Psychologie in Erziehung und Unterricht
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0342-183X
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/peu2025.art03d
3_072_2025_1/3_072_2025_1.pdf11
2025
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Empirische Arbeit: "Schwangerschaften verqueeren": Welche Erfahrungen machen trans* und nicht-binäre Personen in der Geburtshilfe und wie gehen sie damit um?
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2025
Isabella Rohrhofer
Ska Salden
Die Bedarfe und Erfahrungen von trans* Personen werden häufig in der geburtshilflichen Versorgung nicht berücksichtigt. Um herauszufinden, welche Erfahrungen trans* Personen in der Geburtshilfe machen und wie sie mit diesen umgehen, wurden sechs Interviews mit trans* Personen zu ihren Erlebnissen bei Schwangerschaft und Geburt durchgeführt und inhaltsanalytisch ausgewertet. Die Interviewten berichteten eine Vielzahl von unterschiedlichen negativen und positiven Erfahrungen sowohl im Kontakt mit medizinischem Personal als auch auf struktureller Ebene. Zu negativen Erfahrungen zählten z.B. Unwissen des Fachpersonals zu trans* Lebensweisen, misgendert werden und Anamnesebögen mit einem cisnormativen binären Geschlechterverständnis. Zu positiven Erfahrungen zählte sensibilisiertes und offenes Fachpersonal, das auf die Bedarfe der Interviewten einging. Zu Umgangsweisen, insbesondere mit (antizipierten) negativen Erfahrungen, zählten beispielsweise die Vermeidung von Kontakt mit dem Gesundheitssystem, der Austausch mit der trans* und/oder nicht-binären Community sowie Abwägungen dazu, welche Identitätsaspekte gegenüber dem medizinischen Personal überhaupt offengelegt werden. Aus den Ergebnissen werden Handlungsempfehlungen abgeleitet, um die Erfahrungen in der Geburtshilfe zu verbessern.
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n Empirische Arbeit Psychologie in Erziehung und Unterricht, 2025, 72, 20 -35 DOI 10.2378/ peu2025.art03d © Ernst Reinhardt Verlag „Schwangerschaften verqueeren“: Welche Erfahrungen machen trans* und nicht-binäre Personen in der Geburtshilfe und wie gehen sie damit um? Isabella Rohrhofer, Ska Salden Sigmund Freud PrivatUniversität Berlin, Deutschland Zusammenfassung: Die Bedarfe und Erfahrungen von trans* Personen werden häufig in der geburtshilflichen Versorgung nicht berücksichtigt. Um herauszufinden, welche Erfahrungen trans* Personen in der Geburtshilfe machen und wie sie mit diesen umgehen, wurden sechs Interviews mit trans* Personen zu ihren Erlebnissen bei Schwangerschaft und Geburt durchgeführt und inhaltsanalytisch ausgewertet. Die Interviewten berichteten eine Vielzahl von unterschiedlichen negativen und positiven Erfahrungen sowohl im Kontakt mit medizinischem Personal als auch auf struktureller Ebene. Zu negativen Erfahrungen zählten z. B. Unwissen des Fachpersonals zu trans* Lebensweisen, misgendert werden und Anamnesebögen mit einem cisnormativen binären Geschlechterverständnis. Zu positiven Erfahrungen zählte sensibilisiertes und offenes Fachpersonal, das auf die Bedarfe der Interviewten einging. Zu Umgangsweisen, insbesondere mit (antizipierten) negativen Erfahrungen, zählten beispielsweise die Vermeidung von Kontakt mit dem Gesundheitssystem, der Austausch mit der trans* und/ oder nicht-binären Community sowie Abwägungen dazu, welche Identitätsaspekte gegenüber dem medizinischen Personal überhaupt offengelegt werden. Aus den Ergebnissen werden Handlungsempfehlungen abgeleitet, um die Erfahrungen in der Geburtshilfe zu verbessern. Schlüsselbegriffe: LSBT, Geschlechtsidentität, reproduktive Gesundheit, reproduktive Gerechtigkeit, Gesundheitsversorgung “Queering pregnancies”: What are the experiences of trans* and non-binary people in obstetrics and how do they deal with them? Summary: The needs and experiences of trans* people are often not taken into account in obstetric care. In order to find out what experiences trans* people have in obstetrics and how they deal with them, six interviews were conducted with trans* people about their experiences during pregnancy and birth. The interviewees reported a variety of different positive and negative experiences, both in interaction with medical staff and on a structural level. Negative experiences included, for example, ignorance on the part of medical staff about trans* realities, being misgendered, and patient intake forms with a cisnormative binary understanding of gender. Positive experiences included sensitized and open-minded professionals who responded to the needs of the interviewees. Ways of dealing with (anticipated) negative experiences in particular included avoiding contact with the healthcare system, exchanging with the trans* and/ or non-binary community and weighing up which aspects of identity should be disclosed to medical staff at all. Recommendations for action are derived from the results in order to improve experiences in obstetrics. Keywords: LGBT, sexual and gender minority, reproductive health, reproductive justice, health care Schwangerschaften verqueeren 21 Auch trans* und nicht-binäre Personen 1 haben Kinderwünsche, werden schwanger und gebären Kinder. Allerdings wird die Realität von trans* Schwangeren und trans* Eltern häufig nicht berücksichtigt - dies betrifft viele gesellschaftliche Bereiche, z. B. auch die geburtshilfliche Versorgung. In der sozialwissenschaftlichen und psychologischen Forschung, insbesondere außerhalb Nordamerikas und Großbritanniens, findet eine Auseinandersetzung mit Schwanger- und Elternschaften von trans* Personen bisher kaum statt (Darwin & Greenfield, 2019; Wiesemann & Frentz, 2020). Diese Lücken resultieren aus hegemonialen cis-normativen 2 Vorstellungen zu Schwangerschaft und Reproduktion, welche in westlich geprägten Kulturkreisen zentral cis-Frauen 3 zugeschrieben und somit mit Weiblichkeit und Mutterschaft assoziiert werden; eine Schwangerschaft wird demnach meist als ausschließlich weibliche Erfahrung behandelt. Dies führt dazu, dass Institutionen und Personal der Geburtshilfe häufig nicht auf die Versorgung von trans* Personen vorbereitet sind, was wiederum zu negativen Erfahrungen auf verschiedenen Ebenen führen kann. Erste sozialwissenschaftliche Untersuchungen zu Erfahrungen von trans* Personen in der geburtshilflichen Versorgung bezogen sich vor allem auf den englischsprachigen Raum (z. B. Hoffkling, Obedin-Maliver & Sevelius, 2017; Obedin-Maliver & Makadon, 2016). Für den deutschsprachigen Raum liegt mit Salden, Graf und Roth (2023) bzw. Salden und Netzwerk Queere Schwangerschaften (2022) die erste quantitative Untersuchung zu Erfahrungen von trans* Personen mit dem medizinischen System im Kontext von Schwangerschaft und Geburt vor. Weitere qualitative Studien für den deutschsprachigen Raum liefern ebenfalls Hinweise zu Erfahrungen in der medizinischen Versorgung von trans* Personen in Bezug auf Schwangerschaft und Geburt, auch wenn dies nicht der Hauptfokus der Arbeiten war (Dionisius, 2020; Rewald, 2019; Spahn, 2019; Stoll, 2020; Weber, 2018). Im Folgenden werden die bisherigen Ergebnisse dazu, welche Erfahrungen trans* Personen in der Geburtshilfe machen, zusammengefasst. Dabei wird sowohl