Psychologie in Erziehung und Unterricht
3
0342-183X
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/PEU2014.art08d
3_062_2015_1/3_062_2015_1.pdf11
2015
621
Einschluss oder Ausschluss von Gleichaltrigen mit Hörschädigung?
11
2015
Jennifer Chilver-Stainer
Pasqualina Perrig-Chiello
Luciano Gasser
Nicht selten werden Mitschülerinnen und Mitschüler von schulisch integrierten Kindern mit Hörschädigung mit Situationen konfrontiert, in denen der Integrationsgedanke in Konflikt zu den eigenen Interessen steht. In der vorliegenden Studie wurde untersucht, inwiefern sich Urteile und Handlungsentscheidungen zum Einschluss von Gleichaltrigen mit Hörschädigung in Abhängigkeit von Situation, Jahrgangsstufe und Kontaktbereitschaft unterscheiden. Hierfür wurden 212 Schülerinnen und Schüler aus Regelklassen (Klasse 3, 5, 7) mit einem einzelintegrierten Kind mit Hörschädigung zu Geschichten befragt, in denen sich eine Protagonistin bzw. ein Protagonist zwischen dem Einschluss eines Kindes mit oder ohne Hörschädigung entscheiden muss. Die Mehrheit beurteilte den Einschluss des Kindes mit Hörschädigung in Situationen als richtig, in denen nur das Kind mit Behinderung zur Auswahl stand. Konnte sich die Protagonistin bzw. der Protagonist hingegen zwischen einem Kind mit oder ohne Hörschädigung entscheiden, erwartete nur noch die Hälfte den Einschluss des Kindes mit Hörschädigung. Zudem unterschieden sich die Einschlussentscheidungen in Abhängigkeit des Kontextes, der Jahrgangsstufe und der Kontaktbereitschaft.
3_062_2015_1_0006
n Empirische Arbeit Psychologie in Erziehung und Unterricht, 2015, 62, 40 -50 DOI 10.2378/ peu2014.art08d © Ernst Reinhardt Verlag München Basel Zusammenfassung: Nicht selten werden Mitschülerinnen und Mitschüler von schulisch integrierten Kindern mit Hörschädigung mit Situationen konfrontiert, in denen der Integrationsgedanke in Konflikt zu den eigenen Interessen steht. In der vorliegenden Studie wurde untersucht, inwiefern sich Urteile und Handlungsentscheidungen zum Einschluss von Gleichaltrigen mit Hörschädigung in Abhängigkeit von Situation, Jahrgangsstufe und Kontaktbereitschaft unterscheiden. Hierfür wurden 212 Schülerinnen und Schüler aus Regelklassen (Klasse 3, 5, 7) mit einem einzelintegrierten Kind mit Hörschädigung zu Geschichten befragt, in denen sich eine Protagonistin bzw. ein Protagonist zwischen dem Einschluss eines Kindes mit oder ohne Hörschädigung entscheiden muss. Die Mehrheit beurteilte den Einschluss des Kindes mit Hörschädigung in Situationen als richtig, in denen nur das Kind mit Behinderung zur Auswahl stand. Konnte sich die Protagonistin bzw. der Protagonist hingegen zwischen einem Kind mit oder ohne Hörschädigung entscheiden, erwartete nur noch die Hälfte den Einschluss des Kindes mit Hörschädigung. Zudem unterschieden sich die Einschlussentscheidungen in Abhängigkeit des Kontextes, der Jahrgangsstufe und der Kontaktbereitschaft. Schlüsselbegriffe: Moralische Entwicklung, sozialer Ausschluss, Integration, Hörschädigung Inclusion or Exclusion of Peers with Hearing Impairment? Judgments and Behavioral Decisions of Hearing Children and Adolescents from Inclusive Classes Summary: Students from schools inclusive of children with hearing impairment often face conflicts, in which personal interests interfere with concerns regarding inclusion. In the present study we investigated, whether judgments and behavioral decisions about inclusion of peers with hearing impairment differ by situation, grade and behavioral attitude. 212 students (grade 3, 5, 7) from classes inclusive of a child with hearing impairment responded to scenarios, in which a protagonist has to decide between the inclusion of a child with or without hearing impairment. The majority evaluated the inclusion of the child with hearing impairment in situations as right, in which only the child with disability could be chosen. However, when the protagonist could choose between a child with or without hearing impairment only half of the students expected the inclusion of the child with hearing impairment. Moreover the inclusion decisions varied as a function of context, grade and behavioral attitude. Keywords: Moral development, social exclusion, inclusion, hearing impairment Einschluss oder Ausschluss von Gleichaltrigen mit Hörschädigung? Urteile und Handlungsentscheidungen von hörenden Kindern und Jugendlichen aus integrativen Klassen Jennifer Chilver-Stainer 1, 2 , Pasqualina Perrig-Chiello 1 , Luciano Gasser 2 1 Universität Bern 2 Pädagogische Hochschule Luzern Die vorliegende Untersuchung wurde im Rahmen eines Forschungsprojekts durchgeführt, das vom Schweizerischen Nationalfonds und dem Heilpädagogischen Zentrum Hohenrain finanziert wurde. Die Autoren möchten sich bei den Kindern und Jugendlichen, ihren Eltern und Lehrpersonen für ihre Bereitschaft zur Teilnahme an der Untersuchung bedanken. Besonderer Dank gilt der Leiterin des Audiopädagogischen Dienstes, die bei der Stichprobenrekrutierung behilflich war. Einschluss oder Ausschluss von hörgeschädigten Mitschülern 41 Die gemeinsame Schulung von Kindern mit und ohne Behinderung nimmt in den vergangenen Jahren in Europa stetig zu (European Agency for Development in Special Needs Education, 2012). Auch in der Schweiz wurden bildungspolitische und gesetzliche Rahmenbedingungen zur Förderung integrativer Schulungsformen geschaffen (Behindertengleichstellungsgesetz: Bundesversammlung der Schweizerischen Eidgenossenschaft, 2002; Interkantonale Vereinbarung über die Zusammenarbeit im Bereich der