eJournals mensch & pferd international18/2

mensch & pferd international
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1867-6456
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mup2026.art07d
2_018_2026_2/2_018_2026_2.pdf41
2026
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Zur Bedeutung von Persönlichkeitsmerkmalen von Reiter:innen für die Pferd-Mensch-Beziehung und pferdegerechtes Reiten

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Manuela Kesselmann
In der folgenden explorativen Studie wurde der Frage nachgegangen, inwieweit personenbezogene Faktoren der Reiter:innen, wie Selbstwertgefühl und Empathiefähigkeit, mit der Art der Pferd-Mensch-­Beziehung und einem pferdegerechten Reiten auf Basis von Fachwissen in Zusammenhang stehen bzw. Unterschiede in Abhängigkeit bestimmter Gruppenmerkmale aufweisen. Zur Beantwortung der Forschungsfragen im Rahmen einer quantitativen Querschnittsstudie kamen sowohl Zusammenhangsanalysen (Korrelationen) als auch Unterschiedsanalysen (Mittelwertvergleiche) zum Einsatz. Die Ergebnisse zeigen u.a. positive Zusammenhänge von Selbstwertgefühl und pferdefreundlichem Reiten sowie einer besseren Pferd-Mensch-Beziehung.
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44 | mup 2|2026|44-56|© Ernst Reinhardt Verlag, DOI 10.2378 / mup2026.art07d Manuela Kesselmann Schlüsselbegriffe: Reitsport, Pferd-Mensch-Beziehung, Reitverhalten, Persönlichkeitsfaktoren, explorative Studie In der folgenden explorativen Studie wurde der Frage nachgegangen, inwieweit personenbezogene Faktoren der Reiter: innen, wie Selbstwertgefühl und Empathiefähigkeit, mit der Art der Pferd-Mensch- Beziehung und einem pferdegerechten Reiten auf Basis von Fachwissen in Zusammenhang stehen bzw. Unterschiede in Abhängigkeit bestimmter Gruppenmerkmale aufweisen. Zur Beantwortung der Forschungsfragen im Rahmen einer quantitativen Querschnittsstudie kamen sowohl Zusammenhangsanalysen (Korrelationen) als auch Unterschiedsanalysen (Mittelwertvergleiche) zum Einsatz. Die Ergebnisse zeigen u. a. positive Zusammenhänge von Selbstwertgefühl und pferdefreundlichem Reiten sowie einer besseren Pferd-Mensch-Beziehung. für die Pferd-Mensch-Beziehung und pferdegerechtes Reiten Zur Bedeutung von Persönlichkeitsmerkmalen von Reiter: innen Kesselmann - Zur Bedeutung von Persönlichkeitsmerkmalen von Reiter: innen mup 2|2026 | 45 Theoretischer Hintergrund Die therapeutische Wirkung von Pferden, wie Reduktion von Ängsten, emotionale Öffnung (Gomolla 2014) und weitere positive Einflüsse auf psychische bzw. Verhaltensstörungen (Saucier 2000), ist wissenschaftlich belegt. In Studien mit (jungen) Erwachsenen konnte zudem eine Erhöhung des Selbstwertgefühls nachgewiesen werden (Baldwin 2018; Saunders-Ferguson 2008). Neben der Untersuchung von Effekten reittherapeutischer und -pädagogischer Aktivitäten auf die Persönlichkeit von Patient: innen und Reiter: innen nimmt in den letzten Jahren das Forschungsinteresse an der Bedeutung von Persönlichkeitsfaktoren, wie dem Fünf-Faktoren-Modell der Persönlichkeit, für die Pferd-Mensch-Interaktion zu (Wolframm 2015; Traeen 2021). Im Idealfall sollte sich die Interaktion zwischen Pferd und Reiter: in innerhalb einer vertrauensvollen Beziehung entwickeln, die es ermöglicht, ohne Druck oder Zwang positiv mit dem Pferd zu kommunizieren (Hausberger 2008). Dieser Aspekt der Interaktion unterscheidet den Reitsport von den meisten anderen Sportarten, da zwischen Pferd und Reiter: in eine partnerschaftliche Beziehung bestehen soll (Traen 2006). Im Rahmen dieser Beziehung sind Kompatibilität, gegenseitiger Respekt, enge Kommunikation, Zuversicht und Vertrauen wichtig (Wipper 2000). Untersuchungen zur Mensch- Pferd-Beziehung sind ebenso vielfältig (Zenker 2016), wobei eine explizit partnerschaftliche Perspektive auf das Pferd sich vermehrt seit den 1970er-Jahren entwickelte, auch im Kontext der therapeutischen Arbeit mit Pferden (Heintz 2025). Ebenso im Rahmen von pferdegestützten Coachingansätzen und dem seit den 1980er-Jahren populär gewordenen „natural horsemanship“ steht die partnerschaftliche Kommunikation mit dem Pferd dabei immer mehr im Fokus (Edgell 2008). Im Gegensatz zu traditionellen Ausbildungswegen soll das Pferd dabei nicht untergeordnet bzw. gebrochen werden