Psychologie in Erziehung und Unterricht
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0342-183X
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/peu2025.art01d
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Editorial zum Themenschwerpunkt: "Familie im Wandel: Die Vielfalt moderner Lebensgemeinschaften"
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Sabine Walper
Martina Zemp
Die Familie gehört zu den wichtigsten Lebensbereichen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene – vermutlich nicht nur im deutschsprachigen Raum, wo dies entsprechende Studien deutlich herausstellen. Fast ausnahmslos nannten die Befragten der deutschen Shell-Jugendstudie 2019 ein gutes Familienleben (90%), eine vertrauensvolle Partnerschaft (94%) und gute Freunde (97%) als persönlich wichtige Lebensbereiche, die damit Spitzenpositionen in den Wertorientierungen der jungen Menschen einnehmen (Schneekloth, 2019). In Österreich hat die Familie als zentraler Wert im Leben über die letzten Jahre sogar noch an Bedeutung zugenommen (Bundeskanzleramt – Sektion für Frauen, Familie, Jugend und Integration, 2021). Dies ist nicht erstaunlich, wenn man bedenkt, dass die Familie einen primären Erfahrungs- und Beziehungskontext für die psychische, körperliche und soziale Entwicklung über die gesamte Lebensspanne hinweg darstellt (Chen, Brody & Miller, 2017, Parke, 2004, Repetti, Taylor & Seeman, 2002). Gleichzeitig sind Familienformen und -strukturen weltweit in ständigem Wandel begriffen. Die Kernfamilie – ein Elternpaar mit seinen leiblichen Kindern – macht zwar auch heute noch den Großteil der Familienhaushalte mit minderjährigen Kindern aus, aber die Eltern sind bei Geburt des Kindes seltener miteinander verheiratet und teilen sich weniger geschlechtstypisch die Erwerbs- und Familienarbeit auf als noch vor wenigen Jahrzehnten (BMFSFJ, 2021). Vor allem sind zunehmend andere Familienformen neben die Kernfamilie getreten. Viele dieser Familienformen – wie Ein-Eltern-, Stief- und Adoptivfamilien – sind keineswegs neu, haben heute aber oft einen anderen Entstehungshintergrund als in der Vergangenheit und leben unter veränderten sozial-normativen und rechtlichen Rahmenbedingungen. Regenbogenfamilien sind demgegenüber als rechtlich anerkannte Familienform eher neu und müssen teilweise noch um ihre soziale Akzeptanz kämpfen.
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Psychologie in Erziehung und Unterricht, 2025, 72, 1 -3 DOI 10.2378/ peu2025.art01d © Ernst Reinhardt Verlag Editorial zum Themenschwerpunkt: „Familie im Wandel: Die Vielfalt moderner Lebensgemeinschaften“ Sabine Walper 1 & Martina Zemp 2 1 Deutsches Jugendinstitut München 2 Institut für Klinische und Gesundheitspsychologie, Universität Wien Editorial Die Familie gehört zu den wichtigsten Lebensbereichen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene - vermutlich nicht nur im deutschsprachigen Raum, wo dies entsprechende Studien deutlich herausstellen. Fast ausnahmslos nannten die Befragten der deutschen Shell-Jugendstudie 2019 ein gutes Familienleben (90 %), eine vertrauensvolle Partnerschaft (94 %) und gute Freunde (97 %) als persönlich wichtige Lebensbereiche, die damit Spitzenpositionen in den Wertorientierungen der jungen Menschen einnehmen (Schneekloth, 2019). In Österreich hat die Familie als zentraler Wert im Leben über die letzten Jahre sogar noch an Bedeutung zugenommen (Bundeskanzleramt - Sektion für Frauen, Familie, Jugend und Integration, 2021). Dies ist nicht erstaunlich, wenn man bedenkt, dass die Familie einen primären Erfahrungs- und Beziehungskontext für die psychische, körperliche und soziale Entwicklung über die gesamte Lebensspanne hinweg darstellt (Chen, Brody & Miller, 2017; Parke, 2004; Repetti, Taylor & Seeman, 2002). Gleichzeitig sind Familienformen und -strukturen weltweit in ständigem Wandel begriffen. Die Kernfamilie - ein Elternpaar mit seinen leiblichen Kindern - macht zwar auch heute noch den Großteil der Familienhaushalte mit minderjährigen Kindern aus, aber die Eltern sind bei Geburt des Kindes seltener miteinander verheiratet und teilen sich weniger geschlechtstypisch die Erwerbs- und Familienarbeit auf als noch vor wenigen Jahrzehnten (BMFSFJ, 2021). Vor allem sind zunehmend andere Familienformen neben die Kernfamilie getreten. Viele dieser Familienformen - wie Ein-Eltern-, Stief- und Adoptivfamilien - sind keineswegs neu, haben heute aber oft einen anderen Entstehungshintergrund als in der