eJournals Psychologie in Erziehung und Unterricht59/4

Psychologie in Erziehung und Unterricht
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0342-183X
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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2012
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Editorial: Die Entwicklung und Wirkung Früher Hilfen in Deutschland: Eine Einführung in das Themenheft

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Sabine Walper
Alexandra Langmeyer
Mit dem Start des Bundesprogramms „Frühe Hilfen für Eltern und Kinder und soziale Frühwarnsysteme“ im Jahr 2005 und der Gründung des Nationalen Zentrums Früher Hilfen (NZFH) im Jahr 2007 wurde in Deutschland eine Entwicklung auf den Weg gebracht, die markante Wirkungen auf zahlreiche Professionen und Berufsfelder im Bereich des Gesundheitswesens und in den sozialen Diensten, insbesondere der Kinder- und Jugendhilfe, entfaltet. Zentrales Ziel dieser Initiativen ist es, die Entwicklungsbedingungen für Kinder in der Zeit zwischen Schwangerschaft und Ende des Kleinkindalters zu verbessern, also in jener ersten Entwicklungsphase unterstützend zu wirken, die oft von den Familien als besonders anforderungsreich erlebt wird und in der Risiken für das Wohlergehen der Kinder erhöht sind (Paul, 2012; Sann, 2012 in diesem Heft). Da in dieser Phase entscheidende Weichen für die spätere Entwicklung der Kinder und ihrer Familien gestellt werden, kommt frühzeitigen präventiven Bemühungen um eine Begrenzung von Risikofaktoren und die Stärkung von Schutzfaktoren für ein gesundes Aufwachsen der Kinder und eine positive Familienentwicklung besondere Bedeutung zu [...]
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Die Entwicklung und Wirkung Früher Hilfen in Deutschland: Eine Einführung in das Themenheft Sabine Walper, Alexandra Langmeyer Deutsches Jugendinstitut e.V. München Mit dem Start des Bundesprogramms „Frühe Hilfen für Eltern und Kinder und soziale Frühwarnsysteme“ im Jahr 2005 und der Gründung des Nationalen Zentrums Früher Hilfen (NZFH) im Jahr 2007 wurde in Deutschland eine Entwicklung auf den Weg gebracht, die markante Wirkungen auf zahlreiche Professionen und Berufsfelder im Bereich des Gesundheitswesens und in den sozialen Diensten, insbesondere der Kinder- und Jugendhilfe, entfaltet. Zentrales Ziel dieser Initiativen ist es, die Entwicklungsbedingungen für Kinder in der Zeit zwischen Schwangerschaft und Ende des Kleinkindalters zu verbessern, also in jener ersten Entwicklungsphase unterstützend zu wirken, die oft von den Familien als besonders anforderungsreich erlebt wird und in der Risiken für das Wohlergehen der Kinder erhöht sind (Paul, 2012; Sann, 2012 in diesem Heft). Da in dieser Phase entscheidende Weichen für die spätere Entwicklung der Kinder und ihrer Familien gestellt werden, kommt frühzeitigen präventiven Bemühungen um eine Begrenzung von Risikofaktoren und die Stärkung von Schutzfaktoren für ein gesundes Aufwachsen der Kinder und eine positive Familienentwicklung besondere Bedeutung zu. Wie hierbei vorzugehen ist, welche Zielgruppen verstärkt angesprochen werden sollen, wie diese erfolgreich erreicht werden können und welche Professionen und Dienste hierbei noch stärker einbezogen werden sollten, ist Gegenstand intensiver fachlicher Diskussionen und laufender Forschungsarbeiten (Deutsche Liga für das Kind e. V. & Nationales Zentrum Frühe Hilfen (NZFH), 2012; Renner, Sann, & NZFH, 2010). Über dieses Arbeitsgebiet, das sich im Spannungsfeld von Politik, Fachpraxis