eJournals mensch & pferd international18/3

mensch & pferd international
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1867-6456
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mup2026.art14d
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Forum: Skoliose, Pubertät und Arbeit mit Pferden

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Jens Seifert
Der Stall ist kein Platz für Diagnosen, sondern für das tägliche Leben: Hier geht es um Bewegung, feste Abläufe und die Beziehung zu den Tieren. Als Liesbeth (15) aus Sachsen dort steht, denkt niemand an Röntgenbilder oder Winkelgrade. Das Reiten war lange da, bevor die Skoliose benannt wurde. Es gehörte selbstverständlich zu ihrem Leben.
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96 | mup 3|2026|96-102|© Ernst Reinhardt Verlag, DOI 10.2378 / mup2026.art14d Dr. med. Jens Seifert Forum Skoliose, Pubertät und Arbeit mit Pferden Warum Reiten keine Therapie ist - und dennoch eine zentrale Rolle spielen kann Der Stall ist kein Platz für Diagnosen, sondern für das tägliche Leben: Hier geht es um Bewegung, feste Abläufe und die Beziehung zu den Tieren. Als Liesbeth (15) aus Sachsen dort steht, denkt niemand an Röntgenbilder oder Winkelgrade. Das Reiten war lange da, bevor die Skoliose benannt wurde. Es gehörte selbstverständlich zu ihrem Leben. Erst im Nachhinein wurde deutlich, dass eine Veränderung stattgefunden hatte. „Ich hatte das Gefühl, dass ich auf dem Pferd schiefer sitze als früher“, sagt Liesbeth. Schmerzen hatte sie keine. Genau das macht Skoliose so tückisch. Sie entwickelt sich häufig unbemerkt, besonders in der Pubertät. Körper verändern sich ohnehin, Asymmetrien werden übersehen, Beschwerden fehlen. In Deutschland sind etwa zwei bis drei Prozent der Kinder und Jugendlichen - meist Mädchen - von Skoliose betroffen. Da es kaum Früherkennungsprogramme gibt, werden körperliche Asymmetrien im Alltag leicht übersehen oder dem Wachstum zugeschrieben - insbesondere in der Pubertät, wenn sich Körperbilder ohnehin verändern und Jugendliche sich stärker abgrenzen. Bei Liesbeth war es Zufall. Mutter Ivette lief nach dem Reitunterricht hinter ihr her und bemerkte eine deutliche Verschiebung der Hüfte. „Das war nicht nur ein Gefühl, sondern eindeutig zu sehen“, berichtet sie. Bei der anschließenden orthopädischen Untersuchung wurde eine strukturelle Skoliose festgestellt, wobei der Cobb- Winkel etwa 38 Grad betrug. Die Diagnose traf Liesbeth mitten in der Pubertät und verunsicherte sie stark. Ihre größte Sorge: „Was, wenn ich nicht mehr reiten darf? “ Das Reiten gab ihr Halt, während sich ihr Körper veränderte. Studien zeigen, dass vertraute Aktivitäten Jugendlichen helfen können, mit einer chronischen Krankheit umzugehen, ohne ihre Identität zu verlieren (Mitsiaki et al. 2022). Was das Pferd nicht kann Das Pferd tritt in dieser Geschichte früh auf, doch ebenso früh sollte klargestellt werden: Reiten ist keine Therapie gegen Skoliose. Es kann die Wirbelsäule nicht korrigieren, hat keinen Einfluss auf den Cobb- Winkel und ersetzt weder eine Orthese noch Physiotherapie. Diese Unterscheidung ist besonders im Zusammenhang mit Pferden wichtig und muss betont werden. Eine strukturelle Skoliose kann nicht einfach wegtrainiert werden. Auch durch Reiten lässt sich die Wirbelsäulenkrümmung nicht korrigieren. Für den weiteren Verlauf sind vielmehr der ursprüngliche Winkel, das Wachstumspotenzial und die konsequente konservative Behandlung ausschlaggebend. Ich halte die