eJournals mensch & pferd international18/1

mensch & pferd international
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1867-6456
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mup2026.art03d
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Forum: HIPS-Reittherapie zur Rückbildung nach der Schwangerschaft

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Sabine Dell’mour
Es gibt vier Körperbereiche, die das gleiche Schicksal teilen. Sie fristen ein Schattendasein im öffentlichen Bewusstsein, werden oft mit Ekel verbunden und stehen „parallel“ zum Boden. Das sind die Füße, deren Zehen - mit Ausnahme der großen Zehen - keine speziellen Namen haben. Ein weiterer Bereich ist rund um das Kinn und den Unterkiefer, der im Deutschen kaum bekannte Begriff dafür ist Zungengrund.
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mup 1|2026|17-24|© Ernst Reinhardt Verlag, DOI 10.2378 / mup2026.art03d | 17 Sabine Dell’mour Forum HIPS-Reittherapie zur Rückbildung nach der Schwangerschaft Wahrnehmung und Bewusstsein für den Beckenboden mithilfe des Pferdes verbessern Es gibt vier Körperbereiche, die das gleiche Schicksal teilen. Sie fristen ein Schattendasein im öffentlichen Bewusstsein, werden oft mit Ekel verbunden und stehen „parallel“ zum Boden. Das sind die Füße, deren Zehen - mit Ausnahme der großen Zehen - keine speziellen Namen haben. Ein weiterer Bereich ist rund um das Kinn und den Unterkiefer, der im Deutschen kaum bekannte Begriff dafür ist Zungengrund. Weiterhin ist es die feinsträngige Kopfmuskulatur, deren Spannungszustand maßgeblich das Gleichgewichtsgefühl beeinflusst. Und schließlich ist es der Beckenboden. Der Beckenboden ist eine Region, die der Schwerkraft besonders ausgesetzt ist. Eine Region, die für Funktionen zuständig ist, über die nicht gerne gesprochen wird. Ekel und Scham verhindern einen offenen Umgang. Selbst im medizinischen Kontext wird ungern darüber gesprochen. Um diese Region geht es in diesem Artikel. Es wird Bezug genommen auf die wissenschaftliche Abschlussarbeit zur Erlangung des Titels „Akademische Expertin für HIPS-Reittherapie“ von Stefanie Gattringer. Anatomie und Funktionen des Beckenbodens Der Beckenboden bildet eine mehrschichtige, gitterartige Muskelstruktur, die am knöchernen Becken befestigt ist und die Beckenorgane wie eine Hängematte trägt und stützt. Er besteht aus drei Muskelschichten, die sich überlagern und unterschiedliche Funktionen übernehmen. Da sie nicht direkt sichtbar oder tastbar sind, erfordert ihre Wahrnehmung eine bewusste innere Aufmerksamkeit (Kitchenham-Pec / Bopp 1997, 19). Die unterste Beckenbodenschicht liegt direkt unter der Haut und ist am besten erfahrbar. Sie umfasst: ■ das Muskelhaltekreuz (Stabilität, struktureller Halt für andere Muskeln), ■ den U-Muskel (Unterstützung des Harnröhrenschließmuskels), ■ den Afterschließmuskel (dichter Verschluss des Enddarms). Diese drei Muskeln sind eng miteinander verbunden und können nicht isoliert genutzt werden. Ein wesentliches Merkmal der untersten Schicht ist, Abb. 1: Die unterste Beckenbodenschicht (alle Abb. Sabine Dell’mour, erstellt nach Kitchenham-Pec / Bopp 1997) 18 | mup 1|2026 Forum: Dell’mour - HIPS-Reittherapie zur Rückbildung nach der Schwangerschaft dass sie - unabhängig von anderen Muskeln - bewusst angespannt, besser wahrgenommen und dadurch gezielt trainiert werden kann (Kitchenham-Pec / Bopp 1997, 21-22). Die mittlere Beckenbodenschicht liegt oberhalb der untersten Schicht und besteht aus einem oberflächlichen, schmalen Muskelstrang sowie einer kräftigeren, quer verlaufenden Muskelplatte. Während der