eJournals mensch & pferd international18/2

mensch & pferd international
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1867-6456
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mup2026.art08d
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2026
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Gemeinsam mit dem Pferd durch das Tor der Sprache

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2026
Sabine Dell’mour
„Er esst alle Höasen an! Alle Höasen! Alle roten!“ Die Aufregung, die in den Aussagen des fünfjährigen Fabio liegt, ist regelrecht spürbar. Der Impuls ihn zu beruhigen ist präsent. Ist das themengebende Objekt jedoch nicht sichtbar, bleibt der tatsächliche Grund der Aufregung im Dunkeln. Irgendein „Er“ isst was auch immer an. In jedem Fall ist dieses „es“ rot. Fabio hat eine dia­gnostizierte Sprachentwicklungsstörung (SES).
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mup 2|2026|57-63|© Ernst Reinhardt Verlag, DOI 10.2378 / mup2026.art08d | 57 Forum Gemeinsam mit dem Pferd durch das Tor der Sprache Sprachentwicklung bei Kindern im Zusammenhang mit der Rumpfstabilität Sabine Dell’mour „Er esst alle Höasen an! Alle Höasen! Alle roten! “ Die Aufregung, die in den Aussagen des fünfjährigen Fabio liegt, ist regelrecht spürbar. Der Impuls ihn zu beruhigen ist präsent. Ist das themengebende Objekt jedoch nicht sichtbar, bleibt der tatsächliche Grund der Aufregung im Dunkeln. Irgendein „Er“ isst was auch immer an. In jedem Fall ist dieses „es“ rot. Fabio hat eine diagnostizierte Sprachentwicklungsstörung (SES). Er hat bereits ein Störungsbewusstsein entwickelt und zeigt wenig Compliance. Hänseleinen im „inderjarten“ führten zu einem sozialen Rückzug. Spätestens mit Schuleintritt sollte er altersgerecht sprechen. Was kann helfen? Ist es möglich, ihn mithilfe des Pferdes zu motivieren und zu fördern? Führt eine Steigerung der Rumpfstabilität zu einer verbesserten Sprache? Sprache, Sprechen, Bewegung und SES Sprache dient der Verständigung. Besonders Kinder drücken ihre Wünsche und Befindlichkeiten über Körpersprache aus. Gestik und Mimik verdeutlichen innere Zustände und sind Mittel zur Kommunikation. Kinder stellen Kontakte her und interagieren in ihrem sozialen Umfeld. Das Sprechen stellt eine Sonderform der Verständigung dar. Über Laute und Worte können Gegenstände benannt und zueinander in Bezug gesetzt werden. Die Erziehungswissenschaftlerin Renate Zimmer (1993, 79) betont, dass die Voraussetzung für den Erwerb der Sprache Bewegungs- und Wahrnehmungserfahrungen sind, dass es für Kinder wichtig ist, eine gute Raumorientierung entwickelt zu haben. Sie führt weiter aus, dass junge Kinder jenes benennen, was für sie interessant und in ihrer unmittelbaren Umgebung ist. Ein anregendes Umfeld unterstützt die Sprechfreude. Sprechfreude ist die Voraussetzung für den Erwerb sprachlicher Kompetenzen (Zimmer 2021, 11 ff). Bewegungsausdruck, Bewegung, Handlung und Tun bilden somit die Basis für das Sprechen und letztlich auch für das Denken selbst. Worte und Sätze bilden, stellen zusätzlich eine besondere Bewegungsplanung voraus. Die Psychologin Jean Ayres (1998, 210) bekräftigt, dass auch die spezifischen Bewegungen des Mundes, der Lippen und der Zunge sowie Entscheidungsprozesse für das Sprechen und die Artikulation nötig sind. Die kindliche Sprachentwicklung verläuft bei allen Kindern ähnlich. Individuelle Abweichungen stellen jedoch keinen Grund zur Sorge dar. Die Entwicklungsstufen sollen der Unterscheidung zu einer Sprachentwicklungsstörung (SES) dienen. „Er esst alle Höasen an“ ist der