Psychologie in Erziehung und Unterricht
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0342-183X
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/peu2023.art01d
3_070_2023_1/3_070_2023_1.pdf11
2023
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Editorial zum Themenheft: Risiko und Resilienz im Kindes- und Jugendalter
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2023
Gottfried Spangler
Sandra Gabler
Melanie Kungl
Die moderne Entwicklungspsychopathologie hat mit dem Risiko-Schutzmodell zur Erklärung abweichender Entwicklung traditionelle Vorstellungen, insbesondere solche, die von einem frühkindlichen Determinismus und monokausalen Erklärungen zur Entwicklung psychischer Störungen ausgehen, überwunden. So wird heute von einer kumulativen Belastung durch unterschiedliche, und auch in späteren Entwicklungsphasen wirksame, Risikofaktoren ausgegangen. In der modernen Sichtweise wird außerdem die zentrale Rolle von Schutzfaktoren und Resilienzmechanismen betont, die trotz vorliegenden Risikos eine positive Entwicklung ermöglichen. Resilienz beschreibt dabei die Widerstandsfähigkeit eines Individuums, welche bei aversiven Erfahrungen zum Tragen kommt, deren negativen Einfluss abmildert und zur Bewältigung von Krisen befähigt. Im engeren Sinn konstituiert sich Resilienz aus spezifischen Merkmalen und Kompetenzen eines Individuums. Inzwischen wird Resilienz vielmehr als dynamisches und prozesshaftes Geschehen zwischen verschiedenen biopsychosozialen Faktoren und deren wechselseitigem Zusammenspiel verstanden. Dabei zeigen die Befunde wiederholt die Erfahrungssensitivität von Resilienz und verweisen insbesondere auf die Relevanz von Fürsorge- und Erziehungsverhalten der Bezugspersonen.
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Psychologie in Erziehung und Unterricht, 2023, 70, 1 -2 DOI 10.2378/ peu2023.art01d © Ernst Reinhardt Verlag Editorial zum Themenheft Die moderne Entwicklungspsychopathologie hat mit dem Risiko-Schutzmodell zur Erklärung abweichender Entwicklung traditionelle Vorstellungen, insbesondere solche, die von einem frühkindlichen Determinismus und monokausalen Erklärungen zur Entwicklung psychischer Störungen ausgehen, überwunden. So wird heute von einer kumulativen Belastung durch unterschiedliche, und auch in späteren Entwicklungsphasen wirksame, Risikofaktoren ausgegangen. In der modernen Sichtweise wird außerdem die zentrale Rolle von Schutzfaktoren und Resilienzmechanismen betont, die trotz vorliegenden Risikos eine positive Entwicklung ermöglichen. Resilienz beschreibt dabei die Widerstandsfähigkeit eines Individuums, welche bei aversiven Erfahrungen zum Tragen kommt, deren negativen Einfluss abmildert und zur Bewältigung von Krisen befähigt. Im engeren Sinn konstituiert sich Resilienz aus spezifischen Merkmalen und Kompetenzen eines Individuums. Inzwischen wird Resilienz vielmehr als dynamisches und prozesshaftes Geschehen zwischen verschiedenen biopsychosozialen Faktoren und deren wechselseitigem Zusammenspiel verstanden. Dabei zeigen die Befunde wiederholt die Erfahrungssensitivität von Resilienz und verweisen insbesondere auf die Relevanz von Fürsorge- und Erziehungsverhalten der Bezugspersonen. Das Themenheft umfasst vier Arbeiten, einen Einführungs-/ Überblicksartikel und drei empirische Arbeiten. In der Einführung (Kungl, Gabler & Spangler) wird das Resilienzkonstrukt theoretisch eingeführt und ein Überblick über seine Entwicklung und Forschungsgeschichte gegeben. Die dynamische Sichtweise des Konstruktes wird unter anderem unter Einbezug biologischer Mechanismen differenziert herausgearbeitet. Übergreifend zeigt sich die wichtige Rolle sozialer (inner- und außerfamiliärer) Faktoren in diesem Zusammenspiel, weshalb der Artikel mit einer bindungstheoretischen Integration der Befunde abschließt. Die drei empirischen Arbeiten befassen sich mit Resilienz aus verschiedenen Perspektiven. White und KollegInnen nehmen eine individuumszentrierte Perspektive ein und untersuchen kindliche Ich-Flexibilität als zentrales Resilienzmerkmal im Kontext von