eJournals mensch & pferd international17/4

mensch & pferd international
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1867-6456
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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Praxistipp: Kleine Hufe, große Wirkung: Der Weg vom Miniatur-Pony zum Therapiehelfer

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Carola Weidemann
Die ersten Sonnenstrahlen brechen durch die Äste und tauchen die Weide in ein goldenes Licht. Der Tau glitzert auf den Halmen, während ein Miniatur-Pony mit gemächlichen Schritten über das feuchte Gras trabt. Es bleibt stehen, spitzt die Ohren und hebt den Kopf, als würde es die Ruhe des Morgens in sich aufnehmen. Dieser Moment, still und friedlich, ist Teil eines längeren Weges.
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mup 4|2025|193-195|© Ernst Reinhardt Verlag, DOI 10.2378 / mup2025.art26d | 193 Carola Weidemann Praxistipp Kleine Hufe, große Wirkung: Der Weg vom Miniatur-Pony zum Therapiehelfer Die ersten Sonnenstrahlen brechen durch die Äste und tauchen die Weide in ein goldenes Licht. Der Tau glitzert auf den Halmen, während ein Miniatur-Pony mit gemächlichen Schritten über das feuchte Gras trabt. Es bleibt stehen, spitzt die Ohren und hebt den Kopf, als würde es die Ruhe des Morgens in sich aufnehmen. Dieser Moment, still und friedlich, ist Teil eines längeren Weges. Denn dieses Pony wird eines Tages eine besondere Rolle übernehmen: Es wird Menschen in Pflegeheimen, Hospizen oder Schulen Trost, Hoffnung und Nähe schenken. Doch bevor es diese Aufgabe übernehmen kann, liegt ein intensives Training vor ihm. Über zwei Jahre hinweg wird es Schritt für Schritt darauf vorbereitet, sich sicher und ruhig in verschiedenen Umgebungen zu bewegen, Menschen zu begleiten und ihre Nähe zuzulassen. Die Ausbildung verlangt Geduld, Feingefühl und ein tiefes Verständnis für die Bedürfnisse des Tieres. Miniatur-Ponys: Kleine Tiere mit großer Ausstrahlung Miniatur-Ponys sind nicht nur aufgrund ihrer geringen Größe einzigartig, sondern auch durch ihre natürliche Ruhe und Freundlichkeit. Ihre kompakte Statur macht sie besonders zugänglich für Kinder, Senioren oder Menschen mit körperlichen Einschränkungen. Sie wirken nicht einschüchternd, sondern laden geradezu ein, Kontakt aufzunehmen. Doch es ist nicht nur ihre Größe, die sie zu idealen Therapiehelfern macht. Miniatur-Ponys strahlen eine Gelassenheit aus, die Menschen spüren und schätzen. Sie schaffen eine Atmosphäre, die von Nähe und Geborgenheit geprägt ist besonders wertvoll in Umgebungen, in denen Stress oder Unsicherheit oft vorherrschen. Der erste Schritt: Vertrauen schaffen Die Reise eines Therapieponys beginnt mit Vertrauen. Schon früh, im Alter von anderthalb Jahren, wird das Pony an Menschen und verschiedene Umweltreize gewöhnt. In dieser Phase ist Geduld der Schlüssel. Spaziergänge, sanftes Putzen und erste Übungen mit der Führleine sind feste Bestandteile des Alltags. Das Pony lernt, dass der Mensch ein verlässlicher Begleiter ist. Schritt für Schritt wird es mit neuen Eindrücken konfrontiert sei es das Klappern von Geschirr, das Summen eines elektrischen Rollstuhls oder das Knarren einer Tür. Ziel ist es, dass das Tier diese Reize als normal wahrnimmt und ruhig bleibt, unabhängig von seiner Umgebung. Desensibilisierung: Sicherheit in jeder Situation Nach der Vertrauensphase folgt die Desensibilisierung, ein weiterer wichtiger Baustein in der Ausbildung. Hier lernt das Pony, sich in verschiedensten Situationen sicher und ruhig zu bewegen. Das Training beginnt mit kontrollierten Übungen. Ein Rollstuhl wird zunächst aus sicherer Entfernung gezeigt, sodass das Pony ihn beobachten 194 | mup 4|2025 Praxistipp: Weidemann - Kleine Hufe, große Wirkung kann. Nach und nach wird die Distanz verringert, bis das Tier schließlich ruhig neben einem bewegten Rollstuhl stehen bleibt. Auch plötzliche Geräusche, unerwartete Bewegungen und lebhafte Umgebungen gehören zum Training. Ziel ist es, dass das Pony selbst in unvorhersehbaren Situationen gelassen bleibt. Individuelles Training für jede Persönlichkeit Jedes Pony hat seinen eigenen Charakter, und die