Sonderpädagogik: Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren, 2007). Die integrative Schulung von Kindern und Jugendlichen mit Hörschädigung kann in der Schweiz auf eine rund 50-jährige Tradition zurückblicken und ist mittlerweile zum Mainstream geworden (Wertli, 2006). Soziale Situation integrativ beschulter Kinder und Jugendlicher mit Hörschädigung Trotz positiver Befunde hinsichtlich ihrer Schulleistungen (Müller, 1996; Wray, Flexer & Vaccaro, 1997) geben Studien zu sozial-emotionalen Aspekten von integrativ beschulten Kindern mit Hörschädigung ein weniger positives Bild (für Übersichten s. Moeller, 2007; Stinson & Antia, 1999). Untersuchungen zeigen, dass Kinder mit Hörschädigung in integrativen Settings sich unter hörenden Gleichaltrigen emotional unsicher fühlen und weniger häufig an deren Aktivitäten teilnehmen (Stinson & Whitmire, 1991; Stinson, Whitmire & Kluwin, 1996). Sie haben nur wenige hörende Freunde in der Klasse (Nunes, Pretzlik & Olsson, 2001) und ziehen es vor, mit ihresgleichen zusammen zu sein (Bat-Chava & Deignan, 2001). Aufgrund ihrer auditiven Beeinträchtigung stellen ein hohes Sprechtempo, schneller Themenwechsel, Lokalisierung der Sprechrichtung sowie ein hoher Lärmpegel insbesondere in Gruppen zusätzliche Erschwernisse dar (Leonhardt, 2010, für eine Übersicht; Stinson, Liu, Saur & Long, 1996). Darüber hinaus weisen Untersuchungen darauf hin, dass Kinder mit Hörschädigung im Altersverlauf weniger kommunikative Kontakte zu hörenden Gleichaltrigen in der Klasse haben (Steiner, 2009), sozial weniger akzeptiert sind (Cambra, 2002) und sich selbst als weniger kompetent einschätzen (Stinson et al., 1996). Die mangelnde soziale Integration von Kindern und Jugendlichen mit Hörschädigung wurde häufig mit deren Defiziten in der sozialen Kompetenz erklärt (z. B. Suárez, 2000). Dabei wird aber übersehen, dass der soziale Kontext, namentlich die Gruppe der Gleichaltrigen, eine wesentliche Rolle bei der sozialen Ausgrenzung dieser Kinder spielt. Es gibt nämlich Situationen, in denen der Ausschluss nicht wegen individueller Defizite geschieht, sondern aufgrund sozialer Erwartungen hinsichtlich der Gruppenzugehörigkeit wie z. B. Geschlecht, Nationalität oder Behinderung (Killen, Lee-Kim, McGlothlin & Stangor, 2002). In der vorliegenden Studie wurde anhand von hypothetischen Szenarien untersucht, wie hörende Kinder und Jugendliche den Einschluss eines Gleichaltrigen mit Hörschädigung in unterschiedlichen Situationen beurteilen und welche Handlungsentscheidungen sie in Dilemmasituationen mit einem hörenden Kind und einem Kind mit Hörschädigung erwarten. Urteile und Handlungsentscheidungen zum Ein- und Ausschluss auf Basis von Behinderung Bereichstheoretische Forschung zum sozialen Ausschluss hat gezeigt, dass Kinder und Jugendliche den Ausschluss aus der Gleichaltrigengruppe nicht immer als moralisch falsch bewerten, sondern darin auch eine Möglichkeit sehen, das Gruppenfunktionieren aufrechtzuerhalten (z. B. Killen et al., 2002; Malti, Killen & Gasser, 2012). Beispielsweise wurden Kindern und Jugendlichen in einer Untersuchung von Killen und Stangor (2001) hypothetische Geschichten vorgelegt, in denen ein Kind aufgrund des Geschlechts oder der Ethnizität aus stereotypen 42 Jennifer Chilver-Stainer, Pasqualina Perrig-Chiello, Luciano Gasser Aktivitäten ausgeschlossen wird (z. B. Knabe aus Ballettgruppe). Zuerst wurden die Kinder gefragt, ob es richtig ist, das nicht stereotype Kind in die Aktivität einzuschließen (moralisches Urteil). Danach wurde die Komplexität erhöht, indem die Protagonistin bzw. der Protagonist sich zwischen einem stereotypen Kind (z. B. ein Mädchen) und einem nicht stereotypen Kind entscheiden sollte (Handlungsentscheidung). Obwohl die Mehrheit den Einschluss des nicht stereotypen Kindes als moralisch richtig beurteilte, erwartete die Hälfte, dass die Entscheidung der Protagonistin bzw. des Protagonisten zugunsten des stereotypen Kindes ausfallen würde. Die Resultate bestätigen eine grundlegende Annahme der sozialen Bereichstheorie, wonach bei der Beurteilung sozialer Ereignisse je nach Situation moralische (z. B. Fairness, Fürsorge) und nicht-moralische Interessen (z. B. Gruppeneffektivität, -identität) unterschiedlich gewichtet werden (vgl. Smetana, 2006; Turiel, 1998). Bislang hat Forschung zu moralischen Urteilen und Handlungsentscheidungen in Ausschlusssituationen nur auf Geschlecht, Ethnizität oder Nationalität fokussiert (vgl. Killen & Rutland, 2011). Zum Ein- und Ausschluss auf Basis von Behinderung gibt es kaum Untersuchungen. In zwei Untersuchungen (Diamond & Hong, 2010; Diamond & Tu, 2009) wurden Kindergartenkinder aus integrativen Klassen im Rahmen hypothetischer Situationen vor die Entscheidung gestellt, ein Kind mit oder ohne Körperbehinderung in verschiedene Spielaktivitäten einzuschließen. Insgesamt entschieden sich rund zwei Drittel der Kinder für den Einschluss des Kindes ohne Behinderung. Situative Einflüsse zeigten sich dahingehend, dass die Kinder eher bereit waren, das Kind mit Körperbehinderung in Aktivitäten einzuschließen, bei denen die Behinderung sich nicht nachteilig auf das gemeinsame Spiel auswirkte (z. B. Zeichnen). In einer weiteren Studie wurden moralische Urteile und Handlungsentscheidungen von Kindergarten- und Primarschulkindern in Bezug auf den sozialen Ein- und Ausschluss von Kindern mit geistiger Behinderung oder Körperbehinderung untersucht (Gasser, Chilver- Stainer, Buholzer & Perrig-Chiello, 2012). Die Mehrheit beurteilte den Ausschluss von Kindern mit Behinderung grundsätzlich als falsch