mensch & pferd international
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Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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Forum: Kinder und Ponys " ein unschlagbares Team?!
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Danielle Olbrich
Hintergründe und Grundlagen: Dass viele Kinder den Kontakt zu Tieren lieben, ist oftmals schon von Anfang an sichtbar. Tiere faszinieren und begeistern sie. Als außenstehender Beobachter hat man das Gefühl, dass da oftmals ganz besondere Verbindungen entstehen, von denen die Kinder profitieren können. Aber ist das auch wirklich so? Wer profitiert wie von wem und kann man diese Effekte lenken und gezielt in der tiergestützten Pädagogik einsetzen? Wie effektiv sind Ponys in der Pädagogik und wie geht es dem Tier mit seiner Arbeit? Das sind wichtige Fragen bei der Betrachtung des breiten Angebots an tiergestützten Therapie- und Pädagogikformen.
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mup 3|2026|103-110|© Ernst Reinhardt Verlag, DOI 10.2378 / mup2026.art15d | 103 Danielle Olbrich Forum Kinder und Ponys - ein unschlagbares Team? ! Förderung von Sozialverhalten nach Team Pony Concept Hintergründe und Grundlagen Dass viele Kinder den Kontakt zu Tieren lieben, ist oftmals schon von Anfang an sichtbar. Tiere faszinieren und begeistern sie. Als außenstehender Beobachter hat man das Gefühl, dass da oftmals ganz besondere Verbindungen entstehen, von denen die Kinder profitieren können. Aber ist das auch wirklich so? Wer profitiert wie von wem und kann man diese Effekte lenken und gezielt in der tiergestützten Pädagogik einsetzen? Wie effektiv sind Ponys in der Pädagogik und wie geht es dem Tier mit seiner Arbeit? Das sind wichtige Fragen bei der Betrachtung des breiten Angebots an tiergestützten Therapie- und Pädagogikformen. Die Angebote der tiergestützten Pädagogik sind vielfältig, auch weil es keine geschützte Begrifflichkeit ist. Es gibt keinen einheitlichen Ausbildungsgang, der die Absolvent: innen zur tiergestützten Arbeit befähigt. Vielmehr gibt es eine Vielzahl an privaten Weiterbildungsangeboten, mit denen Menschen ihren Beruf ergänzen, um tiergestützt zu arbeiten. So unterschiedlich die Weiterbildungsangebote sind, so unterschiedlich sind auch die Berufsbezeichnungen (Vernooij & Schneider 2010, 34). Da jedes Angebot unterschiedliche Voraussetzungen hat und unterschiedlich aufgebaut ist, muss jedes einzeln evaluiert werden, wenn die Wirksamkeit und Effekte auf die Kinder im Mittelpunkt stehen. Wichtig ist hier auch, dass es nicht um zufällige Auswirkungen geht, die der reine Kontakt zum Tier möglicherweise mit sich bringt, sondern um die pädagogische Anleitung, die einem bestimmten vorher gesetzten Ziel folgt. „Team Pony Concept“ ist eines dieser tiergestützten pädagogischen Angebote. Dabei werden Pferde und Ponys in die ganzheitliche Förderung von Kindern zwischen zwei und neun Jahren eingebunden. Die Kinder sollen spielerisch in die Welt der Pferde und Ponys mitgenommen werden und dabei wichtige Kompetenzen erlernen und weiterentwickeln. Es geht dabei um Grundkompetenzen im Umgang mit dem Pony, aber auch um persönlichkeitsbildende Fähigkeiten (Team Pony Concept o. J., o. S.). Der hessische Bildungs- und Erziehungsplan nennt Schlüsselqualifikationen für die körperliche und seelische Zufriedenheit von Kindern. Darin werden unter anderen die „Individuumsbezogenen Kompetenzen“ und die „Kompetenzen zum Handeln im sozialen Kontext“ genannt. Zu diesen beiden Bereichen gehören unter anderem die Selbstwahrnehmung, das eigene Kompetenzerleben, Empathie, Kommunikations- und Teamfähigkeit, die Fähigkeit Probleme und Uneinigkeiten konstruktiv anzugehen und die Übernahme von Verantwortung (Hessisches Ministerium für Soziales und Integration & Hessisches Kultusministerium 2025, 41). „Team Pony Concept“ setzt auf das Gruppenkonzept, dass Kinder die Möglichkeit haben, mit und von anderen Kindern zu lernen. In der Gruppe soll Selbstwirksamkeit am und mit dem Pony erfahren werden (Pferde für Kinder e. V. 2019, 2). Selbstwirksamkeit meint hier seine eigenen Kompetenzen und den Kompetenzzuwachs im 104 | mup 3|2026 Forum: Olbrich - Kinder und Ponys - ein unschlagbares Team? ! Umgang mit den Ponys zu erleben und wahrzunehmen, wie Kinder durch ihre Handlungen Einfluss auf ihre Umgebung und das Pony nehmen können (Hessisches Ministerium für Soziales und Integration & Hessisches Kultusministerium 2025, 41). Die Kinder sollen sich als Teil der Gruppe wahrnehmen und gemeinsam Ziele erreichen. Besonders ist an dem Konzept, dass durch Handlungspläne und immer wiederkehrende Aufgaben jedes Kind die Möglichkeit erhält, sich einzubringen und mit den anderen gemeinsam Aufgaben zu erledigen. Die Ponys und deren Pflege sind dabei der gemeinsame Antrieb. Ziel ist es, dass Pony als Freund wahrzunehmen und demensprechend zu versorgen (Pferde für Kinder e. V. 2019, 2). Die Kinder sollen erkennen, dass sie nur gemeinsam als Team die Aufgaben rund um das Pony und auch die Spiele, die eine wichtigen Platz im Konzept einnehmen, erledigen können. Die gemeinsame Arbeit an Lösungen und Strategien steht im Vordergrund, wodurch erlernt werden kann, aufeinander Rücksicht zu nehmen, sowie Meinung und Wünsche zu vertreten (Pferde für Kinder e. V. 2019, 4). Ein zentrales Ziel des Konzepts ist der Erwerb sozialer Kompetenzen. Soziale Kompetenzen sind grundlegende Fähigkeiten, die Kinder erlernen müssen, um sich in der Gesellschaft zurecht zu finden. Sie werden in jeder zwischenmenschlichen Interaktion benötigt (Hessisches Ministerium für Soziales und Integration & Hessisches Kultusministerium 2025, 42 f). Neben der Familie und Institutionen, wie Kindergärten, nehmen auch Vereine und die Interaktion mit Gleichaltrigen einen hohen Stellenwert in den sozialen Lernprozessen von Kindern ein (Kiper & Mischke 2008, 153). Zwischenmenschliche Interaktionen helfen dabei wertschätzende und positive Beziehungen aufzubauen und zu unterhalten. Dabei geht es weniger darum Regeln und Verhaltensnormen auszuführen, als vielmehr Empathie, Respekt und Verantwortung zu erlernen (Hessisches Ministerium für Soziales und Integration & Hessisches Kultusministerium 2025, 42 f). Sich bei Meinungsverschiedenheiten zu behaupten, Kompromisse zu finden und kompetent mit Konfliktsituationen umzugehen gehört genauso zum Sozialverhalten, wie kooperativ und kommunikativ zu sein. Teamfähigkeit entsteht, wenn man sich in den unterschiedlichen Kompetenzen des Sozialverhaltens übt und erlernt rücksichtsvoll und empathisch in der Gruppe zu interagieren (Hessisches Ministerium für Soziales und Integration & Hessisches Kultusministerium 2025, 42 f). Fähigkeiten in diesen Bereichen wirken sich wiederum positiv auf andere Entwicklungsbereiche, wie zum Beispiel die emotionale Intelligenz