oberflächliche Muskel vor allem stabilisiert, unterstützt die tiefere Platte durch seitliches Zusammenziehen des Beckenausgangs die Sicherung der Beckenorgane, insbesondere bei Druck aus dem Bauchraum. Ihre Funktion wird zusätzlich durch Bauch-, Gesäß- und Rückenmuskulatur unterstützt. Bei Frauen stellt diese Schicht einen indirekten Schwachpunkt dar, da sie weniger Muskelgewebe als bei Männern aufweist, was bei starker Druckbelastung (z. B. Heben schwerer Lasten) nachteilig wirken kann (Kitchenham-Pec / Bopp 1997, 24-25). Die innerste Beckenbodenschicht ist kaum bewusst an- oder entspannbar. Sie beeinflusst die Beckenstellung und trägt damit zur Körperhaltung bei. Zusätzlich stabilisiert sie die Beckenorgane, sichert die Kontinenz und gleicht Druckverhältnisse im Beckenraum aus. Die Beckenbodenmuskulatur erfüllt vielfältige Aufgaben, die sowohl bewusst steuerbar als auch reflexartig ablaufen. Sie stabilisiert die Beckenorgane, sichert die Kontinenz, unterstützt sexuelle Funktionen und ist in komplexe Koordinationsmuster mit Zwerchfell und Rumpfmuskulatur eingebunden. Eine Schwächung kann erhebliche Alltagsbeeinträchtigungen bis hin zu sozialen und gesundheitlichen Folgen nach sich ziehen (Kitchenham-Pec / Bopp 1997, 26; Carrière 2001, 9-10). Veränderungen des Beckenbodens - Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett Die Schwangerschaft und Geburt stellen für den Beckenboden eine erhebliche Belastung dar. Während der Schwangerschaft trägt er das Gewicht von Gebärmutter, Fruchtwasser und Kind. Unter der Geburt werden die Muskeln durch den Druck des kindlichen Kopfes extrem gedehnt und verschoben (Kitchenham-Pec / Bopp 1997, 39). Bereits während der Schwangerschaft treten bei vielen Frauen Blasenbeschwerden wie Harndrang oder Entleerungsstörungen auf, die sich im Wochenbett fortsetzen können. Auch Stuhlinkontinenz nach der Geburt ist möglich. Hormonelle Einflüsse wirken auf die Muskelspannung und können temporäre Blasenschwäche hervorrufen. Neben hormonellen Ursachen spielen Risikofaktoren wie genetisch bedingte Gewebeschwäche, frühere Geburten, körperliche Überlastung, chronischer Husten oder psychischer Stress eine Rolle. Auch eine nach hinten geknickte Gebärmutter oder Verletzungen während der Geburt (z. B. an Faszien, Blasenhals oder Dammbereich) Abb. 2: Die mittlere Beckenbodenschicht (erstellt nach Kitchenham-Pec / Bopp 1997) Abb. 3: Die innerste Beckenbodenschicht (erstellt nach Kitchenham-Pec / Bopp 1997) Forum: Dell’mour - HIPS-Reittherapie zur Rückbildung nach der Schwangerschaft mup 1|2026 | 19 begünstigen Inkontinenz und Senkungszustände (Kitchenham-Pec / Bopp 1997, 47 ff). Diskutiert wird auch, ob ein Kaiserschnitt den Beckenboden schützen kann. Neuere Studien zeigen jedoch, dass bereits die Schwangerschaft selbst Veränderungen verursacht, die Belastungsinkontinenz oder Organsenkungen fördern können. Die Geburtsbegleitung spielt eine zentrale Rolle: Eine vertraute Bezugsperson kann die Entspannung des Beckenbodens unterstützen, wohingegen autoritäre Anleitungen eher zu Verkrampfungen führen. Das umstrittene Valsalva- Pressmanöver erhöht den Druck im Bauchraum, verschlechtert die fetale Sauerstoffversorgung und steigert das Risiko für Stressinkontinenz. Übermäßiges oder langes Pressen kann zusätzlich die Nervenversorgung des Beckenbodens schädigen. Das kann zu einer dauerhaften Minderaktivierung der Beckenbodenmuskulatur führen und eine vollständige Regeneration verhindern (Kitchenham-Pec / Bopp 1997, 53-54). Nach der Geburt sind vorübergehende Probleme wie die Unfähigkeit zu urinieren, Inkontinenz oder Gebärmuttersenkung häufig. Diese