und begründete ihr Urteil mit Bezug auf Fairness und Chancengleichheit. In Dilemmasituationen dagegen, in denen moralische Ansprüche und solche zur Gruppeneffektivität miteinander in Konflikt standen, erwartete nur noch die Hälfte den Einschluss des Kindes mit Behinderung. Die Entscheidungen der älteren Kinder waren stärker abhängig von Überlegungen zur Gruppeneffektivität als die Entscheidungen der jüngeren Kinder (Gasser, Malti & Buholzer, 2013, in press). Diese Forschung macht deutlich, dass bei der Entscheidung, ein Kind mit Behinderung einzuschließen, sowohl situative als auch entwicklungsbedingte Faktoren eine bedeutsame Rolle spielen. Allerdings fokussierten diese Studien lediglich auf den Ein- und Ausschluss von Kindern mit Körperbehinderung und geistiger Behinderung. Zur Hörschädigung liegen noch keine Studien vor. Im Weiteren ist dies die erste Studie, welche nicht nur Kinder, sondern auch Jugendliche miteinbezieht. Diese Erweiterung ist deshalb relevant, weil Gruppennormen im Jugendalter zunehmend an Bedeutung gewinnen (Malti et al., 2012). Die vorliegende Studie Ziel der vorliegenden Studie ist es, zu untersuchen, wie (a) Kinder und Jugendliche den hypothetischen Einschluss eines Kindes mit Hörschädigung beurteilen und welche Handlungsentscheidungen sie in Dilemmasituationen mit einem hörenden Kind und einem Kind mit Hörschädigung erwarten. Zudem wurde untersucht, ob sich die moralischen Urteile und Handlungsentscheidungen in Abhängigkeit von (b) Situation (Schule vs. Freizeit; Gruppe vs. Dyade), (c) Jahrgangsstufe (Klasse 3, 5, 7) und (d) Kontaktbereitschaft (hoch vs. gering) unterscheiden. Folgende Hypothesen wurden geprüft. Einschluss oder Ausschluss von hörgeschädigten Mitschülern 43 (a) Moralische Urteile und Handlungsentscheidungen H1: Die Mehrheit beurteilt den Einschluss des Kindes mit Hörschädigung als richtige Entscheidung und begründet dies moralisch. H2: Muss die Protagonistin bzw. der Protagonist sich zwischen einem hörenden Kind und einem Kind mit Hörschädigung entscheiden, wird der Einschluss weniger häufig erwartet und Überlegungen zur Gruppeneffizienz nehmen zu. Wie die einschlägige Forschung zeigt, wissen die meisten Kinder und Jugendlichen, dass der aktive Ausschluss auf Basis eines Stereotyps unabhängig von situativen Merkmalen moralisch falsch ist (Killen & Rutland, 2011, für eine Übersicht). In Dilemmasituationen hingegen, in denen moralische und gruppenbezogene Interessen miteinander in Konflikt stehen, nehmen Entscheidungen zugunsten des stereotypen Kindes zu (Killen & Stangor, 2001). Zudem weisen einige Autoren (z. B. Keller, 1996; Wainryb, 2004) darauf hin, dass deskriptive Fragestellungen (Was wird die Protagonistin bzw. der Protagonist tun? ) mehr Aufschluss über die tatsächlichen Motive bei der Beurteilung moralisch relevanter Ereignisse geben als präskriptive Fragestellungen (Was soll die Protagonistin bzw. der Protagonist tun? ). (b) Situationseffekte H3: Schülerinnen und Schüler erwarten im schulischen Kontext aus leistungsbezogenen Gründen weniger häufig, dass die Protagonistin bzw. der Protagonist sich für das Kind mit Hörschädigung entscheidet als in der Freizeit. H4: Schülerinnen und Schüler erwarten bei Gruppenaktivitäten aus Überlegungen zur Gruppeneffizienz weniger häufig, dass die Protagonistin bzw. der Protagonist sich für das Kind mit Hörschädigung entscheidet als bei dyadischen Aktivitäten. Die Annahmen stützen sich auf Untersuchungen, wonach Kinder und Jugendliche den Ausschluss in Situationen, in denen die Gruppenzugehörigkeit die Leistung der Gruppe gefährdet (z. B. körperliche Behinderung bei sportlicher Aktivität), eher akzeptieren (Gasser et al., in press). Zudem fallen die Kommunikationsschwierigkeiten von Personen mit Hörschädigung in Gruppensituationen besonders ins Gewicht (Stinson et al., 1996). (c) Alterseffekte H5: Die Siebtklässler berücksichtigen bei den Handlungsentscheidungen stärker die situativen Merkmale der Einschlusssituation und erwarten aus Überlegungen zur Gruppeneffektivität weniger häufig, dass sich die Protagonistin bzw. der Protagonist für den Einschluss des Kindes mit Hörschädigung entscheidet als die Dritt- und Fünftklässler. Forschungsbefunde weisen darauf hin, dass jüngere Kinder dazu tendieren, ihre Urteile und Entscheidungen über verschiedene Situationen hinweg zu generalisieren, während ältere Kinder und Jugendliche stärker situative Merkmale berücksichtigen (Gasser et al., 2012; Killen & Stangor, 2001). Zudem rücken Gruppennormen im Jugendalter vermehrt in den Fokus (Turiel, 1998) und die Akzeptanz von Kindern mit Hörschädigung nimmt ab (z. B. Cambra, 2002). (d) Effekte Kontaktbereitschaft H6: Bei hoher Kontaktbereitschaft gegenüber Gleichaltrigen mit Hörschädigung wird die Entscheidung der Protagonistin bzw. des Protagonisten, das Kind mit Hörschädigung einzuschließen, häufiger aus moralischen Gründen als richtig beurteilt und erwartet als bei geringer Kontaktbereitschaft. Die allgemeine Kontaktbereitschaft wurde erhoben, um Rückschlüsse auf das tatsächliche Verhalten der Schülerinnen und Schüler ziehen zu können (Manetti, Schneider & Siperstein, 2001). 