Psychologie in Erziehung und Unterricht
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0342-183X
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/peu2025.art16d
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Editorial zum Themenschwerpunkt: Wirkungsforschung im Kinderschutz - Herausforderungen, Methoden und Implementierung
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Susanne Witte
Heinz Kindler
Christina Boll
Till Nikolka
Gewalt und Vernachlässigung haben eine Vielzahl von negativen und weitreichenden Auswirkungen unmittelbar auf die betroffenen Kinder und Jugendlichen (Carr, Duff & Craddock, 2020), aber auch im Hinblick auf die gesellschaftlichen Kosten (Habetha, Bleich, Weidenhammer & Fegert, 2012). Kinder und Jugendliche vor (wiederholter) Misshandlung, Missbrauch und Vernachlässigung zu schützen, ist eine wichtige gesellschaftliche und staatliche Aufgabe. Hierzu haben die meisten Länder gesetzliche und institutionelle Rahmenbedingungen geschaffen, um Gewalt und Vernachlässigung vorzubeugen und vor allem bei Gewalt und Vernachlässigung entsprechend einzugreifen, um diese zu beenden und zukünftig positive Entwicklungsbedingungen zu fördern (Berrick, Gilbert & Skivenes, 2023). Diese Bemühungen werden meist unter dem Begriff von Kinderschutz zusammengefasst, für den ganz oder teilweise staatliche Kinderschutzsysteme verantwortlich sind (Berrick et al., 2023, Kindler, 2013). In Deutschland besteht das Kinderschutzsystem aus einem Netz unterschiedlicher Institutionen, welches sich historisch entwickelt hat (Witte, Miehlbradt, van Santen & Kindler, 2019).
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Psychologie in Erziehung und Unterricht, 2025, 72, 245 -247 DOI 10.2378/ peu2025.art16d © Ernst Reinhardt Verlag Editorial zum Themenschwerpunkt: Wirkungsforschung im Kinderschutz - Herausforderungen, Methoden und Implementierung Susanne Witte, Heinz Kindler, Christina Boll & Till Nikolka Deutsches Jugendinstitut e.V. Editorial Gewalt und Vernachlässigung haben eine Vielzahl von negativen und weitreichenden Auswirkungen unmittelbar auf die betroffenen Kinder und Jugendlichen (Carr, Duff & Craddock, 2020), aber auch im Hinblick auf die gesellschaftlichen Kosten (Habetha, Bleich, Weidenhammer & Fegert, 2012). Kinder und Jugendliche vor (wiederholter) Misshandlung, Missbrauch und Vernachlässigung zu schützen, ist eine wichtige gesellschaftliche und staatliche Aufgabe. Hierzu haben die meisten Länder gesetzliche und institutionelle Rahmenbedingungen geschaffen, um Gewalt und Vernachlässigung vorzubeugen und vor allem bei Gewalt und Vernachlässigung entsprechend einzugreifen, um diese zu beenden und zukünftig positive Entwicklungsbedingungen zu fördern (Berrick, Gilbert & Skivenes, 2023). Diese Bemühungen werden meist unter dem Begriff von Kinderschutz zusammengefasst, für den ganz oder teilweise staatliche Kinderschutzsysteme verantwortlich sind (Berrick et al., 2023; Kindler, 2013). In Deutschland besteht das Kinderschutzsystem aus einem Netz unterschiedlicher Institutionen, welches sich historisch entwickelt hat (Witte, Miehlbradt, van Santen & Kindler, 2019). Während gesamtgesellschaftlich Einigkeit darüber besteht, dass Kinder und Jugendliche vor Gewalt geschützt werden müssen, weichen Einschätzungen bezüglich der konkreten Ausgestaltung des Kinderschutzhandelns (z. B. Eingriffsschwellen) und des Nutzens bestimmter präventiver Angebote sowie von Hilfe- und Schutzmaßnahmen zum Teil deutlich voneinander ab. In einem solchen Kontext kommt es gerade vor dem Hintergrund von Ressourcenknappheit zu Diskussionen über die Wirkung und Wirksamkeit der Maßnahmen zum Schutz von Kindern und Jugendlichen. Um hier