oder als Sportgerät funktionieren, sondern ein Partner werden, dessen physische und mentale Bedürfnisse miteinbezogen werden (Birke 2007). Die Historie des Verständnisses einer von Dominanz geprägten Mensch-Pferd-Beziehung, in der der Mensch als Chef gegenüber dem Pferd auftritt, ist vor allem auf die Interpretation der Herdenstruktur und Rangordnung von Pferden zurückzuführen. In dieser, so das Verständnis, geben Leittiere das Sagen an. Zudem ermöglicht die Dominanz-Perspektive das Gefühl von Kontrolle und Machterleben (Olbrich 2003). Auf der anderen Seite legt die klassische Reitlehre die Grundlagen für pferdegerechte Ausbildung und Entwicklung und orientiert sich an den Bedürfnissen, Anlagen und dem natürlichen Verhalten des Pferdes (Schwabl 2011). Die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) bezieht sich darauf und bietet mit der sechsstufigen Ausbildungsskala einen Orientierungsrahmen für pferdegerechtes Reiten. Ziel ist eine losgelassene Bewegung des Pferdes unter dem Reiter und der Reiterin mit entspannter Muskulatur bei innerer Gelassenheit, wobei ein Zusammenhang besteht zwischen Losgelassenheit, Rückentätigkeit und Schwung (Schöffmann 2006). Jüngere Arbeiten integrieren vermehrt Anatomie und Biomechanik in Training und Reitlehre (Stammer 2024). Wenn Pferde Widersetzlichkeit beim Reiten zeigen, wird dies in der Praxis oft als Unwille zur Mitarbeit interpretiert und mit harten Mitteln beantwortet. Die fachbezogene Theorie- und Praxisliteratur empfiehlt jedoch eine differenzierte Ursachenforschung. Neben Schmerzen und körperlichen Einschränkungen können auch psychische und körperliche Überforderung des Pferdes eine Rolle spielen (Zeitler-Feicht 2015; Schöffmann 2009). Nur ein körperlich und mental losgelassenes Pferd ist leistungsbereit, bezogen auf den Nutzen für den Menschen. Freizeitreiter: innen wiesen eine signifikant positivere Pferd-Mensch-Beziehung auf. 46 | mup 2|2026 Kesselmann - Zur Bedeutung von Persönlichkeitsmerkmalen von Reiter: innen Der Einfluss einer von Dominanz geprägten Haltung in der Pferd-Mensch-Beziehung auf die Reitweise bzw. das Reitverhalten wurde bislang kaum untersucht. Auch inwieweit Persönlichkeitsfaktoren der Reitenden, wie Selbstwertgefühl und Empathiefähigkeit, ihre Beziehung zum Pferd und ihre Reitweise beeinflussen, war bislang noch selten Gegenstand wissenschaftlicher Forschung. Entwicklung der Forschungsfragen auf Basis theoretischer Vorüberlegungen Zur Annäherung an den Einfluss von Persönlichkeitsfaktoren des Reiters und der Reiterin auf die Pferd-Mensch-Beziehung sowie auf pferdegerechtes Reiten gilt es, zentrale Variablen zu identifizieren. Relevante Faktoren sind jene, die in der Pferd-Mensch-Interaktion besonders bedeutsam erscheinen, wie beispielsweise Selbstwert und Empathiefähigkeit. Der Selbstwert beschreibt die positive oder negative Selbstbewertung (Jünemann 2016) und beeinflusst die Beziehungsqualität (Luciano 2016; Jaap et al. 2008). Faktoren, die zur Entstehung eines positiven Selbstwertes einer Person beitragen, sind die Fähigkeit zur Selbstreflexion, die Fähigkeit, bewusst Beziehungen zu gestalten sowie die Fähigkeit, bewusst Gefühle zu empfinden, wahrzunehmen und zu kommunizieren (Kaminski 2014). Vorliegende Studie verwendet das Konzept des multidimensionalen Selbstwerts, das den Selbstwert nicht als einheitliches Konstrukt, sondern als Summe verschiedener positiver Selbstbewertungen aus unterschiedlichen Lebensbereichen betrachtet (Schütz 2006). Die Empathiefähigkeit eines Menschen wiederum gilt als zentrale Fähigkeit für sozialen Austausch und Beziehungsgestaltung (Melchers 2016; Biermann-Ratjen 2011) und umfasst die Perspektivenübernahme (Steins / Wicklund 1993) sowie das Erkennen von Emotionen (Carruthers / Smith 1996) und Mitgefühl. Vorliegender Studie liegen die Theorien von Empathie als kognitiver (Strayer 1987) und emotionaler Prozess (Rogers 1980) zugrunde. Tabelle 1 zeigt die Übersicht der untersuchten Persönlichkeitsfaktoren mit dem theoretischen Hintergrund. Die theoretische Basis für das Praktizieren von pferdegerechtem Reiten in vorliegender Untersuchung bildet die klassische Reitlehre mit den Richtlinien für pferdegerechtes Reiten der FN (2014), nach denen die Losgelassenheit des Pferdes Grundlage