eJournals mensch & pferd international18/2

mensch & pferd international
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1867-6456
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mup2026.art09d
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Was ist gerecht? - Arbeitsbeziehungen mit Pferden im Kontext pferdegestützter Interventionen weiterdenken

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2026
Katrin Germonprez
In den letzten Jahren werden Missstände im Pferdesport, im Training, der Haltung und allgemein im Verhältnis von Menschen und Pferd immer sichtbarer. Videos und Berichte zeigen Situationen, in denen fraglich ist, ob Pferde ihrem Einsatz zustimmen (würden), ob ihr Wohlergehen gewährleistet ist – und: ob grundlegende rechtliche Prinzipien verletzt werden. Gleichzeitig zeichnen neue Forschungsansätze ein differenziertes Bild nicht-menschlichen Lebens: Tiere verfügen über Emotionen, Intelligenz, soziale Bindungsfähigkeit und sogar kulturelle Ausdrucksformen. Sie sind soziale und biologische Wesen, die Interessen verfolgen, Entscheidungen treffen und mit ihrer Umwelt in aktiver Weise interagieren.
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64 | mup 2|2026|64-70|© Ernst Reinhardt Verlag, DOI 10.2378 / mup2026.art09d Katrin Germonprez Forum Was ist gerecht? Arbeitsbeziehungen mit Pferden im Kontext pferdegestützter Interventionen weiterdenken In den letzten Jahren werden Missstände im Pferdesport, im Training, der Haltung und allgemein im Verhältnis von Menschen und Pferd immer sichtbarer. Videos und Berichte zeigen Situationen, in denen fraglich ist, ob Pferde ihrem Einsatz zustimmen (würden), ob ihr Wohlergehen gewährleistet ist - und: ob grundlegende rechtliche Prinzipien verletzt werden. Gleichzeitig zeichnen neue Forschungsansätze ein differenziertes Bild nicht-menschlichen Lebens: Tiere verfügen über Emotionen, Intelligenz, soziale Bindungsfähigkeit und sogar kulturelle Ausdrucksformen. Sie sind soziale und biologische Wesen, die Interessen verfolgen, Entscheidungen treffen und mit ihrer Umwelt in aktiver Weise interagieren. Über Jahrhunderte hinweg wurden Pferde als Arbeits- und Zugtiere genutzt. Als Teil von pferdegestützten Interventionen (PGI) unterstützen sie Kinder mit Förderbedarf, begleiten Menschen in psychischen Krisen oder dienen in der Persönlichkeitsentwicklung als Spiegel des menschlichen Verhaltens. Wenn Pferde also als Teil dieser Arbeitskontexte eingesetzt werden, stellt sich die Frage, wie eine gerechte bzw. rechtlich verbindliche Regelung eines solchen Einsatzes gesichert werden kann. Anhand welcher Indikatoren lässt sich eine gerechte Regelung innerhalb der derzeitigen institutionellen Rahmenbedingungen überprüfen und welche Implikationen ergeben sich daraus für zukünftige Vorgaben und Regulierungen? Pferde in pferdegestützten Interventionen - handelt es sich um „Arbeit“? Traditionell wurde „Arbeit“ als rein menschliche Tätigkeit verstanden - rational, normorientiert, sprachlich vermittelt. Tiere galten demzufolge bestenfalls als Werkzeuge oder Ressourcen. In arbeitsrechtlichen, politischen oder moralphilosophischen Debatten spielten sie kaum eine Rolle (Ladwig, 2020). Das Verhältnis zwischen Menschen und Tier wurde vorrangig über den Begriff des „Tierwohls“ geregelt. Tiere wurden als leidensfähige Wesen anerkannt, denen Fürsorge gebührt. Diese Fürsorgepflicht liegt rechtlich in der Verantwortung der Halter: innen und findet z. B. im deutschen Tierschutzgesetz Ausdruck. Dabei sind Formen der Nutzung - auch inklusive Tötung - erlaubt, solange sie „leidfrei“ erfolgen. Andere Ansätze fordern jedoch mehr: Sie plädieren für eine Abkehr vom rein fürsorgeorientierten Denken hin zur Anerkennung von Tieren als politische Subjekte. Dieser sogenannte „political turn“ setzt auf Interessensbasierung, Mitbestimmung und institutionelle Repräsentation von Tieren - insbesondere dort, wo Menschen die