Steuerungsentscheidungen auf Systemebene zu treffen, ist empirisch fundiertes Wissen über die Wirkung bestimmter Maßnahmen unerlässlich. Aber auch im Einzelfall ist fachliches Handeln auf empirische Befunde zu den Auswirkungen bestimmter Schutz- und Hilfsmaßnahmen angewiesen, um im Sinne der Kinder und Jugendlichen Entscheidungen zu treffen, die diese schützen und für ihre Entwicklung förderlich sind. Unzureichendes Wissen über die Auswirkungen von Schutz- und Hilfsmaßnahmen erhöht das Risiko für Fehler und kann in der Folge zu negativen Auswirkungen auf betroffene Kinder und Jugendliche führen (Kadera & Kindler, 2023). Auch ist im Kinderschutz ein Verständnis der positiven Veränderungen, die durch bestimmte Hilfe- und Schutzmaßnahmen erreicht werden können, wegen der Grundrechtsrelevanz besonders wichtig. Studien aus anderen Ländern bieten hierbei Anhaltspunkte, können aber wegen der unterschiedlichen gesellschaftlichen und gesetzlichen Rahmenbedingungen nicht ohne Einschränkungen auf den Kinderschutz in Deutschland angewandt werden. Gerade im deutschsprachigen Raum gibt es bisher jedoch nur wenig Wirkungsforschung im Bereich Kinderschutz, die politische Entscheidungen über die Angebotsstruktur und fachliche Entscheidungen im Einzelfall informieren kann. Dies liegt neben Vorbehalten gegenüber evidenzbasierten Angeboten (Ziegler, 2019) auch an konzeptionellen und methodischen Herausforderungen in der Kinderschutzforschung. 246 Editorial So entziehen sich beispielsweise viele Faktoren aus ethischen und rechtlichen Gründen einer experimentellen Kontrolle. Aber auch der Zugang zu besonders belasteten Familien ist für die Forschung schwer. Der Themenschwerpunkt „Wirkungsforschung im Kinderschutz“ setzt genau hier an und leistet einen Beitrag zur Zusammenschau und kritischen Diskussion bisheriger Überlegungen und Erkenntnisse zum methodischen Vorgehen in der Wirkungsforschung im Kinderschutz in Deutschland und den Herausforderungen bei der Implementierung von evidenzbasierten Angeboten. Der Begriff ‚Wirkungsforschung‘ wird dabei weiter gefasst und beinhaltet auch quasiexperimentelle Studiendesigns, rekonstruktive Ansätze (zugeschriebene Wirkungen aus der Sicht Betroffener) sowie retrospektive Analysen von Hilfe- und Lebensverläufen von Kindern und Jugendlichen. Das Themenheft umfasst fünf Beiträge, die sich mit der methodischen Weiterentwicklung der Kinderschutzforschung und der Implementierung der gewonnenen Erkenntnisse beschäftigen. Till Nikolka und Christina Boll leiten in ihrem Beitrag Anregungen für die Wirkungsforschung aus den Methoden der Familienökonomie ab. Sie schlagen erstens einen konzeptionellen Erfassungsrahmen gesamtgesellschaftlicher Kosten und Nutzen von präventiven bzw. interventiven Kinderschutzmaßnahmen in der Lebensverlaufsperspektive vor. Zweitens werden in dem Beitrag zwei in der Ökonomie weit verbreitete quasi-experimentelle Verfahren und ihre mögliche Anwendung in der Kinderschutzforschung vorgestellt. Der Herausforderung bei der Erhebung von längsschnittlichen Daten im Kinderschutz gehen Susanne Witte, Sabine Heene, Christoph Liel und Heinz Kindler in ihrem Beitrag nach. Internationale Forschungslinien und methodische Zugänge zu den Auswirkungen staatlichen Schutzhandelns werden aufgezeigt und Lösungsvorschläge für die Kinderschutzforschung in Deutschland diskutiert. Herausforderungen, wenn Veränderungen von Vorgehensweisen im Kinderschutz in ihrer Wirkung untersucht werden sollen, geht der Beitrag von Andreas Jud, Rahel Portmann, David Lätsch†, Julia Quehenberger und Peter Voll nach. Als Beispiel dienen 414 Fälle aus sechs Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe in der Schweiz, die