pferdegerechten Reitens ist und Widersetzlichkeiten des Pferdes beim Reiten nicht mit Gewalt, sondern mit Verständnis und Konsequenz zu begegnen sind. Neben den Persönlichkeitsfaktoren der Reiter: innen könnte auch der Stellenwert, den das Pferd für deren Besitzer: innen einnimmt, von Bedeutung sein. Die Nutzung positiver Pferdeffekte auf die psychische Gesundheit könnte so auch Einfluss auf die Pferd-Mensch-Beziehung und Reitweise haben. Vor diesem theoretischen Hintergrund widmet sich die vorliegende explorative Studie folgenden Aspekten: Es wird der Frage nachgegangen, in welchem Ausmaß individuelle Persönlichkeitsmerkmale der Reiter: innen sowie das Erleben des Pferdes als Ressource mit der Qualität der Pferd-Mensch-Beziehung und mit der Art und Weise des Reitens in Zusammenhang stehen. Methodik An der Datenerhebung nahmen 609 Personen teil. Nach Exklusion unabgeschlossener Fragebögen und Teilnehmender unter 16 Jahren ergab sich eine Stichprobengröße von n = 484, davon waren 98 % weiblich, 2 % männlich. Die vorliegende Untersuchung wurde als quantitative Querschnittsstudie konzipiert. Zur Datenerhebung wurde ein Online-Fragebogen eingesetzt, der von den Teilnehmenden zu einem einzigen Messzeitpunkt ausgefüllt wurde. Die Befragung wurde im April 2025 durchgeführt und über verschiedene Social-Media-Kanäle unter Reitenden geteilt. Eingeschlossen wurden Reiter: innen ab 16 Jahren mit eigenem Pferd. Der Fragebogen umfasste insgesamt 36 Items. Im ersten Teil wurden soziodemografische Daten wie Alter und Geschlecht erfragt, der reiterliche Status (Freizeit-, Turnierreiter: in Amateur Kesselmann - Zur Bedeutung von Persönlichkeitsmerkmalen von Reiter: innen mup 2|2026 | 47 oder Berufsreiter: in), die Erfahrung in Jahren als Reiter: in und im Umgang mit Pferden, die Reitdisziplin (wie Freizeitreiten, Dressur, Springen, Western u. a.), die Wahrnehmung von Reitunterricht und die eigene Weiterbildung zu Pferdewissen (durch z. B. Fachbücher, Lehrgänge, Social Media). Im zweiten Teil des Fragebogens waren Items inkludiert, die auf die Erfassung der nachfolgenden Konstrukte abzielen. Die Items konnten auf Basis einer Fünfpunkt- Likert-Skalierung beantwortet werden. Um die Erhebung für die Reiter: innen möglichst effizient zu gestalten, wurde das Konstrukt „Selbstwert“ mit insgesamt fünf Items erfasst, die der Multidimensionalen Selbstwertskala (MSWS) (Schütz 2006) und der Rosenberg Self- Esteem Scale (Rosenberg 2014) entstammen. Durch die Nutzung von drei Items aus der Multidimensionalen Selbstwertskala (MSWS) wurden mehrere relevante Facetten des Selbstwerts in kompakter Form abgedeckt (allgemeine Selbstwertschätzung, soziale und leistungsbezogene Selbstwertschätzung). Die zwei ergänzenden Items aus der Rosenberg-Skala dienten als zusätzliche, allgemein gehaltene Indikatoren für globales Selbstwertgefühl, die so als Validierungs- oder Ergänzungsmaß fungierten. Die Skala zur „Empathiefähigkeit“ wurde mit fünf Items aus dem Fragebogen für Empathie und Perspektivenübernahme (Maes 1995) erfasst, wobei die ausgewählten Items gezielt zentrale Facetten der Empathiefähigkeit treffen, die für die Pferd-Mensch-Beziehung am stärksten bedeutsam sind, wie die Perspektivenübernahme und emotionale Resonanz in Interaktionen. Das Konstrukt „Pferdegerechtes Reiten auf Basis von Fachwissen“ wurde mithilfe von fünf selbst entwickelten Items operationalisiert, die zentrale Kenntnisse zu pferdegerechtem Reiten auf Basis von Fachwissen gemäß den Richtlinien abbilden (FN 2014). Inhaltlich wurden fachliche Aspekte wie die Losgelassenheit des Pferdes unter dem Reiter und der Reiterin und der Umgang mit gezeigtem Widerstand beim Pferd während des Reitens einbezogen. Die „Pferd-Mensch-Beziehung“ wurde durch fünf Items abgebildet, die ein dominanzgeprägtes Reiterverhalten gegenüber dem Pferd erfassen, etwa das Einnehmen einer „Chefrolle“, das bewusste Übergehen der Pferdebedürfnisse oder den Einsatz von Druckmitteln. Das Konstrukt „Pferd als Ressource“ wurde durch drei selbst formulierte Items erfasst, die die emotionale Bedeutung des Pferdes als Konstrukt Theoretischer Hintergrund Empathie zentrale Fähigkeit für sozialen Austausch und Beziehungsgestaltung (Melchers 2016; Biermann-Ratjen 2011); umfasst Perspektivenübernahme (Steins / Wicklund 