von Kindern aus, wodurch die gesamte Entwicklung der Kinder gefördert wird (Kiper & Mischke 2008, 153). Abb. 1 Foto: Kerstin Schmidt Forum: Olbrich - Kinder und Ponys - ein unschlagbares Team? ! mup 3|2026 | 105 Forschungsmethoden: Interviews mit qualitativer Inhaltsanalyse Wie sich Ponys im Einsatz von „Team Pony Concept“ als pädagogisches tiergestütztes Unterrichtskonzept auf das Sozialverhalten von Kindern auswirken kann, habe ich in meiner Masterthesis untersucht. Sozialverhalten findet in jeder zwischenmenschlichen Interaktion statt und beschreibt Verhalten, was eine Aktion oder Reaktion eines anderen Menschen zum Ziel hat (Leschnik 2021, 3). Sozial kompetentes Handeln setzt soziale Kompetenzen voraus. Empathie, Kommunikationsfähigkeit, Kooperationsvermögen, Teamfähigkeit, Kompromissbereitschaft, Selbstbehauptung und der kompetente Umgang mit Konflikten sind dabei grundlegende Fähigkeiten, die es im Umgang mit anderen Menschen zu erlernen gilt (Hessisches Ministerium für Soziales und Integration & Hessisches Kultusministerium 2025, 42f). Es wurde dabei qualitativ der Fragestellung „Auswirkungen pferdegestützter pädagogischer Angebote auf das Sozialverhalten von Kindern - Eine qualitative Interviewstudie mit nach Team Pony Concept geschulten Fachkräften“ nachgegangen. Bei qualitativen Forschungsmethoden stehen die Einsichten und Blickwinkel der Befragten im Vordergrund der Untersuchung (Röbken 2014, 14). Die Einstellung der Kinder oder die tatsächliche Verhaltensänderung ist schwer messbar, daher wird sich in der Untersuchung auf die Erfahrungen und Eindrücke der Fachkräfte bezogen, die das Konzept schon über einen längeren Zeitraum anwenden. Effekte, die in der Literatur als nachgewiesen gelten, sind zum großen Teil aus langfristigen Beobachtungen entstanden (Otterstedt 2019, 21). Die befragten „Team Pony Concept“ Lehrkräfte erhielten die Möglichkeit Einblicke in ihre Lebenswelten zu geben und Beobachtungen und Erfahrungen zu teilen (Flick, Kardorff& Steinke 2010, 14f). Um auf die, für die Forschungsfrage, relevanten Bereiche spezifisch einzugehen, wurde das Leitfadeninterview als Forschungsmethode gewählt, sodass explizite Themenschwerpunkte gesetzt werden konnten (Gläser & Laudel 2010, 42). Daraus ergab sich, dass acht leitfadengestützte Experteninterviews, mit nach Team Pony Concept geschulten Fachkräften, zur Untersuchung der Forschungsfrage durchgeführt wurden. Der gesamte Forschungsprozess orientiert sich an den sieben Schritten, die Kuckartz, Dresing, Rädiker und Stefer in „Qualitative Evaluation. Der Einstieg in die Praxis“ (2007) beschreiben. Ausgewertet wurde daher mit Hilfe einer Inhaltsanalyse der transkribierten Interviews. Ergebnisse der Interviews und Interpretation Die Ergebnisse aus den acht Interviews lassen sich in drei inhaltliche Teilbereiche clustern. 1. Wir sind ein Team: Soziales Miteinander und Beziehungen In den Interviews wird deutlich, dass das soziale Miteinander im Team aus Sicht der befragten Fachkräfte im Mittelpunkt steht, was sich so auch bereits im Namen „Team Pony Concept“ wiederfindet. Die Ponys, die Fachkräfte und die Kinder in den gemeinsamen Stunden bilden ein Team. Im Team müssen dann die gemeinsamen Aufgaben gelöst werden, egal, ob es um das Pflegen, Reiten und Spielen oder das Versorgen der Ponys geht. Diese Aufgaben können nur gemeinsam gelöst werden, da viele der Aufgaben für das einzelne Kind