Gefährdungsfälle abklären. Hier zeigte sich eine Verbesserung der Dokumentation von Vernachlässigung nach der Einführung eines standardisierten Instruments zur Gefährdungsabklärung, allerdings nicht im Hinblick auf die getroffenen Entscheidungen. Sabine Heene, Susanne Witte, Heinz Kindler und Thomas Meysen geben in ihrem Beitrag einen Überblick über die datenschutzrechtlichen Grundlagen in der Kinderschutzforschung und deren Beachtung in der Forschungspraxis. Der Fokus liegt hierbei auf Möglichkeiten der Abwägung von Datenschutz und Forschungseffizienz, um im Sinne der betroffenen Kinder und Jugendlichen zu forschen. Gibt es ausreichend Belege für die Wirksamkeit bestimmter Angebote im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe bzw. im Kinderschutz, so sollten diese empirisch gestützten Programme flächendeckend implementiert werden. Rabea Theobald, Sigrid James und Bianca Albers analysieren in ihrem Beitrag das Vorgehen und den Erfolg bei der Implementierung von neuen Angeboten und diskutieren hierbei kritisch besondere Implementierungsstrategien und -barrieren in Deutschland. Der Themenschwerpunkt in diesem Heft zeigt wichtige Aspekte zur methodischen Weiterentwicklung in der Kinderschutzforschung auf und geht hierbei insbesondere auf die Besonderheiten des deutschen Kinderschutzsystems ein. Gerade der interdisziplinäre Zugang aller Beiträge scheint für das komplexe Feld des Kinderschutzes vielversprechend. Die Beiträge sollen ein Anstoß für einen fachlichen Austausch über das „Wie“ der Kinderschutzforschung sein, der zur Verbesserung der Situation von Kindern und Jugendlichen beiträgt. Editorial 247 Literatur Berrick, J. D., Gilbert, N. & Skivenes, M. (Hrsg.) (2023). International handbook of child protection systems. Oxford: Oxford University Press. Carr, A., Duff, H. & Craddock, F. (2020). A systematic review of reviews of the outcome of noninstitutional child maltreatment. Trauma, Violence & Abuse, 21 (4), 828 - 843. https: / / doi.org/ 10.1177/ 1524838018801 334 Habetha, S., Bleich, S., Weidenhammer, J. & Fegert, J. M. (2012). A prevalence-based approach to societal costs occurring in consequence of child abuse and neglect. Child and Adolescent Psychiatry and Mental Health, 6 (1), 35. https: / / doi.org/ 10.1186/ 1753-2000-6-35 Kadera, S. & Kindler, H. (2023). Hilfen und Schutzkonzepte bei Misshandlung und Vernachlässigung. In J. M. Fegert, T. Meysen, H. Kindler, K. Chauviré-Geib, U. Hoffmann & E. Schumann (Hrsg.), Gute Kinderschutzverfahren. Tatsachenwissenschaftliche Grundlagen, rechtlicher Rahmen und Kooperation im familiengerichtlichen Verfahren (S. 467 - 480). Berlin: Springer. https: / / doi.org/ 10.1007/ 978-3-662-66900-6_32 Kindler, H. (2013). Qualitätsindikatoren für den Kinderschutz in Deutschland. Analyse der nationalen und internationalen Diskussion - Vorschläge für Qualitätsindikatoren (NZFH, Hrsg.). München/ Köln. Witte, S., Miehlbradt, L., van Santen, E. & Kindler, H. (2019). Preventing child endangerment - Child protection in Germany. In L. Merkel-Holguin, J. D. Fluke & R. D. Krugman (Eds.), National systems of child protection. Understanding the international variability and context for developing policy and practice (Child Maltreatment, Contemporary Issues in Research and Policy, vol. 8). Cham: Springer International Publishing. https: / / doi.org/ 10.1007/ 978-3-319-9334 8-1_6 Ziegler, H. (2019). Evidenzbasierte Praxis - Zum missglückten Versuch sozialpädagogische Praxis auf dem Fundament empirischer Wirkungsforschung anzuleiten. In M.-C. Begemann, C. Bleck & R. Liebig (Hrsg.), Wirkungsforschung in der Kinder- und Jugendhilfe (S. 68 - 99). Weinheim: Juventa Verlag ein Imprint der Julius Beltz.