hängen von Schonung, Körperhaltung und Regeneration im Wochenbett ab. Belastende Tätigkeiten (Husten, schweres Heben, frühe Bauchmuskelübungen) verschärfen das Risiko. Viele Frauen nehmen eine unbewusste Schonhaltung ein, die zwar entlastet, aber die Muskelwahrnehmung und Aktivierung einschränkt. Für die Rückbildung gilt: Schwangerschaft und Geburt belasten den Beckenboden erheblich. Hormone, Geburtsmodus, Verletzungen, Körperhaltung und individuelle Risikofaktoren beeinflussen, ob und in welchem Ausmaß Funktionsstörungen wie Inkontinenz oder Senkungszustände auftreten. Eine gezielte, angepasste Rückbildungsgymnastik ist entscheidend für die langfristige Stabilisierung (Kitchenham- Pec / Bopp 1997, 56-58). Aspekte des funktionellen Beckenbodentrainings Der Beckenboden kann nicht isoliert, sondern nur im Zusammenspiel mit anderen Muskelgruppen und Bewegungsabläufen betrachtet werden. Das zentrale Nervensystem steuert Bewegungen über komplexe motorische Einheiten, nicht über einzelne Muskeln. Daher sind gleichförmige, isolierte Anspannungen wenig sinnvoll für den Aufbau nachhaltiger motorischer Fertigkeiten. Funktionelles Beckenbodentraining zielt darauf ab, koordinierte Bewegungsmuster zu fördern, die im Alltag abrufbar sind (Tanzberger et al. 2009, 4). Die Atemlehre stellt dabei ebenfalls einen zentralen Bestandteil dar. Eine bewusste und richtige Atemführung reduziert die Belastung des Beckenbodens und verbessert die Koordination mit dem Zwerchfell. Insbesondere in der Rückbildungsphase nach der Geburt haben Atemtechniken wie Gähnen oder Entspannungsatmung eine wichtige Funktion. Darüber hinaus beeinflussen psychische Faktoren die Muskelspannung und Funktion. Angst und negative Gedankenmuster können die Reizbarkeit der Blase erhöhen und Inkontinenzprobleme verschärfen. Mentale Techniken wie die Visualisierung von Bewegungsabläufen oder der Einsatz bildhafter Sprache, Gestik und Stimme erleichtern die bewusste Ansteuerung „unsichtbarer“ Muskelgruppen und unterstützen die Körperwahrnehmung (Carrière 2001, 36). Studiendesign und HIPS-Reittherapie zur Rückbildung Für ihre Studie konnte Gattringer sieben Probandinnen gewinnen. Bereits vor Beginn der Studie suchte sie Kontakt zu einer Hebamme. Diese war teilweise bei den Einheiten anwesend und stand stets für Rücksprachen zur Verfügung. Das Bilden von Kooperationen und Netzwerken als multiprofessionelles Team zählt zu den grundlegenden Prinzipien des heilsamen intuitiven Pferde-Settings (HIPS). Vier Probandinnen entbanden ihr jeweils erstes Kind in der Zeit von Jänner und März 2025. Eine 20 | mup 1|2026 Forum: Dell’mour - HIPS-Reittherapie zur Rückbildung nach der Schwangerschaft Probandin gebar 2020 und 2023. Diese war die einzige mit zwei Kindern. Alle hatten bis zum Start der pferdegestützten Maßnahme bereits am funktionellen Rückbildungskurs in der Praxis der Hebamme teilgenommen. Der Start des Rückbildungskurses mit Pferd war Ende Mai. Somit betrug die kürzeste Zeitspanne zwischen Geburt und Rückbildung mit Pferd immerhin drei Monate. Die siebte Probandin war Reiterin und konnte aus zeitlichen Gründen nicht am funktionellen Rückbildungskurs teilnehmen. Sie hatte 2025 ihr erstes Kind entbunden und ist letztlich aus der Studie ausgeschieden, weil keine gemeinsamen Termine mit dem Pferd zustande kamen. Nach der ordnungsgemäßen Aufklärung über Tiergefahren und über die Teilnahme an der Studie wurden anonymisierte Anamnesebögen ausgegeben, um die individuellen Beschwerden und Zustände vor der pferdegestützten Maßnahme schriftlich zu erfassen. Nach den Einheiten wurde ein ebenso anonymer Fragebogen