nahezu vollständige Kontrolle über Leben und Tod der Tiere ausüben. Tierrechte sollen jetzt als politisch und rechtlich verbindliche Ansprüche in staatlichen Systemen etabliert werden (Donaldson / Kymlicka 2016). Ähnlich argumentiert Ladwig (2020): Er beschreibt die Mensch-Tier-Beziehung als ein asymmetrisches Machtverhältnis, in dem Tiere Forum: Germonprez - Arbeitsbeziehungen mit Pferden weiterdenken mup 2|2026 | 65 einer Normordnung unterworfen werden, die sie weder mitgestalten noch verlassen können - insbesondere gezüchtete Tiere wie Pferde. Er fordert demzufolge strengere Rechtfertigungen für solche „Unterwerfungen“ und neue Konzepte, wie tierliche Interessen institutionalisiert, also in die bestehenden Normordnungen inkludiert werden können. Aus einer politikwissenschaftlichen Perspektive wird eine damit angedeutete gerechte Regelung von Arbeitsbedingungen als Feld der Interaktion zwischen Mensch und Tier zum einen grundsätzlich notwendig. Zum anderen sollten die Bedingungen nicht mehr ausschließlich auf der Ebene von Tierwohl diskutiert werden. In diesem Beitrag soll der Frage nachgegangen werden: Wir können die Interessen von Pferden im Rahmen der PGI institutionalisiert werden? Institutionelle Rahmenbedingungen der pferdegestützten Interventionen Die institutionellen Rahmenbedingungen für pferdegestützte Interventionen sind in Deutschland nicht durch eine spezielle Gesetzgebung geregelt. Sie setzen sich aus verschiedenen rechtlichen, berufs- und qualifikationsbezogenen, sowie tier- und fachbezogenen Vorgaben zusammen. Rechtliche Grundlagen Anbieter: innen von PGI müssen ihre Pferde gemäß dem deutschen Tierschutzrecht halten. Des Weiteren gelten Haftungs- und versicherungsrechtliche Vorgaben, sowie Hygiene-, Tierseuchen und veterinärrechtliche Regelungen. Qualifikationen und Ausbildungen von Fachkräften Die verschiedenen Berufsbezeichnungen (z. B. Reittherapeut: in, Reitpädagog: in, Pferdegestützter Coach) im Kontext der PGI sind keine rechtlich geschützten Begriffe. Es existieren keine bundesweit gesetzlich vorgeschriebenen Ausbildungsstandards. Wesentliche Qualitätsanforderungen werden jedoch von den Berufsverbänden entwickelt, formuliert und geprüft (z. B. https: / / www.berufsverbandpi.de/ weiterbildung). Die Anforderungen an das berufliche Profil und den Arbeitsalltag der Anbieter: innen - und somit natürlich ebenso an die involvierten Pferde - sind vielfältig und sehr unterschiedlich. Pferdefachliche Standards Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) hat zwei Leitlinien entwickelt, welche auch für die PGI relevant sind: Beurteilung von Pferdehaltungen unter Tierschutzgesichtspunkten (2009) sowie Tierschutz im Pferdesport, (2020). Doch auch diese Leitlinien sind keine Rechtsnormen, nicht rechtsverbindlich und somit keine Rechtsgrundlage. Gleiches gilt für das Merkblatt „Tiere im sozialen Einsatz - Pferde“ (2012) der Tierärzte für Tierschutz e. V. (TVT). Der Nachweis über die Sachkunde hinsichtlich Pferdehaltung ergibt sich aus dem § 2 des Tierschutzgesetzes, worin gefordert wird, dass die Tierhaltende über erforderliche Kenntnisse und Fähigkeiten zu verfügen hat. Konkret sind weder die Form noch die Prüfung festgeschrieben. Es werden verschiedene Formen des Sachkundenachweises von den zuständigen Ämtern anerkannt, z. B. Fortbildungen, wie der Sachkundenachweis der FN oder der Landwirtschaftskammern. Aktuelle gesetzliche Regelungen in den pferdegestützten Interventionen In den institutionellen Rahmenbedingungen der PGI zeigen sich unterschiedliche Grade der Integration speziesethologischer Erkenntnisse: Während gesetzliche Regelungen (z. B. Tierschutzgesetz) weitgehend generalistisch bleiben, bieten fachliche Leitlinien - etwa durch das BMEL oder der TVT - richtungsgebende, jedoch unverbindliche Standards. Der Sachkundenachweis (FN) und die verbandlichen Ethosformeln, etwa vom Berufsverband für Pferdegestützte