auf die interaktionale Ebene, also Erlebnisse im konkreten Kontakt mit dem medizinischen Personal, eingegangen, als auch auf die institutionelle Ebene der jeweiligen Einrichtung der Gesundheitsversorgung (z. B. Krankenhaus). Zwar ist die Zuordnung zu einer Ebene nicht immer eindeutig und die Ebenen interagieren auch miteinander, doch lässt sich dadurch das Spektrum der gemachten Erfahrungen ansatzweise strukturieren und in seiner Vielschichtigkeit abbilden. Bereits vor dem Kontakt mit der Geburtshilfe, z. B. vor Terminen bei Gynäkolog: innen oder vor der Geburt im Krankenhaus, berichteten trans* Personen von Angst vor Diskriminierung (Rewald, 2019), und zwar statistisch signifikant häufiger als cis Personen (Salden et al., 2023). Im tatsächlichen Kontakt mit medizinischem Personal im Kontext von Schwangerschaft und Geburt berichtetenTeilnehmer: innen von übergriffigen körperlichen Handlungen, die medizinisch nicht notwendig waren, von exotisierenden Fragen, von der Pathologisierung der eigenen Geschlechtsidentität (jeweils Hoffkling et al., 2017) sowie vom Stellen falscher Diagnosen und der Verweigerung von (Weiter-)Behandlungen (jeweils Nowakowski, 2019, zitiert nach Besse et al., 2020). Eine über viele Studien hinweg konsistent berichtete Erfahrung war, dass die Teilnehmer: innen misgendert wurden, d. h. dass sie mit falscher Anrede, z. B. „Frau“ statt „Herr“ angesprochen, oder falsche Pronomen, z. B. „er“ statt „sie“ für sie verwendet wurden (Dionisius, 2020; Hoffkling et al., 2017; Rewald, 2019; Salden et al., 2023). In der deutschen quantitativen Studie 1 In diesem Artikel verwenden wir das Adjektiv trans* für alle Personen auf dem trans* Spektrum, das heißt Personen, die sich nicht (nur) mit dem Geschlecht identifizieren, das ihnen bei der Geburt zugeschrieben wurde. Dies umfasst auch nicht-binäre Personen. 2 Cisnormativität beschreibt eine gesellschaftliche Norm, bei der davon ausgegangen wird, dass alle Menschen cisgeschlechtlich sind, womit trans* Personen abgewertet und unsichtbar gemacht werden (Queer Lexikon, 2024). 3 „Cis“ ist das Gegenstück zu „trans“. „Cis“ wird benutzt, um auszudrücken, dass eine Person das Geschlecht hat, dem sie bei der Geburt aufgrund der Genitalien zugewiesen wurde (Queer Lexikon, 2023). 22 Isabella Rohrhofer, Ska Salden von Salden et al. (2023) berichteten zudem sowohl trans* Männer als auch nicht-binäre Personen signifikant häufiger von abwertenden Fragen oder Bemerkungen vonseiten des medizinischen Personals. Von einer respektvollen und medizinisch kompetenten Behandlung berichteten sie allerdings bei den meisten Fragen im ähnlich hohen Ausmaß wie nichtqueere 4 Personen. 5 Bei den Teilnehmenden von Rewalds Gruppendiskussion (2019) hingegen blieben die erwarteten Diskriminierungserfahrungen durch das Personal von Gesundheitseinrichtungen oftmals aus. Hier versuchte das Personal größtenteils so sensibel wie möglich mit den befragten Personen umzugehen. Nichtsdestotrotz wurden die geschilderten Erfahrungen im Kontakt mit dem Gesundheitswesen als ambivalent empfunden. Auch bei Hoffkling und Kolleg: innen (2017) wurden positive Erfahrungen im Kontakt mit medizinischem Personal geschildert: Dazu zählen positive Erlebnisse in sozialen Interaktionen (z. B. das Normalisieren und die Akzeptanz der Geschlechtsidentität oder der Privatsphäre) und auch das Fehlen negativer Merkmale (z. B. das Auslassen der Ansprache mit den falschen Pronomen). Als besonders positiv genannt wurde die Bereitschaft des medizinischen Personals, mehr über queere/ trans*spezifische Themen zu lernen, ohne dass das Personal die Erwartung haben würde, dass ihre trans* bzw. nicht-binären Patient: innen hier Aufklärungsarbeit leisten würden. Zudem wurde es als positiv empfunden, wenn das Fachpersonal Wissenslücken und Unsicherheiten in Bezug auf Trans*sein transparent machte. Als negative Erfahrungen auf der institutionellen Ebene berichteten trans* Personen unter anderem, dass die in der Gynäkologie verwendete Software keinen anderen Geschlechtseintrag als „weiblich“ zuließ (Hahn, Sheran, Weber, Cohan & Obedin-Maliver, 2019; Rewald, 2019), dass es in der Krankenhausstation nur Toiletten für Frauen, nicht aber für Menschen anderer Geschlechter gibt (Hoffkling et al., 2017, Rewald, 2019), sowie einen Mangel an Unterstützungs- (Rewald, 2019) und Informationsangeboten (Hoffkling et al., 2017; Salden & Netzwerk Queere Schwangerschaften, 2022) für (werdende) trans* Eltern. Als eine wichtige Ressource zum Umgang mit diesem Mangel wurde wiederholt der Austausch mit anderen trans* Personen bzw. (werdenden) trans* Eltern und Community-basierten Einrichtungen und Beratungsstellen genannt (Dionisius, 2020; Rewald, 2019). Eine weitere Umgangsform mit den cis-normativen Gegebenheiten war beispielsweise, dass sich eine Person in Dionisius’ Interviews (2020) den sog. „Mutterpass“ zu eigen machte, indem sie ihn zum „Vaterpass“ umgestaltete und eine Vorlage dafür an andere Interessierte weitergab. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es eine Vielzahl von Hinweisen darauf gibt, dass trans* und nicht-binäre Personen (spezifische) negative Erfahrungen in der Geburtshilfe machen, und zwar sowohl im direkten Kontakt mit dem Personal als auch auf der institutionellen Ebene. Allerdings werden auch immer wieder positive Erfahrungen berichtet - welche sich jedoch teilweise als bloßes Wegbleiben von befürchteten bzw. in der Vergangenheit bereits erlebten negativen Erfahrungen darstellen. Die für den deutschsprachigen Raum vorliegenden qualitativen Arbeiten zu Erfahrungen von trans* und nicht-binären Personen im Kontext von Schwangerschaft und Geburt (Dionisius, 2020; Rewald, 2019; Spahn, 2019; Stoll, 2020; Weber, 2018) tangieren zwar die medizinische Versorgung in der Geburtshilfe, haben sie aber nicht als hauptsächlichen Fokus. Die groß angelegte quantitative Studie von Salden et al. (2023) bzw. Salden & Netzwerk Queere Schwangerschaften (2022) fokussierte zwar auf die Erfahrungen in der Gesundheitsversorgung, allerdings konnten Teilnehmer: innen ihre individuellen und vielschichtigen Erfahrungen und 4 Der Begriff „nicht-queer“ wurde in der Studie für Personen verwendet, die sich als heterosexuell, cisgeschlechtlich und endogeschlechtlich (d. h. mit bei Geburt aus medizinischer Sicht „eindeutig weiblichen“ oder „eindeutig männlichen“ Genitalien) identifizierten. 