mensch & pferd international
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Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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Stichwort: Psychomotorik
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Meike Riedel
Mone Welsche
Der Begriff „Psychomotorik“ kann in zwei Bedeutungen verstanden werden: aus medizinisch-sportmotorischer Perspektive wird unter dem Terminus „Psychomotorik“ die Gesamtheit des körperlichen Bewegungs- und Ausdrucksverhaltens verstanden, das durch psychische Prozesse, wie Wahrnehmung, Reizverarbeitung, Antrieb und Affekte, beeinflusst und sowohl willentlich als auch automatisiert gesteuert wird (Pöhlmann et al. 2011),
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mup 2|2026|71-73|© Ernst Reinhardt Verlag, DOI 10.2378 / mup2026.art10d | 71 Stichwort Psychomotorik Meike Riedel, Mone Welsche Der Begriff „Psychomotorik“ kann in zwei Bedeutungen verstanden werden: ■ aus medizinisch-sportmotorischer Perspektive wird unter dem Terminus „Psychomotorik“ die Gesamtheit des körperlichen Bewegungs- und Ausdrucksverhaltens verstanden, das durch psychische Prozesse, wie Wahrnehmung, Reizverarbeitung, Antrieb und Affekte, beeinflusst und sowohl willentlich als auch automatisiert gesteuert wird (Pöhlmann et al. 2011), ■ aus pädagogisch-therapeutischer Perspektive wird „Psychomotorik“ als Oberbegriff für verschiedene bewegungsorientierte Konzepte verwendet, die sich aus der Psychomotorischen Übungsbehandlung (PMÜ) nach Kiphard entwickelt haben. Im Folgenden wird der Begriff „Psychomotorik“ im zweiten Sinne verwendet und näher erläutert. Mit dem Begriff „Psychomotorik“ werden verschiedene bewegungsorientierte Ansätze beschrieben, die auf Kiphard zurückgehen und allesamt Körper- und Bewegungserfahrungen als grundlegende Bausteine von Lernprozessen, Persönlichkeitsentwicklung, Identitätsbildung und Beziehungsgestaltung in ihren Mittelpunkt stellen (Kuhlenkamp 2022, 19 ff). Kiphard, der als Gründervater der deutschen Psychomotorik gilt, wies bereits um 1950 im Rahmen seiner Tätigkeit in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie auf die positiven Auswirkungen von spielerischen und kreativen Bewegungsangeboten für Kinder mit Verhaltens- und Entwicklungsstörungen hin, um diese in ihrer Persönlichkeitsentwicklung zu unterstützen. Von seinen Erfahrungen ausgehend entwickelte er seinen bewegungsorientierten Ansatz der „Psychomotorischen Übungsbehandlung», in welcher er Ideen und Grundlagen u. a. aus dem Turnen, der Sinneserziehung, der Rhythmik und Leibeserziehung sowie der Gymnastik integrierte (u. a. Kuhlenkamp 2022). Jahre später beschrieb Kiphard (1984, 49 ff) die Psychomotorik als „eine ganzheitlich-humanistische, entwicklungs- und kindgemäße Art der Bewegungserziehung, in deren Mittelpunkt die Förderung der ganzen Persönlichkeit steht“ und formulierte folgende Handlungsprinzipien (Kiphard 1989, 50): ■ Erlebnis- und Persönlichkeitsorientierung statt Leistungsorientierung ■ Individuumsorientierung statt Normorientierung ■ Prozessorientierung statt Produktorientierung ■ freie Handlungsmöglichkeiten in offenen Bewegungssituationen statt ausschließlichen Nachvollziehens genormter Bewegungsabläufe ■ Selbstbestimmung und Freiwilligkeit statt Fremdbestimmung 72 | mup 2|2026 Stichwort: Riedel, Welsche - Psychomotorik Kuhlenkamp (2022, 124 ff) ergänzt im Lehrbuch Psychomotorik um die Aspekte der Beziehungs-, Dialog-, Spiel-, Gruppen- und