eJournals Psychologie in Erziehung und Unterricht61/2

Psychologie in Erziehung und Unterricht
3
0342-183X
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/peu2014.art09d
3_061_2014_2/3_061_2014_2.pdf41
2014
612

Cyberbullying unter Schülerinnen und Schülern

41
2014
Victoria Neuber
Josef Künsting
Daniela Phieler
Zusammenfassung: Das Internet stellt für Jugendliche heute einen zentralen Ort der Kommunika-tion dar. In der Folge verlagern sich auch Formen aggressiven Verhaltens wie Bullying in den vir-tuellen Raum. Die vorliegende Studie geht den Fragen nach, welche lokalen Zusammenhänge zwischen Cyberbullying (bzw. -viktimisierung) und traditionellem Bullying (bzw. Viktimisierung) bestehen und mit welchen Persönlichkeitseigenschaften die Beteiligung an Cyberbullying in Be-ziehung steht. Zur Auswertung wurden die Daten von N = 1850 Jugendlichen im Alter von 12 bis 19 Jahren herangezogen. Im Ergebnis zeigt sich unter Verwendung einer Konfigurationsfrequenz-analyse, dass z. B. nur eine geringe Anzahl an Jugendlichen ausschließlich als Täterinnen bzw. Täter oder Opfer von Cyberbullying gesehen werden kann. Vielmehr waren die meisten von ihnen oft auch an traditionellem Bullying beteiligt. Zudem ist die Regression von Cyberviktimisierung auf die Persönlichkeitseigenschaft Neurotizismus erwartungsgemäß signifikant, während Cyberbullying mit der Persönlichkeitseigenschaft Verträglichkeit stark negativ zusammenhängt. Implikationen für Präventions- und Interventionsmaßnahmen werden aufgezeigt.
3_061_2014_2_0001
n Empirische Arbeit Psychologie in Erziehung und Unterricht, 2014, 61, 81 -95 DOI 10.2378/ peu2014.art09d © Ernst Reinhardt Verlag München Basel Cyberbullying unter Schülerinnen und Schülern Zusammenhänge mit traditionellem Bullying und Persönlichkeitseigenschaften Victoria Neuber, Josef Künsting, Daniela Phieler Universität Kassel Zusammenfassung: Das Internet stellt für Jugendliche heute einen zentralen Ort der Kommunikation dar. In der Folge verlagern sich auch Formen aggressiven Verhaltens wie Bullying in den virtuellen Raum. Die vorliegende Studie geht den Fragen nach, welche lokalen Zusammenhänge zwischen Cyberbullying (bzw. -viktimisierung) und traditionellem Bullying (bzw. Viktimisierung) bestehen und mit welchen Persönlichkeitseigenschaften die Beteiligung an Cyberbullying in Beziehung steht. Zur Auswertung wurden die Daten von N = 1850 Jugendlichen im Alter von 12 bis 19 Jahren herangezogen. Im Ergebnis zeigt sich unter Verwendung einer Konfigurationsfrequenzanalyse, dass z. B. nur eine geringe Anzahl an Jugendlichen ausschließlich als Täterinnen bzw. Täter oder Opfer von Cyberbullying gesehen werden kann. Vielmehr waren die meisten von ihnen oft auch an traditionellem Bullying beteiligt. Zudem ist die Regression von Cyberviktimisierung auf die Persönlichkeitseigenschaft Neurotizismus erwartungsgemäß signifikant, während Cyberbullying mit der Persönlichkeitseigenschaft Verträglichkeit stark negativ zusammenhängt. Implikationen für Präventions- und Interventionsmaßnahmen werden aufgezeigt. Schlüsselbegriffe: Bullying, Cyberbullying, Cyberviktimisierung, Aggression, Persönlichkeitseigenschaften Cyberbullying among High School Students. Relations to Traditional Bullying and Personality Traits Summary: Today, the internet is a central place for communication among adolescents. Accordingly, forms of aggressive behavior such as bullying can be found there. The aim of the present study is to examine the local relations between cyberbullying (or cybervictimization, respectively) and traditional bullying (or victimization, respectively). Additionally, it was analyzed to which extent personality traits are related to the involvement in cyberbullying. The sample comprises N = 1850 adolescents aged from 12 to 19 years. By means of configural frequency analysis it could be shown that, for example, only a small number of adolescents can exclusively be seen as a cyberbully or a victim of cyberbullying. Instead, most of them were also involved in traditional bullying. Moreover, the regression of cybervictimization on the personality trait neuroticism was expectably significant, while cyberbullying was negatively related to the personality trait agreeableness. Implications for preventive measures and interventions are presented. Keywords: Bullying, cyberbullying, cybervictimization, aggression, personality traits Heutzutage stellt das Internet einen integralen Bestandteil der alltäglichen Lebenswelt von Jugendlichen dar (Grimm & Clausen-Muradian, 2009) und ist auch für die Gestaltung von deren sozialen Beziehungen von hoher Relevanz. Virtuell gestaltbare Beziehungen bergen jedoch insbesondere für Jugendliche auch Gefahren, welche für sie selbst oft nur schwer einzuschätzen sind (Staude-Müller, Bliesener & Nowak, 2009). Eine solche Gefahr stellt z. B. Bullying 82 Victoria Neuber et al. dar, das sich infolge der technologischen Entwicklung auch im virtuellen Raum verbreitet hat. Charakteristisch für Bullying als eine Form aggressiven Verhaltens gegenüber anderen Personen ist die vorsätzliche und regelmäßige Ausführung schädigender Handlungen. Zwischen den Beteiligten besteht, aufgrund eines tatsächlichen oder subjektiv wahrgenommenen Machtbzw. Kräfteungleichgewichts, eine asymmetrische Beziehung (Olweus, 2009; Scheithauer, Hayer & Petermann, 2003). In der vorliegenden Studie wird Bullying im direkten Umfeld, beispielsweise in physischer und verbaler Form in der Schule oder auf dem Schulweg, als traditionelles Bullying bezeichnet (Kowalski, Limber & Agatston, 2008). Für das Bullying im virtuellen Raum wird im Folgenden der Begriff Cyberbullying verwendet. Cyberbullying ist durch das wiederholte, beabsichtigte, feindliche und aggressive Verhalten einer Person oder Gruppe gegenüber anderen mithilfe elektronischer Kommunikationstechnologien (z. B. Smartphones oder Tablets) gekennzeichnet (Belsey, 2013). Diese ermöglichen es, schädigendes Material in Form von Texten, Bildern, gefilmten Situationen etc. schnell und effektiv über den virtuellen Weg (z. B. E-Mails, Instant Messenger, Chat-Rooms, soziale Netzwerke) an eine Vielzahl von Personen zu verbreiten (vgl. Kowalski & Limber, 2007; von Mareés & Petermann, 2012). Als Formen von Cyberbullying werden Flaming (Beleidigungen und Beschimpfungen), Belästigung, Drohungen, das Verbreiten von Gerüchten, das Auftreten unter falscher Identität, Bloßstellen und Betrügerei sowie das Ausgrenzen aus einer Gruppe differenziert (Grimm & Clausen-Muradian, 2009; Willard, 2007). Nach Mora-Merchán, Del Rey und Jäger (2010) sind in Deutschland etwa 20 - 40 % der Jugendlichen von diesem Phänomen betroffen. Opfer von Bullying im virtuellen Raum zu werden, wird als Cyberviktimisierung bezeichnet (Gradinger, Strohmeier & Spiel, 2009). Riebel, Jäger und Fischer (2009) berichten, dass 5,4 % der befragten Jugendlichen mindestens einmal pro Woche und weitere 14,1 % zumindest gelegentlich Cyberviktimisierung erlebt haben, also im virtuellen Raum durch die Täterhandlungen anderer in die Opferrolle gerieten (Riebel & Jäger, 2009). Die möglichen negativen Konsequenzen von Cyberbullying sind vielschichtig und auch für den Lern- und Leistungskontext in der Schule bedeutsam (Raskauskas & Stoltz, 2007; Ybarra, Diener-West & Leaf, 2007), da sie u. a. mit negativem Erleben des Schulalltags, Schulabsentismus, emotionaler Belastung, psychosomatischen Beschwerden, verringertem