eJournals Psychologie in Erziehung und Unterricht71/3

Psychologie in Erziehung und Unterricht
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0342-183X
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/peu2024.art19d
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2024
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Praxis Psychologischer Beratung und Intervention: Kinder mit Defiziten im Sprachverständnis erkennen und fördern: Ein Blick auf Schüler/innen, die im Schulalltag häufig übersehen werden

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2024
Falko Dittmann
Anke Buschmann
Kinder mit einer Sprachverständnisstörung (SVS) haben Schwierigkeiten, gesprochene und geschriebene Sprache zu verstehen. Sie orientieren sich vermehrt an Informationen aus dem Kontext und an ihrem Erfahrungswissen und haben Strategien entwickelt, das Nicht-Verstehen zu kompensieren. Dadurch werden SVS spät oder gar nicht erkannt. Defizite im Sprachverständnis stellen ein Risiko für die weitere Entwicklung der Kinder dar, denn sie wirken sich ungünstig auf den Schriftspracherwerb und das gesamte schulische Lernen sowie auf die sozial-emotionale Entwicklung aus. Betroffene Kinder benötigen eine gezielte Unterstützung: Hierzu gehören eine logopädische Behandlung mit zusätzlicher Schulung der Eltern. Unterrichtsimmanente Maßnahmen ermöglichen den Kindern ein adäquates Verstehen im Schulalltag. Der vorliegende Artikel gibt einen Überblick über das Störungsbild einer SVS. Maßnahmen zur effektiven Unterstützung werden dargestellt.
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Psychologie in Erziehung und Unterricht, 2024, 71, 202 -208 DOI 10.2378/ peu2024.art19d © Ernst Reinhardt Verlag n Praxis Psychologischer Beratung und Intervention Kinder mit Defiziten im Sprachverständnis erkennen und fördern: Ein Blick auf Schüler/ innen, die im Schulalltag häufig übersehen werden Falko Dittmann & Anke Buschmann ZEL - Zentrum für Entwicklung und Lernen, Heidelberg Zusammenfassung: Kinder mit einer Sprachverständnisstörung (SVS) haben Schwierigkeiten, gesprochene und geschriebene Sprache zu verstehen. Sie orientieren sich vermehrt an Informationen aus dem Kontext und an ihrem Erfahrungswissen und haben Strategien entwickelt, das Nicht-Verstehen zu kompensieren. Dadurch werden SVS spät oder gar nicht erkannt. Defizite im Sprachverständnis stellen ein Risiko für die weitere Entwicklung der Kinder dar, denn sie wirken sich ungünstig auf den Schriftspracherwerb und das gesamte schulische Lernen sowie auf die sozial-emotionale Entwicklung aus. Betroffene Kinder benötigen eine gezielte Unterstützung: Hierzu gehören eine logopädische Behandlung mit zusätzlicher Schulung der Eltern. Unterrichtsimmanente Maßnahmen ermöglichen den Kindern ein adäquates Verstehen im Schulalltag. Der vorliegende Artikel gibt einen Überblick über das Störungsbild einer SVS. Maßnahmen zur effektiven Unterstützung werden dargestellt. Schlüsselbegriffe: Sprachverständnis, Sprachverständnisstörung, Sprachentwicklungsstörung, sprachsensibler Unterricht, Sprachförderung Sensing and Supporting Children With Language Comprehension Deficits in School Practice: A Look at Students who are Often Overlooked in Everyday School Life Summary: Children with deficits in language comprehension (DLC) struggle to understand spoken and written language based solely on their meaning. They commonly base their information on context and experiential knowledge and develop strategies to cope with their need for more understanding. Thus, DLC are identified late or not at all. Deficits in language comprehension represent