und Forschung laufend weiterentwickelt, will das vorliegende Themenheft informieren und beispielhaften Einblick in einzelne Modellprojekte geben. Diese Initiativen kommen nicht von ungefähr und sind nicht die ersten ihrer Art. International wurden in den USA schon in den 1970er Jahren vermehrte Initiativen etabliert, mit denen frühe Chancen für Kinder und deren Eltern besser genutzt und insbesondere ein verbesserter Kinderschutz vorangetrieben werden sollte. Schon früh - deutlich früher als in Deutschland - fokussierten sich die Bemühungen auf die ersten Lebensjahre und die Kindheit vor dem Schulalter, nicht zuletzt mit dem bekannten Head Start Programm. Dieses diente zwar primär der besseren Nutzung früher Bildungschancen, sprach hierbei jedoch vor allem sozial benachteiligte Familien an und nahm damit auch breiter gesteckte Ziele neben der Förderung der Kinder in den Blick (Opp & Fingerle, 2000), nicht zuletzt die Förderung von Elternkompetenzen in der Bildung, Betreuung und Erziehung der Kinder (Stormshak, Kaminski & Goodman, 2002). Ein ausdrücklicher Schutzauftrag war mit diesem Programm allerdings nicht verbunden, sondern lag in den Händen anderer staatlicher Stellen. Immerhin hat sich auch im Bereich des Kinderschutzes in den USA der Fokus zunehmend von der Begrenzung manifester Problemlagen hin zu primär-präventiven Ansätzen verschoben, die auf eine Stärkung der Familien im Vorfeld möglicher Risikoentwicklungen abzielen (Steed, 2012 in diesem Heft). Die intensive Forschung zu Risikokonstellationen und Stress in der Familienentwicklung (Boss, 2001; Hill & Mattesich, Editorial 242 Sabine Walper, Alexandra Langmeyer 1979), zur Rolle unterstützender Nachbarschaften (Leventhal & Brooks-Gunn, 2000; McDonell, 2007), zur Bedeutung der Bindungsqualität in der Beziehung der Kinder zu ihren Eltern (Grossmann & Grossmann, 2004; van den Boom, 1995; van IJzendoorn, Schuengel & Bakermans-Kranenburg, 1999) sowie zu elterlichen Erziehungskompetenzen und den Möglichkeiten deren positiver Beeinflussbarkeit (Budd, 2001; Sanders, Markie-Dadds & Turner, 2003; Teti & Candelaria, 2002) war hier ein entscheidender Wegbereiter. Auch in Deutschland hatte die Kinder- und Jugendhilfe seit jeher einen Schutzauftrag, der jedoch bis zum Inkrafttreten des Kinderschutzgesetzes am 1. 1. 2012 wenig explizit eher im Hintergrund rangierte und keine eindeutigen Richtlinien für professionelles Vorgehen im breiten Spektrum zwischen familienunterstützenden Hilfen und Fremdunterbringung der Kinder bereithielt. So zeigten auch die Entwicklungen in der Praxis, „dass es sich auf dem Weg von ‚Hilfe benötigen‘ bis ‚Hilfe finden‘ um offene, nur zum Teil beherrschbare Kulturen und Dynamiken handelt“ (Rose, 2012, S. 80). Besonders deutlich wurde dies angesichts einiger spektakulärer Fälle von Kindesmisshandlungen und Kindstötungen, die dem Auf- und Ausbau früher Hilfen große Schubkraft verliehen (siehe Sann in diesem Heft). Sie verwiesen auf Lücken im System jener Dienste, die wirksamen Kinderschutz gewährleisten sollen und wurden damit zum Anlass wichtiger Vorreiterprojekte der Frühen Hilfen, die in einzelnen Bundesländern entwickelt und etabliert wurden, und nicht zuletzt für die Bundesinitiative „Frühe Hilfen für Eltern und Kinder und soziale Frühwarnsysteme“, die mittlerweile abgeschlossen und durch die Arbeit des Nationalen Zentrums Frühe Hilfen (NZFH) abgelöst wurde. Bei den Frühen Hilfen handelt es sich „um alltagspraktische und soziale Unterstützungssysteme für alle (angehenden) Eltern, die Ressourcen stärken, Wissen