44 Jennifer Chilver-Stainer, Pasqualina Perrig-Chiello, Luciano Gasser Methoden Stichprobe Die Stichprobe umfasst 212 hörende Kinder und Jugendliche aus 12 Regelklassen der Zentralschweiz. Davon stammen 63 aus der dritten Klasse (M = 9.64 Jahre, SD = .43; 26 Mädchen), 69 aus der fünften Klasse (M = 11.77 Jahre, SD = .57; 34 Mädchen) und 80 aus der siebten Klasse (M = 13.95 Jahre, SD = .54; 46 Mädchen). Die Mehrheit der Schülerinnen und Schüler sind Schweizer (90 %). In sämtlichen Klassen ist ein Kind oder Jugendlicher mit mittelbis schwergradiger Hörschädigung während durchschnittlich 3.67 Jahren integriert (SD = 2.02, 6 Mädchen). Die Kinder oder Jugendlichen mit Hörschädigung kommunizieren in Lautsprache und besuchen vollzeitlich den Regelunterricht. Um Konfundierungen mit anderen Stereotypen zu vermeiden, wurden nur Klassen ausgewählt, in denen die Kinder mit Hörschädigung Schweizer Nationalität sind, keine Mehrfachbehinderung aufweisen und keine zusätzliche schulische Unterstützung benötigen. In einem ersten Schritt erhielten die Eltern der Kinder und Jugendlichen mit Hörschädigung Informationen über die Studie und wurden um Einwilligung zur Teilnahme der Klasse gebeten. Nach der Zustimmung der Eltern wurde bei den Schulleitungen, Lehrpersonen und Eltern der hörenden Mitschülerinnen und Mitschüler das Einverständnis eingeholt. Zwei Kinder und Jugendliche nahmen auf Wunsch der Eltern nicht an der Fragebogenerhebung teil. Variablen und Instrumente Der Fragebogen beinhaltet (a) Fragen zur Erfassung von moralischen Urteilen und Handlungsentscheidungen in hypothetischen Einschlusssituationen sowie (b) Fragen zur allgemeinen Kontaktbereitschaft gegenüber Gleichaltrigen mit Hörschädigung. Struktur der Einschlusssituationen sowie Fragetypen wurden entsprechend bewährter Erhebungsinstrumente der sozialen Bereichstheorie an die spezifische Situation von Kindern mit Hörschädigung angepasst (z. B. Gasser et al., 2012; Killen & Stangor, 2001). Die Fragen zur Erfassung der Kontaktbereitschaft wurden nach Manetti und Kollegen (2001) adaptiert. Moralische Urteile und Handlungsentscheidungen Den Schülerinnen und Schülern wurden vier hypothetische Einschlusssituationen vorgelegt, in denen sich ein Kind mit Hörschädigung einer gemeinsamen Aktivität mit Hörenden anschließen möchte. Die Situationen wurden nach Kontext (Schule vs. Freizeit) und Zusammensetzung (Gruppe vs. Dyade) variiert. Im schulischen Kontext sollen die Kinder in der Gruppe einen Vortrag im Fach Mensch und Umwelt vorbereiten und sich in der Zweiersituation gegenseitig abfragen. Die beiden Vignetten in der Freizeit handeln von einer Geburtstagsparty und einem Treffen zu Hause, bei dem über gemeinsame Interessen (Fußball, Pferde) gesprochen wird. Die Wichtigkeit der verbalen Kommunikation wurde konstant hoch gehalten, um hörschädigungsspezifische Nachteile für die Aktivität salient zu machen. Zudem wurde eine Mädchen- und Knabenversion verwendet, um die Identifikation mit den Protagonistinnen und Protagonisten zu erhöhen und geschlechtsbasierte Antworten zu vermeiden. Nachfolgend ist zur Veranschaulichung die schulische Einschlusssituation in der Gruppe aufgeführt (Knabenversion). In der Klasse von Oliver müssen die Schüler in Gruppen einen Vortrag für Mensch und Umwelt vorbereiten. In der Gruppe von Oliver fehlt noch eine Person. Sascha, der eine Hörbehinderung hat und gut in Mensch und Umwelt ist, fragt Oliver, ob er auch in seiner Gruppe mitmachen darf. Jeweils nach der Beschreibung der Einschlusssituation erfolgte die Frage zur Erfassung des moralischen Urteils. Die Schülerinnen und Schüler sollten beurteilen, ob die Protagonistin bzw. der Protagonist das Kind mit Hörschädigung einschließen sollte und weshalb (Was meinst du, sollte Oliver Sascha - das Kind mit Hörschädigung - mitmachen lassen? Warum? ). Danach folgte die Frage zur Handlungsentscheidung, bei der zugleich ein hörendes Kind und ein Kind mit Hörschädigung zur Auswahl standen. Die Schülerinnen und Schüler sollten vorhersagen, für welches Kind die Protagonistin bzw. der Protagonist sich entscheiden wird und weshalb (Was meinst du, wen wird Oliver nehmen, wenn beide gleichzeitig fragen? Warum? ). Dabei wurden die gleichen Kompetenzen des hörenden Kindes und des Kindes mit Hörschädigung für die jeweilige Aktivität betont (z. B. Ist auch gut in Mensch und Umwelt). Die Entscheidungen wurden dichotom kodiert (0 = Entscheidung für das hörende Kind, 1 = Entscheidung für das Kind mit Hörschädigung). Die Ein- Einschluss oder Ausschluss von hörgeschädigten Mitschülern 45 schlussbegründungen wurden auf Basis früherer Forschung zu Beurteilungen sozialen Ausschlusses als moralisch oder sozial-konventionell klassifiziert (z. B. Killen et al., 2002; Killen & Stangor, 2001). Moralische Begründungen beinhalten Antworten mit Bezug auf Fairness, gleichen Rechten und Empathie (z. B. Weil alle Kinder das Recht haben, zu spielen und auch die Hörbehinderten). Sozial-konventionelle Begründungen beziehen sich auf das Funktionieren der Gruppe, soziales Ansehen und Vorurteile (z. B. Weil er vielleicht nicht alles zweimal sagen will). Antworten, die sich keiner der beiden Kategorien zuordnen ließen (z. B. Wiederholungen, nicht elaborierte Begründungen, keine Antworten) wurden in die Kategorie undifferenziert zusammengefasst und von weiteren Analysen ausgeschlossen. Jede Antwort wurde einer Kategorie zugeordnet und mit (1 = Begründung genannt und 0 = Begründung nicht genannt) kodiert. Zur Berechnung der Interraterreliabilität wurden 15 % der Interviews von zwei Ratern kodiert. Der Kappakoeffizient lag bei k = .83. Kontaktbereitschaft Bei den sieben Fragen zur Kontaktbereitschaft sollten die Schülerinnen und Schüler angeben, ob sie sich verschiedene Aktivitäten mit einem Gleichaltrigen mit Hörschädigung vorstellen könnten (z. B. Könntest du dir vorstellen, in der Schule neben einem hörbehinderten Kind zu sitzen? ). Die Fragen konnten mit ja, eher ja, eher nein oder nein