a risk for the further development of children. It has a negative impact on overall learning in school, literacy and social-emotional development. Affected children require targeted support: Including speech therapy with training for parents and teaching-related measures that enable children to understand adequately in everyday school life. This article provides an overview of the clinical picture of DLC and its causes. Measures for effective support are presented. Keywords: Language comprehension, language comprehension disorder, developmental language disorder, language-sensitive teaching, language training Kinder mit einer Sprachverständnisstörung (SVS), auch rezeptive Sprachstörung genannt, haben Probleme, ihrem Alter und ihrer Intelligenz entsprechend gesprochene und geschriebene Sprache zu verstehen. Beispielsweise fällt es ihnen schwer, Anweisungen zu befolgen, Fragen zu beantworten, Gesprächen zu folgen, Sachaufgaben und Texte zu verstehen. Sie orientieren sich verstärkt am situativen Kontext, an der Mimik und Gestik des Gegenübers und ziehen in unangemessener Weise ihr Erfahrungs- und Weltwissen zur Interpretation des Gesagten heran (Amorosa & Noterdaeme, 2003). Da diese Kinder oft ein gutes Situationsverständnis haben und sich Kompensationsstrategien aneignen, werden ihre Defizite häufig erst spät erkannt, mit erheblich negativen Folgen für die schulische und sozialemotionale Entwicklung. Kinder mit Defiziten im Sprachverständnis in der schulischen Praxis erkennen und fördern 203 Symptomatik einer SVS Erste Anzeichen zeigen sich bereits im Kleinkindalter: Betroffene Kinder sprechen spät und verfügen mit zwei Jahren über einen aktiven Wortschatz von weniger als 50 Wörtern (sog. Late-Talker). Oft fällt eine „Jargonsprache“ auf, die für Außenstehende nahezu unverständlich ist: Die Kinder produzieren lange, satzähnliche Äußerungen mit der für die jeweilige Sprache typischen Prosodie, jedoch ohne „echte“ Wörter. Im Vorschulalter sind ausgeprägte expressive Sprachdefizite zu beobachten, wie ein geringer Wortschatz, der Ausdruck in der Verwendung von Passe-Partout-Wörtern (z. B. „Dings“) und stereotypen Frage- und Antwortsätzen findet. Ebenso sind starre Satzmuster, Fehler im Satzbau und in der Wortbildung typisch. Betroffenen Kindern gelingt das Zuhören weniger gut als anderen, beispielsweise bei Erzählungen im Stuhlkreis und beim Vorlesen, da sie die Inhalte nicht verstehen. Abb. 1: Häufige Schwierigkeiten von Kindern mit SVS im Schulalter auf unterschiedlichen Ebenen (Reber & Schönauer-Schneider, 2018; eigene Darstellung) Probleme im Sprachverständnis auf verschiedenen sprachlichen Ebenen Defizite im Wortverständnis ◾ Nicht-Verstehen zahlreicher Begriffe aufgrund eines zu geringen passiven Wortschatzes ◾ ungenaues Verstehen von Wörtern z. B. geben vs. aufgeben oder trinken vs. ertrinken ◾ Probleme im Verstehen von Pronomen und Präpositionen z. B. werden ihn/ ihm/ ihnen gleichgesetzt ◾ Schwierigkeiten beim Verstehen spezifischer grammatischer Konstruktionen z. B. Plural (das Mädchen vs. die Mädchen) Tempus (trinkt, trank, hat getrunken) Defizite im Satzverständnis ◾ Probleme beim Verstehen von eingeschobenen Informationen (Appositionen) z. B. Der Junge, der ein rotes T-Shirt trug, rannte weg. ◾ Schwierigkeiten bei Sätzen, in denen die Wortreihenfolge nicht der Handlungsreihenfolge entspricht, wie bei Temporal- oder Passivsätzen z. B. Du packst die Hefter aus, nachdem du die Sportsachen weggeräumt hast. ◾ fehlendes Verstehen von Bildungs- und figurativer Sprache z. B. erhitzen vs. warm machen, notieren vs. aufschreiben Defizite im Textverständnis ◾ Probleme beim Nachvollziehen von Handlungssträngen ◾ Nicht-Verstehen von satzübergreifenden referenziellen Bezügen ◾ Schwierigkeiten beim sinnerfassenden Lesen 204 Falko Dittmann, Anke Buschmann Im Schulalter fallen Wortschatzdefizite und ein einfacher und stereotyper Satzbau auf (meist nur Hauptsätze). Bei der Ausführung von Aufträgen orientieren sie sich an anderen Kindern und nutzen bevorzugt visuelle Hinweisreize. Sie wirken unaufmerksam und sie sind leicht ablenkbar. Das Arbeiten mit Texten sowie das Zuhören bei längeren Erklärungen bereitet ihnen Schwierigkeiten. Sie sind nach einem Schultag erschöpfter als Gleichaltrige und klagen zum Teil über Kopfschmerzen. In der Regel weisen betroffene Kinder sowohl Einschränkungen im passiven Wortschatz als auch im Verstehen grammatischer Strukturen auf, weshalb im Schulalter das Lesenlernen erschwert ist und langfristig Schwierigkeiten im sinnerfassenden Lesen vorliegen (Abb. 1). Das eingeschränkte Verstehen, z. B. von Anweisungen, wird oft nicht erkannt, weil Betroffene versuchen, ihre Schwierigkeiten zu kompensieren (Abb. 2). Eltern und Fachpersonen neigen dazu, das Verhalten der Kinder als Ausdruck von „Nicht-Hören“ oder „Nicht-Wollen“ bis hin zum bewussten „Unfolgsamsein“ zu interpretieren. Hinzu kommt, dass viele Kinder über ein gutes Situationsverständnis verfügen. Denn sie eignen sich notgedrungen über die Jahre hinweg eine spezifische Kompetenz an: Sie achten sehr genau auf Informationen aus dem Kontext und auf die Mimik und Gestik des Gegenübers. Dies versetzt sie in die Lage zu verstehen, was von ihnen erwartet wird, und sie können z. B. eine Handlung korrekt ausführen. Dadurch entsteht der Eindruck, das Kind verstehe alles. Fehlende Sprachverstehenskontrolle Als Sprachverstehenskontrolle, auch Monitoring des Sprachverstehens genannt, wird die Fähigkeit bezeichnet, Missverständnisse oder ein Häufiges Ja-Sagen auf Fragen, manchmal ohne die Frage abzuwarten, oft Nicken, obwohl die Frage oder Aufgabe nicht verstanden wurde Erfinden von Lösungen Ablenkende Strategien, z. B. Husten Füllwörter und Floskeln z. B. „Das ist langweilig, kenn ich schon.“ „Das ist mega einfach.“ Wiederholen der Frage oder der Aufforderung, ohne diese verstanden zu haben Voreiliges Antworten und Handeln, bevor die Frage oder der Auftrag beendet wurde Starke Orientierung an anderen Kindern Kompensationsstrategien Abb. 2: Kompensationsstrategien der Kinder und Jugendlichen mit einer SVS (Eigene Darstellung) Kinder mit Defiziten im Sprachverständnis in der schulischen Praxis erkennen und fördern 205 Nicht-Verstehen zu erkennen und adäquat darauf zu reagieren (Dollaghan & Kaston, 1986). Ein erfolgreiches Monitoring beinhaltet zunächst das selbstständige Beurteilen, ob eine Aussage verständlich ist. Ist dies nicht der Fall, kann der Grund für das Nicht-Verstehen erkannt werden (z. B. Störgeräusche oder Unkenntnis der Bedeutung eines Wortes), um in der Folge konstruktive Strategien zur Klärung des Nicht- Verstehens anzuwenden, wie gezieltes Nachfragen und die Bitte um Wiederholung ggf. in geringerem Sprechtempo (Skarakis-Doyle & Dempsey, 2008). Die Fähigkeit zum Monitoring ist bei der Mehrzahl der Kinder mit einer SVS beeinträchtigt, sodass ihr Alltag aus zahlreichen Missverständnissen und Fehlinterpretationen besteht (Hachul & Schönauer-Schneider, 2019). Da ihnen die Erfahrung des „richtigen Verstehens“ fehlt, bemerken sie nicht, wenn sie eine Äußerung nicht korrekt verstanden haben und fragen dementsprechend auch nicht nach. Bei Missverständnissen können sich die Kinder nicht erklären, wie es dazu kam, da sie aus ihrer Perspektive den