klare Unterscheidung für besonders wichtig. Ich warne davor zu glauben, dass das Pferd angeblich „den Rücken richten“ könne, denn solche romantischen Vorstellungen sind medizinisch nicht korrekt und psychologisch bedenklich. Sie wecken unerfüllbare Erwartungen und können dazu führen, dass belastende Therapien weniger Forum: Seifert - Skoliose, Pubertät und Arbeit mit Pferden mup 3|2026 | 97 akzeptiert werden. Bewegung ist ausdrücklich sinnvoll, allerdings nur unter klaren Voraussetzungen. Sport sollte ohne Korsett und ergänzend zur funktionellen Therapie ausgeübt werden, niemals als Ersatz für die medizinische Behandlung. Liesbeth empfand diese Klarheit als erleichternd. „Ich reite ohne Korsett - anders wäre es ohnehin nicht möglich“, erklärt sie. Ihr war von Beginn an bewusst, dass das Reiten ihre Skoliose nicht verbessern würde. Genau diese Aufrichtigkeit minderte jedoch nicht die Bedeutung des Pferdes für sie; vielmehr nahm sie dem Reiten den Druck bestimmter Erwartungen. Auch aus psychologischer Sicht ist diese frühe Grenzziehung entscheidend. Die Fachliteratur warnt ausdrücklich davor, psychosoziale Effekte tiergestützter Aktivitäten mit medizinischer Wirksamkeit zu verwechseln. Hoagwood et al. (2016) zeigen, dass positive Effekte auf Selbstregulation und emotionales Erleben real sind, jedoch keine Aussage über somatische Heilwirkungen erlauben. Weil klar ist, was ein Pferd bzw. das Reiten nicht leisten kann, erkennt man seine Stärken. Für Liesbeth bleibt der Stall frei von Diagnosen - dort ist sie schlicht Reiterin. Gerade das hilft Jugendlichen mit chronischer Krankheit: Wer vertraute Rollen behält, hat weniger psychische Belastung und integriert Therapie besser in den Alltag (Ghorbani et al. 2024). „Für mich hat Liesbeths Dressurreiten tatsächlich so eine Art therapeutische Wirkung. Reiten an sich ist gut für die Körperspannung, da man sehr aufrecht sitzt. Das Pferd gibt ihr Mut und Geborgenheit und nicht zuletzt lernt meine Tochter, Verantwortung für ein Lebewesen zu übernehmen. Und das ist wirklich eine ganze Menge. Ich kann Dressurreitsport wirklich nur empfehlen“, sagt Ivette Riegel. Was Skoliose bedeutet - und warum sie oft zu spät erkannt wird Skoliose ist keine Folge einer schlechten Haltung, sondern bezeichnet eine strukturelle Veränderung der Wirbelsäule. Aus medizinischer Sicht handelt es sich dabei um eine dreidimensionale Deformität, bei der sich die Wirbel seitlich krümmen und verdrehen. Diese Deformität ist mit hoher Wahrscheinlichkeit anlagebedingt und wird an weitere Generationen weitergegeben. Entscheidend ist nicht nur das äußere Erscheinungsbild, sondern auch die Entwicklung der Erkrankung: Skoliose wächst gemeinsam mit dem Körper oder wirkt diesem entgegen. Gerade im Jugendalter wird diese Eigenschaft zum Risiko. Wachstumsschübe verlaufen schnell, Veränderungen können sich innerhalb weniger Monate deutlich verstärken. Gleichzeitig fehlen häufig Schmerzen, die als Warnsignal dienen könnten. Viele Skoliosen machen anfangs keine Beschwerden. Deshalb werden sie eben oft erst entdeckt, wenn die Krümmung schon deutlich ausgeprägt ist. Bei Liesbeth wurde ein Cobb-Winkel von etwa 38 Grad diagnostiziert - ein Wert im Grenzbereich. Abwarten ist hier keine Option. Jetzt zählt zügiges und konsequentes Handeln, um mit konservativen Maßnahmen noch Einfluss zu nehmen. Diese medizinische Tatsache ist grundlegend: Skoliose entwickelt sich schleichend und verlangt frühzeitige Aufmerksamkeit. Sie beeinflusst das Leben