aufgrund von Größe oder Schwierigkeit nicht alleine umsetzbar sind. In diesem Zuge müssen Absprachen getroffen werden, Wünsche und Unbehagen kommuniziert und Lösungen gefunden werden, um zusammenarbeiten zu können. Dabei muss immer auf jedes einzelne Kind der Gruppe und auch auf die Bedürfnisse und Wünsche der Ponys Rücksicht genommen werden. Das Pony verbindet die Kinder und ihre Ziele. Die Ponys werden als Persönlichkeit verstanden und als solche auch respektiert und wahrgenommen. Die Gruppe lernt auch die Ponywünsche wahrzunehmen und in Entscheidungen mit einzubeziehen. 106 | mup 3|2026 Forum: Olbrich - Kinder und Ponys - ein unschlagbares Team? ! Die Beziehungen, die die Kinder zu den Ponys erleben, schaffen eine Art inneres Modell, für die Beziehung zu Tieren. Die Sichtweisen und Einsichten, die die Kinder in die Tiere erhalten, können sich auch auf nachfolgende Beziehungen zu Tieren auswirken (Beetz 2003, 83). Durch das Erlernen der Einstellung, dass Tiere fühlende Wesen sind, können Kinder ein Verantwortungsbewusstsein gegenüber Tieren entwickeln (Vernooij & Schneider 2010, 127 f); sie überdenken möglicherweise auch Beziehungen zu anderen Tieren und passen diese an, sodass sie auch verantwortungsvoller mit anderen Tier-Partnern umgehen. Dieser Aspekt des Überdenkens der Beziehungen zu anderen Tieren und der Adaption der Beziehung wurde in einem der acht Interviews besonders deutlich. Es wurde davon gesprochen, dass die Haltung und Pflege der eigenen Nagetiere angepasst und sehr viel umsichtiger und empathischer gestaltet wurden. In solchen Beispielen wird deutlich, dass der Wunsch seitens der Kinder besteht, eine freundschaftliche Partnerschaft mit seinem Tier zu bilden. Die Fähigkeit sich in ein anderes Lebewesen hineinzuversetzen und der Wunsch gemeinsam glücklich zu sein, wurden auf andere Mensch-Tier-Beziehungen übertragen. In den Interviews wird deutlich, dass die Gruppe selbst die wichtigste Komponente darstellt. Den Fachkräften ist es sehr wichtig, dass die Gruppen harmonisch sind und über einen längeren Zeitraum hinweg zusammenbleiben. Denn, wenn sich die Kinder in ihrer Gruppe wohlfühlen, können zurückhaltende Kinder den Zusammenhalt erfahren und sich immer weiter entfalten und integrieren. Kinder, die schon mehr Erfahrung haben oder extrovertierter sind, können davon profitieren sich an bestimmten Stellen zurückzunehmen und andere zu unterstützen. Durch die Tiere lernen Kinder, die sehr auf sich selbst fokussiert sind, Rücksicht auf andere Lebewesen zu nehmen (Schöll 2015, 41). Jedes Kind hat die Möglichkeit seinen Platz in der Gruppe zu finden und in ihr zu partizipieren und sich zu entwickeln. Dies lässt sich auch in den Bereich „Bindung “ einordnen. Bindungserfahrungen spielen eine entscheidende Rolle für die geistige Gesundheit von Kindern. Positive Erfahrungen helfen ihnen bei der Entwicklung der emotionalen Intelligenz, Empathie und den sozialen Kompetenzen. Bindungserfahrungen beziehen sich dabei nicht nur auf die Fachkräfte und die anderen Kindern sein, sondern auch auf die Ponys (Beetz 2003, 76 f). Abb. 2 Foto: Kerstin Schmidt Forum: Olbrich - Kinder und Ponys - ein unschlagbares Team? ! mup 3|2026 | 107 2. Geschützter Rahmen, in dem sich alle wohlfühlen Ein vertrauensvolles Umfeld, in dem sich jeder ausprobieren kann, ohne Angst vor Fehlern oder Ausgrenzung zu haben, ist entscheidend, für eine möglichst positive Entwicklung. Die