beantwortet werden. Die Werte wurden aufsummiert (Cronbachs a = .91) und für die weiteren Analysen median-dichotomisiert (0 = geringe Kontaktbereitschaft, 1 = hohe Kontaktbereitschaft). Durchführung Die Fragebogenerhebung fand während einer Unterrichtslektion unter Aufsicht der Klassenlehrperson statt. Am Anfang des Fragebogens wurden die Schülerinnen und Schüler darauf hingewiesen, dass es keine richtigen oder falschen Antworten gibt. Die Reihenfolge der Vignetten im Fragebogen wurde zufällig variiert. Um die Länge und Verständlichkeit der Fragen an die Fähigkeiten von Neunjährigen anzupassen (Borgers, de Leeuw & Hox, 2000), wurde der Fragebogen in einer Voruntersuchung mit 25 Drittklässlern (M = 9.71 Jahre, SD = .44; 10 Mädchen) durchgeführt und adaptiert. Statistische Analysen Zur Testung der Hypothesen wurden ANOVAs mit Messwiederholung mit den Faktoren Jahrgangsstufe (dritte Klasse, fünfte Klasse, siebte Klasse) und Kontaktbereitschaft (Kontaktbereitschaft: gering, hoch) als Zwischensubjektfaktoren sowie Kontext (Schule, Freizeit) und Zusammensetzung (Gruppe, Dyade) als Innersubjektfaktoren durchgeführt. Insgesamt sechs ANOVAs wurden für die abhängigen Variablen moralische Urteile, Handlungsentscheidungen und den jeweiligen Begründungen (moralisch, sozial-konventionell) ausgewertet. Varianzanalysen gelten als robustes Verfahren bei dichotomen Daten (Lunney, 1970) und werden in bereichstheoretischen Studien häufig durchgeführt (vgl. Wainryb, Shaw, Laupa & Smith, 2001). Posthoc Einzelvergleiche der Stufeneffekte erfolgten auf Basis von Tukey HSD. Sämtliche abhängige Variablen wurden Arcsine-transformiert, um ihre Verteilung zu normalisieren. Die Analysen mit den transformierten Daten ergaben gegenüber den Analysen mit untransformierten Daten keine abweichenden Ergebnisse. Deshalb wurden zur besseren Lesbarkeit die untransformierten Werte verwendet. Die Vorläuferanalysen mit Integrationsdauer als Kovariate ergaben keine abweichenden Ergebnisse bei den moralischen Urteilen. Auch Varianzanalysen mit dem Geschlecht als Zwischensubjektfaktor ergaben mit Ausnahme eines Geschlechtseffektes bei den moralischen Urteilen und konventionellen Urteilsbegründungen keine abweichenden Ergebnisse. Deshalb wurden Integrationsdauer und Geschlecht in den weiteren Analysen nicht mehr berücksichtigt. Ergebnisse Nachfolgend werden zuerst die Ergebnisse zu den moralischen Urteilen und danach zu den Handlungsentscheidungen vorgestellt. In Tabelle 1 sind die Mittelwerte und Standardabweichungen der Haupteffekte aufgeführt. Moralische Urteile Die meisten Schülerinnen und Schüler (90 %) gaben an, dass die Protagonistin bzw. der Protagonist das Kind mit Hörschädigung in die Aktivität einschließen sollte. Ein Haupteffekt der 46 Jennifer Chilver-Stainer, Pasqualina Perrig-Chiello, Luciano Gasser Jahrgangsstufe, F(1, 197) = 10.25, p < .001, h 2 = .09, zeigte, dass die Drittklässler den Einschluss weniger häufig als richtig beurteilten als die Fünft- (p < .01) oder Siebtklässler (p < .001). Im Weiteren ergaben die Analysen einen Haupteffekt der Kontaktbereitschaft, F(1, 197) = 12.55, p < .001, h 2 = .06, wonach Schülerinnen und Schüler mit hoher Kontaktbereitschaft den Einschluss des Kindes mit Hörschädigung häufiger als richtig beurteilten als solche mit geringer Kontaktbereitschaft. Urteilsbegründungen Rund zwei Drittel (64 %) der Urteile wurden moralisch begründet. Die moralischen Urteilsbegründungen bezogen sich überwiegend auf die positive Beurteilung der Einschlussentscheidungen (97 %) und nur selten auf die negative Beurteilung (2 %). Ein Haupteffekt der Jahrgangsstufe, F(2, 206) = 5.48, p < .01, h 2 = .05, zeigte, dass die Drittklässler ihre Urteile weniger häufig moralisch begründeten als die Fünftklässler (p < .001) und tendenziell weniger als die Siebtklässler (p < .06). Gemäß dem Haupteffekt der Kontaktbereitschaft, F(1, 206) = 10.30, p < .01, h 2 = .05, begründeten Schülerinnen und Schüler mit hoher Kontaktbereitschaft ihre Urteile häufiger mit moralischen Argumenten als solche mit geringer Kontaktbereitschaft. Die Urteile wurden zu 6 % mit sozialkonventionellen Argumenten begründet. Die sozial-konventionellen Urteilsbegründungen bezogen sich überwiegend auf die negative Beurteilung der Einschlussentscheidungen (93 %) und nur selten auf die positive Beurteilung (3 %). Ein Haupteffekt der Kontaktbereitschaft, F(1, 206) = 14.36, p < .001, h 2 = .07, ergab, dass Schülerinnen und Schüler mit geringer Kontaktbereitschaft häufiger sozialkonventionell argumentierten als solche mit hoher Kontaktbereitschaft. Handlungsentscheidungen Rund die Hälfte der Schülerinnen und Schüler (54 %) erwartete, dass die Protagonistin bzw. der Protagonist sich für das Kind mit Hörschädigung entscheidet, wenn gleichzeitig ein hörendes Kind zur Auswahl steht. Die Analysen ergaben einen signifikanten Haupteffekt des Kontextes, F(1, 163) = 5.94, p < .05, h 2 = .04, wonach die Schülerinnen und Schüler in der Freizeit häufiger den Einschluss des Kindes mit Hörschädigung erwarteten als in der Schule. Anders als bei den moralischen Urteilen zeigte ein signifikanter Haupteffekt der Jahrgangsstufe, F(2, 163) = 4.47, p < .05, h 2 = .05, dass die Drittklässler häufiger den Einschluss des Kindes mit Hörschädigung erwarteten als die Siebtklässler Moralische Urteile Moralische UB Konventionelle UB Handlungsentscheidung Moralische EB Konventionelle EB Kontext Freizeit Schule .89 (.25) .92 (.22) .67 (.36) .62 (.38) .06 (.18) .05 (.18) .58 (.41) .49 (.44) .31 (.37) .26 (.34) .32 (.38) .38 (.42) Jahrgangsstufe 