5 Es gab leichte Hinweise darauf, dass dies für trans* Männer weniger stimmt, allerdings waren diese Gruppenunterschiede nicht signifikant - möglicherweise, weil die Gruppe der trans* Männer verhältnismäßig klein war. Schwangerschaften verqueeren 23 Prozesse mit den größtenteils geschlossenen Fragen nur begrenzt darstellen. Um die noch sehr überschaubare Studienlandschaft im deutschsprachigen Raum zu diesem Thema zu ergänzen, wurde in der vorliegenden qualitativen Studie untersucht, welche Erfahrungen trans* und nicht-binäre Personen im Zuge selbsterlebter Schwangerschaft(en) und Geburt(en) mit dem Gesundheitssystem in Deutschland machen. Um jedoch auch aufzuzeigen, dass trans* Personen nicht nur passiv Erfahrungen im Gesundheitssystem sammeln, sondern als Akteur: innen auch aktiv Entscheidungen treffen und handeln, wurde ebenfalls untersucht, mit welchen Umgangsweisen und Handlungsstrategien sie ihren Erfahrungen begegnen. Methode Im Sommer 2022 wurden sechs leitfadengestützte problemzentrierte Interviews (Witzel, 2000) durchgeführt. Mit dieser Interviewform wurde Raum zur Darstellung individueller Erfahrungen, Umgangsweisen und letztendlich Lebensrealitäten geboten, während gleichzeitig auf den Bereich Gesundheitssystem fokussiert werden konnte. Die Interviewten stimmten der freiwilligen Teilnahme und Verarbeitung der Daten zu; das Vorgehen wurde von der Ethikkommission der Sigmund Freud PrivatUniversität Wien genehmigt (Bewilligungsnummer: TCEPN4BSBDOM3A89450). Sample Einschlusskriterium für die Studie war, dass sich die Interviewten als trans* und/ oder im nicht-binären Spektrum geschlechtlich verorteten - auch, wenn sie für sich selbst in erster Linie andere Bezeichnungen als die Begriffe trans* und/ oder nicht-binär verwendeten. Die Personen sollten entweder zum Zeitpunkt des Interviews schwanger sein oder bereits schwanger gewesen sein. Eine weitere Voraussetzung war, dass die Interviewten während der Schwangerschaft und/ oder Geburt das Gesundheitssystem in Deutschland in Anspruch genommen hatten. Das Sample war in Bezug auf verschiedenste soziale Positionierungen sehr facettenreich (siehe Tabelle 1). Die verwendeten Namen der Teilnehmer: innen stellen von diesen selbst gewählte Pseudonyme dar. Ablauf Vor dem Interview füllten die Teilnehmer: innen einen Fragebogen mit soziodemografischen Fragen aus. Vier Interviews wurden online durchgeführt, eines persönlich. Bei einem Interview war zusätzlich der Partner (Daniel) der interviewten Person (Lukas) dabei. Dies war zwar vorab nicht angekündigt bzw. abgesprochen, stellte in der Interviewsituation jedoch kein Problem, sondern eher eine Bereicherung dar. Alle Interviews wurden aufgenommen und danach transkribiert. Das sechste Interview (Marlin) fand nicht mündlich, sondern schriftlich statt. Auf Grund seines Autismus bat Marlin um eine schriftliche Kommunikation. Zwar konnte in diesem Fall nicht direkt auf das Erzählte mit Fragen eingegangen werden, allerdings ließ diese Variante für uns wertvolle Einblicke in Marlins Erfahrungen und für Marlin eine barrierearme Teilnahme an der Studie zu. Für das schriftliche Interview wurden die Fragen aus dem Leitfaden präzisiert und mit Beispielen klarer benannt. Datenauswertung Die Transkripte wurden mit der zusammenfassenden Inhaltsanalyse nach Mayring (2022) ausgewertet. Dabei wurde deduktiv-induktiv vorgegangen. Im dabei entstandenen Kategoriensystem wurden positive und negative Erfahrungen mit dem Gesundheitssystem auf individueller und struktureller Ebene dargestellt. Außerdem wurde mit dem Kategoriensystem erfasst, welche Handlungsstrategien die Interviewpartner: innen im Umgang mit den (antizipierten und tatsächlichen) Erfahrungen anwandten. Ergebnisse Im Folgenden werden die Erfahrungen auf personeller Ebene (also im Kontakt mit dem medizinischen Personal) sowie auf struktureller Ebene dargestellt. Da in den Interviews insgesamt häufiger von negativen als von positiven Erfahrungen berichtet wurde, werden hier auch jeweils erst die negativen und dann die positiven Erfahrungen dargestellt. Schließlich werden die Ergebnisse zu Umgangsweisen und Handlungsstrategien präsentiert. Aus Platzgründen können wir im Text nur auf einzelne Aspekte eingehen - in der Regel auf diejenigen, die von einer Mehrheit der Interviewten benannt wurden. Die Tabellen stellen ein umfassenderes Bild der Ergebnisse dar. 24 Isabella Rohrhofer, Ska Salden Pseudonym Robin Timo Jaro Marlin Lukas Paul Alter 28 25 32 28 24 37 Pronomen dey/ dem/ deyre er/ ihn keins, er/ ihm egal er/ ihm er Geschlechtsidentität non-binary, genderfuck männlich divers, non-binary agender, Neutrum männlich männlich Identifikation als trans* ja ja ja Agender fällt zwar auch unter Transgeschlechtlichkeit, ich sehe mich aber nicht als transgeschlechtlich ja ja Identifikation als inter* nein nein nein nein Ich bin mir nicht sicher nein Sexuelle Orientierung pan, poly pansexuell pansexuell asexuell (heteroromantisch) homosexuell pansexuell bisexuell Chronische Krankheit nein ja nein ja nein nein Psychische Erkrankung/ Diagnose ja ja nein ja ja nein Schwarz/ Person of Colour nein nein nein nein ja/ nein nein Sicherer Aufenthaltsstatus ja ja ja nein ja ja Unterhalb der Armutsgrenze nein ja/ nein nein nein ja/ nein nein Weitere Zugehörigkeiten nein nein nein Die psychische Diagnose ist Autismus. Diese ist sehr bedeutend für meine Identität. Ich identifiziere mich dadurch auch als behindert. Ich bin Autist. nein Wohnort(e) Großstadt Großstadt Kleinstadt Großstadt Großstadt kein Angabe Großstadt Höchster Bildungsabschluss Master of Arts Mittlerer Bildungsabschluss mit Qualifikation zur Oberstufe Master Bachelor of Arts keine Angabe Staatsexamen Tab. 1: Profilbeschreibung der Interviewpartner: innen Anmerkung: Alle Teilnehmer: innen gaben zudem an, dass sie eine deutsche Staatsbürger: innenschaft haben, nicht nach Deutschland geflüchtet sind, keine körperliche Be_hinderung haben und nicht dick sind. | Diese umfangreiche Darstellung der sozialen Positionierungen der Interviewpartner: innen halten wir gerade im Sinne einer intersektionalen Forschungsperspektive für relevant. Schließlich sind die berichteten Erfahrungen nicht nur vor dem Hintergrund der Geschlechtsidentität, sondern auch möglicher Diskriminierungen und Privilegierungen auf anderen Achsen zu verstehen. Alle hier verwendeten Begriffe (z. B. „dick“, „be_hindert“) verstehen wir als wertfrei und wir wollen im Sinne einer Entstigmatisierung zu einer Normalisierung der Begriffe beitragen. Alle Angaben basieren auf Selbstauskunft der Interviewteilnehmer: innen. Schwangerschaften verqueeren 25 Erfahrungen auf personeller Ebene Negative Erfahrungen im Kontakt mit medizinischem Personal Alle Interviewten berichteten von Unwissen/ Unsensibilität zu queeren/ trans* (Schwangerschafts-) Themen (A.1.1.1) im Kontakt mit (einzelnem) medizinischem Fachpersonal (siehe Tabelle 2). Dies drückte sich beispielsweise darin aus, dass sich (manche) Fachkräfte mit Lebensrealitäten von trans* Personen wenig auskannten, wenig Wissen zu trans*spezifischen Gesundheitsthemen hatten oder aus Unwissen gar falsche Informationen gaben. So stellte Jaro fest: Ich hab zumindest das Gefühl, dass Gyns wirklich nichts darüber wissen, das ist schon schräg. Weil es gibt ja auch […] gesundheitsrelevante Fragen, die für mich schon mal andere sind als für andere Menschen. Also allein schon sowas wie wenn wir überlegen, wie wir stillen wollen und so weiter, das ist relevant. Oder ich fänd’s wichtig, dass ich fragen könnte, ob ich nen Binder anziehen darf oder ob ich dann irgendwie ne Entzündung kriege oder so. (Z. 963 - 968) Eine mangelnde Sensibilität bzw. Offenheit nahmen die Interviewten zudem wahr, wenn sich das Gegenüber irritiert über die Lebensweise zeigte, automatisch von cis-heteronormativen und/ oder monogamen Beziehungskonstellationen ausging oder geschlechterstereotype Vorstellungen in Bezug auf die (werdenden) Eltern äußerten, z. B. in Bezug auf Rollen in der Kindererziehung. Eine ebenfalls