1993) sowie das Erkennen von Emotionen (Carruthers / Smith 1996) und Mitgefühl Selbstwert beschreibt die generelle positive oder negative Selbstbewertung (Jünemann 2016) und beeinflusst die Beziehungsqualität (Luciano 2016; Jaap et al. 2008) Soziale Kompetenzen beziehen sich auf Interaktionen zwischen Menschen; gemeinsames Merkmal ist die Fähigkeit, Interaktionen erfolgreich zu gestalten (Kanning 2017) Veränderungsfähigkeit umfasst zentrale personale Faktoren, die Verhaltensänderung ermöglichen; nach dem transtheoretischen Modell verläuft Veränderung in Phasen und erfordert Reflexion sowie Motivation (Prochaska / DiClemente 1991; Keller 1999) Pferd als Coping-Ressource positive Effekte des Pferdes auf Stresserleben (Liffers 2024) und Beziehungsqualität (Bittner 2020) Tabelle 1: Übersicht der untersuchten Persönlichkeitskonstrukte der Reiter: innen 48 | mup 2|2026 Kesselmann - Zur Bedeutung von Persönlichkeitsmerkmalen von Reiter: innen Freund und Coping-Ressource abbilden, wobei die emotionale Bindung, der Besuch des Pferdes als eine Art Coping-Strategie bei psychischer Belastung sowie eine emotionale Entlastung während des Pferdekontaktes Einzug in die Itemformulierung erhielten. „Veränderungsfähigkeit“ wurde mit dem Einzelitem („Es fällt mir leicht, mich zu verändern“) gemessen; „Sozialkompetenz“ durch zwei Items aus dem Inventar sozialer Kompetenzen (Kanning 2009) sowie zu Kritik- und Reflexionsfähigkeit abgebildet, um zentrale Elemente sozialer Kompetenzen im Kontext Reiter: innen-Pferd-Beziehung (Kommunikation, Kritik- und Kooperationsfähigkeit, Konfliktverhalten, Reflexion eigener Handlungen) zu erfassen. Da sich im Gegensatz zu den übrigen oben genannten Konstrukten mit akzeptablen bis sehr guten internen Konsistenzen aufgrund der unzureichenden internen Konsistenz der Items zu sozialen Kompetenzen kein Skalenwert bilden lassen konnte, wurden im Rahmen der weiteren Analysen die einzelnen Items zu den sozialen Kompetenzen verwendet. Die erhobenen Daten wurden aufbereitet und analysiert; Häufigkeiten, Lage- und Streumaße zur Darstellung der deskriptiven Statistiken berechnet. Zur Auswertung der erhobenen Daten hinsichtlich der Forschungsfragen wurden u. a. Gruppenvergleiche und bivariate Korrelationen durchgeführt, um erste Hinweise auf mögliche Einflussfaktoren zu erhalten. Die Auswahl der jeweiligen Verfahren richtete sich nach dem zugrundeliegenden Skalenniveau sowie der Erfüllung statistischer Voraussetzungen wie Varianzhomogenität, Normalverteilung, Gruppengröße und Unabhängigkeit der Beobachtungen. Ergebnisse Deskriptive Statistik 60,7 % der 484 Befragten waren zwischen 16 und 36 Jahre alt, 76 % Freizeitreiter: innen, 16 % Turnierreiter: innen (Amateur) und 4 % Berufsreiter: innen (Abbildung 1). 86 % der Befragten gaben eine Pferde- und Reiterfahrung von mehr als zehn Jahren an, 8 % eine Erfahrung zwischen sechs und zehn Jahren. Regelmäßigen Reitunterricht in der Häufigkeit ein bis zweimal Mal pro Woche nahmen 24 %, ein bis zweimal Mal pro Monat 34 %. 16 % der Befragten nahmen zwischen ein und sechs Mal pro Jahr Reitunterricht, 26 % nehmen gar keinen Reitunterricht. 98 % der Befragten gaben an, sich regelmäßig fortzubilden, um ihr Pferdewissen zu erweitern (z. B. durch Fachbücher, Kurse, Social Media, Online Tutorials). Tabelle 2 zeigt die Übersicht der deskriptiven Statistik in Bezug auf die Konstrukte. Einflussfaktoren auf das Praktizieren von pferdegerechtem Reiten auf Basis von Fachwissen und auf die Pferd-Mensch-Beziehung Zwischen Selbstwertgefühl und den Konstrukten „Pferdegerechtes Reiten auf Basis von Fachwissen“ (Spearman’s rho = 0.302, p < 0.001) sowie „Pferd-Mensch-Beziehung“ (r = 0.447, p < 0.001) ergaben sich statistisch signifikante positive Zusammenhänge. Dies legt nahe, dass Personen mit einem höheren Selbstwertgefühl tendenziell eher gutes Reiten auf Basis von Fachwissen praktizieren und tendenziell von einer positiveren Beziehung zu ihrem Pferd sowie von weniger Abbildung 1: Reiterlicher Status Freizeitreiter: innen: 75,62 % Turnierreiter: innen (Profi): 3,72 % Reittrainer oder -therapeut: innen: 2,69 % Turnierreiter: innen (Amateur): 16,12 % Berufsreiter: innen: 1,65 % Reiterlicher Status (n=484) Kesselmann - Zur Bedeutung von Persönlichkeitsmerkmalen von Reiter: innen mup 2|2026 | 49 Dominanzverhalten berichten. Die Stärke der Zusammenhänge ist als mittel (pferdegerechtes Reiten) bis stark (Pferd-Mensch-Beziehung) einzustufen. Die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Befund zufällig zustande kam, liegt bei unter 0,1 %. Auch zwischen Veränderungsfähigkeit und „Pferdegerechtem Reiten“ (Spearman’s rho = 0.150, p = 0.011) sowie der „Pferd-Mensch- Beziehung“ (Spearman’s rho = 0.137, p = 0.002) konnte ein statistisch signifikanter positiver Zusammenhang festgestellt werden. Personen, die angaben, sich leicht verändern zu können, neigen demnach ebenfalls eher dazu, fachlich fundiertes pferdegerechtes Reiten zu praktizieren und berichten häufiger von einer positiveren Beziehung zu ihrem Pferd und einem respektvollen Umgang. Die Stärke beider Zusammenhänge liegt jedoch im schwachen Bereich. In Bezug auf die Items zu sozialen Kompetenzen ergaben sich vier signifikante, wenn auch schwache positive Zusammenhänge: Personen, denen es bei Meinungsverschiedenheiten eher wichtig ist, die andere Seite zu verstehen, gaben an, tendenziell eher „Pferdegerechtes Reiten“ zu praktizieren (Spearman’s rho = 0.128, p = 0.030). Ebenso wurde bei Personen, die angeben, oft darüber nachzudenken, was sie besser machen können, ein signifikant positiver Zusammenhang mit dem Konstrukt „Pferdegerechtes Reiten auf Basis von Fachwissen“ (Spearman’s rho = 0.127, p = 0.031) und „Pferd-Mensch-Beziehung“ (Spearman’s rho = 0.137, p = 0.002) festgestellt. Ebenso berichten Personen, die der Aussage „Ich bin der Meinung, bevor andere mich kritisieren, sollten sie erst einmal vor ihrer eigenen Haustüre kehren“ in geringerem Maße zustimmen, ebenfalls von einer positiveren Pferd-Mensch-Beziehung (Spearman’s rho = 0.122, p = 0.013). Ein weiterer signifikant positiver Zusammenhang zeigte sich zwischen der Überzeugung, dass das Pferd eine Ressource ist, und dem Praktizieren von „Pferdegerechtem Reiten“ (Spearman’s Konstrukt N Md M SD min max Pferd-Mensch-Beziehung 484 3.60 3,57 ,68 1,20 5,00 *pferdegerechtes Reiten auf Basis von Fachwissen 484 4,00 3,90 ,62 2,00 5,00 *Empathiefähigkeit 484 3.80 3,74 ,58 1,80 5,00 *Pferd als Ressource 484 6,33 6,20 ,77 3,00 7,00 Selbstwert 484 3.60 3,62 ,74 1,40 5,00 *Veränderungsfähigkeit 484 3,00 3.12 0.84 1.00 5.00 *Items in Bezug auf Sozialkompetenz „Ich denke oft darüber nach, was ich besser machen kann“ (invers) 484 5.00 4.84 0.44 2.00 5.00 „Ich bin der Meinung, bevor andere mich kritisieren, sollten sie vielleicht erst einmal vor ihrer eigenen Haustüre kehren“ 484 3.00 2.58 1.14 1.00 5.00 „Wenn ich Konflikte habe, gehe ich aktiv auf diejenigen zu, um die Sache zu klären“ (invers) 484 4.00 3.59 0.97 1.00 5.00 „Bei Meinungsverschiedenheiten ist mir wichtig, die andere Seite zu verstehen“ (invers) 484 4.00 4.12 0.79 1.00 5.00 M = Mittelwert; SD = Standardabweichung; Md = Median *Diese Konstrukte und Items wurden in der anschließenden statistischen Analyse als ordinal skaliert behandelt. Tabelle 2: Übersicht der deskriptiven Statistik in Bezug auf die Konstrukte 50 | mup 2|2026 Kesselmann - Zur Bedeutung von Persönlichkeitsmerkmalen von Reiter: innen rho = 0.227, p < 0.001) sowie der „Pferd-Mensch- Beziehung“ (Spearman’s rho = 0.124, p = 0.006). Dies deutet darauf hin, dass Menschen, die ihr Pferd als Ressource wahrnehmen, tendenziell eher fachlich fundiertes, pferdegerechtes Reiten praktizieren sowie eine positivere Beziehung zu ihrem Tier und weniger dominanzbasiertes Verhalten zeigen. Die Stärke der Zusammenhänge liegt dabei eher im schwachen Bereich. Die Tabellen 3 und 4 zeigen die Ergebnisse. Zur Untersuchung möglicher gruppenspezifischer Unterschiede hinsichtlich des reiterlichen Status’ wurde ein Kruskal-Wallis-Test durchgeführt. Dieser ergab einen hoch signifikanten Unterschied zwischen den Gruppen (H[5] = 38.44, p < 0.001). Zur genaueren Analyse wurden paarweise Mann-Whitney-U-Tests mit Bonferroni- Korrektur ( α = 0.0033) vorgenommen. Dabei zeigten sich zwei hoch signifikante Unterschiede: Freizeitreiter: innen (Rangmittel = 235.74) unterschieden sich im Ausmaß einer positiven Pferd-Mensch-Beziehung signifikant von den Turnierreiter: innen auf Amateurniveau (Rangmittel = 160.38, U = 22.38, p < 0.001). Auch der Gruppenvergleich zwischen den