Selbstwertgefühl und suizidalen Gedanken assoziiert sind (von Mareés & Petermann, 2012). Dies unterstreicht die Wichtigkeit, potenziell gefährdete Jugendliche zu identifizieren, um geeignete Präventions- und Interventionsmaßnahmen zielgerichtet implementieren zu können. Als ein Risikofaktor von Cyberbullying und Cyberviktimisierung gilt das Involviertsein in traditionelle Formen von Bullying (Mora- Merchán et al., 2010). Vor diesem Hintergrund verfolgt die vorliegende Studie das Ziel, paralleles Auftreten von Cyberbullying und traditionellem Bullying zu untersuchen. Als weiterer Risikofaktor für die Beteiligung nicht nur an traditionellem Bullying, sondern auch an Cyberbullying erscheinen Persönlichkeitseigenschaften plausibel, da diese das Verhalten von Jugendlichen und die Interaktion mit der Peergroup beeinflussen (Asendorpf & Neyer, 2012). Da Persönlichkeitseigenschaften wie Verträglichkeit und Neurotizismus die Ausprägung und Stabilität von Täter- und Opferrollen beeinflussen könnten (Salmivalli, Kaukiainen, Kaistaniemi & Lagerspetz, 1999), ist es von Bedeutung, die Zusammenhänge zwischen den Persönlichkeitseigenschaften und der Neigung zum Cyberbullying bzw. zur Cyberviktimisierung empirisch zu untersuchen. Zudem könnte das Wissen darüber, welche Persönlichkeitseigenschaften mit einem solchen Verhalten in Beziehung stehen, zur Früherkennung potenzieller Täterinnen bzw. Täter und Opfer von Cyberbullying beitragen. Aufgrund dessen werden in diesem Beitrag auch Zusammenhänge von Persönlichkeitsei- Cyberbullying unter Schülerinnen und Schülern 83 genschaften mit Cyberbullying bzw. -viktimisierung überprüft. Empirische Studien zu den genannten Risikofaktoren für das noch relativ junge Phänomen Cyberbullying sind insbesondere im deutschen Sprachraum bislang rar, sodass der Erkenntnisgewinn derzeit noch sehr eingeschränkt ist. Mit der Beantwortung zweier Forschungsfragen und der Testung zweier Hypothesen möchte diese Arbeit dazu beitragen, die unbefriedigende Befundlage zu verbessern. Forschungsfragen und Hypothesen Paralleles Auftreten von traditionellem Bullying und Cyberbullying Die Grenzen zwischen traditionellem Bullying und Cyberbullying sind oft fließend: Empirische Studien konnten zeigen, dass Schülerinnen und Schüler, die in Cyberbullying involviert sind, häufig bereits Täterinnen und Täter bzw. Opfer bei traditionellem Bullying waren (z. B. Riebel et al., 2009; Smith et al., 2008). Gradinger et al. (2009) untersuchten das parallele Auftreten von traditionellem Bullying und Cyberbullying hinsichtlich lokaler Zusammenhänge mittels einer Konfigurationsfrequenzanalyse: Mehr Schülerinnen und Schüler, als bei vollständiger Merkmalsunabhängigkeit zu erwarten gewesen wären, waren sowohl Opfer von traditionellem Bullying als auch von Cyberbullying (kombinierte Opfer). Männliche Täter waren zudem überzufällig häufig traditionelle Bullies und Cyberbullies (kombinierte Täter) sowie häufiger ausschließlich Cyberbullies als die weiblichen Befragten. Insgesamt - und insbesondere im deutschen Sprachraum - ist der Forschungsstand zu den lokalen Zusammenhängen jedoch noch unzureichend, sodass die Frage nach der Replizierbarkeit besteht. In diesem Beitrag werden daher in einem ersten Schritt lokale Zusammenhänge zwischen traditionellem Bullying und Cyberbullying sowie zwischen traditioneller Viktimisierung und Cyberviktimisierung systematisch untersucht. Weil davon ausgegangen wird, dass das Involviertsein in Bullying und Cyberbullying auch vom Geschlecht abhängen kann (vgl. Gradinger et al., 2009), werden bei der Untersuchung der lokalen Zusammenhänge auch geschlechterspezifische Differenzen geprüft. Analysiert wird in diesem Zusammenhang, ob sich die von Gradinger et al. (2009) identifizierten Typen replizieren lassen: Bilden die kombinierten Bullies (Täterinnen und Täter im traditionellen Bullying und Cyberbullying) bzw. die kombinierten Opfer (Opfer von traditionellem Bullying und Cyberbullying) unter zusätzlicher Berücksichtigung des Geschlechts einen häufiger auftretenden Typus, als bei Unabhängigkeit der Variablen zu erwarten wäre? (Forschungsfrage 1) Cyberbullying - Charakteristika von Täterinnen bzw. Tätern und Opfern Es wird angenommen, dass die Verwicklung in Prozesse des Cyberbullyings sowohl von dem Involviertsein in Prozesse des traditionellen Bullyings als auch von Persönlichkeitseigenschaften beeinflusst werden kann. Die Frage nach Zusammenhängen von Cyberbullying und von Cyberviktimisierung mit Persönlichkeitseigenschaften ist insofern relevant, als dass diese zu typischem Verhalten in Bullying-Situationen und zur Stabilität von Rollen beitragen können (Tani, Greenman, Schneider & Fregoso, 2003). Für das Phänomen Cyberbullying erscheinen insbesondere die Persönlichkeitseigenschaften Extraversion, Neurotizismus und Verträglichkeit von Bedeutung. Extraversion beschreibt das Ausmaß an Geselligkeit, Gesprächigkeit, externalisiertem Energieniveau und Expressivität sowie selbstbewusstem Verhalten in sozialen Kontexten (Barrick, Mount & Judge, 2001; Bleidorn & Ostendorf, 2009). Im Vergleich zu den Täterinnen und Tätern des traditionellen Bullyings neigen deren Opfer zu geringerer Extraversion (Mynard & Joseph, 84 Victoria Neuber et al. 1997; Slee & Rigby, 1993). Während verbale und körperliche Formen von traditionellem Bullying in der Regel voraussetzen, dass die Täterin bzw. der Täter in einer sozialen Situation hinreichend selbstbewusst auf ihr bzw. sein Opfer zugehen kann, was mit einem gewissen Maß an Extraversion einhergehen dürfte, besteht im Internet die Möglichkeit, vermeintlich anonym und unter Wahrung physischer Distanz zu agieren (Kowalski et al., 2008). Insbesondere für weniger extravertierte Personen könnte so die Hemmschwelle zur Ausübung von Bullying sinken. Daher ist die Übertragbarkeit eines Zusammenhangs von Extraversion mit traditionellem Bullying auf einen Zusammenhang von Extraversion mit Cyberbullying nicht selbstverständlich und wird als offene Forschungsfrage untersucht: Besteht ein signifikanter Zusammenhang zwischen Cyberbullying und Extraversion? (Forschungsfrage 2) Verträglichkeit wird mit freundlichem, kooperativem und rücksichtsvollem Verhalten gegenüber anderen assoziiert (z. B. Barrick et al., 2001; Bleidorn & Ostendorf, 2009), wohingegen wenig verträgliche Personen eine stärkere Neigung zu Feindseligkeit, Desinteresse an anderen, Egoismus, Boshaftigkeit und Missgunst zeigen (Digman, 1990). Traditionelle Bullies neigen verstärkt zu solchen Merkmalen der Unverträglichkeit (Tani et al., 2003). Cyberbullies greifen andere im Internet z. B. über beleidigende Nachrichten absichtlich und wiederholt an. Dieses Verhalten könnte in einer geringen sozialen Verträglichkeit verankert sein. Es wird ein signifikant negativer Zusammenhang zwischen Cyberbullying und Verträglichkeit angenommen. (Hypothese 1) Neurotizismus bezeichnet das Ausmaß an emotionaler Instabilität, womit Unsicherheiten, Ängste, Vulnerabilität, mangelndes Selbstvertrauen sowie eine Neigung zu Depressionen einhergehen (Barrick et al., 2001; Bleidorn & Ostendorf, 2009). Die Arbeit von Tani et al. (2003) legt nahe, dass Opfer von traditionellem Bullying im Vergleich zu gleichaltrigen Nicht- Opfern höhere Ausprägungen im Neurotizismus aufweisen. Die Tendenz zum Neurotizismus als Persönlichkeitseigenschaft sollte sich im Verhalten von Schülerinnen und Schülern niederschlagen, wodurch von anderen z. B. eine