Jugendlicher oft schon, bevor Symptome auftreten. Abb.1: Liesbeth Riegel auf dem Pferd ohne Korsett 98 | mup 3|2026 Forum: Seifert - Skoliose, Pubertät und Arbeit mit Pferden Korsett, Kontrolle und Körperbild - der medizinische Alltag Die konservative Behandlung von Skoliose im Jugendalter ist zwar effektiv, stellt aber große Anforderungen: Im Mittelpunkt steht das Korsett, das über viele Stunden am Tag und oft mehrere Jahre lang getragen werden muss. Damit soll das weitere Wachstum der Wirbelsäule positiv beeinflusst werden. Entscheidend für den Erfolg der Therapie ist, dass die Patientinnen und Patienten konsequent mitmachen. Ohne regelmäßiges Tragen bringt diese Methode nichts - das ist eine Frage der Statistik. Für Jugendliche bedeutet das Korsett einen tiefen Einschnitt in den Alltag. Bewegungen werden eingeschränkt, die Atmung verändert sich, selbstverständliche Abläufe müssen neu gelernt werden. Liesbeth beschreibt diese Phase nüchtern: „Am Anfang war alles anstrengend. Sitzen, Schlafen, Atmen. Man spürt das Korsett ständig“. Hinzu tritt die soziale Komponente: Das Hilfsmittel ist entweder sichtbar oder zumindest wahrnehmbar vorhanden, sodass es häufig zu Nachfragen, Vergleichen oder erhöhter Aufmerksamkeit im sozialen Umfeld kommt. Aus entwicklungspsychologischer Sicht ist die Situation sensibel. Studien zeigen, dass Hilfsmittel wie Korsetts das Körperbild beeinflussen: Der Körper wird bewertet und kontrolliert statt nur erlebt. Besonders Mädchen berichten hier häufiger von Scham und Rückzugstendenzen (Schwieger et al. 2017). Auch für die Mutter ist der Alltag kein emotionaler Ausnahmezustand, sondern vor allem eine ständige organisatorische Herausforderung. „Es drehte sich immer um Zeitfragen: Wie lange war das Korsett schon abgenommen? Wann musste es wieder angelegt werden? “ Der Tagesablauf wird durch medizinische Anforderungen bestimmt, ohne dass diese ständig ins Bewusstsein rücken müssen. Compliance ist ein Schlüsselbegriff, der in der Medizin die Bereitschaft beschreibt, eine Behandlung konsequent durchzuführen. Aus psychologischer Sicht geht es jedoch um mehr als Gehorsam, denn Ghorbani et al. (2024) sehen Compliance als einen dynamischen Prozess, der Akzeptanz, Motivation und soziale Unterstützung einschließt. Besonders während der Pubertät steht dieser Prozess oft im Widerspruch zum Streben nach Selbstständigkeit. Liesbeth beschreibt offen ihren inneren Zwiespalt: Sie wusste, dass das Nichttragen des Korsetts Folgen hätte. Diese Einsicht entsteht durch Information, Unterstützung und Erfahrung - nicht von selbst. Die größte Schwierigkeit liegt darin, Jugendliche emotional in die konservative Therapie einzubinden; die technische Umsetzung ist dabei weniger problematisch. Therapiebegleitende Elemente wie das Pferd können stabilisierend wirken. Sie ersetzen keine Behandlung der Skoliose, schaffen aber einen Raum, in dem der Körper nicht nur als defizitär wahrgenommen wird. Das Pferd als psychologischer Gegenraum Bei der Behandlung von Skoliose wird der Körper ständig überwacht: Gradzahl, Tragezeit, Kontrolltermine. Der Rücken wird regelmäßig gemessen und angepasst. Für Jugendliche heißt das ständige Bewertung, was medizinisch nötig, aber psychisch belastend ist. Abb. 2: Liesbeth Riegel auf dem Pferd mit Korsett Forum: Seifert - Skoliose, Pubertät und Arbeit mit Pferden mup 3|2026 | 99 Der Stall stellt einen Gegenpol dar - nicht als therapeutischer Raum, sondern als Ort mit eigenen Regeln. Pferde reagieren weder auf Diagnosen noch auf starre Vorgaben oder medizinische Definitionen, sondern auf Körpersprache, eindeutige Signale und Präsenz. Das spürt auch Liesbeth: „Mein Pferd erkennt sofort, wenn ich innerlich unruhig bin“, erzählt sie. „Dann klappt gar nichts.