vermitteln, Zugangswege zu Hilfe öffnen und psychosoziale Risiken reduzieren sollen“ (Thyen, 2012, S. 16). Zwei zentrale Handlungsfelder stehen in der Arbeit des NZFH im Vordergrund, das die Kommunen in der Umsetzung entsprechender Angebote und der Schaffung geeigneter Strukturen unterstützt: (1) die Entwicklung und Implementierung wirksamer Angebote für Eltern während der Schwangerschaft und in den ersten drei Lebensjahren der Kinder zu fördern und deren Wirkung durch entsprechende Evaluationsforschung zu prüfen sowie (2) die Akteure des Gesundheitswesens und der sozialen Dienste, insbesondere der Kinder- und Jugendhilfe, in effektive Kooperationszusammenhänge einzubinden, um der Segmentierung in der Arbeit beider Ressorts und der beteiligten Professionen entgegenzuwirken und deren Leistungen besser zu koordinieren. Diese Koordination unterschiedlicher Angebote und Leistungen in geeigneten Netzwerkstrukturen ist durchaus ein eigenständiger Bereich von Initiativen im Bereich der Frühen Hilfen, der auf sachkundige und sozial versierte Koordinatoren angewiesen ist (Eickhorst, Sidor, Frey & Cierpka, 2012; Sann, 2012, jeweils in diesem Heft). Beide Ziele sind noch keineswegs erreicht, sondern bedürfen auch weiterhin nachhaltiger Anstrengungen in der Praxis. Hierbei geht es nicht zuletzt darum, die Angebote im Spektrum von universeller, selektiver und indizierter Prävention auf geeignete Weise auszutarieren. So fallen einerseits die Vorteile breitenwirksamer Maßnahmen mit günstigen Voraussetzungen für hohe Akzeptanz aufgrund geringer Stigmatisierung in die Waagschale universeller Prävention, andererseits sprechen die Vorteile zielgruppenspezifischer, passgenauer Angebote für Familien in ausgeprägten Bedarfslagen für eine stärkere Gewichtung selektiver, wenn nicht sogar indizierter Prävention. Welcher dieser Zugänge sich als der erfolgreichere erweist, lässt sich nur am Erfolg in der Praxis ermessen, und hierbei sind die Frühen Hilfen keineswegs frei vom vielzitierten Präventionsdilemma, d. h. dem erschwerten, nur bedingt gelingenden Zugang zu den eigentlichen Zielgruppen sozial benachteiligter Familien mit erhöhtem Unterstützungsbedarf (Bauer & Bittlingmayer, 2005; Berkic & Schneewind, Editorial 243 2007). Entsprechend wichtig ist es, nicht nur die Wirksamkeit der angebotenen Maßnahmen auf den Prüfstand zu stellen, sondern auch die Frage nach den Abläufen bei der Vermittlung der Klientel (Eickhorst et al., 2012, in diesem Heft) und nach der erreichten Zielgruppe (z. B. Bovenschen et al., 2012, in diesem Heft) aufzuwerfen und zu verfolgen. Vor allem gilt es zu zeigen, dass die angebotenen Maßnahmen auch bei jenen Gruppen den angestrebten Effekt zeitigen, auf deren Entlastung und Förderung sie in besonderem Maße abzielen. Überblick über die Beiträge Das vorliegende Themenheft greift diese Diskussionen auf und gibt sowohl einen Überblick über die Hintergründe der Entwicklung Früher Hilfen als auch vertieften Einblick in einzelne Projekte und Praxisfelder. Zunächst informiert der Beitrag von Elizabeth Steed (in diesem Heft) über Frühprävention und Kinderschutz in den USA. Wie schon angedeutet, haben die dortigen Bemühungen um die Entwicklung und Evaluation praxistauglicher und wirksamer Präventionsansätze wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung Früher Hilfen in Deutschland gehabt. Einige der Ansätze und Curricula für die Elternarbeit, die hier in Deutschland zum Einsatz kommen, lehnen sich eng an erfolgreiche Programme aus den USA an und haben intensiv von der