erhöhte Vulnerabilität wahrgenommen werden könnte. Es ist anzunehmen, dass dies nicht nur die Wahrscheinlichkeit dafür erhöht, Opfer von traditionellem Bullying, sondern auch von Cyberbullying zu werden, da sich das Verhalten auf den virtuellen Raum ausweiten oder in diesen verlagern kann. Die daraus resultierende emotionale Belastung der Opfer kann wiederum zu einer Verstärkung von deren Unsicherheiten und Ängsten führen (Olweus, 2009). Cyberbullying kann die Belastung für die Opfer zusätzlich dadurch erhöhen, dass diese oft nicht wissen, wer für die Angriffe verantwortlich ist (Staude-Müller et al., 2009). Ausgehend von den geschilderten Überlegungen sollte ein hohes Ausmaß an Neurotizismus es begünstigen, Opfer von Cyberbullying zu werden. Jedoch liegen für den deutschen Sprachraum bislang kaum Befunde vor, welche dies befriedigend belegen können. Es wird ein signifikant positiver Zusammenhang zwischen Cyberviktimisierung und Neurotizismus erwartet. (Hypothese 2) Methodik Durchführung Nachdem eine Pilotierung des Fragebogens mit Schülerinnen und Schülern der neunten und zehnten Klassenstufe (N = 82) während des Unterrichts in fünf Schulklassen durchgeführt wurde, konnte ein Link zu einem standardisierten Online-Fragebogen im August 2010 für vier Stunden auf der Startseite des internetbasierten sozialen Netzwerks SchülerVZ implementiert werden. Die im deutschen Sprachraum verwendeten und für Jugendliche verständlichen Begriffe Mobbing sowie Cybermobbing wurden zu Beginn der Befragung ausführlich erläutert 1 . Cyberbullying unter Schülerinnen und Schülern 85 Stichprobe Insgesamt besuchten 13498 Jugendliche den Online- Fragebogen. In die Auswertungen gingen N = 1850 Fälle ein. Probandinnen und Probanden, welche den Fragebogen nicht vollständig bearbeitet haben und außerhalb des Altersbereichs von 12 bis 19 Jahren lagen, wurden für die Auswertungen nicht berücksichtigt. Die Rückmeldungen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer legen den Schluss nahe, dass die hohe Abbruchquote u. a. auf die Überlastung des Servers zurückzuführen ist, welche zu einer langen Wartezeit beim Laden der Seiten führte. Ob sich die Personen, welche den Fragebogen vollständig bearbeitet haben, von denen, die ihn abgebrochen haben, systematisch in ihren Erfahrungen mit Bullying unterscheiden, wird im Rahmen der deskriptiven Befunde betrachtet. Von den in die Auswertungen eingegangenen Probandinnen und Probanden ist die Mehrheit weiblich (60,4 %). Die Befragten waren durchschnittlich M = 15.48 Jahre alt (SD = 1.75). Mehr als die Hälfte der Teilnehmenden besuchte ein Gymnasium (54,3 %), jeder Fünfte eine Realschule (19,3 %). Die verbleibenden 26,4 % verteilen sich in jeweils geringen Anteilen auf weitere Schulformen (z. B. Berufsschule, Gesamtschule, Hauptschule). Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Studie stammen überwiegend aus dem Bundesland Nordrhein-Westfalen (31,8 %), gefolgt von Niedersachsen (18,1 %) und Hessen (13,8 %). Auf die übrigen Bundesländer verteilen sich 35,2 %. Von 1,1 % der Befragten liegen keine Angaben zum Bundesland vor. Instrumente Bullying und Viktimisierung Alle Angaben zu traditionellem Bullying und Cyberbullying wurden mittels Selbstbericht erhoben. Die Items weisen das folgende Antwortformat auf: 1 = nie, 2 = selten, 3 = manchmal, 4 = oft, 5 = immer. Es wurden zum einen vier globale Items zu Bullying und Viktimisierung - traditionell und im virtuellen Raum - in Anlehnung an Jäger und Riebel (2009) entwickelt (Tab. 1). Zum anderen wurden zur Erfassung von Cyberbullying und -viktimisierung Skalen eingesetzt, welche sich aus je acht in Anlehnung an Jäger und Riebel (2009) entwickelte Items zusammensetzen und verschiedene Arten negativer Aktivitäten im Internet und via Handy abbilden. Zunächst sollte überprüft werden, inwiefern sich die beiden eingesetzten Skalen faktorenanalytisch voneinander differenzieren lassen. Die durchgeführte exploratorische Faktorenanalyse (Hauptkomponentenanalyse mit Varimax- Rotation und Kaiser-Normalisierung) weist auf zwei Dimensionen hin, welche mit den Eigenwerten 4.45 und 2.88 insgesamt 45,9 % der Varianz aufklären. Sowohl für die Dimension Cyberbullying als auch für die Dimension Cyberviktimisierung zeigen sich zufriedenstellende Faktorladungen (Cyberbullying: .63 ≤ r ≤ .72; Cyberviktimisierung: .55 ≤ r ≤ .77) und keine Nebenladungen > .20. Die beiden Skalen sind reliabel (Tab. 1) und korrelieren nur schwach (r = .12, p < .001). Die deskriptiven Kennwerte der Skalen werden gesondert im Ergebnisteil dargestellt. Bezeichnung Prompt und Item/ Beispielitem Anzahl Items a Globale Items Trad. Bullying Hast du schon andere über einen längeren Zeitraum gemobbt? : „Direktes Mobbing (Schule/ Freizeit)“ 1 - Cyberbullying Hast du schon andere über einen längeren Zeitraum gemobbt? : „Cybermobbing (Internet/ Handy)“ 1 - Trad. Viktimisierung Bist du schon mal über einen längeren Zeitraum gemobbt worden? : „Direktes Mobbing (Schule/ Freizeit)“ 1 - Cyberviktimisierung Bist du schon mal über einen längeren Zeitraum gemobbt worden? : „Cybermobbing (Internet/ Handy)“ 1 - Skalen Cyberbullying Hast du im Internet oder über Handy: „über andere Gerüchte verbreitet? “ 8 .82 Cyberviktimisierung Bitte kreuze an, wie häufig andere im Internet oder über Handy: „Gerüchte über dich verbreitet haben? “ 8 .81 Tab. 1: Eingesetzte Instrumente zur Erfassung von (Cyber-)Bullying Anmerkung: a = Cronbachs a 86 Victoria Neuber et al. Persönlichkeitseigenschaften Zur Überprüfung der Hypothesen der vorliegenden Studie wurden die Persönlichkeitseigenschaften Extraversion, Verträglichkeit und Neurotizismus in Anlehnung an die deutsche Version der Big Five von Hartig, Jude und Rauch (2003) basierend auf dem International Personality Item Pool erfasst (Antwortskala: 1 = trifft nicht zu, 2 = trifft eher nicht zu, 3 = trifft eher zu, 4 = trifft voll zu), wofür bereits Validierungsstudien vorliegen (z. B. Goldberg, 1999; Hartig et al., 2003). Die Skala Extraversion wurde mit sieben Items erfasst und weist ein Cronbachs a von .80 auf (M = 2.97, SD = 0.60). Die Skala Verträglichkeit ist ebenfalls hinreichend reliabel ( a = .72; M = 3.10, SD = 0.50). Neurotizismus wurde mittels sieben Items erfragt, welche auch in der vorliegenden Studie eine reliable Skala abbilden ( a = .85; M = 1.92, SD = 0.64; Tab. 2). Statistische Analysen Zur Replikation der Befunde zu den Zusammenhängen von traditionellem Bullying bzw. Viktimisierung und Cyberbullying bzw. -viktimisierung (Forschungsfrage 1) wird in Anlehnung an Gradinger et al. (2009) die Konfigurationsfrequenzanalyse (KFA; vgl. von Eye, 2002) mit SPSS 20 durchgeführt. Diese ermöglicht es, entsprechend der im vorliegenden Beitrag untersuchten Fragestellung nach kombinierten Formen von Bullying/ Viktimisierung in Abhängigkeit vom Geschlecht, interessierende Merkmalskombinationen zu prüfen und charakteristische Muster in den Daten zu identifizieren. Die KFA ist eine multivariate Analysemethode zur Exploration lokaler Zusammenhänge in kategorialen Daten. Dabei wird die Komplexität im Hinblick auf Merkmalskombinationen nicht reduziert, sondern es werden alle möglichen Merkmalskombinationen betrachtet. Bei der KFA wird für jede der Merkmalskombinationen die beobachtete Häufigkeit mit der erwarteten Häufigkeit verglichen. Die erwartete Häufigkeit basiert auf der Häufigkeit der Einzelmerkmale, wobei zunächst davon ausgegangen wird, dass diese