mit offenen Fragestellungen ausgegeben. Insgesamt wurden fünf Einheiten durchgeführt und protokolliert. Die Übungsauswahl orientierte sich vornehmlich am Tanzberger-Konzept und wurde für die Anwendung am Pferd adaptiert. Ein Abschlussinterview mit der Hebamme ergänzt und stützt die beobachteten Effekte sowie die Aussagen der Probandinnen. Es sollte untersucht werden, ob die HIPS-Reittherapie die Wahrnehmung im Sinne des Spürens des Beckenbodens positiv beeinflussen und das Bewusstsein für diese Region im Sinne einer bewussten Ansteuerung der Muskulatur steigern kann. Gattringers Interesse galt außerdem dem subjektiven Empfinden einer verbesserten Beckenbodenfunktion sowie der Frage, ob die Motivation für das Thema Rückbildung über das Pferd mit der Herangehensweise von HIPS gesteigert werden konnte. Bereich Maßnahmen Wirkweise Atemlehre Bewusstes Atmen Verbesserte Sauerstoffversorgung, Koordination des Zwerchfells und Regulation der Muskelaktivität Atemlehre Gähnen und Entspannungsatmung Verbesserung der Kontinenzfähigkeit, Reaktivierung der Beckenboden- und Verschlussmuskeln Psychologie Stress- und Angstreduktion, negative Gedankenmuster positiv beeinflussen Reduzierung des Muskeltonus der Blase Bewegungslehre Mentale Repräsentation der Bewegung, bildhafte Sprache Vorstellungsbilder aktivieren gezielte Bewegungsimpulse, Training „unsichtbarer“ Muskelgruppen Aufmerksamkeitssteuerung Stille Frage-Antworten-Technik Förderung der Fähigkeit relevante kinästhetische Informationen zu erkennen und bewusst zu nutzen Stimme, Lauten und Gesten z. B.: Eine Faust machen Zur Unterstützung der Verschlussmuskulatur Biomechanik und Physiologie BEBO-Therapieball: Roll-, Abwalz-, Wipp- und Aufprallbewegungen Sitzbeinhöcker-Ball-Kontakt Tonusregulation, Koordination, Muskelkraft Elemente des funktionellen Beckenbodentrainings nach dem Tanzberger-Konzept® Tab. 1: Elemente des funktionellen Beckenbodentrainings nach dem Tanzberger-Konzept® Forum: Dell’mour - HIPS-Reittherapie zur Rückbildung nach der Schwangerschaft mup 1|2026 | 21 Das heilsame, intuitive Pferdesetting - HIPS Per Definition ist HIPS ein körpertherapeutisch orientiertes Verfahren, das sich in wesentlichen Bereichen auf die „Integrative Leib- und Bewegungstherapie“ von Petzold gründet. Die Ansätze dieses Konzeptes sind so „einfach“ wie das Pferd selbst. Der Mensch wird als körperliche, seelische und geistige Einheit gesehen. Diese Einheit wird als „Leib“ bezeichnet. Der Körper, also Muskeln, Sehnen, Knochen usw. ist somit nur ein Teilaspekt des Leibes (Höhmann-Kost 2018, 18). Diese Sichtweise hat einen wesentlichen Einfluss auf das Miteinander, insbesondere im reittherapeutischen Kontext. Denn jede Übung, jede Intervention, jede Berührung, jedes Wort und jede Form des Dialoges mit dem Pferd - sei es reitend oder im direkten Kontakt am Boden, betrifft den Menschen leiblich, also in allen Dimensionen seines Daseins. So ist auch das Pferd nicht nur ein Körper, sondern sein Dasein kann nicht von seinem emotionalen, instinktiven und erfahrungsbasierten Empfinden abgelöst werden. Es reagiert direkt. Ein grundlegendes Charakteristikum des Pferdes sind seine Gangarten: Schritt, Trab und Galopp. Darin drückt es sich aus. Sein Wesen wird sichtbar, ebenso wie seine Tagesverfassung. Gehen, Laufen, Sitzen, Liegen und Stehen sind einfache Lebenszeugnisse des Menschen. Dazu gehört auch das Atmen. Das heilsame, intuitive Pferdesetting setzt an diesen einfachen organischen Elementen des Lebens an. Bezogen auf die Aspekte des funktionellen Beckenbodentrainings unterstützen funktionalübungszentrierte Angebote und