dortigen Forschung profitiert. Dies erübrigt keineswegs die Überprüfung der Wirksamkeit solcher Programme im hiesigen Kontext, liefert jedoch wichtige Hinweise für eine erfolgversprechende Ausgestaltung der Praxis. Einzelne solcher evidenzbasierten Programme werden in dem Beitrag von Elizabeth Steed kurz umrissen, vor allem aber zeigt sie die Entwicklung der Frühprävention und die rechtlich-politische Verankerung des Kinderschutzes in den USA auf, verweist auf noch ungelöste Probleme in der Praxis und charakterisiert vier Ansätze in der Frühprävention, die auch für die Arbeit in Deutschland relevant sind: (a) Programme der Elternbildung, die vor allem auf eine Stärkung von Elternkompetenzen, eine Verbesserung der Eltern-Kind-Kommunikation und eine Reduktion von kindlichem Problemverhalten durch psychoedukative Angebote (teilweise mit therapeutischer Orientierung) abzielen, (b) Hausbesuchsprogramme, die auch Angebote der Elternbildung bis hin zu standardisierten Curricula umfassen können, vor allem jedoch im häuslichen Alltagskontext stattfinden, eine stärkere Ausrichtung an den Bedürfnissen und Gegebenheiten der einzelnen Familien erlauben und damit auch Hürden für die Teilnahme gering halten, (c) Gemeindeorientierte Ansätze, die vor allem an der Stärkung und Vernetzung lokaler Ressourcen ansetzen, Zugänge zu familienbezogenen Dienstleistungen und Möglichkeiten der Kinderbetreuung eröffnen und soziale Unterstützungsnetze sowie Familienzentren fördern, und schließlich (d) Fremdunterbringungsmöglichkeiten in Krisensituationen, die als zeitlich befristete Unterbringungsmöglichkeiten für Kinder seit den 1970er Jahren verfügbar sind. Der Beitrag schließt mit einer Reihe von Empfehlungen, die auf eine Stärkung koordinierter, nationaler Strategien in der Prävention und den Ausbau bedarfsgerechter, kultursensitiver Interventionen, auf die Umsetzung aussagekräftiger Forschungsdesigns mit praxisrelevanten Fragestellungen, auf die Nutzung digitaler Ressourcen und die Armutsbekämpfung abzielen. Der Beitrag von Alexandra Sann (in diesem Heft) bietet einen breiten Überblick über die Entwicklung Früher Hilfen in Deutschland, charakterisiert den Ausgangspunkt hierfür und liefert einen differenzierten Einblick in die aktuelle kommunale Praxis. Dieser Beitrag setzt sich auch intensiv mit der inhaltlich-strategischen Bestimmung Früher Hilfen auseinander und gibt damit einen guten Einblick in zentrale Diskussionsfelder. Empirische Befunde zum Praxisverständnis Früher Hilfen in den befragten Jugend- und Gesundheitsämtern verweisen auf die beiden zentralen Alternativen in der Ausrichtung Früher Hilfen als frühzeitig ansetzende universell-präventive Angebote oder als spezielles Hilfesystem für Familien mit besonderen Problemlagen, in dem die Verbesse- 244 Sabine Walper, Alexandra Langmeyer rung des Kinderschutzes eine zentrale Rolle spielt. Ausführlich geht dieser Beitrag auf die Herausforderungen der interdisziplinären Kooperation und Vernetzung ein und referiert empirische Befunde, die auf deutliche Optimierungsmöglichkeiten etwa in der Kooperation von Jugend- und Gesundheitsämtern hinweisen und die Bedeutung von ausreichenden finanziellen, zeitlichen und personellen Ressourcen für eine verbindliche und nachhaltig wirksame Netzwerkarbeit hervorheben. Die Struktur kommunaler Angebote im Rahmen der Frühen Hilfen wird umrissen, wobei sich zeigt, dass Gruppenangebote für Eltern mit Säuglingen und Kleinkindern besonders weit verbreitet sind, nämlich von über 90 Prozent der befragten Kommunen angegeben