voneinander unabhängig auftreten (Krauth & Lienert, 1973; von Eye, 2002). Jedoch ist es möglich, dass Merkmale nicht einzeln und unabhängig voneinander, sondern als Merkmalskonfiguration auftreten. Treten diese signifikant häufiger auf, als bei totaler Unabhängigkeit der Merkmale zu erwarten wäre, so werden sie als Typ bezeichnet. Solche hingegen, die signifikant seltener gemeinsam auftreten, als bei einer Zufallskombination der Merkmale zu erwarten wäre, werden als Antityp bezeichnet (Krauth, 1993; Krauth & Lienert, 1973). Variablen, die im Zuge des Verfahrens eingesetzt werden, sollten je eine möglichst geringe Anzahl an Ausprägungen aufweisen (Krauth, 1993). Der damit einhergehende Informationsverlust birgt zwar die Gefahr, dass nicht alle in der Population bestehenden Typen identifiziert werden können, minimiert jedoch zum einen zufällige Störeinflüsse und verhindert zum anderen, dass für bestimmte Merkmalskombinationen keine oder nur sehr wenige Fälle zur Verfügung stehen, wodurch die Aussagekraft der Analysen eingeschränkt wäre (vgl. ebd.). Vor diesem Hintergrund werden die für die nachfolgende KFA relevanten Variablen dichotomisiert. Die Berechnung der Zusammenhänge von Cyberbullying und -viktimisierung mit den Persönlichkeitseigenschaften erfolgt mit einem Strukturgleichungsmodell in Mplus 5 (Muthén & Muthén, 2009). Anders als Regressionsanalysen bieten Strukturgleichungsanalysen u. a. die Möglichkeit, die interessierenden Konstrukte als latente Variablen abzubilden und gemeinsam mit allen angenommenen Zusammenhängen simultan zu spezifizieren. Bei den Analysen wurde das Itemparceling angewandt, welches, wenn die Dimensionalität der Skalen berücksichtigt wird, dazu beitragen kann, die Modellparameter stabil und die Modellgüte korrekt zu schätzen. Eine Möglichkeit des Itemparcelings ist es, Items mit ähnlichen deskriptiven Kennwerten verschiedenen Parcels so zuzuweisen, dass sich die Parcels in ihren deskriptiven Kennwerten möglichst ähneln. Durch dieses Itemparceling wird die Anzahl der zu Bezeichnung Beispielitem Anzahl Items M SD a Extraversion Verträglichkeit Neurotizismus „Ich bin der Stimmungsmacher auf Partys“ „Ich respektiere andere“ „Ich gerate leicht in Panik“ 7 6 7 2.79 3.10 1.92 0.60 0.50 0.64 .80 .72 .85 Tab. 2: Eingesetzte Skalen zur Erfassung der Persönlichkeitsmerkmale Anmerkungen: M = Mittelwert, SD = Standardabweichung, a = Cronbachs a. Cyberbullying unter Schülerinnen und Schülern 87 schätzenden Modellparameter reduziert. Im Strukturgleichungsmodell werden dann die Scores der Parcels genutzt (Bandalos, 2008). Zum Umgang mit fehlenden Werten wurde im Rahmen dieser Analyse auf den Full Information Maximum Likelihood Algorithmus zurückgegriffen (FIML; Graham, 2009). Ergebnisse Deskriptive Befunde In einem ersten Schritt soll aufgezeigt werden, in welchem Ausmaß Jugendliche traditionelles Bullying und Cyberbullying ausüben sowie traditionelle Viktimisierung und Cyberviktimisierung erfahren. Die folgenden Häufigkeitsangaben beziehen sich auf die globalen Items (Tab. 1). Auftretenshäufigkeit Bullying und Viktimisierung Jede zweite Teilnehmerin bzw. jeder zweite Teilnehmer gab an, andere in ihrem bzw. seinem direkten Umfeld zu schikanieren (51,5 % traditionelle Bullies), im virtuellen Raum war jede bzw. jeder Vierte bereits selbst als Täterin bzw. Täter aktiv (26,9 % Cyberbullies). Es zeigt sich, dass 61,2 % der Jugendlichen berichten, bereits Opfer von traditionellem Bullying geworden zu sein, während im Vergleich dazu „nur“ etwa jede bzw. jeder Vierte unter Cyberviktimisierung litt (24,6 %). Geschlechterspezifische Differenzen Mädchen sind im Vergleich zu Jungen sowohl signifikant häufiger Opfer von traditionellem Bullying (t(1686) = 4.43, p < .001; d = 0.21) als auch von Cyberbullying (t(1745) = 7.08, p < .001; d = 0.33). Im Gegensatz dazu neigen Jungen signifikant häufiger dazu, als Täter traditionelles Bullying (t(1824) = -9.97, p < .001; d = 0.43) und, jedoch mit geringer praktischer Bedeutsamkeit, Cyberbullying (t(1271) = -3.22, p < .001; d = 0.16) auszuüben. Altersspezifische Differenzen Univariate Varianzanalysen zeigen signifikante, aber in der Varianzaufklärung kleine Differenzen zwischen den Jugendlichen unterschiedlichen Alters in traditioneller Viktimisierung (F [7, 1830] = 4.09, p < .001, h ² = .02) und Cyberviktimisierung (F [7, 1790] = 2.46, p < .05, h ² = .01). Die 12-jährigen Befragungsteilnehmerinnen und -teilnehmer weisen die geringsten, die 18-Jährigen dagegen die höchsten Werte für traditionelle Viktimisierung auf (Tab. 3). Die Auftretenshäufigkeit von Cyberviktimisierung nimmt bis zum Alter von 15 Jahren zu, erreicht hier ein Maximum, nimmt danach wieder ab und ist bei den 18- und 19-Jährigen am geringsten ausgeprägt. Im ausgeübten traditionellen Bullying bestehen keine signifikanten Altersunterschiede (F [7, 1832] = 1.21, p > .05, h ² = .01). Die altersspezi- Alter 12 13 14 15 16 17 18 19 N 70 180 315 380 358 284 157 94 Trad. Bullying M 1.74 1.70 1.89 1.73 1.81 1.76 1.84 1.74 SD 0.92 0.90 1.01 0.93 0.89 0.88 1.00 0.94 Cyberbullying M 1.26 1.32 1.45 1.37 1.42 1.36 1.49 1.25 SD 0.56 0.67 0.83 0.73 0.73 0.74 0.85 0.62 Trad. Viktimisierung M 1.66 1.96 1.90 2.12 2.14 2.18 2.22 2.19 SD 0.92 1.13 1.02 1.14 1.12 1.10 1.11 1.02 Cyberviktimisierung M 1.29 1.34 1.37 1.45 1.32 1.32 1.22 1.22 SD 0.55 0.68 0.68 0.83 0.66 0.63 0.59 0.53 Tab. 3: Deskriptive altersspezifische Differenzen in Bezug auf traditionelles Bullying und Cyberbullying sowie traditionelle Viktimisierung und Cyberviktimisierung Anmerkungen: M = Mittelwert, SD = Standardabweichung. 88 Victoria Neuber et al. fischen Differenzen im ausgeübten Cyberbullying sind nur marginal signifikant (F [7, 1791] = 1.82, p < .10, h ² = .01). Der Post-hoc-Test nach Scheffé, welcher aufgrund der unterschiedlichen Gruppengrößen durchgeführt wurde, zeigt für keinen der Einzelgruppenvergleiche signifikante Unterschiede zwischen den Altersstufen. Überprüfung auf Stichprobenverzerrungen Aufgrund der Reduktion der Stichprobe soll zudem überprüft werden, ob systematische Unterschiede zwischen den Jugendlichen bestehen, die 1) den Fragebogen vollständig und valide ausgefüllt haben (N = 1850), im Vergleich zu denen, die 2) den Fragebogen vor Beendigung abgebrochen haben, von denen aber zumindest noch Informationen zu ihren Erfahrungen mit Bullying bzw. Viktimisierung vorliegen (N = 1425). Es zeigen sich keine Unterschiede zwischen den beiden Gruppen hinsichtlich traditioneller Viktimisierung (t(3261) = 1.30, p > .05) und Cyberviktimisierung (t(2852.84) = -1.21, p > .05), jedoch bei der Erfahrung als Bully: Diejenigen, die den Fragebogen im weiteren Verlauf abgebrochen haben, üben laut Selbstbericht häufiger traditionelles Bullying (t(3258) = -4.13, p < .001, d = 0.15) und Cyberbullying (t(2706.57) = -3.12, p < .01; d = 0.11) aus. Die Effektstärken fallen jedoch gering aus. Die Implikationen dieser Ergebnisse werden im Anschluss an die Befunde diskutiert. Paralleles Auftreten von traditionellem Bullying und Cyberbullying bzw. traditioneller Viktimisierung und Cyberviktimisierung Um der Frage nach dem parallelen Auftreten der beiden Formen des Bullyings bzw. der Viktimisierung nachzugehen, wurden in einem ersten Schritt bivariate Korrelationen zwischen den globalen Items zur Erfassung von traditionellem Bullying und Cyberbullying sowie traditioneller Viktimisierung und Cyberviktimisierung berechnet. Signifikante