Vergangenheit und leben unter veränderten sozial-normativen und rechtlichen Rahmenbedingungen. Regenbogenfamilien sind demgegenüber als rechtlich anerkannte Familienform eher neu und müssen teilweise noch um ihre soziale Akzeptanz kämpfen. Dies sind nur einige der Familienformen, die unsere gegenwärtige Gesellschaft ausmachen. Vielfältige Familien haben dabei vielfältige Stärken und Ressourcen, aber auch spezifische Belastungen und Herausforderungen (Lux, Entleitner-Phleps, Langmeyer, Löchner, Walper & Ulrich, 2023). Diese Vielfalt spiegelt nicht nur gesellschaftliche Entwicklungen wider, sondern fordert auch die psychologische Forschung und Praxis heraus, traditionelle Konzepte zu überdenken und zeitgemäße Ansätze der Förderung und Unterstützung von Familien zu entwickeln (* Freischlager, * Siegel, Friedrich & Zemp, 2023). Hierfür ist es unabdingbar, die Lebensbedingungen und Besonderheiten von unterschiedlichen Familienkonstellationen einschätzen und berücksichtigen zu können. Fraglos bieten Familienstrukturen nur einen äußeren Rahmen, innerhalb dessen die Beziehungen und Interaktionen sehr unterschiedlich gestaltet werden können und damit auch auf unterschiedliche Weise zum Wohlergehen der Familienmitglieder beitragen. Dennoch markieren sie oft ähnliche familienbiografische Entwicklungsverläufe, Anforderungen und Problemlagen, die auch mit ähnlichen Bedarfen verbunden sein können und insofern relevant für die familienpsychologische, pädagogische und therapeutische Praxis sind. 2 Editorial Wie können wir den komplexen Herausforderungen dieser verschiedenen Lebensrealitäten gerecht werden? Vor dem Hintergrund dieser Frage widmet sich dieses Heft dem Themenschwerpunkt „Familie im Wandel: Die Vielfalt moderner Lebensgemeinschaften“. Es umfasst die drei nachfolgend kurz skizzierten Beiträge: (1) Die empirische Studie von Hornfeck, Bovenschen und Kappler beschäftigt sich mit Belastungen und Unterstützungsbedarfen von Adoptivfamilien, einer in der deutschsprachigen Familienforschung erstaunlich wenig berücksichtigten Familienform, deren Besonderheiten und Beratungsbedarfe Anlass rechtlicher Neuregelungen in Deutschland waren. Es wurden 136 Adoptiveltern zur Nutzung diverser Unterstützungsangebote sowie zu nicht gedeckten Bedarfen befragt. Die Ergebnisse zeigten, dass die Angebote der Adoptionsvermittlungsstellen bei der Inanspruchnahme eine zentrale Rolle spielten, jedoch viele Adoptiveltern keine Unterstützungsangebote externer Fachstellen wahrnahmen, auch wenn sie Belastungen berichteten. Wie in vielen anderen Bereichen besteht auch hier ein Bedarf an besseren Vermittlungswegen in die Unterstützungssysteme, um Adoptivfamilien in rechtlichen und kind- oder familienbezogenen Fragen bedarfsgerecht beraten zu können. (2) Rohrhofer und Salden untersuchten im Rahmen einer qualitativen Studie die Bedarfe und Erfahrungen von trans* Personen in der geburtshilflichen Versorgung. Es wurden Interviews mit trans*Personen zu ihren Erlebnissen im Zusammenhang mit Schwangerschaft und Geburt durchgeführt und inhaltsanalytisch ausgewertet. Die Resultate zeigen auf, welche positiven und negativen Erfahrungen trans* Personen in der Geburtshilfe machen und wie sie mit diesen umgehen. Darauf aufbauend leiten die Autor*innen praktische Implikationen und Empfehlungen auf der strukturellen Ebene und hinsichtlich des Kontakts mit dem medizinischen Personal ab. (3) Im dritten Beitrag untersuchte Walper anhand Daten von über 2.000 Familien aus dem deutschen Beziehungs- und Familienpanel pairfam („Panel Analysis of Intimate Relationships and Family Dynamics“ ) Coparentingprobleme leiblicher Eltern in Kern- und Trennungsfamilien, wobei sie innerhalb der Trennungsfamilien verschiedene Familienformen gegenüberstellte (Ein-Eltern-, einfache und komplexe Stieffamilien). Die family-complexity-Hypothese, die postuliert, dass komplexere Familienstrukturen mehr Coparentingprobleme aufweisen, wurde nur teilweise bestätigt. Vor allem erhöhte elterliche Depressivität und eine geringe soziale Verträglichkeit der Eltern gingen mit mehr Coparentingproblemen einher. Neben diesen drei Beiträgen des Themenschwerpunkts beinhaltet die vorliegende Ausgabe zwei freie Beiträge. Schwarzer, Dees und Lohse-Bossenz befassten sich mit der Frage, inwieweit die Bindungsrepräsentationen von Lehrkräften im Referendariat mit ihrem Wohlbefinden zusammenhängen und ob der Zusammenhang durch die erlebte Symptombelastung mediiert wird. Die Ergebnisse der Befragung von 166 