werden, während stationäre Maßnahmen und therapeutische Interventionen vergleichsweise selten von nur gut einem Drittel der Kommunen angeführt werden. Im Bereich der spezifischen Frühen Hilfen werden vor allem aufsuchende Angebote durch Familienhebammen sowie Gruppen- und Beratungsangebote seitens der Befragten als wichtig erachtet. Schließlich wird auch die Wirksamkeit Früher Hilfen diskutiert, die derzeit anhand von zehn Modellprojekten empirisch auf den Prüfstand gestellt wird. Der Beitrag schließt mit einem Fazit, das dafür plädiert, den Begriff „Frühe Hilfen“ zu schärfen und die Unterstützung von Familien in belastenden Lebenslagen deutlicher ins Zentrum zu rücken, Schwachstellen in den Kooperationsnetzwerken zu beheben, die Versorgung mit geeigneten Unterstützungs- und Hilfeangeboten zu prüfen und etwaige regionale Lücken zu schließen, die erforderlichen Instrumente zur Einschätzung familiärer Belastungen bereitzustellen und Hilfekonzepte so weiter zu entwickeln, dass bewährte Interventionsansätze im Repertoire aller Fachkräfte sind. Die drei hieran anschließenden Beiträge illustrieren unterschiedliche Ansätze und Themenfelder in zwei der beteiligten zehn Modellprojekte. Zunächst stellt die Untersuchung von Bovenschen et al. (in diesem Heft) die Förderung mütterlicher Feinfühligkeit mittels videogestützter Beratung vor, wie sie im Rahmen des Modellprojekts „Guter Start ins Kinderleben“ umgesetzt und evaluiert wird. Zentral ist hierbei das Konzept der Entwicklungspsychologischen Beratung als aufsuchendes Unterstützungsangebot zur Förderung der Eltern- Kind-Beziehung, das an bindungstheoretische Ansätze anknüpft und Eltern in ihrer Fähigkeit zur Entschlüsselung kindlicher Signale unterstützt. Untersucht wird hier der Erfolg der Intervention, die sieben Beratungstermine für die Mütter in den ersten drei Lebensmonaten der Säuglinge umfasste. Der Vergleich von Interventions- und Kontrollgruppe hinsichtlich der mütterlichen Feinfühligkeit am Ende des ersten, dritten und sechsten Lebensmonats des Säuglings erbrachte nur eine begrenzte Nachhaltigkeit der kurzfristig erfolgreichen Intervention, wobei die Langzeiteffekte am Ende des 6. Lebensmonats für einzelne Subgruppen unterschiedlich ausfielen. So überdauerten die positiven Effekte für Mütter, die bei Geburt des Kindes älter als 20 Jahre alt waren, nicht jedoch bei jugendlichen Müttern, die vermutlich auf längerfristige Interventionen angewiesen sind. Langfristig günstige Entwicklungen zeigten sich interessanterweise aber auch bei Müttern, die psychisch erkrankt waren, was dafür spricht, dass auch bei markanten persönlichen Beeinträchtigungen die Entwicklungspsychologische Beratung wirksame Unterstützung bietet. Beide differenziellen Effekte der Intervention erwiesen sich als unabhängig voneinander, bedürfen jedoch einer Replikation anhand einer größeren Stichprobe, wie sie im Rahmen der Gesamtevaluation dieses Projekts, die mehrere Standorte umfasst, verfügbar sein wird. Der Beitrag von Eickhorst et al. (in diesem Heft) stellt die unterschiedlichen Elemente des Modellprojekts „Keiner fällt durchs Netz“ (KfdN) vor, das an elf Standorten umgesetzt und evaluiert wird. Im Fokus der Aufmerksamkeit stehen hierbei zahlreiche Belastungen seitens der Eltern, seitens der Kinder und auf familialer Ebene, die sich in empirischen Studien als bedeutsame Risikofaktoren für ungünstige Entwicklungsverläufe der Kinder erwiesen ha- Editorial 245 ben. Um diesen Risikofaktoren erfolgreich zu begegnen, verfügt das Projekt über eine charakteristische