Zusammenhänge mittlerer Stärke zeigen sich zwischen traditioneller Viktimisierung und Cyberviktimisierung (r = .51, p < .001) sowie zwischen traditionellem Bullying und Cyberbullying (r = .58, p < .001). Anschließend wurden Konfigurationsfrequenzanalysen (KFA) durchgeführt (Forschungsfrage 1). Hierzu wurden die vier interessierenden Items dichotomisiert 2 . Paralleles Auftreten von traditionellem Bullying und Cyberbullying Aus Tabelle 4 wird ersichtlich, dass die KFA für die Kombination der dichotomen Variablen traditionelles Bullying, Cyberbullying und Geschlecht ( c ²(4) = 303.08, p < .001) die Existenz von drei Typen (Merkmalskonfiguratio- Merkmalskonfiguration Häufigkeiten Statistik B T B C G Beobachtet Erwartet p weiblich Kein Bullying Cyberbullying Traditionelles Bullying Kombiniertes Bullying 111 121 211 221 565 55 242 212 52,6 % 5,1 % 22,5 % 19,7 % 465.87 154.13 341.13 112.87 43,3 % 14,4 % 31,8 % 10,5 % < .001 T < .001 A < .001 A < .001 T männlich Kein Bullying Cyberbullying Traditionelles Bullying Kombiniertes Bullying 112 122 212 222 239 17 256 192 33,9 % 2,4 % 36,4 % 27,3 % 180.00 76.00 315.00 133.00 25,6 % 10,8 % 44,7 % 18,9 % > .05 < .001 A > .05 < .001 T Tab. 4: Paralleles Auftreten von traditionellem Bullying und Cyberbullying Anmerkungen: Die Merkmalskonfiguration präsentiert die systematische Kombination der drei dichotomen Variablen B T = traditionelles Bullying (1 = nein, 2 = ja), B C = Cyberbullying (1 = nein, 2 = ja) und G = Geschlecht (1 = weiblich, 2 = männlich). Der Exponent bezeichnet die Typen (T) und Antitypen (A). Signifikanzniveau adjustiert nach Bonferroni a = .006. Cyberbullying unter Schülerinnen und Schülern 89 nen 3 111, 221 und 222) sowie drei Antitypen (Merkmalskonfigurationen 121, 122 und 211) vorschlägt. In den lokalen Zusammenhängen zwischen den Variablen zeigt sich, dass diejenigen Befragungsteilnehmerinnen und -teilnehmer, welche weder im direkten Umfeld noch im virtuellen Raum als Bully agierten, einen Typ bilden und somit signifikant häufiger auftreten, als bei reiner Zufallskombination zu erwarten wäre. Ebenfalls traten sowohl weibliche als auch männliche kombinierte Bullies (Täterinnen und Täter in beiden Kontexten) signifikant häufiger auf, als bei zufälliger Kombination zu erwarten wäre. Das beobachtete Auftreten von weiblichen Teilnehmerinnen, welche ausschließlich im direkten Umfeld oder ausschließlich im virtuellen Raum als Bully agierten, lag signifikant unter dem bei Zufall zu erwartenden Wert (Tab. 4). Paralleles Auftreten von traditioneller Viktimisierung und Cyberviktimisierung Wie Tabelle 5 ausweist, resultieren bei Kombination der Variablen traditionelle Viktimisierung, Cyberviktimisierung und Geschlecht ( c ² (11) = 206.88, p < .001) gemäß der KFA drei Typen (Merkmalskonfigurationen 111, 112 und 221) und drei Antitypen (Merkmalskonfigurationen 121, 122 und 211). Für die möglichen Merkmalskonfigurationen zeigte sich, dass sowohl signifikant mehr weibliche als auch signifikant mehr männliche Teilnehmer, als bei Zufallskombination erwartet würde, unter keiner Form der Viktimisierung litten. Auch weibliche ‚kombinierte‘ Opfer (Opfer von Bullying in beiden Kontexten) bildeten einen Typ, traten also signifikant häufiger auf, als bei Unabhängigkeit der Variablen zu erwarten gewesen wäre. Die Jugendlichen waren signifikant seltener ausschließlich Opfer von Cyberbullying, als bei zufälliger Kombination zu erwarten wäre (Tab. 5). Werden die vier Variablen traditionelles Bullying, Cyberbullying, traditionelle Viktimisierung und Cyberviktimisierung mittels KFA ohne Berücksichtigung des Geschlechts ( c ² (11) = 205.77, p < .001) analysiert, zeigen sich bei 16 möglichen Merkmalskonfigurationen die folgenden vier Typen: 1) An Bullying gänzlich Unbeteiligte (weder Täterinnen bzw. Täter noch Opfer; N = 319 / 18,0 %), 2) kombinierte Bullies, die keine Viktimisierung erfahren (N = 130 / 7,3 %), 3) kombinierte Opfer, die nicht selbst als Täterinnen und Täter agieren (N = 144 / 8,1 %) und 4) Jugendliche, die sowohl (Cyber-)Viktimisierung erfahren als auch (Cyber-)Bullying ausüben (N = 131 / 7,4 %). Merkmalskonfiguration Häufigkeiten Statistik V T V C G Beobachtet Erwartet p weiblich Keine Viktimisierung Cyberviktimisierung Traditionelle Viktimisierung Kombinierte Viktimisierung 111 121 211 221 362 39 379 287 33,9 % 3,7 % 35,5 % 26,9 % 278.48 122.52 462.52 203.48 26,1 % 11,5 % 43,3 % 19,1 % < .006 T < .001 A < .001 A < .001 T männlich Keine Viktimisierung Cyberviktimisierung Traditionelle Viktimisierung Kombinierte Viktimisierung 112 122 212 222 293 5 304 105 41,4 % 0,7 % 43,0 % 14,9 % 251.64 46.36 345.36 63.64 35,6 % 6,6 % 48,9 % 9,0 % < .001 T < .001 A > .05 > .05 Tab. 5: Paralleles Auftreten von traditioneller Viktimisierung und Cyberviktimisierung Anmerkungen: Die Merkmalskonfiguration präsentiert die systematische Kombination der drei dichotomen Variablen V T = traditionelle Viktimisierung (1 = nein, 2 = ja), V C = Cyberviktimisierung (1 = nein, 2 = ja) und G = Geschlecht (1 = weiblich, 2 = männlich). Der Exponent bezeichnet die Typen (T) und Antitypen (A). Signifikanzniveau adjustiert nach Bonferroni a = .006. 90 Victoria Neuber et al. Zusammenhänge von Cyberbullying und Cyberviktimisierung mit Persönlichkeitseigenschaften Folgend soll der Frage nachgegangen werden, wie Cyberbullying und Cyberviktimisierung mit den Persönlichkeitseigenschaften Extraversion, Verträglichkeit und Neurotizismus in Verbindung stehen. Tabelle 6 bildet vorab die manifesten Korrelationen aller einbezogenen Variablen ab. Beispielsweise hängen Cyberbullying und die Persönlichkeitseigenschaft Verträglichkeit hypothesenkonform deutlich negativ zusammen (r = -.57, p < .001). Um die Persönlichkeitseigenschaften als Prädiktoren für Cyberbullying und -viktimisierung multivariat zu prüfen, wurde ein latentes Strukturgleichungsmodell unter simultaner Berücksichtigung der Skalen Cyberbullying und Cyberviktimisierung als abhängige sowie Extraversion, Neurotizismus und Verträglichkeit als unabhängige Variablen mit je zwei Parcels pro Skala berechnet. Das Modell (Abb. 1) weist eine überwiegend gute bis sehr gute Anpassung an die empirischen Daten auf ( c ²(25) = 128.05, p < .001, c ²/ df = 5.12; TLI = .98, CFI = .99; RMSEA = .05). Was die Regression von Cyberbullying auf Extraversion anbelangt (Forschungsfrage 2), so zeigt sich ein signifikanter, aber nur geringer Zusammenhang ( b = .10, p < .001). Dagegen stellt Verträglichkeit einen substanziell negativen Prädiktor für Cyberbullying dar ( b = -.68, 1. 2. 3. 4. 