunkten Bildung für nachhaltige Entwicklung und Demokratiebildung an Grund- und Oberschulen werden uns die nächsten zwei Jahre begleiten. Manche Prozesse stehen noch am Anfang, andere sind schon in Bewegung. Dies alles gehört zur Lebendigkeit unseres Weges mit unserem Konzept denkMAL Schutz Pferd dazu. Die Autorin Anne Lau Soz.-Pädagogin, Trainer B Reiten (FN), Reittherapeutin, Coach (DGfC), seit 2016 Inhaberin hofpferde Seifertshain Anschrift hofpferde Seifertshain · Mittelstr. 50 04463 Großpösna · www.hofpferde.de anne.lau@hofpferde.de Abb. 9: Konzeptvideo unserer Jugendlichen