verzweifelte Versuch eines Kindes mit SES aufzuzeigen, dass ein anderes Kind die Kirschen anbeißt. Es braucht nicht viel Fantasie, zu erkennen, wie schwerwiegend Sprachentwicklungsstörungen für Kinder sein können. Diese erheblichen Abweichungen vom üblichen Sprachgebrauch können sich negativ auf das soziale Miteinander und auf die Lern- 58 | mup 2|2026 Forum: Dell’mour - Gemeinsam mit dem Pferd durch das Tor der Sprache leistung, besonders den schulischen Werdegang, auswirken. Die Kinder erfahren oft Ausgrenzung und werden gehänselt. Eine SES kann die Artikulation selbst, den expressiven Sprachgebrauch, ohne Einschränkung des Sprachverständnisses, aber auch den rezeptiven Bereich mit deutlichen Defiziten im Sprachverständnis verbunden mit der Sprachproduktion betreffen. Aber auch „Late Talker“, der stark verlangsamte Spracherwerb, zählen dazu (von Suchodoletz 2012, 21 ff). Das Pferd - bewegt werden und motiviert sein Zweifelsohne bietet das Pferd viele Aspekte, welche die Motivation zum Sprechen steigert. Alleine die bäuerliche Umgebung ist für Kinder interessant. Es kann durchaus von einer anregenden Umgebung gesprochen werden. Es lohnt sich, darüber zu sprechen und sich damit zu beschäftigen. Das Kind kann sich neue Begriffe aneignen. Die Dinge sind real und können auch angegriffen werden. Die reittherapeutische Arbeit mit dem Pferd kann auf unterschiedliche Art gestaltet werden. Übungen am Boden, wie laufen, hüpfen, rückwärtsgehen und gezielte Übungen auf dem Pferd, die besonders unterschiedliche Raumlagen fordern, unterstützen die Entwicklung von Rhythmus, Gleichgewicht und Koordination. Spielerische und fantasievolle Aufgaben holen das Kind in seinem Bedürfnis nach Mitgestaltung ab (Dell’mour 2010, S. 76 f). Bei dem direkten Sitzen auf dem geführten Pferd kann die gleichmäßige dreidimensionale Bewegung des Pferdes entspannend wirken und den Muskeltonus positiv beeinflussen. Gleichgewicht, Körperwahrnehmung und die Auseinandersetzung mit den physikalischen Kräften, wie z. B. Fliehkraft, fördern das Körperschema. Der eigene Körper wird bewusster wahrgenommen (Gäng / Schürch- Gäng 2021, 48 f). Die Forschergruppe um den Sportwissenschaftler Josef Kastner (2015, 18 ff) hat bestätigt, dass die Rückentätigkeit des Pferdes im Schritt dazu führt, dass sich das reiterliche Becken in einer fast gleichgerichteten Weise bewegt wie beim Gehen. Die Beckenbewegungen des Menschen synchronisieren sich mit jener des Pferdes. Dieses beobachtbare zyklische Muster Tabelle 1: Entwicklungsstufen der Sprache, vereinfacht nach Walter (2003, 19) 1. Monat Wahrnehmen der Stimmen v. a. der Bezugspersonen 2. / 3. Monat Erste Reaktionen auf die Umwelt über Lautäußerungen. Kind kann unterschiedliche Stimmen und Satzmelodien erkennen. 5. / 6. Monat Erste Lall- und Brabbelversuche 8. Monat Lautverdopplungen, wie „dada“, „baba“ 10. / 11. Monat Lautbildung verfeinert sich und Kind beginnt mit sich selbst zu „sprechen“ 12. Monat Erste Worte und Einwortsätze: z. B.: „Wauwau“, je nach Kontext „Das ist ein Hund“, „Will ihn streicheln“ oder „Habe Angst! “ 18. Monat Erste Zweiwortsätze 24. Monat Drei- und Mehrwortsätze, die hinsichtlich Grammatik, Satzstellung und Aussprache korrekter werden. 3. Lebensjahr Fast fehlerfreies Sprechen; erste Satzgefüge und Konjunktionen (und, dann) werden gebildet. 