Ressourcen und Talente stehen dabei im Vordergrund und nicht die Fehler (Otterstedt 2019, 22). Aufgaben sollten die Kinder fordern, ohne sie zu überfordern, sodass sie positive Erfahrungen sammeln können. Die Ponys sollten dabei methodisch gezielt eingesetzt werden (Otterstedt 2019, 29). Die Ponyschule stellt keinen sportlichen Leistungsanspruch an die Kinder, was den Druck in vielen Situationen nehmen kann. Es gibt kein festes Ziel, welches zu Zeitpunkt X erreicht werden muss. In den Interviews wird deutlich, dass eine schöne und sorgenfreie Zeit eines der Hauptziele der Fachkräfte darstellt. Die Kinder dürfen sich fallen lassen und können ihre Zeit mit den Ponys und ihren Freunden genießen. Es entsteht ein geschützter Rahmen, indem die Kinder die Möglichkeit bekommen, sich auszuprobieren. Ängste und Unsicherheiten dürfen und sollen kommuniziert werden, niemand muss etwas leisten, was ihn überfordert. Die Kinder werden zum Ausprobieren ermutigt und unterstützt, aber erst dann, wenn sie sich bereit fühlen. Sie können sich auf diese Weise als selbstwirksam und mutig erleben und an ihren Aufgaben wachsen. Sie haben die Freiheit sich auszuprobieren, wissen aber auch, dass die Fachkräfte und die anderen Kinder gerne unterstützen, wenn sie doch Hilfe brauchen. Die Ponys zeigen ihnen dabei Grenzen und Möglichkeiten auf. Durch den Umgang mit den Ponys können die Kinder erleben, welche Stärken sie selbst haben und ihren eigenen Fortschritt verfolgen. Sie werden dadurch selbstwirksamer und selbstbewusster (Schöll 2015, 41). Aus den Schilderungen der Fachkräfte wird deutlich, dass die Kinder lernen ihr Bedürfnis nach Hilfe zu formulieren und auszusprechen. So können sie immer eigenständiger werden und Schritt für Schritt mehr Aufgaben meistern. Sie werden dadurch in ihrer Persönlichkeitsentwicklung unterstützt. 3. Wirkfaktor „Pony“ In der Auswertung der Interviews wurde deutlich, dass die Ponys das Sozialverhalten der Kinder aus Sicht der interviewten Fachkräfte auf zwei unterschiedlichen Wegen beeinflussen. Zum einen, sind es die Ponys, die den Kindern in vielen Momenten eine Unterstützung sind und zum anderen sind sie das Medium, durch das die Fachkräfte Werte und Verhaltensweisen vermitteln. Beim Kontakt mit Tieren wird die soziale und emotionale Intelligenz der Kinder angeregt und weiterentwickelt. Es geht darum Emotionen bei anderen wahrzunehmen und diesen Ausdruck zu verleihen. Das Interesse und die Sorge um andere Lebewesen gehören genauso zur emotionalen Intelligenz, wie die soziale Interaktion, Selbstwirksamkeit, Selbstbewusstsein und Empathie (Beetz 2003, 79 f). Die Ponys werden bei den „Team Pony Concept“-Lehrkräften als eigenständige Persönlichkeit wahrgenommen. Die Besonderheiten von jedem einzelnen Tier werden wahrgenommen und respektiert. Jedes Tier hat Stärken und Schwächen, die einfach dazu gehören und beachtet werden müssen. Nur auf diese Weise können Pony und Kind ein echtes Team und gute Partner werden (Vernooij & Schneider 2010, 7 ff). Die Fachkräfte berichten, dass die Kinder die einzelnen Ponys als Individuum wahrnehmen und ihnen einen besonderen Stellenwert in der Gruppe zuweisen. Sie nehmen Rücksicht auf die einzelnen Vorlieben und Schwächen der Ponys und passen sich ihnen an. Die Kinder zeigen eine starke Zuneigung für die Ponys und schätzen sie in ihren Eigenarten. Des Weiteren wird in den Interviews darauf eingegangen, dass die Ponys