Ressourcenorientierung sowie der Resilienzförderung. Aus Kiphards (1984) damals aus der Praxiserfahrung heraus entstandenem Ansatz entwickelten sich im Zuge der Verwissenschaftlichung der Psychomotorik in den letzten Jahrzehnten verschiedene psychomotorische Ansätze mit unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen und theoretischen Ausrichtungen. Psychomotorische Angebote finden sich mittlerweile in ganz unterschiedlichen Handlungsfeldern mit unterschiedlichen Fachkräften wie z. B. der Pädagogik, Bildung, Therapie oder Gesundheitsförderung über die gesamte Lebensspanne wieder. Auch wenn manche Ansätze dezidiert auf Erwachsene oder betagte Menschen ausgerichtet sind, so liegt der Schwerpunkt auch heute noch in der Altersgruppe der frühen bis mittleren Kindheit. Die unterschiedlichen psychomotorischen Ansätze können hinsichtlich ihrer zugrundeliegenden Perspektive sortiert werden. Zur Übersicht differenziert Seewald (1993, 2009) in folgende Perspektiven und ihre Vertreter: ■ funktional-physiologische Perspektive, ■ kompetenztheoretische, erkenntnisstrukturierende und selbstkonzeptorientierte Perspektive, ■ sinnverstehende Perspektive, ■ ökologisch-systemische und systemischkonstruktivistische Perspektive. Trotz ihrer Unterschiede verfolgen all diese Ansätze ein gemeinsames Ziel: eine ganzheitliche Persönlichkeitsförderung und Entwicklungsbegleitung durch Ermöglichung von Körper- und Bewegungserfahrungen über die Lebensspanne, bei der die Wechselwirkung von Bewegung, Wahrnehmung, Denken und Erleben in sozialen Zusammenhängen im Mittelpunkt steht (Krus, 2015; Fischer, 2024; Kuhlenkamp, 2022). Psychomotorische Ansätze im Kontext pferdegestützter Interventionen Mit Blick auf pferdegestützte Interventionen bieten sich der kompetenztheoretische und der selbstkonzeptorientierte Ansatz an, da die Erweiterung des Handlungsrepertoires durch Kompetenzgewinn, hier vor allem im emotional-sozialen und motorischen Bereich, als auch die Förderung des Selbstkonzeptes relevante Zieldimensionen der heilpädagogischen Förderung mit dem Pferd darstellen (z. B. Welsche, 2018; Riedel / Welsche 2021). Der kompetenztheoretische Ansatz nach Schilling (1978), der bis heute in der psychomotorischen Praxis sehr weit verbreitet ist, stellt die Erweiterung der Handlungsfähigkeit in den Vordergrund. Diese gilt als ein, wenn nicht der, Schlüsselfaktor für die emotional-soziale sowie motorische und kognitive Entwicklung von Kindern und für die Entwicklung eines positiven Selbstwerts und Selbstvertrauens. Im kompetenztheoretischen Ansatz wird in die drei Bereiche der Ich-, Sach- und Sozialkompetenz unterschieden, deren Entwicklung durch spielerisch, ressourcenorientierte und kindgerecht vermittelte Wahrnehmungs- und Bewegungserfahrungen gefördert wird (Kuhlenkamp 2022, 42 ff). ■ Die Ich-Kompetenz entwickelt sich im Verständnis dieses Ansatzes aus Situationen der Selbst- und Körpererfahrung, in welchen Kinder sich ihrer Selbst und ihres Körpers bewusst werden, sich in Bewegung ausprobieren und dabei erfahren, was sie können, wo sich Herausforderungen stellen und auch, wo sie an ihre Grenzen kommen. ■ Die Sach-Kompetenz ergibt sich aus Situationen, in denen Kindern gezielt vielfältige materiale Erfahrungen ermöglicht werden. Auch hier sollen sie sich im Umgang mit Material ausprobieren, die Beschaffenheit von Material wahrnehmen und lernen können, wie sich welche Materialien sachgerecht, kreativ und zielführend