häufige Erfahrung war, dass die Interviewten misgendert bzw. falsch adressiert wurden (A.1.1.2). So schilderte Lukas folgende negative Erfahrung im Kontakt mit dem medizinischen Personal: „Und der meinte dann, ja Frauuuuu XY kommt jetzt, und guckte mich an und zwinkerte mich an. Also war nicht schön“ (Z. 1209 - 1211). Wie sich anhand Lukas’ Schilderung zeigt, hat ihn hierbei medizinisches Personal absichtlich misgendert, in dem es Lukas als Frau angesprochen hat. Misgendern passiert allerdings auch unbzw. weniger absichtlich, z. B. durch fehlende Aufmerksamkeit. Nichtsdestotrotz war diese Erfahrung für die befragten Personen negativ behaftet, stigmatisierend und/ oder diskriminierend, wie auch Jaro meinte: ... dass ich trotzdem nicht mit Vor- und Nachnamen angesprochen wurde oder aufgerufen werde, wie ich gerne wollte, sondern immer mit Frau und Nachnamen das ähm genau, also ja, da weiß ich nicht, ob das eine bewusste Diskriminierung war oder nicht, aber es ist auf jeden Fall diskriminierend. (Z. 294 - 297) Sub-Codes Name der Sub-Codes n A.1.1.1 A.1.1.2 A.1.1.3 A.1.1.4 A.1.1.5 A.1.1.6 A.1.1.7 A.1.1.8 A.1.1.9 A.1.1.10 A.1.1.11 A.1.1.12 A.1.1.13 Unwissen/ Unsensibilität zu queeren/ trans* (Schwangerschafts-) Themen Misgendern/ falsche Anrede bzw. Kategorisierung Individuelle Bedürfnisse/ Wünsche nicht erfragen/ respektieren Behandlungsverweigerung und/ oder unzureichende medizinische Versorgung Mangelhafte Erklärungen & Schwierigkeiten in der Kommunikation Negative Beschreibungen des Personals (z. B. „unfreundlich“, „unauthentisch“) Partner: in(nen)/ Begleitperson(en) dürfen nicht dabei sein Verbesondernde (negative) Behandlung (andere Behandlung als andere Patient: innen) Mobbing und Kompliz: innenschaft mit Mobber: innen Aufdringliches/ übergriffiges Verhalten Rassismus Ableismus Entmutigung/ Demotivierung 6 5 5 4 3 3 2 2 1 1 1 1 1 Tab. 2: Sub-Codes für die negativen Erfahrungen auf personeller Ebene Anmerkung: n = Anzahl der Interviews, in denen die Interviewpartner: innen Äußerungen zu diesem Code gemacht haben 26 Isabella Rohrhofer, Ska Salden Manche Interviewte berichteten sogar von einer Behandlungsverweigerung bzw. unzureichenden medizinischen Versorgung (A.1.1.4) oder von einer verbesondernden (negativen) Behandlung (A.1.1.4). Unter anderem gab Lukas an, dass er vom medizinischen Personal aufgrund seiner eigenen Transgeschlechtlichkeit abgelehnt wurde, und er das medizinische Personal überzeugen musste, überhaupt eine Behandlung zu erhalten: Da haben wir locker zehn, zwölf Ärzte angerufen bei uns in der Stadt und alle haben gesagt, das machen wir nicht. Obwohl ich denen erklärt habe, meine Anatomie und meine Schwangerschaft unterscheidet sich nicht von denen ihrer sonstigen Klientinnen. Und die meinten aber alle, das machen sie nicht, das ist denen - damit kennen sie sich nicht aus, das wollen sie nicht. (Z. 314 - 319) Manche der Interviewpartner: innen äußerten sich auch dazu, dass sie im Kontakt mit medizinischem Personal Mobbing erfahren haben, welches sich u. a. in Form von persönlichen Beleidigungen geäußert hat. Marlin, der wegen seines Autismus die Interviewfragen schriftlich beantwortete (siehe Abschnitt „Ablauf“), berichtete unter anderem auch von Ableismus 6 gegenüber schwangeren Personen mit Behinderung(en) im Kontakt mit medizinischem Personal: Personen mit einer sichtbaren Behinderung erfahren noch deutlich mehr Diskriminierung als Personen mit einer unsichtbaren Behinderung. Ihnen werden Vorwürfe gemacht, warum sie denn ein Kind bekommen, ‚obwohl sie behindert sind‘. Ganz besonders dann, wenn die Behinderung vererbbar ist (ist bei Autismus z. B. auch der Fall). Man wird als verantwortungslos bezeichnet, weil man ein Kind in die Welt setzt mit dem Wissen, dass es wahrscheinlich ebenfalls ‚unter dieser Behinderung leiden wird‘. (Z. 332 - 340) Es zeigt sich bei den negativen Erfahrungen, dass es sich hierbei u. a. um diskriminierende Verhaltensweisen des medizinischen Personals aufgrund der Abweichung von hegemonialen cis-heteronormativen und neurotypischen Vorstellungen und Lebensweisen handelt, wodurch die interviewten Personen (und auch die Kinder von Lukas und Daniel) mitunter eine unzureichende Gesundheitsversorgung erhalten haben. Wichtig hierbei ist allerdings zu betonen, dass die Interviewpartner: innen nicht mit dem gesamten medizinischen Personal, mit dem sie in Kontakt waren, negative Erfahrung machten, einzelne negative Erfahrungen stark von einzelnen Fachpersonen abhängig waren und es auch zu positiven Erfahrungen gekommen ist. Positive Erfahrungen im Kontakt mit medizinischem Personal Alle sechs Interviewpartner: innen berichteten von positiven Erfahrungen im Kontakt mit medizinischem Personal. Dazu zählte beispielsweise der Kontakt mit (einzelnen) Personen, die sich sensibel gegenüber queeren/ trans* Themen zeigten bzw. Wissen zu diesen Themen hatten (A.1.2.1, siehe Tabelle 3). Manches Personal hatte dabei explizites Wissen zu queeren/ trans* spezifischen Themen rund um Schwangerschaft und Geburt, während anderes kein oder kaum Wissen dazu hatte, sich dem Thema gegenüber aber offen zeigte und/ oder sich dazu fortbilden wollte. So berichtete Timo: . . . die Leute machen sich anscheinend doch schon Gedanken drüber, dass es halt auch nicht nur Cisgender gibt, die halt auch nen Kinderwunsch haben. Und die müssen ja auch zukünftig weiter verfahren, wie geht man halt mit den Leuten um, die müssen sich ja auch selber Gedanken drüber machen, weil die ja auch für die Menschen zuständig sind, dass sie sich halt auch sicher fühlen und ernst genommen. (Z. 466 - 470) 6 Ableismus ist eine Diskriminierungsform, die behinderte Menschen bzw. Menschen, die behindert werden, abwertet und ausschließt (Kollodzieyski, 2023). Ableismus wirkt dabei sowohl auf der individuellen Ebene (z. B. Einstellungen und Handlungen), als auch auf struktureller und institutioneller Ebene (Maskos, 2023). Schwangerschaften verqueeren 27 Von einer guten medizinischen Behandlung/ Betreuung (A1.2.2) und Unterstützung (A.1.2.3) durch medizinisches Personal berichteten ebenfalls alle Interviewpartner: innen. Letztere fand unterschiedliche Ausdrucksweisen; manche Interviewte gaben an, vom medizinischen Personal aktiv ihre Unterstützung angeboten bekommen zu haben, andere wurden durch ermutigende Worte vom Personal emotionalpsychisch während der Schwangerschaft unterstützt. Lediglich zwei von sechs befragten Personen gaben die positive Erfahrung an, vom medizinischen Personal in deren Namen, Pronomen bzw. Geschlechtsidentität korrekt angesprochen worden zu sein, wobei auch nur eine Person immer von jedem medizinischen Personal richtig adressiert wurde (A.1.2.9). Erfahrungen auf struktureller Ebene Negative Erfahrungen auf struktureller Ebene Die in dieser Kategorie am häufigsten genannte Erfahrung war, dass die Teilnehmer: innen aufgrund der überwiegend binären und cisheteronormativen (Geschlechter-)Einteilung in Datenbanken von Gesundheitseinrichtungen Diskriminierung erlebt hatten (siehe Tabelle 4). Sub-Codes Name der Sub-Codes n A.1.2.1 A.1.2.2 A.1.2.3 A.1.2.4 A.1.2.5 A.1.2.6 A.1.2.7 A.1.2.8 A.1.2.9 A.1.2.10 A.1.2.11 A.1.2.12 Sensibilität/ Wissen zu queeren/ trans* (Schwangerschafts-)Themen Gute medizinische Behandlung/ Betreuung Unterstützung durch das medizinische Personal Fragen & Achten individueller Wünsche/ Bedürfnisse Positive Beschreibungen des Personals [unspezifisch] Berücksichtigen der Partner: innen/ Elternteile/ Begleitpersonen Empathische und respektvolle Umgangs- und Verhaltensweisen Positive Beziehung/ Vertrauensverhältnis zum medizinischen Personal Korrekte Anrede (Name, Pronomen, gender-affirming) Stärkung der Selbstwirksamkeit/ Selbstständigkeit Schützen/ Warnen vor trans*feindlichen Kolleg: innen Barrierefreiheit (Autismus) 6 6 6 5 5 5 4 2 2 2 1 1 Tab. 3: Sub-Codes für die positiven Erfahrungen auf personeller Ebene Anmerkung: n = Anzahl der Interviews, in denen die Interviewpartner: innen Äußerungen zu diesem Code gemacht haben Sub-Codes Name der Sub-Codes n A.2.1.1 Probleme mit cis-heteronormativer, binärer (Geschlechter-)Einteilung in Gesundheitsdatenbanken 4 A.2.1.2 Überfüllung, Platzmangel & Ausbuchung in Gesundheitseinrichtungen 4 A.2.1.3 COVID-Regelungen: Begleitpersonen dürfen nicht dabei sein 4 A.2.1.4 Personalmangel 3 A.2.1.5 Mangel an passenden medizinischen Einrichtungen/ Institutionen 2 A.2.1.6 Keine Berücksichtigung von queeren (poly-)Familienkonstellationen 1 A.2.1.7 Keine Repräsentation von trans*/ nicht-binären Personen in queeren Geburtsvorbereitungskursen 1 A.2.1.8 Mangelnde Transparenz an Beratungsstellen/ -angeboten für trans* Schwangere/ Eltern 1 A.2.1.9 Struktureller und institutioneller Ableismus 1 Tab. 4: Sub-Codes für die negativen Erfahrungen mit dem Gesundheitssystem auf struktureller Ebene Anmerkung: n = Anzahl der Interviews, in denen die Interviewpartner: innen Äußerungen zu diesem Code gemacht haben 28 Isabella Rohrhofer, Ska Salden Entweder wurden die Personen, welche zu dieser Kategorie Erfahrungen genannt haben, misgendert oder es kam zu Schwierigkeiten bei der Finanzierung von medizinischen Leistungen oder die Personen konnten aufgrund der fehlenden Option eines dritten Geschlechts, z. B. in Anamnesebögen, nicht korrekt aufgenommen/ adressiert werden. Letzteres gab Jaro an, erfahren zu haben: Also ganz am Anfang haben die mir nen Zettel geschickt, da hatt ich - da konnt ich nur links die Frau eintragen und rechts den Mann. (Z. 256 - 257) Viele weitere Aussagen zu negativen Erfahrungen zeigen generelle Probleme und Schwächen im Gesundheitssystem auf, die aus Personalmangel, Mangel an Bettenplätzen in Krankenhäusern und/ oder Mangel an medizinischen Institutionen entstehen und demnach alle Personen, die in Kontakt mit dem Gesundheitssystem kommen, treffen können. Umso gravierender können die Auswirkungen jener strukturellen Probleme des Gesundheitssystems für Personen ausfallen, die von Mehrfachdiskriminierung betroffen sind. Dies zeigt sich anhand der identifizierten negativen Erfahrungen der Interviewpartner: innen unter dieser Kategorie durch beispielsweise strukturellen und institutionellen Ableismus (A.2.1.9), die Nicht-Berücksichtigung queerer (poly-)Familienkonstellationen (A.2.1.6) und den Problemen cis-heteronormativer (binärer) Einteilungen in Gesundheitsdatenbanken. Positive Erfahrungen auf struktureller Ebene Es lässt sich anhand Tabelle 5 zusammenfassend festhalten, dass der Erhalt eines Einzelzimmers bzw. Einzelabteils im Wartebereich (A.2.2.1) und der schnelle und leichte Erhalt eines Termins in einer Einrichtung (A.2.2.2) jene Erfahrungen sind, zu denen drei von sechs Interviewpartner: innen positive Äußerungen auf struktureller Ebene mit dem Gesundheitssystem getätigt haben. Unter anderem wurde auch von Paul positiv erwähnt, nach Antragstellung einer medizinischen Dienstleistung die Kostenübernahme von der Krankenkasse erhalten zu haben (A.2.2.4): Die Krankenkasse bezahlt trotzdem alles, also hat jetzt auch keine Probleme gemacht irgendwie bei mir, auch wenn ich als männlich bei der Krankenkasse bin, nen Kaiserschnitt und so zu bezahlen. (Z. 725 - 728) Verglichen mit den anderen Aussagen der Interviewpartner: innen stellt diese von Paul geschilderte positive Erfahrung eher eine Ausnahme als die Regel dar. Als weitere positive Erfahrung auf struktureller Ebene wurde u. a. genannt, dass ein queerer Geburtsvorbereitungskurs das Kennenlernen anderer queerer schwangerer Personen ermöglicht hat (A.2.2.6) und dass in einer Gesundheitseinrichtung gendersensible Themen rund um Schwangerschaft und Geburt implementiert worden sind (A.2.2.7), wie folgendes Zitat von Daniel zeigt: Sub-Codes Name der Sub-Codes n A.2.2.1 A.2.2.2 A.2.2.3 A.2.2.4 A.2.2.5 A.2.2.6 A.2.2.7 Erhalt eines Einzelzimmers/ Einzelabteils im Wartebereich Schneller und leichter Erhalt eines Termins/ Platz Positive Beschreibung von Gesundheitseinrichtungen: toll/ gut/ nett [unspezifisch] Kostenübernahme durch die Krankenkasse Angenehmer Betreuungsschlüssel Kennenlernen anderer queerer Schwangerer durch Geburtsvorbereitungskurs Implementierung geschlechtersensibler Themen in der geburtshilflichen Versorgung 3 2 2 1 1 1 1 Tab. 5: Sub-Codes für die positiven Erfahrungen mit dem Gesundheitssystem auf struktureller Ebene Anmerkung: n = Anzahl der Interviews, in denen die Interviewpartner: innen Äußerungen zu diesem Code gemacht haben Schwangerschaften verqueeren 29 Und einmal im Monat haben die jetzt fest so nen Tag, wo die halt über das Thema Geburt und Geschlecht reden, das ist äh ziemlich cool. (Z. 409 - 410) Diese positiven Erfahrungen zeigen, wie wichtig eine vielfaltssensible Kultur in medizinischen Einrichtungen und ein positiv gestaltetes Krankenhaussetting, welches die Bedürfnisse verschiedenster Personen berücksichtigt, für die Sicherung einer guten (geburtshilflichen) Versorgung für alle Patient: innen sind. Umgangsweisen und Handlungsstrategien Die Interviewteilnehmer: innen verfolgten verschiedene Strategien, um mit antizipierten oder gemachten Erfahrungen umzugehen. Umgänge und Handlungen vor Kontakt mit medizinischem Personal Die von den Interviewpartner: innen am häufigsten genannte Umgangs- und Handlungsweise vor Kontakt mit medizinischem Personal lag in der gedanklichen Vorstellung der Interaktionen (siehe Tabelle 6). Diese Vorstellungen sind teilweise negativ und von Sorgen geprägt, wie beispielsweise die Sorge vor Diskriminierung (B.1.1.2), die auch Jaro beschrieb: Ich hab’ erwartet, dass ich diskriminiert werde aufgrund meines Divers-Seins oder dass wir drei Eltern sind oder dass ich in keiner heterosexuellen Beziehung bin oder dass ich die Bechermethode mache […] es gibt sehr viele Möglichkeiten, mich zu diskriminieren (Z. 384 - 387) Auch die Vorstellung der bevorstehenden eigenen Entbindung war teilweise mit Stress und negativer Erwartungshaltung verknüpft. So berichtete Paul: Und ein großer Stressfaktor war für mich auch, ja was passiert, wenn’s [die Entbindung] losgeht. […] Wissen die im Kreissaal, wer ich dann bin? Wissen die um meine Situation? Muss ich mich dann wieder erklären? Und das waren alles so Sachen, die mich extrem gestresst haben. (Z. 417 - 422) Erwartungen von Diskriminierung wurden mitunter im Zusammenhang mit dem eigenen Outing vor dem medizinischen Personal verhandelt, weshalb Robin auch viele Abwägungen traf, ob er sich denn überhaupt vor dem