Interventionen (BvfPI) und Deutschem Kuratorium für therapeutische 66 | mup 2|2026 Forum: Germonprez - Arbeitsbeziehungen mit Pferden weiterdenken Reiten (DKThR) legen eine Berücksichtigung der natürlichen Verhaltensbedürfnisse des Pferdes nahe. In der praktischen Umsetzung bleibt die Überprüfung dessen häufig auf einen Genehmigungszeitpunkt zu Beginn der Berufstätigkeit beschränkt. Die mangelnde Kontinuität von (tierärztlichen) Kontrollen offenbart eine strukturelle Schwäche im Hinblick auf Nachhaltigkeit und Dynamik tiergerechter Anpassung. Trotz Fortschritten - etwa in der Integration verhaltensbiologischer Kenntnisse in die Ausbildungen - fehlt bislang eine verbindliche gesetzliche Fixierung. Die derzeitigen Richtlinien operieren auf der Basis freiwilliger Verpflichtungen, was eine systematische und rechtlich abgesicherte Verbesserung tierischer Arbeitsbedingungen erschwert. Humane Jobs: Ein Vorschlag für gerechte Mensch-Tier-Arbeitsverhältnisse Coulter (2016, 2020) hat mit dem Konzept des humane job einen Ansatz entwickelt, um Mensch-Tier- Arbeitsbeziehungen zu analysieren und einzuordnen. Humane Jobs müssen für das Tier sinnvoll, freiwillig und im Einklang mit dessen körperlichen und emotionalen Bedürfnissen sein. Coulter schlägt ein mehrdimensionales Analysemodell vor, berücksichtigt werden sollen folgende Analysekategorien: ■ Die Tierart und deren artspezifische Bedürfnisse ■ Individuelle Vorlieben, Persönlichkeitsmerkmale und agency ■ Gesundheit, Psyche und körperliche Integrität ■ Soziale Beziehungen zu Menschen und anderen Tieren ■ Art und Umfang der Arbeit ■ Aufgabenverteilung ■ Ausstattung / Equipment ■ Umfeld und Klima Innerhalb der genannten Kategorien werden jeweils aktuelle, wissenschaftliche Erkenntnisse, beispielsweise aus Ethologie und Veterinärmedizin, als Orientierung zur Einordnung auf einer Skala von Freude und Leiden für die Tiere im jeweiligen Arbeitskontext herangezogen. Ziel ist es, neben der Analyse des aktuellen Arbeitsverhältnisses, mögliche Verbesserungen zu erkennen, zu formulieren und diese zukünftig, auch im institutionellen Rahmen, zu etablieren. Besonders in der Care-Arbeit (z. B. in tiergestützten Therapien) sieht Coulter durch solche Prozesse Chancen für humane Jobs, die sowohl Tieren als auch Menschen zugutekommen können. Zustimmung durch Tiere? Dissent, Assent und Consent Ein zentrales Problem nichtmenschlicher Arbeit ist die Frage nach Möglichkeiten der Zustimmung. Während Menschen Arbeitsverträge unterschreiben können, bleibt bei Tieren unklar, ob sie einverstanden sind - oder wie dies erfasst werden könnte. Coulter et al. (2020) schlagen daher Zustimmungskonzepte vor, die sich an Modellen aus der Forschung mit Kindern oder Menschen mit Behinderung orientieren. Dissent (Widerspruch) Tiere können durch Verhalten wie Verweigerung, Rückzug, Aggression oder Passivität ausdrücken, dass sie mit einer Tätigkeit nicht einverstanden sind. Dies sollte ernst genommen und als Widerspruch interpretiert werden. Allerdings hat dieses „optout“-Modell Schwächen: Gelernte Hilflosigkeit oder mangelnde Ausdrucksmöglichkeiten können den Widerstand unsichtbar machen. Assent (Zustimmung) Tiere zeigen durch kooperatives, freiwilliges Verhalten ihre Zustimmung. Dieses Modell geht über den bloßen Widerspruch hinaus, setzt aber eine sensible Interpretation durch erfahrene Bezugspersonen voraus. Forum: Germonprez - Arbeitsbeziehungen mit Pferden weiterdenken mup 2|2026 | 67 Consent (Einwilligung) Der „Goldstandard“ in menschlichen Kontexten - allerdings schwer übertragbar auf Tiere. Deshalb schlägt Blattner (2020) den Begriff des embodied consent vor: Tiere drücken Zustimmung oder Ablehnung über ihre Körperhaltung, Mimik, Gestik oder andere somatische Signale aus. Diese Form von Kommunikation muss durch Schulung, Beobachtung und Empathie erkannt und respektiert werden. Die Analyse der jeweiligen Arbeitsbedingungen vor dem Hintergrund