Psychologie in Erziehung und Unterricht
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0342-183X
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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Editorial
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Andrea Bernholt
Johannes Bauer
„Schon wieder ein Themenheft zu Lehrer*Innenüberzeugungen!“, mögen sich kritische Lesende denken, „Ist das Thema nicht langsam ein bisserl arg ausgelutscht?“ Die kritische Nachfrage scheint nicht unberechtigt. Neben einem fast unüberschaubaren Korpus von Originalarbeiten zu diversen Überzeugungen (angehender) Lehrkräfte existieren umfangreiche Reviews und Handbücher (z.B. Buehl & Beck, 2015). Trotzdem hat die Forschung zu diesem Thema Hochkonjunktur, nicht zuletzt durch die theoretische Verankerung von Überzeugungen in Kompetenzmodellen zur Lehrerprofessionalisierung (z.B. Baumert & Kunter, 2006). [...]
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Psychologie in Erziehung und Unterricht, 2020, 67, 161 -163 DOI 10.2378/ peu2020.art14d © Ernst Reinhardt Verlag München Basel Überzeugungen von Lehramtsstudierenden und deren Entwicklung: Something New? ! Andrea Bernholt 1 & Johannes Bauer 2 1 Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik 2 Universität Erfurt „Schon wieder ein Themenheft zu Lehrer*Innenüberzeugungen! “, mögen sich kritische Lesende denken, „Ist das Thema nicht langsam ein bisserl arg ausgelutscht? “ Die kritische Nachfrage scheint nicht unberechtigt. Neben einem fast unüberschaubaren Korpus von Originalarbeiten zu diversen Überzeugungen (angehender) Lehrkräfte existieren umfangreiche Reviews und Handbücher (z. B. Buehl & Beck, 2015). Trotzdem hat die Forschung zu diesem Thema Hochkonjunktur, nicht zuletzt durch die theoretische Verankerung von Überzeugungen in Kompetenzmodellen zur Lehrerprofessionalisierung (z. B. Baumert & Kunter, 2006). Auch die intensivierten Forschungs- und Entwicklungsbemühungen zur Professionalisierung angehender Lehrkräfte in den verschiedenen Ausbildungsphasen (z. B. in der Qualitätsoffensive Lehrerbildung) haben dazu beigetragen. Vorliegende Befunde belegen bspw. die Bedeutung individueller Überzeugungen von Lehrkräften für ihr unterrichtliches Handeln (Buehl & Beck, 2015). Zudem gibt es Evidenz, dass vorangegangene Lerngelegenheiten, etwa im Studium, zur Veränderung von Überzeugungen beitragen. Was gibt es also Neues? Die Beiträge des Themenheftes greifen zwei aktuelle Schwerpunkte auf: Erstens ist die bisherige Evidenz zur Entwicklung und Veränderbarkeit von Überzeugungen keineswegs so solide, wie man vermuten könnte. Wie sich individuelle Überzeugungen zu professionellen, adäquaten Werthaltungen entwickeln, ist empirisch weitestgehend unklar. Es fehlt an soliden Längsschnitt-, aber auch Interventionsstudien. Die Beiträge des Heftes liefern hierzu Befunde sowohl zu generischen Entwicklungsprozessen als auch zu Möglichkeiten der gezielten Veränderung professioneller Überzeugungen. Zweitens thematisiert die neuere Forschung spezifischere Inhalte professioneller Überzeugungen. Die hier versammelten Beiträge erweitern das Spektrum bisheriger „Klassiker“ - etwa epistemische Überzeugungen oder subjektive Vorstellungen von Lehren und Lernen - um Überzeugungen zum Unterrichten in heterogenen Klassen, zu Anstrengungsbereitschaft und Begabung von Lernenden, aber auch um inhaltsbezogene Überzeugungen zu bildungsspezifischen Themen (z. B. zur Rolle der Klassengröße für schulisches Lernen). Zudem nehmen sie, im Sinne multidimensionaler Entwicklung, verschiedene Überzeugungsfacetten zeitgleich