Misshandlungserfahrungen an einer großen Stichprobe. Der Beitrag zeigt, dass Ich-Flexibilität einen promotiven Effekt hat und unabhängig von der Risikoexposition dem Auftreten internalisierender wie auch externalisierender Verhaltensprobleme entgegenwirkt. Bezüglich der Auswirkung von Misshandlung fanden die AutorInnen einen protektiven Resilienzeffekt von Ich-Flexibilität auf internalisierende Probleme bis zur mittleren Kindheit (aber nicht mehr im Jugendalter). Misshandlungserfahrungen gehen bei Kindern mit geringer Ich-Flexibilität mit internalisierenden Problemen einher, während dieser Zusammenhang bei hoher Ich-Flexibilität nicht feststellbar war. Interessant wäre hier weiterhin, was zur Entwicklung von Unterschieden in der Ich-Flexibilität beiträgt. Die zweite empirische Arbeit setzt den Fokus mit einem Mehrebenen-Ansatz auf die resilienzförderlichen Bedingungen im sozialen außerfamiliären Kontext. Ortelbach und KollegInnen konnten feststellen, dass Kompetenzmerkmale (konkret die Selbstwirksamkeit) der pädagogischen Fachkräfte, erfasst in knapp 50 Kindertagesstätten, protektiv den Einfluss familiärer Belastung auf die Entstehung sozial-emotionaler Probleme der Kinder abmildert. Gleichzeitig trägt die Selbstwirksamkeit der Fachkräfte promotiv zur Förderung der kindlichen sozial-emotionalen Kompetenzen bei, die wiederum im weiteren Entwicklungsverlauf als Resilienzmerkmale wirksam sein können. Hier wird deutlich, Risiko und Resilienz im Kindes- und Jugendalter 2 Editorial zum Themenheft dass außerfamiliäre Betreuung (bei gegebenen Kompetenzen der pädagogischen Fachkräfte) einen Beitrag zur Förderung der kindlichen Resilienz liefern und angesichts familiärer Belastung einer ungünstigen sozial-emotionalen Entwicklung entgegenwirken kann. Ausgehend davon, dass eine effektive Emotionsregulation auch bei Erwachsenen ein zentrales Resilienzmerkmal darstellt, untersuchten in der dritten empirischen Arbeit Zimmermann und Podewski, inwieweit bei Vorliegen familiärer Risiken die effektive Emotionsregulation der Eltern die Entwicklung kindlicher Verhaltensprobleme verhindert. Nach den Befunden führt ein hohes kumulatives Risiko zu mehr psychischen Auffälligkeiten bei den Kindern wie auch zu Einschränkungen adaptiver Emotionsregulation bei den Eltern. Während die adaptive Emotionsregulation der Eltern grundsätzlich mit weniger psychischen Auffälligkeiten der Kinder einherging, wurde der Risikoeinfluss auf die psychischen Auffälligkeiten durch die maladaptive Regulation der Eltern moderiert. So mindert eine zumindest moderate Nutzung minimierender Strategien (z. B. Ausdruckskontrolle) den negativen Risikoeffekt, zudem schätzen Eltern mit einem mindestens moderaten Ausmaß maximierender Strategien (z. B. Dysregulation) ihre Kinder bei Risikobelastung sehr problematisch ein. Minimierende und maximierende elterliche Emotionsregulationsstrategien vermindern oder verstärken somit das Erleben der Risikobelastung bzw. die Konfrontation der Kinder damit. Interessanterweise zeigt sich eine für die elterliche Emotionsregulation an sich ungünstige Strategie (hohe Ausdruckskontrolle), da sie Belastung vom Kind fernhält, als Schutzfaktor für die kindliche Entwicklung. Die Studien des Themenhefts verdeutlichen den Stellenwert von Resilienzmerkmalen aufseiten des Kindes wie aufseiten der Eltern für eine adaptive kindliche Entwicklung gerade auch im erzieherischen Kontext; sie zeigen, dass einerseits kindliche Resilienz den Effekt aversiver Erfahrungen mit Bezugspersonen mindert, dass andererseits Kompetenz- und Resilienzmerkmale familiärer wie außerfamiliärer Bezugspersonen Risikobelastung im Kontext abmildern und langfristig zum Aufbau von kindlicher Resilienz beitragen. GastherausgeberInnen: Prof. Dr. Gottfried Spangler Dr. Sandra Gabler Dr. Melanie Kungl Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg Institut für Psychologie Lehrstuhl für Entwicklungspsychologie, Pädagogische Psychologie und Entwicklungspsychopathologie Nägelsbachstraße 49 a 91052 Erlangen E-Mail: gottfried.spangler@fau.de sandra.gabler@fau.de melanie.kungl@fau.de