erlebniszentrierte Impulse die Bewusstseinsarbeit der Reitenden. Mit dem Pferd wird es ein gemeinsames Gehen, ein gemeinsames Halten mit all seinen Phänomenen, die aus der Gemeinsamkeit entstehen und ins Bewusstsein gebracht werden. Atmen und Gähnen zählen ebenso zu den organischen Lebenszeichen, wie es auch das Pferd macht. So können gemeinsame schlichte Dialoge entstehen. Atmen, Gähnen, Schnauben, Prusten - ein Konzert zweier Stimmen! Diese Bezogenheit hat in ihrer Schlichtheit eine besondere Kraft auf die Frauen, wie in Gattringers Studie aufgezeigt wird. HIPS steht als Akronym für das heilsame, intuitive Pferdesetting und bedeutet im Englischen „Hüften“. Dieser Hüfte, bzw. weitergedacht dem Becken, wird eine zentrale Rolle in der reittherapeutischen Arbeit eingeräumt. Diese Verbindungstelle zwischen Mensch und Pferd kann, wenn entsprechende Faktoren berücksichtigt sowie hergestellt werden, zu einer positiven, ausgleichenden Bewegungsübertragung verhelfen. Nicht jede Bewegungsübertragung des Pferdes auf den Menschen ist gesund und zielgerichtet förderlich. Daher wurden auch für die Arbeit mit den Müttern wesentliche Faktoren des HIPS- Ansatzes berücksichtigt. Das geführte Pferd muss in Tempo und Taktung an die Probandin angepasst werden. Die Bewegungsentfaltung vom Becken nach oben und nach unten sollte fließend erfolgen. Dabei ist darauf zu achten, dass sich die Beckenaufrichtung dynamisch entwickelt und ein Hinterhauptstoß die Schwingung bei locker hängenden Beinen abrundet. Im Sinne der Tierethik und Gesunderhaltung der Pferde ist davon auszugehen, dass die eingesetzten Pferde aufmerksam und interessiert Abb. 4: Erste Berührungen zur Kontaktaufnahme 22 | mup 1|2026 Forum: Dell’mour - HIPS-Reittherapie zur Rückbildung nach der Schwangerschaft sind. Bei entsprechender Ausbildung und Gymnastizierung reagieren sie fein, aber moderat auf den Menschen. Diese Qualitätskriterien sind letztlich unerlässlich für den Erfolg einer Rückbildungsgymnastik mithilfe von Pferden. Das Tanzberger-Konzept® - eine Auswahl Tabelle 1 zeigt wesentliche Teile des Tanzberger- Konzeptes zur Rückbildung des Beckenbodens als funktionelles Training. Zu den Bereichen und Maßnahmen des Tanzberger-Konzeptes können Parallelen zur methodischen Herangehensweise von HIPS gezogen werden. Einheitsplanung und Übungen Jede Einheit wurde mit einem Anfangsritual im Halten oder auch im langsamen Schritt begonnen. Die Übungen des Anfangsrituals sind in einer Infobox zusammengefasst. Bei allen Einheiten und bei allen Übungen ist die Reaktion des Pferdes auf die Aktivitäten der Probandinnen ein wesentlicher Bestandteil der Maßnahme. Diese Reaktionen werden aktiv miteinbezogen und aufgezeigt. Die fünf Einheiten sind im Folgenden kurz zusammengefasst: 1. Einheit Kennenlernen des Pferdes, Vertrauensaufbau, Anfangsritual, langsamer Schritt, sanftes Halten und Angehen mit Aufmerksamkeit auf die Atmung und in Folge auf die Beckenbewegungen. Erste Annäherung an die Beteiligung des Beckenbodens. 2. Einheit Ankommen, Beziehungsaufbau zum Pferd und Anfangsritual, Fokus auf die mittlere Beckenbodenschicht über die Übung „Zirkuszelt“ im Schritt. Wechsel zwischen Schritt und Halten mit Aufmerksamkeit auf das Halten der Verbindung des Beckens zum Pferderücken zur Aktivierung der inneren Schicht. Mit den Lauten „Hauruck / Hopp“, „Ich“ und „Hooo“ experimentieren. Beim „Ich“ das Bild einer fest schließenden Faust um die Harnröhre visualisieren. Beim „Hooo“ die Entspannung der Beckenbodenmuskulatur suchen. 