die Kinder beruhigen und ihnen helfen sich auf den Moment zu fokussieren. Der Stress des Tages, der Schule oder des letzten Streits fällt in der Gegenwart der Ponys sehr schnell ab. Für die Kinder werden die Ponys im Laufe der Zeit zu echten Freunden und 108 | mup 3|2026 Forum: Olbrich - Kinder und Ponys - ein unschlagbares Team? ! stillen Zuhörern, denen sie sich anvertrauen können. Die Ponys bewerten die Kinder nicht nach Kleidung oder Haarfarbe, sondern nehmen sie an, so wie sie sind (Schöll 2015, 40). Neben den beruhigenden Effekten wird in den Interviews festgehalten, dass die Ponys den Kindern Sicherheit geben, sodass sie schwierige Situationen meistern, denen sie sich ohne sie vielleicht nicht gestellt hätten. Tiere können auf diese Weise als emotionale Unterstützer und Partner agieren (Beetz 2003, S. 79 f). Gleichzeitig werden die Ponys von den interviewten Fachkräften als „stille“ Lehrer beschrieben, die durch ihr Verhalten und ihre Reaktionen den Kindern direkte Rückmeldung geben, ohne dabei unfair zu sein. Die Kinder bekommen durch die Ponys einen Spiegel vorgehalten und erleben direkt, wie sich ihr Verhalten auf andere auswirkt. Durch die klare Rückmeldung auf das aktuelle Verhalten der Kinder, wird diesen bewusst, wie sich das eigene Verhalten auf das Wohlbefinden und Verhalten anderer auswirkt. Diese Verzahnung zu verstehen, ermöglicht verantwortungsvolles und rücksichtsvolles Verhalten (Vernooij & Schneider 2010, 127 f). In den Interviews wird hervorgehoben, dass die Kinder wegen der Ponys selbst in die Ponyschulen kommen. Die Fachkräfte nehmen bei den Kindern den Wunsch wahr, dass sich die Ponys in ihrer Gegenwart wohlfühlen. Um das zu erreichen, müssen die Kinder lernen, welche Bedürfnisse und Verhaltensweisen die Ponys haben und sich auf die analoge und zum Großteil nonverbale Kommunikation der Ponys einlassen. Handeln, Denken und Fühlen muss übereinstimmen, damit eine Person eine authentische Haltung einnehmen kann, die dem Tier verständlich ist (Schöll 2015, 10). Hier spielen die Fachkräfte eine besonders wichtige Rolle, wie in den Interviews deutlich wird. Die „Team Pony Concept“-Fachkräfte betonen durchweg, wie wichtig es ist, die Gefühlswelt und die Empfindungen der Ponys zu versprachlichen und den Kindern verstehbar zu machen. Sie sehen sich als dafür zuständig, den Kindern Einblicke in die Gefühlswelt der Ponys zu gewähren und sie bei der Kommunikation mit den Ponys zu unterstützen. Zum Beispiel: Wieso legt mein Pony die Ohren an, wenn ich mit dieser Bürste dort putze, was möchte es uns damit sagen? Warum hat unser Pony gerade Angst, was könnte es gruselig finden? Dein Pony genießt diese Kratzstelle gerade sehr! - Schau auf seine Oberlippe! Durch eine Abb. 3 Foto: Kerstin Schmidt Forum: Olbrich - Kinder und Ponys - ein unschlagbares Team? ! mup 3|2026 | 109 gute Begleitung im Umgang mit den Tieren, können die Kinder Einblicke in die Gefühle der Ponys erhalten und dadurch empathischer werden bzw. ihr Einfühlungsvermögen verbessern (Vernooij & Schneider 2010, 7 ff). Dies gilt nicht nur bei den Ponys, sondern auch bezogen auf die anderen Kinder. Das Zusammensein mit Tieren kann die eigene Authentizität stärken und dadurch auch die Beziehung zu anderen Menschen (Beetz 2003, 81 f). Ein weiterer wichtiger Punkt, den die Fachkräfte in den Interviews erwähnen, ist die Rolle der Ponys als sozialer Katalysator. Die Anwesenheit von Tieren