Freizeitreiter: innen (Rangmittel = 197.80) und den Turnierreiter: innen auf Profiniveau (Rangmittel = 84.83) fiel signifikant aus (U = 17.95, p < 0.001). In beiden Fällen berichteten die Freizeitreiter: innen von einer signifikant positiveren Beziehung zu ihrem Pferd. Die übrigen Gruppenvergleiche erreichten nach Korrektur des Signifikanzniveaus keine statistische Signifikanz. Auch der Einfluss regelmäßiger Fortbildung auf die Pferd-Mensch-Beziehung wurde untersucht. Eine einfaktorielle Varianzanalyse (ANOVA) zeigte, dass Reiter: innen, die regelmäßig an Fortbildungen teilnehmen (n = 464; M = 3.59; SD = 0.67), von signifikant positiveren Pferd-Mensch-Beziehungen berichteten als jene ohne regelmäßige Teilnahme (n = 20; M = 3.08; SD = 0.64). Dieser Unterschied war statistisch signifikant (F(1, 482) = 11.09, p = 0.001). Im Rahmen dieser explorativen Untersuchung wurde der bestehende Datensatz zudem genutzt, um potenzielle Unterschiede im Selbstwertgefühl zwischen verschiedenen reiterlichen Statusgruppen zu untersuchen. Die Auswertung mittels Kruskal-Wallis-Test ergab einen signi- Spearman’s rho rs p Selbstwert 0.302 < 0.001 Veränderungsfähigkeit 0.150 0.011 Pferd als Ressource 0.227 < 0.001 Empathiefähigkeit 0.028 0,630 Item „Ich denke oft darüber nach, was ich besser machen kann“ 0.127 0.031 Item „Ich bin der Meinung, bevor andere mich kritisieren, sollten sie vielleicht erst einmal vor ihrer eigenen Haustüre kehren“ 0.075 0.205 Item: „Wenn ich Konflikte habe, gehe ich aktiv auf diejenigen zu, um die Sache zu klären“ 0.052 0.374 Item: „Bei Meinungsverschiedenheiten ist mir wichtig, die andere Seite zu verstehen“ 0.128 0.030 Tabelle 3: Ergebnisse der Korrelationsanalyse in Bezug auf „pferdegerechtes Reiten auf Basis von Fachwissen“ Wenn Pferde Widersetzlichkeiten zeigen, wird dies oft als Widerwille interpretiert. Kesselmann - Zur Bedeutung von Persönlichkeitsmerkmalen von Reiter: innen mup 2|2026 | 51 fikanten Unterschied zwischen den Gruppen (H[5] = 27.41, p < 0.001). Die paarweisen Analysen mit dem Mann-Whitney-U-Test zeigten zwei hoch signifikante Unterschiede: Freizeitreitende (Rangmittel = 233.63) wiesen ein signifikant höheres Selbstwertgefühl auf als Turnierreitende auf Amateurniveau (Rangmittel = 170.28; U = 15.79, p < 0.001). Ebenso unterschieden sich Freizeitreitende (Rangmittel = 196.89) signifikant von Turnierreitenden auf Profiniveau (Rangmittel = 103.19; U = 12.33, p < 0.001), wobei auch hier das Selbstwertgefühl der Freizeitreitenden höher ausgeprägt war. Alle übrigen Gruppenvergleiche blieben nach der Korrektur des Signifikanzniveaus statistisch nicht signifikant. Diskussion Ziel dieser explorativen Studie war die Untersuchung von Zusammenhängen zwischen Selbstwertgefühl und weiteren personalen Variablen, wie Empathiefähigkeit des Reitenden mit Reitverhalten und der Pferd-Mensch- Beziehung. Menschen mit einem tendenziell eher niedrigeren Selbstwertgefühl berichteten über eine schlechtere, eher auf Dominanz ausgerichtete Pferd-Mensch-Beziehung und gaben an, schlechteres Reiten auf Basis von Fachwissen zu praktizieren als Menschen mit einem höheren Selbstwertgefühl. Faktoren, die zur Entstehung eines positiven Selbstwertes einer Person beitragen, sind die Fähigkeit zur Selbstreflexion, die Fähigkeit, bewusst Beziehungen zu gestalten sowie die Fähigkeit, bewusst Gefühle zu empfinden, wahrzunehmen und zu kommunizieren (Kaminski 2014). Personen, die über ein stabiles Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen verfügen, sind zudem eher in der Lage, konstruktiv mit Kritik umzugehen (Focht 2023). Dies könnte insbesondere im reiterlichen Kontext, der häufig mit Rückmeldung und Beurteilung einhergeht, von Bedeutung sein. So könnte ein stabilerer Selbstwert dazu beitragen, emotionale Reaktionen auf Kritik im Reitkontext angemessen zu regulieren und Rückmeldungen als Lernchancen zu nutzen und dadurch langfristig eine konstruktive, partnerschaftliche und pferdefreundliche Pferd- Spearman’s rho rs Pearsons r p Selbstwert 0.447 < 0.001 Veränderungsfähigkeit 0.137 0.002 Pferd als Ressource 0.124 0.006 Empathiefähigkeit 0.015 0.737 Item „Ich denke oft darüber nach, was ich besser machen kann“ 0.133 0.013 Item „Ich bin der Meinung, bevor andere mich kritisieren, sollten sie vielleicht erst einmal vor ihrer eigenen Haustüre kehren“ 0.122 0.013 Item: „Wenn ich Konflikte habe, gehe ich aktiv auf diejenigen zu, um die Sache zu klären“ 0.032 0.481 Item: „Bei Meinungsverschiedenheiten ist mir wichtig, die andere Seite zu verstehen“ 0.045 0.327 Tabelle 4: Ergebnisse der Korrelationsanalyse zur „Pferd-Mensch-Beziehung“ Geringeres Selbstwertgefühl korrelierte mit auf Dominanz ausgerichteter Pferd-Mensch-Beziehung. 