medizinischen Personal outen soll (B.1.3): „Bei der Gynäkologin, also da wär halt als erster Schritt dieses Outing sozusagen ne, und ähm der muss von mir kommen und äh das ist aber die Frage, ob ich mich das traue oder nicht“ (Z. 489 - 491). Es werden aber nicht nur negative Szenarien bzw. Diskriminierungserfahrungen durch das medizinische Personal erwartet, sondern auch, dass sich das medizinische Personal offen gegenüber queeren Themen zeigen wird (B.1.1.3). Codes/ Sub-Codes Name der Codes/ Sub-Codes n B.1.1 Sich zukünftige Behandlungen/ Szenarien/ Interaktionen mit medizinischem Personal vorstellen 5 B.1.1.1 Negative Vorstellungen zur Entbindung 3 B.1.1.2 Erwartung/ Sorge, falsch kategorisiert/ misgendert/ diskriminiert zu werden 3 B.1.1.3 Erwartung von Offenheit gegenüber queeren Themen 1 B.1.1.4 Sich sorgen, kein (passendes) medizinisches Personal zu finden 1 B.1.2 Aktives Aufsuchen von queer-/ trans*freundlichem Personal 2 B.1.3 Abwägungen & Vorbereitungen, sich vor medizinischem Personal zu outen 1 Tab. 6: Codes und Sub-Codes für individuelle Umgangsweisen und Handlungsstrategien vor Kontakt mit dem Gesundheitssystem Anmerkung: n = Anzahl der Interviews, in denen die Interviewpartner: innen Äußerungen zu diesem Code gemacht haben 30 Isabella Rohrhofer, Ska Salden Dies hängt vermutlich auch damit zusammen, dass sich manche Interviewpartner: innen aktiv queer-/ trans* freundliches Personal gesucht haben. All diese gesetzten Handlungsstrategien und Umgangsweisen der interviewten Personen vor Kontakt mit dem Gesundheitswesen lassen darauf schließen, dass sich die Personen auf die bevorstehenden Behandlungen vorbereitet haben und somit Handlungen in die Wege geleitet haben, die die Wahrscheinlichkeit erhöhen, eine gute medizinische Versorgung zu erhalten. Umgänge und Handlungen im direkten Kontakt mit dem Gesundheitswesen Die interviewten Personen wandten eine Vielzahl von unterschiedlichen Umgangs- und Handlungsweisen im direkten Kontakt mit dem Gesundheitswesen an (siehe Tabelle 7). Codes/ Sub-Codes Name der Codes/ Sub-Codes n B.2.1 Umgänge und Handlungen zu Outing/ Offenlegung bedeutsamer Identitätsaspekte/ Lebenssituation 5 B.2.1.1 Kein Outing der eigenen Geschlechtsidentität, Sexualität und/ oder Lebenssituation 4 B.2.1.2 Outing der eigenen Geschlechtsidentität, Sexualität und/ oder Lebenssituation 4 B.2.1.3 Offenlegung des eigenen Autismus 1 B.2.1.4 Keine Offenlegung des eigenen Autismus 1 B.2.2 Kontaktvermeidung/ -reduktion mit medizinischem Personal 5 B.2.3 Umgänge und Handlungen mit den eigenen Wünschen/ Bedürfnissen 4 B.2.3.1 Äußern von Wünschen/ Gefühlen/ Bedürfnissen 3 B.2.3.2 Kein Äußern eigener Sorgen 1 B.2.4 Umgänge und Handlungen bei Misgendern durch medizinisches Personal/ in Formularen 4 B.2.4.1 Korrigieren des Personals bei Misgendern 2 B.2.4.2 Misgendern über sich ergehen lassen/ akzeptieren/ Personal nicht korrigieren 2 B.2.4.3 Manuelle Korrektur von Formularen bei Misgendern 2 B.2.5 Umgänge und Handlungen zu Unterstützungsmaßnahmen 3 B.2.5.1 Sich Unterstützung/ Hilfe vom medizinischen Personal holen 3 B.2.5.2 Medizinischem Personal Hilfe anbieten 1 B.2.5.3 Hilfsangebote vom medizinischen Personal ablehnen 1 B.2.6 Umgänge und Handlungen mit medizinischem Wissen/ Informationen 2 B.2.6.1 Medizinisches Personal zu trans* Schwangerschaftsmöglichkeiten fragen/ austauschen 1 B.2.6.2 Glauben/ Akzeptieren von Misinformationen vom medizinischen Personal 1 B.2.7 Umgänge und Handlungen bei schlechter medizinischer Behandlung/ Umgangsweise vom med. Personal 2 B.2.7.1 Aushalten/ Nicht ansprechen der schlechten medizinischen Behandlung/ Umgang 2 B.2.7.2 Ansprechen der schlechten medizinischen Behandlung/ Umgang 1 B.2.7.3 Nicht wissen, wie mit schlechter medizinischer Behandlung/ Umgang umgegangen werden soll 1 B.2.8 Einfordern medizinischer Dienstleistungen 2 B.2.9 Anwendung schützender Narrative 2 B.2.10 Kooperationen & Vereinbarungen mit medizinischem Personal treffen 2 Tab. 7: Codes und Sub-Codes für individuelle Umgangsweisen und Handlungsstrategien im direkten Kontakt mit dem Gesundheitssystem (personell & institutionell/ strukturell) Anmerkung: n = Anzahl der Interviews, in denen die Interviewpartner: innen Äußerungen zu diesem Code gemacht haben Schwangerschaften verqueeren 31 Hervorstechend ist hierbei, wie die Teilnehmer: innen mit den Themen „Outing / Offenlegung bedeutsamer Identitäten/ Lebensrealitäten“ (B.2.1) und „Misgendern durch medizinisches Personal/ in Formularen“ (B.2.4) umgingen: Von jeweils gleich vielen Personen wurde berichtet, sich vor dem medizinischen Personal bewusst geoutet (B.2.1.2) bzw. bei Misgender-Erfahrungen medizinisches Personal korrigiert (B.2.4.1) zu haben, wie sich bewusst nicht geoutet (B.2.1.1) bzw. bei Misgender-Erfahrungen das medizinische Personal nicht darauf aufmerksam gemacht zu haben (B.2.4.2). Unter Code B.2.1 „Umgänge und Handlungen zu Outing/ Offenlegung bedeutsamer Identitäten / Lebenssituation“ werden ebenso Abwägungen darüber ersichtlich, welche Aspekte der eigenen Identität preisgegeben werden sollen und welche nicht. Diese Entscheidungen hängen auch damit zusammen, welche Rolle bestimmte Zugehörigkeiten für die eigene Identität spielen. So gab beispielsweise Marlin an, den eigenen Autismus vor medizinischem Personal offenbart zu haben (B.2.1.3), auf die eigene Geschlechtsidentität bzw. Sexualität jedoch bewusst nicht hingewiesen zu haben (B.2.1.1): Ich habe dem medizinischen Personal meine Geschlechtsidentität nicht mitgeteilt. Einerseits war es mir wichtiger, dass sie wussten, dass ich autistisch bin und was diesbezüglich meine Bedürfnisse sind. Hätte ich noch meine Sexualität oder meine Geschlechtsidentität offenbart, hätte ich Bedenken gehabt, dass es zu viel auf einmal gewesen wäre, auf das sich das Personal hätte einstellen müssen. (Z. 131 - 135) Bei Lukas, der ebenso wie Marlin Autist ist, war dies genau umgekehrt: Er gab an, vor dem medizinischen Personal offen gegenüber seiner eigenen Lebenssituation und seiner trans*Identität zu sein (B.2.1.2), allerdings nicht offen gegenüber dem eigenen Autismus gewesen zu sein (B.2.1.4): „den Autismus hab ich dort wohl wissentlich nicht angemerkt, weil ich wollt mir nicht noch irgendwas auf die Fahne schreiben“ (Z. 1334f ). Sowohl Marlin als auch Lukas berichteten, dem medizinischen Personal nicht alles über sich bzw. ihre Zugehörigkeiten erzählt zu haben, um einerseits das Personal nicht zu überfordern (siehe Zitat Marlin) oder um sich nicht noch mehr negativen Reaktionen durch das medizinische Personal auszusetzen (siehe Zitat Lukas), was als schützende Handlungen/ Schutzmechanismen im Kontakt mit medizinischem Personal gewertet werden kann. Schützende Narrative im Kontakt mit medizinischem Personal wandte Jaro an, der folgende Umgangsstrategie im Kontakt mit dem Gesundheitswesen beschrieb: […] nach den Behandlungen, immer wenn ich raus gegangen bin, hab ich das für mich immer so ein bisschen in eine Erzählung eingebettet. Da muss ich jetzt durch, das sind irgendwie so […] einzelne Episoden, einzelne Situationen, das ist diese Normwelt, in der ich manchmal rein muss ähm aber meine Welt ist eine bessere Welt […] Genau irgendwie das [hat], glaub