3. Einheit Nachbesprechen und Anfangsritual. Der Fokus wird nun auf die Sitzbeinhöcker gelegt. Experimentieren mit den Sitzbeinhöckern. Die Mitbeteiligung des Oberkörpers bewusst wahrnehmen und darauf achten, was sich mit der Veränderung der Beckenstellung verändert. Das Bewusstsein auf das Angenehme lenken. Von der mittleren Beckenbodenschicht nun wieder zur äußeren gehen und die Tanzbergerübung (2009, 61) „Reiskörner mit Griff“ aktiv durchführen. Die „Reiskörner“ liegen auf dem Pferderücken und sollen mit einer analen Greifbewegung hoch- und eingezogen werden. In weiterer Folge wird ein schwerer Ball imaginiert, der mit der Scheide zu halten ist. Auch ein imaginärer Urinstrahl soll angehalten werden. Abb. 5: Ankommen am Pferderücken (Imagefoto) Die Verschlusslaute K, P, T unterstützen die Aktivierung jener Muskeln, die für die Kontinenzsicherung und für die Regulation des Schließsystems zuständig sind. Das vordere „CH“ hat eine hemmende Wirkung für die Harnröhre. (Tanzberger 2009, 19-20) Infobox Forum: Dell’mour - HIPS-Reittherapie zur Rückbildung nach der Schwangerschaft mup 1|2026 | 23 4. Einheit Ankommen lassen und Nachbesprechung. Anfangsritual im Halten und im Schritt. Angebote unterschiedlicher Atemübungen in Verbindung mit inneren Bildern. Übungen zur Selbstberührung mit Bezug zum Becken und dem Beckenboden. „Stille-Frage-Antwort“ Technik mit unterschiedlichen Körperbereichen und auftretenden Gefühlen. 5. Einheit In der fünften Einheit wurde Raum gegeben, bestimmte Übungen auf Wunsch der Probandin zu wiederholen. Zusätzlich wurde eine neue Übung angeboten, falls erwünscht. Zusammenfassung der Ergebnisse Unter Berücksichtigung der limitierenden Faktoren, wie beispielsweise Antworten im Sinne der sozialen Erwünschtheit, konnte die Studie aufzeigen, dass alle sechs Frauen (eine Probandin fiel aus der Studie heraus) angaben, eine deutlich bessere Wahrnehmung des Beckenbodens zu haben. Sie führten an, ein gesteigertes Bewusstsein dafür zu haben und es auch in den Alltag integrieren zu können. Besonders positiv war, dass manche sogar Überlastungen des Beckenbodens wahrnehmen und entsprechend reagieren konnten. Alle Probandinnen gaben an, das Pferd als hohen Motivationsfaktor wahrgenommen zu haben. Dabei war es ihnen wichtig, dass das Pferd direkt auf sie reagierte. Dieser Selbstkontrolleffekt kann als wesentlicher Motivator angesehen werden. Die dadurch erfahrenen Erfolgserlebnisse prägten sich deutlich ein und konnten in den Alltag integriert werden. Diese Erfolge können nicht isoliert von der funktionellen Rückbildungsgymnastik in der Praxis betrachtet und somit auch nicht allein dem reittherapeutischen Einsatz des Pferdes zugesprochen werden. Dennoch merkt die Hebamme im Interview an, dass sie keine andere Methode kennt, bei der Frauen eine so direkte Rückmeldung erhalten wie im Rahmen der HIPS-Reittherapie. Literatur ■ Carrière, B. (2001): Fitness für den Beckenboden. Georg Thieme Verlag, Stuttgart ■ Dell’mour, S. (2010): Ganzheitliche Reitpädagogik. Leitfaden für einen einfühlsamen Unterricht. Leopold Stocker Verlag, Graz ■ Dell’mour, S. (15. März 2018): Heilsames, intuitives Pferdesetting. Ein ganzheitlicher Weg leibbezogener Reittherapie. Green Care, 20-22. ■ Dell’mour, S. (2020): Gefahrenbewusstsein in der Reitpädagogik und Reittherapie. Aspekte und Praxisbeispiele. Mensch und Pferd International, 189-193, Ernst Reinhardt, München https: / / doi. org / 10.2378 / mup2020.art28d Übung „Blinzeln“: Die äußerste Beckenbodenschicht wird als gedachter Reißverschluss von vorne nach hinten geschlossen und wieder geöffnet. Übung „Zirkuszelt“: Die mittlere Beckenbodenschicht wird wie ein Zirkuszelt aufgespannt, indem die Sitzbeinhöcker zueinander gezogen