in den Blick. Mit dieser Ausrichtung bündelt das Themenheft aktuelle empirische Arbeiten, die zu einem breiten Verständnis von professionellen Überzeugungen von (angehenden) Lehrkräften beitragen. Zu den einzelnen Beiträgen: Die Arbeit von Rosman, Schlag und Merk untersucht auf Basis einer längs- und einer querschnittlich-experimentellen Studie Zusammenhänge in den Entwicklungsverläufen von epistemischen Überzeugungen Lehramtsstudierender und ihren Überzeugungen zur praktischen Bedeutsamkeit pädagogisch-psychologischen Wissens. Diese Bedeutsamkeit wurde allgemein, aber auch hinsichtlich spezifischer Themen, erfasst, wie dem Big Fish Little Pond Effekt. Die Ergebnisse zeigen, dass sich beide im Mittel über die Zeit ähnlich entwickeln. Zudem fanden sich Belege für die Themen- und Kontextsensitivität des beobachteten Zusammenspiels. Editorial 162 Editorial Der Beitrag von Asberger, Thomm und Bauer widmet sich der Entwicklung eines Fragebogeninstrumentes zur Erfassung von Fehlkonzepten („fragwürdigen Überzeugungen“) zu bildungswissenschaftlichen Themen, die häufig Gegenstand öffentlicher Debatten sind (z. B. zu Effekten der Klassengröße). Die Ergebnisse liefern Evidenz, dass sich damit solche themenspezifischen Fehlkonzepte bei unterschiedlichen Studierendengruppen reliabel und valide erfassen lassen. So wiesen Studierende aus nicht bildungsbezogenen Studiengängen (z. B. Wirtschaftswissenschaften) bei drei von vier Themen stärker ausgeprägte Fehlkonzepte auf als Studierende mit bildungswissenschaftlichen Studienanteilen. Zudem fanden sich auch in diesem Beitrag deutliche Hinweise auf die Themenspezifität individueller Überzeugungen. Bernholt, Kauper, Zimmermann und Rösler untersuchten längsschnittlich, wie unterschiedliche Überzeugungsfacetten von Lehramtsstudierenden am Studienende mit unterrichtsbezogenen Lehr- und Lerngelegenheiten im Vorbereitungsdienst zusammenhängen. Im Fokus der Untersuchung stand die Annahme, dass Überzeugungen sowohl die Nutzung unterrichtsbezogener Lerngelegenheiten (z. B. das Ausprobieren von Methoden im eigenen Unterricht) als auch die Ausgestaltung von Unterricht (z. B. die Zielsetzung) beeinflussen. Neben lehr- und lerntheoretischen Überzeugungen wurden auch implizite Fähigkeitstheorien betrachtet. Tatsächlich fanden sich für beiderlei Effekte empirische Belege. Insbesondere scheinen konstruktivistische Lern- und konstruktive Lehrüberzeugungen bedeutsam zu sein; implizite Fähigkeitstheorien über das Handeln als Lehrperson erwiesen sich dagegen irrelevant. Im abschließenden Beitrag untersuchten Dignath, Meschede, Kunter und Hardy Überzeugungen Lehramtsstudierender zum Unterrichten in heterogenen Klassen. Hierfür wurde ein bestehendes Fragebogeninstrument zur Erfassung professioneller Überzeugungen zum Umgang mit Heterogenität durch zusätzliche Dimensionen der kulturellen und leistungsbezogenen Heterogenität erweitert. Besonderes Augenmerk legen die Autorinnen hierbei auf die Rolle der Selbstwirksamkeitsüberzeugungen im Umgang mit Heterogenität, die in engem Zusammenhang zu Überzeugungen zum Unterrichten in heterogenen Klassen gesetzt werden. In drei aufeinander aufbauenden Studien erwies sich der Fragebogen als reliabel und valide zur Erfassung des intendierten Konstrukts. Insbesondere ließen sich damit Gruppenunterschiede und Veränderungen nachweisen. So hatten Studierende des Förderschullehramtes, wie erwartet, günstigere Überzeugungen zum Umgang mit Heterogenität als Studierende anderer Lehramtszugänge. Zudem empfanden sich Studierende mit günstigeren Überzeugungen auch als selbstwirksamer hinsichtlich des