Anforderungen entsprechend gehandelt haben. Ursache SVS sind bei Kindern mit einer Primärerkrankung zu beobachten (z. B. Autismus-Spektrum- Störung, Intelligenzminderung), und sie treten im Rahmen von Sprachentwicklungsstörungen (SES) auf. Von einer SES sind ca. 10 % der Kinder betroffen (Norbury et al., 2016), ein Drittel von ihnen weist Defizite im Sprachverständnis auf, die Übrigen haben ausschließlich Beeinträchtigungen in der aktiven Sprache, d. h., zwei bis drei Prozent aller Kinder bei sonst altersgerechter Allgemeinentwicklung weisen eine SVS auf. Ursache ist eine genetische Disposition für Defizite in der Sprachverarbeitung (Suchodoletz, 2003): Sprachliche Informationen werden langsamer und weniger automatisiert verarbeitet als bei Kindern ohne SES. Zudem liegen Defizite im phonologischen Arbeitsgedächtnis vor. Folge- und Begleitstörungen Die Mehrzahl der Kinder mit einer SVS weist langfristig sprachliche Defizite auf und hat Schwierigkeiten im Schriftspracherwerb (Clegg, Hollis, Mawhood & Rutter, 2005). Allgemeine Lernschwierigkeiten (Hartmann, 2004) sowie Probleme im Mathematikunterricht (Nolte, 2000) sind häufig. Die Rate an emotionalen und Verhaltensstörungen ist deutlich höher als bei Kindern ohne SVS und auch höher als bei Kindern mit isoliert expressiven Sprachdefiziten (Toppelberg & Shapiro, 2000). Missverständnisse mit Gleichaltrigen treten auf, z. B. verstehen die Kinder Pointen und Redewendungen nicht oder falsch und reagieren dementsprechend inadäquat. Die Folge sind Ausgrenzung, wenige Freundschaften und häufige Konflikte. In Summe kann sich eine SVS sowohl auf die berufliche Laufbahn als auch auf die persönliche Lebensperspektive negativ auswirken (Clegg et al. 2005). Diagnostik Besteht der Verdacht auf eine SVS, ist eine standardisierte Untersuchung der Sprachfähigkeiten unerlässlich. Eine orientierende Einschätzung anhand von Beobachtungen reicht nicht aus, da die Aussage aufgrund des guten Situationsverständnisses und der Kompensationsstrategien der Kinder verzerrt wäre (Hachul & Schönauer- Schneider, 2019). Durch den Einsatz standardisierter Testverfahren sind die Durchführung, Auswertung und Interpretation genau festgelegt und somit objektive Ergebnisse erwartbar (Ehlert, 2014). Neben dem Feststellen bzw. Ausschluss einer SVS zielt die diagnostische Abklärung auch darauf ab, zu ermitteln, welche sprachlichen Strukturen in welchem Ausmaß nicht verstanden werden (Kannengieser, 2015). Hierfür stehen sowohl allgemeine als auch spezifische Testverfahren zur Verfügung, u. a. der CELF-5 (Wiig, Semel & Secord, 2020) mit Subtests zur Erfassung des Satz- und Textverständnisses im Altersbereich von 6; 0 bis 16; 11 Jahren und der PPVT-4 (Lenhard, Lenhard, Segerer & Suggate, 2015) zur Prüfung des Wortverstehens im Altersbereich von 3; 0 bis 16; 11 Jahren. 206 Falko Dittmann, Anke Buschmann Eine Abklärung des Sprachverständnisses ist angezeigt bei: - Defiziten in den expressiven Sprachfähigkeiten - sozial-emotionalen - oder Verhaltensauffälligkeiten (Unaufmerksamkeit, Unruhe) - häufigen kommunikativen Missverständnissen, auch unter Peers - allgemeinen Schulleistungsproblemen - Schwierigkeiten im Schriftspracherwerb, insbesondere Leseverständnis - Schwierigkeiten bei Sachaufgaben Bei Kindern im Schulalter sollte die diagnostische Abklärung des Sprachverständnisses durch eine Überprüfung des Leseverstehens ergänzt werden. Geeignet ist hierfür der ELFE-II (Lenhard, Lenhard & Schneider, 2020). Maßnahmen zur Unterstützung Aus aktuellen Reviews (Tarvanien, Stolt & Launonen, 2020; Tarvainen, Launonen & Stolt, 2021) geht hervor, dass sich folgende