4. / 5. Lebensjahr Weitere Konjunktionen kommen dazu (weil, darum, wenn, als, bevor). Zeitliche und räumliche Zusammenhänge können ausgedrückt werden. Kindliche Entwicklungsstufen nach Walter (2003, S. 19) Forum: Dell’mour - Gemeinsam mit dem Pferd durch das Tor der Sprache mup 2|2026 | 59 ist dem menschlichen Gang sehr ähnlich. Die Fähigkeit, diese dreidimensionale Bewegung des Pferderückens aufzunehmen und im eigenen Körper umzusetzen, ist zentral für einen ausbalancierten und funktionalen Reitsitz. Daher scheint das Reiten für Kinder mit SES ein förderlicher Ansatz zu sein. Kann doch über ein auf das Kind angepasstes Führen des Pferdes ein positiver Einfluss auf seine Wahrnehmung und Aufrichtung genommen werden. Geführte Ritte in die umgebende Natur, bestenfalls in den Wald, bieten eine weitere Unterstützung, die Sprechfreude der Kinder anzuregen. Auch die unterschiedlichen Bodenbeschaffenheiten können für die reittherapeutische Arbeit gezielt genutzt werden. Die abwechslungsreichen Bewegungsdynamiken fordern die Kinder. Der offene Naturraum lädt nicht nur zur sprachlichen Auseinandersetzung ein (Dell’mour / Meyer 2024, 148 ff). Fabio und Emil - zwei Kinder mit SES Fabio und Emil bilden die Grundlage für die Studie von Julia Krenn. Die Elementarpädagogin wollte herausfinden, ob die Verbesserung der Rumpfaufrichtung in Kombination mit Sprachförderangeboten im Rahmen der Reittherapie zur Sprachförderung der Kinder beitragen kann. Insbesondere galt ihr Interesse der Frage, ob sich die sprachliche Ausdruckfähigkeit und das Kommunikationsverhalten positiv beeinflussen lassen und ob sich mittels gezielter reittherapeutischer Interventionen auch Veränderungen im Bereich der Mundmotorik, Artikulation und grammatikalischer Strukturierung und Wortschatz erkennen lassen. Welche Rolle spielt das Körpererleben der Kinder für die sprachliche Entwicklung, insbesondere in Bezug zur Körperwahrnehmung und Rumpfstabilität? Welche anderen Kompetenzbereiche werden über die Reittherapie förderlich erreicht? Dabei stützte sie sich auf Interviews mit den Kindern, den Müttern und der behandelnden Logopädin. Jeweils zu Beginn der Maßnahme und am Ende der 10 Einheiten. Sie führte Aufzeichnungen über die jeweils 10 Einheiten mit dem Pferd Holly. Die wöchentlichen Einheiten dauerten 20 bis 35 Minuten. Ergänzend wurden Videoaufnahmen und Fotos gemacht. Die Fotos entstanden am Anfang, in der Mitte und am Ende der Förderung. Diese visuelle Dokumentation kann mögliche Zusammenhänge zwischen der körperlichen und der sprachlichen Entwicklung sichtbar machen. Die sprachlichen Fortschritte wurden mittels Diktiergerät festgehalten. Das zentrale methodische Prinzip war die bedürfnisorientierte und individuelle Förderung und andere wesentliche Aspekte der HIPS-Reittherapie. Im Vorfeld wurden die Interessen und Vorlieben der Kinder erhoben. Die Inhalte der Einheiten wurden flexibel angepasst. Elemente wie gemeinsames Putzen des Pferdes, das Führen im Schritt, Spiele zur Körperwahrnehmung, der Einsatz von Sprachkarten, Sprachspiele sowie mund- und lippenmotorische Spiele und Rollenspiele wurden situationsbedingt eingesetzt. Fabio Der fünfjährige Fabio hatte im August 2024 seine erste logopädische Untersuchung. Die umfassende Diagnose macht laut Therapieplan eine myofunktionelle Therapie notwendig. Ebenso eine Wortschatztherapie, die Verbesserung der einfachen Syntax und Grammatik und auch noch eine Artikulationstherapie. Im April 2025 beginnt Fabio mit der Reittherapie. Er ist aufgeschlossen und redefreudig. Auf dem Pferd wird in der ersten Einheit die geringe Aufrichtung sichtbar, jedoch keine Anzeichen von Angst. Im Bereich der Rumpfaufrichtung zeigt er bereits in der zweiten Einheit eine bessere Aufrichtung, die er immerhin 10 Minuten halten kann. Besonders effektiv waren die Ritte ins Gelände. Seine