Psychologie in Erziehung und Unterricht
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0342-183X
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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2009
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Editorial zum Themenheft: Lernmotivation
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Doris Lewalter
Sonja Bieg
Das Thema Lernmotivation und seine Förderung gewinnt in der aktuellen Bildungsdiskussion zunehmend an Bedeutung und wird in vielfältigen Zusammenhängen diskutiert. Die abnehmende Lernmotivation von Schülerinnen und Schülern, die sich bereits zu Beginn der Grundschulzeit zeigt und in der Sekundarstufe fortsetzt, das mangelnde Interesse an Schulfächern, insbesondere im mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich, sowie zu geringe Bewerberzahlen in naturwissenschaftlich-technischen Berufsfeldern und Studienfächern sind nur einige Beispiele von Befunden, die die aktuelle Diskussion prägen.
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Psychologie in Erziehung und Unterricht, 2009, 56, 241 - 242 © Ernst Reinhardt Verlag München Basel Editorial zum Themenheft: Lernmotivation - Bedingungen erkunden, Fördermöglichkeiten entwickeln Doris Lewalter Technische Universität München Sonja Bieg Pädagogische Hochschule Ludwigsburg Das Thema Lernmotivation und seine Förderung gewinnt in der aktuellen Bildungsdiskussion zunehmend an Bedeutung und wird in vielfältigen Zusammenhängen diskutiert. Die abnehmende Lernmotivation von Schülerinnen und Schülern, die sich bereits zu Beginn der Grundschulzeit zeigt und in der Sekundarstufe fortsetzt, das mangelnde Interesse an Schulfächern, insbesondere im mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich, sowie zu geringe Bewerberzahlen in naturwissenschaftlich-technischen Berufsfeldern und Studienfächern sind nur einige Beispiele von Befunden, die die aktuelle Diskussion prägen. Nicht zuletzt auch um dieser Problematik entgegenzuwirken, geht die Forschung zum Thema Lernmotivation u. a. der Frage nach, welche Faktoren motivationale Prozesse in unterschiedlichen Lehr-Lern-Settings beeinflussen und wie, darauf aufbauend, motivationale Entwicklungsprozesse u. a. durch die Gestaltung der Lehr-Lern-Umwelten, aber auch durch Trainings gefördert werden können. Den motivationstheoretischen Hintergrund bilden dabei häufig Konzepte, die sich mit einer intrinsischen bzw. selbstbestimmten sowie interessenbasierten Motivationsqualität beschäftigen, wie die Selbstbestimmungstheorie (Ryan & Deci, 2002) oder die Person-Gegenstands- Theorie des Interesses (Krapp, 1998). Diese Motivationsformen finden starke Beachtung, da sie in positivem Zusammenhang mit stärker verständnisorientierten Lernprozessen sowie der Selbstregulation des Lernens und der Bereitschaft zu lebenslangem Lernen stehen. Diese motivationstheoretischen Konzepte liefern hierbei Hinweise auf mögliche Ansatzpunkte zur Förderung der Lernmotivation, die sich insbesondere auf das motivationsrelevante Erleben von Autonomie, Kompetenz und sozialer Eingebundenheit während der Lernhandlung beziehen. Ausgehend von diesen theoretischen Annahmen stellt das vorliegende Themenheft aktuelle Forschungsbemühungen zur Identifikation relevanter Bedingungen der Lernmotivation bzw. von Möglichkeiten zur Förderung der Lernmotivation vor. Hierbei werden sowohl die Gestaltung der Lehr-Lern-Situation und des Lernmaterials als auch die am Lernprozess beteiligten Personengruppen sowie das außerschulische häusliche Lernumfeld von Schülerinnen und Schülern in den Blick genommen. Während sich die ersten beiden Beiträge mit der Analyse von Einflussfaktoren auf die Lernmotivation im Unterricht beschäftigen, stellen die weiteren Beiträge unterschiedliche Versuche dar, die schulische Lernmotivation durch Interventionen bzw. Trainings zu fördern. Doris Lewalter und Ariane S. Willems zeigen im Rahmen einer Feldstudie im Mathematikunterricht, dass zwei Phasen des situationalen Interesses unterschieden werden können und in unterschiedlicher Weise von verschiedenen Aspekten des motivationsrelevanten Erlebens vorhergesagt werden. Zudem bildet das Fachinteresse eine wesentliche Einflussgröße für die Entstehung des situationalen Interesses. Der Beitrag von Martin Hänze, 242 Doris Lewalter, Sonja Bieg Roland Berger und Katja Bianchy stellt am Beispiel einer quasi-experimentellen Studie im Fachunterricht Physik dar, dass Schulnoten nicht zwangsläufig stärker selbstbestimmte Motivationsformen unterminieren und dass sie das individuelle Lernengagement der Schülerinnen und Schüler in spezifischen kooperativen Lernsettings steigern können. In einer quasi-experimentellen Interventionsstudie zur Förderung von selbstbestimmter Lernmotivation stellen Waldemar Mittag, Sonja Bieg, Florian Hiller, Kerstin Metz und Hartmut Melenk anhand von zwei Unterrichtseinheiten im Deutschunterricht Möglichkeiten und Grenzen der Förderung der selbstbestimmten Lernmotivation im regulären Unterricht vor. Dabei werden auch differenzielle Effekte verschiedener Schulformen berücksichtigt. Im Beitrag von Barbara Otto, Saskia Kistner, Franziska Perels, Bernhard Schmitz und Gerhard Büttner wird die unterschiedliche Effektivität verschiedener direkter und indirekter Formen eines Selbstregulationstrainings für Schüler, Eltern und Lehrer auf die Lernmotivation von Viertklässlern berichtet und diskutiert. Elke Wild und Judith Gerber präsentieren in ihrem Beitrag erste Befunde zu einem Elterntraining zur Reduktion von Hausaufgabenkonflikten bei Schülerinnen und Schülern mit Lernschwierigkeiten in Mathematik, die zeigen, unter welchen Bedingungen eine länger anhaltende Einstellungs- und Verhaltensänderung bei den Eltern erzielt werden kann, die auch zu einer Reduktion der Häufigkeit von Konfliktsituationen beiträgt. Insgesamt geben die vorliegenden Beiträge Einblicke in das komplexe Beziehungsgefüge motivationaler Prozesse im schulischen Kontext und illustrieren die Potenziale ebenso wie die Schwierigkeiten der Förderung von schulbezogener Lernmotivation. Literatur Krapp, A. (1998). Entwicklung und Förderung von Interessen im Unterricht. Psychologie in Erziehung und Unterricht, 45, 186 -203. Ryan, R. M. & Deci, E. L. & (2002). Overview of Self- Determination Theory: An Organismic Dialectic Perspective. In E. L. Deci & R. M. Ryan (Eds.), Handbook of Self-Determination research (pp. 3 - 33). Rochester: Rochester University Press. Doris Lewalter Technische Universität München Sonja Bieg Pädagogische Hochschule Ludwigsburg