Maßnahmen positiv auf das Sprachverständnis von Kindern zwischen einem und 16 Jahren auswirken: Sprachtherapeutische Behandlung (Logopädie) Je nach Alter des Kindes, Schwerpunkt und Ausmaß der SVS stehen in der Sprachtherapie verschiedene Aspekte im Vordergrund, wie die Erweiterung kommunikativer Fähigkeiten, der Aufbau eines breiten rezeptiven Wortschatzes, die Erarbeitung des linguistischen Dekodierens spezifischer syntaktischer oder morphologischer Strukturen und die Verbesserung des Textverständnisses. Verbesserung der Monitoring-Fähigkeiten Als besonders effektiv hat sich das gezielte Arbeiten an einer Verbesserung der Sprachverstehenskontrolle erwiesen, d. h. die Kinder lernen erstens zu erkennen, dass sie eine Äußerung nicht verstanden haben. Zweitens lernen sie, dies dem Gegenüber aktiv zu signalisieren. Ein nachgewiesenermaßen erfolgreicher Ansatz ist der Wortschatzsammler (Motsch, Gaigulo & Ulrich, 2022). Hierbei handelt es sich um eine lexikalische Strategietherapie, deren primäres Ziel darin besteht, die Reaktionen der Kinder in den Situationen zu verändern, in denen ihnen das lexikalische Wissen fehlt. Die Kinder erfahren, dass Nachfragen etwas Positives ist, und sie erlernen Strategien, um die neuen Wörter besser abzuspeichern. Die Kinder erhalten ‚Hilfe zur Selbsthilfe‘, denn das eigenaktive Lernen wird angeregt. Keinen Effekt erzielen dagegen Übungen zur Erweiterung der Hör- Merkspanne oder des auditiven Gedächtnisses. Optimierung der kommunikativen Umgebung Neben den kindzentrierten Maßnahmen zur Verbesserung des Sprachverständnisses kommt der Verbesserung des kommunikativen Umfelds zu Hause und in der KiTa/ Schule eine große Bedeutung zu. Schulung der Eltern Wie bereits aufgezeigt, bemerken die engsten Bezugspersonen die Defizite im Sprachverstehen oft gar nicht. Demnach stellen sie sich in ihrem Sprachangebot und in ihrem Interaktionsverhalten auch nicht darauf ein, d. h., die Eltern sprechen mit ihrem Kind in der Regel zu komplex und insgesamt zu wenig am Sprachstand ihres Kindes orientiert. Dies fördert Missverständnisse und Frustration auf beiden Seiten. Es ist wichtig, die Eltern über die Symptome, Ursachen und Auswirkungen einer SVS aufzuklären und sie zu einem sprachförderlichen Umgang mit ihrem Kind zu befähigen. Eltern sollten die Möglichkeit erhalten, konkrete Strategien und Techniken zu erlernen, um ihr Kind im Rahmen natürlicher Alltagssituationen bei der Erweiterung seines produktiven Sprachvermögens und seines Sprachverständnisses zu unterstützen (Dittmann & Buschmann, 2021). Die Eltern benötigen eine systematische Anleitung und Begleitung mit Feedback, kurze Beratungen mit klassischen Tipps sind wenig erfolgversprechend. Ausge- Kinder mit Defiziten im Sprachverständnis in der schulischen Praxis erkennen und fördern 207 arbeitete und erprobte Elternschulungskonzepte sind z. B. das „Heidelberger Elterntraining zur frühen Sprachförderung“ (Buschmann, 2017) und der „Heidelberger Elternworkshop Sprachverständnis“ (Dittmann & Buschmann, 2021). Letzterer besteht aus zwei aufeinander aufbauenden zweistündigen Modulen und ist insbesondere für den Einsatz in der Schule geeignet. Sprachsensibler Unterricht Um für die Kinder unterrichtsimmanent ein bestmögliches Verstehen sicherzustellen und somit einen Lernerfolg zu ermöglichen, kommt dem Sprachangebot der Lehrkräfte eine besondere Bedeutung zu: Kinder mit einer SVS profitieren von einem systematisch verlangsamten Sprechtempo mit Betonung der Schlüsselwörter. Diese akzentuierte Sprechweise lenkt die Aufmerksamkeit der Kinder auf den wesentlichen Inhalt bzw. auf bestimmte grammatische