emotionalen Schwankungen machten die enge Verbindung von emotionaler Stabilität und Körperhaltung sichtbar. Durch das Eingehen auf seine Tagesverfassung, wo statt strukturierter Aufgaben der Ritt ins Gelände gewählt wurde, konnte Überforderung vermieden und Regulation ermöglicht werden. Der Einsatz von Karten mit 60 | mup 2|2026 Forum: Dell’mour - Gemeinsam mit dem Pferd durch das Tor der Sprache Raumlageveränderungen (Rückwärtssitz, Knien, Reiten mit geschlossenen Augen) erwies sich als wirksam. Trotz seiner emotionalen Schwankungen gelang es ihm zunehmend anspruchsvolle Aufgaben umzusetzen - ein Zeichen verbesserter Rumpfkontrolle und besserem Körperbewusstsein. Bei der sprachlichen Entwicklung wurde deutlich, dass das Eingehen auf die Interessen des Jungen als sprachlicher Türöffner diente. Er konnte mühelos längere Erzählsequenzen mit richtiger grammatikalischer Strukturierung und Satzbau einhalten. Ein deutlicher Fortschritt seiner narrativen Kompetenz zeigte sich ab der siebten Einheit. Er erzählte flüssig mit zunehmender Tiefe. Auffallend war, wie wichtig der sichere emotionale Rahmen für ihn war. Die emotionale Bindung an das Pferd Holly motivierte ihn dazu, gezielt neue Begriffe aufzunehmen. Emil Der siebenjährige Emil hatte bereits seit seinem dritten Lebensjahr logopädische Förderung. Laut Behandlungsstand konnten gute sprachliche Fortschritte verbucht werden. Sein Sprachverständnis hatte sich gebessert und auch sein Selbstvertrauen. Er zeigt in verschiedenen Bereichen jedoch Auffälligkeiten und Logopädie ist weiterhin notwendig. Sein Therapieplan sieht Förderungen im Aufbau, Erweiterung und Festigung des rezeptiven und expressiven Wortschatzes vor und eine Verbesserung der Erzählkompetenz sowie die Erweiterung der Satzstrukturen und die Therapie der Vorläuferfähigkeiten für den Spracherwerb. Auch bei Emil konnte die Aufrichtung mittels gezielter Übungen, wie das getaktete Führen des Pferdes, verbessert werden. Auch bei ihm erwiesen sich die Ritte ins Gelände als wirkungsvoll. Besonders in der siebten Einheit war sein Interesse an den gefundenen Schnecken so groß, dass er den Ausritt freihändig absolvierte. Er hielt die Schnecken in beiden Händen. Ein Zeichen verbesserter posturaler Kontrolle und Körpersicherheit. Durch die Integration von Bewegungsimpulsen konnte die Körperspannung positiv beeinflusst werden. Überforderungen zeigten sich punktuell. Auf diese wurde eingegangen und entsprechend reguliert. Anfangs war Emil wenig sprechfreudig. Er war unsicher und antwortete einsilbig mit geringer Ausdruckstärke und fehlender Satzstruktur. Durch den Einsatz von Bildkarten, Rollenspielen und thematischen Karten erlernte er neue Begriffe. Eindrücklich war die fünfte Ein- Abbildung 1: Fabio, 1. Einheit - hypoton Abbildung 2: Fabio, 8. Einheit, deutlich verbesserte Rumpfaufrichtung Forum: Dell’mour - Gemeinsam mit dem Pferd durch das Tor der Sprache mup 2|2026 | 61 heit, wo er zu den Tierkarten ein eigenständiges Märchen erfand. Bezüglich Satzbau dominierten anfangs fehlerhafte Strukturen („Die Kuh fresst auf Wiese“), einfache Hauptsätze und verkürzte Aussagen. Ab der siebten Einheit verwendet Emil deutlich mehr Nebensätze. Auch wenn das Hilfsverb „tut“ blieb. Ab Mitte aller Einheiten konnte er flüssig und fantasievoll erzählen. In der achten Einheit gelang es ihm, Silben richtig zu klatschen und Satzstrukturen mit kausalen Konnektoren wie „weil“ korrekt zu verwenden. Das weist auf eine verbesserte phonologische Verarbeitung hin. Rückmeldungen der Mütter und der behandelnden Logopädin In den Abschlussinterviews