Unterrichtens in heterogenen Klassen. Insgesamt unterstreichen die empirischen Befunde des Themenheftes die bedeutsame Rolle individueller Überzeugungen in der Ausbildung angehender Lehrkräfte. Bezüglich des eingangs diskutierten Aspekts der inhaltlichen Ausdifferenzierung von Überzeugungen in der aktuellen Forschung zeigt sich, dass sich diese häufig als kontextsensibel und themenspezifisch erweisen. Die diskutierten Befunde von Rosman et al. und Asberger et al. unterstreichen dies. Diese Differenzierungen sollten in der zukünftigen Forschung weiter ausgelotet werden. Dabei wären neben einer themen- und kontextspezifischen Erhebung der jeweiligen Überzeugungen auch differenzielle Aspekte der mit diesen Konstrukten zusammenhängenden Variablen zu beachten, um bedeutsame Zusammenhänge bzw. Wirkungen aufzeigen zu können. Gleichzeitig haben die genannten Befunde Konsequenzen für Fragen der Entwicklung professioneller Überzeugungen im Rahmen der Lehrer*Innenbildung und für Interventionsansätze. Im Überblick der Beiträge wird deutlich, dass es in der aktuellen Forschung zunehmend um die Frage geht, wie professionelle Überzeugungen im Zuge der hochschulischen Ausbildung gezielt und explizit adressiert werden können, anstatt sie als „Nebenprodukt“ formeller, institutionalisierter Lerngelegenheiten zu betrachten. Die Beiträge von Dignath et al. und Rosman et al. nehmen sich diesem Aspekt gezielt an und untersuchen selbstgestaltete bzw. bereits vorhan- Editorial 163 dene, curriculare Lerngelegenheiten im Lehramtsstudium. In diesem Zusammenhang diskutieren Dignath und Kolleginnen die interessante Problematik, mit welchen Interventionsmerkmalen welche Überzeugungsfacetten adressiert werden können bzw. ob, und wenn ja, welche mittel- und langfristigen Wirkungen dies auf angrenzende berufsbezogene Überzeugungen hat. Gleichzeitig legen die diskutierten Befunde zur Kontextsensitivität und Themenspezifität von Überzeugungen nahe, dass - je nach Inhaltsbereich - Interventionen unter Umständen sehr spezifisch themenbezogen gestaltet werden müssten, um Überzeugungsänderung im Sinn eines Conceptual Change zu initiieren. Neben der Kontextualisierung individueller Überzeugungen scheint die Frage, auf welchen Aspekt diese wie wirken (sollen), auch in Hinblick auf die theoretische Verortung in Professionalisierungsmodellen von Bedeutung zu sein. Im Beitrag von Bernholt und Kolleginnen wird eine Unterscheidung der Effekte von Überzeugungen auf unterschiedliche abhängige Variablen hervorgehoben. Dabei wirken Überzeugungen im Sinn individueller Lernvoraussetzungen einerseits auf den eigenen professionellen Lernprozess; andererseits beeinflussen sie den Output professionellen Handels im Sinne der (späteren) Gestaltung qualitativ hochwertiger Lehrgelegenheiten. Nicht nur mit Blick auf das Studium lassen sich demnach unterschiedliche Effekte individueller Überzeugungen vermuten, die in weiteren Forschungen adressiert werden sollten. Literatur Baumert, J. & Kunter, M. (2006). Stichwort: Professionelle Kompetenz von Lehrkräften. Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, 9, 469 - 520. Buehl, M. & Beck, J. S. (2015). The relationship between teachers’ beliefs and teachers’ practices. In H. Fives & M. G. Gill (Eds.), International Handbook of Research on Teachers’ Beliefs (pp. 87 - 105). New York: Routledge. Dr. Andrea Bernholt Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik Olshausenstraße 62 D-24118 Kiel E-Mail: abernholt@leibniz-ipn.de Prof. Dr. Johannes Bauer Universität Erfurt Nordhäuser Straße 63 D-99089 Erfurt E-Mail: johannes.bauer@uni-erfurt.de