ich, gut getan, mir so meine Geschichte zu erzählen. (Z. 311 - 316) Eine weitere Handlungsstrategie, die fast alle interviewten Personen anwandten, ist die Kontaktvermeidung/ -reduktion mit medizinischem Personal (B.2.2), um negative Interaktionen oder gar Diskriminierung zu vermeiden. So berichtete Paul beispielsweise: Also ich hab auch versucht, Arztkontakte, bis auf Termine bei meiner Gynäkologin und was auch sein musste, sehr gering zu halten. Also ich hab mir zum Beispiel auch keine Hebamme gesucht aus demselben Grund“ (Z. 264 - 266) Damals dieser Stressfaktor für mich, eine [Hebamme] zu suchen, und diese Vorstellung, ich muss der jetzt meine Situation erklären und dann findet die das vielleicht blöd oder ist halt nicht sensibel im Umgang, das war für mich der viel größere Stressfaktor, als keine [Hebamme] zu haben. (Z. 748 - 750) 32 Isabella Rohrhofer, Ska Salden Alle drei genannten Codes zeigen Handlungsstrategien und Umgangsweisen der befragten Personen auf, die vor allem darauf abzielen, sich vor Diskriminierung bzw. ihren Auswirkungen zu schützen. Umgänge und Handlungen als Konsequenz der gemachten Erfahrungen Umgänge und Handlungen als Konsequenz der gemachten Erfahrungen für alle Interviewpartner: innen waren der Austausch mit anderen Personen (B.3.1) sowie die Informationsbeschaffung außerhalb des medizinischen Systems (B.3.2, siehe Tabelle 8). So meinte Jaro, dass es ihm viel bedeuten würde, sich mit anderen trans*/ nicht-binären schwangeren Personen austauschen zu können: […] ich suche da ganz arg nach so Austausch auf jeden Fall und ich hab aber immer noch nicht so ähm wirklich viel gefunden. […] Und ich glaube, dass es viel verändert, wenn ich Menschen kennenlerne, die ähm eine ähnliche Erfahrung machen wie ich. (Z. 612 - 624) Eine weitere Konsequenz, die die gesammelten Erfahrungen im Kontakt mit dem Gesundheitssystem für manche der Personen mit sich zogen, war, dass diese das eigene Empfinden/ Bewerten der eigenen Schwangerschaft/ Geburt geprägt haben. So gab beispielsweise Marlin an, dass die barrierefreie Erfahrung der Berücksichtigung des eigenen Autismus einen positiven Einfluss auf das Erleben der eigenen Schwangerschafts- und Geburtserfahrung hatte (B.3.3.3): Auch gefiel es mir, dass dem Personal im Krankenhaus eine selbstbestimmte Geburt wichtig ist und es feministisch eingestellt ist. Dadurch wurde die Entbindung für mich zu einem tollen Erlebnis, das mein Gefühl der Selbstwirksamkeit stärkte. Es war somit auch meine erste nahezu barrierefreie Erfahrung im medizinischen Bereich, die starke Glücksgefühle in mir auslöste, weil man sonst nur Diskriminierung oder Gleichgültigkeit gewohnt ist. (Z. 98 - 103) Lukas wiederum gab an, dass er aufgrund der überwiegend negativen Erfahrungen im Kontakt mit medizinischem Personal die eigene Schwangerschaft ebenso als negativ erlebt hat und aus diesem Grund für sich auch die Konsequenz gezogen hat, eine weitere Schwangerschaft auszuschließen bzw. wenn, dann nur unter bestimmten Bedingungen (B.3.7): Wir haben uns schon geschworen, wenn wir wieder mal Kinder bekommen sollten, dann werden wir nicht im Einzugsgebiet der Klinik wohnen für den Fall, dass wir aufgrund der Frühgeburtlichkeit dorthin müssen. Das ist die Bedingung, um nochmal Kinder zu bekommen. Nie wieder hier im Umkreis! Weil das - das will ich nicht nochmal. Das war so schlimm. (Z. 998 - 1002) Codes Name der Codes n B.3.1 Sich mit anderen Personen austauschen (wollen) 6 B.3.2 Sich in diversen Quellen Informationen zu (trans*) Schwangerschaftsthemen holen 6 B.3.3 Verarbeitung/ Reflexion der Erfahrungen 4 B.3.4 Einordnung & Beurteilung des Verhaltens vom medizinischen Personal 4 B.3.5 Selbstständige Durchführung gesundheitlicher Versorgungen (ohne medizinisches Personal) 3 B.3.6 Misgendern auf sich selbst beziehen/ sich selbst hinterfragen 2 B.3.7 Weitere Schwangerschaft(en) zukünftig ausschließen/ nur unter Bedingungen in Erwägung ziehen 1 B.3.8 Sich trotz Diskriminierung gegen eine Klage entscheiden 1 Tab. 8: Codes für individuelle Umgangsweisen und Handlungsstrategien, die aus einer Konsequenz der gemachten Erfahrungen mit dem Gesundheitssystem resultieren Anmerkung: n = Anzahl der Interviews, in denen die Interviewpartner: innen Äußerungen zu diesem Code gemacht haben Schwangerschaften verqueeren 33 Diese Äußerungen zeigen, wie abhängig die Erfahrungen von einzelnem medizinischen Personal sein können und welchen Einfluss einzelne Personen durch persönliche Einstellungen wie (keine) Offenheit oder (keine) Akzeptanz queerer/ trans* Lebensweisen auf das Wohlbefinden und Erleben anderer Personen haben können. Diskussion Die Ergebnisse zeigen, dass die Teilnehmer: innen viele unterschiedliche Erfahrungen machten und sowohl von positiven als auch von negativen Erfahrungen berichteten. Die von unseren Interviewpartner: innen berichteten negativen Erfahrungen im Kontakt mit medizinischem Personal sind inhaltlich fast deckungsgleich mit den Ergebnissen der bisherigen Studien: Irritierte Reaktionen zur Lebensweise, Misgendern, das Ignorieren/ Nicht-Ernstnehmen individueller Wünsche und Bedürfnisse, die Ablehnung medizinischer Dienstleistungen, eine verbesondernde (negative) Behandlung sowie aufdringliches und übergriffiges Verhalten wurden in unseren Interviews genannt und finden sich auch in der bisherigen Forschung wieder (Hoffkling et al., 2017; Nowakowski, 2019, zitiert nach Besse et al., 2020; Rewald, 2019). Durch die Überschneidung jener angeführten negativen Erfahrungen mit den bisherigen Studien kann daher gesagt werden, dass es sich um Erfahrungen handelt, welche spezifisch trans* und nicht-binäre Personen in Interaktion/ Kontakt mit medizinischem Personal betreffen. Auch manche bereits in anderen Veröffentlichungen berichtete als positiv empfundene Erfahrungen spielten in unseren Interviews eine Rolle, z. B. die Akzeptanz/ das Normalisieren der Geschlechtsidentität, die Bereitschaft, sich gegenüber queeren/ trans* Themen zu sensibilisieren sowie die Schaffung eines Vertrauensverhältnisses vonseiten des medizinischen Personals (Hoffkling et al., 2017; Rewald, 2019). Ebenso wie in bisherigen Studien (Hoffkling et al., 2017; Rewald, 2019; Salden et al., 2023) zeigen unsere Ergebnisse strukturelle Probleme auf, von denen die interviewten Personen betroffen waren. Neben generellen Problemen, wie Platz- und Personalmangel, waren die befragten Personen u. a. aber auch mit trans* spezifischen Hürden wie der Verweigerung der Kostenübernahme aufgrund cis-binär heteronormativ ausgelegter Regelungen, dem Mangel passender medizinischer Einrichtungen sowie Beratungs- und Betreuungsangeboten für trans* Personen konfrontiert. Dies führt zur Erkenntnis, dass das Gesundheitssystem und insbesondere die Geburtshilfe strukturell trans*Lebensweisen nicht bzw. unzureichend berücksichtigt. Die identifizierten positiven Erfahrungen auf struktureller Ebene lassen sich schwer mit schon vorhandener Literatur vergleichen, da diese so nicht in der Literatur angegeben bzw. als explizit positive Erfahrungen angeführt wurden. Gründe dafür könnten sein, dass Forschung auf die Erfahrungen im zwischenmenschlichen Kontakt mit anderen Personen bzw. medizinischem