waren beide Mütter überrascht von den zwar erhofften und tatsächlich eingetretenen Effekten der Reittherapie. Beide Buben kamen immer gerne zu Holly und zur Reittherapeutin. Besonders erfreulich war, dass das Selbstbewusstsein wachsen konnte und beide Buben sich deutlich mehr sprechen trauten. Emil sei „sprachlich verständlicher“ geworden und zeigte mehr Sprechfreude. Das bestätigte auch die Schule. Er habe „den größten Sprung in der Klasse gemacht“ und sei „viel offener“ und „gehe auf die anderen Kinder zu“. Fabios Mutter betonte, dass die offene Situation im reittherapeutischen Setting für ihren Sohn so wichtig gewesen sei. Er „darf wirklich so sein, wie er ist“. Die behandelnde Logopädin der beiden Buben hatte bislang noch keine Erfahrung mit Reittherapie im Zusammenhang mit Sprachförderung gemacht. Sie sieht keinerlei Abbildung 3: Emil, 1. Einheit - Rundrücken, Sitz auf dem Steißbein Abbildung 4: Emil - Schnecken beim Ausritt Abbildung 5: Emil, 10. Einheit 62 | mup 2|2026 Forum: Dell’mour - Gemeinsam mit dem Pferd durch das Tor der Sprache Bereiche, in denen diese Maßnahme für die Logopädie hinderlich sein könnte. Besonders der Unterstützung der allgemeinen Tonusregulation im Gesamtsetting des Pferdes und seines Umfeldes misst sie große Bedeutung zu. Denn „eine gestärkte Muskulatur stützt Wirbelsäule und fördert das Gleichgewicht und wirkt sich auf die Gesamtkörpertonus und die Haltung aus. Diese hat Einfluss auf den Mundschluss und die Nasenatmung, Zungenruhelage und Lautbildung“. Die Reittherapie ist eine sinnvolle Unterstützung zur Logopädie, vor allem, wenn ein interdisziplinärer Austausch stattfindet. Zusammenfassung, Ergebnisse und Ausblick Krenn konnte zumindest innerhalb ihrer kleinen Stichprobe aufzeigen, dass ihre Ergebnisse mit den Erkenntnissen aus der Literatur übereinstimmen, so wie auch Debuse (2015, 45) den Zusammenhang des gezielten Einsatzes der dreidimensionalen Bewegung des Pferdes zur Tonusregulation, für das Gleichgewicht und für die Aufrichtung als wesentlichen Aspekt für eine funktionale Sprachentwicklung sieht. Durchaus erstaunlich ist, dass sich die erfreulichen Effekte innerhalb von nur 10 Einheiten, die mit möglichst großer Regelmäßigkeit durchgeführt wurden, einstellen konnten. Auch die Integration der reittherapeutischen Erfolge in den Alltag der beiden Buben ist nach so kurzer Zeit erstaunlich. In Bezug auf die sprachliche Ausdrucksfähigkeit und das Kommunikationsverhalten zeigen die Berichte von Emil und Fabio die positive Wirkung auf. Aber auch in sprachlichen Teilbereichen der Artikulation konnte insbesondere bei Emil eine deutliche Verbesserung beobachtet werden. Grammatikalische Strukturen konnten stabilisiert werden, da in der sprachlichen Interaktion vielfach Satzmodelle, Wiederholungen und korrekte Sprachvorbilder eingebettet waren. Die Kombination von Bewegung, Handlung und Sprache führte zu einer vertieften sprachlichen Verarbeitung. Das konnte die Automatisierung grammatikalischer Muster Linguistische Ebene Symptom Beispiel Semantik Fehlendes Kategorisieren Das Kind erkennt die Begriffe „Banane“ und „Apfel“ nicht als zugehörig zur Gruppe „Obst“. Lexikon Eingeschränkter produktiver Wortschatz Ab 3; 0 Jahren: Übermäßiger Gebrauch unspezifischer Wörter: „machen“, „tun“, „Dings“, „Sachen“ oder auch „arbeiten“ statt beispielsweise „schrauben“. Häufige Fehlbenennungen: z. B.: „Tasche“ statt „Koffer“ Morphologie Fehlende oder fehlerhafte Genuszuweisung, Kasusmarkierung und / oder Flexion „die Hund“ statt „der Hund“; „Ich gebe die Heft ab“ statt „Ich gebe das Heft ab“ und „Du gehen nach Hause“ statt „du gehst nach Hause“, „Apfeln“ statt „Äpfel“ Syntax Unvollständige Sätze „Du gehst Hause“ statt „Du gehst nach Hause.