Referendar: innen wiesen darauf hin, dass unsicher-vermeidende Bindungsrepräsentationen mit einem geringeren Wohlbefinden, aber nicht einer höheren Symptombelastung verbunden waren, während das geringere Wohlbefinden bei unsicherängstlicher Bindungsrepräsentation vollständig durch die Symptombelastung erklärt wurde. Die Studie illustriert, dass Bindungserfahrungen angehender Lehrpersonen beim Eintritt in die berufspraktische Tätigkeit einen Einfluss auf ihr psychisches Befinden haben können. Der abschließende Artikel von Cinar, Hardy, Jurecka und McElvany untersuchte den Wortschatzerwerb von bilingualen Kindergartenkindern in ihrer Zweitsprache Deutsch durch eine implizite Fördermethode mit Hörtexten. Mittels eines experimentellen Designs mit vier Bedingungen, in denen der auditive Input der Erstsprache der Kinder neben dem Input der Zweitsprache variiert wurde, wurden die Effekte der Intervention mit einer Kontrollgruppe Editorial 3 von untrainierten einsprachigen Kindern verglichen. Unter Kontrolle des Zielwortschatzes zur Baseline (vor der Intervention) und der kognitiven Grundfähigkeit ergaben sich keine signifikanten Gruppenunterschiede im Wortschatzerwerb und insgesamt kleine Effektstärken im zeitlichen Verlauf. Die durchschnittlichen Verbesserungen im Wortschatz der Interventionsgruppen waren jedoch größer als bei der monolingualen Vergleichsgruppe. Wir widmen diesen Themenschwerpunkt heutigen Familien in ihrer Diversität und Unterschiedlichkeit. Die zunehmende Vielfalt von Familienstrukturen stellt die psychologische Forschung und Praxis vor neue Herausforderungen, eröffnet aber auch wertvolle Chancen. Ein besseres Verständnis unterschiedlicher familiärer Lebensformen ermöglicht es, individueller auf die Bedürfnisse von Familienmitgliedern einzugehen und ihre psychische Gesundheit zu fördern. Zudem kann die Forschung zur Familienvielfalt dazu beitragen, Stigmatisierung, Vorurteile und Diskriminierung abzubauen, was für eine inklusive und gerechte Gesellschaft von eminenter Bedeutung ist. Für die psychologische Praxis bedeutet dies, flexible und anpassungsfähige Ansätze zu entwickeln, die den vielfältigen Lebensrealitäten gerecht werden. Literatur BMFSFJ (2021). Eltern sein in Deutschland - Ansprüche, Anforderungen und Angebote bei wachsenderVielfalt. Emfehlungen für eine wirksame Politik für Familien. 9. Familienbericht. Berlin: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: online: https: / / www.bmfsfj.de/ resource/ blob/ 179392/ 195baf88f8c3ac7134347d2e19f1cdc0/ neunter-familienbericht-bundestagsdrucksache-data.pdf Bundeskanzleramt - Sektion für Frauen, Familie, Jugend und Integration (2021). 6. Österreichischer Familienbericht 2009 - 2019. Zugriff von https: / / www.bundes kanzleramt.gv.at/ agenda/ familie/ familienpolitik/ Fami lienforschung/ familienbericht.html Chen, E., Brody, G. H. & Miller, G. E. (2017). Childhood close family relationships and health. American Psychologist, 72 (6), 555 - 566. http: / / dx.doi.org/ 10.1037/ amp 0000067 * Freischlager, L., * Siegel, M., Friedrich, A.-S. & Zemp, M. (2023). Longitudinal psychological family studies in Austria: A scoping review. Journal of Family Issues, 44 (9), 2355 - 2378. https: / / doi.org/ 10.1177/ 0192513 X221092026 (* gemeinsame Erstautorenschaft) Lux , U., Entleitner-Phleps, C., Langmeyer, A. H., Löchner, J., Walper, S. & Ulrich, S. M. 2023). Belastungslagen von Alleinerziehenden-, Stief- und Kernfamilien und Inanspruchnahme von Unterstützungsangeboten. Befunde aus zwei repräsentativen deutschen Studien. Gesundheitswesen, 85 (11), 975 - 981. https: / / doi.org/ 10.1055/ a-2106-9582 Parke, R. D. (2004). Development in the family. Annual Review of Psychology, 55 (1), 365 - 399. https: / / doi.org/ 10.1146/ annurev.psych.55.090902.141528 Repetti, R. L., Taylor, S. E. & Seeman, T. E. (2002). Risky families: family social environments and the mental and physical health of offspring. Psychological Bulletin, 128 (2), 330 - 366. https: / / doi.org/ 10.1037/ / 0033-2909.128.2. 330 Schneekloth, U. (2019). Entwicklungen bei den Wertorientierungen von Jugendlichen. In Shell Deutschland Holding (Hrsg.), Jugend 2019. Eine Generation meldet sich zu Wort. 18. Shell Jugendstudie (S. 103 - 131). Beltz. Prof. Dr. Sabine Walper Deutsches Jugendinstitut Nockherstr. 2 81541 München E-Mail: walper@dji.de Prof. Dr. Martina Zemp Institut für Klinische und Gesundheitspsychologie Universität Wien Wächtergasse 1 1010 Wien E-Mail: martina.zemp@univie.ac.at