Strukturen. Dieses professionelle Sprachangebot unterscheidet sich deutlich von der alltäglichen kindgerichteten Sprache (Mayer, 2009). Motsch und Berg (2017) weisen zudem auf die positive Wirkung eines fraktionierten Sprechens hin: Hierbei werden kurze Pausen vor bzw. nach sprachlichen Einheiten gemacht, sodass den Kindern das Erkennen und Verarbeiten grammatischer Strukturen erleichtert wird (z. B. Der Hund liegt - neben dem Tisch - und schläft.). Der Einsatz begleitender Gesten, Gebärden und Visualisierungen unterstützt neben dem Sprachverstehen auch das Erfassen der Lerninhalte. Voraussetzung für ein erfolgreich angepasstes Sprachangebot ist das Bewusstsein der Lehrkraft darüber, dass ihre eigene Sprache und ihr Sprechverhalten zwei der wichtigsten Mittel zur Unterstützung von Kindern mit SVS sind (Schmitt & Weiß, 2004). Über ein angepasstes Sprachangebot hinaus benötigen die Kinder Maßnahmen, die ihnen das Aufgaben- und Textverständnis erleichtern. Hierzu gehört der Aufbau eines themenbezogenen Wortschatzes als Voraussetzung für die bildungs- und fachsprachliche Ausdifferenzierung im Schulverlauf (Tietze, Rank & Wildemann, 2016). Dies ist im Mathematikunterricht z. B. der Fall bei mehrdeutigen Wörtern wie Scheitel und Gerade, bei zusammengesetzten Nomen wie Nachbarzehner und bei Präpositionen wie reduziere um 20. Auch bildungssprachliche Begriffe wie homogen, die fächerübergreifend genutzt, aber nicht explizit im Unterricht eingeführt werden, sind zu berücksichtigen (Berendes, Dragon, Weinert, Heppt & Stanat, 2013; Köhne, Kronenwerth, Redder, Schuth & Weinert, 2015). Gleiches gilt für sog. Konnektoren, die Sätze in eine bestimmte Beziehung zueinander setzen, z. B. gleichwohl, trotzdem. Für ein bestmögliches Verstehen haben sich strukturierte Aufgabenstellungen bewährt (sprachlich oder visuell), ggf. ergänzt um eine Unterteilung in Teilaufgaben. Eine Strukturierung ist z. B. durch die Gestaltung des Layouts realisierbar: gut lesbare Schriftart in ausreichender Größe (mind. elf Punkt), Zwischenüberschriften, die sich optisch vom Text abheben, Absätze zwischen Sinneinheiten, farbliche Hervorhebung relevanter Begriffe, zum Text passende Bilder, Fotos oder Icons. Bei ausgeprägten SVS empfiehlt sich zudem eine sprachliche Vereinfachung von Texten, Arbeitsblättern und Aufgabenstellungen. Es kann der Wortschatz vereinfacht und die grammatische Komplexität reduziert werden, sodass der sprachliche Anspruch reduziert wird, der Inhalt jedoch gleichbleibt. Sprachliche Ablenker wie Füllwörter sind zu entfernen (Budnik, Grummt & Sallat, 2022). Um den Kindern ein selbstständiges Arbeiten zu ermöglichen, empfiehlt es sich, ihnen ein Wörterbuch/ digitales Nachschlagewerk zur Verfügung zu stellen. Im Übrigen fördert dies auch das selbstständige Schließen lexikalischer Lücken. Darüber hinaus sind im schulischen Kontext Raumgröße und Sitzordnung zu berücksichtigen. Große Räume mit Nachhallzeiten wirken sich ungünstig auf die Verstehens- und Sprachverarbeitungsprozesse aus. Dagegen minimieren Stühle mit Filzgleitern Störgeräusche. Betroffene Kinder sollten so sitzen, dass sie leicht Blickkontakt zur Lehrkraft aufnehmen und sie deren Mimik und Mundbild gut sehen können. Im Stuhlkreis hilft es, wenn zwischen den Kindern ausreichend Platz ist, dies reduziert das gegenseitige Ablenken. 208 Falko Dittmann, Anke Buschmann Literatur Amorosa, H. & Noterdaeme, M. (2003). Rezeptive Sprachstörungen. Ein Therapiemanual. Göttingen: Hogrefe. Berendes, K., Dragon, N., Weinert, S., Heppt, B. & Stanat, P. (2013). Hürde Bildungssprache? 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