52 | mup 2|2026 Kesselmann - Zur Bedeutung von Persönlichkeitsmerkmalen von Reiter: innen Mensch-Interaktion zu etablieren und aufrechtzuerhalten. Übereinstimmend zeigten Items zu sozialen Kompetenzen positive Zusammenhänge: Wer regelmäßig über eigenes Verbesserungspotenzial nachdenkt, berichtete von einer besseren Pferd- Mensch-Beziehung und fachlich fundierterem Reiten. Die Bereitschaft, bei Meinungsverschiedenheiten die Perspektive anderer einzunehmen, korrelierte positiv mit pferdegerechtem Reiten. Auch Reiter, die sich regelmäßig im Pferdewissen fortbilden und Kritik weniger abwehren, gaben ebenfalls eine bessere Beziehung zum Pferd an. Studien belegen, dass Fortbildungsprogramme zu Tierwohl und ethischem Umgang Empathie positiv beeinflussen (Hazel 2011). Darüber hinaus stärkt Selbstreflexion Selbstregulation und Verhaltensänderung und fördert Perspektivenwechsel (Grant 2002; Gerace 2017). Eine gezielte Stärkung dieser Fähigkeiten könnte persönliches Wachstum sowie positive Auswirkungen auf Reiten und Pferdebeziehung unterstützen. Sowohl die Fähigkeit zu persönlicher Veränderung als auch reflektiertes Denken stellen zentrale Faktoren für die Qualität des Reitens und der Pferd- Mensch-Beziehung dar. Aus der Selbstwertforschung geht hervor, dass Selbstwert stärker aus der Wahrnehmung eigener Kompetenz als aus ethischem Handeln gespeist wird (Abele 2018) und Ergebnis sozialer Vergleiche bzw. sozialer Bewertungen ist (Festinger 1954, Leary 2012). Im Reitsport würden Erfolge im Vergleich zu Wettbewerbern das Selbstwertgefühl erwartungsgemäß positiv oder negativ beeinflussen. Die vorliegende Studie zeigte, dass Freizeitreiter: innen insgesamt ein signifikant höheres Selbstwertgefühl angaben als Turnierreiter: innen, sowohl im Amateurals auch im Profi-Bereich. Nach der Selbstbestimmungstheorie von Deci und Ryan hängen Selbstwertgefühl und Motivation eng zusammen und werden durch Autonomie, Kompetenz und soziale Bindung beeinflusst. Bei Turnierreitenden könnten Leistungsdruck, Konkurrenzvergleich, Fokus auf Fehler und Identifikation mit der eigenen Leistung erklären, warum ihr Kompetenzerleben möglicherweise beeinträchtigt ist und sie weniger Selbstwert empfinden als Freizeitreiter: innen. Der Turnierreitsport ist zudem öffentlich und sozial bewertet, was ebenfalls negative Effekte durch unerfüllte Erwartungen verursachen kann. Für Freizeitreiter: innen könnten Spaß und Freude im Vordergrund stehen, was intrinsische Motivation stärkt und Autonomie sowie Kompetenzgefühle fördert (Deci / Ryan 2000). Die Freizeitreiter: innen berichteten zudem über eine signifikant positivere Pferd-Mensch- Beziehung als Turnierreiter: innen. Eine mögliche Erklärung liefert die Anthropozentrismus- Theorie, nach der Tiere als dem Menschen untergeordnet und primär zu dessen Dienst bestimmt betrachtet werden. Im Turniersport könnten Pferde häufiger als Nutztiere betrachtet werden, deren primäre Aufgabe in der Erzielung von Erfolg besteht. Im Gegensatz dazu könnten Freizeitreiter: innen ihre Pferde eher als Haustiere wahrnehmen, was eine tendenziell symbiotische, partnerschaftliche Bindung begünstigt. Positive Effekte von Pferden auf Selbstwert und Selbstwirksamkeit, besonders im therapeutischen oder Coaching-Kontext, sind belegt (Schütz 2019). Weniger untersucht blieb bislang, inwieweit Reitende Pferde als Ressource und Coping-Strategie zur Stressbewältigung nutzen. In der vorliegenden Untersuchung berichteten Reiter: innen, die ihr Pferd als besten Freund und Kraftquelle wahrnehmen, häufiger über pferdegerechtes Reitverhalten und eine positivere Pferd-Mensch-Beziehung. Die partnerschaftliche Sichtweise könnte damit eine Erklärungslogik liefern, im Gegensatz zu einer rein funktionalen Nutztiersicht. Pet-Effekte, also positive Auswir- Selbstreflexion und Veränderungsfähigkeit sind zentrale Faktoren für die