3. Klasse 5. Klasse 7. Klasse .81 (.27) .92 (.18) .96 (.11) .54 (.33) .72 (.26) .65 (.30) .08 (.17) .06 (.16) .03 (.11) .62 (.37) .52 (.38) .49 (.40) .32 (.33) .29 (.29) .26 (.31) .30 (.35) .43 (.36) .32 (.36) Kontaktbereitschaft gering hoch .85 (.24) .95 (.14) .57 (.31) .71 (.29) .10 (.20) .02 (.08) .47 (.38) .60 (.38) .27 (.32) .30 (.30) .41 (.37) .30 (.34) Tab. 1: Mittelwerte und Standardabweichungen (in Klammern) der moralischen Urteile, Handlungsentscheidungen und jeweiligen Begründungen getrennt nach Kontext, Jahrgangsstufe und Kontaktbereitschaft Anmerkung: UB = Urteilsbegründung, EB = Entscheidungsbegründung. Einschluss oder Ausschluss von hörgeschädigten Mitschülern 47 (p < .05). Gemäß dem Haupteffekt der Kontaktbereitschaft, F(1, 163) = 6.53, p < .05, h 2 = .04, erwarteten Schülerinnen und Schüler mit hoher Kontaktbereitschaft häufiger den Einschluss des Kindes mit Hörschädigung als solche mit geringer Kontaktbereitschaft. Entscheidungsbegründungen Rund ein Drittel der Handlungsentscheidungen wurden moralisch begründet (29 %) und bezogen sich überwiegend auf die erwarteten Einschlussentscheidungen (91 %) und nur selten auf die Ausschlussentscheidungen (6 %). Ein signifikanter Haupteffekt des Kontextes, F(1, 206) = 4.59, p < .05, h 2 = .02, zeigte, dass moralische Argumente häufiger in der Freizeit genannt wurden als in der Schule. Insgesamt 35 % der Handlungsentscheidungen wurden sozial-konventionell begründet, welche sich überwiegend auf die erwarteten Ausschlussentscheidungen (98 %) und nur selten auf die Einschlussentscheidungen (0,3 %) bezogen. Ein signifikanter Haupteffekt des Kontextes, F(1, 206) = 8.26, p < .01, h 2 = .04, zeigte, dass sozial-konventionelle Argumente häufiger im schulischen Kontext genannt wurden als in der Freizeit. Ein Haupteffekt der Kontaktbereitschaft, F(1, 206) = 6.03, p < .05, h 2 = .03, ergab, dass Schülerinnen und Schüler mit geringer Kontaktbereitschaft die Handlungsentscheidungen häufiger konventionell begründeten als solche mit hoher Kontaktbereitschaft. Diskussion In der vorliegenden Untersuchung beurteilten Schülerinnen und Schüler aus integrativen Klassen den hypothetischen Einschluss eines Gleichaltrigen mit Hörschädigung in verschiedene Aktivitäten in der Schule und Freizeit mehrheitlich als moralisch richtige Entscheidung. Dieses Ergebnis spricht für erfolgreiche schulische Integrationsbemühungen - zumindest auf der Ebene der Normvermittlung. In Situationen hingegen, in denen die Protagonistin bzw. der Protagonist die Wahl zwischen einem Kind mit Hörschädigung und einem gleichwertigen hörenden Kind hatte, erwartete rund die Hälfte aus leistungs- und gruppenbezogenen Gründen den Ausschluss des Kindes mit Hörschädigung. Der Einschluss des hörenden Kindes wurde nur selten aus moralischer Pflicht erwartet, sondern mehrheitlich aus leistungs- und gruppenbezogenen Gründen. Diese Diskrepanz zwischen moralischen Urteilen und erwarteten Handlungsentscheidungen in Dilemmasituationen deckt sich mit bisheriger Forschung zum hypothetischen Ausschluss von Kindern auf Basis von Geschlecht, Ethnizität und Behinderung (Gasser et al., 2012; Killen & Rutland, 2011). Die Hypothesen zu situationsspezifischen Effekten wurden in der vorliegenden Untersuchung nur zum Teil bestätigt. Die Handlungsentscheidungen der Schülerinnen und Schüler unterschieden sich nicht in Abhängigkeit der Zusammensetzung (Gruppe vs. Dyade). Hingegen fielen die Einschlussentscheidungen und -begründungen bezüglich der Aktivitäten in der Schule und Freizeit wie erwartet kontextspezifisch aus. Die Schülerinnen und Schüler sagten den Einschluss des Kindes mit Hörschädigung weniger häufig in den schulischen Aktivitäten vorher als in der Freizeit. Im schulischen Kontext wurden mehr leistungsbezogene Argumente genannt, während die Einschlussentscheidungen in der Freizeit häufiger moralisch begründet wurden. Diese Ergebnisse sind konsistent mit früheren Untersuchungen, die zeigen, dass Kinder sich häufiger für den Einschluss eines Gleichaltrigen mit Körperbehinderung in hypothetische Spielaktivitäten entschieden, wenn die Behinderung nur einen geringen Nachteil für die Gruppeneffektivität darstellte (Diamond & Hong, 2010; Diamond & Tu, 2009). Entgegen unserer Hypothese fielen die Handlungsentscheidungen der Siebtklässler in der aktuellen Untersuchung nicht stärker situationsspezifisch aus als diejenigen der Fünft- und Drittklässler. Dennoch geben die unterschiedlichen Alterseffekte bei den moralischen Urteilen und Handlungsentscheidungen Hinweise 48 Jennifer Chilver-Stainer, Pasqualina Perrig-Chiello, Luciano Gasser auf die bessere Differenzierungsfähigkeit der Siebtklässler. Während die Siebtklässler im Vergleich zu den Drittklässlern den Einschluss des Kindes mit Hörschädigung häufiger als richtig beurteilten, erwarteten sie in den Dilemmasituationen häufiger dessen Ausschluss. Daraus lässt sich schließen, dass die Jugendlichen aufgrund ihrer fortgeschrittenen kognitiven Entwicklung und ihrem Verständnis sozial-konventioneller Regeln (Turiel, 1983) besser in der Lage sind, zwischen der moralisch richtigen Entscheidung und der sozialen Realität zu unterscheiden. Obwohl bereits Vorschulkinder um die intrinsische Gültigkeit einfacher moralischer Normen wissen (z. B. jemanden nicht schlagen, vgl. Turiel, 1998), beurteilten die Drittklässler in der aktuellen Untersuchung den Einschluss des Kindes mit Hörschädigung weniger häufig als richtige Entscheidung als die Fünft- und Siebtklässler. Dies könnte einerseits damit zusammenhängen, dass Behinderung ein komplexes