einsetzen lassen. Stichwort: Riedel, Welsche - Psychomotorik mup 2|2026 | 73 ■ Sozial-Kompetenz entsteht in sozialen Situationen, in welchen die Kinder lernen, Beziehung zu anderen Menschen aufzunehmen und zu gestalten. Kommunikations- und Interaktionsfähigkeit sowie verschiedene Formen der Beziehungsgestaltung im konstruktiven Füreinander, Gegeneinander und Miteinander sollen erprobt und entwickelt werden. Im engen Zusammenhang mit dem kompetenztheoretischen Ansatz der Psychomotorik steht der psychomotorische Ansatz aus selbstkonzeptorientierter Perspektive nach Zimmer (2025). Dieser Ansatz ist insbesondere in der Praxis der Frühen Bildung weit verbreitet. Auch in diesem Ansatz stellt die Erweiterung der Handlungskompetenz als eine grundlegende Möglichkeit und Bedingung, um das Selbstkonzept zu stärken, ein zentrales Ziel psychomotorischer Interventionen dar. Das Selbstkonzept bildet die Basis für die Entwicklung von Selbstvertrauen. Es hat Einfluss auf die zukunftsorientierten Erwartungshaltungen, die Selbstwirksamkeitsüberzeugung und so auch auf den Umgang mit Leistungsanforderungen (Mummendey 2006). Durch die Ermöglichung von Selbsttätigkeit und die Erfahrungen der Selbstwirksamkeit im bewegten Miteinander mit dem Pferd kann das Selbstkonzept gestärkt und vielfältige Fähigkeiten gefördert werden. Literatur ■ Fischer, K. (2024): Einführung in die Psychomotorik. 5. Aufl. Ernst Reinhardt, München ■ Kiphard, J. (1984): Motopädagogik. Modernes lernen, Dortmund ■ Kiphard, J. (1989): Psychomotorik in Theorie und Praxis. Flöttmann, Gütersloh ■ Krus, A. (2015): Psychomotorik in sozialpädagogischen Arbeitsfeldern. Kohlkammer, Stuttgart ■ Kuhlenkamp, S. (2022): Lehrbuch Psychomotorik. 2. Aufl. Ernst Reinhardt, München ■ Mummendey, H. D. (2006): Psychologie des ‚Selbst‘. Theorien, Methoden und Ergebnisse der Selbstkonzeptforschung. Hogrefe, Göttingen ■ Pöhlmann, R., Ludwig, G., Pahl, A.-K. (2011): Sensomotorik, Psychomotorik, Soziomotorik. Für heilpädagogisch-medizinische Berufe. Bildungsverlag EINS, Köln ■ Riedel, M., Welsche, M. (2021): Psychomotorische Förderung mit dem Pferd. Praxis für Psychomotorik, 4, 221-230 ■ Schilling, F. (1978). Psychomotorische Erziehung für Behinderte. In: E. Hahn, G. Kalb & L. Pfeiffer (Hrsg.): Kind und Bewegung. Hofmann, Schorndorf, 113-124 ■ Seewald, J. (1993). Entwicklungen der Psychomotorik. Praxis der Psychomotorik 18, 4, 188-193 ■ Seewald, J. (2009). Wann ist ein Ansatz ein Ansatz? Über Kriterien für psychomotorische Ansätze. Praxis der Psychomotorik 34, 1, 31-34 ■ Welsche, M. (2018): Selbstkonzeptförderung in der Heilpädagogischen Förderung mit dem Pferd. mensch und pferd, 3, 104-112 ■ Zimmer, R (2025): Handbuch Psychomotorik. Überarbeitete Neuausgabe. Herder, Freiburg Die Autorinnen Prof. Dr. Mone Welsche Reitwartin FN, Arbeitsschwerpunkte Bewegungs- und Körperorientierte Methoden in Sozial- und Heilpädagogik, Katholische Hochschule Freiburg Dr. Meike Riedel Studienrätin im Hochschuldienst, Mitherausgeberin der Fachzeitschrift „mensch und pferd international“, Vorsitzende des Ausschuss Breitensport des Pferdesportverbandes Westfalen e. V., DOSB Trainerlizenz C Pferdesport Voltigieren Kontakte Prof. Dr. Mone Welsche · Katholische Hochschule Freiburg Karlstr. 63 · 79104 Freiburg · mone.welsche@kh-freiburg.de Dr. Meike Riedel · Technische Universität Dortmund Institut für Sport und Sportwissenschaft · Otto-Hahn-Str. 3 44227 Dortmund · Mail: meike.riedel@tu-dortmund.de