Qualität des Reitens. Kesselmann - Zur Bedeutung von Persönlichkeitsmerkmalen von Reiter: innen mup 2|2026 | 53 kungen von Haustieren auf die psychische Gesundheit, hängen laut Forschung (Luhmann, 2016; Mauersberger, 2024; Amiot & Bastian, 2014) von der Tier-Sichtweise und der Beziehungsqualität ab. Die vorliegende Studie liefert erste Hinweise darauf, dass die Überzeugung, das Pferd sei eine persönliche Ressource, mit pferdegerechterem Reiten und einer besseren Pferd-Mensch-Beziehung zusammenhängt. Fazit und Ausblick Während der Fokus bisher v. a. auf fachlichem Training lag, rücken die Persönlichkeitsaspekte der Reitenden stärker ins Blickfeld des Pferdewohls. Die vorliegende Untersuchung gibt Hinweise auf die Relevanz persönlicher Faktoren für das Praktizieren von pferdegerechtem Reiten und einer positiven Pferd-Mensch-Beziehung. Etablierte Konzepte aus Sportpsychologie, Persönlichkeitscoaching und Mentaltraining könnten in ganzheitliche Ausbildungskonzepte für Reiter: innen und Trainer: innen integriert werden. Für Reiter: innen können spezifische Angebote sinnvoll sein, die Selbstwert, Selbstwirksamkeit, Kompetenzerleben und konstruktives Wettbewerbsverhalten fördern. Gleichzeitig gilt es, eine erweiterte subjektbezogene Perspektive auf das Pferd als tierischen Partner auf Augenhöhe zu fördern, um die bislang verbreitete Nutztierperspektive zu überwinden. Die vorliegende Untersuchung weist auf die Bedeutung des Pferdes als wertvolle Ressource und Coping-Strategie des Reiters und der Reiterin hin. Die dargestellten Befunde dieser explorativen Studie sind hypothesenbildend und sollten in zukünftigen Studien weiter untersucht werden. Darüber hinaus könnten die Wirkungen erweiterter Konzepte in Reitunterricht und Pferdetraining sowie gezielter Interventionen hinsichtlich einer verbesserten, pferdegerechteren Reitpraxis bzw. einer positiv veränderten Pferd-Mensch-Beziehung systematischer evaluiert werden. Durch die Förderung von Selbstreflexion, Selbstwirksamkeit und Kompetenzerleben der Reiterinnen und Reiter sowie durch die Weiterentwicklung fachlicher Fortbildungen lässt sich potenziell eine Veränderung der Perspektive auf das Pferd herbeiführen, was sowohl die Pferd-Mensch-Beziehung als auch das pferdegerechtere Reiten auf Basis von Fachwissen unterstützen kann. Literatur ■ Abele, A. E., Hauke, N. (2018): Agency and communion in self-concept and self-esteem. In Abele, A. E., Wojciszke, B. (eds.): The Agency - Communion Framework. Series: Current Issues in Social Psychology. Routledge, Oxford ■ Amiot, C. E., Bastian, B. (2014): Toward a Psychology of Human-Animal Relations. 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Forschungsschwerpunkte im Kontext Pferd: Effekte von Pferd-Mensch-Interaktionen auf die Resilienz von Menschen mit Behinderungen, Wirkung pferdegestützter Interventionen auf die Persönlichkeitsentwicklung, Einflüsse von Persönlichkeitsfaktoren auf die Pferd-Mensch-Interaktion. Anschrift Prof.in Dr. mult. Manuela Kesselmann · FOM Hochschule gGmbH Linzer Str. 7 · 28359 Bremen · manuela.kesselmann@fom.de Psychology. Advance online publication. In: http: / / dx.doi.org/ 10.1037/ pspp0000109 ■ Luhmann, M., Kalitzki, A. (2016): How animals contribute to subjective well-being: A comprehensive model of protective and risk factors. The Journal of Positive Psychology, 13(2), 200-214. In: https: / / doi.org/ 10.1080/ 17439760.2016.12 57054 ■ Maes, J., Schmitt, M., Schmal, A. (1995). 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Der Grundlagenteil bietet wichtige Informationen zur Hippotherapie im Bereich Gesundheit und Rehabilitation, zu Effekten und Wirkungsweisen sowie zur Ausrüstung und zum hippotherapeutischen Umfeld. Der Praxisteil umfasst u. a. Befund, Zielsetzung, Einwirkung der Therapeut: innen und Behandlungsansätze bei verschiedenen Krankheitsbildern sowie den Übergang zu anderen Formen des (therapeutischen) Reitens. Ein wissenschaftlich fundiertes Buch, sowohl für Neulinge im Fach als auch für erfahrene Hippotherapeut: innen und Ärzt: innen, das darüber hinaus viele Denkanstöße für die Praxis bietet. Dorothée Debuse Hippotherapie Grundlagen und Praxis (mensch & tier) 2015. 235 Seiten. Innenteil farbig. (978-3-497-02553-4) kt a w Unverzichtbar für Hippotherapeut: innen