wirkt oftmals als sozialer Katalysator, wodurch Situationen offener und freundlicher wirken können (Olbrich 2003, 76). Durch die Ponys fällt es den Fachkräften oftmals leichter einen Zugang zu den Kindern herzustellen. Sehr zurückhaltende Kinder werden durch die Ponys sicherer und öffnen sich leichter, sehr aufgeweckte Kinder finden in den Ponys häufig einen Ruhepol, der ihnen sanft dabei hilft, sich zu konzentrieren. Die Ponys können die Kinder dabei unterstützen Stress zu reduzieren, die Anwesenheit und die Berührung der Tiere weckt positive Gefühle bei den Kindern (Schöll 2015, 41f). Hemmungen im Sozialkontakt können dadurch schneller abgebaut werden, die Bereitschaft zum Kontakt mit anderen erhöhen und bei Aufbau der sozialen Kontakte unterstützen (Schöll 2015, 43). Zusammenfassung und Fazit Es kann festgehalten werden, dass die Kinder von der Beziehung zu den Pferden und Ponys auf vielfältige Weise hinsichtlich ihres Sozialverhaltens profitieren können. Die Untersuchung hat aber auch gezeigt, dass der Rahmen und die professionelle Betreuung und Anleitung eine entscheidende Rolle in der Beziehung zwischen Kindern und Ponys spielen. Eine gut ausgebildete Fachkraft sorgt für harmonische Gruppen und somit für die Bildung eines funktionierenden Teams, in denen Vertrauen und Unterstützung wahrnehmbar sind und in denen die Kinder sich wohlfühlen und entfalten können. Sie schaffen den sicheren Rahmen, in dem ein sich Ausprobieren möglich ist, und leiten gezielt an, damit die Kinder bestmöglich eine Verbindung zu den „großen Tieren“ aufbauen können. Das Team ist entscheidend und die Kinder können durch das Gruppenkonzept von den Inhalten der Fachkräfte, den, als Persönlichkeit wertgeschätzten Ponys und den Freundschaften und der Hilfe der anderen Kinder profitieren. Dadurch, dass die Kinder sich gemeinsam um die Ponys kümmern, lernen sie Absprachen zu treffen, miteinander zu arbeiten und Konflikte und Probleme zu lösen. Dies sind wichtige Kompetenzen im Kontext des Sozialverhaltens. Darüber hinaus finden die Kinder in den Ponys einen Freund, einen emotionalen Spiegel und eine emotionale Unterstützung in herausfordernden Situationen. Auch haben die Ponys eine Rolle als sozialer Katalysator und helfen den Fachkräften Kontakt zu sehr zurückhaltenden Kindern aufzubauen. Eine feinfühlige Anleitung durch geschulte Fachkräfte kann die Qualität der Beziehung zwischen Kind und Pony sicher begleiten und im Vergleich zu einem zufälligen Kontakt um ein Vielfaches steigern. Die Kinder können dadurch ihre Fähigkeiten und Grenzen austesten und ihr Selbstbewusstsein sowie ihr Selbstwertgefühl steigern. Auf diese Weise wird die Entwicklung eines gesunden Selbstkonzeptes gefördert, was wichtig für soziales Miteinander ist. Durch die Verbalisierung der Gefühle und des Befindens der Ponys seitens der Fachkräfte kann Empathie gestärkt werden. Empathie für andere Lebewesen ist ein zentraler Baustein des Sozialverhaltens und hilft den Kindern im Kontakt mit anderen. Zuletzt sorgen die Fachkräfte für ein sicheres Lern- und Entwicklungsumfeld, das die Risiken des Tierkontakts minimiert. Ohne die fachkundige Anleitung kann es zu Gefahrensituationen kommen, in denen Kinder und / oder Ponys zu Schaden kommen könnten. Weder Kinder noch Ponys sollen überfordert oder gefährdet werden. Gut ausgebildete und ausgeglichene Lehrponys, 110 | mup 3|2026 Forum: Olbrich - Kinder und Ponys - ein