Personal fokussiert und generell mehr negative als positive Erkenntnisse zur Thematik hervorhebt, um aufzuzeigen, in welchen Bereichen noch Verbesserung stattfinden muss. Allerdings wird ebenso vermutet, dass jene identifizierten Codes deswegen nicht in anderen Studien als positive Erfahrungen explizit herausgearbeitet wurden, da manche der Erfahrungen, wie der Erhalt eines Termins/ Platzes, die Kostenübernahme durch die Krankenkasse oder auch ein angenehmer Betreuungsschlüssel, eigentlich zum Standard gehören sollten. Bezüglich der identifizierten Codes zu den Umgangsweisen und Handlungsstrategien lässt sich sagen, dass vor allem die Erwartung von Diskriminierung, z. B. misgendert zu werden, vor Kontakt mit medizinischem Personal hervorsticht. Jene Sorge vor Diskriminierung durch medizinisches Fachpersonal wurde auch bei Salden et al. (2023) und Rewald (2019) berichtet, was zur Schlussfolgerung führt, dass viele trans* und nicht-binäre Personen diese Sorge teilen. Vermutlich ist diese Angst vor Diskriminierung darauf zurückzuführen, dass die befragten Personen auch schon vor der be- 34 Isabella Rohrhofer, Ska Salden schriebenen Schwangerschaft bzw. Geburt negative Erfahrungen mit medizinischem Personal gemacht hatten. Nichtsdestotrotz ist es aber auch möglich, dass jenes Sich-Sorgen für manche eine schützende Umgangsweise darstellt, indem sich negative Erfahrungen im Vorhinein vorgestellt werden, um dann in der Situation auf das Schlimmste vorbereitet zu sein und entsprechend reagieren zu können. Schützende Handlungsweisen stellen jedenfalls das aktive Aufsuchen von queer-/ trans*freundlichem Personal, die Kontaktvermeidung/ -reduktion mit medizinischem Personal und die Anwendung schützender Narrative dar. Wie auch in der Studie von Rewald (2019) erkennbar wird, suchten die befragten Personen aktiv den Kontakt zu anderen trans* und nichtbinären (schwangeren) Personen, um Erfahrungen auszutauschen und trans*spezifische Informationen zum Thema Schwangerschaft zu erhalten, die die Gesundheitsversorgung nicht zur Verfügung stellt. Von daher kann davon ausgegangen werden, dass die Einbindung in entsprechende Communitys für manche der befragten Personen eine wichtige Ressource und Umgangsstrategie im Zuge der eigenen Schwangerschaft darstellt. Die Korrektur bei Misgender-Erfahrungen, beispielsweise die manuelle Korrektur in unpassenden Formularen, zeigt, wie sich die befragten Personen einer cis-hetero-normativen Struktur widersetzen. Limitationen der vorliegenden Arbeit zeigen sich in einem sehr spezifischen Sample, welches überwiegend eine Personengruppe mit hohem Bildungsstand und sicherem Aufenthaltsstatus sowie keiner körperlichen Erkrankung zeigt. Leider konnten viele weitere Aspekte, die die befragten Personen im Rahmen der Interviews äußerten, aus Platzgründen keinen Eingang in diesen Artikel finden. Dazu zählen rechtliche Schwierigkeiten mit der Anerkennung der eigenen Elternschaft (mehr hierzu bei Salden, 2024 a), Probleme mit Ämtern und Behörden, das Empfinden der eigenen Geschlechtsidentität mit der eigenen Schwangerschaft, die Rolle der queer-/ trans* Community, der Erziehungsstil der eigenen Kinder und die Rolle als Elternteil sowie Meinungen und zukünftige Wünsche und Verbesserungsbedarfe zur aktuellen Gesundheitslage von queeren, trans*, inter* und nicht-binären Personen. Durch die Ergebnisse wurde sichtbar, dass sich die geburtshilfliche Versorgunglage für trans* und nicht-binäre Personen in Deutschland verbessern muss. Ideen dazu umfassen die Sensibilisierung medizinischen Personals durch Fort- und Weiterbildungen, die Bereitstellung von mehr Informationen und Wissen zu trans* Schwangerschaften sowie die Formulierung von Informationsbroschüren zu Schwanger- und Elternschaft in offener und einladender Sprache, um zur Repräsentation und Sichtbarkeit von trans* und nicht-binären Schwanger- und Elternschaften beizutragen. Auf rechtlicher Ebene gilt es, rechtliche Reformen einzuleiten und in der Praxis umzusetzen, um die Elternschaften von trans* und nicht-binären Personen auch rechtlich voll und ganz anzuerkennen. 7 Letztendlich sollen diese und andere Handlungsempfehlungen dazu beitragen, reproduktive Rechte auch für trans* und nicht-binäre Personen zu gewährleisten, starre, cis-heteronormative Vorstellungen zu Geschlecht und Reproduktion zu überwinden und schließlich, wie Jaro es nennt, „Schwangerschaften zu verqueeren“ (Z. 576 - 577). Literatur Bundesverband Trans* (2022). Trans* Patient*innen willkommen: Informationen für den Praxisalltag - für Ärzt*innen und medizinisches Fachpersonal. https: / / www.bundes verband-trans.de/ wp-content/ uploads/ 2022/ 09/ BVT_ Aerzt_03_ONLINE.pdf. Darwin, Z. & Greenfield, M. (2019). Mothers and others: The invisibility of LGBTQ people in reproductive and infant psychology. Journal of reproductive and infant psychology, 37 (4), 341 - 343. https: / / doi.org/ 10.1080/ 02 646838.2019.1649919 Dionisius, S. (2020). Zwischen trans* Empowerment und Cisnormativität: leibliches Elternwerden in Grenzbereichen. In A. Peukert, J. Teschlade, C. Wimbauer, M. 7 Handlungsempfehlungen für die Politik finden sich in Salden & Netzwerk Queere Schwangerschaften (2022), Handlungsempfehlungen für Praktiker: innen im medizinischen Bereich beispielsweise in Bundesverband Trans* (2022), Hoffkling (2017), Hümpfner (2021), pro familia Bundesverband e.V. (2024) und Salden (2024 b). Schwangerschaften verqueeren 35 Motakef & E. Holzleithner (Eds.), Elternschaft und Familie jenseits von Heteronormativität und Zweigeschlechtlichkeit (S. 77 - 91). Verlag Barbara Budrich. Hahn, M., Sheran, N., Weber, S., Cohan, D. & Obedin- Maliver, J. (2019). Providing Patient-Centered Perinatal Care for Transgender Men and Gender-Diverse Individuals: A Collaborative Multidisciplinary Team Approach. Obstetrics and g ynecolog y, 134 (5), 959 - 963. https: / / doi.org/ 10.1097/ AOG.000000000 0003506 Hoffkling, A., Obedin-Maliver, J. & Sevelius, J. (2017). From erasure to opportunity: a qualitative study of the experiences of transgender men around pregnancy and recommendations for providers. BMC pregnancy and childbirth, 17 (Suppl 2), 7 - 20. https: / / doi.org/ 10.11 86/ s12884-017-1491-5 Hümpfner, K. (2021). Trans* mit Kind! : Tipps für Trans* und nicht-binäre Personen mit Kind(ern) oder Kinderwunsch: Bundesverband Trans*. https: / / www.bundesverbandtrans.de/ wp-content/ uploads/ 2021/ 12/ BroschuereDigi tal_LowRes_Trans-mit-Kind.pdf 4. 9. 2024 Kollodzieyski, T. (2023). Ableismus. In S. Pertsch (Hrsg.) Duden. Vielfalt - das andere Wörterbuch. Berlin: Dudenverlag. Mayring, P. (2022). Qualitative Inhaltsanalyse. Grundlagen und Techniken. 13. überarbeitete Auflage. Beltz Verlag. Maskos, R. (2023). Ableismus und Behindertenfeindlichkeit. Bundeszentrale für politische Bildung. https: / / www.bpb. de/ themen/ inklusion-teilhabe/ behinderungen/ 5393 19/ ableismus-und-behindertenfeindlichkeit/ Nowakowski, A. C. H. & Sumerau, J. E. (2017). Negotiating the Emotional Challenges of Conducting Deeply Personal Research in Health. Routledge. Obedin-Maliver, J. & Makadon, H. J. (2016). Transgender men and pregnancy. 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