Struktur des Interventionsverlaufs mit bis zu drei Schritten. Hierzu gehört erstens die Kontaktaufnahme und Anbindung an Hebammen, zweitens die Identifikation von Risikokonstellationen und die entsprechende basale Kompetenzförderung im Rahmen des Elternkurses „Das Baby verstehen“ (entweder mit Komm- oder mit Gehstruktur) und drittens (bei weiterem Bedarf ) die Vermittlung an bedarfsgerechte Interventionen. Die drei entsprechenden Bausteine - der Arbeitskreis „Netzwerk für Eltern“, der Elternkurs „Das Baby verstehen“ und die aufsuchende Hausbesuchsstruktur mit Familienhebammen und Kinderkrankenschwestern - werden beschrieben und ausgewählte Befunde zu den Vermittlungsverläufen vorgestellt. Hierbei zeigte sich, dass jeweils rund ein Viertel der teilnehmenden Familien über die Nachsorgehebammen oder über die Geburtskliniken vermittelt wurden, während beispielsweise niedergelassene Ärzteschaft (Gynäkologen oder Kinderärzte) nur in geringem Maße an der Vermittlung von Familien beteiligt waren. Diese Berufsgruppe kann also noch stärker eingebunden werden. Der Zugang zu den Familien über die Familienhebammen hat sich bewährt, aber auch die Einbeziehung von Kinderkrankenschwestern war äußerst erfolgreich. Ein besonderes Herzstück des Projekts ist auch die Einrichtung von Koordinierungsstellen in jedem Landkreis, die für die Organisation des Netzwerks vor Ort zuständig sind, wobei die Kooperation von zwei Koordinator/ innen aus den beiden Bereichen der Jugendhilfe und des Gesundheitswesens zusätzlich zur Annäherung beider Systeme beitrug und seitens der Familienhebammen als besonders hilfreich erlebt wurde. Schließlich verweisen erste Befunde aus der Wirksamkeitsstudie auf Vorteile der Interventionsgruppe gegenüber einer Kontrollgruppe hinsichtlich des erlebten Stresses der Mütter und hinsichtlich der Depressivität der Mütter. Gleichzeitig wird man auch hier auf weitere Daten warten, die diese Befunde untermauern. Den Abschluss liefert ein Beitrag von Britta Frey et al., der die Arbeit der Familienhebammen in den Blick nimmt und hierbei insbesondere auf die Zusammenarbeit mit Vätern eingeht (Frey, Nakhla, Eickhorst & Cierpka, 2012, in diesem Heft). Wie schon der Beitrag von Eickhorst et al. herausgestellt hat, kommt den Familienhebammen eine zentrale Bedeutung im Zugang zu den Familien zu, gewinnen sie doch in aller Regel leicht das Vertrauen der Familien und werden in ihrer Expertise im Umgang mit Kindern gut akzeptiert. Entsprechend wurden die Familienhebammen auch dafür geschult, den Eltern zu Hause die Inhalte des Elterntrainings „Das Baby verstehen“ zu vermitteln. Allerdings geht ihre aufsuchende Arbeit mit den Eltern weit über diesen Bereich hinaus und stellt entsprechend auch vermehrte Anforderungen an die Familienhebammen. Häufiger als in der üblichen Nachsorge arbeiten sie mit hochbelasteten Familien zusammen und finden sich im Spannungsfeld zwischen überhöhten Hoffnungen der Eltern auf „Rettung“ und Misstrauen sowie Ängsten vor Kontrolle und Kindesentzug wieder. Wie Frey et al. herausstellen, bedarf es hierbei nicht nur einer hohen Sensitivität im Umgang mit den Klienten, sondern auch die Inhalte der Arbeit verschieben sich mitunter weg von der interaktionell-orientierten Arbeit hin zu einer Sicherung existenzieller Grundbedürfnisse der Familie, wobei auch eine intensivere Kooperation mit anderen Institutionen und Berufsgruppen erforderlich ist. In diesem Kontext stellt sich in besonderem Maße die Frage, wie auch Väter erfolgreich in die Präventionsarbeit einbezogen werden