Phänomen ist und es jüngeren Kindern noch schwer fällt, moralische Konzepte auf Situationen mit psychologischem Schaden anzuwenden (Smetana, 2006). Andererseits könnte der Kontakt zu Gleichaltrigen mit Behinderungen auch außerhalb der Schule einen Einfluss auf das normative Verständnis haben. Die Ergebnisse der aktuellen Untersuchung weisen auf Zusammenhänge zwischen Kontaktbereitschaft einerseits und moralischen Urteilen und Handlungsentscheidungen andererseits hin. Schülerinnen und Schüler mit hoher Kontaktbereitschaft erwarteten häufiger den Einschluss des Kindes mit Hörschädigung und beurteilten den Einschluss häufiger als richtig als solche mit geringer Kontaktbereitschaft. Mit der Kontaktbereitschaft wurde jedoch nur die behaviorale Komponente der allgemeinen Einstellung erfasst (Manetti et al., 2001). Weiterführende Forschung wäre nötig, um auch die Kontaktqualität zu erfassen, die sich als wesentlicher Faktor bei der Einstellungsänderung erwiesen hat (Manetti et al., 2001). Dass Kinder mit Hörschädigung in Konkurrenzsituationen zu einem hörenden Kind aus leistungsbezogenen Motiven ausgeschlossen werden, könnte die soziale Realität der befragten Schülerinnen und Schüler widerspiegeln. Solche Dilemmata gehören insbesondere in Klassen mit einem einzelintegrierten Kind mit Hörschädigung zum schulischen Alltag. Umgekehrt haben einzelintegrierte Kinder mit Hörschädigung nicht die Möglichkeit, sich in der Klasse anderen Gleichaltrigen mit Hörschädigung anzuschließen und emotional sichere Beziehungen zu ihnen aufzubauen (z. B. Stinson & Whitmire, 1991). Die Gruppenintegration, bei der mehrere Kinder mit Hörschädigung gemeinsam mit Hörenden in der Regelklasse unterrichtet werden, bietet dazu eine vielversprechende Alternative (Marschark & Knoors, 2012). Neben der Wichtigkeit, Gelegenheiten für Interaktionen zwischen Gleichaltrigen mit und ohne Hörschädigung zu schaffen (Stinson & Antia, 1999), ist eine moralische Erziehung von Bedeutung, bei der Lehrpersonen Kinder darin unterstützen, widersprechende Wertebereiche (Fairness vs. Leistung/ Gruppenkonformität) in Ausschlusssituationen auszubalancieren (Oser, 1998). Darüber hinaus wäre denkbar, den Nachteilsausgleich für Kinder mit Hörschädigung auch auf hörende Kinder auszuweiten, die mit einem Kind mit Hörschädigung zusammenarbeiten (z. B. mehr Zeit bei Gruppenarbeiten). Mit der vorliegenden Studie konnten erste Erkenntnisse zur Denkweise von Kindern und Jugendlichen in Bezug auf den Einschluss von Gleichaltrigen mit Hörschädigung gewonnen werden. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass sich Kinder und Jugendliche der moralischen Relevanz von Einschlusssituationen bewusst sind, aber insbesondere bei schulischen Aktivitäten den Einschluss eines hörenden Kindes anstelle eines Kindes mit Hörschädigung erwarten. Jugendliche berücksichtigen in ihren Handlungsentscheidungen stärker die soziale Realität und die Kontaktbereitschaft spiegelt sich in den Einschlussentscheidungen wider. Einschluss oder Ausschluss von hörgeschädigten Mitschülern 49 Literatur Bat-Chava, Y. & Deignan, E. (2001). Peer relationship of children with cochlear implants. Journal of Deaf Studies and Deaf Education, 6, 186 - 199. http: / / dx.doi.org/ 10.1093/ deafed/ 6.3.186 Borgers, N., de Leeuw, E. & Hox, J. J. (2000). Children as respondents in survey research: Cognitive development and response quality. Bulletin de Methodologie Sociologique, 66, 60 - 75. http: / / dx.doi.org/ 10.1177/ 075910630006600106 Bundesversammlung der Schweizerischen Eidgenossenschaft (2002). Bundesgesetz über die Beseitigung von Benachteiligungen von Menschen mit Behinderungen (Behindertengleichstellungsgesetz, BehiG). Zugriff am 3. 4. 2013 unter http: / / www.admin.ch/ ch/ d/ sr/ 1/ 151. 3.de.pdf Cambra, C. (2002). Acceptance of deaf students by hearing students in regular classrooms. American Annals of the Deaf, 147, 38 - 45. http: / / dx.doi.org/ 10.1353/ aad. 2012.0138 Diamond, K. E. & Hong, J.-S. (2010). Young children’s decisions to include peers with physical disabilities in play. Journal of Early Intervention, 32, 163 - 177. http: / / dx.doi.org/ 10.1177/ 1053815110371332 Diamond, K. E. & Tu, H. (2009). Relations between classroom context, physical disability and preschool children’s inclusion decision. Journal of Applied Developmental Psychology, 30, 75 - 81. http: / / dx.doi.org/ 10.1016/ j.appdev.2008.10.008 European Agency for Development in Special Needs Education (2012). Special needs education country data 2012. Zugriff am 28. 2. 2013 unter http: / / www.euro pean-agency.org/ publications/ ereports/ sne-countrydata-2012/ SNE-Country-Data2012.pdf Gasser, L., Chilver-Stainer, J., Buholzer, A. & Perrig-Chiello, P. (2012). Soziales und moralisches Denken von Kindern über den Ein- und Ausschluss behinderter Kinder. Zeitschrift für Pädagogische Psychologie, 26, 31 - 42. http: / / dx.doi.org/ 10.1024/ 1010-0652/ a000058 Gasser, L., Malti, T. & Buholzer, A. (2013). Children’s moral judgments and moral emotions following exclusion of children with disabilities: Relations with inclusive education, age and contact intensity. Journal of Research in Developmental Disabilities, 34, 948 - 958. http: / / dx.doi.org/ 10.1016/ j.ridd.2012.11.017 Gasser, L., Malti, T. & Buholzer, A. (in press). Swiss children’s moral and psychological judgments about exclusion of children with disabilities. Child Development. Keller, M. (1996). Moralische Sensibilität: Entwicklung in Freundschaft und Familie. Weinheim: Psychologie Verlags Union. Killen, M., Lee-Kim, J., McGlothlin, H. & Stangor, C. (2002). How children and adolescents evaluate gender and racial exclusion (Monographs for the Society for Research in Child Development; Serial No. 271, Vol. 67, No. 4). Oxford, England: Blackwell. Killen, M. & Rutland, A. (2011). Children and social exclusion: Morality, prejudice and group identity. New York, NY: Wiley/ Blackwell Publishers. http: / / dx.doi.org/ 10. 