unschlagbares Team? ! die kontinuierlich trainiert werden, sind als Grundvoraussetzung zu sehen. Insgesamt können die Kinder aus der Beziehung zu den Ponys viel für ihre Lebensgestaltung im Kontext eines wertschätzenden und empathischen Miteinanders mitnehmen, auch wenn sie nicht für immer beim Reiten bleiben oder Kontakt zu Pferden halten. Die Schlüsselkompetenzen aus dem Hessischen Bildungs- und Erziehungsplan werden durch pferdegestützte Pädagogik nach dem Team Pony Concept aufgegriffen und gefördert. Literatur ■ Beetz, A. (2003). Bindung als Basis sozialer und emotionaler Kompetenzen. In E. Olbrich & C. Otterstedt (Hrsg.) Menschen brauchen Tiere. Grundlagen und Praxis der tiergestützten Pädagogik und Therapie. Stuttgart: Kosmos, S. 76-84. ■ Flick, U., Kardorff von E. & Steinke, I. (2010). Was ist qualitative Forschung? Einleitung und Überblick. In U. Flick, E. von Kardorff & I. Steinke (Hrsg.). Qualitative Forschung. Ein Handbuch. (8. Aufl.). Reinbeck bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuchverlag, S. 13-25. ■ Gläser, J. & Laudel G. (2010). Experteninterviews und qualitative Inhaltsanalyse als Instrument rekonstruierender Untersuchung. (4. Aufl.). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. ■ Hessisches Ministerium für Soziales und Integration & Hessisches Kultusministerium (2025). Bildung von Anfang an. Bildungs- und Erziehungsplan für Kinder von 0 bis 10 Jahren in Hessen. (12. Aufl.) Abgerufen am 23.02.2026 unter https: / / bep.hessen.de / veroeffentlichungen / bildungsund-erziehungsplan ■ Kiper, H. & Mischke, W. (2008). Selbstreguliertes Lernen - Kooperation - Soziale Kompetenz. Fächerübergreifendes Lernen in der Schule. Stuttgart: Kohlhammer. ■ Kuckartz, U., Dresing, T., Rädiker, S. & Stefer, C. (2007). Qualitative Evaluation. Der Einstieg in die Praxis. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. ■ Leschnik, A. (2021). Sozialverhalten. Grundlagen, Clinical Reasoning und Intervention im Kindes- und Jugendalter. Wiesbaden: Springer Fachmedien. ■ Olbrich, E. (2003). Biophilie: Die archaischen Wurzeln der Mensch-Tier-Beziehung. In E. Olbrich & C. Otterstedt (Hrsg.) Menschen brauchen Tiere. Grundlagen und Praxis der tiergestützten Pädagogik und Therapie. Stuttgart: Kosmos, S. 68-76. ■ Otterstedt, C. (2019). Tiergestützte Intervention. Methoden und tiergerechter Einsatz in Therapie, Pädagogik und Förderung. (1. Nachdruck). Stuttgart: Schattauer. ■ Pferde für unsere Kinder e. V. - Interview mit Nicole Holland—Nell. Das Team Pony Concept. (2019) Abgerufen am 23.02.2026 unter https: / / www. pferde-fuer-unsere-kinder.de/ pferde-fuer-unserekinder-e-v-interview-mit-nicole-holland-nell/ ■ Röbken, H. (2014). Methoden angewandter Bildungsforschung. (2. Überarb. & erw. Aufl.) Oldenburg: Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. ■ Schöll, C. (2015). Tiergestützte Pädagogik und Therapie: Betrachtung unter bindungstheoretischen Gesichtspunkten. Hamburg: Diplomica. ■ Team Pony Concept (o. J.). Reitpädagogik - so arbeiten wir. Abgerufen am 23.02.2026 unter https: / / www.teamponyconcept. de / team-pony-concept/ ■ Vernooji, M. A. & Schneider, S. (2010). Handbuch der Tiergestützten Intervention. Grundlagen - Konzepte - Praxisfelder. (2. Erw. und erg. Aufl.). Wiebelsheim: Quelle & Meyer. Die Autorin Danielle Denise Olbrich M. A., Reitpädagogin nach Team Pony Concept, Team Ponyschule Lich Kontakt danielle.olbrich@web.de