Ausbildung wird entsprechend angepasst. Manche Tiere sind von Natur aus neugierig und mutig, während andere mehr Zeit brauchen, um sich an neue Situationen zu gewöhnen. Ein schüchternes Pony wird zunächst in ruhigen, vertrauten Umgebungen trainiert, während ein selbstbewusstes Tier früh in Gruppen arbeiten kann. Auch die späteren Einsatzorte werden an die Stärken des Ponys angepasst. Einige Tiere fühlen sich in der lebhaften Atmosphäre einer Schule wohl, während andere in der ruhigen Umgebung eines Hospizes aufblühen. Praktische Übungen wie das Gehen auf glatten Böden, das Anpassen der Geschwindigkeit an einen Rollator oder das Verweilen neben einem Bett bereiten das Pony auf die vielfältigen Anforderungen seiner Arbeit vor. Die ersten Einsätze: Vertrauen in Bewegung Nach zwei Jahren sorgfältiger Ausbildung beginnt für das Miniatur-Pony eine neue Phase die ersten Begegnungen mit Menschen. Diese Momente, voller leiser Interaktion und Vertrauen, sind für beide Seiten von großer Bedeutung. Ein Mann schiebt langsam seinen Rollator den Flur entlang. Seine Schritte sind vorsichtig, beinahe zögerlich. Neben ihm bewegt sich das Pony ruhig und an seiner Seite, die Führleine locker am Griff des Rollators befestigt. Das Tier geht im gleichen Tempo, bleibt stehen, wenn der Mann innehalten muss, und wartet geduldig, bis es weitergeht. Der Anblick der beiden vermittelt nicht nur Sicherheit, sondern zeigt, wie viel Vertrauen das Pony in solchen Augenblicken schenkt. In einem anderen Raum liegt eine ältere Frau im Bett, ihre Hände ruhen auf der Decke. Das Pony tritt behutsam näher, bleibt am Bettrand stehen und senkt den Kopf. Die Frau hebt eine Hand, zögerlich, dann berührt sie das weiche Fell. Der Moment ist still, fast greifbar. Die Ruhe, die von dem Pony ausgeht, scheint den Raum zu erfüllen, während die Berührung etwas in der Frau Abb. 1: Ungewohnte Situationen gehören geübt - so wie das Fahren im Aufzug (Alle Abb.: Carola Weidemann) Abb. 2: Vertrauensvoller Kontakt Praxistipp: Weidemann - Kleine Hufe, große Wirkung mup 4|2025 | 195 verändert ein Gefühl von Nähe, das lange gefehlt hat. Diese Einsätze zeigen, wie tief das Zusammenspiel zwischen Mensch und Tier wirken kann. Sie sind ein Beweis dafür, wie präzise das Training die Ponys vorbereitet hat, und machen deutlich, dass diese Tiere nicht nur begleiten, sondern echte Verbindungen schaffen. Es ist die geduldige Arbeit der letzten zwei Jahre, die in diesen stillen Momenten ihre Wirkung entfaltet. Das Wohl der Ponys hat oberste Priorität So wertvoll die Arbeit der Ponys auch ist, ihr Wohl steht immer im Mittelpunkt. Die Tiere leben in artgerechter Haltung auf großzügigen Weiden, wo sie sich frei bewegen und soziale Kontakte zu anderen Ponys pflegen können. Die Einsätze in sozialen Einrichtungen sind zeitlich begrenzt. Kein Pony arbeitet länger als zwei Stunden am Stück. Zwischen den Terminen haben sie ausreichend Zeit zur Erholung. Diese Balance ist essenziell, damit die Ponys langfristig gesund und ausgeglichen bleiben. Warum der Weg sich lohnt Die Ausbildung eines Miniatur-Ponys zum Therapiehelfer ist ein anspruchsvoller Prozess, der viel Geduld und Hingabe erfordert. Doch die Ergebnisse sprechen für sich. Ein gut ausgebildetes Pony bringt Trost und Freude in Lebensphasen, die oft von Unsicherheit oder Abschied geprägt sind. Der Weg vom neugierigen Jungtier zum erfahrenen Therapiehelfer zeigt, wie tief die Verbindung zwischen Mensch und Tier sein kann. Miniatur-Ponys sind nicht nur Begleiter sie sind stille Helfer, die Herzen öffnen und Leben bereichern. Sie erinnern daran, dass selbst kleine Hufe große Spuren hinterlassen können. Die Autorin Carola Weidemann ist seit über 30 Jahren als Reitlehrerin und Ausbilderin in der Dressur tätig und hat eine besondere Leidenschaft für Therapie-Ponys. Mit viel Geduld bildet sie ihre Miniatur-Ponys zu liebevollen Begleitern für Senioren und Kinder aus und sorgt dabei stets für ihr Wohlbefinden. Ihre Ponys schaffen es, Freude und besondere Momente in das Leben der Menschen zu bringen. Kontakt ka-weidemann@t-online.de Abb. 3: Von höchster Wichtigkeit: Der entsprechende Ausgleich, sozialer Kontakt, freie Bewegung