“ Diese Rückmeldung erfolgt direkt, aber ohne zu urteilen - sie bezieht sich auf das Verhalten, nicht auf die Person selbst. Dieser Effekt ist psychologisch gut nachvollziehbar. Forschungsergebnisse im Bereich der Selbstregulation belegen, dass rhythmische und körperlich eingebettete Aktivitäten Jugendlichen dabei unterstützen können, ihre inneren Zustände zu stabilisieren. Insbesondere in belastenden Lebensphasen wirken strukturierte Abläufe und klar definierte Handlungsspielräume regulierend (Beetz et al. 2012). Der Stall stellt hierfür ein passendes Beispiel dar: Er bietet feste Zeitstrukturen, eindeutig zugewiesene Aufgaben sowie Verantwortlichkeiten in einem klaren Rahmen. Liesbeth sieht das Reiten als Alltagshilfe: Nach dem Reiten kann sie ihr Korsett einfacher anlegen. Studien (z. B. Ghorbani et al. 2024) zeigen, dass Jugendliche Therapien eher annehmen, wenn sie Bereiche mit Kontrolle und Selbstwirksamkeit erleben. Auch für Eltern ist der Stall eine echte Entlastung: Hier dreht sich nicht alles um Krankheit, Termine oder Pflege. Das verbessert das Familienklima und verringert nachweislich das Risiko emotionaler Erschöpfung bei Eltern chronisch kranker Kinder (Cousino / Hazen 2013). Warum das wirkt - und wo die Grenzen liegen Die von Liesbeth geschilderten Effekte im Umgang mit Pferden lassen sich aus psychologischer Sicht nachvollziehbar erklären, ohne dabei eine therapeutische Wertung vorzunehmen. Im Mittelpunkt steht nicht das Tier selbst, sondern vielmehr die im Stall gewonnenen Erfahrungen. Aspekte wie Bewegung, Rhythmus und unmittelbares Feedback fördern die Strukturierung von Aufmerksamkeit und Körperspannung. Gerade für Jugendliche, die sich häufig unter medizinischer Kontrolle befinden, kann dieses Erleben eine entlastende Wirkung haben. Selbstregulation bedeutet, innere Anspannung durch gezielte Körperaktivität zu ordnen. Reiten erfordert ständige, präzise Abstimmung, weil das Pferd sofort auf Unsicherheit oder Unruhe reagiert - eindeutig, aber nicht wertend. Wie Liesbeth sagt: „Wenn ich nicht bei mir bin, läuft es einfach nicht.“ In der Skoliosetherapie sind Disziplin und Durchhaltevermögen wichtig, während Jugendliche in der Pubertät nach mehr Selbstständigkeit streben - das führt zu Konflikten. Studien zeigen, dass Therapien besser akzeptiert werden, wenn Jugendliche auch Räume für Eigenständigkeit erfahren (Ghorbani et al. 2024). Ich stelle diesen Zusammenhang in der täglichen Praxis fest. Wir können medizinisch vieles anordnen, aber niemanden dazu bringen, innerlich wirklich mitzumachen. Wichtig ist es, die Therapie so zu gestalten, dass sie Teil eines Lebensalltags wird, der nicht ausschließlich von der Krankheit geprägt ist. Dabei spielen stabile Routinen außerhalb der Behandlung eine indirekte, aber wichtige Rolle. Die Wirkung des Pferdes auf die Wirbelsäule ist begrenzt: Es beeinflusst weder deren Statik noch die Skoliose. Orthesen und ärztliche Kontrollen sind weiterhin notwendig. Die zentrale Bedeutung liegt im Umgang mit dem Pferd, der psychologisch entscheidend ist, um langfristige Therapien durchzuhalten. Diese Unterscheidung ist für die Bewertung wesentlich. Wer dem Pferd medizinische Eigenschaften zuschreibt, misst ihm zu viel Bedeutung bei. Hingegen zeigt das Verständnis seines Einflusses auf die Stabilisierung des Alltags, warum es für einige Jugendliche wichtig sein kann - ohne jedoch eine therapeutische Behandlung zu ersetzen. 