“ Phonetik Fehlerhafte Lautproduktion Lispeln Phonologie Fehlerhafte Lautverwendung „Tule“ statt „Schule“, „Jufbabon“ statt „Luftballon“ Kommunikation- Pragmatik Eingeschränkte Erzählfähigkeit Agierende Personen werden zu wenig oder gar nicht in die Erzählung eingeführt, es werden zu wenige Informationen oder in missverständlicher Reihenfolge vermittelt. Tabelle 2: Symptome einer SES Forum: Dell’mour - Gemeinsam mit dem Pferd durch das Tor der Sprache mup 2|2026 | 63 unterstützen. Insbesondere bei Emil konnte im Verlauf eine verbesserte Körperspannung und Körpermitte beobachtet werden, die in engem Zusammenhang mit einer präzisen Sprechmotorik steht. Durch die intensive Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper, beim Führen, Reiten und den spielerischen Bewegungseinheiten mit dem Pferd, konnten die Kinder ein besseres Gefühl für sich selbst entwickeln. Das wirkte sich positiv auf die soziale Kompetenz aus. Die Buben getrauten sich auch in den sozialen Kontexten mehr zu sprechen. Die psychomotorischen Fähigkeiten, insbesondere Gleichgewicht, Koordination und Bewegungsplanung, wurden durch das Reiten sowie durch spielerische Übungen gefördert. Das hatte nicht nur eine stabilisierende Wirkung auf die Körperkontrolle, sondern wirkte sich auch unterstützend auf die Gesamtentwicklung aus. Literatur ■ Ayres, A. J. (1998): Bausteine der kindlichen Bewegung. Die Bedeutung der Integration der Sinne für die Entwicklung des Kindes. Springer, Berlin ■ Debuse, D. (2015): Hippotherapie-Grundlagen und Praxis. Ernst Reinhardt, München ■ Dell’mour, S. (2010): Ganzheitliche Reitpädagogik. Leitfaden für einen einfühlsamen Unterricht. Leopold Stocker Verlag, Graz ■ Dell’mour, S., Meyer, K. (2024): Unterwegs in Wald und Flur: Reitbahn und Ausreiten-zwei Settings in der Reittherapie. mensch & pferd international, 16(4), 148-153. ■ Gäng, M., Schürch-Gäng, S. (2021): Therapeutisches Reiten. Ernst Reinhardt; München ■ Kastner, J., Hübner, M., Schlömer, I. (2015): Setz dich in Bewegung. Funktionelles Bewegungstraining für Reiter mit Übungen für einen besseren Sitz. Eigenverlag, Wien ■ Lücke, C., Starke, A., Sallat, S., Albrecht, K. (2024): Sprachentwicklungsstörungen: ein Ratgeber für Eltern und pädagogische Fachkräfte in Kita und Schule. Schulz-Kirchner. ■ Von Suchodoletz, W. (20212) : Früherkennung von Sprachentwicklungsstörungen - Der SBE-2KT und SBE-3KT für zweibzw. dreijährige Kinder. Kohlhammer, Stuttgart ■ Walter, G. (2003) : Sprache - der Schlüssel zur Welt. Herder, Freiburg ■ Zimmer, R. (1993) : Handbuch der Bewegungserziehung. Didaktisch-methodische Grundlagen und Ideen für die Praxis. Herder, Freiburg ■ Zimmer, R. (2021): Eine kleine Ballgrammatik. Spielerische Zugänge zur Sprache. Herder, Freiburg Die Autorin Sabine Dell’mour MSc, betreibt in der Steiermark (Österreich) eine reittherapeutische Praxis. Sie entwickelt Methoden für Reitpädagogik und Reittherapie und lehrt an der Hochschule für Agrar- und Umweltpädagogik in Wien und anderen Bildungseinrichtungen im In- und Ausland. Kontakt office@reitpaedagogik.at Weiterführende Internetquellen www. reitpaedagogik.at · www.reitpaedagogikdellmour.de www.haup.ac.at/ hochschullehrgang-hips-reittherapieheilsames-intuitives-pferdesetting/ Die Studienautorin Julia Krenn ist Elementarpädagogin und akademische Expertin für HIPS® Reittherapie und Ganzheitliche Reitpädagogin nach Dell’mour. Infobox Abbildung 6: Julia Krenn mit ihrem Pferd Holly