1. Cyberbullying 2. Cyberviktimisierung 3. Verträglichkeit 4. Extraversion 5. Neurotizismus .12*** -.57*** .15*** .03 -.09*** -.12*** .34*** -.10*** -.08** -.41*** Tab. 6: Bivariate manifeste Interkorrelationen (Pearson) der Modellvariablen Anmerkungen: ** p < .01. *** p < .001. Verträglichkeit Cyberviktimisierung Extraversion Neurotizismus Cyberbullying -.09** -.11*** -.52*** -.68*** .03 .10*** -.07* .01 .39*** .29*** Abb. 1: Strukturgleichungsmodell mit standardisierten latenten ß-Koeffizienten und Korrelationen. * p < .05. ** p < .01. *** p < .001. Cyberbullying unter Schülerinnen und Schülern 91 p < .001), was Hypothese 1 stützt: Je weniger verträglich Jugendliche sind, desto stärker neigen sie dazu, im virtuellen Raum als Täterinnen und Täter zu agieren. Insgesamt können durch die Persönlichkeitseigenschaften 49,5 % der Varianz der Skala Cyberbullying erklärt werden. Für Cyberviktimisierung ist Extraversion ( b = -.07, p < .05) ein zwar statistisch signifikanter, aber schwacher, Neurotizismus hingegen ein signifikanter und deutlicherer Prädiktor ( b = .39, p < .001), was Hypothese 2 stützt: Je neurotischer Jugendliche sind, desto stärker neigen diese dazu, Opfer von Cyberbullyingattacken zu werden. Die einbezogenen Persönlichkeitseigenschaften können 15,5 % der Varianz der Skala Cyberviktimisierung erklären. Diskussion Im Zentrum des vorliegenden Beitrags stand die Untersuchung des parallelen Auftretens von traditionellem Bullying und Cyberbullying sowie traditioneller Viktimisierung und Cyberviktimisierung. Zudem wurde analysiert, inwieweit Cyberbullying und Cyberviktimisierung mit den Persönlichkeitseigenschaften Verträglichkeit, Extraversion und Neurotizismus zusammenhängen. Die Befunde dieser Arbeit liefern nach vorab festgestellten Auftretenshäufigkeiten einen Erkenntnisgewinn zu typologischen Mustern und zu Risikofaktoren von Cyberbullying und -viktimisierung. Auftretenshäufigkeit von Cyberbullying und Cyberviktimisierung Analog zu bisherigen Forschungsbefunden (z. B. Mora-Merchán et al., 2010; Riebel et al., 2009) konnte für die vorliegende Stichprobe gezeigt werden, dass rund 25 % der befragten Jugendlichen als Täterinnen und Täter an Cyberbullying beteiligt waren, ebenso rund 25 % als Opfer, wobei Geschlechtsunterschiede und (geringe) altersspezifische Unterschiede bestehen. Divergenzen zwischen Jungen und Mädchen zeigen sich für Cyberviktimisierung, jedoch nicht für Cyberbullying. Gemäß dem Vergleich der Häufigkeitsangaben der beiden Geschlechter sind die Mädchen signifikant häufiger Opfer von Cyberbullying geworden. Diese Ergebnisse ähneln den Befunden vorheriger Studien (zusammenfassend in Mora-Merchán et al., 2010). Allerdings sollte der Einfluss des Geschlechts auf Cyberbullying und -viktimisierung in zukünftigen Studien differenzierter betrachtet werden: So wie sich Jungen und Mädchen in verschiedenen Formen des traditionellen Bullyings unterscheiden - z. B. üben Jungen eher physische Formen von Bullying aus, während Mädchen eher Gerüchte in die Welt setzen (Scheithauer et al., 2003) -, erscheint es plausibel, dass sich Unterschiede auch für verschiedene Formen von Cyberbullying und -viktimisierung zeigen können. Das parallele Auftreten von Bullying bzw. Viktimisierung im direkten Umfeld und im virtuellen Raum Forschungsfrage 1 Eines der primären Ziele der vorliegenden Studie bestand darin, die von Gradinger et al. (2009) identifizierten Typen zu replizieren. Auch für die Stichprobe der vorliegenden Studie konnte gezeigt werden, dass Jugendliche selten Täterinnen und Täter in nur einem der beiden Kontexte (direktes oder virtuelles Umfeld), sondern mehrheitlich kombinierte Bullies sind (Täterinnen und Täter sowohl im direkten als auch im virtuellen Umfeld). Im Hinblick auf die Viktimisierung im direkten Umfeld und im virtuellen Raum zeigte sich hingegen, dass ausschließlich die Mädchen überzufällig häufig eine kombinierte Viktimisierung erfuhren (Opfer sowohl im direkten als auch im virtuellen Umfeld). Die aufgezeigten Befunde erlauben zwar noch keine definitiven Rückschlüsse, sprechen 92 Victoria Neuber et al. aber für eine deutliche Überschneidung von traditionellem Bullying und Cyberbullying (vgl. auch Gradinger et al., 2009). Aus dieser Verzahnung beider Formen des Bullyings lässt sich folgern, dass Präventionsmaßnahmen gegen traditionelles Bullying zwar auch das Risiko für Cyberbullying reduzieren könnten, aber dessen Charakteristika zusätzlich berücksichtigen sollten, um eine präventive Wirkung gegen das Auftreten beider Formen sicherzustellen bzw. diese zu optimieren. Für den Bereich des traditionellen Bullyings existieren bereits evaluierte Programme wie das fairplayer.manual (vgl. Scheithauer & Bull, 2008). Dieses dient der Förderung sozial-emotionaler Kompetenzen von Jugendlichen. Die Schülerinnen und Schüler werden für die Problematik des Bullyings sensibilisiert und erlernen angemessene Verhaltensweisen im Umgang mit Bullying. Das Programm erzielt z. B. positive Effekte auf das prosoziale Verhalten und vermindert die Häufigkeit von Bullying (Scheithauer, Hess, Schultze- Krumbholz & Bull, 2012). Ob damit einhergehend auch das Auftreten von Cyberbullying sinkt, gilt es in zukünftigen Evaluationsstudien zu prüfen. Bereits bestehende Ansätze, die präventiv Cyberbullying entgegenwirken sollen, fokussieren verstärkt auf die Vermittlung von Medienkompetenzen, was jedoch nicht bedeuten muss, dass diese sozial-emotionale Aspekte ausklammern. Beispielhaft kann hier das Trainings- und Präventionsprogramm Surf-fair benannt werden (vgl. Pieschl & Porsch, 2012). Erste Ergebnisse weisen darauf hin, dass das Auftreten von Cyberbullying und -viktimisierung durch das Programm vermindert werden kann (ebd.). Um aktiv gegen Cyberbullying vorzugehen und die Verzahnung mit traditionellem Bullying zu berücksichtigen, sollten Präventionsprogramme nach Möglichkeit beide Komponenten umfassen: zum einen die Förderung sozial-emotionaler Kompetenzen, zum anderen die kritische Auseinandersetzung mit und die kompetente Nutzung von neuen Medien (Perren et al., 2012). Persönlichkeitseigenschaften von Täterinnen bzw. Tätern und Opfern des Cyberbullyings Forschungsfrage 2 Die vorliegende Studie hat gezeigt, dass das Ausüben von Cyberbullying zwar in einer signifikant positiven, aber nur schwachen Beziehung zur Persönlichkeitseigenschaft Extraversion steht, welche demgemäß für Cyberbullying- Verhalten eher von geringer Relevanz zu sein scheint. Dies ist insofern plausibel, als dass Cyberbullies im Internet mit einem Pseudonym (vermeintlich) anonym und mit physischer Distanz agieren können. Hierfür dürfte Extraversion, also z. B. ein gesprächiges, expressives und selbstbewusstes Verhalten, eine geringere Rolle spielen, anders als es für verbale und körperliche Formen des traditionellen Bullyings in realen sozialen Situationen angenommen werden kann. Zur Beantwortung der Frage, ob traditionelles Bullying im Vergleich zum Cyberbullying tatsächlich von bedeutsam extravertierteren Personen ausgeübt wird, bedarf es jedoch weiterer Befunde. Hypothese 1 Es wurde angenommen und bestätigt, dass das Ausüben von Cyberbullying in deutlich negativer Beziehung zur Persönlichkeitseigenschaft Verträglichkeit steht. Zwischen den beiden Konstrukten zeigte sich erwartungsgemäß ein starker negativer Zusammenhang, d. h. je unverträglicher Jugendliche waren, desto stärker neigten diese dazu, im virtuellen Raum als Täterinnen und Täter zu agieren. Somit liegt es nahe, dass die Persönlichkeitseigenschaft Verträglichkeit ein deutlicher Risikofaktor für die Entwicklung der Neigung ist, anderen durch Cyberbullying Schaden zufügen zu wollen. Da die Folgen dieses Verhaltens im virtuellen Raum für Täterinnen und Täter oft nur schwer ersichtlich sind, könnte für sie der Trugschluss entstehen, das Opfer hätte kein bedeutsames Leid erfahren (Willard, 2007). Aufgrund dieser, zumindest im Vergleich zum traditionellen Bul- Cyberbullying unter Schülerinnen und Schülern 93 lying stärker begrenzten Rückmeldungen zu den Konsequenzen für das Opfer, könnte eine natürliche Hemmschwelle reduziert werden. Dadurch könnten das Ausmaß, die Rücksichtslosigkeit und die Grausamkeit der Attacken umso stärker ausfallen. Die Folgen für die Opfer von Cyberbullying sollten daher in Präventionsprogrammen thematisiert