100 | mup 3|2026 Forum: Seifert - Skoliose, Pubertät und Arbeit mit Pferden Die Rolle der Eltern - zwischen Kontrolle und Loslassen Eltern tragen bei einer Skoliose-Diagnose ihres Kindes dauerhaft Verantwortung. Die Behandlung erfordert konsequente Kontrolle: Tragezeiten einhalten, Termine organisieren und Veränderungen beobachten. Mit der Pubertät wächst der Wunsch nach Selbstständigkeit - das führt zu einem dauerhaften Spannungsfeld. Psychologische Forschungen belegen, dass Eltern von chronisch kranken Jugendlichen besonders gestresst sind, wenn sie die richtige Balance zwischen Kontrolle und Selbstständigkeit nicht finden. Übermäßige Überwachung führt oft zu Widerstand, während fehlende Struktur die Behandlung gefährden kann. Laut Cousino und Hazen (2013) ist Unterstützung durch die Eltern vor allem dann hilfreich, wenn sie zuverlässig, aber nicht ständig eingreifend erfolgt. Im Alltag von Liesbeth bedeutet das: klare Regeln, aber keine dauernde Thematisierung. Das Reiten spielt dabei eine indirekte Rolle. Der Stall ist ein Bereich, in dem die Mutter bewusst zurücktritt. „Dort geht es nicht um den Rücken“, sagt sie. Diese Trennung entlastet beide Seiten. Für die Tochter bleibt ein Raum, der nicht kontrolliert wird. Für die Mutter ein Ort, an dem sie Verantwortung abgeben darf, ohne die Therapie zu gefährden. Diese elterliche Haltung ist ein wichtiger Erfolgsfaktor. Die Therapie funktioniert nicht allein über Technik. Sie funktioniert über Beziehungen. Eltern müssen begleiten, ohne zu bevormunden, und gleichzeitig klar bleiben, wenn es um medizinische Notwendigkeiten geht. Diese Doppelrolle ist anspruchsvoll, aber entscheidend. Für Liesbeth ist diese Haltung spürbar. „Meine Mutter erinnert mich, aber sie macht keinen Druck“, sagt sie. Das klingt unspektakulär, ist aber psychologisch bedeutsam. Jugendliche, die sich ernst genommen fühlen und zugleich Orientierung erleben, zeigen eine höhere Bereitschaft, Verantwortung für die eigene Therapie zu übernehmen (Ghorbani et al. 2024). Verlauf, Grenzen und Einordnung Die konservative Skoliosetherapie zeigt ihre Stärken und Grenzen. Nach der Diagnose beginnt die Korsettbehandlung. Die Orthese wird täglich lange getragen und Kontrolltermine erfolgen regelmäßig. Ziel ist es, ein Fortschreiten der Krümmung im Wachstum zu stoppen, nicht eine Normalisierung der Wirbelsäule. In den folgenden Monaten stabilisiert sich der Befund. Der Cobb-Winkel nimmt unter der Therapie messbar ab und liegt im weiteren Verlauf im niedrigen Zwanzigerbereich. Aus orthopädischer Sicht ist das ein positives Ergebnis. Wir sprechen hier nicht von Heilung. Aber wir sehen, dass die Krümmung unter Kontrolle bleibt. Genau das ist das Ziel der konservativen Behandlung. Diese Einordnung ist wichtig, um falsche Erwartungen zu vermeiden. Skoliose verschwindet nicht. Sie wird begleitet, gelenkt, überwacht. Der Erfolg bemisst sich nicht an einem Idealwert, sondern an der Vermeidung einer Verschlechterung, die eine Operation notwendig machen würde. Entscheidend dafür ist die Therapietreue über einen langen Zeitraum. Für Liesbeth bedeutet dieser Verlauf vor allem eines: Verlässlichkeit. Die Erkrankung bleibt Teil ihres Lebens, aber sie dominiert es nicht vollständig. „Ich weiß, was ich tun muss, und ich weiß, warum“, sagt sie. Diese Haltung ist kein