1002/ 9781444396317 Killen, M. & Stangor, C. (2001). Children’s social reasoning about inclusion and exclusion in gender and race peer group contexts. Child Development, 72, 174 - 186. http: / / dx.doi.org/ 10.1111/ 1467-8624.00272 Leonhardt, A. (2010). Einführung in die Hörgeschädigtenpädagogik. München: Ernst Reinhardt Verlag. Lunney, G. H. (1970). Using analysis of variance with a dichotomous dependent variable: An empirical study. Journal of Educational Measurement, 7, 263 - 269. http: / / dx.doi.org/ 10.1111/ j.1745-3984.1970.tb00727.x Malti, T., Killen, M. & Gasser, L. (2012). Social judgments and emotion attributions about exclusion in Switzerland. Child Development, 83, 697 - 711. Manetti, M., Schneider, B. H. & Siperstein, G. (2001). Social acceptance of children with mental retardation: Testing the contact hypothesis with an Italian sample. International Journal of Behavioral Development, 25, 279 - 286. http: / / dx.doi.org/ 10.1080/ 016502500420 00249 Marschark, M. & Knoors, H. (2012). Sprache, Kognition und Lernen - Herausforderungen an die Inklusion gehörloser und schwerhöriger Kinder. In M. Hinteramir (Hrsg.). Inklusion und Hörschädigung (S. 129 - 176). Stuttgart: Kohlhammer. Moeller, M. P. (2007). Current state of knowledge: Psychosocial development in children with hearing impairment. Ear and Hearing, 28, 729 - 739. http: / / dx.doi. org/ 10.1097/ AUD.0b013e318157f033 Müller, R. J. (1996). Ich höre - nicht alles! Hörgeschädigte Mädchen und Jungen in Regelschulen (2. Aufl.). Heidelberg: gedruckte Monographie. Nunes, T., Pretzlik, U. & Olsson, J. (2001). Deaf children’s social relationships in mainstream schools. Deafness and Education International, 3, 123 - 136. Oser, F. (1998). Ethos - die Vermenschlichung des Erfolgs. Zur Psychologie der Berufsmoral von Lehrpersonen. Opladen: Leske und Budrich. http: / / dx.doi.org/ 10.1007/ 978-3- 322-97398-6 Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (2007). Interkantonale Vereinbarung über die Zusammenarbeit im Bereich der Sonderpädagogik. Zugriff am 3. 4. 2013 unter http: / / www.edudoc.ch/ static/ web/ arbeiten/ sonderpaed/ konkordat_d.pdf Smetana, J. G. (2006). Social-cognitive domain theory: Consistencies and variations in children’s moral and social judgements. In M. Killen & J. Smetana (Eds.), Handbook of moral development (pp. 119 - 153). Mahwah, NJ: Erlbaum. Stinson, M. S. & Antia, S. D. (1999). Considerations in educating deaf and hard-of-hearing students in inclusive settings. Journal of Deaf Studies and Deaf Education, 4, 163 - 175. http: / / dx.doi.org/ 10.1093/ deafed/ 4.3.163 Stinson, M., Liu, Y., Saur, R. & Long, G. (1996). Deaf college students’ perceptions of communication in mainstream classes. Journal of Deaf Studies and Deaf Education, 1, 40 - 51. http: / / dx.doi.org/ 10.1093/ oxfordjournals.deafed.a014280 Stinson, M. & Whitmire, K. (1991). Self-perceptions of social relationships among hearing-impaired adolescents in England. Journal of the British Association of Teachers of the Deaf, 15, 104 - 114. Stinson, M. S., Whitmire, K. & Kluwin, T. N. (1996). Selfperceptions of social relationships in hearing-impaired adolescents. Journal of Educational Psychology, 88, 132 - 143. http: / / dx.doi.org/ 10.1037/ 0022-0663.88. 1.132 Steiner, K. (2009). Die Sicht der hörenden Mitschüler. In A. Leonhardt (Hrsg.), Hörgeschädigte Schüler in der allgemeinen Schule (S. 40 - 62). Stuttgart: Kohlhammer. 50 Jennifer Chilver-Stainer, Pasqualina Perrig-Chiello, Luciano Gasser Suárez, M. (2000). Promoting social competence in deaf students: The effect of an intervention program. Journal of Deaf Studies and Deaf Education, 5, 323 - 333. http: / / dx.doi.org/ 10.1093/ deafed/ 5.4.323 Turiel, E. (1983). The development of social knowledge: Morality and convention. Cambridge, UK: Cambridge University Press. Turiel, E. (1998). The development of morality. In N. Eisenberg (Vol. Ed.), Handbook of Child Psychology. Vol. 3: Social, emotional and personality development (5th ed., pp. 863 - 932). New York, NY: Wiley. Wainryb, C. (2004). “Is” and “Ought”: Moral judgments about the world as understood. New Directions for Child and Adolescent Development, 103, 3 - 18. http: / / dx.doi.org/ 10.1002/ cd.94 Wainryb, C., Shaw, L., Laupa, M. & Smith, K. (2001). Children’s, adolescents’, and young adult’s thinking about different types of disagreements. Developmental Psychology, 37, 373 - 386. http: / / dx.doi.org/ 10.1037/ 0012-1649.37.3.373 Wertli, E. (2006). Integrative Erziehung und Bildung in der Deutschschweiz. Hörgeschädigtenpädagogik, 2, 58 - 63. Wray, D., Flexer, C. & Vaccaro, V. (1997). Classroom performance of children who are deaf or hard-of-hearing and who learned spoken communication through the auditory-verbal approach: An evaluation of treatment efficacy. Volta Review, 99, 107 - 119. Jennifer Chilver-Stainer Prof. Dr. Pasqualina Perrig-Chiello Universität Bern Muesmattstrasse 45 CH-3000 Bern E-Mail: jennifer.chilver-stainer@psychologie.ch E-Mail: pasqualina.perrigchiello@psy.unibe.ch Dr. Luciano Gasser Pädagogische Hochschule Luzern Töpferstrasse 10 CH-6004 Luzern E-Mail: luciano.gasser@phlu.ch