und ein Bewusstsein für das eigene Handeln auf Täterseite, beispielsweise durch Perspektivübernahme, geschaffen werden (Übungen dazu bietet z. B. das genannte Programm Surf-Fair; vgl. Pieschl & Porsch, 2012). Hypothese 2 Ein deutlicher Befund wurde in diesem Beitrag auch für die Persönlichkeitseigenschaft Neurotizismus ermittelt: Je neurotischer, also je emotional instabiler, Jugendliche sind, desto stärker tendieren diese dazu, Opfer von Cyberbullying zu sein. So kann eine stärkere Ausprägung von Neurotizismus es durch eine für andere wahrnehmbare psychische Vulnerabilität begünstigt haben, dass die Betroffenen Opfer von Cyberbullying geworden sind. Gleichzeitig könnte auch die Neigung zum Neurotizismus bei den sich noch in der Entwicklung befindlichen Adoleszenten durch das Cyberbullying verstärkt worden sein, da wiederholte Angriffe z. B. über das Internet von teils anonymen Täterinnen und Tätern zu einer Steigerung emotionaler Unsicherheiten führen und zu negativen Selbsteinschätzungen beitragen können (Olweus, 2009). Neurotizismus könnte in der Adoleszenz folglich sowohl Ursache als auch Folge von Cyberbullying sein, sodass auch ein Teufelskreislauf denkbar ist. Opfer sollten daher Coping-Strategien zum richtigen Umgang mit den auftretenden Problemen erlernen (beispielsweise die frühzeitige Suche sozialer Unterstützung bei vertrauten Personen), welche speziell bei Cyberbullying auch technische Aspekte wie das Sperren von Personen in sozialen Netzwerken umfassen sollten. Es erscheint plausibel, dass mit frühzeitiger Hilfesuche und anschließender Lösung des Konflikts langfristig negative Folgen für die Opfer von Cyberbullying vermieden oder zumindest reduziert werden können. Zusammenfassend sprechen diese Ergebnisse dafür, dass es für Täterinnen bzw. Täter und Opfer in der Adoleszenz spezifische persönliche Charakteristika gibt, welche das Auftreten der Problematik beeinflussen. Die hier untersuchten Persönlichkeitseigenschaften hingen mit dem Ausmaß, Cyberbullying auszuüben, signifikant zusammen, was im Falle von Verträglichkeit sehr deutlich hervortritt. Insgesamt werden rund 50 % der Varianz erklärt. Dagegen hing das Ausmaß, Opfer von Cyberbullying zu sein, nur mit Neurotizismus signifikant zusammen und wird insgesamt nur zu rund 16 % erklärt. Demgemäß dürfte insbesondere Cyberviktimisierung noch von weiteren relevanten Personenmerkmalen beeinflusst werden, die in dieser Studie nicht erfasst wurden. Einschränkungen der vorliegenden Studie Aus ökonomischen Gründen und um eine möglichst große Stichprobe von Schülerinnen und Schülern zu erreichen, erfolgte die Datenerhebung webbasiert. Dadurch ist die Stichprobe mit N = 1850 relativ groß. Es wurde überprüft, ob systematische Unterschiede zwischen den Jugendlichen vorliegen, die den Fragebogen vollständig ausgefüllt haben, und denen, die den Fragebogen vorzeitig abgebrochen haben. Es zeigte sich, dass diejenigen, die die Befragung im weiteren Verlauf abgebrochen haben, etwas häufiger berichten, (Cyber-)Bullying auszuüben. Daher kann vermutet werden, dass die Auftretenshäufigkeit von Cyberbullying in der Population noch etwas höher ausfällt als mit der vorliegenden Stichprobe abgebildet werden konnte. Die Befunde der vorliegenden Studie liefern zwar wichtige Aufschlüsse, eine bedenkenlose Verallgemeinerung auf die Gesamtpopulation Jugendlicher ist jedoch nicht möglich, da bei der Erhebung via Internet im vorliegenden Forschungsdesign keine randomisierte Stichprobe befragt werden konnte. Wünschens- 94 Victoria Neuber et al. wert wären zudem Untersuchungen mit stärker differenzierenden Instrumenten zur Erfassung von traditionellem Bullying und Cyberbullying, um weitere Facetten und Bedingungen beider Formen des Bullyings auf der Mikroebene zu fokussieren. Um Wirkungsrichtungen von Persönlichkeitseigenschaften und Cyberbullying/ -viktimisierung überprüfen zu können, bedarf es längsschnittlicher Studien mit Cross-Lagged- Panel-Design. Dabei sind ebenfalls Verfahren multipler Imputation (Lüdtke, Robitzsch, Trautwein & Köller, 2007) zum Umgang mit fehlenden Werten in Betracht zu ziehen. Zusammenfassend bleibt festzuhalten, dass die vorliegende Studie einen bedeutsamen Beitrag geleistet und Forschungslücken zum Phänomen des Cyberbullyings geschlossen hat, wenngleich weitere Studien notwendig sind, um Hinweise für weitere Determinanten und Wirkmechanismen differenziert zu eruieren. Denn: Eine Voraussetzung für die Entwicklung erfolgreicher neuer und die Optimierung vorhandener Präventions- und Interventionsmaßnahmen ist ein profundes Verständnis des Gewaltphänomens. Danksagung Die vorliegende Untersuchung wurde von dem sozialen Netzwerk SchülerVZ unterstützt, auf dessen Startseite ein Link zum Online-Fragebogen implementiert werden konnte. Unser Dank gilt darüber hinaus Christina Watson und Mariola Jeschka-Lorke, welche an der Planung und Pilotierung der Studie beteiligt waren. Anmerkungen 1 Bezugnehmend auf Jäger und Riebel (2009) wurde statt des Begriffs traditionelles Bullying bzw. Mobbing der Begriff direktes Mobbing verwendet. Die Schülerinnen und Schüler erhielten die folgenden Definitionen basierend auf der Begriffserklärung der genannten Autoren: 1) Direktes Mobbing: „Unter direktem Mobbing verstehen wir gezieltes und wiederholtes Ärgern, Angreifen oder Schikanieren gegenüber schwächeren Kindern bzw. Jugendlichen. Dazu gehören sowohl körperliche (z. B. schlagen, stoßen, treten) als auch verbale Angriffe (z. B. dumme Sprüche machen, drohen, hänseln) sowie das Ausschließen anderer aus der Gruppe“. 2) Cybermobbing: „Bei Cybermobbing geht es darum, dass neue Techniken wie E-Mails, Chats, Instant Messenger (z. B. ICQ, MSN,…) oder auch Handys eingesetzt werden, um mit voller Absicht und immer wieder andere zu verletzen, sie zu bedrohen, zu beleidigen, Gerüchte über sie zu verbreiten oder ihnen Angst zu machen.“ 2 Wählten Jugendliche die Kategorie 1 = nie, wurden diese als Unbeteiligte kodiert. Wurde eine der Antwortalternativen 2 - 5 angekreuzt, wurden die Jugendlichen als Opfer bzw. Täterinnen und Täter von traditionellem Bullying bzw. Cyberbullying kodiert. 3 Die Bedeutung der bezifferten Merkmalskonfigurationen geht aus den Anmerkungen unter Tabelle 4 bzw. Tabelle 5 hervor. Literatur Asendorpf, J. B. & Neyer, F. J. (2012). Psychologie der Persönlichkeit. Berlin: Springer. Bandalos, D. L. (2008). Is parceling really necessary? A comparison of results from item parceling and categorical variable methodology. Structural Equation Modeling: A Multidisciplinary Journal, 15, 211 - 240. http: / / dx.doi.org/ 10.1080/ 10705510801922340 Barrick, M. R., Mount, M. K. & Judge, T. A. (2001). Personality and performance at the beginning of the new millennium. What do we know and where do we go next? International Journal of Selection and Assessment, 9, 9 - 30. http: / / dx.doi.org/ 10.1111/ 1468-2389.00 160 Belsey, B. (2013). Cyberbullying. An emerging threat to the “always on” generation. Zugriff am 11. 4. 2013 unter http: / / www.cyberbullying.ca/ pdf/ Cyberbullying_Ar ticle_by_Bill_Belsey.pdf Bleidorn, W. & Ostendorf, F. (2009). Ein Big Five-Inventar für Kinder und Jugendliche. Die deutsche Version des Hierarchical Personality Inventory for Children (Hi- PIC). Diagnostica, 55, 160 - 173. http: / / dx.doi.org/ 10.1026/ 0012-1924.55.3.160 Digman, J. M. (1990). Personality structure: Emergence of the Five-Factor model. Annual Review of Psychology, 41, 417 - 440. http: / / dx.doi.org/ 10.1146/ annurev.ps.41. 