können. Die Befunde einer Befragung von 252 Vätern aus Familien, die im Rahmen von „Keiner fällt durchs Netz“ betreut wurden, ergab, dass immerhin 47 Prozent der Väter kein Interesse an väterspezifischen Angeboten hatten. Am ehesten stieß noch eine fortlaufende Vätergruppe mit dem Schwerpunkt Erfahrungsaustausch auf Interesse der Väter, während eine Vätergruppe mit dem Schwerpunkt auf reine Informationsvermittlung weniger erwünscht war. Vielfach gestaltete sich der Beziehungsaufbau zwischen Familienhebamme 246 Sabine Walper, Alexandra Langmeyer und Vätern als besondere Herausforderung, da die Väter wenig Entgegenkommen zeigten und skeptisch-abweisend reagierten. Entsprechende Strategien für den Aufbau einer tragfähigen Arbeitsbeziehung mit Vätern gilt es noch intensiver zu erproben und in die Ausbildung der Familienhebammen zu integrieren. Diese Beiträge umreißen das Feld der Frühen Hilfen in zentralen Punkten, können aber der Fülle der Themen nur begrenzt gerecht werden. Entsprechend wird das Thema auch im nächsten Heft mit zwei weiteren einschlägigen Beiträgen aufgegriffen. Wir hoffen, damit zur produktiven Diskussion und Weiterentwicklung eines hochaktuellen interdisziplinären Arbeitsfeldes beizutragen. Literatur Bauer, U. & Bittlingmayer, U. H. (2005). Wer profitiert von Elternbildung? Zeitschrift für Soziologie der Erziehung und Sozialisation, 25 (3), 263 - 280. Berkic, J. & Schneewind, K. A. (2007). 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Eickhorst, A., Sidor, A., Frey, B. & Cierpka, M. (2012). Frühe Hilfen durch „Keiner fällt durchs Netz“. Ein Modellprojekt zur psychosozialen Prävention für Familien mit Kindern im ersten Lebensjahr. Psychologie in Erziehung und Unterricht, 59, 290 - 302. Frey, B., Nakhla, D., Eickhorst, A. & Cierpka, M. (2012). Zur Arbeit von Familienhebammen im Hausbesuchsprogramm „Keiner fällt durchs Netz“ unter besonderer Berücksichtugng der Erfahrung mit Vätern im Projekt. Psychologie in Erziehung und Unterricht, 59, 303 - 310. Grossmann, K. & Grossmann, K. E. (2004). Bindungen - das Gefüge psychischer Sicherheit. Stuttgart: Klett- Cotta. Hill, R. & Mattesich, P. (1979). Family development theory. In P. B. Baltes & O. G. Brim (Eds.), Life span development and behavior (pp. 161 - 204). New York: Academic press. Leventhal, T. & Brooks-Gunn, J. (2000). The neighborhoods they live in: The effects of neighborhood residence on child and adolescent outcomes. Psychological Bulletin, 126 (2), 309 - 337. 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Gesundes Aufwachsen ermöglichen, 80 - 83. Sanders, M. R., Markie-Dadds, C. & Turner, K. M. T. (2003). Theoretical, scientific and clinical foundations of the Triple P-Positive Parenting Program: A population approach to the promotion of parenting competence: The Parenting and Family Support Centre, The University of Queensland. Sann, A. (2012). Frühe Hilfen. Entwicklung eines neuen Praxisfeldes in Deutschland. Psychologie in Erziehung und Unterricht, 59, 256 - 274. Steed, E. A. (2012). Early childhood prevention in the United States. Psychologie in Erziehung und Unterricht, 59, 247 - 255. Stormshak, E. A., Kaminski, R. A. & Goodman, M. R. (2002). Enhancing the parenting skills of Head Start families during the transition to kindergarten. Prevention Science, 3 (3), 223 - 234. Teti, D. M. & Candelaria, M. A. (2002). Parenting competence. In M. H. Bornstein (Ed.), Handbook of parenting (Vol. 4: Social conditions and applied parenting, pp. 149 - 180). 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