des Konzepts von humane jobs kann ebenso als Möglichkeit betrachtet werden, um eine Einwilligung von Seiten des arbeitenden Pferdes entweder in der Situation direkt einschätzen zu können, bzw. ob auf der Grundlage von wissenschaftlichen Kenntnissen davon ausgegangen werden kann, dass das jeweilige Pferd den gegebenen Bedingungen zustimmen würde. Ein Beispiel: Verankerung der Interessen von Pferden in pferdegestützten Interventionen Exemplarisch kann eine Verknüpfung zwischen dem Bereich „Gesundheit, Psyche und körperliche Integrität“ aus Coulters Analysemodell mit den derzeitigen institutionellen Rahmenbedingungen vorgenommen werden. Die physische Konstitution von Pferden ist Ergebnis einer evolutionären Entwicklung, deren Sinnesapparat sich teilweise grundlegend vom menschlichen unterscheidet. Die visuelle Wahrnehmung mit spezieller Anpassung an Lichtverhältnisse und Farbensehen sowie feinmotorische Ausdrucksformen auf mikroverbaler Ebene (z. B. Augen- und Nasenfalten) erfordern fundiertes ethologisches Wissen für adäquate Interpretation und Kommunikation im inter- und intraspezifischen Kontext. Studien belegen die Fähigkeit von Pferden, menschliche Intentionen zu deuten (Trösch et al. 2020A; Ringhofer et al. 2021), was die Komplexität der interspezifischen Interaktion betont. Aktuelle Forschung dokumentiert Pferde als empfindsame Wesen mit der Fähigkeit auch menschliche Emotionen zu erkennen, physiologisch darauf zu reagieren und individuelle Gesichter wiederzuerkennen (Lansade et al. 2020 / 2021; Nakamura et al. 2018; Trösch et al. 2019, Sabiniewicz et al. 2020). In der Praxis erfordert die Belastung der Pferde vor dem Hintergrund dieser Sensibilität eine sorgsame Regulation von Arbeitszeit und Erholungsphasen. Regelmäßige tierärztliche Kontrollen gewährleisten zwar eine Basisgesundheit, die tägliche Befindlichkeit wird von den Betreuenden eingeschätzt. Psychologisches Wohlbefinden lässt sich über Indikatoren wie Spielverhalten (Hausberger et. al. 2012), Mimik (z. B. Hintze et al. 2016) oder weitere Stressparameter (Mc- Duffee et al. 2022, Pflug & Braun 2025) erfassen, wobei Konzepte wie erlernte Hilflosigkeit und depressive Verhaltensmuster zunehmend berücksichtigt werden. Videoaufnahmen von Arbeitssequenzen ermöglichen differenzierte Analysen, Welfare Scores oder Protokolle werden ebenso unterstützend eingesetzt. Gesetzlich verankert fordert das Tierschutzgesetz den Schutz von Leben und Wohlbefinden, verbietet übermäßige Beanspruchung sowie schmerzhafte oder belastende Eingriffe. Die genaue Umsetzung oder Überprüfung sind darin nicht wieder zu finden. Der Sachkundenachweis und die Merkblätter der TVT enthalten umfassende Richtlinien zu Gesundheit, Belastbarkeit und Stressindikatoren, wobei individuelle Belastungsgrenzen betont und Richtwerte für die Einsatzhäufigkeit (2-3 Einheiten täglich, 2-3 Stunden Gesamtarbeitszeit) empfohlen werden. Die Leitlinien des BMEL fordern einen behutsamen Ausbildungsbeginn, um physische und psychische Überforderung zu minimieren. Der BvPI legt als Maßstab einen gesunden Zustand der Tiere und eine Begrenzung auf 10-12 Einsätze pro Woche bei maximal 2 Einsätzen pro Tag fest, mit einem Mindesteinsatzalter von acht Jahren. Obwohl Gesundheitsschutz somit integraler Bestandteil der PGI-Praxis ist, bleiben die wissenschaftlichen Hintergründe zur Festlegung von 68 | mup 2|2026 Forum: Germonprez - Arbeitsbeziehungen mit Pferden weiterdenken Einsatzzeiten und individuellen Belastungsgrenzen im rechtlichen Orientierungsrahmen diffus. Aktuelle Studien zeigen, wie groß die Wichtigkeit der Gesunderhaltung für die Anbieter: innen von PGI in ihrer täglichen Praxis ist (Braun et al. 2025). Die tatsächliche Umsetzung ist jedoch kaum konkreten, allgemein verbindlichen Regularien unterworfen. Vielmehr besteht eine Abhängigkeit hinsichtlich der unterschiedlichsten Gesichtspunkte auf individueller Ebene - zwischen Anbieter: in und Pferd. Es ist davon auszugehen, dass Faktoren wie Fachwissen, zeitliche Ressourcen oder ökonomischer Hintergrund, Betriebsgröße, Anzahl der zur Verfügung stehenden Pferde, etc. das individuelle Handeln der Anbieter: in beeinflussen, nicht jedoch ein bindender rechtlicher Rahmen vor dem Hintergrund einer wissenschaftlichen Einordnung der Interessen der Pferde selbst. Ein nächster Schritt wäre also, Regularien zu entwickeln, die zumindest wahrscheinlich eine Zustimmung durch eben diese erfahren würde. Erschwerend kommt hier nun weiterhin hinzu, dass die PGI mannigfaltige Einsatzmöglichkeiten von Pferden umfassen. Die Voraussetzungen, z. B. hinsichtlich der Interaktionen zwischen den Menschen und Pferden, können sehr unterschiedlich sein: Sie erstrecken sich von der Wettkampfteilnahme im paralympischen Bereich bis hin zur freien Beobachtung einer Pferdeherde im pferdegestützten Coaching. Daraus gültige Regularien zu entwickeln, dürfte weiterhin eine große Herausforderung sein. Vollkommen fehlt beispielsweise auch eine systematische Regelung zum Umgang mit nicht mehr einsatzfähigen Pferden, sei es alters- oder krankheitsbedingt. Verbindliche Fürsorgepflichten oder Nachsorgestrategien für ausgediente Tiere sind weder institutionell noch rechtlich verankert, was eine kritische Lücke in der Reflexion und Praxis darstellt. Und was ist nun gerecht? Gerechte Mensch-Tier-Arbeitsbeziehungen dürfen nicht vollständig abhängig von individueller Haltung oder persönlichen Voraussetzungen der Halter: innen, bzw. Anbieter: innen von PGI sein. Ihre Regelung ist eine politische Aufgabe. Aktuelle Erkenntnisse über Interessen und Bedürfnisse von Tieren müssen Eingang finden in: ■ Gesetzgebung (z. B. ein spezifisches Arbeitsrecht für Tiere bzw. Pferde in PGI) ■ verbindliche Inhalte in den Ausbildungsformaten für Menschen, die mit Pferden arbeiten ■ verbindliche Leitlinien für ethische Tiernutzung in sozialen, pädagogischen oder therapeutischen Kontexten Eine politische Verankerung auf Basis aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse ist dringend erforderlich, um die Pferde nicht nur als „Nutztiere“, sondern als fühlende Akteur: innen mit eigenen Interessen anzuerkennen. Dies schließt beispielsweise klare Richtlinien zur Begrenzung von Einsatzzeiten, zur Berücksichtigung individueller Belastungsgrenzen sowie zur Implementierung von Zustimmungsverfahren ein. Auch der Umgang mit sozialem Verhalten und psychologischen Bedürfnissen der Tiere muss verbindlich geregelt werden, um Missbrauch, Überforderung und stressbedingte Schäden nachhaltig zu vermeiden. Darüber hinaus ist ein intensiver Fokus auf die Qualität und Inhalte von Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen für Anbieter: innen notwendig, um umfassendes Wissen zu tierspezifischer Kommunikation, Stressindikatoren und ethologischer Beobachtung zu vermitteln. Politische Maßnahmen sollten neben der Ausgestaltung von Schutzgesetzen auch Anreize zur Forschung und zur Entwicklung solcher tierorientierten Standards bieten. Insgesamt bedarf es einer umfassenden politischen Strategie, die die Rolle der Pferde in PGI als Mitwirkende mit eigenen Rechten anerkennt und deren Lebensqualität als zentrales Ziel der Regulierung festschreibt. Nur durch eine verbindliche und wissenschaftlich fundierte gesetzliche Forum: Germonprez - Arbeitsbeziehungen mit Pferden weiterdenken mup 2|2026 | 69 Verankerung kann eine ethisch verantwortbare und nachhaltige Entwicklung von PGI gewährleistet werden. Alltagshandeln mit Tieren ist immer auch politisches Handeln - es entscheidet mit darüber, welche Normen, Werte und Strukturen in der Gesamtheit unserer Gesellschaft gelten. Die Vision ist eine interspezifische Solidarität, die auf Respekt, Partizipation und dem gemeinsamen Streben nach Wohlbefinden beruht. Hilfreiche Links Tierärzte für den Tierschutz e. 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