Selbstläufer, sondern Ergebnis aus Aufklärung, Begleitung und eigener Erfahrung. Psychologisch betrachtet spielt das Erleben von Kontrolle eine zentrale Rolle. Studien zeigen, dass Jugendliche mit chronischen Erkrankun- Abb. 3: Liesbeth mit ihrer Mutter Forum: Seifert - Skoliose, Pubertät und Arbeit mit Pferden mup 3|2026 | 101 gen weniger belastet sind, wenn sie ihre Situation als beeinflussbar wahrnehmen - auch dann, wenn die Erkrankung selbst bestehen bleibt (Mitsiaki et al. 2022). Diese Wahrnehmung entsteht nicht durch einzelne Maßnahmen, sondern durch ein Zusammenspiel aus medizinischer Klarheit, familiärer Unterstützung und stabilen Alltagsstrukturen. Trotzdem ist eine klare Abgrenzung wichtig: Der geschilderte Fall bleibt eine Ausnahme. Skoliosen verlaufen sehr unterschiedlich - in Stärke, Entwicklung und Zukunftsaussicht. Auch der Erfolg konservativer Behandlungen kann nicht garantiert werden. Individuelle Erfahrungen ersetzen keine generellen Empfehlungen, das zu verstehen ist wichtig. Eine frühzeitige Diagnose und fachärztliche Betreuung sind immer entscheidend. Der hier beschriebene Verlauf lässt sich zwar nicht direkt auf andere Fälle übertragen, dennoch gibt er Orientierung. Er verdeutlicht, dass konservative Therapien erfolgreich sein können, wenn sie konsequent durchgeführt werden - ihr Erfolg hängt jedoch nicht nur von medizinischen Maßnahmen ab, sondern auch davon, wie sie im täglichen Leben umgesetzt werden. Bedeutung für die pferdegestützte Praxis In diesem Fall wird keine neue Therapiemethode oder ein alternatives Behandlungskonzept vorgestellt. Stattdessen verdeutlicht er die Relevanz klar definierter Rollen - gerade in der pferdegestützten Arbeit ist diese Eindeutigkeit von zentraler Bedeutung. Pferdearbeit ist in diesem Zusammenhang keine medizinische Maßnahme und darf auch nicht als solche verstanden oder kommuniziert werden. Sie ersetzt keine orthopädische Diagnostik, keine Korsetttherapie und keine ärztliche Kontrolle. Wer diese Grenze verwischt, gefährdet nicht nur die Glaubwürdigkeit der eigenen Arbeit, sondern im Zweifel auch die Behandlung der Jugendlichen. Es lässt sich feststellen, dass pferdebezogene Erfahrungsräume im Alltag chronisch erkrankter Jugendlicher eine psychologisch bedeutsame Rolle einnehmen können. Dabei steht nicht der therapeutische oder heilende Aspekt im Vordergrund, sondern vielmehr die stabilisierende Wirkung. Der Pferdestall stellt einen Raum dar, in dem Leistungsfähigkeit, zwischenmenschliche Beziehungen und Übernahme von Verantwortung im Fokus stehen - unabhängig von medizinischen Diagnosen. Gerade für Jugendliche, die sich häufig permanenter Beurteilung ausgesetzt sehen, kann dies eine entlastende und unterstützende Funktion haben. Für Fachkräfte gilt: Zurückhaltung ist ein Zeichen professionellen Handelns. Im Umgang mit Jugendlichen, die medizinisch behandelt werden, ist es ratsam, keine Wirksamkeitsversprechen zu geben, sondern unterstützende Rahmenbedingungen zu schaffen. Es sollten Räume geboten werden, in denen Jugendliche Selbstwirksamkeit erfahren können - frei von therapeutischem Druck. In diesem Kontext fungiert das Pferd nicht als bloßes Hilfsmittel, sondern als gleichwertiger Beziehungspartner. Eine enge Abstimmung mit Eltern sowie den behandelnden Ärztinnen und Ärzten ist entscheidend. Die Arbeit mit Pferden muss stets die medizinischen Vorgaben berücksichtigen und sich nahtlos in den Alltag der Betroffenen einfügen. Im konkreten Fall wurde genau festgelegt, wann