werden. Übung „ Atmung“ mit „Trommel“: Für die innerste Beckenbodenschicht. Beim Einatmen soll der Kontakt mit dem Pferderücken gefühlt werden, beim Ausatmen das Leichterwerden der Verbindung. Als unterstützendes inneres Bild soll die Rumpfmuskulatur als Seitenwände einer Trommel und das Zwerchfell als Trommelfell derselben gedacht werden. Infobox - Anfangsritual - 3 Übungen Die Studienautorin Stefanie Gattringer ist akademische Expertin für HIPS®Reittherapie und Ganzheitliche Reitpädagogin nach Dell’mour. Motiviert von den Ergebnissen ihrer Studie sind weitere Rückbildungskurse mit Pferd auf ihrem Betrieb „Happy Horse Time - Reitpädagogik“ geplant. https: / / happy-horse-time.jimdosite.com/ Infobox 24 | mup 1|2026 Forum: Dell’mour - HIPS-Reittherapie zur Rückbildung nach der Schwangerschaft ■ Dell’mour, S., Payrhuber, A. (2024); L. Kirner, B. Stürmer, E. Hainfellner, Hrsg.: Reittherapeutische Interventionen des heilsamen, intuitiven Pferdesettings zur Verbesserung der gesundheitsbezogenen Lebensqualität von Kindern mit Morbus Perthes. Zeitschrift für agra- und umweltpädagogische Forschung, VI, S. 73-87, StudienVerlag, Innsbruck ■ Höhmann-Kost, A. (2018): Integrative Leib- und Bewegungstherapie. Hogrefe, Göttingen https: / / doi.org / 10.1024 / 85760-000 ■ Künlze, U. (2000): Hippotherapie auf den Grundlagen der Funktionellen Bewegungslehre Klein-Vogelbach. Hippotherapie-K®. Theorie, praktische Anwendung, Wirksamkeitsnachweis. Springer, Berlin / Heidelberg https: / / doi. org / 10.1007 / 978-3-642-57053-7 ■ Katharine, H. (August 2012): Reiten zur Kontinenzförderung. MagSi (59), S. 8-12. ■ Kitchenham-Pec, S., Bopp, A. (1997): Beckenbodentraining. Die weibliche Basis erspüren, schützen, kräftigen. Georg Thieme Verlag, Stuttgart ■ Petzold, H. G. (1996): Integrative Bewegungs- und Leibtherapie. Ein ganzheitlicher Weg leibbezogener Psychotherapie. Junfermann, Paderborn ■ Richter, K. F. (2011): Erzählweisen des Körpers: Kreative Gestaltarbeit in Therapie, Beratung, Supersvision und Gruppenarbeit. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen ■ https: / / doi.org / 10.13109 / 9783666401763 ■ Tanzberger, R., Kuhn, A., Möbs, G., Baumgartner, U. (2009): Der Beckenboden Funktion, Anpassung und Therapie. Das Tanzberger Konzept. Elsevier Verlag, München Die Autorin Sabine Dell’mour MSc, betreibt in der Steiermark (Österreich) eine reittherapeutische Praxis. Sie entwickelt Methoden für Reitpädagogik und Reittherapie und lehrt an der Hochschule für Agrar- und Umweltpädagogik in Wien und anderen Bildungseinrichtungen im In- und Ausland. Kontakt: office@reitpaedagogik.at Weiterführende Internetquellen: www. reitpaedagogik.at · www.reitpaedagogikdellmour.de www.haup.ac.at/ hochschullehrgang-hips-reittherapieheilsames-intuitives-pferdesetting/ a w Kaninchen, Hund und Huhn Systemische Therapie sieht den Menschen nicht nur als einzelnes Individuum, sondern immer eingebunden in sein soziales Umfeld, sein System. Anstatt auf dem Problem liegt der Fokus auf den vorhandenen Ressourcen im System, die zur Lösung und Zielerreichung beitragen können. Dieses Buch leistet einen innovativen Beitrag zur Zusammenführung systemischer und tiergestützter Arbeit und deren Professionalisierung. Ein wichtiges Anliegen der Autorinnen ist es, die Tiere konzeptionell sinnvoll und für alle Beteiligten bereichernd in die Interventionen zu integrieren. Dabei zeigen sie vielfältige Interventionsmöglichkeiten auf, die auch im komplexen und multiprofessionellen Setting wirksam sind. Mit 71 Abbildungen und Online-Material. (mensch & tier) 2022. 160 Seiten. 71 Abb. (978-3-497-03141-2) kt