020190.002221 Goldberg, L. R. (1999). A broad-bandwidth, public domain, personality inventory measuring the lower-level facets of several Five-Factor models. In I. Mervielde, I. Deary, F. de Fruyt & F. Ostendorf (Eds.), Personality Psychology in Europe (Vol. 7, pp. 7 - 28). Tilburg: Tilburg University Press. Gradinger, P., Strohmeier, D. & Spiel, C. (2009). Traditional bullying and cyberbullying. Identification of risk groups for adjustment problems. Zeitschrift für Psychologie, 217, 205 - 213. http: / / dx.doi.org/ 10.1027/ 0044- 3409.217.4.205 Graham, J. W. (2009). Missing data analysis. Making it work in the real world. Annual Review of Psychology, 60, 549 - 576. http: / / dx.doi.org/ 10.1146/ annurev. psych.58.110405.085530 Grimm, P. & Clausen-Muradian, E. (2009). Cybermobbing - psychische Gewalt via Internet. „Ja, Beleidigungen, Bedrohungen. So was halt“. Kinder- und Jugendschutz in Wissenschaft und Praxis, 54, 33 - 37. Hartig, J., Jude, N. & Rauch, W. (2003). Entwicklung und Erprobung eines deutschen Big-Five-Fragebogens auf Basis des international personality item pools (IPIP40). Frankfurt a. M.: Institut für Psychologie. Cyberbullying unter Schülerinnen und Schülern 95 Jäger, R. S. & Riebel, J. (2009). Mobbing bei Schülerinnen und Schülern in der Bundesrepublik Deutschland. Eine empirische Untersuchung auf der Grundlage einer Online-Befragung im Jahre 2009. Koblenz, Landau: Zentrum für empirische pädagogische Forschung. Verfügbar unter http: / / www.zepf.uni-landau.de/ index.php? id=280&type=1&no_cache=1&file=1017&uid=340 Kowalski, R. M. & Limber, S. P. (2007). Electronic bullying among middle school students. Journal of Adolescent Health, 41, 22 - 30. http: / / dx.doi.org/ 10.1016/ j.jado health.2007.08.017 Kowalski, R. M., Limber, S. P. & Agatston, P. W. (2008). Cyberbullying. Bullying in the digital age. Malden, MA: Wiley-Blackwell. http: / / dx.doi.org/ 10.1002/ 9780470 694176 Krauth, J. (1993). Einführung in die Konfigurationsfrequenzanalyse (KFA). Ein multivariates nichtparametrisches Verfahren zum Nachweis und zur Interpretation von Typen und Syndromen. Weinheim: Beltz. Krauth, J. & Lienert, G. A. (1973). Die Konfigurationsfrequenzanalyse (KFA) und ihre Anwendung in Psychologie und Medizin: Ein multivariates nichtparametrisches Verfahren zur Aufdeckung von Typen und Syndromen. Freiburg: Alber. Lüdtke, O., Robitzsch, A., Trautwein, U. & Köller, O. (2007). Umgang mit fehlenden Werten in der psychologischen Forschung: Probleme und Lösungen. Psychologische Rundschau, 58, 103 - 117. http: / / dx.doi.org/ 10.1026/ 0033-3042.58.2.103 Mora-Merchán, J. A., Del Rey, R. & Jäger, T. (2010). Cyberbullying. Review of an emergent issue. In J. A. Mora-Merchán & T. Jäger (Eds.), Cyberbullying. A cross-national comparison (pp. 271 - 282). Landau: Verlag Empirische Pädagogik. Muthén, L. K. & Muthén, B. O. (2009). Mplus 5.21 [Computer Software]. Los Angeles, CA: Muthén & Muthén. Mynard, H. & Joseph, S. (1997). Bully/ victim problems and their association with Eysenck’s personality dimensions in 8 to 13 year-olds. British Journal of Educational Psycholog y, 67, 51 - 54. http: / / dx.doi.org/ 10.1111/ j.2044-8279.1997.tb01226.x Olweus, D. (2009). Mobbing in Schulen. Fakten und Intervention. In A. Henschel, R. Krüger, S. Schmitt & W. Stange (Hrsg.), Jugendhilfe und Schule. Handbuch für eine gelingende Kooperation (2. Aufl., S. 247 - 266). Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften. Perren, S., Corcoran, L., Cowie, H., Dehue, F., Garcia, D., McGuckin, C., … Völlink, T. (2012). Coping with cyberbullying: Review of empirical evidence regarding successful strategies. International Journal of Conflict and Violence, 6, 283 - 292. Pieschl, S. & Porsch, T. (2012). Schluss mit Cybermobbing! Das Trainings- und Präventionsprogramm ‘Surf-Fair’. Weinheim: Beltz. Raskauskas, J. & Stoltz, A. D. (2007). Involvement in traditional and electronic bullying among adolescents. Developmental Psychology, 43, 564 - 575. http: / / dx.doi. org/ 10.1037/ 0012-1649.43.3.564 Riebel, J. & Jäger, R. S. (2009). Cyberbullying als neues Gewaltphänomen. Definitionen, Erscheinungsformen, Tätereigenschaften und Implikationen für die Praxis. Kinder- und Jugendschutz in Wissenschaft und Praxis, 54, 38 - 41. Riebel, J., Jäger, R. S. & Fischer, U. C. (2009). Cyberbullying in Germany. An exploration of prevalence, overlapping with real life bullying and coping strategies. Psychology Science Quarterly, 51, 298 - 314. Salmivalli, C., Kaukiainen, A., Kaistaniemi, L. & Lagerspetz, K. M. J. (1999). Self-evaluated self-esteem, peerevaluated self-esteem, and defensive egotism as predictors of adolescents’ participation in bullying situations. Personality and Social Psychology Bulletin, 25, 1268 - 1278. http: / / dx.doi.org/ 10.1177/ 0146167299258008 Scheithauer, H. & Bull, H. D. (2008). Fairplayer.manual. Förderung von sozialen Kompetenzen und Zivilcourage - Prävention von Bullying und Schulgewalt. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. Scheithauer, H., Hayer, T. & Petermann, F. (2003). Bullying unter Schülern. Erscheinungsformen, Risikobedingungen und Interventionskonzepte. Göttingen: Hogrefe. Scheithauer, H., Hess, M., Schultze-Krumbholz, A. & Bull, H. (2012). School-based prevention of bullying and relational aggression in adolescence: The fairplayer. manual. New Directions for Youth Development, 133, 55 - 70. http: / / dx.doi.org/ 10.1002/ yd.20007 Slee, P.T. & Rigby, K. (1993). The relationship of Eysenck's personality factors and self-esteem to bully-victim behaviour in Australian schoolboys. Personality and Individual Differences, 14, 371 - 373. http: / / dx.doi.org/ 10.1016/ 0191-8869(93)90136-Q Smith, P. K., Mahdavi, J., Carvalho, M., Fisher, S., Russell, S. & Tippett, N. (2008). Cyberbullying. Its nature and impact in secondary school pupils. Journal of Child Psychology & Psychiatry, 49, 376 - 385. http: / / dx.doi. org/ 10.1111/ j.1469-7610.2007.01846.x Staude-Müller, F., Bliesener, T. & Nowak, N. (2009). Cyberbullying und Opfererfahrungen von Kindern und Jugendlichen im Web 2.0. Kinder- und Jugendschutz in Wissenschaft und Praxis, 54, 42 - 47. Tani, F., Greenman, P. S., Schneider, B. H. & Fregoso, M. (2003). Bullying and the big five: A study of childhood personality and participant roles in bullying incidents. School Psychology International, 24, 131 - 146. http: / / dx.doi.org/ 10.1177/ 0143034303024002001 von Eye, A. (2002). Configural frequency analysis. Methods, models, and applications. Mahwah, NJ: Erlbaum. von Mareés, N. & Petermann, F. (2012). Cyberbullying: An increasing challenge for schools. School Psychology International, 33, 467 - 476. http: / / dx.doi.org/ 10.11 77/ 0143034312445241 Willard, N. E. (2007). Cyberbullying and cyberthreats. Responding to the challenge of online social aggression, threats, and distress. Champaign, IL: Research Press. Ybarra, M. L., Diener-West, M. & Leaf, P. J. (2007). Examining the overlap in internet harassment and school bullying: Implications for school intervention. Journal of Adolescent Health, 41, 42 - 50. http: / / dx.doi.org/ 10.1016/ j.jadohealth.2007.09.004 Victoria Neuber, M. A. Prof. Dr. Josef Künsting Daniela Phieler, M. A. Universität Kassel FB 01 - Institut für Erziehungswissenschaft Nora-Platiel-Str. 1 D-34109 Kassel Fax: (05 61) 8 04-70 21 E-Mail: victoria.neuber@uni-kassel.de