geritten werden darf, unter welchen Voraussetzungen dies geschieht und welche Ziele verfolgt werden. Diese Transparenz sorgt für Sicherheit bei allen Beteiligten. Pferdearbeit wirkt dort, wo sie sich nicht überhebt. Ihre Stärke liegt nicht in der Korrektur des Körpers, sondern in der Unterstützung des Umgangs mit ihm. Für Jugendliche mit Skoliose kann das bedeuten, dass Therapie nicht nur durchgehalten, sondern integriert wird - als Teil eines Lebens, das mehr ist als eine Diagnose. Zu guter Letzt Skoliose lässt sich nicht wegreiten. Diese Feststellung ist banal und notwendig zugleich. Sie schützt vor falschen 102 | mup 3|2026 Forum: Seifert - Skoliose, Pubertät und Arbeit mit Pferden Erwartungen und hält die medizinische Verantwortung dort, wo sie hingehört. Die Behandlung einer strukturellen Wirbelsäulenverkrümmung bleibt eine fachärztliche Aufgabe, getragen von Diagnostik, Orthese und konsequenter Begleitung. Gleichzeitig zeigt der Blick auf den Alltag von Liesbeth, dass Therapie nicht im Behandlungszimmer endet. Sie findet eingebettet in ein Leben statt, das weitergeht. Der Stall, das Pferd, die vertrauten Abläufe haben den Verlauf der Skoliose nicht verändert. Sie haben aber den Umgang mit ihr geprägt. Ganz nüchtern auf den Punkt gebracht: Wir behandeln Wirbelsäulen und wir begleiten Menschen. Das ist Voraussetzung für eine erfolgreicher Therapie - gerade im Jugendalter. Die pferdegestützte Praxis bietet eine klare Ausrichtung. Ihr Wert ergibt sich nicht aus therapeutischen Zuschreibungen, sondern aus der Fähigkeit, Räume zu schaffen, in denen Jugendliche ihre eigene Handlungsfähigkeit erfahren können. Dabei werden keine Heilversprechen gegeben und es wird keine Konkurrenz zur Schulmedizin angestrebt; vielmehr wird die Achtung vor individuellen Grenzen betont. Der Fall von Liesbeth stellt kein übertragbares Modell dar, sondern verdeutlicht eine bestimmte Grundhaltung: Einerseits medizinische Präzision, andererseits psychologische Stabilität im Alltag. Das Pferd fungiert hierbei nicht als heilendes Element, bleibt aber dennoch ein konstanter Bestandteil des Prozesses. Literatur ■ Beetz, A., Uvnäs-Moberg, K., Julius, H., Kotrschal, K. (2012): Psychosocial and psychophysiological effects of human-animal interactions: The possible role of oxytocin. Frontiers in Psychology, 3, 234, https: / / doi.org / 10.3389 / fpsyg.201 2.00234 ■ Cousino, M. K., Hazen, R. A. (2013): Parenting stress among caregivers of children with chronic illness: A systematic review. Journal of Pediatric Psychology, 38(8), 809-828, https: / / doi. org / 10.1093 / jpepsy / jst049 ■ Ghorbani, F., Ahmadi, A., Hosseini, S. A., Shakiba, M. (2024): Brace compliance process in adolescents with spinal deformities: A qualitative study. PLoS ONE, 19(8), e0305754, https: / / doi. org / 10.1371 / journal.pone.0305754 ■ Hoagwood, K. E., Acri, M., Morrissey, M., Peth- Pierce, R. (2016): Animal-assisted therapies for youth with or at risk for mental health problems: A systematic review. 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Seit 2015 Chefarzt des Wirbelsäulenzentrums der Orthopädischen Klinik Hohwald Kontakt Dr. med. Jens Seifert Chefarzt Interdisziplinäre Wirbelsäulenchirurgie Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie * Kinderorthopädie * spezielle Orthopädische Chirurgie AKG Klinik Hohwald GmbH Sachsens Fachkrankenhaus für Orthopädie und Rheumaorthopädie · Hohwaldstraße 40 · 01844 Neustadt in Sachsen Je.Seifert@asklepios.com · www.hohwaldklinik.de